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Aotationrdrucknnd Verlag der Zuldaer Ak. ttendruckerei in Lulda Fernsprecher Nr. 9.

M 199.

Fulda, Donnerstag den 1. September 1910.

37. Jahrgang.

Nun spielte Stanislaus aber wirklich recht gut, und er war klug genug, einfache, aber zu Herzen gehende Melodien zu wählen, die er dann mit tiefem Gefühl und großem Geschick variierte. Er wählte mit Absicht sentimentale, schwermütige Volkslieder, die er in geschickter Weise ineinander zu verweben suchte. Auf große Künsteleien ließ er sich nicht ein, er batte richtig erkannt, daß Erika für solche Virtuosenstücke nicht ausgeschloffen war, und er bemerkte zu seiner geheimen Freude, daß Erika ihm aufmerksam zuhörte und von seinem Spiel ergriffen schien. Er ließ des­halb seine Geige in noch weicheren Molltrnen klingen wimmem, und setzte seine schwermütigste Miene auf und schien ganz in den klagenden Tönen seiner Geige aufzugehen.

Die Baronin war entzückt und Miß Bahley schwamm in Tränen. . Auch Erika konnte sich dem Einfluß die­ser weichen Töne nicht entziehen. Von klassischer Musik verstand sie zwar nicht viel, aber diese an die bekannten Volkslieder sich anlehnenden Weisen ver­stand sie, und ihnen offenbarte sich ihr Herz.

Die Melodien umwogten sie tote die weiche Luft einer Frühlingsnacht, in der die Sterne flimmerten und der Mond sein magisches Licht über die schlum­mernde, träumende Welt ergoß Sie vermochte den Blick nicht von dem Spieler zu wenden, der hingerissen von seinem eigenen Spiel dastand, scheinbar alles um sich vergessend und nut zuweilen aus seinen dunklen, träumerischen Augen einen Glutblick zu ihr hinüber­schickend, wenn seine Geige freudvoll aufjauchzte oder in leisen Klagen dahinzuschmelzen schien.

Mit ganz anderen Augen sah sie jetzt den „schönen Stanislaus" an. Sie empfand, daß in ihm doch etwas lebte und toirtte, was mit kindischem Spott nicht fort­zuweisen war, sondern Achtung verlangte, denn das, was in ihm lebte und wirkte, wirkte auch auf das Herz und die Seele der anderen Menschen ein und schuf Empfindungen, Gedanken und Stimmungen, welche wenigstens Erika bislang ftemd gewesen wa­ren, sie aber jetzt mit einem eigenartigen Zauber um­spannten.

(Fortsetzung folgt)

Gelegenheit, um diesen Unterzeichner der «blau- schwarzen* Finanzreform durch ein Ministerium ä la Bülow abzulösen, so wird man dafür jetzt wohl keine ©laubigen mehr finden. Das erhöhte Gefühl der Stetigkeit ist aber ein Vorteil für die Sammlungspolitik.

je* Welche Früchte find von den Kaiserreden zu erwarten?

Hohe Ideale und herrliche Grundsätze sind ver­kündet worden; aber hart im Raume stoßen sich die Sachen, und bis zur Verwirklichung der katser- iichen Gedanken im realpolitischen Betriebe wird roch viel Zeit verrinnen, viel Schweiß fließen müssen. Bei der Abschätzung der praktischen Folgen muß man sich nicht von seinen Wünschen letten lassen, sondern von der nüchtern, vorsichttgen Abschätzung der Verhältnisse. Vor allem ist tm Auge zu behal­ten, daß die im Volke selbst entsprmgendenKräfte den Ausschlag geben für tue künftige Entwicklung in Deutschland. Der Kaiser hat ja auch keineswegs, wie ihm die liberale und sozialdemokratische Presse unterschieben wollte, die Ansicht ausgedrückt, daß die Krone allein alles machen könne und werde, sondern er hat in Königsberg bereits lebhaft die all- gemeine Mitarbeit des Volkes gefordert, und in Marienburg hat er diese Aufforderung noch in recht praktischer Form wiederholt, indem er die Samm­lung empfahl, das H atid-in-H and-Arbeiten der verschiedenen Konfessionen, Stämmen, Stände, Berufsklaffen. Während er das feinige tut, sollen wir allzumal das unserige tun, indem wir nach besten Kräften unser nationales Glück schneiden helfen. Darum hängt die Fruchtbarkeit der kaiser­lichen Reden wesentlich davon ab, ob die gutgesinn­ten Elemente, die auf den Boden des Christentums und der politisch-sozialen Eintracht stehen, die nötige Rührigkeit und Ausdauer entwickeln, um in den Parlamenten sowie in den sonstigen Gebieten des öffentlichen Lebens das Uebergewicht über die ver­neinenden und zersetzenden Elemente zu behaupten. Insbesondere müssen diejenigen Parteien, die den Grundgedanken und den Zielen der kaiserlichen Reden sich verwandt sühlen„ die Wah larbeiten jetzt erst recht energisch und umsichtig in die Hand nehmen. Dazu treibt uns ja auch die Wahrnehmung, daß die Gegner, namentlich die gefährlichsten auf jer äußersten Linken, die kaiserlichen Reden zum Anlaß einer verschärften Agitation nehmen.

