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Leitung

fuldaer

Die Politik der Sammlung.

Seit der Reichskanzler v. Bethmann Hollweg zum Zusammenschluß aller positiv arbeitswilligen Kräfte aufgefordert hat, bildet die Samnilungspolitik in der deutschen Presse eine stehende Rubrik, und dies umso­mehr, als die nächsten Reichstagswahlen vor der Tür stehen und jede Partei sich gern durch den Anschluß an andere den Rücken stärken mochte. Nur ist die hierbei wichtigste Frage, welche Parteien sich zusam- nienschließen wollen, bisher vollständig unentschieden geblieben: sollen die rechtsstehenden Parteien und die linksstehenden jede für sich eine Gruppe bilden, oder soll man wieder zum früheren Bülow-Block zu-

,u Verdrossenheit und unfruchtbarer Kritik, vielmehr sehnen wir unS nach Betonung unseres deutsch-natio. nalen Volkstums im Gegensatz zu den internationali­sierenden Bestrebungen, welche unsere gesunde völkische Eigenart zu verwischen drohen/ Diese Worte des Kronprinzen erinnern sehr an einen früheren Ausspruch deS Kaisers: Ich dulde keine Schwarzseher! und auch die französischen Blätter bezeichnen diese Rede als aus­gesprochen pangermanistisch.

In der sozialdemokratischen Partei tobt noch tnnner der Streit nm die Budgetbewilligung der badischen Landtagsabgeordneten. Jetzt hat auch der Parteitag der badischen Sozialdemokraten den Budgetbewilligern ein Vertrauensvotum erteilt. Daß es bei dieser Sachlage den radikalen Führern nicht ganz wohl zu Mute ist, kann man sich leicht vorstellen, und wir sind gespannt darauf, was Bebel, der für den allgemeinen sozialdemokratischen Parteitag das Referat über die Budgetbewilligung übernommen hat, hierüber urteilen wird. Jedenfalls wird wohl alles beim alten bleiben, und nach heißem Wortgefecht werden sich die feindlichen Brüder in voller Eintracht und versöhnt in den Armen liegen.

Oesterreich-Ungarn hat fteudige Tage hin- ter sich. Kaiser Franz Joseph hat unter der herzlich­sten Anteilnahme des gesamten zur Monarchie gehö­renden Volkes seinen 80. Geburtstag gefeiert. Wie hoch die Achtung vor dem bedeutenden Manne im Sil­berhaar auch außerhalb der Grenzen seines Landes ist, geht aus der gewaltigen Zahl der Glückwünsche her- vor, die ihm von den Regierenden fast aller Herren Länder zugesandt worden sind. An den Ministerprä­sidenten hat der Kaiser ein Handschreiben gerichtet, in dem er ihm seinen Dank ausspricht und dem Volke feinen Tank übermittelt.

Die griechischen Wahlen haben mit einem Sieg der Nationalisten geendet, und damit die Situa­tion bedenklich verschärft. Venizelos, ihr Führer, wurde mit starker Mehrheit gewählt, und ibm folgten die an­deren kretischen Kandidaten. Venizelos will unter kei­nen Umständen auf sein Mandat verzichten. Wenn man bedenkt, daß die Türkei als unerläßliche Bedin­gung für eine friedliche Beilegung des Zwistes die Nichtzulassung kretischer Abgeordneter zur griechischen Kammer gemacht hat, dann weiß man auch, was der Ausgang dieser Wahlen am Balkan bedeuten kann. Die Herrschaften da unten haben gerade so gehandelt wie jener berühmte Esel, dem es zu wohl war, und aufs Eis tanzen ging.

Besser sicht es um die Beziehungen zwischen Tür- k e i und Bulgarien. Bulgarien hat den Vor- schlagen der Pforte betressend die Mckkehr der maze­donischen Flüchtlinge zugestimmt. Die zurückkehren­den Flüchtlinge werden nach Ablieferung der Waffen an drei Grenzpunkten von den türkischen Behörden übernommen. Mit dieser Verständigung scheint der türkisch-bulgarische Streit nunmehr beigelegt zu sein.

