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Zeitung

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Fulda, Mittwoch den 31. August 1910

37. Jahrgang

Erstes Blatt

a» 198.

erwehrt täglich mir Zlurnahme der Sonn« vndZeiertagt. viertel­jährlicher vezugrprek ohne vringerlohn und vefteLgeldinzuldaso- wie auswärts 1-50 Ult

Monatrbellage: „Mdaer Gefchichtsblättef'

Anzeigen: Vie ei». IpawgePelltzeUeoder der«» «an» iS pfg. vrNanlendiepetitzeil« - pfg., bei wieder»

Holungen wird entspr^ «abalt gewährt.

votatisurdrnckund veüag der Lnkdaer rw. üendruSere! in Lnlda Sernfprecher «r.».

verantw. Redakteur

wwochmbellagi! „Illustrierte Sonntagrzeitung"

Eine kaiserliche Mahnung zum inneren Frieden.

Das Redetalent des Kaisers hat einen großen Erfolg zu verzeichnen: ein Teil derjenigen, die gegen die Königsberger Rede mit schar.er Kritik und Verwahrung zu Felde zogen, ,st nach der Marien bürg er Rede (Vergl. Nr. 197) bekehrt und be ruhigt, — obschon der Kaiser in der zweiten Rede nichts anderes gesagt hat, als in der ersten.

Die Umstimmung gewifler liberaler Blatter soll herbeigesührt sein durch den Marienburger Zusatz zu der Königsberger Berufung auf das Gottes- gnadentum. Der Kaiser sagte m der Marienburg:

„So rote mein seliger Großvater undwietchuns unter der höchsten Obhut und dem höchsten Auftrage unseres Herrn und Gottes arbeitend dargestellt haben, so nehme ich das von jedem ehrlichen Christen an, wer es auch fei."

Tas ist sehr schön gesagt; etwas neues und überraschendes kann aber nur derjenige darin finden, der die erste Aeußerung in Königsberg mißver­standen hatte. Wenn der Fürst seine Macht auf das göttliche Recht zurücksührt, so braucht man darin durchaus keine Mißachtung der Würde und der Rechte der Untertanen zu finden, da es sich nach der christlichen Auffafiung von selbst versteht, daß jeder Mensch nach dem Ebenbilde Gottes ge­schaffen ist und jeder ehrliche Christ ein »Jnsttu- ment* der göttlichen Gnade darstellt, zur Aus­führung des höchsten Willens mitberufen. Ebenso bringt der Marienburger Hinweis auf die Pflichten, die mit der göttlichen Gnadenvollmacht verbunden sind, keinen neuen Ton in die Königs­berger Rede. Ob der Kaiser die ergänzenden Worte von Marienburg in der Absicht gewählt hat, die Mißverständnisse und Falschdeutungen der ersten Rede möglichst einzuschränken, wissen wir nicht. Jedenfalls hat er nicht sich selbst korrigiert, sondern höchstens die tendenziösen Ausleger.

Man bezeichnet die Ausführungen von der Marienburg mit Recht als eine „Fried ensrede*. Aber waren denn die Ausführungen von Königs­berg etwa eine Kampfrede? Die freundliche Ein­ladung des Kaisers zu allseitiger, allgemeiner »M i t- arbeit wird einfach in der zweiten Rede wieder­holt mit der besonderen Nutzanwendung, daß das Krei-z unS zu brüderlicher Liebe und zu gemeinsamem Wirken verpflichte. Das wird so warm betont, daß man wohl die Marienburger Rede als ein Pro­gramm der „Sammlungspolitik" bezeichnen darf.

Wenn nun aber in liberalen Blättern diese „Sammlungsrede* so laut begrüßt wird, so muß man verwundert fragen: Wo bleibt denn das Programm Eures Bassermann,der im geraden Gegensatz zu der kaiserlichen Aufforderung das Zu- fammenarbeiten mit den Heydebrand'schen Konser­vativen und dem Zentrum unbedingt ablehnte i Wo bleibt der immer noch spukende Blockgedanke, der auf Ausschaltung einer großen Position Parte: und einer großen Konfession hinzielt? Wo bleibt Euer „Evangelischer Bund*, dessen Lebens­aufgabe die Verhetzung der christlichen Bekenntnisse ist? Wo bleibt Euer »Hakatismus*, der einen anderssprechenden Stamm vernichten will? Wo bleibt der Hansabund, der erklärtermaßen nicht gegen die Umsturzpartei, wohl aber gegen die Ver­treter der Landwirtschaft kämpfen will?

