Einzelbild herunterladen
 

M 193.

Donnerstag den 25. August 1910.

37. Jahrgang.

* fuldaer W Leitung *

2. Blatt.

vrnck wib Verlag der Zuldaer Ltllenbruckrrel iw Jutta.

A. C. Zölibat «n- christliche Sitt­lichkeit.

Es ist für die sozialdemokratische und freidenkerische Presse zur besonderen Spezialität geworden, die ganze '.inU Rerte Welt nach Priesterskandalen zu durchschnüf. !ln uÄ solche mit einem' widerwärtigen Pathos sttt- licher Entrüstung breitzutreten. Wo irgendwo in der Welt ein unglücklicher Mensch tm Pnesterrock sich ein Vergehen hat zu schulden kommen lassen, gleich iubeln- des Hohngeschrei aus der ganzen Lmie. Bald mar- schiet de/Mester in der sozialdemokratischen Presse Ms als der unglückliche Mensch, der, Von der Liebe Allgewalt ergriffen, in den grausigen Banden wider­natürlicher Menschenfatzungen schmachtet^, bald als das Scheusal, das vor dem widerwartrgsten Verbre­chen nicht zurückschreckt". Daneben tischt diese Presse ihrem urteilslosen Publikum mit besonderer Voürebe novellistische Erzeugnisse eines Ganghofer und anderer s„ Volkskünstler" aus, in benen der „sittenlose Pfaffe bie Hauptrolle spielt.

Wir beklagen mehr und ehrlicher als die sozlal- beniokratischen Herrschaften derartige traurige Verir» rimgen einzelner, die dem Stande der katholischen Priester nicht zur Ehre gereichen. Wir haben an jsich auch keinen Gmnd, eine Vertuschung derartiger Skandale zu wünschen. Aber wir bestreiten mit allem Nachdruck der sozialdemokratischen Presse das Recht zu ihrer „sittlichen Entrüstung". Hinter ihrem Bra­marbasieren steckt nämlich nicht etwa der ehrliche Ge- ,danke, Mißstände zu bekämpfen, sondern lediglich die boshafte Absicht, die Gesamcheit der katholischen Prie­ster beim Volke in Mißkredit zu bringen und ihm da­durch die Religion selbst verächtlich zu -machen. Wollten bie Herren wirklich sittliche Miß- stänbe ausfegen, so könnte man sie höflichst einlaben, zunächst gefälligst vor brr eigenen Türe zu kehren; ba Labe es sittlichen Schmutz genug zu bekämpfen. ' Das Christentum fordert vom Men- chen Persönlichkeitskultur Weil es uns M int Menschen „das Fleisch gelüstet wider si»en (Seift und das der Mensch durch Unterwerfung ^iter das Gesetz des Fleisches seine Persönlichkeit, seine Mcre Würde verlieren, sein Lebensglück zerstören und m Bedrohcr der menschlichen Gesellschaftsordnung gerben würbe, deshalb fordert es, daß der Mensch durch Arbeit, Selbstverleugnung, Abtötung, die Herr­schaft des Geistes über den Leib und die sinnlichen Griebe des Fleisches sich erringe. Dem Christentum nur derjenige wahrhaft Mensch, der kämpft und ingt mit den niebem Gelüsten. „Wachet und betet -amtt ihr in bet Versuchung nicht fallet!" ist ein Wort Zesu Christi.

Es gibt nun im Menschen keine stärkere Triebkraft als diejenige, welche auf Bcfttedigung der Sinnenlust gerichtet ist; es gibt aber auch keine, deren zügellose Befriedigung mehr Verwüstung im Einzelmenschen und M der menschlichen Gesellschaft anrichtet als gerade • viefe Deshalb hat zu allen Zeiten die Kirche es als eine ihrer größten Aufgaben angesehen,, die Menschheit pur Selbstbeherrschung anzuleiten und zur Bewahrung standesgemäßer Keuschheit. Zu allen Zeiten hat eS tibcr auch Menschen gegeben, die behaupteten, das sei ein zu schweres Gebot, es sei unmöglich, standesgemäß ^usch zu leben. Damit die Menschheit sich nun selbst «berzeugt, daß dies wohl möglich ist, ja daß es eine seichte Bürde ist für den, der guten Willens ist, der im |Se6ct und in der Arbeit seinen Schutz und seine Le- -ensfreude sucht, hat sie ihren Priestern die vollkom­mene Keuschheit zur Pflicht gemacht.