In den Vereinigten Staaten von Nord­amerika spricht alle Welt wieder einmal von Theodor Roosevelt. Der Mann versteht es tatsächlich, für stch Rellame zu machen. Er hatte sich als Kandidat bei den Wahlen des Vorsitzenden der republikanischen Konven- tion des Staates Rewyork aufftellen lassen, um — einen Durchfall zu erleben, und die Schuld an diesem Durchfall auf das Konto des Präsidenten Taft zu setzen. Roosevelt sehnt sich nach der Präsidentcnwürde und da muß er oor allen Dingen seinen Rivalen Tast in Mißkredit bringen. Natürlich wird er ganz un­schuldig daran sein, daß das Volk heute von Tafts Jntriguen spricht. Er stellt jeden Bruch zwischen ihm und Tast kategorisch in Abrede. Aber was heißt das? Für das Volk, das sich von Roosevelt immer noch dü­pieren läßt, steht Tast in Mißkredit und Roosevelts Aktien sind wieder einmal gestiegen.

M 195.

S«e«l«9 »« 27. Xujnn 19(0.

37. Jahrgang.

Ausland.

* Was ist politischer Katholizismus? Daraus gibt der bekannte geistreiche Schweizer Professor Meyenberg im /Vaterland' folgende treffende Antwort. Er schreibt:

2. Blatt.

A,

druck und Verlag der Selbe« Aetiendrucker« i« $ulba.

Wochen-Rundschau.

fff Fulda, 26. August 1910.

Die 57. Generalversammlung der tholiken Deutschlands hat Donnerstag ihr Ende erreicht. Hatte man vorher ZweifA gehabt o die Stadt Augsburg imstande sein wurde, einer ! großen Versammlung, wie es die Katholiken g einmal find, einen passenden Rahmen ZU gebnr, s 1 man sich durch den Erfolg angenehm entlausch . welche Fülle von Aufklärungsarbeck und werwollen Anregungen wurde da den Teilnehmern gjotat. SW alle Gebiete, die für den Katholikentag Interesse ga­ben, wurden dort berührt: Schulstage innere und äußere Mission, Großstadtseelsorge, mtholyche Weltan schauung, Frauenbildung, Fürsorge für die schulenNah sene Jugend, modernes Freidenkertum, usw. us • waren denn auch diesmal tausende und abertausende Katholiken nach Augsburg geeilt, um der Heer­schau teilzunehmen und es war ein imposanter Anblick, diese ungezählten Scharen in den einzelnen Serfamm« lungen, wie sie mit voller Aufmerksamkeit den Aus- führungen der einzelnen Redner folgten unb besonders treffende Bemerkungen derselben durch spontanen Bei- faH unterbrachen, wie sie dann voll befriedigt davon- gingen, imd mit leuchtendem Auge aller Welt zuzuru­fen schienen: Auch ich gehöre zur heiligen katholisch« Kirche! Auch die Oberhirten verschiedener Diözesen waren erschienen, um dadurch geiwssermaßen den Be­weis zu liefern, daß sie sich eins wissen mit den ihnen anvertrauten Gläubigen. Und nicht nur aus Deutsch­land, sondern auch aus anderen Ländem, aus Oester­reich, der Schweiz, aus Nord- und Südamerika hatten stch Vertreter der dortigen Katholiken eingefunden, ein Zeichen, daß die katholische Kirche in Wahrheit die „allgemeine" Kirche ift Große Mühen hatten die Ver- rmstalter und Leiter des diesjährigen Katholikentages auf stch genommen, und deshalb gebührt ihnen sowohl Wie auch den Rednern der Dank aller Katholiken. So ist diese 57. Tagung in vollster Harmonie verlaufen, und sie kann sich mit vollem Recht ihren Vorgängerinnen Würdig an die Seite stellen, und auch sie hat wieder den Beweis erbracht, daß die katholische Kirche trotz aller Sttirme einig und fest dasteht weil sie gegründet ist auf dem Felsen Petri, dem die Verheißung gegeben ist, daß er bauern werde bis zum Ende der Zeiten. Mögen die Worte, die auf der Katholikenversammlung gesprochen worden sind, auf guten Boden fallen, und mögen die Anregungen, die dort gegeben, und die Vor. sähe, die dort gefaßt sind, tausendfältige nicht brin­gen.

