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Rotationsdrncknnb Verlag der Luldaer N* SendruSerei in Fulda Jernfprecher Ur. 9.

M 192. Erstes Blatt.

Fulda, Mittwoch den 24. August 1910.

37. Jahrgang.

57. General-Bersanrmlung

-er Katholiken Deutschlands in Augsburg

X Augsburg, 23. Aug. 1910.

Dritter Tag — Dienstag.

Der Dienstag wurde eiugeleitet durch eine Männerwallsahrt vo7N Dom zum Grabe des hl. Ulrichs mit Predigt und Pontchlalmesse. Es nahmen daran zahlreiche Besucher des Katholiken­tages teil.

Um 10 Uhr wurde bte

Generalversammlung des Bolksvereins in der Festhalle

eröffnet. Die Beteiligung war wie bei allen Versamm­lungen sehr gut Die Verhandlungen wurden eröffnet durch

Fabrikbesitzer Brandt» (M-Gladbach), der dir ge­schichtliche Entwicklung des VolksvereinS darlegte und mit Genugtuung die Steigerung der Mttgliederzahl aus 650000 hervorhob. Er würdigte dann die ver­schiedenen vom Volksverein geschaffenen Einrichtungen, insbesondere die Lehrkurse und konnte mit Recht sagen: wehe, wenn diese Arbeit nicht geschehen wäre! Durch die Volksvereinsarbeit soll der Nachweis erbracht wer. den, daß aus dem Boden echter Religiösttät em volles Kulturleben erblühen kann, reiner, edler, stetiger und volksbeglückender, als es der Unglaube und die sogen, modernen Kulturbestrebungen je zu schaffen vermögen. Ja, ohne Ueberhebung dürfen wir auch sagen: eine nicht geringe Zahl deutscher Männer wäre in die sozialistischen Netze geraten, wenn nicht der Volks- verein durch Ausllärung über den wahren Charakter der sozialistischen Bewegung und durch ^örberung der wirtschaftlichen Berufsorganisationen em wirksames Gegengewicht geschaffen hätte gegen bie sozialistischen Organisationen. Der Rebner schloß: Noch ein Wort zur Klarstellung. In seiner ganzen sozialen Tätigkeit hat der Bolksverein stets daran fest gehalten, baß bie Arbeit an ber wirtschaftlichen Hebung unseres Volkes nicht unmittelbare Sache berKirche ist, welche übernatürliche Aufgaben zu erfüllen tinf Dagegen bezeichnet bet Volksverein es als '4. , .icht aller Katholiken, bie ihre Kirche lieben, in energischer, wirtschaftlicher Arbeit auch den Ein­fluß und die Macht zu erstreben, um ihre Kirche, wo es nötig ist, gegen Unbilden zu schützen. Sie sollen imstande sein, der Küche auch ourch materielle Mittel die Lösung ihrer eigensten Auf- iabe zu erleichtern, die dahin geht, der Welt den ^iauben und die Segnungen des Christentums, die christliche Ordnung in der Gesellschaft, christliches Denken und Handeln und somit die Achtung vor der kirchlichen und staatlichen Autorität zu erhalten. Wir dürfen es uns nachdrücklich verbitten an­gesichts einer Fülle von katholischem Geiste getragener sozialer Arbeit und unermüdlicher Verteidigung von Religion und Kirche, daß weltfremde Grübler und Eiferer unsere strengkirchliche Gesinnung und unsere totreite Stellung zur Kirche und zur kirchlichen Autori­tät in Zweifel ziehen. ^Beifall.) Wir werden unbeirrt auf dem bewährten Wege in die weiteren Jahrzehnte eintreten. Zur Mitarbeit rufe ich vor allem unsere katholische Jugend heraus, bie anwesende und ab­wesende: Lernet, treu Euren christlichen Idealen, den Wetterstürmen der Zukunft trotzen, wie wir Alten den Stürmen der Gegenwart widerstehen. (Lebhafter ®ei« ’faa.)