Ist dar vielleicht Vergewalttgung der Menschen- vatur? Wer sich zum Priestertum entschließt, muß sich tariiber klar sein, daß sein Leben ein Opferleben ist, ein Leben der Hingabe an den Beruf; daß er sich nicht Mehr selbst anzehört, sondern dem Herrgott und dem christlichen Volle; daß sein sittlicher Wandel eine stän- bige Predigt christlicher Ideale ist, sein Sorgen und Muhen dem christlichen Volke und feinenMühseligkeiten „,nd SämDfer. angehört. Der Priester soll deshalb m sich selbst die christliche Selbstbeherrschung in mög­lichster Reinheit und Höhe ausprägen: das ist der Sinn des Zölibats.

Tun die Priester das? Wer ehrlich ist, muß sich gestehen ,daß der Priestersland an Arbeits- und Opfer» tcube von keinem andern Stande übertroffen wird. Wer ehrlich fft, muß gestehen, daß das heutige soziale Leben von der opferfreudigen Arbeit der Priester ge­

waltige Förderung erfahren Gat. Wer ehrlich ist, muß gestehen, daß bie Priester in ber selbstlosesten Weise wirken und arbeiten für biejenigen, benen sie in freubb gern Idealismus ihr Leben gewidmet haben. Nur boshafte und sittlich ttefftehende Menschen ernennen das nicht an.

Kann auch ein Priester fallen? Einer, der die Wachsamkeit vergißt, die Arbeit vernachläffigt, das Ge­bet nicht recht pflegt? Ja, ist denn der Priester kein Mensch mehr? Gewiß, et ist so gut ein Mensch wie andere Menschen auch; er hat auch seine Leidenschaf­ten. Ein Priester, der fällt, ist noch bellagenswerter als ein Laie, der fällt. Er stürzt von einer größeren gei­stigen Höhe herab, well er ein Gottgeweihter war, ein Vorbild sittlichen Lebenswandels fein sollte und diesem Berufe, seiner Lebensaufgabe, untreu wird. Darum sagt schon ein altes wahres Wort: Wer am höchsten steht, fällt am tiefsten.

Und wenn ein Priester gefallen wäre, so wäre es feine Pflicht, durch Buße sich von seinem Falle wie- demm zu erheben. Durch Buße, die mit der Sünde bricht, die rücksichtslos ihren Weg geht Dann könnte auch ein solcher Unglücklicher auf Gottes Verzeihung hoffen.

Wird der Fall eines einzelnen unglücklichen Prie-' stets dem katholischen Volke zum Aergernis werden, wird er dasselbe dazu führen, an seinen Priestern irre zu werden, wenn ein sozialdemokratisches Blättchen auch in den Fisteltönen der höchsten sittlichen Ent­rüstung die Priester beschimpft? Der Züricher Pro­fessor F. W. Förster, bet die Sozialdemokratie aus eignet Anschauung sehr gut kennt, bedauert in seinem Büchlein „Christentum und Klaffenkampf" auf das lebhafteste, daß die sozialdemokratifche Presse zum gro­ßen Teil sich in den Händen von „deklaffierten Bour­geois" sich befindet, b. h. aus deutsch: von v e r k r a ch- ten bürgerlichen Existenzen. Solchen Leu- ten bestreiten wir aber mit allem Nachdrucke das Recht, Sittenrichter über die kacholischen Priester zu fein. Wer Sittenverbefferet fein will, der fange bei sich selber an!

Das katholische Volk aber weiß, daß es auf feine Priester vertrauen kann, und daß seine Priester ihr Leben dem Herrgott weihen zu nichts anderem, als zu freudiger Arbeit Im Dienste der Menschheit. Darum wird es mich den Hetzavosteln nicht gelingen, das Band des Vertrauens zwischen Priester und Volk zu zerreißen.

Deutscher Reich.