Bei derEinweihungdesneuenSchlof- sek in Posen hat der Kaiser eine Rede gehalten, in der er darauf hinwies, daß Pofen eine Pflanzstätte deutschen Geistes imb deutscher Kultur sein solle, und in der er die Bewohner der Provinz Posen seiner lan- desväterlichen Liebe und Fürsorge versicherte. Diese Mahimng richtet sich selbstverständlich auch an die Po­len, und wir können es daher auf keinen Fall billigen, wenn die gutgemeinten Worte des deutschen Kaisers von einigen großpolnischen Hetzblättern zu heftigen Angriffen gegen die deutsche Regierung und sogar gegen ihre Landsleute, die sich nach ihrer Ansicht in ihren polnischen Gefühlen etwas vergeben hätten, ausgebeu- iet werden. Andrerseits aber müssen wir auch ebenso scharf das Gebühren der Hakatistenpreffe verurteilen, die sich in ihrer Hoffnung, daß der Kaiser bei dieser feier­lichen Gelegenheit scharfe Worte gegen die Polen rich­ten werde, getäuscht sehen, und nun nach sofortiger Anwendung des Enteignungsgefetzes rufen. Wir ha­ben schon so ost auf die Mißerfolge der bisherigen Po­lenpolitik hingewiesen, daß wir uns eine weitere Er­örterung darüber ersparen können. Möge man den Polen ihre Muttersprache, ihre nationalen Eigentüm­lichkeiten und vor allem ihre Religion lassen; das ist das einzige Mittel, um sie zu loyalen, mit Liebe und voller Ueberzeugung und Hingebung an Kaiser und Reich hängenden Deutschen zu machen.

Auch der deutsche Kronprinz hat bei Ge­legenheit seiner Jnvesttir zuni Rector magnifieentis- simus der Königsberger Universität eine Rede gehalten, in der er die Professoren bittet: „Weisen Sie uns die Wege, auf denen unser Deutsches Volk wandeln soll, um die Stellung unter den Völkern einnehmen zu können, die ihm, seinen geistigen und physischen Kräf­ten entsprechend zukommt. Dabei ist uns nicht damit allein gedient, die Schwächen und Mängel unseres Landes zu kennen, denn diese Erkenntnis führt leicht

= Zum sozialdemokratischen Budgetstreit. Eine außerordentliche Generalversammlung des sozial­demokratischen Vereins München beschäftigte sich mit ber Budgetbewilligungsfrage. Landtagsabg. Franz Schmüt «klärte in feinem Referat, es gehe nicht an, in bet Budgetbewilligungsfrage die Ge- noff en in ihren Landtagen ein für allemal zu binden, weil man die jeweilige Situation nicht vorausfehen könne. Ein jüngerer Parteigenosse, Rechtsanwalt Hofmann, vertrat die entgegengesetzte Auffassung und legte eine Resolution vor, die die Nichtachtung des Nürnberger Parteitagsbeschlusses durch die badischen sozialdemokratischen Abgeord­neten mißbilligte und es als beschämende Tatsache bezeichnet, daß die Sozialdemokraten durch Ten« nähme an Hofzeremonien den republikanischen Cha­rakter bet sozialdemokratischen Partei mißachten. Et sand mit seinen Ausführungen wenig Anklang, und schließlich wurde seine Resolution mit er- drückend« Mehrheit, wie der ,Vorwärts' sagt, ab- gelehnt und folgend« Antrag zum Parteitag in Magdeburg gegen 7 Stimmen angenommen:

D« Parteitag in Magdeburg beschließt: Die Regelung d« inneren Landespolitik der ein­zelnen Bundesstaaten erfolgt durch die Landes» otganisationen und Instanzen, wie sie tm deutschen Parteistatut vorgesehen sind. Der Parteitag erwartet von jedem einzelnen Genossen und jeder Vertretung der Partei in jeder Körperschaft, daß sie die Prinzipim des Sozialismus wahren und bei allen taktischen Maß­nahmen das Interesse der Partei zu fördern bestrebt sind.