Der Kaiser hat, wie Herr v. Bethmann Holl- weg feststellte, in den aktuellen Streit der Par­teien sich nicht eingemischt. Seine Ausführungen haben aber doch eine gewisse Einwirkung auf den Ringkampf der Parteien. Namentlich werden sie das Selbstvertrauen und die Eintracht der konser­vativen Partei stärken. Die Konservativen im Lande waren vielfach beunruhigt worden durch die Vorspiegelung, daß die Krone liberale Neigun­gen habe. Das offene und kräftige Bekenntnis des Kaisers zu den alten christlich-konservativen Anschauungen wirkt, wie man jetzt schon wahr­nehmen kann, wahrhaft erfrischend und anfeuernd auf der Rechten.

Hebet die Wirkungen auf die national­liberale Partei läßt sich bei dem dort herrschen­den Nebelwetter noch nichts bestimmtes sagen. Man darf aber wohl annehmen, daß die Bafscrmann'sche Taktik und die ganzen Großblockbestrebungen sich gehemmt fühlen. Wenn der rechte Flügel mit seinen positiv und versöhnlich gerichteten Kräften auch jetzt noch nicht sich zu einer wirksamen Reaktion gegen die Haß. und Hetzpolitik aufzuschwingen vermag, so müßte man auf ihn überhaupt verzichten.

Für jeden Fall bleibt aber als Folge des Zwi­schenfalles die Stärkung des Herrn v. Beth- mann-Hollweg zu verzeichnen. Der Reichs­kanzler und Ministerpräsident hat in der Abwehr der liberalen und sozialdemokratischen Angriffe ebenso viel Energie als Geschicklichkeit bewiesen, und kein verständiger Beobachter kann darum zweifeln, daß er im vollsten Einklänge mit den kaiserlichen Absichten steht und das Vertrauen des Monarchen vollauf genießt. Wenn bisher von links her die Ansicht verbreitet wurde, der Kaiser rmd König be» trachte Herrn v. Bethmann nur als einen vorläufig notwendigen Lückenbüßer und sehne sich nach der

Deutsches Reich.

△ Die Reichstagsersatzwahl in Warburg-Höxter hat, wie schon gestern gemeldet, mit dem Siege des Zentrumskadidaten Professor Dr. Martin Spahn- Straßburg mit 11000 Stimmen gegen 600 sozial­demokratische Stimmen geendet. — Bei der letzten Reichstagswahl im Januar 1907 wurden bei 19 235 Wahlberechtigten 16916 Stimmen abgegeben, von denen auf den verstorbenen Zentrumsadg. Schmidt 14 878 Stimmen entfielen, während 1556 konservative und 437 sozialdemokratische Stimmen abgegeben wurden. Die Wahlbeteiligung war diesmal eine schwächere als 1907, was nicht auffallend ist. Diese Wahl ist jedenfalls eine der wenigen, auf die sich die Sozialdemokratie nicht viel zugute tun kann. Die sozialdemokratischen Stimmen wuchsen nur um 163, ein Beweis, daß die katholischen Gegenden auch heute noch, in der Zeit der maßlosesten Ver­hetzung, den stärksten Damm gegen die rote Flut bilden. Der Stimmenrückgang des Zentrums hat zweifellos mit der Hetze gegen die Reichsfinanz­reform und den „schwarz-blauen"' Block"", die den Liberalen so schwere Verluste und den Sozial­demokraten so starken Zuwachs gebracht hat, nichts zu tun. Man kann es schon daraus ersehen, daß die sozialdemokratischen Stimmen sich nur unerheb­lich vermehrt haben. Die Zentrums-Wähler, die diesmal nicht für den Zentrums-Kandidaten ge­stimmt haben, sind einfach zu Hause geblieben. In zentrumssicheren Wahlkreisen pflegt ja meist die Wahlbeteiligung bei Ersatzwahlen geringer zu fein als bei der Hauptwahl. Nach den ungewöhnlichen Anstrengungen int Jahre 1907 war das für War­burg-Höxter erst recht zu erwarten. Es kommt noch hinzu, daß in der Zentrumspartei des Wahlkreises Uneinigkeit wegen der Kandidatur vorhanden war. Ein Teil der Wähler wünschte durchaus einen Kandidaten auS dem Wahlkreise selbst; außerdem war mehreren auch die Person deS Professors Dr. Spahn an und für sich nicht genehm. Unter diesen Umständen mögen manche zu Hause geblieben fein, die sonst zur Wahlurne gekommen wären. Auch in den Kreisen von Zentrumsabgeordneten war be­kanntlich die Kandidatur Spahn auf Widerspruch gestoßen.