Wenn trotz alledem zahlreiche liberale Blätter der Marienburger Rede Beifall zollen, so sehen wir darin keine Gewähr für grundsätzliche Uebereinstim- mung, finden vielmehr einen taktischen Zug, der aus dem Bewußtsein entspringt, daß eS doch nicht gut ist, die Beziehungen „nach oben* abzubrechen. So erklärt es sich auch» daß die versöhnlichen Töne gerade in der nationalliberalen Presse ange­schlagen werden, während die fortschrittliche Presse zumeist aus dem grundsätzlichen Widerspruch beharrt.

Um Ehre und Recht.

(5] Roman von O. Elster.

»Ich werde Sie jetzt auf Ihr Zimmer führen und Sie dem Herm Inspektor Grupe vorstellen, der Ihr Lehrmeister in allem Landwirtschaftlichen sein wird,* -sagte der Baron und erhob sich. „Frühstück und Ves­per bekommen Sie auf Ihr Zimmer, mittags und abends essen Sie bei uns, es wird mittags um 12% Uhr und abends um 7% Uhr gegessen, eine Viertel- stunde vorher läutet der Gong, damit Sie sich umziehen können. Sind Sie bereit?*

h „Ich stehe zu Diensten, Herr Baron.*

Die beiden Herren entfernten sich, und die Baronin wandte sich an die Engländerin mit der Frage:

„Wie gefällt Ihnen der junge Mann, Miß Bay- leh?*

Die Miß errötete ein wenig.

„Ich finde ihn sehr hübsch und interessant,* ent­gegnete sie mit einem schwärmerischen Augenaufschlag.

„Nun, auf fein Aeußeres kommt es weniger an. Aber ich meine auch, daß er ein angenehmer, beschei­dener Gesellschafter ist mit sehr guten Manieren.*

„Ein Affe ist er, Mama,* platzte Erika heraus.

Die Baronin war empört und Miß Bahleh ent­lüftet. Es setzte eine ordentliche Strafpredigt aber Erika warf das Köpfchen in den Nacken, rief Bella und ging mit ihrem vierbeinigen Freunde in den Gar­ten, trotzig murmelnd: „Und er ist doch ein Affe.*

IV.

£ t“Lbcrn Morgen um 7 Uhr stand der Baron auf dem Wirtfchaftshof, um den neuesten Volontär zu erwarten und ihn im Hof und in den Stallungen um- herzufuhren.

®ie Arbeiter und die Gespanne waren schon längst auf das Feld und die Wiesen unter Aussicht Boms ge= IT' bJr ?"spekt°r Grupe nach dem eine po'de Stunde entfernten Vorwerk geritten war, um achten zu sehen. So wollte der Baron selbst Stanislaus in der Wirtschaft einführen, zuerst

So zieht z.' B. die ,Vosstsche Zeitung" gegen die Marienburger Rede in derselben spöttischen Tonart zu Felde, wie gegen die Königsberger. Und von ihrem Standpunkt auS handelt sie folgerichtig. Denn in Marienburg wurde gerade dasjenige Moment, was dem »aufgeklärten* Liberalismus am meisten zum Anstoß gereicht, besonders kräftig her­vorgehoben: daS religiöse.

„Deutschland und Christentum sind untrennbar von einander*, dieses Wort des Kaisers ist unS ein Wohlgefallen und der ganzen Linken ein Aergernis. Es soll uns zugleich ein An­sporn sein, daß wir bei den Wahlen unsere ganze Kraft einsetzen, um der christlich gesinnten Bevöl­kerung eine genügend starke Vertretung im Parla­ment zu verschaffen. Auch wenn der Widerspruch gegen daS christliche Programm des Kaisers jetzt äußerlich abfiauen sollte, so wollen wir uns dadurch nicht in falsche Sicherheit wiegen lassen.

Deutscher Reich

** Berlin, 30. Aug. 1910. Die indische Regie- rung erbot sich, die Kosten der Reise des deut­schen Kronprinzen durch Indien zu tragen. Ein ausführliches Programm über den Aufenthalt des Kronprinzen soll in 14 Tagen ausgegeben wer­den. In dem Programm sind auch Jagdausflüge und militärische Manöver vorgesehen. Der Kron­prinz wird Anfang Dezember in Indien eintreffen und sich dort zwei Monate aufhalten.

