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37. Jahrgang

Fulda, Montag den 29. August 1910

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Die „Norbb. Allg. Ztg* beschäftigt sich in ihrem Wochenrückblick mit dem Kaiserbesuch in Posen. Sie schreibt, „ber tiefgehende Eindruck, den dieser Kai. serbesuch aus so schönem Anlaß und mit seinem glanz­voll harmonischen Verlauf in ganz Deutschland hervor- gerufen, zeigt uns und der Welt, daß Herrscher und Volk sich überall einhellig zusammen- finden, wo es große Gesichtspunkte gilt. — Dage­gen enthält sich der Rückblick jedes Wortes über dm Aufenthalt des Kaisers in Königsberg und seine poli- tische Rede. Das offiziöse Organ konstatiert nur, daß sich die Presse aller Richtungen mit dieser Rede be­schäftige, und gibt eine objektive Ueberstcht über die Preßstimmen.

Deutsches Reich.

= Mit dem diesjährigen Katholikentage scheint die gegnerische Preffe nicht viel anfangen zu können. Sie schreibt deshalb zur Abwechselung einmal über das, was er ihrer Ansicht nach hätte bieten müssen, und was sie deshalb so schwer vermißt hat: Aus­einandersetzungen über Modernismus, über Richtung Köln und Richtung Berlin, über Volksverein und Episkopat usw. Mit einem Anflug von Unmut schreiben einzelne gegnerische Blätter, es seien nur oder fast nur „alte Geschichten* in Augsburg ver­handelt worden, und man müsse sich wundern, daß sie immer noch „einige Hundert* Zuhörer im Saale sestgehalten hätten. Das ist eine zu dürftige Kritik, um beachtet zu werden. Sie wird durch die neuen Beschlüsse, durch den Inhalt der Reden und durch die große Beteiligung am Katholikentag schlagend widerlegt. Noch dürftiger ist das sozialdemo­kratische Gezeter über die äußere Aufmachung und den Verlauf der Generalversammlung. Es beweist nur, daß die Genossen von dem weltfremden katholischen Leben keine Ahnung haben, und daß sie angesichts der herrlichen und kraftvollen Kund­gebungen katholischen Selbstbewußtseins eine ohn­mächtige Wut befällt. Einen ausgewachsenen Bären hat sich die freisinnige ,W eser-Zeitu ng' ausbinden lassen. Sie bringt folgende Notiz aus München:

Als Kuriosum wird aus Augsburg zu dem dort gegenwärtig tagenden Deutschen Katholikentag gemel­det, daß der Regierungspräsident eine Verordnung er­ließ, wonach die dienstfreien Beamten die Versamm­lungen des Katholikentages zu besuchen hätten.

Das ist freilich ein Kuriosum! Man denke nur: eine Regie rungsverordnung, die für dienst­freien Beamten die Beteiligung am Katholikentag gewissermaßen obligatorisch macht. Ein solcher Eingriff in die Beamtensreiheit ist noch nicht da- gewesen! Aber soweit muß es kommen, wenn wie in Bayern das Zentrum herrscht — so denken ge­wiß die gläubigen Leser des freisinnigen Blattes, und so sollen sie wohl auch denken. Das kurioseste an der Sache ist indes nicht die angebliche Verord­nung, sondern der Umstand, daß die liberalen Herren von der ,Weserzeitung' anscheinend selbst nicht den geringsten Zweifel in die Richtigkeit ihrer Meldung gesetzt haben. In Wirklichkeit verhält sich die Sache nämlich ein klein wenig anders. Nach der,Köln. gtg/ (Nr. 906) hatte der Präsident des Augsburger berlandesgerichts verfügt, daß alle Beamten auf Wunsch zum Katholikentag zu beurlauben seien, soweit nicht dienstliche Interessen entgegenstehen. Und der Präsident der kgl. Regierung in Schwaben hatte

wurde. ES wäre bedauerlich, wenn so etwas wieder nötig werden sollte.

