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M 191.

Dienstag den 25. August Mo.

57. Jahrgang.

57. General-Bevsammlung

der Katholiken Deutschlands in Augsburg.

Erster Tag — Sonntag.

Augsburg, Sonntag abend.

So was hätte Augsburg noch nicht gesehen, er­finden übereinstimniend die örtlichen Sachverständigen. Der erste Tag der Generalversammlung soll dem auf den freien Sonntag angewiesenen Volke die allgemeine Teilnahme an dem Fest ihres Bekenntnisses ermögli­chen. In Augsburg wurde dieser Sonntag zu einem Volksfest im vollsten Sinne des Wortes. Die ganze Stadt war von dem Katholikentage in Beschlag genom­men; der Strom der einrückenden Gäste und die Mas­sen der einheimischen Teilnehmer und Zuschauer brach­ten auf den Straßen ein weltstädtisches Wogen und Treiben hervor vom frühen Morgen an. In den Vormittagsstunden bildeten die Kirchen Ruhepunkte, aber es war schwer, hinein und hinauszukommen, da die Besucher schon vor dem Portal sich stauten.

Und nun der Festzug erst! Hut ab vor den Augs­burger Organisatoren und vor unseren süddeutschen Brüdern überhaupt! Wer bisher geglaubt, daß so ein richtiger, vollwichtiger Maffenfestzug ein Reservat­recht des Nordwestens von Deutschland sei, der wird sich revidieren müssen. Was in Augsburg auf diesem Gebiet geleistet worden, war ersten, allerersten Ran­ges: ein Aufgebot von einem Umfang, wie man es bisher in Süddcutschland nicht gekannt und nicht zu hoffen gewagt. 30 000 Vertreter von vielen hundert Vereinen der verschiedensten Arten und Orte, in 26 Gruppen mit 46 Musikchören zogen als ein mobiles Heer des Glaubens durch eine Zuschauermenge, die auf Hunderttausende zu schätzen ist.

Der tückische Sommer war heute aus dem naßen Extrem in das Sonnenglutextren; gefallen. Aber die Fahnenträger werden sich gesagt haben: Besser, wenn wir schwitzen, als wenn die Fahnen triefen! Alles hielt wacker und vergnügt aus, sowohl die marschieren­den Kolonnen als die Mauern der Zuschauer, und ebenso die Herren Bischöfe und die Ehrengäste auf der Tribüne am Dom, die gegen die sengenden Sonnen­strahlen so gut wie gar nicht geschützt war. Zwei Stunden währte der Vorbeizug. Die Einrichtung eines Doppelzuges, dessen zwei gesonderte Kreise sich vor der bischöflichen Tribüne berühren, ließ sich in dem Augsburger Straßennetz nicht so unterbringen, wie s. Zt. in Essen.

Den Charakter des allgemeinen Volksfestes brachte der Begrüßungsabend zur Vollendung. Auf der Bres­lauer Versammlung im vorigen Jahre mußte man den Gruß der Stadtbchörden entbehren. In Augsburg aber erschien der Oberbürgermeister Wolfram selbst und hielt eine warme und weise Rede, die an die vor­treffliche Grußrede des Düsseldorfer Oberbürgermeisters bor 2 Jahren erinnerte. Herr Wolfram fügte zu den tatsächlichen Wohltaten, die uns das Augsburger Rat­haus beschert hatte (u. a. die Festhalle), noch die wörtliche Erklämng, daß die Stadtbehörde keinen Augenblick geschwankt habe in dem Entschlüsse, die Ge­neralversammlung der Katholiken mit Freude und Stolz in Augsburg aufzunehmen und zu unterstützen, und zwar gerade im Interesse des konfessionellen Frie­dens und in der Hoffnung, daß die Arbeiten dieser Tage nicht bloß dem katholischen Volksteik, sondern der gesamten Nation zum Segen gereichen werde.

Die schönen Worte des Oberbürgermeisters gaben dem Vorsitzenden des Lokalkomitees Veranlassung, nochmals bestimmt zu erklären, daß der Katholikentag sich mit den Angelegenheiten der anderen Be­kenntnisse überhaupt nicht befasse; schon der Geschmack 1 und Takt verbiete ihm das, erst recht seine Grundsätze und die Erkenntnis von der Notwendigkeit des kon­fessionellen Friedens.