D« .Vorwärts' widmet heute dem Offenburg« Parteitage der badischen Sozialdemokraten und dem Mainzer Parteitage bet Hessen einen langen Lett- artikel, worin er mit ben Genossen Kolb und David scharf tns G«icht geht, den „Disziplinbrnch" schwer rügt und sanft drohend schließlich schlecht: »In Magdeburg, nicht in Offenburg, fällt die Ent­scheidung. Und da wird's sich zu zeigen haben, welchen Wert die vielen Beteuerungeu des Vorsitzenden Dr. Frank haben, daß die badischen Genossen im Rahmen der deutschen Gesamtpartet bleiben wollen, daß sie festhalten wollen an d« Parteieinheit."' — Trotz dieser Mahnung wird d« sozialdemokratische Parteitag das längst gewohnte Bild größter Uneinigkeit bieten. ।

Kuriose Dinge ans dem „Uluftertanb" Baden brachte vor einigen Tagen der ,Badische Beobachteick zur Sprache. Gegen Schluß des Landtages äußerte er sich nämlich darüber, wie der Landeskommiffar von Konstanz, Geh. Regierungsrat Gross ans bet für atme, ab« talentvolle, junge Männ« bes Seekteises bestimmten Merkschen Stiftung, in deren Aufsichtsrat « überdies ben Vorsitz führte, stch selbst 500 Mk. als Reisebeihilfe für eine im Namen bes Deutschen Schulvereins nach Osteuropa unternommene Reise habe bewilligen laffen. Staats- minister v. Dusch gab bamals bei Besprechung m ber Zwesten Kammer ben Sachverhalt zu; « machte zur Entschuldigung lediglich das Herkommen geltend und versprach Abhilfe für die Zukunft. Dem gewiß berechtigten Verlangen nach Rückzahlung des Be­trages an den Stiftungsfonds scheint ab« bisher nicht entsprochen worden zu sein, denn der »Beobachter* bringt jetzt die Sache nochmals in aller Ausführlichkeit vor und stellt, die weitere Behauptung auf, daß Groos trotz eines Gesamteinkommens von über 13000 Mark auch schon vom Flotten- und Schulv«ein erhebliche Bei­träge zu seinen Reisen wied«holt liquidiert und be­zogen habe. Unter den aus der Merkffchen Stif­tung schon früher zu Unrecht und zum Schaden unbemittelt« Bewerb« „Bedachten" hätten sich außerdem Professoren, Aerzte usw. befunden. — Man wird zugeben müssen, bemerkt hierzu di« eifrigste Freundin und Gönnerin d« badischen Regi«ung, die ,Frankf. Ztg.', daß solche Vorkomm­nisse dem Vertrauen der Bevölkerung zu den oberen Gesellschaftsschichten nicht förderlich fein können. — Stimmt! In der liberalen Presse hört man von der Sache nichts. Ja, wenn so etwas in einem nicht liberal regierten Lande vorkäme!

rückkehrm, b« ble Konservativen unb ben gesamten Liberalismus umfaßte, ob« soll man wieder ein Kar­tell bilden, bestehend aus den gemäßigten Konserva­tiven, den NattonaUiberalen und den rechtsstehenden Freisinnigen? Bei allen diesen Vorschlägen leuchtet ab« als Grundgedanke durch, das Z e n t r u m bei der Sammlungspolittk a u S z n s ch ließe n. ,

Jetzt wird wieder in d« „Täglichen Rundschau

ein Vorschlag zur Sammlung gemacht. Das Blckt meint, jede Partei erkenne, daß wir in eine schwere Krisis hineintteiben, und jede werfe der anderen die Schuld an der Verworrenheit und Unersprießlrchkelt der Lage vor. Die Konservativen gefallen sich in ein« wunderlichen Selbstgerechtigkeit, und auf die Haltung der Nationalliberalen wirft die Volksstrmmung der Zug nach links, offensichtlich so sehrein, daß ihre Fuh- r« stch mehr führen lassen, als selbst führen und der rechte Flügel sich jedenfalls der Opposition begeben hat, da « seine Annäherungspolitck an die Konser­vativen nur unter Gefährdung der Einheit der Parte: durchführen könnte. Das Volk aber treibt »eiter in eine Verärgerungsstimmung hinein, die in der Weisheit gi­pfelt: .Es geschieht b« Regierung ganz recht, wenn das deuffche Volk durch die Sozialdemokratie Schaden leidet. Warum hat sie die Zertrümmerung des Blocks unb die Reichsfinanzreform unb bie blau-schwarze Mehrheit zugelassen?' Das Blatt meint bann weiter, von ber Regierung werde die Entwirrung der Lage kaum kommen, und es wendet sich deshalb an die Konservativ«, von denen allein die Nettnng kommen könnte Die Konservativen sollten den Block mit dem Zentrum kündigen unb einen Antrag auf Einführung ber Erbschaftssteuer selbst einbringen, und zwar so rechtzeitig, daß hierdurch noch vor dm Neuwahlen eine Verständigung mit ben früheren Block­parteien möglich wäre. So tote wir ble Konservativen kennen, glauben wir, werben sie diesen Vorschlag kalt­lächelnd von sich weisen, unb nicht nur Ira Interesse ihrer sogenannten .agrarischen" Polittk, sondem auch im Interesse des Mittelstandes. Hat doch auch die Südwestdeutsche Wlrtschastszeitung", die amttlche Wo­chenschrift der Handelskammer Saarbrücken, vor kur­zem die Ablehnung der Erbschaftssteuer im Reiche als ein großes Verdienst bezeichnet, da durch diese Steuer auch der Mittelstand erheblich in Mitleidenschaft gezo­gen würde.