K. Eine widerwärtige Hetze und Denun­ziation leistet sich das Organ des Evangelischen Bundes, die Deulsch-evang. Korrespondenz in Nr. 90. Da wird nach der ,Saake-Ztg.' (!) berichtet, daß die Kapuziner in Bochum ein Gymnasialkonvikt für ihre eigenen Zöglinge der OberNaffen geplant hätten, damit diese die Prima des Gymnasiums besuchen und das Reife­zeugnis ablegen könnten. Die ministerielle Er­laubnis dazu fei bereits erteilt. Das bringt nun die Bundeskorrefpondenz in fürchterliche Wut; sie schreibt nämlich:

„Wenn das wirklich stimmt, so wäre mit diesem Wiedererstehen des 1873 beseitigten Konviktswesens eine neue Etappe auf dem Wege zur Ultramontanifierung unseres Volkes erreicht. Klösterliche Konvtkt- erzlehung in und neben den staatlichen Gymnasien; ein besseres Mittel gibts nicht, um die konfessionelle Absperrung der gebildeten katholischen Kreise zu voll­enden und um einen waschecht-mtramontane» Nach­wuchs für das akademische ZentrumSelemenl zu schaffen. Nicht mehr cms seinen eigenen Erziehun gs- anstalten (?) wird, wenn auch dieser Plan gelingt, der Staat fernen Bedarf an katholischen Beamten (!?) zu decken haben, sondern auS klösterlichen Erziehungs- instituien, zumal dann, wenn sich erst an die Gymna- stalkonvikte Studentenkonvikte anschließen, wie voraus­zusehen ist. Hoffentlich bestätigt sich die Mitteilung nicht im vollen Umfang."

Der „friedliebende* Verfasser dieses ans Komische grenzenden Ausfalls verrät wohl einen fürchterlichen Haß gegen kalholische Erziehungs. anstalten, aber auch eine grenzenlose Unkenntnis der Tatsachen, sonst müßte er wissen, daß bereits eine ganze Reihe von Knabenkonvikten besteht, freilich nicht unter „klösterlicher Leitung*. Sollen

denn katholische Eltern, die rhre Kmder m fremde Städte auf die Gymnasien schicken, mc^t mehr das Recht haben, sie katholischen Er- ziehungSinstituten anzuvertrauen, um sie vor den vielen Gefahren, die das Gymnasialleben bietet, zu bewahren? Es ist eine Anmaßung des Evangelischen Bundes sondergleichen, hier den katholischen Eltern Vorschriften machen zu wollen. Dann ist eS in den Augen des Evang. Bundes wohl auch schon „konfessionelle Absperrung, wenn katholische Eitern ihre katholischen Kinder katholisch erziehen oder auswärts in katholische Familien geben bezw. auf katholische Gymnasien schicken?! Nun beachte aber man noch den blühenden Unsinn, der darin liegt, daß die evangel. Bundeskorrespondenz selber zuerst schreibt, die Kapuziner wollten für ihre eigenen Zöglinge ein Konvikt errichten, und dann ausruft: „Wenn dieser Plan gelingt, werde der Staat seinen Be- darf an Beamten aus klösterlichen Erziehungs. Instituten decken müssen." Ra, bis der Staat Kapuziner als „Beamte" anstellt, etwa als Landräte, Regierungspräsidenten oder gar als Minister, wird wohl noch einige Zeit vergehen!

* Die Ergebnisse des ReichshauShaltes für 1909 nach dem Endabschlufse der Reichshaupt­kasse sind im ganzen an ordentlichen Einnahmen, soweit sie dem Reiche verbleiben, 72,6i8,778 Mk. 9 Psg. mehr aufgekommen, während an Minderausgaben 40,618,803 Mark 24 Psg. zu verzeichnen sind. Hiernach waren 126,460,318 Mk. 67 Psg. anstatt der veranschlagten 239,757,900 Mark als Fehlbetrag vorläufig auf die Anleihe zu übernehmen. Das Jahr hat also gegen den Voranschlag um 113,287,681 Mark ungünstiger abgeschlossen.