** Der Kaiser und die Kaiserin von Rußland sind mit ihren Kindern am Dienstag nachmittag um 3llt Uhr in Friedberg eingetroffen. Sie wurden am Bahnhof vom Großherzog und der Großherzogin empfangen und fuhren nach herzlicher Begrüßung in Automobilen zum Schloß. Die Stadt hat reichen Schmuck angelegt, die Bevölkerung bereitete den Majestäten einen herzlichen Empfang. — Auf allen größeren Stationen, die der Hofzug passierte, waren umfassende Absperrungsmaßregeln getroffen. In Bad Nauheim wurde ein Russe namens Mandel­berg, der verdächtig ist, Anarchist zu fein, verhaftet. Da er sich nicht ausweisen konnte, wurde er der politischen Polizei überwiesen.

Veränderungen in den höheren Kolonial- Stellen. Wie die ,Nordd. Allgem. Zig/ meldet, ist an die Stelle des Gouverneurs v. Schuck­mann, dem der erbetene Abschied erteilt worden ist, der Gouverneur von Kamerun, Dr. Seitz, zum Gouverneur des Schutzgebietes Deutsch-Süd- wesiafrika ernannt worden. Zum Gouverneur von Kamerun ist der bisherige Vortragende Rat im Reichs - Kolonialamte, Ober - Regierungsrat Dr. Gleim, ernannt worden.

0 Tie Christlichsozialen und der Zug nach rechts. In Schwelm fand am Sonntag eine zahlreich be­suchte Konferenz der christlich-sozialen Partei statt, die sich grundfätzlich für die Ausstellung eigener Kandidaten in den 12 Wahlkreisen des Bezirks aussprach und den Hauptvorstand der Partei be­auftragte, die hierzu erforderlichen Schritte zu tun. Wegen eines Zusammengehens mit den Rechtslibe­ralen soll von Fall zu Fall entschieden werden. Der Hauptredner erklärte, es werde dahin kommen, daß wir nur noch ein »Rechts* und ein »Links* hätten. Die Stellung der Christlichsozialen fei, das müsse mit aller Deutlichkeit gesagt werden, rechts.

* Tie neue preußische Wahlrechtsvorlage soll nach den neuesten Mitteilungen bis nach den Reichstags- wählen verschoben werden. Dieser Entschluß ist, wie der »Königsb. Hart. Ztg.* mitgeteilt wird, erst in den letzten Tagen gefaßt worden. Er sei das Ergebnis der Posener Zusammenkunft des Reichskanzlers v. Bethmann Hollweg mit dem Kaiser. Die Ergebnisse der letzten Reichstagswahlen seien für die Verschiebung ausschließlich maßgebend ge­wesen und nicht Gründe der inneren preußischen

ihn mit den Einrichtungen des Hofes bekannt machen und dann mit ihm auf die Felder und Wiesen gehen.

Aber er mußte noch eine zeitlang auf den jungen Herm warten. Endlich erschien dieser und der Baron konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.

Stanislaus trug einen eleganten hellgrauen Jackett- anzug, einen feinen weißen Strohhut mit rot und blauem Bande, und hellgelbe feine Schnürschuhe, Über denen der blau- und rotgeringelte, freie Strumpf sicht­bar wurde.. In der Hand hielt er rotbraune wild­lederne Handschuhe.

»Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich etwas verspätet habe, Herr Baron,* säuselte er.

„Das macht nichts. Sie werden sich an das Fmh- aufftehen aber gewöhnen müssen, Herr von Pokrowski. Bei den Soldaten wie beim Landwirt heißt cs: Mor­genstunde hat Gold im Munde. — Aber wollen Sie in diesem Anzüge mit in die Viehställe gehen?*

Stanislaus sah erstaunt an seinem eleganten An- zug nieder. „Finden Sie etwas nicht in Ordnung?* „„Ich meinte nur, es sei schade um Ihre schönen hellgelben Stiefel. Man kann die Stallungen nicht immer so sauber halten wie einen Salon. Haben Sie keine hohen Stiefel?*

„Nein — aber Gamaschen."

„So ziehen Sie diese wenigstens an*

Der neue Volontär verschwand und kam nach einiger Zeit wieder in eleganten ledernen Sport- gamaschen.

„Ist eS so recht, Herr Baron?*

„Run, eS wird gegen. Kommen Sie nur — wir haben so wie so schon Zeit genug vertrödelt.*

Zuerst wurde der Pferdestall besichtigt, was rasch geschehen, da hier nur die vier Kutsch- und zwei Reit­pferde des BaronS in einer besonderen Abteilung stan­den, während alle anderen Pferde draußen bei der Arbeit warm. Dann kam der Kuh- und Maswiehstall, in dem gerade „großes Reinemachen* stattfand; der Schweinestall, der Schafstall, die verschicdmen Scheu- nen und Kornböden wurden ebenfalls besehen, und schließlich landete man auf dem Geflügelhof, wo ebm Erika und die „Mamsell* beschäftigt warm, die Hüh­ner, Tauben, Putm und Enten zu füttern.

