Fulda, Dienstag den 23. August 1910
37. Jahrgang
Erstes Blatt
191.
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Der Präsident, Reichstags- und Landtagsabg. Marx, dem die Versammlung eine jubelnde Ovation bereitet, beginnt mit dem katholischen Gruße und fährt dann fort:
Wir leben ineiner eigentümlichen Zeit: .Richt- ist gewaltiger, denn der Mensch!" An diesen Satz des großen Sophokles werden wir erinnert, wenn wir die Entwicklung der Menschheit in der modernen Zeit überblicken. Der Mensch hat sich in der Tat alles Irdische untertan gemacht k Bis in die Eingeweide der Erde steigt er hinunter und entreißt ihnen die Schätze an Metallen und Steinen. Die sonnverbrannten Wüsteneien Afrikas und Asiens bieten ihm ebenso wenig Hindernisse, wie die eisgepanzerten Schrecknisie der Pole; auf eisernen Wegen erzwingt er dem Verkehr Zugang zu den verlassensten und entferntesten Gegenden; die Meere durchfurchen Fahrzeuge gewaltiger Größe; den elektrischen Funken stellt er in seinen Dienst. Selbst das Luftmeer ist nicht mehr unangetastet: Schiffe wunderbarer Bauart erheben sich in die Lüfte. Sturm und Wetterbraus fürchtet der Mensch nicht mehr! Gewiß, Großes hat unsere Zeit erreicht: aber auf einem Gebiete, gerade dem wichtigsten, scheint sie zurückzuschreiten. Nichts Mensch- liches bleibt ihr fremd und fern: aber das Göttliche scheint sie zu vergessen. Alle Wissenschaften pflegt und fördert er: aber von der Sonne des Lebens will er nichts wissen! Von Gott, dem allmächtigen Schöpfrr Himmels und der Erde! Vielleicht noch nie hat es eine Zeit gegeben, wo der Unglaube so machtvoll sein Haupt erhob, wir heutzutage, wo Gebildete wetteifern im Ansturm gegen alles Uebersinnliche und Göttliche. Von Religion will man nichts mehr wissen. Ja, wer noch glaubt an das Dasein eines ewigen, übernatürlichen GotteS, wird als rückständig und ungebildet betrachtet, llebertreibe ich mit meiner Schilderung? Schauen wir hin auf Ereignisse der letzt en Monate! Seit wann ist es erhört worden, daß rin Mann, der sich der schwersten Verbrechen gegen Staat und Kirche schuldig gemacht hat, bei fast allen Kulturvölkern der höchsten Ehrenbezeugungen teilhaftig wird, daß er, als er nach Recht und Gesetz seine Strafe erlitten, als ein Held und Märtyrer seiner Ueberzeugung gepriesen wurde? Sehen wir nicht die freigebige Bewegung allüberall in raschem Aufschwung begriffen? Erkennen wir nicht mit Schrecken, daß selbst in die Reihen derjenigen, die sich mit Stolz „Jugendbildner" nennen, und denen das beste des Volkes, unsere Jugend anvertraut ist, der Unglaube, die Idee des Umsturzes der bestehenden Ordnung immer weiter an Boden gewinnt? Um daS geradezu Widersinnige der Bewegung zu krönen, veranstaltet man: Weltkongresse sür freies Christentum und vereinigt Männer, denen Christus nur ein hervorragender Mensch war, mit Freidenkern, Atheisten, mit Anhängern aller und feder religiösen Anschauung, Heiden und Türken! Tas ganze wagt man freies „Christentum" zu nennen! Wir sehen den Unglauben am lautesten verteidigt in den Reihen derjenigen, welcire sich den Umsturz aller staatlichen und bürgerlichen Ordnung zu ihrem Ziele gesetzt haben. Und wir stehen vor etwas Unfaßbarem, wenn wir hohe Staatsmänner diesen ausgesprochen und ziel- bcwußt staatsfeindlichen Elementen die Wege ebnen sehen und Lob und Anerkennung aussprechen hören! Der ruhende Punkt in diesem Chaos sich widersprechen, der Ideen und Unternehmungen, das ist mitten im brausenden Meere, unberührt von der