* Naiionnllibetale und Fortschrittler. Nunmehr haben auch im Reichs tags Wahlkreise Wetzlar-A l- tenklrchen die Fortschrittler ihre fteundnachbat- llchen Gefühle für die Natlonalliberalen durch Aus- stellung eines eigenen Kandidaten bekundet. Die „Na­tionale Kort." ist darüber recht ärgerlich und sucht ihnen zahlenmäßig nachzuweifen, daß sie dazu kein Recht hätten, sondern den Nationalliberalen den Vor- tritt lassen mußten, zumal da eine fortschrittliche Son- derkandidatur zur Ausschaltung des Liberalismus aus der Stichwahl führen würde und nur ein geschlossenes Vorgehen der Liberalen diesen das Mandat verschaffen könne. Die Fortschrittlichen werden sich vermutlich darauf berufen, daß sie vor ztvcmzig Iahten auch schon einmal in die Stichwahl gekommen sind, allerdings nur mit Hilfe der Zentrumspariei. Heute ist übrigens das Mandat noch im Besitze des christlich-sozialen Abgeord­neten Behrens, der es 1907 in der Stichwahl mit 15 319 Stimmen eroberte, während fein nationallibe- raler Gegner 11027 Stimmen erhielt.

)( Gründung eine? kirchlichen Banfonds für dir evanzelische Landeskirche. Bei Gelegenheit des deut­schen Pfarrettages in Königsberg wird sich die Preu­ßengruppe mit einer Angelegenheit zu beschäftigen ha­ben, die nach der „Kreuzzeitung" im höchsten Maße das Interesse nicht nur der Pastoren, sondern auch der Patrone und Gemeinden verdient. Viele ältere Kir­chen und Pfarrhäuser auf dem Lande befinden sich in einem ihrer Bedeutung nicht würdigen Zustande. Aber die berechtigte Sorge, es möchte durch die Aufbringung der nötigen Bangelder in den Gemeinden eine Erbit­terung gegen den Pfarrer heraufbeschworen und dadurch die Herzen gegen Gottes Wort und die Kirche zuge- spettt werden, Ijält die Pastoren zumeist zurück, ener­gische Schritte zu tun. Tatsächlich erscheint es auch als eine Ungerechtigkeit, daß ein Geschlecht die ganze Ausgabe des Neubaues oder der größeren Reparatur tragen und somit das auf6ringen soll, was die vorher- gehenden Geschlechter aufgebraucht haben. Wie kauf­männische Geschäfte alljährlich von ihren Gebäuden und Geräten Abschreibungen vornehmen, so soll auch jede Klrchengemeinde dazu angehalten werden, um nicht plötzlich in arge Bedrängnis zu geraten, wenn ein Ban nicht länger aufzuschieben Ist. Das Volksschul- unterhaltune^gesetz vom 16. Juli 1906 hat im s 16 den Weg gewiesen, wie solches praktisch verwirklicht werden kann, und der Brandenburgische Pfarrerveo- ein hat auf seiner letzten Tagung in Brandenburg den Antrag einstimmig angenommen, bie Preußen-

gruppe möge auf Erlaß eines Kirchengesetzes hinwit- ten, durch welches ben Verpflichteten für Kirchen und Pfarrgebände die Sammlung eines kirchlichen Ban- fonds analog ben Bestimmungen des § 16 des Volks­schulunterhaltungsgesetzes auferlegt wirb. — Auch die katholischen kirchlichen Bebörden bürsten biefen Gedan­ken näher erwägen, da viele Pfarrhäuser, besonders auf dem Lande, wo überall neue Lehrerwohnungen und Forsthäuser erstehen, in nahezu unwürdigem Zu­stande sich befinden.

(*) Deutschlands Bevölkerung betrug Mttte bie- ses Jahres 64 775 000 Personen. Gegen das Voyahr ist das eine Zunahme von 896 000 Personen. Diese Zunahme bleibt, so stattlich sie ist. Immerhin ein we­nig zurück hinter der des voraufgegangenen Jahres, die auf 899 000 geschätzt worden ist .

* * Mainz, 24. Ang. 1910. Die hiesige Handels- kammer beschloß die heffische Regierung aufzufordern, im Bundesrat auf die Ergreifung von Maßnahmen zur Abwehr der Fleischteuerung hinzuwirken.

Ausland.