** Berlin, 81. Aug. 2910. Der Kaiser kon­ferierte gestern mit dem Reichskanzler in 1*/, stündiger Audienz. Heute ist Herr von Beth­mann Hollweg wieder nach Hohenfinow zurückge- kehrt.

Q Angebliches Handschreiben des Kaisers an den Papst. Das Organ der französischen Protestanten, ,8a vie nouvelle", bringt, wie das ,Berl. Tagebl." mitteilt, in feiner Nummer vom 27. August die Meldung, daß der deutsche Kaiser am Tage der Eröffnung des Berliner Kongresses für freies Christentum einen Feldjäger mit einem Hand­schreiben an den Papst nach Rom geschickt habe, in dem Kaiser Wilhelm versichert habe, daß weder er noch daS deutsche Volk die Angriffe des Kongresses gegen den Glauben an die Göttlichkeit Jesu billigten. Er habe ha­bet an einen Ausspruch seines Großvaters, Wil­helm I., erinnert, der bei Gelegenheit einer preußi­schen Generalsynode zu den hohen Geistlichkeiten gesagt habe, ohne diesen Glauben habe der Protestan­tismus keine feste Basis. Der Abgesandte des deutschen Kaisers sei zuerst vom Kardinal Merry del Val empfangen worden und bald daraus vom Papst selbst, der erklärt habe, die Aufmerksamkeit

deS Kaisers rühre ihn sehr, er werde möglichst bald an ihn schreiben. In den diplomatischen Kreisen glaubt man, daß der deutsche Kaiser die Antwort des Papstes bereits erhalten habe und daß die Polen den Kaiser bei der Einweihung des neuen kaiserlichen Schlosses in Posen gut empfangen würden. Allem Anschein nach habe der deutsche Kaiser den Brief an Pius X. geschrieben, um bei dem polnischen Element in der Provinz Posen einen guten Empfang zu finden. Auf jeden Fall würden die Konservativen und das Zentrum den Schritt des Kaisers durchaus billigen. Das ,Berl. Tagebl." fügt hinzu, daß die Erzählung der Stirn- mung zu entsprechen scheine, die sich in den letzten Reden des Kaisers widerspiegelt. — Zunächst glauben wir, daß der Papst selber weiß, daß sowohl der Kaiser als die Mehrheit des deutschen Volkes noch an die Göttlichkett Jesu glauben und es wäre des­halb ein Brief dieses Inhalts durchaus nicht nötig gewesen. Sodann verstehen wir auch nicht, wieso gerade die Redaktion des französischen Protestanten­blattes zuerst die Meldung von diesem Briefwechsel zwischen Kaiser und Papst erhalten haben soll.

* Der frühere Staatssekretär Dernburg ist in Tokio eingetruffen. Der Vertreter des Ministers des Aeußeren Komura und der Verkehrsminister Goto waren ihm entgegengereift. Auf dem Bahn­hof in Tokio fand offizieller Empfang statt. An­wesend waren die Mitglieder der deutschen Bot­schaft und Vertreter der deutschen Kolonie.

sj Ungünstige Vorzeichen für die Reichstags- Wahlen. Am letzten Montag haben auf zahl­reichen Zechen des rheinisch-westfälischen Industrie- bezirkes die allgemeinen Wahlen der Sicherheits­männer und Ausschuß - Mitglieder statlgefunden. Bis zum Abend waren gewählt: 433 Kandidaten des alten (sozialdemokratischen) Bergarbeiter-Ver­bandes, 142 des christl. Gewerkoereins, 18 Polen, 6 Kandidaten der Zechenparteien und 3 Kandt- baten der Hnsch-Dnncker'schen Gewerkvereine. — Nach einer weiteren Meldung ist die Zahl der sozialdemokratischen Kandidaten auf über 700 angewachsen, während die übrigen nicht erheblich vorangekommen sind.