Aus dem Ausland heben wir als bemeckenswert folgende Preßäußerungen hervor: Vor den österrei­ch i s ch e n Blättern schreibt die „Neue Freie Presse*:

„Für das neue Deutsche Reich ist das Gottes- gnadentum ein mystischer Begrisf und das Hineinziehen persönlicher Glaubensvorstellungen in die Politik nicht bloß unbrauchbar, sondern geradezu schäd­lich. Das preußische Gottesgnadentum mag hingehen, weil es so Brauch und Sitte ist. Der Deutsche Kaiser aber kann eS nicht benützen, denn er wird nur dann das Instrument des Herrn fein, wenn der Gedanke ihn niemals verläßt, daß er die Pflicht habe, nach Recht und Gesetz das Instrument seines Volkes zu fein.*

Das ,N. W. Tage bl/ führt aus:

„Die Kundgebung Kaiser Wilhelms läßt sich auf seelische Stimmungen zurüchuhren, auf den Wider­stand, den manche neue Taten der preußischen Politik in den breitesten Volksschichten gesunden haben, und somit auf das Bedürfnis des Kaisers, fein Herz vor den allzeit getreuen Ostpreußen auszufchüiten. Wenn Kaiser Wilhelm erklärt, er betrachte sich als Instrument des Herrn und gehe unbekümmert um Tagesmeinungen feinen Weg, so verhält sich dieses Wort zu einem fak­tischen, die Berfassungspolitik beeinflussenden Programm wie eine private Regung, die außerhalb der historischen Verantwortlichkeit steht. Was Kaiser Wilhelm bisher als Kaiser und König tat, gibt aber niemanden das Recht, anzunehmen, er wolle jemals das Volk negieren. Die Akzente, die Kaiser Wilhelm in Königsberg an­schlug , waren vor-friederizianisch. In der Königsberger Rede des Deutschen Kaisers meldeten sich seine Vorfahren zum Wort einen Tag, eine Stunde lang, und dann kommt aber die Gegenwart, aus deren Plan sich der Deutsche Kaiser fo oft schon als ein Fürst von Gnaden des deutschen Geistes zeigte."

Von den fran z ö s i s che n Blättern äußert sich der „Matin* folgendermaßen:

„Der Teil der Rede, in dem Kaiser Wilhelm von seinen göttlichen Rechten spricht, hat nichts Aus­fallendes in dem Munde dieses Herrschers und stimmt mit dem Charakter Kaiser Wilhelms übet ein, der die­selbe Phrase bei der Ernennung von höheren Be­amten im Munde führt. Aber das Unglück will, daß alle diese erhabenen Gefühle für die ganze übrige poli­tische Welt höchst unverständlich sind und einen anderen Schein, ein anderes Aussehen erhalten, wenn man sie auf das Gebiet des politifchen Lebens ver­pflanzt."

Der ,Figaro' schreibt: „Vielleicht noch nie fo wie in diesem schneidigen Aufruf an die Vaterlands­liebe seiner Nation, die Rüstungen zu vervollständigen und den Kultus der kriegerischen Tugenden zu üben, hat sich der Kaiser kriegerischer, leidenschaft­licher entbrannt für die Geschichte feines Volkes ge­zeigt. Der Kaifer hat uns nichts Neues gelehrt. Wir wußten schon, daß er ein Gegner der Abrüstungen fei"

Der ,® auloi§' meint: „Der Kaiser scheint ver­gessen zu haben, was et seinerzeit seinem Minister Bülow versprochen hat. ES ergeben sich daraus zweierlei Dinge. Erstens: Deutschland weist im Vor­aus jeden Vorschlag auf Einschränkung der Rüstungen zurück. Das wußten wir ja schon. Und zweitens: Der Kaiser, überzeugt und im Bewußt­sein der göttlichen Kraft seines Ansehens und seiner Mission, fragt wenig nach den Parlamenten, nach dem allgemeinen Stimmrecht und nach dem Willen des Volkes. Vielleicht hat er recht damit/'

In der e n g l i sch e n Presse ist die Beurteilung, abgesehen von den radikalen Blättern, sehr günstig.