*♦ Frankreich auf dem Aussterbeetat. Dem „Lu­zerner Vaterland" zufolge weist Leo Leroy-Beautteu, der bekannte ftanzösische Nationalökonom, im „Journal des Döbats" auf die neueste Bevölkerungsabnahme in Frankreich bin. Die'Geburtsziffer betrug 1861 noch 1005 000 und 1866 noch 1006 000 mit einem lieber- schuß von 140 000 bis 160 000 über bie Sterbeziffer. Seit 40 Jahren aber ist bie Million nicht mehr er­reicht worben. 1907 betrug bie Geburtsziffer schon unter 800 000, 1909 nur mehr 769 000. Seit 1890 sind in sechs verschiedenen Jahren in Frankreich mehr Menschen gestorben als geboren worden. Wenn, wie Beaulieu annimmt, dieses Verhältnis bald ständig sein wird, so muß man in der Tat von einem aussterbenden Frankreich sprechen. Von Jahr zu Jahr wird sich die­ses Aussterben beschleunigen. In einem Vierteljahr- hundert wird nach Beaulieu eine weitere Verminde­rung der Geburten um 100 000 zu beklagen sein. Eine ernste Ursache ist nach Beaulien die Schwächung desrel 1 giösenGlaubens, den mehr und mehr zu effticken die unvergleichliche Stupidität der öffent­lichen Gewalten sich hartnäckig abrnüht. Wenn einmal die Bretagne, Vendöe, Loztzre, Aveyron, bie flämischen Bezirke im Norden zur Geistesverfassung der Bour- gogne und der Gascogne gelangt sind, dann Wird Frankreich weiter 40 000 Geburten im Jahre verlie­ren. Nicht allein, wie "man gewöhnlich glaubt, die bloße militärische Macht und das nationale--Ansehen stehen in Frage, das ist erst eine Sorge zweiter Drä­nung, nein, das Fortbestehen der Nation überhaupt. Man kann fagen, daß diese als Be­völkerung aus ftanzösischer Wurzel während eines hal­ben Dutzend von Generationen aufgehört haben wirb, zu existieren.

* Die Untersuchung der Rieseuunterschlagungen bei der S i b i r i s ch e n B a h n hat ergeben, daß bte Lieferanten im Verein mit den Verwaltungsbeamten den Staat um über 50 Millionen Mark betrogen haben.

21ns dem Nachbargebiete.

* Hersfeld, 24. Slug. 1910. Eine beachtens­werte Bekanntmachung erläßt der Landrat von Gru- nelius. Im Hinblick darauf, daß nach den Jahres­berichten der Hessischen VrandverficherungSanstalt eine nicht geringe Zahl der Brandunglücke ihre Ent­stehungsursache in dem Spielen bet Kinber m 11 Streichhölzern unb sonstigen Zündstoffen ha­ben, richtet er an bie Kreisbewohner bie dringenbe Aufforderung, die Streichhölzer so aufzubcwahren, daß sie unverständigen Kindern nicht zugänglich sind.

* Kassel, 24. Aug. 1910. Das alte Eisenbahn- Projekt einer direkten Verbindung K a ssel- K ö l n taucht wieder auf. Auswärtigen Meldungen zufolge hat eine private Gesellschaft das alte Strauß- bergsche Projekt, die direkte Eisenbahnverbindung Kas­sel-Köln, wieder aufgenommen und will dasselbe in Gestalt einer elektrischen Vollbahn zur Ausführung bringen. — Der hiesige Magistrat hat beschloffen, daß die städtischen Beamten und Lehrer ihren Wohn­sitz in derStadtzu nehmen haben. Ausnahmen werden nur widerruflich bei nachweisbarem Interesse und unter der Voraussetzung zugelassen, daß ber Dienst nicht barunter leibet. — Eine rohe Tat ließ sich

Um Ehre und Recht.

1] Roman von O. Elster.

I.

„Also es bleibt babei, wit lassen ben Jungen Mann kommen", sagte Frau Baronin von Hambach in ent­schiedenem Tone und fegte den Brief, den sie eben 'ge­lesen, mit einer energischen Bewegung auf ben Früh­stückst ifch zurück.

„Ja — aber liebes Kind," wagte Baron Ham­bach einzuwerfen, „eigentlich weiß ich nicht recht,'was ich mit dem jungen Menschen anfangen soll In der Wirtschaft habe Ich ihn wirklich nicht nötig, bie besor­gen der alte Inspektor unb der Verwalter allein sehr gut Unb hier im Hause Wirb er uns nur genieren."

„Ich weiß nicht, Erich, Ivie eS kommt, baß du mir in letzter Zeit immer widersprichst."