---- Als Gegenstück zum Fall Bock stellt die ,Germ." fest, daß der Sohn eines bekannten freisinnigen Abgeordneten und Schul- rektorS, der als Lehrer sittlicher Verfehlungen gegen Schülerinnen beschuldigt war, erst in e n Sanatorium gesteckt, bann als Bankbeamter und schließlich wieder als Lehrer an einer Berliner Fortbildungsschule Anstellung gefunden hat. — fieber diesen Fall schwieg und schweigt sich die liberale Presse standhaft ans. Dagegen begeht daS ,Berl. Tagebl." die Niederträchtigkeit, im Zu­sammenhänge mit dem Falle Bock' zu melden: „An die plötzliche Versetzung zweier Kapläne der katholischen Kirche in der Aorkstraße knüpfen sich allerlei Gerüchte." Es ist an der betreffen­den Kirche vor drei Jahren die Versetzung zweier Kapläne erfolgt, die Versetzung hatte aber mit Dingen, wie sie im Falle Bock zur Unter- suchung stehen, nicht das allermindeste zu tun. Ueberbieten läßt sich solche Niederträchtigkeit einer liberalen Presse kaum noch.

** Die national unzuverlässigen Nationalliberalen. In einer Polemik zwischen der ,Nationall. Korr." und der ,Rhein.-Westf. Ztg." weist diese an mehreren Beispielen nach, daß die nationalliberale Partei sich als national unzuverlässig erwiesen habe; sie bemerkt dann u. a.:

„Wir denken, die drei Bilder genügen; wir können aber, wenn bestellt, noch zwanzig andere dazu malen... Die nationale Politik der nationalliberalen Partei ist feit Bismarcks Sturz unentschieden, zu stark ab­hängig von der Regierung und daher öfters national

schlaff gewesen. Gerade hier sind Bassermann und dessen Freunde, von der Linken angekränkelt, unzuver- lälftg."

Was werden die Erbpächter des .Nationalis­mus" zu dieser Offenherzigkeit sagen?

[] Hell dem Hausabuud! Mehr oder weniger hansabundesosfiziell wird berichtet: „Ein interessan­tes Schauspiel bot sich heute früh den Tiergarten­besuchern dar. Jnmfiten einer großen Kavalkade sah man den Kaiser, der von einer Menschenmenge umgeben, längere Zeit in angeregter Unterhaltung mit Herrn Geheimrat Rießer, dem Hansabund» Präsidenten, sprach. Ueber den Gegenstand der fimerhaltung war Näheres im Bureau des Hansa« bundes nicht zu erfahren." Anscheinend hält man es nicht für angebracht, und wohl auch nicht für nützlich, mitzntellen, was der Kaiser mit dem Herrn Rießer gesprochen hat, und sucht daher durch ge­heimnisvolles Getue den Eindruck zu erwecken, als habe der Kaiser den Hansabund hochpolitischer Er­örterungen gewürdigt.

** Im Ausliesermigsverkehr zwischen Deutsch­land und Dänemark erfolgt die Auslieferung künstig auch wegen Teilnahme an denjenigen Straf­taten, wegen deren die Auslieferung auf Grund der Gegenseitigkeit stattfindet, sofern eine solche Teil­nahme nach der Gesetzgebung beider Länder mit Strafe bedroht ist, und zwar als Anstiftung, Bei­hilfe ober Begünstigung im Sinne des deutschen und als Teilnahme tm Sinne des dänischen Straf­gesetzbuchs. Zwischen dem Deutschen Reiche und der Schweiz erfolgt auf Grund der Gegenseitigkeit die Ansl'efermig fortan auch wegen vorsätzlicher und rechtswidriger Zerstörung und Beschädigung von Feldfrüchten, Pflanzen aller Art sowie von Bäumen, sofern der angerichtete Schaden den Betrag von 40 Mark übersteigt. Die Schweiz hat sich ferner unter der Voraussetzung, daß Gegenseitigkeit geübt wird, bereit erklärt, die Auslieferung wegen Sach­beschädigung ganz allgemein zu bewilligen, sofern der verursachte Schaden wenigstens 50 Fres. beträgt