Der Vorsitzende des Lokalkomitees hatte in seiner Eröffnungsrede auch bereits das Leitwort erwähnt, unter dem die Tagung stehen soll, und er brachte es sehr geschickt in Verbindung mit dem Glanzpunkt der Augsburger Geschichte im zehnten Jahrhundert: Wie unter Kaiser Otto dem Großen und dem hl. Ulrich in Augsburg der Ansturm der Heiden abgeschlagen wurde, so soll jetzt der Nbwehckampf gegen das mo­derne Heldentum, den Unglauben, organisiert werden.

Als wir nach den vielen schönen Ansprachen und den meisterhaften Darbietungen des hiesigen gemisch­ten Chors von 360 Mitwirkenden die riesige und doch gemütliche Festhalle verließen, gab sich ringsum die

Ansicht kund: Das war ein wundervoller Sonntag, das war ein großartiges Volksfest, das war ein An­fang, wie er nicht besser gedacht werden kann!

Deutscher Reich.

— Die Reichswertzuwachssteuer. Wenn mrch zu erwarten steht, daß zur Beratung der Reichswertzu­wachssteuer der Reichstagskommission von den Haus- besitzewereinen, Vorständen der Landwirtschaftskam- mern, des Handelstages usw. usw. sehr umfangreiches Material gegen die Fassung des Gesetzentwurfes zu­gehen wird, so beabsichtigt die Reichsregierung, wie die „P. R." hört, im Einverständnis mit den verbün­deten Regierungen dennoch, an der Reichswerstzu- Wachssteuer unter allen Umständen festzuhalten und die Verabschiedung des Gesetzes so zu beschleunigen, daß es mit April 1911 wirkende Kraft erhält.

+ Der Wirtschaftliche Ausschuß war bekanntlich zur Vorberatung über die Handelsvertragsverhand­lungen zwischen Deutschland und Schweden zu einer Tagung für Mitte September einberufen worden. Die Sitzung dürfte jedoch, wie der.Deutsch. Tages­zeitung' geschrieben wird, aus einen späteren Zeit­punkt verlegt werden. Der Handelsvertrag mit Schweden sollte am 31. Dezember d. I. ablaufen. Durch ein besonderes Abkommen zwischen beiden Ländern ist seine Geltung um ein Jahr verlängert worden.

(♦) liebet ein eigentümliches Verbot öffentlicher Andachten durch die Polizeibehörden berichten in Po­sen erscheinende polnische Zeitungen. In K l e tz k o, einem Städtchen unweit Gnesen, befindet sich mitten auf dem Marktplatze die Figur des hl. Laurentius. Seit Menschengedenken hat die katholische Bevölkerung am Tage des Heiligen selbst und während der Oktave hindurch Abendandachten dort ungehindert abgehal­ten. Als am 10- d. M. abends einige Personen, bei­derlei Geschlechts, ungefähr vierzig an der Zahl, an der Figur beteten und den Gesang: „Wer sich in den Schutz" usw. (Polnisch) angestimmt hatten, erschien ein Polizeibeamter mit zwei Gendarmen und verbot den Gesang. Kurz darauf erschien der dortige Vikar Fili- piak, ließ die an der Figur befindlichen Kerzen an- stecken, betete mit den versammelten Gläubigen und in­tonierte das oben erwähnte Lied. Sofort schritt wiederum die Polizei ein. Nur mit Mühe gelang es dem Geistlichen, die erregte Menge vor Ausschreitungen zu bewahren. Am nächsten Tage ver­bot die dortige Polizeibehörde durch ein Schreiben an den Propst im Interesse der öffentlichen Ruhe und Ordnung die fernere Abhaltung der Andachten an der Figur. Inzwischen verbreitete sich unter den katholi­schen Einwohnern Kletzkos das Gerücht, daß die Figur durch acht Gendarmen bewacht werde. Dieses zu sehen, sammelte sich eine große Menge Menschen an (ungefähr 300). Dank der Umsicht der Geistlichkeit kam es auch dann nicht zu Ausschreitungen. Rur hier und da wurden Frauen, die vor der Figur beten wollten, von den Polizeiorganen mit dem Bemerken weggetrieben, sie sollten in der Kirche beten. Da die Sache eine grundsätzliche Bedeutung für die ganze Provinz hat, weil noch an mehreren Orten Andachten im Freien an den Statuen der Heiligen seit altersher abgehalten werden, werden die kirchliche Behörde und die katholischen Bewohner dieses Verbot anfechten be­ziehungsweise dtlrch alle Instanzen durchfechten.