Der Hochw. Herr Bischof von Augsburg, Ritter v. Lingg, von der Versammlung stürmisch begrüßt, richtet an die Versammlung etwa folgende Worte: Ich habe jetzt böse Tage, ich möchte überall dabei fein, leider kann ich das nicht. Als ich aber hörte, der Bolksverein habe Versammlung, da habe ich mir gesagt: da mußt du dabei fetnl (Lebhafter Bestall.) xcr Bolksverein fördert die Schulung und Hebung unseres Volkes in sozialer Hinsicht auf christlichem Boden. Wenn jedermann seinen Katechismus voll­ständig verstände und ins Leben übersetzen würde, dann brauchten wir keinen Volksverein. (Lebhafte Zu- unnung.) Infolge der durchgreifende» Aenderungen,die . e neueren Zeitläufe gebracht haben, braucht dieser Buch jedoch einen Kommentar, der ausklärt und ausweckt, und diese Aufgabe hat sich der VolkSverein gestellt. Darum betrachte ich als Bischof alle Mitglieder deS Vereins als Mitarbeiter; sie sind Prediger und Kate­chisten, jeder auf seinem Posten, sie üben Laienapostolat und Laienmijsion (Bravo), und darum bin ich hierher gekommen, um zu danken und um zu bitten: Ver­lassen Sie uns Bischöfe nicht, wir werden Sie auch nicht verlassen. (StürmischerBeffall.) Wenn wir so zusammen arbeiten» bann wird ber Segen von oben kommen.

Die Versammlung empfängt hierauf den bischöf­lichen Segen.

Direktor Dr. Brauns erstattet sodann den Jahres­bericht. Danach zählt ber Volksverein im Juni 1910 653 G0 Mitglieder, Zunahme seit Jahresfrist 28 000. Die Zentralstelle verfügt über 18 literarisch und rechnerisch tätige Beamte. Das technische Personal hat eine Ver­mehrung von über 70 Arbeitern und Beamten er- fahren. Die Bezirlsorganisation konnte in etwa 20 Bezirken neu eingesührt, in anderen verbessert werde». Um die Vereinsarbeit zu vertiefen, wurden bie Kurse spezialisiert für bestimmte Jntereffenteukretse. Hand in Hand bmnit ging der Vertrieb entsprechender Zeit- sthristen. Um die Eltern zu bewegen, der Jugend, fürsorge vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken, wurde dieses Thema speziell aus vielen Bolksveremstonferenzen und Versammlungen behandelt. Ferner n>uibe ®enna;t gelegt auf die Vertiefung der staatsbürgerlichen Schu­lung, sowie der apologetischen Kenntnisse. So wurde» allein zur Ferrerbewegung 22000, zur Fretdenker- beroegung 62000 volkstümliche, billige Schriften ver­trieben. Die Bestrebungen einer sozialen Jnterelfierimg bet gebilbeten Katholiken während ihrer Studienzeit haben sich bewährt. Die soziale Literatur bes Bolks­vereins würbe roieber erheblich vermehrt. Insgesamt würben 20 Millionen 700000 Schriften vertrieben. Ihre Gesamtzahl beträgt feit 1893 143‘it Million. Die Zahl bet Volksvereinsvetsammlunge» dürfte 5000 er­reicht haben.

Im Anschluß an den Jahresbericht führt bann Direktor Braun» aus: Man hat die Volks- vereinsarbeit bezeichnet aI8 Katholizismus bes Tat. Wir betrachten das all einen Ehrentitel, aber der Bolksverein ist auch eine Abwehrorg anifation gegen diejenigen geisti­gen Strömungen, welche den positiven christlichen Glau­ben ablehnen und damit das Fundament unserer Ge- iellschaftsordnung unterwühlen. Seine Kraft verleiht Dem Volksverein die positive Arbeit auf den ver­schiedensten Kulturgebieten. (Beifall.) Dadurch un- terfcheidet er sich vorteilhaft von manchen Organisatio- in andern Lagern, so insbesondere von ber Sozial­