* Jubiläum der Unfall- und Invalidenversicherung. Die Gedenkfeier, welche die gewerblichen und land­wirtschaftlichen Berussgenoffenschaften zusammen mit den Landesverficherungsanstalten vorbereiten, beginnt mit einer Feier im Reichsoersicherungsamte. Am 30. September findet nämlich in den Räumen des Reichs­versicherungsamtes die Enthüllung des Bödiker-Denk- mals statt. Präsident Dr. Kaufmann, als Vorsitzender des Denkmalausschuffes, wird im Plenarsaale des Am. tes eine Erinnerungscede auf Bödikcr Haltern Dann erfolgt die Enthüllung des Denkmals. Außerdem wird bei dieser Gelegenheit das für den Plenarsaal bestimmte Bild des ersten Präsidenten und die für die Feier geschaffene Erinnerungsmedaille überreicht wer­den. Am Abend des 30. September ist im Reichstage Empfangsabend, zu dem voraussichtlich auch Damen (Eintritt finden werden. Der eigentliche Festakt wird am 1. Oktober, vormittags 10 Uhr, ebenfalls im Reichstage begangen werden. Dabei wird je ein Ver­treter der Gruppe der gewerblichen und landwirtschaft­lichen Berufsgenossenschaften sowie der Landesverstche- mngsanstalten über die Tätigkeit dieser Organisatio­nen in dem ab gelaufenen Vierteljahrhundert Bericht erstatten. Dann wird sich ein Vertreter des Reich z- versicherungsamtes in einem zusammenfassenden Schlußworte über die Bedeutung und die Leistungen der Arbeiterversicherung aussprechen. Bei dieser Ge­legenheit wird eine Reihe von Publikationen und Fest­schriften überreicht werden; so insbesondere eine von dem Verbände dec Berufsgenoffenschaften veranlaßte umfassende Darstellung der Leistungen auf dem Ge­biete der Unfallverhütung, ferner eine Festschrift über die bisherige Tätigkeit des Reichsverfichemngsamtes, die von Mitgliedem des Amtes verfaßt wird. Am Abend des 1. Oktober wird ein Festbankett im Zoolo­gischen Gatten stattfinden.

X Krieg unter den „Afrikanern". Der Höchstkommandierende unserer politischen Kolonial-

Um Ehre und Recht.

1 71 Roman von O. Gl st er.

Er hatte bis jetzt ziemliches Glück bei den Frauen gehabt. Freilich war das ein anderes Genre, als Erika, gewesen, aber schließlich blieben sich alle Frauen gleich, und er hatte schon gemerkt, daß seine anschei­nend tiefe Schwermut, fein müdes, trauriges Wesen, feine leise, schüchterne Sprache und sein sentimentaler Augenausschlag auf die Baronin und Miß Bahley wenigstens größeren Eindruck gemacht hatte.

Weshalb sollte er mit solchen Mitteln nicht auch das unerfahrene Herz Erikas erobern können?

Wenn sie nur nicht so spöttisch lächeln wollte!

Und dem Baron in seiner derben jovialen Weise war auch nicht recht zu trauen

Ganz schrecklich aber war der alte Inspektor Grupe und seine ff eine, kümmerliche Frau, die^srüher „Mam­sell" gewesen war. Dagegen stand Fräulein Tina Grupe ganz auf seiner Seite — das hatte Stanislaus sofort bemerkt.

Nun kam es darauf an, allen Liefen verschiedenen Charakteren gegenüber — auf Fritz Born kam es nicht an — sein Benehmen klug und sachgemäß einzurich­ten. Bei den Frauen war das leicht. Schwieriger &-C! ’3en Männern. Stanislaus merkte, daß er r x Barons nur erwerben konnte, wenn er

fui) nutzt nur den Anschein gab, als interessiere er sich brennend für die Landwirtschaft, sondern wenn er auch «n getoi]|e§ „xorsches" Wesen zur Schau trug, und das nachmittag bei dem Ausritt auf des BNjvettors altem Braunen zum ersten Male versuchen.

Er hatte sich genug auf den Rennbahnen Berlins gerumgetneben, um einige Pserdekenntnis erworben zu . i Ausdrücke der Reitkunst, der Pferde- 3!TAUn nut Pferden zusammenhing, hatte

er nct> auf den Rennbahnen angeeignet, und so zeigte m Aem. Ausritt am Nachmittag einen „Pfer'oe- Verstand , der den Baron in Erstaunen setzte.

«Woher wissen Sie das alles?" fragte er.