Politik. Die Grundzüge der künftigen Vorlage seien bereits in einer Sitzung des Staatsministeriums anfangs Juli festgelegt worden.

= Bei der Ersatzwahl zum bremischen Parlament wurde der wegen feinet sozialdemokratischen Gesinnung gemaßregelte Lehrer Wilhelm Holzmayer mit 402 gegen 141 Stimmen in die Bürgerschaft ge­wählt.

AuS dem roten Lager. Die sozialdemokra­tische Wahlkreisversammlung kiWürzburg lehnte gegen 7 Stimmen eine Resolution des Parteisekre­tärs Kern ab, die die Budgetbewilligung scharf ver­urteilt, und nahm mit allen gegen jene 7 Stimmen eine gegenteilige Resolution des revifionistischen Buchhändlers Freudenberger an, die sich auf den Boden der Erklärung stellt, die die 66 süddeutschen Abgeordneten im Vorjahre auf dem Nürnberger Parteitage abgaben. — Nach Berliner Bläitermel- bungen sollen Verhandlungen zwischen der sozial­demokratischen Parteileitung und sührendm süd­deutschen Sozialdemokraten im Gange sein, die den Zweck verfolgen, eine Verständigung zu er­zielen, durch die der Streit noch vor dem Be­ginne des Parteitages geschlichtet wird. Der Ge­danke einer solchen Einigung liegt allerdings nahe; wir vermögen aber, da die Sozialdemokratie sich stets auf die Oeffentlichkeit ihrer Verhandlungen so viel zugute tut, trotzdem nicht an die Richtigkeit dieser Meldung zu glauben.

+ Der Wirtschaftliche Ausschuß ist, wie der »Tag* hört, zu einer Beratung über die deutsch- schwedischen Handelsbeziehungen zum 13. Oktober zu einer Sitzung einberufen, die um 10 Uhr vormittags im Reichsamt des Innern statt- findet.

-i- Den Mißbrauch soldatischer Arbeitskräfte für Private untersagt eine soeben erlassene Verordnung des preußischen Kriegsministers. Es wird den Unter- offizieren und Mannschaften der Armee verboten, Zivilpersonen oder den Handwerksmeistern der Truppe und der militärischen Anstalten zur Aus- Übung ihres Gewerbebetriebes Beihilfe zu leisten. Die Mannschaften haben von jeder an sie.ergehen­den derartigen Aufforderung ihrem Vorgesetzten Meldung zu machen. Diese Verordnung ist in erster Linie zur Unterdrückung unlauteren Wettbewerbes zwischen freien Handwerksmeistern und Militär- perfonen bestimmt.

Ausland.

* Die mitteleuropäischen Wirsschastsvereme beab­sichtigen im Lause der ersten Hälfte Oktober eine Konferenz nach Budapest zur Beratung der Frage der gegenseitigen Ueberweisung des Arbeiterüber­schusses in den mitteleuropäischen Ländern einzu­berufen. Für Deutschland liegen bereits von einer Anzahl größerer industrieller und landwirt­schaftlicher Vereinigungen Anmeldungen für die Teil­nahme an der Veranstaltung vor.

* Die Minister deS Aenßeren voa Oesterreich- Ungarn und Italien, Gras Aehrenthal und Marquis di San Giuliano, hatten in Salzburg eine längere Besprechung.

* Die kirchenfeindliche Wirtschaft in Frank­reich, die das Volk jedes Respektes vor der Autorität beraubt, führt zu geradezu schauerlichen Verwüstun­gen der Volksseele. So hat sich jetzt in der Gegend von Cannes ein wahres Räubertum gebildet. Am Montag abend lag der Hausbesitzer Henry Delphine vor seiner Haustür auf einer Bank aus- gestreckt, um frische Luft zu schöpfen. Plötzlich traf ihn eine Revolverkugel, die ihn tötete. Der Verwundete konnte nur noch angeben, daß er ge­sehen habe, wie vier bewaffnete Leute die Flucht ergriffen hätten. Sofort wurde von den Bewoh­nern ein Kesseltreiben veranstaltet, das aber kein Ergebnis hatte. Einige Stunden später entdeckte

War das ein Geschnatter, ein Gackern, ein Krei­schen und mit den Flügeln-Schlagen, daß Stanislaus ganz wirr zu Mute war. Er nahm sich aber zusam- men und trat grüßend auf Erika zu, die, umflattert von den Tauben, alleckiebst aussah.