demokratie, die ihre Kraft in verneinend unfruchtbarer Kritik sucht. Unser Volksverein hat diese positive Ar­beit geleistet in Uebereinstimmung mit dem katholischen religiösen Ideal. (Zustimmung.) Es war eine prak­tische Volksvereinstat, daß er das Fundament unseres gesellschaftlichen Lebens zu festigen bemüht war. Er hat, so viel in seinen Kräften stand, den katholi- schen Glauben im Volke vertieft. Er hat das getan durch eine Apologetik, die den Einwendungen des TageS sofort Rede unb Antwort stand. Er hat Waffen geschmiedet, welche die eigentliche Seelsorge im engeren Sinne nicht bieten kann und ist denjenigen Kreisen religiöser Führer geworden, die im Strudel de» modernen Lebens von der intensiven Seelsorge nicht zur Genüge erfaßt werden. Er hat in seinen apologetischen Schriften jene Werte nachgewiesen, die der christliche Glaube gerade für unsere Zeit und ihre eigentümlichen Bedürfniffe hat und dadurch hat er feurige Glaubens- begeisterung in den Massen erzeugt. (Lebhafter Bei­fall.) Diesem Wirken ließ er in reicher Fülle soziale Taten voraufgehen und nachfolgen. Ohne diese wäre der Abwehrkampf gegen den Unglauben und andere zer­setzende Elemente Weniger erfolgreich gewesen. Diese praktisch-soziale Kleinarbett hat uns Führer gebracht, bie den Mut des religiösen Bekenntnisses haben. Sie ist vor keinem Problem zurückgeschreckt und hat alle Fragen des modernen Lebens lvrssenschaftlich und prak­tisch erfaßt und dadurch das Vertrauen der Massen ge­funden. (Erneuter lebhafter Beifall.) Er war be­müht, alle Stände zu gemeinsamer Arbeit am Volks­wohl zu vereinen. Trotzdem wirft man uns vor, daß wir keine nationale, konfessionell-neutrale Grundlage uns gegeben hätten. Wir antwort-n darauf: Hat nicht auch das religiöse Denken und Wollen in seiner konfes- sionell-katholischen Ausprägung großen Wert für Staat und Gesellschaft? (Lebhafte Zustimmung.) Wir be­grüßen es, wenn unsere evangelischen Volksbrüder in gleicher Weise verfahren (Erneute Zustimmung)- Dabei hat der Volksverein die Forderung der christlichen Ord­nung in der Gesellschaft in seinem Statut als Zweck hervorgehoben. Es war das nötig gegenüber der So« zialdemokratie; mit ihrem Wachstum hängt es zusam- men, daß ber Kampf um den christlichen Geist in un­serem Gesellschaftsleben heute mehr noch als früher zum Kampfruf der Massen geworden ist. (Lebhafte Zustimmung.) Der Voltsverein lehnt es ab, mit der Sozialdemokratie zusammenzugehen oder an dem Versuche, sie von innen heraus umzugestalten, sich zu beteiligen, denn nicht in einer organischen Fortent­wicklung der sozialistischen Weltanschauung erblicken wir die Lösung der gesellschaftlichen Konflikte, sondern in der Rückkehr zu den festen ewigen Wahrheiten deS Christentums. (Stürm. Beifall.) Je mehr die soziali- stischen Führer dem Radikalismus auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete aus politischen Gründen zu steu­ern genötigt sind, umsomehr müssen sie suchen im Radi­kalismus nach der veligiös-kirchlichen Seite. Auf einem solchen Felde sollen Früchte wachsen für eine christliche Gesellschaftsordnung? — Nie! (Lebh. Beifall.) Wäve die Sozialdemokratie nur eine Vorkämpferin für per- nünftige Verteilung des Arbeitsproduktes, so würde das sie niemals mit dem Christentum in einen unversöhn­lichen Gegensatz bringen. Wem darum das Christentum mehr ist, als ein bloßer Jenseitstraum persönlicher Phantasie, der kann sich mit der deutschen S o- aialbemolratie nie auSsöhnen. (Lebh. Beifall.) Man kann nicht beides zusammen sein, So­zialdemokrat und Christ und daher heißt eS für uns jetzt erst recht: Vorwärts den alten KurS. (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Diese Parole hat sich bewährt. Sie hat in den Arbeiterkreisen des Vol­kes eine religiöse und soziale Wiedergeburt herbeige- führt. Unser Volk hat die geistige und sittliche Kraft in sich, der sozialdemokratischen Sturmflut zu wider­stehen. Weckt nur überall die Kräfte! Nord und Süd, Ost und West, im katholischen Deutschland soll da sein ein einig Volk von Brüdern, stolz in dem Hochgefühl zu kämpfen für Gott und Vaterland. ^Stürmischer Bei­fall.)