So schreibt der ,D a i l y G r a p h i c': „Wir glauben, daß die Neberempfindlich leit der deutschen öffentlichen Meinung unberechtigt ist. Die Rede ist gewiß nicht klug, doch muß man auch an die Er­habenheit des Augenblicks etwas denken, an die heilige Erinnerung und den Patriotismus. Der Kaiser hält sich innerhalb der Grenzen eines konstitutionellen Mo­narchen, wenn er die Deutschen daran erinnert, was sie dem absolutistischen Prinzip zu verdanken haben, und welche Verantwortlichkeit sie übernahmen, als sie die Tätigkeit an sich rissen, die einst ausschließlich das Eigentum ihrer Herrscher gewesen ist."

Der »Daily Chtonicle' führt aus: „Man kann diese Rede unmöglich ohne das Gefühl lesen, daß der

angeordnet, daß sämtlichen Beamten, die nur irgendwie abkömmlich seien, während des Katholiken­tages auf Wunsch in weitgehendem Maße dienst­frei zu geben sei. Vergleicht man damit obige Münchener Meldung, so muß man der ,Weserztg/ zu ihrem Reinfall aufrichtiges Beileid aussprechen.

♦* Zur Kandidatur Spahn im Wahlkreise War­burg-Höxter bringt die ,Köln. Volksztg/ die Mit­teilung, daß 15 Mitglieder der Zentrumssraklion von Augsburg ein Schreiben an Prof. Dr. Spahn gerichtet haben, um ihm nahezulegen, seine Kandidatur zurückzuziehen.

+ Eine liberale Zeitungsente. In liberalen Blättern wird erzählt, in der geschloffenen Ver-, sammlung des Augustmusvereins zu Augsburg seien die Vertreter der Zentrumspresse von den Par­lamentariern angewiesen worden, auf ein K o m« promiß aller bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie hinzuarbeiten. Die Erzählung ist erfunden. Daß die Zentrumspartei den ent­schiedenen Kampf gegen die Sozialdemokratie führen wird, versteht sich von selbst.

* Das Programm des Bertretertages der nationalliberalen Partei in Kassel anfangs Oktober enthält nach der,Nat.-Lib. Korr/ u. a.V „Die innerpolitische Entwicklung im Reiche seit Verabschiedung der Reichsfinanzreform" Abg.' Bassermann: „Wirtschasts- und Sozialpolitik". Abg. Fuhrmann; „Mittelstandspolitik" Land«, tagsabg. Dr. Schröder. Außerdem werden in öffentlichen Versammlungen sprechen Reichs- tagsabg. Dr. Stresemann, Landtagsabg. Dr. Hintzmann, Reichstagsabg. Dr. Heinze und Landtagsabg. Dr. Lohmann.

* Schmiergelder in der Marine. Mit der, am Samstag gemeldeten Verurteilung der An­geklagten (Äergl. Vir. 195, zweites Blatt, Ver-. mischtes) kann die Sache nicht aus fein; denn wenn wir das Unwesen mit Schmiergeldern, schon im freien Geschäftsverkehr verurteilen, fo; noch mehr bei den Behörden. Hier find die Schmiergelder einer Bestechung gleich zu achten, zumal unsere Beamten jetzt gut bezahlt sind. Man muß daher auf jede Annahme von Schmiergeldern die Strafe der Entlassung setzen, aber es müffen auch alle Firmen, die es mit Schmiergeldern ver-, suchen anzukommen, öffentlich genannt werden,' und sie müffen auf 5—10 Jahre einfach von der Lieferung ausgeschlossen werden; das hilft dann.