** Dreiviertel Million organisierte Sozialdemokra­ten. Mit begreiflichem Stotz verkündete die sozial­demokratische Presse vor einigen Tagen, daß die Zahl j der eingeschriebenen Mitglieder der sozialdemokrati­schen Parteiorganisation der Ziffer von dreiviertel Mil­lionen entgegengeht. Das ist eine gewaltige Zahl, in der eine Unsumme von Agitationseifer und Organi­sationsbemühungen zum Ausdruck kommt. Mit Recht wird man annehmen dürfen, daß diese zahlenmäßigen Erfolge in erster Linie auf das Beamten Heer zu­rückzuführen sind, das wie keiner zweiten Partei, sei es als direkte Angestellte ober als Beamte in der Ver­waltung unserer sozialen Gesetzgebung der Sozialde­mokratie zur Verfügung steht. Gerade nach letzterer Richtung hin macht in dem eben erschienenen Heft 3/4 der „Zeitschrift für Politik" „Genosse' Eduard Bern­stein eine interessante Ausrechnung. Er schätzt, daß die Zahl der Sozialdemokraten, die in Deutschland als Arbeitervertreter in den Verivaltungen, Schieds­ämtern und Kuratorien der Institute der Arbeiterver- sicherung, kommunalen Arbeitsnachweise usw. öffent­

liche Mionen erfüllen, mit 50 000 eher zu niedrig als zu hoch angegeben ist. Auf mindestens dreitausend könne man die sozialdemokratischen Beamten der an- dern steten Schöpfungen der Arbeiterklasse ansetzen — Man braucht bloß diese Zahlen auf sich wirke» zu las­sen um zu erkennen, welche gewaltige Hustnnttel bei'der Agitation und der Organisation die Sozial- demokratte in diesem Beamtenheer besitzt. Einer> glei­chen Apparat sich zu beschaffen, wird, wie die Dinge nun einmal liegen, keiner anderen Partei in Zuttmft möglich sein. Umsomehr müssen die b ü r g e r l i ch e n Parteien sich bemühen, auf andere Werse den Vorsprung, den die Sozialdemokratie nun einmal hat wieder einzuholen, und dazu dienen eine gute Fundierung der P a r t e i k a s s e sowie die Schaffung bezw. Ausgestaltung eines zuverlässigen Vertrau­en s m änn e r s h st e m s. Was die Sozialdemokra­tie vorausbesitzt, muß durch verdoppelte Anstrengungen wieder eingebracht werden. Nur so kann man der „raten Flut" mit Zuversicht entgegensehen!

♦ Enteignung in Kamerun? Wie nach der „Tagl. Rundschau" verlautet, beabsichtigt der derzeitige Gou- vemeur von Kamerun, Dr. Seitz, sämtliche einge­borenen Grundbesitzer im Stadtbezirke Duala auf dem gesetzlich vorgeschriebenen Wege mit einem Kostenauf­wande von 600 000 Mark zu enteignen und eine be­sondere Eingeborenenstadt an geeigneter Stelle anzu­legen. Irgendwelcher Widerspruch der Eingeborenen gegen diesen Plan sei nicht laut geworden.

Ausland.