„Ich wollte bei der Kavallerie bienen", entgegnete Stanislaus bescheiden und doch mit einem gewissen Selbstbewußtsein. „Auch vergessen Herr Baron, daß ich einige Jahre im Kadettenkorps gewesen bin, wo wir Neitunterricht hatten,"

„Weshalb haben Sie das nicht gleich gesagt? Dann hätten Sie den alten Braunen nicht zu reiten brauchen."

Nur der Inspektor Grupe ließ sich nicht täuschen.

„Das ist alles Firlefanz, Herr Baron," sagte er nachher zu diesem. „Der junge Herr spricht wie ein Jockei auf der Rennbahn, aber nicht wie ein wirklicher Pferdeverständiger."

«Na, na, Grupe — nur nicht gleich brummen. Wir sind auch einmal jung gewesen und haben unser Lehrgeld bezahlen müssen."

„Aber nicht auf. der Rennbahn, Herr Baron." Dieser lachte.

„Sie allerdings nicht, alter Freund. Aber ich habe auf dem grünen Rasen doch viel gelernt."

«Na, meinetwegen, Herr Baron. Aber meinen Braunen bekommt der junge Herr nicht wieder, er hat ja mit dem armen Tier Tchindludrr gespielt, und zu Reiterkunststticken ist der alte Braune wirklich zu alt."

„Da hoben Sie recht. Wir wollen den jungen Mann morgen mal auf Borns Rappen setzen."

„Der hat seine Mucken, Herr Daron."

„Schadet nichts. Dann kann der junge Mann zei­gen, ob er wirklich reiten kann."

Vor dem Abendessen sagte der Baron zu seiner Gattin: „Dein Günstling scheint sich ganz gut anzu- laffcn. Von der Landwirtschaft versteht er ja noch nichts, aber er hat scheinbar große Lust und zeigt viel Interesse. Und dann scheint er auch ein recht guter Reiter zu sein."

„Es freut mich sehr, daß du mit ihm zufrieden bist," entgegnete die Baronin. „Ich muß gestehen, daß ich ein lebhaftes Interesse für den jungen Mann hege, der sich unglücklich zu fühlen scheint. Denn die Schwermut ist mit seiner Jugend doch nicht recht ver­einbar."

„Eine Tättgkeit wird seine Melancholie schon ver- tretben. Heute nachmittag habe ich wenigstens Lichts davon bemerkt. Er war ganz aufgeräumt."

„Wie mich das freut! Ich glaube auch, daß er hier bei uns sein Unglück vergessen wird."

„Wir wollen es hoffen. Was an mir liegt, soll ge­schehen, um ihn zu einem tüchtigen Menschen zu er- ziehen."

„Tas wirst du sicherlich, denn der Kem ist gut." „Das glaube ich auch. Doch wir werden ja sehen." So hatte sich Stanislaus auch bereits in die Gunst des Barons eingenistet, indem er schlau dessen Eigen­art ettpäht und benutzt hatte.

Jetzt galt es nur noch, das Interesse Erikas zu er­regen. Dm heutigen Abend wollte Stanislaus dazu benutzm, die Eigenart der jungen Dame näher zu stu­dieren.

Erika war heute abend schlechter Laune. Sie hatte sich mit Fritz Born gezankt, denn dieser hatte be­hauptet, sein Rappe sei' schneller als ihr Pony, und er wolle sie in fünf Minuten einholen. Und als sie bann auf einer Wiese ein kleines Wettrennen veranstal­tet hatte, hatte Fritz sie sogar in drei Minuten ein­gehakt und sie noch obendrein verspottet. Das konnte sie ihm nicht üergeffen;fie ließ ihn ziemlich hack an und zeigte sich ihm als die Tochter des Barons Hambach- Waldstetten. Da hatte er sie ganz seltsam angesehen, seinen Hut mit djererbietiger Verneigung gezogen und war schweigend fortgeritten.

Sie ärgerte sich übet ihre Dummheit und über den Trotz von Fritz Born. So saß sie schweigend beim Abendessen, und als sie später von ihrer Mutter auf­gefordert wurde, zu spielen, behauptete sie, Kopfschmer­zen zu haben und nicht spielen zu können.

„Nun, dann wird uns Herr von Prokowsky auf feiner Geige etwas Vorspielen," sagte die Baronin. „Nicht wahr, Herr von Prokowskh?"

„Sehr gern, gnädigste Baronin," beeilte sich Sta­nislaus zu erroibem. , Ich muß aber um Entschul­digung bitten, wenn ich Ihre Erwartungen nicht er­fülle."