„DaS ist ja wie in Lllys Park," sagte er mit einem süßlichen Lächeln.

Erika sah ihn erstaunt an und platzte mit einem lauten Lachen heraus.

„Gnädiges Fräulein . . . ."

„Entschuldigen Sie — aber Sie sehen gar zu komisch aus,* entgegnete Erika unter Lachen. „Wo haben Sie denn gesteckt?*

„Der Herr Baron hat mir die Stallungen gezeigt.*

„Ach so — und da hat Sie eine Kuh mit ihrem Schwanz über das schöne hellgraue Jackett geschlagen, und mit den gelben Stiefeln und roten Gamaschen sind Sie — verzeihen Sie — in eine etwas zweifelhafte Pfütze geraten."

Mit einem heillosen Schrecken bemerkte Stanis­laus jetzt, daß er allerdings nichts weniger als salon­fähig aussah.

„Ich kann nichts dafür, gnädiges Fräulein," ent­schuldigte er sich kleinlaut. „Ihr Herr Vater hat mich geführt.'

„Das schadet ja auch nichts — aber man zieht sich in den Viehställen doch nicht so an wie zu einer ele­ganten Landpartie. Sie müssen sich ordenüiche derbe Schmierstiefel und eine dunkelgraue Joppe anschaffen."

„Ich werde Jhrm Rat befolgen, gnädigste Baro­nesse," sprach Stanislaus höflich, aber im Innern em­pört und entriiftet.

Dann durste er sich zurückziehen. Mr heute Mor- gen waren die landwirtschaftlichen Studien beendigt. Am Nachmittag sollte er mtt dem Inspektor Grupe auf die Felder und Wiesen.

„Können Sie reiten?" fragte der Baron.

„Nur wenig, Herr Baron."

„Das muffen Sie lernen. Nehmen Sie heute nachmittag den alten Braunen des Inspektors, der wirst Sie nicht ab. Der Inspektor kann eines meiner Reitpferde nehmen. Auf Wiedersehen heute mittag."

man an verschiedenen Stellen desselben Dorfes Brandstiftungen. Auch hier war eS nicht mög- lich, der Täter habhaft zu werden. Die Priester hat man in Frankreich kaltgestellt, dafür ziehen jetzt Räuber ein. Ein herrlicher „ Erfolg der libe­ralen Regierung I Ein Fall, der diesen Vorgang interessant ergänzt, wird aus Paris berichtet: „Durch das unredliche Gebühren von Akzise-Beam­ten ist die Stadt Paris um etwa 5 Millionen Franks geschädigt worden. Auch gegen einen Großverfrachter, der an dem betrügerischen Vor­gehen der Akzise-Beamten beteiligt ist, wurde die strafrechtliche Untersuchung eingeleitet."

* Die Wahlen in Portugal sind bis jetzt folgende: 90 Ministerielle, 40 oppositionelle Konservative und 14 Republikaner.

* Der inl-mationale Friedenskongreß der Inter­parlamentarischen Union ist in der belgischen Haupt­stadt zusammengetreten. Die belgischen Minister Helleputte, Hubert und Davignon waren anwesend. Don deutschen Delegaten bemerkte man den Abge­ordneten Heim, Pachnike, Eickhoff, Heckscher, Ablaß, Quidde und Abbe äßetterle. Viel bemerkt wurden die türkischen Delegaten, darunter Ferid Pascha, bei letzte Großwesir unter Abdul Hamid.

♦ Das neue Königtum Montenegro erhält gleich am Tage nach der so überaus feierlichen Thron­errichtung einen bedenklich moralischen Rippenstoß. Zwei in Uesküb verhaftete Montenegriner, die dort ein Attentat auf den montenegrinischen politischen Flüchtling Major Nckola Mitroviz verübten, haben eingestanden, daß die montenegrinische Regierung sie um 25000 Franken zum Morde gedungen hat. — WaS mag die königliche Verwandtschaft in Italien und der Beschützer Montenegros vor der großen Welt, der Zar von Rußland dazu sagen?

* Die Unruhen in Kleinafien find noch nicht er­ledigt. Die ausständigen Drusen im Haurange« birge unternahmen am Montag auf die an Zahl unzuglänglichen türkischen Truppen des Generals Sami Pascha bei Dera einen schweren Reiterangriff, über dessen Ausgang noch nichts bekannt ist.