Also auch mit diesem Vorschläge einer Sammlungs­politik wird es nichts fein. Für baS Zentrum aber ergibt sich aus bera fortwährenden Bestreben ber Mit­tel- unb linksstehenben Parteien, es aus ber Reichs­politik auszuschalten, bie Mahnung, auf ber Hut zu fein. Es gilt, auch die Schwach« und Schwankenden bei der Fahne zu halten, besonders durch die Belehrung von Mund zu Mund. Gewiß ist es ein erhebendes Gefühl, wenn sich bei großen Zentrumsversammlungen hunderte und tausende von Zenttumsanhängem zu- sammenfindm, und wenn die Teilnehmer aus derar- tigen großen Veranstaltungen neue Begeisterung schö­pfen. Die Hauptsache aber, damit das Zentrum aus den Neuwahlen ungeschwächt hervorgeht, ist und bleibt bie Arbeit in ben Organisationen, die dauernde und intensive Aufklärungsarbeit ber Wähler. Das ist für das Zmtrum die einzige unb richtige Samm­lungspolitik.

Deutsches Reich.

* Ein Gegenstück zum Fall Bock wird aus Metz berichtet. Vor etwa 2 Jahren wurde der Lehrer Otto Freistadt von Montigny, im Neben­amt Schriftführer des dortigen liberalen Ver­eins, zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wegen Sittlichkeitsvergehens, begangen an Schulmädchen. Die von ihm eingelegte Revision wurde ver­worfen. Die ganze Zeit über blieb Freistadl auf freiem Fuße; als er neuerdings verhaftet werden sollte, gab er vor, ruhrkrank zu fein. Dor einigen Tagen noch rühmte er sich, ein Mitglied der Staatsanwaltschaft wegen Ver­trauensmißbrauchs zur Anzeige gebracht zu haben. Endlich schien aber das Maß doch voll zu sein. Am Mittwoch wurde er durch zwei Gendarmen verhastet und ins Gefängnis abgesührt. Un­glaublich klingt die Mitteilung, daß ihm bisher zwei Drittel des Gehal-s gezahlt wurden und daß die Gemeinde Monligny sogar die Kosten der Vertretung trug.

Am Ehre und Recht.

3] Roman von O. Elster.

Der Baron grüßte freundlich unb begab sich in das Schloß, während Fritz Born feiner Stube im Jnspek- iorhause zusteuerte, um sich zu bet Fahrt nach bem Bahnhof umzukleiden.

Diese Fahrt war ihm nicht unangenehm, denn der Bahnhof lag an dem hübschen Badeort Althelde, in dem jetzt gerade bie Saison in vollem Gange war. So sah man berat mal wieder andere Menschen, als nur ben alten Inspektor Grupe mit seiner grämlichen Frau unb tuternben Tochter, ober ben roütbigen Pfarrherrn unb ben Schullehrer aus bem großen Kirchdorf Ham­bach, das sich an das Gut anschloß.

Fritz Grupe war mit Selb und Seele Landlvirt. Sein Vater war Oberamtmann unb herzoglicher Do- mänenpächt« gewesen unb hatte sich erst seit einigen Jahren mit einem hübschen Vermögen in bie ©tact zurückgezogen. So war Fritz auf bem 2anbe ausge­wachsen unb hatte das Landleben liebgewonnen.