Nach Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten be­grüßt der Präfibent de» Katholikentage» Marx bi» Ver­sammlung unb dankt unter stürmischem Befall namens bet brutschen Katholiken dem Verein für seine Tätigkeit.

Graf Prftalozza-Nürnberg spricht alsdann über dir wirtschaftliche Aufgabe bes Bolks­vereins. «»knüpfend an die moderne Entwicklung des Wirtschaftslebens, bie in einer früher ungeahnten Weife erfolgt ist, weist er barauf hin, baß bamit auch die Aufgabe» bes Volkes, ber Einzelnen sich verändert haben. Die neuzeitliche Entwicklung zwingt zum ge­nossenschaftlichen, gewerkschaftlichen Zusammenschluß. Die wirtschaftliche Schulung bes Volkes ist eine ber notwenbigsteu Ausgaben unsrer Zett. Mit Recht hat die Handwerkergesetzgebung auf bie gründliche Lehr­lings- und Gesüllenausbildung den größten Wert ge­legt, mit Recht sind bie christlichen Bauernvereine dazu übergegangen, Haushallungs- unb anbere Lehrkurse einzurichten. Aber leider ist es immer nur noch ein geringer Prozentsatz, der diese Einrichtungen sich zu­nutze macht. Hier fetzt die aufklärende Arbeit deS Bolksvereins ein. Der Bolksverein fördert die höchst­mögliche persönlich, Berufstüchtigkeit, dir genossrn- schafiliche Selbsthilfe und die Ausnutzung der sozialen Gesetzgebung. Nur so wirb es möglich sein, den mächtigen und großen Schatz neuer Wirtschaftsgütrr bem Volke und vor allem dem katholischen Volksteil zugängig zu machen. Leider gibt es bei uns in Bayern noch Kreise, die den VolkSverein noch nicht richtig würdigen. Wirtschaftlicher Fortschritt, das ist die Auf­gabe des VolksvereinS. Er deschräntt sich aber nicht auf wirtschaftlichen Aufgaben, sondern er weiß, baß auch sie durchdrungen unb getragen werben müssen t>om christliche» Geiste, deshalb schwebt über ihm bas ^”“5 «r verkündet aller Welt, bah nur im Kreuz da- Heil ist. (Stürmischer Beifall.)

RerchS- unb LaubtagSabg. Gröber: Wir besinden uns vor einer wirtschaftlichen Umwälzung ohne gleichen. Dtese^ UmwälMng geht nicht ohne schwere Gefahren vor ssch und sie bleibt infolge bet menschlichen Unzu- länzlichkett nicht immer im Rahmen der Gerechtigkeit und Liebe. Die Gründer deS Bolksvereins haben eS schon vor 10 Jahren ins Auge gefaßt, daß mtt dielet wirtschastlichen Umänderung auch eine religiöse Krisis Hand in Hand gehen würde, und so hat er schon zeitig gesorgt für die nötigen Waffen. Wir haben les mit einer Art Bolkskulturkampf zu tun. Ihre Truppen sind bie bürgerlichen unb bie proletarischen Fteibenket. Die Letzteren sinb an Zahl bie stärksten unb die sozialdemokratische Presse unb ihre Organisation leistet ihnen völlige Vorarbeit. Merk­würdig, daß gerabe bie Arbeiter sich so einem krassen Materialismus zuführen lassen, während sie gerade im Christentum einen Schutz sür ihre Würbe finden. (Lebh. Beifall.) Wenn bas Christentum ausgeschaltet würbe, wie würbe sich ber Arbeiter gegen Mißbrauch, Unrecht unb Ausbeutung schützen können? Gegen biefe neue Bewegung genügt nicht eine einsacke katho­lische Prebigt, sondern es bedarf einer Abwehr­bewegung, unb biefe hat ber Bolksverein mit