♦ Tie katholischen Protestkundgebungen in Spanien, die wahrscheinlich am 28. August, in Viktoria, San Sebastian, Pampeluna und Bilbao stattfinden sollen, sind so gedacht, daß aus jedem Orte zwölf Dele­gierte sich nach den vier Hauptorten begeben. „ Sie werden die Unterschriften der volljährigen Männer des Ortes mitbringen, um den Protest nachdrücklich zu gestalten. Sämtliche Bischöfe des Gebietes sprechen sich für die Kundgebungen aus. Da die Regierung es durch das Konkordat in der Hand hatte, gerade in den karlistischen Gebieten Bischöfe ernennen zu lassen, die an der Befestigung der heutigen Dynastie arbeiteten, verleiht die Be­teiligung gerade dieser Bischöfe der Protestaktion besonderen Nachdruck. Die Bestrafung des Hof- predigers Pater Guillin wegen einer in Begona gehaltenen Predigt macht tiefen Eindruck in ganz Spanien. Ter Pater hatte Canalejas als „Üeincn Combos" und „kleinen Clemenceau" be- zeichner, der aus Schleichwegen das spanische Volk um feinen Glauben bringen wolle. Anderes hatte bekanntlich auch ein liberaler Staatsmann in der /Times' nicht geschrieben. Uebcreinstimmend sagt man, es fei nicht wahrscheinlich, daß Canalejas noch lange die jetzige verschleierte Politik treiben könne.

** Eine türkisch-rumänische Verständigung dürfte die Folge der eigenartigen Politik sein, die Bu!garien in letzter Zeit verfolgt bat. In­dem Bulgarien, im Vertrauen auf Rußlands Unterstützung, auf jede Weise gegen die Türkei scharf gemacht und der Pforte Schwierigkeiten in den Weg gelegt hat, führte es die Annähe­rung der Balkanstaaten Türkei und Rumänien herbei. Die Durchreise des Großwesirs Hakki Pascha durch Rumänien soll vor allem dieser Verständigung gedient haben. Es heißt, die Türker fei auf einen bulgarischen Angriff auf Mazedonien, der früher oder später doch kommen muß, gefaßt, lieber Den Inhalt des geplanten llebereinkommens verlautet: Rumänien soll seine Sireitlräste an der bulgarischen Grenze im Falle eines inazedonifchen Konflikts unter dem Vor­wand mobil machen, die Jniereffen der maze­donischen Rumänien, der Kutzowalachen, zu ver­teidigen, die türkische Untertanen rumänischen Ursprungs sind. Hakki Pascha seinerseits ver- sprach als Gegenleistung für den Abschluß dieser Entente, den Kutzowalachen die Rechte eines eigenen „Milet" (polrtrsche und religiöse Gemeinde) einzuräumen und für sie ein eigenes Exarchat zu errichten.

* Tie Sicherheit in Marokko läßt noch viel zu wüigchen übrig. Zwischen Fez und Ksar wurde Der Leichnam eines Europäers gefunden. Der

2. Blatt.

druck utto vertag der Mdaer Actirndruckeret in 5«lda.

deutsche Konsul in Larasch hat ihn als einen öster­reichischen Untertan identifiziert. Die Ermordung muß mit besonderer Grausamkeit stattgefunden haben, ein Beweis, daß der mohammedanische Fanatismus in diesem Gebiete wieder stark auflebt feit Raisulis Regiment. In der Provinz soll eine starke Mißstimmung gegen Raisuli herrschen. El Mokri, der sich nach Tanger begab, soll unterwegs in El Ksar dem Regenten Raisuli scharfe Vorhal­tungen, namentlich wegen seines Verhaltens gegen die französischen Schutzbefohlenen, gemacht haben. Raisuli habe die Tatsachen anerkannt, aber erklärt, die Kaids hätten seine Weisungen überschritten.

Aus Airche und Schule.

Dipperz, 23. Aug. 1910. Der Schulvor- stand des Schulverbandes Dipperz wählte für die dortige Lehrerinstelle am 3. d. M. die Schulamts- Bewerberin Fräul. Anna Stumpf von Ober» bernhards (Kreis Gersfeld), bisher zu Horbach (Kreis Gelnhausen). Demgemäß ernannte die Königliche Regierung sie nunmehr als etnst- weilig angestellte Volksschullehrerin daselbst vom 1. September d. I. ab.

lH Schmalnau, 23. Aug. 1910. Herrn Kuratus Kauth wurde von der König!. Regierung dte Orlsschulinspektion über die Schulen in Thalau und Stellberg übertragen.