„Aber Schatz,"

„Nun ja — und mir jede Keine Freude miß­gönnst . . .'

„Aber baS tu ich gar nicht, Adelheid! Sei doch gerecht. Wmn es dir wirklich Freude macht, den jungen Ptokowski — verteufelter Name — aufzuneh­men, so habe ich nichts dagegen. Ich meinte nur, daß dein junger Schützling sich hier enffetzlich lang­weilen dürfte."

„Du vergißt, baß er in bie Landwirtschaft einge­führt werben soll."

„Hm , , *

«.Es macht mir allerdings Freude, meiner Jugend- Freundin einen Dienst leisten zu können, jetzt, wo sie junverschulbet in das Unglück geraten ist."

„Hm „, ."

• „Ober zweifelst bu baran, baß das Unglück unver- chuldet übet sie hereingebrochen ist? — Julie von halt im, mit der mich in der Pension die engste Freund- chafi verband, verheiratete sich sehr jung an Arthur >on Prokowski, der zuerst Offizier und bann Guts­besitzer in ber Provinz Westpreußen war. Du erin- terft dich doch, daß ich sie einmal auf ihrem Gut be- ucht habe , .

„Ja — vor fünfzehn Jahren. Seitdem haben wir nichts mehr von deiner Freundin gehört, bis auf die jetzige Korrespondenz, die uns meldet, daß das Gut des Herrn von Prokowski feit zehn Jahren ver­kauft ist, daß die Prokowskis nach Berlin gezogen sind, daß Herr von Prokowski fein Vermögen ver­loren hat und bann gestorben ist, feine Witwe mit einem Sohn unb einer Tochter in bedrängten Ver­hältnissen zurücklassend. Jft's nicht so?"

„Allerdings — und daß der Sohn Stanislaus ein schwächlicher, reizbarer junger Mann von fünfund­zwanzig Jahren ist, für den meine Freundin einen ge­funden Aufenthalt auf dem Lande sucht, wo er sich zugleich in ber Landwirtschaft ausbilden kann. Da Julie aber nicht in der Sage ist, für ihren Sohn eine Pension zu zahlen, so . . ."

„So bittet sie uns, ihn als Volontär auszunehmen. Nun, meinetwegen, lieber Schatz! Ich bin einver­standen. Man kann es ja mit dem jungen Mann ber- fudjen, man ist ja nicht mit ihm verheiratet."

r.tr- , ?a<$te Herr von Hambach gemütlich auf, schlürfte feine Tasse Kaffe unb zündete sich eine Zi­garre an.

., "3$ b‘5. Glich-" entgegnete die Baronin

wurbebofl. „Du bist doch immer noch ber gute, ge» iallige Mann."

, r “ja," lachte bet Baron. „Vor kurzem gönnte ich bir keine Freude mehr."

„Leg' bie Worte nicht auf die Wagfchale Wir sind boch immer noch gut miteinander ausgenommen "

„Ja, wenn ich nachgab," schmunzelte der Baron mit ironischem Lächeln. „Doch genug, Addi — schreib' nur an deine Julie, und laß den Herrn Stanislaus bon Prokowski kommen. Wir werden ja sehen, was Wir aus ihm machen können. — Aber Wo zum Kuckuck steckt denn Erika? — Das Mabel treibt sich wohl schon im Pack braußen umher?"

„Wahrscheinlich — da höre ich eben Bella — ba kann Ercka nicht weit fein.'

In bem Pack, ber sich vor ber Verandatreppe mit feinen Blumenbeeten, großen Rasenplätzen, Buschwerk unb hundertjährigen Bäumen ausbreitete, erscholl ein lautes, lustiges Gebell und bann rief eine fröhliche

Mäbchenstimme: „Hierher, Vella! Willst bu wohl bie Schwäne in Ruhe lassen?"

„Aha, sie ist mit Bella am Teich, —" sagte bet Baron lächelnd. „Das Blitzmädel weiß doch, daß ich sie gern am Frühstückstisch sehe! Und nun streift sie im Garten umher. Na, warte, du Reiner Zigeu­ner!"

„Da ist sie!" rief die Baronin. „Mein Gott, wie das Mädchen aussieht?"