glänzenbem Erfolge ins Leben gerufen. (Beifall.) Durch Flugblätter unb Broschüren setzt er die Frei­denkerbewegung in daS rechte Licht. Die Sozialdemo­kratie hat eingesehen, daß sie mit ihrer bisherigen Taktik nicht mehr genug Zugkraft ausübt unb möchte jetzt eine allgemeine Partei werden, eine Weltanschau­ungspartei, natürlich auf materialistifcher Grundlage. Da man mit Wissenschaft ber Masse nicht beikommen kann, versucht man eS zu erreichen mit Skandal- geschi ch ten unb Berleumbungen, unb man schnüffelt überall herum. Wenn ein Priester sich etwas zu schulden hat kommen laffen, so hat er eben nicht nach den Lehren ber Kirche gehandelt, sonbern dagegen. (Lebhafter Beifall.) Was den antiklerikalen Liberalis­mus anlangt, fo wird er bald seine LebenSgeschichte schreiben muffen, denn er ist ber Altersschwäche ver- fallen. Jetzt ist er so weit gekommen, mit benen um Bebel einen großen Linksblock zu gründen, in dem aber nicht er herrschen würde, sondern die Sozial­demokratie. Charakteristisch für ihn ist feine radikale Stellung gegen die christliche Volksschule. Auch hier muffen wir mit einer kräftigen Abwehr antworten. (Beifall.) Unsere Gegner wissen, was fie am Volks­verein haben. Hat doch Bebel selbst einmal gesagt, die Schriften des Volksvereins feien mtt diabolischer Geschicklichkeit abgefaßt. (Heiterkeit.) Leider hat es im eigenen Lager nicht an Angriffen gefehlt. Und was sind daS für Leute, die hinter diesen BerdSchtigun- gen stehen? Irgendwelche Grünschnäbel allerjüngster Güte. (Heiterkeit.) Jrn Kritisieren stark, im Leisten schwach: III b. (Große Heiterkeit.) Aber ich halte es doch für notwendig, zu erklären: Wir, die Mitglieder deS Vorstandes und der Zentralstelle, stehen alle ohne Ausnahme auf dem Boden des katholischen DogmaS unb kirchlicher Korrektheit. (Beifall.) Und ich barf barauf Hinweisen, daß alle unsere apologeti- schen Schriften die bischöfliche Druckerlaubnis tragen. Damit kann ich diese Angriffe und Verdächtigungen als erledigt ansehen. (Stürm. Beifall u. Zustimmung.) Wir werden uns auf dem bisherigen Wege nicht be­irren laffen, und hoffen, das katholische Volk hinter uns zu haben. Im bevorstehenden Kampfe handelt es sich um eine reinliche Scheidung für ober gegen Christus. Wir sinb für Christus. (Langanhaltender stürmischer Beifall.)

Es folgen noch Begrüßungsansprachen des Prof. Roselli-Florenz, Baumderger-St.Gallen und Hilda-Budapest.

Hieraus wird die Sitzung mit einem begeistert aufgenommenen dreifachen Hoch auf den Volks­verein geschloffen. — Schluß nach 1 Uhr.

Bald nach 11 Uhr füllt sich die Konzerthalle im Stadtgarten zu der

geschloffenen Versammlung,

in welcher Regierungsrat Speck präsidiert. Vom Kaiser ist folgendes Telegramm eingelaufen:

„Ich spreche bem bort versammelten deutschen Katholikentag für däS freundliche Gedenken und ber Versicherung treuer Ergebenheit meinen Dank auS. Wilhelm 1.S."