♦ Fritzlar, 22. August 1910. Wie dec,Fritz- larer Zig.' von kompetenter Seite versichert wird, besteht keine Absicht, die Firmpatenstellen aufzuheben.__

Aus dem Nachbargebiete.

* Bebra, 19. Ang. 1910. Das Frcm Hauptmann Grimm gehörige Rittergut Lispenhausen bei Bebra, ca. 700 Morgen groß, hat die Firma Karl Pflügner, Bankgeschäft für Grundbesitz in Kassel, käuf­lich erworben.

△ Aus dem EbSdorfer Grunde, 22. August 1910. Der gemeldete lieber fall des Schornsteinfeger- gesellen durch Zigeuner ist von diesem erdichtet. Tatsache ist nur, daß er Zeuge war, wie die Zigeuner vor einem Gendarmen die Flucht ergriffen.

* Rinteln, 19. Aug 1910. V e r b r a n R t ist. im benachbarten Uchtdorf das 4jährige Töchterchen des Zieglers Schmieding. Das Kind war beim Spielen dem Herdseuer zu nahe gekommen, wodurch die Klei­der Feuer gefangen hatten.

* Gerstungen, 19. Aug. 1910. Ein Arbeiter der Gewerkschaft „Wintershall" in Heringen wollte In einem Wagen der Drahtfeilbahn miffahren, was ver­boten ist. Er wurde für seine Kühnheit schwer bestraft. Der Wagen kippte unterwegs rnn und der Arbeiter stürzte aus beträchtlicher Höhe ab. Er er­litt erhebliche Verletzungen und mußte in das Kranken­haus zu Eisenach übergeführt werden.

* Hann. Münden, 21. Aug. 1910. Durch Kratze» an einer Kramp fad er ü e rbt u t e t hat sich der 53jährige Schmiedemeister Karl Schmidt aus dem be­nachbarten Meensen. Ein ans Dransfeld herbeige- rufener Arzt konnte dem Manne, der ein Hüne von Gestalt war, keine Hilfe mehr bringen, er war bereits tot.

* Frankfurt a. M., 19. Aug. 1910. Eine Entschei­dung von grundsätzlicher Bedeutung fällte das hiesige Schöffengericht. Ein Kmifmann wollte durch das Iw stitut Rote Radler 3200 Drucksachen in unverschlosse­nen, aber mit Adresse versehenen Briefumschlägen ver­teilen lassen. Das Boteninstitut vermietete hierauf dem Kaufmann acht Radler für 50 Mark, die dann im Dienste des Kaufmanns die Verteilung vornahmen. Deswegen wurde der Inhaber des Instituts wegen Vergehens gegen das Postgefetz, der Kaufmann wegen Ansttstung in Anklage versetzt. Trotz des von der Verteidigung versuchten Nachweises, daß es sich nicht um eine „Nachahmung der Art des Post- betriebes" im Sinne der Anklage und um keine lieber- tretung des Gesetzes handle, wurde der Jnstitutsin- haber zu einer Geldstrafe von allerdings nur fünf Mark verurteilt, obschon der Staatsanwalt Freisprechung be­antragt hatte. Der Mitangeklagte Kaufmann wurde fteigesprochen.

5>er Wcrmppv.

Roman von Fergus Hume. Autorisierte Bearbeitung 55] von C. Werner.

Auf welche Weise ich nun meinem Ziel zustrebte und es zunächst erreichte, wissen Sie aus alle dem, was darüber schon in die Oeffentlichkeit gelangt ist. Sie wissen auch, wie der Zufall alle meine Pläne über den Haufen warf. Sim war in der Lage, Lenas und Brands Alibi nachzuweisen — eine Enthüllung, die ich am wenigsten erwartet hatte Dann ging Oskar Schau merkwürdigerweise in derselben Nacht — und was noch merkwürdiger ist — ebenfalls als Brand ver­kleidet, in Kirby's Büro. Er kam nach mir, denn er fand den Geldverleiher bereits als Leiche vor. Er steckte dem Toten den Türkisenschlüssck in die Hand, um ebenfalls auf Brand den Verdacht der Schuld zu len­ken. Wir intrigirierten also beide gegen denselben Mann. Schau's Dazwischenkommen verdarb mir je­doch meinen wohlüberlegten Plan, denn nun hatte man es mit zwei Brands zu tun. Ich zerbrach mir den Kopf, wer der andere fein könne; auch die Geschichte mit dem Türkisenfchlüssel konnte ich mir nicht erklä­ren, bis Schau zu mir kam und die Vermutung aus­sprach, Brand fei der Mörder Kirby's. Jetzt erriet ich die Sachlage. Wenn Sie den Schauspieler dahin bringen können, daß er Ihnen die an jenem Abend in meinem Büro mit ihm geführte Unterredung erzählt, dann werden Sie bestätigt finden, daß ich ihn bereits damals im Verdacht hatte.