Jahrhunderte Flucht, unerschüttert und unerschütterlich der Felsen Petri. (Beifall.) Wir sehen Millionen gläubiger Menschen sich um diesen festen Pol scharen; wir fühlen den Pulsschlag unzähtiger Herzen, die sich vereinen und erschöpfen wollen, jn Liebe und Lob und Preis für den Ilnendlichen! Credo in nnnm Detina — et in Jesam Christum fitiaro nnigenitum et in unam sanc- tam eathoücam et aposiolicam ecelesiiun! Das i ft 6er Kriegsruf, den die Katholiken der ganzen Welt einig und geschlossen erheben und siegreich vertreten werden gegen den tobenden Ansturm des Unglaubens! (Beifall.) Der Erfolg wird unser sein, denn für uns ist Gott, Iver kann dann gegen uns sein? (Wiederholter Beifall.) Wenn je in früheren Jahren, dann ist gegenüber der oben geschilderten Zeitlage gerade jetzt eine füllt, machtvolle, begeisterte Veranstaltung notwendig, einmal, um ein kraftvolles, imposantes Bekenntnis unseres Festhaltens am heiligen kathol. Glauben abzulegen, dann aber auch um so manche Herzen, die ob all der Angriffe der letzten Jahre verwirrt und ängstlich geworden sein mögen, zu ermutigen, zu festigen und zu kräftigen. (Beifall.) Und eine zweite, ganz besonders wichtige Aufgabe haben wir zur Zeit zu erfüllen. Es gilt, einmütig und geschlossen in Liebe und Ehrfurcht zu huldigen unsere m h l. Vater Pius X. (Wiederholter Beif.) Es ist eine bekannte Erfahrung, das; der Haß und der Ingrimm des Unglaubens sich in erster Linie wendet gegen die katholische Kirche als solche, daß vor allen anderen Einrichtungen derselben gerade das Papsttum der Gegenstand des Angriffes, des Spottes und der Verleumdung seitens der Gegner jeglichen Glan- bens bildet. So sehen wir auch, wie in den letzten Monaten gerade gegen die Person des Papstes die heftigsten und verletzendsten Angriffe erhoben worden sind. Jn einem Rundschreiben an die Oberhirten der katholischen Kirche hat der hl. Vater in Anlaß der Gedenkfeier deS großen Mailänder Erzbischofs, des hl. Karl Borromäus, dessen Hirtensorge in einer schweren, bewegten Zeit dem katholischen Volke m Erinnerung gebracht. ES sind dabei Urteile über me damaligen Verhältnisse und Zustände ausgesprochen worden, die eine Anwendung auf d i e rMiL® ejV’L?* * auS schließen. (Sehr wahr.) Ohne Rücksicht auf diese Umstände hat man den Wort, laut des Rundschreibens bei der Uebersetzung aus der fremden Spruchs in der es erlassen war, teils durch Mitzdeusilng, teils durch Entstellung verschärft, wie auch durch Heraushebung einzelner Wendungen auS ihrem Zusammenhang eine absichtliche Beleidigung Andersgläubiger nachzuweisen versucht. (Hört, bürt!) Nun haben wir wohl Verständnis für die Gefühle, welche manche zum Teil mißverstandene oder mißdeu- tetr Ausdrücke in jenem Rundschreiben bei den gläu- bißen evangelischen Mitbürgern erregt haben; aber wir begreifen nicht, wie diese Erregung auch solche Kreise erfassen konnte, die sich sonst von einem offenen und klaren Bekenntnis des christlichen Glaubens fernhalten. (Sehr richtig und demonstrativer Beifall.) und noch weniger können wir verstehen, wie sich diese Erregung noch fortsehen kann, nachdem von höchster kirchlicher Stelle selbst Maßnahmen getroffen worden sind, um den Sinn und Zweck deS Rundschreibens richtig zu stellen und jeden Mißbrauch auSzuschliehen. (Sehr wahr.) Wenn daher jene Kreise noch immer fortfahren, die Erregung zn schüren, so liegt die Annahme nahe, man wolle jene Eindrücke für politisch e Zwecke verwer- ten und den konfessionellen Frieden stören. (Lebhafte Zustimmung.) Wir halten unsererseits diese Ange- legenheit für erledigt und ein weiteres Ein