* Znm Fall Gagern. Heber die Gründe, warum Dinge, wie im Fall Schönebeck und im Fall Gagern, Jahre lang unbeachtet bleiben konnten und keiner der Kameraden, von denen ein großer Teil Kenntnis von den Vorgängen haben mußte, den Mut gefunden hat, frei und offen hervorzutreten und Anklage zu erheben, schreibt ein höherer Militär in der „Post" u. a.:

„Tritt jemand gegen einen Kameraden mit einer Anschuldigung hervor, fo hat er zunächst umgehend eine Forderung auf dem Halse, mag der An- geschuldigte sich auch noch fo schuldig fühlen; das ge­hört eben dazu. Gelingt es im günstigsten Falle dem Ehrentat, den Austrag des Zweikampfes zu verhindern, so wird der Anschuldiget in der folgenden Unter­suchung sehr bald merken, daß er immer mehr mit auf die Anklagebank rüden muß. Entweder hat er Tatsachen, die ihm schon feit längerer Zeit bekannt waren, nicht sofort gemeldet, ober das Gedächtnis der als Zeugen aufgerufenen Kameraden ist fo schwach, daß es ihm nicht gelingt, den einen oder anderen Punkt zu beweisen. Kurz, komme es wie es wolle, eS findet sich stets ein Haken, an dem der Ankläger neben dem Angeschuldigten aufgehängt wird. Beispiele und Namen stehen zu Diensten. WaS ist da natürlicher, als daß sich jeder sagt: Ich werde mich hüten, in dieses Wespennest zu stoßen, ich falle auf alle Fälle mit hinein. — Hier muß der Hebel angesetzt

-- Tas Echo der Kaiserrede.

netten Parteien Wasser auf rhre Muhl«^ ^stütze pein- solche Überraschungen noch i cdamals ge- lich empfunden werden. Der -emitr ,

schwiegen, denn er hatte es Bulow vmp ch Aeta Bülow ist ober nun vAA-5^Rede und daS bewesst am besten die Kon g 8« /

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ibn nunmchr als einen „Rückfälligen* kennzeich- Ä ntfit das weder dieser Sachlage noch der politischen Klugheit. Sicherlich hat der Kaiser mit Absicht mit vollem Bedacht bie Gelegenheit herbeige­führt, um seine Auffassung mit aller Bestimmtheit zum Ausdruck zu bringen. Das mag man im liberalen La­ger als eine D e m o n st r a t i o n, als eine An t w o r t auf gewisse Reden vom November 1908 empfinden — ein „Rückfall* ist dafür aber gewiß nicht die richtige Bezeichnung. Die „Köln. Volksztg* glaubt nicht daran, „daß der Kaiser nunmehr wieder ganz üi dem­selben impulsiven Weise wie in früheren Jahren sich auch über Tagesftagen äußern wird. Erfahrungen gehen an niemand spurlos vorüber, und Kaiser Wil­helm ist gewiß der letzte, der aus Erfahrungen nicht lernen möchte. Man kann dies auch an der Königs­berger Rede sehr wohl erkennen. Trotz aller Bestimmt­heit in der Form enthält sie doch keine jener aggres­siven Wendungen, die in älteren Reden nicht selten Aufsehen erregten. Sie ist sozusagen rein grundsätz­licher Art, ohne Stellungnahme in einer bestimmten Einzelfrage der Tagespolitik.*