Aber du lieber Himmel — so ohne jede Abwech^ »ung auf dem Lande zu leben, dazu wat er denn doch noch zu jung, und die Erinnerungen an das Utfhge Stubcntenjahr in Berlin und bas herrliche Einjähri­genjahr bei den Hitsaren ließen ihn doch oftmals nicht in Ruhe unb brachten fein Blut in Wallung.

Deshalb konnte man es ihm auch nicht verbenken, baß er bie Fahrt nach Altheide mit Freude begrüßte und den Wagen so zeitig anfpanncn ließ, daß er sich im Kurgarten ein wenig umsehen konnte, ehe er zuin Bahnhof fahren mußte.

Im Uebrigen war Fritz Born, oder Frcdy, wie ihn seine zärttiche Mutter nannte, ein hübscher junger Mann mit blondem Kraushaar, einem kleinen kecken Schnurrbart, zwei lustigen und doch treuen, blauen Augen und einer schlanken, kräftigen Figur, auf der jedes Auge mit Wohlgefallen ruhen mußte.

Der alte Inspektor Grupe brummte, als er von der Fahrt hörte.

> „Was fällt denn dem Baron ein, Sie mitten in der Heu-Ernte fortzuschicken? Der neue Volontär könnte

auch wohl ohne Sie ben Weg nach Hambach finben — ich weiß überhaupt nicht, was wir mit biesem neuen Volontär hier sollen?"

„Aber, Papa, es ist boch sehr angenehm, wenn sich unsere Gesellschaft hier vergrößert," meinte Tina Grupe mit einem gegierten Lächeln. „Wir finb ja hier so wenig junge Leute."

„Rechnest btt dich mit deinen fünfunddreißig Jah­ren etwa zu den jungen Leuten?" fragte der Inspek­tor ziemlich unartig.

Fräulein Tina setzte eine Schmollmiene auf, und Fritz Born entfloh, um nicht Zeuge ber weiteren Aus­einandersetzungen zwischen Vater unb Tochter zu fein. Er kannte ja biefe Auseinandersetzungen zur Genüge, fanden sie boch fast regelmäßig währenb des Mittags­mahles statt.

Die beiden Füchse trabten lustig auf der Chaussee dahin. Fritz steckte sich eine Zigarre an unb sah mit jufriebenem Lächeln nach ben Wiesen hinüber, auf denen sich bie Leute im Schweiße ihres Angesichts bei bem Heumachen abrackerten.

Plötzlich ruckte feine Hanb in bie Zügel, daß bie beiben Füchse unruhig bie Köpfe warfen.

„Ruhig, Fuchs — ruhig, Iltis" — besänftigte er bie jungen feurigen Pferbe, bie jetzt auch in Schritt verfielen unb bann ftillstanben, nur bie freien Ohren hin- unb herbewegend.

Fritz erhob stch von seinem Sitz unb schwenkte sei­nen Hut empor.

„Grüß Gott, gnäblges Fräulein!" rief er. „Ich fahre nach Altheibe . . . aber nehmen Sie sich doch in acht!"

Doch die Wamung kam zu spät. Die jugendliche Retterin auf bem kleinen kräftigen Doppelpony hatte schon ben Sprung über ben Straßengraben gewagt unb hielt jetzt neben bem Jagbwagen.

„Wohin fahren Sie?" fragte sie erstaunt.

„Nach Altheide."

„Zum Vergnügen?"

„Teils bieferhalb, teils anßerbem. Ich soll ben neuen Volontär abholen."

„Ah, bas Ist schänblich von Papa," eiferte Erika, benn biefe war bie kühne Reiterin. „Er hat mir boch

versprochen, mich mit nach Mtheide zu nehmen, wenn er ben schönen Stanislaus abholte."

„Den schönen Stanislaus?"

„Nun ja, ben Herrn von Pcokowski, ben neuen Volontär."

„Ist er benn so schön?"

„Das weiß ich nicht. Ich nenne ihn nur so. Das ist mir auch ganz egal. Aber bas ftnbe ich sehr unrecht von Papa, mir nichts baöon zu sagen, baß Sie nach Altheibe fahren. Hätte ich das gewußt, wäre Ich nicht nach ben Wiesen hinausgefahren."