Hierauf wird in die Beratung der Anträge eingetreten. Zunächst werden nach eingehender Debatte vier Anträge angenommen, die sich auf das Missionswesen beziehen. Darin werden die Katholiken Deutschlands eindringlich an die be­deutungsvolle Stellung erinnert, welche die Bekehrung der Hnden in dem Heilswerk der Kirche nach dem Willen ihres göttlichen Stifters entnimmt und er­mahnt, allen Werken, die der AuSbrettung deS hl. Glaubens dienen, tatkräftiges Wohlwollen zuzu­wenden. Der opfervollen und erfolgreichen MifstonS- tätigkeit der Orden und der Vereine wird Dank und volle Anerkennung ausgesprochen. Inder Debatte, an der sich u. a. die Abg. Gerstenberger und Erz­berger beteiligten, wurde besonders daraus hinge­wiesen, daß durch die letzte Katholikenversammlung in BreSlau der Missionsbewegung im Katholizismus ein neuer Impuls gegeben rouroe, daß aber noch sehr, sehr viel geschehen müsse, wenn nicht der Pro- testantismus den katholischen Missionen den Rang ablaufen soll, von den vielen anderen Gefahren zu schweigen. Insbesondere wurde an den Klerus die dringende Sitte gerichtet, durch allseitige Aufklärung deS Volkes, auch der gebildeten Stände, daS Jn- terefle für die Missionen wachzurufen und zu er­halten, besonders in der jetzigen Zeit, die hierfür besonders günstig sei. Besonder- hervorgehoben wurde auch, daß zurzeit die Frage brennend geworden ist, welcher Religion, dem Protestantismus oder dem Katholizismus, sich die ostastatischen Völker, vor­nehmlich die Japaner, zuwenden werden.

Sodann wird ein Antrag angenommen, Mainz zum Sitz der 68. Generalversammlung, tm Jahre 1911, zu bestimmen; zwei Anträge, Aachen bezw. Duisburg sür die Katholikenoersammlung m Jahre 1912 zu wählen, werden dem Zentralkomitee zur Erwägung überwiesen mit der besonderen Bitte, tn erster Linie Aachen zu berücksichtigen.

Zweite öffentliche Versammlung.

NachmtttagS 5 Uhr begann in der Festhalle die 2. öffentliche Versammlung. Vom Episkopat sind anwesend der Hochw. Herr Erzbischof von München, die Hochw. Herren Bischöfe von AugSburg, Regens­burg, Würzburg, Brastlien und Indien. Ferner bemerken wir eine große Reihe hervorragender Per­sönlichkeiten des Adels, der verschiedenen Parlamente und ber hohen Geistlichkeit.

Der erste Bizepräfideut Gras Schönburg eröffnet die Versammlung mtt dem katholischen Gruß. Das von ihm zur Kenntnis gebrachte, bereüS berichtete Telegramm des Kaisers wird mit einem be- geisterten Hoch auf unfern Kaiser ausgenommen; ebenso ein Telegramm des Prinzregenten von Bayern.

Erzbischof Meßmer von Millioaukee (Amerika), der inzwischen eingetroffcu ist, überbringt ber Ver­sammlung die herzlichsten Grüße der foederation of catholic society (Verband der katholischen Gesell­schaft) in Amerika. Er weist darauf hin, daß die erst fett 6—7 Jahren bestehende Sozietät bereits Pu Millionen katholische Männer umfaßt (Bravo!) Er hoffe, daß auch in Amerika solche Katholiken­versammlungen veranstaltet würden, wie sie Deutsch­land ihnen lehre. Bei den schwierigen Verhältnissen der Katholiken in Amerika möchte er um das Gebet bet Teilnehmer für die amerikanischen Glaubens­brüder bitten.

Sodann verbrettete sich Universilätsprofeffor R. 3 Beck-Freiburg (Schweiz) über die

innere Missio», besonders die Großstadt« Seelsorge.