gehen auf sie nicht für geeignet, den konfessionellen Frieden zu wahren. (Beifall.) Wir wollen mit unse- ren evangelischen Mitbürgern in Frie- denundEintrachtleben, gemeinsam den christ- lichen Glauben verteidigen und Hand in Hand das Wohl d«S gemeinsamen Vaterlandes fördern! (Bravo und Händeklatschen.) Wir erheben aber energisch dagegen Protest, daß man von einigen Seiten diesen Anlaß wieder benutzt, um die k o n f e s s i o- nelle Spaltung zu vertiefen, die katholische Kirche und ihr Oberhaupt zu beschimpfen und U n fr i e d en zu säen. Wir warnen ernstlich davor, auf diesem Wege weiterzugehrn. (Lebhafter Beifall.) Für uns Katholiken sollen die Vorgänge der jüngsten Vergangenheit eine Mahnung jein, uns um so enger und fester an den Mittelpunkt unserer Kirche, den hl. apo- stolischen Stuhl, anzuschließen. Jemehr und je lauter der Ruf ertönt: Los von Rom! wollen wir uns um f o innigen anschlietzen an die Grund- vesteder Wahrheit und das Fundament unserer Kirche. (Stürm. Beifall.) Wir wollen uns scharen um den hl. Vater und mit echter, deutscher, wahrer, und dem Herzen entstammender Treue ihm unseren unverbrüchlichen Gehorsam, stete Liebe und tiefe Ehrfurcht versichern! (Stürm. Beifall.) Gott erhalte und schütze unseren hl. Vater, Papst Pius X. (Wiederholter Beifall.) Und ein weiteres sollen wir Katholiken den Stürmen der Vergangenheit entnehmen: nur einig und geschlossen, wie bisher, können wir der Aufgabe gerecht werden, die in der Gegenwart zu erfüllen unser Herrgott uns berufen hat! Es soll keine verschiedenen „Richtungen" in unserem Lager geben. (Lebh. Beifall.) „Richtung R o m" heißt die Parole! „Für Gott, Kirche und Vaterland" das Feldgeschrei! (Wiederholter, andauernder Beifall.) Mit etwas gutem Willen, mit einem Herzen voll Liebe zu Christus und seiner Kirche und allen, die ihr angehören, läßt sich alles Verletzende, alle Schärfe aus der Vertretung abweichender Meinungen, die doch nur dem einen großen Ziele dienen wollen, fernhalten; und damit ist die erste und wichtigste Vorbedingung dauernder Verständigung gegeben. Nach diesen Gesichtspunkten wollen wir die Verhandlungen der kommenden Tage und unser Verhalten in der Zukunft ein» richten. Hochbedeutsam ist der diesjährige Tagungsort: An einer altehrwürdigen Stätte befinden wir unS, schon in den ersten Jahrhunderten des Chrfftentums ausgezeichnet durch GlaubenSmut und G l a u- benStreue: DaS Blut der hl. Afra tränkte den Boden, den später Bischof UlricnS als ein treuer ©tret» ter Gottes mit Gebet und Opfer schirmte vor dem Einfall ungläubiger Horden! Und als die unselige Glaubensspaltung unserem deutschen tiiaterlande Wunden geschlagen, an denen wir jetzt noch kranken, versuchte ein hochgemuter deutscher Kaiser auf dem denkwürdigen Reichstag zu Augsburg den Religionsfrieden wiederherzustellen, der unserer, vom Unglauben so stark bedrängten Zeit nicht minder notwendig und heilsam wäre! Willkommen denn an diesem Brennpunkt des Glaubens, an dieser Friedensstätte, Katholiken Deutschlands und des Auslandes, die Ihr in so herrlicher Zahl hier zusanunengeströmt seid! Willkommen, um Zeugnis abzulegen für unseren hl. Glauben! um neue Kraft und neuen Mut zu sammeln zu den bevorstehenden Kämpfen! (Beifall.) Möge ein Hauch des Friedens ausgehen von der Katholikentagung in Augsburg. Krieg dem Unglauben und dem Irrtum, aber Liebe und Erbarmung dem irrenden Bruder!