Das Uebrige wissen Sie. Ich nahm die Ver­folgung des Mordes in die Hände. Dank dem Haß, welchen Schau auf Brand hatte, ging ich von der Spur des Türkifenschlüssels aus. Meine ursprüngliche Absicht war die, so zu tun, als habe ich die erste Spur von Wilkins bekommen. Aber dieser sollte erst spater handelnd auftreten. Und seine Aussage zusammen mit der Prest's würde genügt haben, Frau Kirby und Brand zu verdammen, wenn nicht Sim an jenem Abend zu Hause geblieben wäre. Es war also Sim, der meine Berechnung zuschanden machte.

Sie wissen jetzt, weshalb ich Schau's Verfolgung einstellen ließ. Ich wußte, daß er unschuldig war und seine Verhaftung hätte mir nicht im geringsten ge­holfen, meine Rache an Frau Kirby zu vollenden. Ich ließ ihn also laufen und hoffte, damit würde der Fall zu Ende sein. Gewissermaßen hatte ich jenes Weib ja bestraft, und chrcs Vermögens beraubt.

Dann heiratete sie Schau und um seinetwillen be­schloß sie, das Geheimnis zu lösen. Sie ging in den „Blauen Hecht", wo Wilkins sie mit dem Namen „Selma" ansprach. Er erzählte mir das in Hamp- fteab und daraus ersah ich sofort, daß mir die Gefahr der Entdeckung drohte. Und als mir Herr Brand am nächsten Morgen mitteilte, Sim sei Wilkins am Abend Zuvor gefolgt — da wußte ich, daß das Spiel zu Ende war. Nichtsdestoweniger suchte ich einige Tage Frist ^.,Sr^an9rn- Vor allem wollte ich Zeit gewinnen, Wilkins und Selma nach dem Ausland zu schicken, damit diesen keine Unannehmlichkeiten entstehen sollten. Tas ist mir gelungen. Selma Warden hat unter einem anberen Namen London verlassen. Ich händigte ihr em ansehnliches Barvermögen ein, sie ist also jeder Sorge enthoben. Wilkins gab ich eine größere Sum­me baren Geldes und schickte auch ihn außer Landes. Und nun — iffls mit mir zu Ende.

Warum? Nun, erstens ist Frau Kirby, wie ich glaube, klug genug mich zur Strecke zu bringen. Sie ist überzeugt, daß Landor ihren Gatten tötete. Das zu beweisen, dürfte ihr allerdings schwer fallen, da Selma und Wilkins nicht mehr in London sind. 'Sie wird aber jedenfalls ihr möglichstes tun, ihr Geld zurückzubekommen — was ihr nimmer gelingen wird — und um dies zu erreichen, müßte ich Landor ver­haften lassen. Daß ich Theos Vater und Kirby s Universalerbe bin, würde mich schon von vornherein verdammen. Aber ich habe keine Lust, den Kampf aufzunehmen.

Sie werden vielleicht fragen, warum ich nicht die Flucht ergriffen habe. Das wäre mir ein leichtes ge­wesen. Aber ich habe keinen Lebenszweck mehr. Mein Sohn ist tot; Selma konnte nicht bei mir bleiben; alles, was ich liebte, wurde mir genommen; ich bin

einsam und verlassen — und so mache ich meinem Leben freiwillig ein Ende. Ich halte mich nicht für einen Sünder, weil ich Kirby tötete. Der war ein grundschlechter Mann. Warum soll ein Mensch — der so viele junge, blühende Existenzen ruiniert und zum Selbstmord treibt — am Leben bleiben? Dadurch, daß ich ihn aus der Welt schaffte, hoffe ich manches Familienglück, manches hoffnungsvolle Leben ge­rettet zu haben. Nein, ich bedauere meine Tat nicht.