Der größte Teil der liberalen Presse sieht in ber Rede eine neue Proklamierung des persönlichen Regi­mentes, hält Vorlesungen über Absolutismus und Konstitutionalismus und beruft sich dem Kaiser ge­genüber aus die Verfassung. Uns will scheinen, daß die Aufregung etwas künstlich ist. Dem Liberalis­mus ist jede Hervockehrung religiöser Anschauungen „peinlich*, zumal die Berufung auf das GotteSgna- dentum. Was der Kaiser gesagt hat, war gar nichts neues. Die liberale Presse erinnert ja selbst an frühere ähnliche Aeußerungen. Nichts berechtigt zu der Auf­fassung, daß der Kaiser seine Ansicht über seinen Beruf geändert habe. Was er in Königsberg gesagt hat, paßt ja nun gar nicht recht in unsere konstitutio­nellen Verhältnisse hinein, das ist wahr. Allein wir meinen, auf die Worte komme es gar nicht so viel an. Mag der Kaiser über seine Rechte denken, wie er will, wenn et nur die Rechte anderer achtet und nach der Verfassung regiert. Daß er das tut, ist doch nicht zu leugnen. Die liberale Presse fragt erregt, ob der Reichskanzler die Rede vorher gelesen und sie gebilligt habe. Der „Vorwärts*, ber bie Rede für ein offenes Bekenntnis des Kaisers zum Absolutismus halt, fordert sogar die Einberufung des Reichstages, damit ber Kanzler dort Rede stehe und die Volks­vertretung „der Krone die verfassungsmäßigen Grenzen anweise*. Gekannt hat der Reichskanzler die Rede vermutlich vorher nicht; denn dann würde er wohl davon abgeraten haben; nicht sowohl weil sie chres Inhaltes wegen sachliche Bedenken einschließe, son­dern well ec voraussehen mußte, welcher Lärm von Liberalen und Sozialdemokraten darum gemacht wer­den würde. — Uebcigens scheint es, als ob die Rede nachträglich einer Korrektur unterzogen worden sei. In der Donnerstagnacht kündete das halbamtliche Te­legraphenbüro den Redaktionen die Zustellung einer Kaiserrede an. Nach einer halben Stunde kam der Bescheid, daß die Rede erst am andern Tage in die Hände der Zeitungen gelangen werde. Und erst am Freitag vormittag kam sie dann wirllich. Das legt die Vermutung nahe, daß der Kaiser sich tatsächlich etwas impulsiver und unvorsichtiger geäußert habe, als berichtet worden ist, und daß die Rede, bevor sie .ins Land gehen durste, erst einer Zensur unterzogen

Kaiser tief ergriffen war von den historischen und persönlichen Erinnerungen, die sich für ihn an Königs­berg knüpfen. Er ließ sich von der Ueberfülle ferner Beredsamkeit fortreißen — seine Reden find lebhaft, interessant und eindrucksvoll, wie die keines anderen Mannes auf dem Throne." _ , . .

Die Daily Mail' meint, ein Monarch, rote der Kaiser, habe in dem Milieu Königsbergs kaum anberS sprechen können.

MaerW Zeitung

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L,K « w-ch-nb-üage- „Illustrierte Sonntagszeitung" „8-ldaer Seschichtsblatter"

3- DEkHEÜek io _____

Um Shre und Recht.

4] Roman von O. Elster.

Die Dame war schön — ohne alle Frage — aber von einer Schönheit, die allzu sehr auffällt und durch allzu künstliche Mlltel unterstützt wird, um gefällig zu Wicken.

Sie saß zurückgelehnt in den roten Korbsessel, die Beine übereinandergeschlagen, sodaß der elegant be­schuhte Fuß mehr als nötig zum Vorschein kam. Sie Wippte mit dem Fuß nach dem Takte ber Musik auf und ab; ihre grünlich schimmernden Augen "waren nachdenklich in die Feme gerichtet, ihre schlanken Hände lagen lässig auf den Lehnen des Sessels.

Sie glich einer im warmen Sonnenschein mhenden, sich behaglich dehnenden schönen Pantheckatze.

Ganz anberS der junge Herr im Biedermeier- kostüm! Er saß vornübergebeugt da und rührte ner­vös in seiner Taffe Kaffee herum, während sein blasses müdes Gesicht einen finsteren Ausdruck zeigte.

Jetzt schwieg die Musik und Fritz konnte deutlich verstehen, was die beiden zusammen sprachen, obgleich S über einen gewissen Gegenstand nicht ganz einer einung zu sein schienen.

„Es geht wirklich nicht, daß ich noch länger bleibe, Minette*, sagte der junge Herr und seufzte leicht auf. „Ich bin auf heute bei den Leuten angemeldet und muß hin — du weißt ja, was davon abhängt.*

-Ja — du willst eine reiche Heirat machen,* lachte die Dame.