das sei der nack> dem wir unsere Ver
handlungen führen wollen, und über uns schwebe die .Krcnzessahne mit dem Zeichen, das die Wett über- wimden und das in unverwischbaren, ewig glänzenden Zügen die Worte trägt: In hoc signe vinces! (Bravo.) Damit unsere Beratungen im rechten Geiste vor sich gehen, damit sie begleitet und geführt werden durch den Segen Gottes, bitte ich nunmehr den Hochwürdigsten Herrn Bischof non Augsburg, uns den bischöflichen Segen erteilen zu wollen. (Lebhafter Beifall und Hände- klatschen.)
Sofort erhebt sich Bischss Freiherr von Lingg zu folgender Ansprache:
Sehr gern entspreche ich dem Wunsche des Präsidenten. Allen Berfammelren rufe ich ein herzliches Grüß Gott zu. Wie Kaiser Augustus das Wort ge- iprochen hat, dessen Brunnen hier steht, da soll da? Kastell sein! so möchte auch ich mit Hochgefühl sagen, da soll für ein paar Tage das Lager der katholischen Soldaten Deutschlands fein Lebhafter Beifall). Wenn nun diese Soldaten mich um meinen Segen zu Ihren Bet Handlungen bitten, so folgen Sie damit einem alten Brauch der Katholikenversammlungen. Ich bedauere, daß die außerbayerischen Bischöfe infolge ihrer Versa innil ung zu Fulda an dieser Versammlung nicht teilnehmen können, aber ich glaube im Namen aller sagen zu dürfen, auch mir Bischöfe suchen engste Fühlung mit den Katholikenverjaminlungcn (Bravo) Gestatten Sie mir eine Bitte! Wir sind in Augsburg und da bitte ich Sie zu sein, rote die Augsburger, nicht ultramontan, sondern doppelt ultramontan (Stürmischer Beifall). Wir Haden jenseits der Alpen den heiligen Vater, an dem unser ganzes Herz hängt (Lebhafter Beifall). Wir haben aber jenseits der dortigen Berge «nach Norden zeigend) unseren herrlichen Kaiser (anhaltender stürmischer Beifalls, an dem unser Herz auch hängt als den Vertreter der ihm von Gott gegebenen Gewalten in irdischen Fragen. Mögen Ihre Verhandlungen im Zeichen der Treue zum hl. Vater, der Treue zum Kaiser stehen! Geben Sie dem Kaiser, was des Kaisers ist, geben Sie dem Papste, was dem Papste ist, dann geben Sie Gott, was Gottes ist (Stürmischer Beifall). Hierauf erteilte der Bischof seinen Segen, den die Versammlung knieend empfängt. (Lebhafter Beifall).