So, mein liebes Fräulein, das ist alles. Sie wissen jetzt, wer Kirby tötete und warum es geschah. Das Geheimnis ist zu Ende. Ob die Polizei erfährt, daß Feldern Landor war, und daß Landor diesen Vampyr ermordete, ist mir gleichgiltig. Ich werde tot und keinem irdischen Richter mehr erreichbar sein. Um Theos willen hätte ich gewünscht, einen unbefleck­ten Namen zu hinterlassen — aber Theo ist tot.

Ich glaube kaum, daß Sie meiner freundlich ge­denken werden, da ich Ihren Verlobten so grausam behandelte. Ein Ihnen selbst zugefügtrs Unrecht würden Sie vielleicht eher verzeihen, aber nicht das Herbert Brand zugefügte. Nun, ich kann nichts daran änbem — tun Die, was Ihnen beliebt! Ich habe wenigstens die Genugtuung, Ihnen den vierfachen Be­trag des Ihrem Vater gestohlenen Vermögens zurück­zugeben. Sie werden glücklich sein — wie Sie es verdienen. Was jene Andere betrifft — diese Lena Kirby — sie trifft mein tausendfacher Fluch — sei sie tot ober lebend I

Das ist das Ende, mein liebes Fräulein Holder. Ich sende Ihnen meine letzten Grüße und wünsche Ihnen alles, alles Glück!"

Robert Landor, (Detektiv Feldem).

25. Kapitel.

Zwei Monate später saßen Olga und Herbert Brand in der kleinen Wohnung zu West-Kensington und plauderten über die Ereignisse der letzten Zeit. In einigen Tagen sollte ihre Hochzett stattfinden und sie berieten soeben miteinander, ob sie Frau Holder das Geständnis Landors mitteilen sollten. Da dieser

Olga sein ganzes Vermögen vermacht, mußte die Mut­ter doch erfahren, was sich zugettagen hatte.

Sie beschlossen also, Frau Holder alles mltzuteilen, damit es in Zukunft zwischen den Dreien keinerlei Heimlichkeitm gäbe.

„Außerdem, mein lieber Schatz", meinte Olga „können wir eS vor der Mutter garnicht geheim hal­ten, denn Du hast das Haus in Bittern gekauft und dazu gehött Geld. Mutter weiß, daß Du nicht vermö­gend bist und sie würde sich höchstens den Kopf zer­brechen. Nso schenken wir ihr fieber reinen Wein ein, das ist für uns alle am besten."

Olga führte noch an demselben Abend die alte Dame an einen gemütlichen Lehnstuhl, drückte sie in denselben und las ihr das betreffende Schriftstück vor und zwar in der Hoffnung, heute zum letzten- male den Namen „Vampyr" auszusprechen und zu hören.

Frau Holder war über alle Maßen verblüfft, als sie Olga zuhörte. Sie unterbrach unzähligemale uni stellte deren Geduld auf eine harte Probe.

Als sie geendet, schlug Frau Holder entsetzt die Hände zusammen und rief:

„Das ist ja enffehlich! Nein, diese Menschen! Diese Lena, dieser ©djau, dieser Feldern — es sind allesamt Mörder ober doch beinahe Mörder! Gott fei Dank, daß wir sie ein für allemal los sind!"

„Ich bedauere vor allem, daß es Frauen gibt, wie Lena ist. Junge Leute anzulocken, um sie dem Spiel­teufel in die Arme zu tteiben, um dadurch Geld zv erlangen — es ist furchtbar! Dieser arme Theo Lan­dor! Ich danke Gott, daß er Herbert vor einem ähn­lichen Schicksal bewahrt hat! Zum Glück kam Herbert rechtzeitig zur Vernunft und weigerte sich, noch län­ger an dem Hazardspiel bei Kirby's teilzunehmen. Da­her auch der ganze Aerger des Ehepaares."

„Wenn er nun aber später wieder spielt?" fragt« die Mutter in ängstlichem Tone.

(Schluß folgt.)