Aus Uirche und Schule.

§ Fulda, 31.Ang. 1910. Die amtliche Kon^ ferenz der Lehrer des Kreises Fulda, wel­cher der Herr Regierungs- und Schulrat Bot ter« mann, etwa 25 Lokalschulinspektoren und 120 Lehrer beiwohnten, wurde gestern im hiesigen Stadtsaale abgehalten. Herr Kreisschulinspektor Wulff machte mit dem Ausdruck lebhaften Bedauerns die Mit­teilung vom Tode de8 von allen Lehrern hoch­geschätzten Kollegen Friedrich Hohmann, und bat die Versammlung, die sich von ihren Sitzen erhob, des Verstorbenen im Gebete zu gedenken und ihm ein treues Andenken zu bewahren. Hierauf brachte der Vorsitzende einen Erlaß der König!. Regierung zu Kassel, in welchem die Schule zur treuen und energischen Mitarbeit in Bekämpfung der Schund­literatur aufgefordert wird, zur Verlesung und näheren Besprechung. Insbesondere wurde die Notwendigkeit die Errichtung von Schülerbibliotheken in allen, selbst in den kleinsten Orten betont. Ms- dann sprach Herr Will-Langenbieber unter Vorführung und eingehender Besprechung des Güntler'schen Lehrapparates über die Frage: »Wie fördert der Lehrer am besten daS Lesen im ersten Schuljahre? Reicher Beifall wurde seinen Aus­führungen zuteil. In der anschließenden Diskussion hoben Herr Peter Schmitt-Fulda die Vorteile der Lange'schen und Herr Los kant-Fulda die der Marlitz'schen Methode hervor. In einer Schluß- Übersicht würdigte der Herr Vorsitzende in treffender Weise die Vorzüge und auch die Schattenseiten der verschiedenen Lesemeihoden. Nachdem dann noch einige neuere Regierungs- und Ministerialverfügun-

Auf feinem Zimmer angekommen, warf sich Stanis­laus erschöpft auf das hatte, schwarzlederne Sopha.

Er fühlte sich kreuzunglücklich. Er hatte sich daS Leben auf dem Lande, in dem Schlosse des reichen Barons Hambach-Waldstätten ganz anders vorgeftellt, und er war ärgerlich auf seine Mutter, daß sie ihm ein solch schönes Bild von dem Leben auf Schloß Ham­bach entworfen hatte.

Wenn er gewußt hatte, was er jetzt wußte, wäre er nicht aus Berlin fortgegangen. Diese schmutzige Ar­beit des LandwittS paßte nicht für ihn. Puh, wie feine Stiefel und fein Anzug roch.

Rasch entkleidete et sich des schmutzigen ZeugS, wusch sich und übergoß die Hände mit Eau de Co­logne.

2Jlan mußte doch Mensch bleiben!

Wenn feine Kameraden in Berlin ihn heute mor­gen gesehen hätten! Und Minetta — die reizende Künsllettn vom Apollo-Theater! Wie würde sie die Nase gerümpft haben.

Eine heiße Sehnsucht nach der reizenden Minetta beschlich ihn. Wie hatte er sie nur verlassen können!

Freilich — da wat ein dunkler Punkt, der ihn aus Berlin Vertrieben hatte. Und dieser dunkle Punkt war feine völlige Mittellosigkeit. Seine Mutter hatte ihm rund heraus ettlätt, sie könne ihm nichts mehr geben, nachdem sie wieder einmal einen Teil feiner Schulden bezaUt hatte — nur einen Teil, denn alle feine Schul­den zu bezahlen, dazu reichten die beschtäntten Mittel der Frau von Pokrowski bei weitem nicht au8.

„Suche dir eine Stellung in der Welt zu schaffen," hatte sie gesagt. „Am besten ist eine reiche Heirat — die Tochter meiner Freundin, Baronin Hambach-Wald­stätten, ist jetzt erwachsen, ich werde dich an meine Frundin empfehlen. — Das weitere ist bann deine Sache."

In der Erinnerung an diese Worte feiner Mutter dachte Stanislaus an Erika. Ihre liebliche Erschei­nung hatte ihn angenehm überrascht, und er hatte die letzte Nacht, als er sich schlaflos auf dem ziemlich har­ten Bett umhergewoffen, schon seinen Feldzugsplan entworfen.

(Fortsetzung folgt)