„Sehr schmeichelhaft."

„Bilden Sie sich nur nichts ein. Ich hab s nur getan, um Miß Bayley zu ärgern. Aber um Papa zu ärgern, sollte ich jetzt mit Ihnen nach Altheide fahren."

„Aber das geht doch nicht, Fräulein Erika."

„Weshalb nicht?"

„Wir beide allein — und dann der schöne Stanis­laus?"

„Ja, ja, da haben Sie recht. Aus Ihnen machte ich mir nicht viel, wir sind ja alte Bekannte, aber dieser He« von Prokowski könnte stch etwas einbilden. Na, dann fahren Sie nur allein und grüßen Sie Altheide."

„Danke — werbe es bestellen."

Erika toanbte ihr Pferb, sprang toteber über ben Graben unb galoppierte bie Wiese entlang, ohne sich noch einmal nach Fritz Born urazusehen.

Allerliebst sah bas junge Mäbchen aus in bem kurz« Reitkleibe, ber Hellen Bluse unb bem einfachen weißen Strohhut, unter bem das goldbraune Haar hervorflatterte. Und wie sicher sie in dem Sattel saß und die Heine Bestie von Pony in dem Zügel hielt!"

Man konnte es wirklich Fritz Born nicht ver­denken. baß er ihr so lange nachschaute, bis sie hint« den Hecken verschwunden war, unb bann nachbenklich« seine Fahrt nach Mheibe fort setzte.

Er hätte kein vierunbzwanzigjähriges Herz in ber Brust haben müssen, wenn es cmbers hätte fein sollen.

Doch bann reckte « sich empor. „Mach' keine Dummheiten, Fritz," schalt er sich selbst. „Erstens ist sie ble Tochter beines Prinzipals, ber blr mit freunb* sichern Vertrauen entgegengekommen ist, unb zweitens

ist sie Baronesse von Hambach-Walbstätten unb bie hei­ratet keinen einfachen Fritz Born, Hofverwalter unb Vizewachtmeister ber Reserve. Also Schluß — unb Kopf hoch!"

Er ließ bie Füchse bie Peitsche fühlen, bie einen Sprung vorwäfts machten, baß Christian, ber fünf­zehnjährige Stalljunge, der ben hinteren Sitz bes Wagens einnahm, beinahe einen Purzelbaum geschla­gen hätte.

Altheibe war in ein« halben Stunbe erreicht. Bli zur Ankunft bes Zuges war eS fast noch eine Stunbe; so konnte Fritz noch einige Male burch ben Kurgarten schlendern, wo bie Musik gerade begonnen hatte, unb auf ber Terrasse des Kurhatels eine Tasse Kaffee zu sich nehmen.

Er reichte Christian bie Zügel, ber bie warmge­wordenen Füchse langsam auf- und abfahren sollte, sprang von dem Wagen, stäubte sich etwas ab und be­trat ben Kurgarten, in bem eine elegante Menge pro­menierte.

Die Augen mancher jungen unb alten Daem ruhten mit Wohlgefallen auf bet schlanken Erscheinung des jungen Mannes, bem man ben einfachen Hofverwalter nicht ansah, sonbern ben man eher für einen jungen, wohlhabenben Gutsbesitzer ober einen Offizier in Zivil halten konnte.

Wenn Fritz trübe Gedanken gehabt hatte, so ver- schwanden sie hier rasch. Die Musik, der Anblick der eleganten Damen, bie freundlichen Blicke, bie ihm zu- flogen, bas ganze bunte, bewegte Hin unb Her eines fashionablen Babeortes vertrieb rasch bie trüben Ge- banken unb in behaglicher Stimmung ließ er sich an einem ber Heinen Marmortischchen auf b« Kurterrasse nieder, eine Tasse Kaffee bestellend.

Vergnügt schaute « sich um.

An einem Nebentische saßen eine junge, über­elegante Dome mit rotem, scheinbar gefärbtem Haare, geschwärzten Augenbrauen unb gepuberten Wangen unb ein blasser, schmächtiger, hochaufgeschossener, schwarzhaarig« junger He« im korrektesten Bieber- meieranzug, welcher Sill soeben wieber mobern zu werben begann.

(Fortsetzung Mat)