Der Rebner behandelt bie schwierige Materie an der Hand einer reichen praktischen Erfahrung von einer hohen Warte aus und deckt damit Wunden in unserem Volksleben auf, wie es bisher, unferes Wissens, auf einer Katholikenverfarnmlung noch nicht geschehen ist. Mit Recht mahnt er einleitend, unter Hinweis auf Frankreich, über die äußere Mission, die Heidenbekeh- rung, die innere Miffion nicht zu vernach- läffigen, nicht Heiden im eigenen katholischen Her- mailande groß zu ziehen. Da das ganze Gebiet der Pastoral-Theologie übet den Rahmen seines Vortrages hinauSgeht, greift er das Problem heraus, das als die brennendste Frage der inneren Mission bezeichnet wer- den muß: das Problem der Grotzstadtseel- sorge. Er weist nach, daß, wie das Christentum die Städte des Altertums unter die Segensherrschaft des Kreuzes gestellt habe, so auch im christlichen Mittelalter die Städte stets der Brennpunkt des religiösen Leben- gewesen seien. Hier hat sich, führt Redner aus, eine Umwandlung vollzogen. Heute sehen wir, daß ein neues Heidentum in den Großstädte» aufblüht, ja zur beherrschenden Macht erstarkt ist, während ein tatkräftiges, christliches Glaubensleben in mehr als einem Lande fast nur noch draußen beim Bauernvolke sich findet. Wolieg en die Ursachen? Die Hauptursache liegt in dem Umstande, daß mit dem ra­schen, ungeahnten Wachstum unserer Städte die Ent­faltung der städtischen Seelsorge nicht Schritt gehalten hat. (Zustimmung.) Alle die Faktoren, welche in ihrem Zusammenwirken die soziale Krisis der Gegen­wart geschafftn haben; die kapitalistische Freiwirtschast, die Gewerbefreiheit, die Freizügigkeit, der Aufschwung der Industrie usw., haben das Verhältnis von Stadt und Land verschoben. Es findet ein ungeheurer Zuzug in die Städte statt und wir beobachten die erschreckende Tatsache, daß die Seeltorge in geradezu unglaublichem Maße hinter der materiellen Entwicklung zurückgeblie- den ist. Vielerorts besteht ein schreiendes Mißverhält­nis zwischen Seelenzahl und Zahl der Pfarreien wie der Seelsorgepriester. Dr. Swoboda hat in einem Mtt- lich veröffentlichten Buche die t r o st l o s e st r n Bil­der der Verwahrlosung und Gei st es not vor unsere Augen geführt. Wir erfahren dort, daß in Paris an 300 Pfarreien zu wenig find, und daß Tau­sende von Kindern ohne jeglichen Religionsunterricht aufwachsen, daß in Wien 200 Pfarreien fehlen, daß es in Süddeutschland einen Seelsorgebezirk gibt mit 15 000 Katholiken und nur einem Seelsorger und kei­ner Kirche, daß in 22 Großstädten Europas weit über tausend Pfarreien fehlen; daß in einzelnen Pfarreien die Seelenzahl bis an 90 000 beträgt. (Bewegung.) Es ist in den meisten europäischen Großstädten physisch unmöglich, daß die Seelsorge ihre Auf­gabeerfüllt. In den Großstädten können mei­stens nur d i e pastorieri" werden, die so wie so an ihrem Glauben festhalten, während die anderen in trauriger Verwahrlosung leben, weil die Priester nicht an sie herankommen können. Unsere ganze Sozialpoli­tik, unsere ganze Charitas mutz auf die Dauer lahm­gelegt werden, wenn nicht in die städtische Seelsorge neue Kraft und neues Leben kommt. (Lebh. Beifall.) Groß ist die Aufgabe, voll von Opfern, aber der katholische Opfersinn vermag sie zu erfüllen. (Leb­hafter anhaltender Beifall.) Was aber muß geschehen? Zunächst muß dafür gesorgt werden, daß die Pfarreien wieder