._ D nicht der Zweck,' entgegnete ber junge ärgerlich. „Ich muß den Willen meiner Mutter erfüllen, sonst. .*

„Ra, sonst?*

»^lch, laß daS. Du weißt eben so gut wie ich, daß ich von ihr abhängig bin *

• -Ja — es wäre besser gewesen, wir wären in Beckin geblieben — da hat man so viele Hilfs- quellen.*

„Ich nicht.* . ? . , ...

»Du guch. Wenn du es nur klüger anstellen woll­

test. Aber glaube nicht, daß ich mich um deinetwillen in dieses elende, langweilige Rest vergrabe, ich kehre nach Berlin zurück. Ich finde wohl doch noch ein Engagement oder — sonst was.*

„Minette t*

„Ach was — man muß doch leben. Und wenn du wirklich fort mußt, so laß uns noch einen Gang durch den Garten machen; nachher begleite ich dich zum Bauhof.'

»Das geht nicht. Man wird mich abholen und darf uns nicht zusammen sehen.*

»Auch gut. Dann bleibe ich hier. Adieu*

»Minette, du weißt nicht, wie schwer es mir wird.* »Ach nur keine Sentimentalität, mein Lieber. Da meine Hand Ich will noch acht Tage hier bleiben, du kannst mich bann noch mal besuchen, dann aber Schluß. In Berlin sehen wir uns wieder.*

„Ganz gewiß — lange halte ich es hier nicht aus. Komm ich muß jetzt gehen, begleite mich noch eine Strecke.*

sich das Paar; sie eine pompöse Gestalt in glanzender, auffallender Toilette, das Haupt mit dem schimmernden Goldhaar stolz emporgerichtet 7" "^ng, schmalbrüstig, hager, bleich und müde da- hinfchleichend, wie ein engbrüstiges Rennpferd*

Dann erhob auch er sich, zahlte und ging nach sei­nem Wagen, um nach dem Bahnhof zu fahren.

Der Zug fuhr langsam in den kleinen Bahnhof em, auf dessen Bahnsteig Ftttz Born stand und neu­gierig dem „schönen Stanislaus' entgegensah. Einige ältere und jüngere Damen stiegen aus, mit viel Hand­gepäck beladen, sich hilfesuchend nach einem Gepäck­träger umsehend, mehrere eilige Handlungsreisende und einige Bauern — sonst niemand. Keiner von den Angekommenen glich dem Bilde des schönen Ste- nislaus, wie es Fritz Born beschrieben war.

Sollte et den Zug verpaßt haben? — Das würde Baron Hambach sehr übel vermecken, er schickte seine Pferde nicht gern umsonst in der Welt umher.

Fritz wartete, bis sich der Zug wieder in Bewe­gung setzte und der Bahnsteig wieder leer geworden war. Herr von Prokowski war nicht gekommen, und

ärgerlich begab sich Fritz durch den Wartesaal zu den an der Außenseite des Bahnhofs haltenden Wagen.

Da sah er einen Herrn in langschößigem Bieder- meier-Sommcrpaletot, eine gelbe Ledertasche in der Hand, neben sich einen eleganten Koffer, auf dem Hut­schachtel mit Violinkasten lagen, vor dem Wagen stehen und mit Christtan sprechen, der jetzt mit der Peitsche nach Fritz deutete, worauf sich der fremde Herr um­wandte und grüßend auf Fritz zukam.

„Habe ich das Vergnügen, Herrn Born von Schloß Hambach zu sehen?* fragte er.

Fritz vermochte vor Staunen kaum zu antworten. Auf dm erften Blick erkannte er in dem Fremden dm Herrn, der mit der schönen, rotblonden Dame auf der Kurterraffe gesessen hatte.

„Das ist allerdings mein Name,* sagte er.