Den schattigen Hauptweg entlang, der gerade auf bie Veranda des Schlosses zuführte, kam eine jugend­lich schlanke Müdchengestatt gelaufen, begleitet von einem großen, schönen, langhaarigen, braun- und weiß, gefleckten Jagdhunde, der bellend cm ihr emporsprang.

Das junge Mädchen trug ein einfaches, weißes Sommerkleid von Waschstosf; die Schifferbluse mit dem blauen Kragen ließ den schlanken Hals frei; ber Rock reichte kaum bis zu den zierlichen Knöcheln. Sehr sauber und gesteift war das Kleid auch nicht mehr, cd zeigte vielmehr deutliche Spuren des Herumstrelsens in dem vom Tau noch nassen Garten.

Lichtbraunes Haar, das in der Sonne wie flüssi­ges Gold glänzte, umwallte in aufgelösten Locken das zierliche Köpfchen.

Da? reizende Gesichten mit ben luftigen blauen Augen unb den lachenden roten Lippen war von bet Sonne gebräunt unb zeigte eine so gefunbe Färbung, daß der Gedanke an Bieichsucht und Blutarmut — diese Attribute junger Damen von 17 bis 18 Jahren gar nicht aufkommen konnte.

In den Händen hielt Erika — denn niemand an­ders war es, cllS das Töchterlein des Barons Erich von Hambach — eine Fülle von Rosen, die es lachend dem Herrn Papa über ben Kopf schüttete.

„Aber Erika!" — zürnte bie strenge Mama.

Aber ber Papa schüttelte lachend die Rosen ab, ergriff bann fein Töchterchen, das rasch entfliehen wollte, beim Ohrläppchen und zog sie mit sanfter Ge­walt zum Frühstückstisch.

„Hier geblieben, bu Heiner Zigeuner!" rief er.

„Aber, Papa, du tust mir ja weh," schmollte Erika, „Bella, leib es nicht."

Bella sah zWeifelnb zu feinem Herrn auf, aber ba

er es doch nicht wagte, angrelfenb gegen biefen vor­zugehen, fing er an laut zu bellen.

„Mein Gott, welch ein Lärm", sagte bie Baronin. „Wann werdet Ihr endlich vernünftig werden?"

Der Papa ließ fein Töchterchen los und dieses um« armte die Mama, sie auf beide runde Wangen küs­send.

"Es ist gut," wehrte diese ab. „Nun setze dich unb frühstücke. „Wo warst bu benn?"

„Ja, wo warst du Zigeuner?" fragte der Baron sich wieder in seinen SessÄ setzend unb die Zigarre von neuem anzündend.

„Mein Gott, wo ich war?" entgegnete Erika achsel­zuckend, eine dicke Weißbrotscheibe mit Butter sttei- chend und herzhaft hinelnbeißend. „Im Garten — auf dem Hof — auf der Wiese — ihr steht ja so furchtbar spät auf, daß ihr euer halbes Leben ver- schlaft"

„Nanu", sagte der Baron belustigt. „Seit einer Stunde sitzen wir hier und warten auf dich. Es ist doch eckt halb neun Uhr."

„Ja, und ich bin um 6 Uhr aufgestanden unb bin auf der Wiese hinter dem Pack gewesen, wo Heu gemäht wird. Das duftet herrlich! Und Herr Born sagte, daß cs dieses Jahr eine brillante Heu-Ernte geben würde."

„Unterhältst bu dich mit Herrn Born öfter über lcmdwickschaftliche Verhältnisse?" fragte Herr von Hambach lachend.

„Ich interessiere mich doch nun einmal furchtbar für die Landwirtschaft," entgegnete Erika und tränt ein großes Glas Milch aus.

„Das ist ja sehr schön," meinte der Baron, die Asche seiner Zigarre aufmerksam bettachtend, „aber du kannst dir deine landwirtschaftlichen Belehrungen lie­ber von dem alten Inspektor Grupe einholen, als von dem Verwalter Born."

„Weshalb, Papa? — Der Inspektor ist so lang­weilig und seine Ansichten sind doch sehr veraltet, sagt Herr Bom."

„So — sagt das Herr Born? — Nun, dann will ich Herrn Born einmal meine Ansichten sagen, viel­leicht findet er die moderner." (Forts, folgt.)