eine normale Größe erhalten, ihre Zahl darf nicht unter 2000 sinken und sich nicht über 6000 erheben. Vereine, die sich der inländischen Mission widmen, wie der BonifatiuSverefn und der St. Ludwigs-MissionSverein müssen über­all im Volke aufllärend wirken und die Jugend für sich gewinnen. Dann ist nötig eine innige Fühlung zwischen Seelsorger und Gemeinde. Gerade die wich­tigsten Fragen, wie Jugenderziehung, Eherecht können nur in der Einzelseelsorge, in der lebendigen Fühlung mit den Pfarreingeseffenen gelöst werben Der indivi­duelle Ideenaustausch von Geist zu Geist, von Herz zu Herz wirkt oft viel tiefer und entscheidender und e» ist nicht zufällig, daß Christus auf den Straßen, auf dem Berge, in dem Schiffe Petri und in den Häuf er» ber Pharisäer eine große Zahl feiner wichtigsten Seb» ren vorgetragen hat. (Wiederholter, langanhaltenoer Beifall.) Der Pastorelle Hausbesuch ist somit ein» der wichtigsten Erfordernisse moberner Stadtseel, sorge unb es ist erfreulich, daß man ihn in London, Berlin und Köln mit ebenso vielem Eifer als Erfolg gepflegt hat. (Lebh. Zustimmung.) Hinzu muß treten die sorgsame Pflege deS religiösen und sozialen Ber - einSwesens, namentlich ber Marianischen Kongre­gationen, die Verbreitung guter Zeitungen und Schriften, die ChartiaS, wie fie sich namentlich in den Vincenz- unb Slisabeth-Veveinen darftelli unb endlich eine enge Fühlung zwischen städti­scher Pastoration unb der SandseeIsorge. (Erneuter Beifall.) ES war eine große und herrliche Zeit, da die kirchliche» Festzeiten daS ganze Handel», und Erwerbsleben regelten, da die Vesperglocke vom Dome de» Schluß bei Arbeitstage» ankündigte, da bie Zünfte unter ihnen Kirchenbannern in den Kampf für HauS und Heimat auSzoge», da in einer Schlacht bei Laupen daS heiligste Sakrament boraufgetragen wurde, da die Obrigkeit und daS Gericht im Rathaussaale zu tagen pflegte, indeß bai Kreuzesbild ernst unb mild auf die Tagung niederblickte, da bet Doge von Venedig an Mariä Himmelfahrt auf» Meer hinausfuhr, um die Stadt, die Königin der Meere, der Königin de» Himmel» zu weihen, da man in Florenz den Namen Jesu über die Pforte deS Rathauses setzte und darunter die Worte schrieb: Rex Regum et Dominus Domi» nantium — König der Könige und Beherrscher der Herrscheti Die durchgreifende Reform der stäbtischen Seelsorge wird mit GotieS Hilfe ihr Ziel erreichen. (Langanhaliendet Beifall und stürm. Händeklatschen.)

Hierauf spricht Abt Mb General-Superior Norbert Weber 0. 8. B., St Ottilien (Oberbayern) über

»Die katholische» Missionen".

Der Redner behandett das schwierige Thema auS weiter Perspektive, in umfassender und doch dicht zu­sammengedrängter Weise und in einer vollendeten Form. Es bereitet sich heute, führte er aus, eine große, weltumspannende Völkerverkettung vor. Soll da das Kreuz fehlen, um die Völker mit Gott zu verketten? Auf ber einen Seite stehen die heidnischen Volksmas­sen, die unter die Kolonialmächte aufgeteilt find und von ihnen Kultur erhalten sollen. Auf ber anderen Seite nähern sich die gewaltigen heidnischen Kultur­staaten, namentlich Asiens, dem kulturstolzen Europa, um sich bei ihm die modernen Errungenschaften zu holen. In dieser Situation muh die Welt ki rche, die katholische Kirche auf dem Plane fein. Die Lage drängt, vor allem im Osten. Ja­pan sperrt, nachdem es sich europäische Kultur geholt.