„Und mein Name ist Stanislaus von Prokowski,* fuhr der Fremde im Biedermeierkostüm fort „Sie soll­ten mich wohl nach Schloß Hambach bringen?*

„Freilich — aber Sie sollten doch mit dem ebm emgekommenen Zuge ankommen? — Ich habe Sie jedoch schon im Kurgarten gesehm.*

Eine flüchtige Röte huschte über das blasse Gesicht Prokowskis.

„Das ist möglich, entgegnete er mit einem miß­trauischen Seitenblick auf Fritz. „Ich habe einen frühe­ren Zug benutzt und habe mich so lange im Hut garten aufgehalten.*

Dagegen ließ sich freilich nichts sagen. War doch Fritz auch früher fortgefahren, als nötig war, um noch einen Gang durch den Kurgarten machen zu ton­nen. Die rotblonde Dame war allerdings verdächtig, aber was gingen schließlich Fritz die Selannten des „schäum Stanislaus* an?

„Nun, so steigen Sie ein, Herr von Prokowski,* sagte er. „Christian, heb das Gepäck des Herm auf dm Hinteffitz*

Damit nahm er die Zügel aus den Händm Chri­stians und schwang sich am den Vordersitz.

„Bitte, Herr von Prokowski — wollen Sie Platz nehmen — die Füchse find etwas unruhig mid lieben das lange Stehen nicht.*

Prokowski Kotierte mühsam auf den hohen Jagd­

wagen. Einen bequemeren Wagen hätte der Baron auch schicken können, dachte er dabei.

Das Handgepäck war verladen, Christian thronte hoch oben auf dem Koffer, die Hutschachtel haltend —' ein leichter Zungenschlag Fritzens, und die Füchse trabten, die Köpfe schüttelnd, munter davon.

Man konnte sich so leicht keinen größeren Gegensatz dmkm als diese beiden fast gleichaltrigen jungen Män­ner. Fritz, aufrecht und straff dasitzend, ein Vlld der blühendm Gesundheit und Kraft, ein bischen derb und durchaus nicht nach Stubenlust auLsehend, Stanislaus Prokowski müde und schlaff, in sich zusammengesunken, die Augm zukneifmd, weil ihn die Sonne blendete, blaß und übernächtig auSsehend, lang und dürr, säst den Gestalten der Uebennenschen gleichend, wie sie in den Witzblättern abkonterfeit werden.

Dabet war sein Gesicht nicht häßlich, vielleicht fei­ner und schöner als daS des jungen Verwalters. Seine großen, dunklen Augm besaßen einen schwärmerischen Blick, seine Nase war edel geschnitten, und seine schma­len Lippm bedeckte ein dunkler, ziemlich bümter Schnurrbart, während ein schmaler Bartstreifm sich von der Schläfe bis zu den Ohrläppchen herabzog. DaS dunlle Haar hing in Locken fast bis auf den Rock­kragen.

Er glich mehr einem Musikvirtuosen als einem jun­gen Manne, der sich der Landwirtschaft widmen wollte. Dabei war er mit vollmdeter Eleganz gekleidet, von dem Strohhut mit buntem Bande an bis auf die fei­nen Lackschnürsticfel und die rotbraunen Handschuhe.

Der junge Mann kam aus der Weltstadt Berlin, das sah man ihm sofort an. Rur dort konnte man sich mit solcher Eleganz kleiden.

Im stillen beneidete Fritz Born denn auch feinen neuen Bekannten um diesen Schick. Sein einfacher grauer Sommeranzug kam ihm mit einem Male ziem­lich gewöhnlich vor. Aber als Landwirt konnte er sich dieses feine Herrchen nicht recht denken. In Schmier­stiefeln und einem alten Flausrock muß der „schöne Stanislaus* eine lächerliche Figur spielm. Und da­süß dustmde Parfüm, das jetzt von ihm ausströmte, paßte auch nicht zum Dust deS Kuhstalls und bei Dunfi-FahrenS. (Fortsetzung folgt.)