Präsident Abg. Marx führt im Anschluß daran aus:
Ihr Beifall hat gezeigt, welchen Widerhall die überaus trefflichen Worte des Hochwürdigsten Herrn Bischofs in Ihrem Herzen gesunden haben. Ich darf in Ihrem Namen sprechen, wenn ich dem Hochivür- digsten Herrn unseren verbindlichsten Dank für seine tuld und Gnade hiermit ausfpreche. Und einen Herzchen Gruß möchte ich aussprechen in Ihrem Namen an alle die Hochwürdigsten Herren Bischöfe, die in so großer Zahl unter uns erschienen sind. Redner nennt unter fortgesetzt sich steigernden Beifallsäußerungen die Namen der m der Versammlung anwesenden Bischöfe. Meine Herren, ein Bild der weltumspannenden Macht der katholischen Kirche. Auch im 20. Jahrhundert, haben ihr alle Stürme nichts antun können. (Beifall.) Mögen sich unsere Gegner vollständig beruhigen über die Zukunft der katholischen Kirche. (Heiterkeit und stürmischer Beifall). Mögen auch die, die schwachen Herzens sind, in unseren Reihen neuen Mut schöpfen auS dem Verlaufe dieses Katholikentags. Wir sind unangreifbar und unbesiegbar, wenn uns ein solches Band eint, zwischen den Hirten und der Herde. Wenn wir dabei, rote das oft geschieht eine Herde genannt werden und dabei an Lämmer, und
Geduldige denkt, so sage ich, wenn man unsere Bischöfe, unsere Ordensleiter angreift, dann verläßt uns unsere sonstige Ruhe und Gelassenheit (Stürmischer Beifall). Das mögen sich unsere Gegner, die Nörgler, die Spottsüchtigen, aber auch gewisse hohe Staatsregierungen merken. (Stürmischer langanhaltender Beifall.) Es gibt eine Grenze de8 Ertragens und so wird es auch einen Punkt geben, wo wir laut reden und unser Recht fordern, da, wo es notwendig ist. (Stürmischer immer von neuem ausbrechender Beifall.) Diese nach Kampfeslust aussehenden Worte sollen die Friedenslust des heutigen Tages nicht beeinträchtigen, aber ich glaube, dieZeiten find vorbei, wo wir nur mit Friedensw orten unsere Lage erträglicher machen konnten. (Lebh. Beifall und Zustimmung). Es gibt Zeiten, wo der Mann hinaus muß, nicht mit Gewalt, aber auf legalem Wege auf dem Wege derOessentlichkeit, derPreffe und auch deS polittschen Kampfplatzes. Das darf ich hier sagen, ohne den Charakter unserer Bersammlung zu stören. Aber ich sage, es gibt einen Zeitpunkt, wo der katholische Mann sich aller Mittel deS öffentlichen Lebens und Rechtest bemächtigen darf, wo er verpflichtet ist, fie zu benutzen, um die Ehre unserer Kirche und unserer Bischöfe und unserer Ordensleute zu verteidigen. (Stürm. Beifall.) In diesem Sinne heiße ich die hochwürdigen Herren Bischöfe herzlich willkommen. Mögen Sie die besten Eindrücke von hier mit fortnehmen, damit Sie Ihren Freunden sagen können, wie unsere Herzen heiler schlagen, und am wärmsten schlagen unsere Herzen für die, die durch eine mißverstanden» Anwendung der Gesetzeskraft gezwungen sind, fern vom deutschen Boden zu bleiben. (Stürm. Beifall.)', Unseren Ordensleuten draußen in der Mission und im Auslande soll schon am ersten Tage unser Gruß gelten, damit die Herren von der liberalen Richtung nicht bists zum letzten Tage zu warten brauchen. (Große Herterk.) Nein, heute schon wollen wir unseren Gruß senden an unsere Freund«, auch die Jesuiten und di» weiblichen Ordensgemeinschaften (Stürmischer Beifall), auch diejenigen, die man fälschlich als verwandt mit den Jesuiten erklärt. Nunmehr «teile ich das Wort Se. Exzellenz Slaalsmintster a. D. Ebenhoch.
Hierauf nimmt das Wort österreichischer Staatsminister a. D. Ebrnhoch. Er spricht über
Katholische Weltanschauung.
Einleitend spricht der Redner seine Freude darüber aus, auf einer Generalversammlung der Katholiken Deutschlands sprechen zu können. Diese Freude sei allerdings eingeschränkt durch die Befangenheit, di« ihr» beherrsche, da er auf einem Platze stehe, den so hervorragende Männer, wie Windthorst, Reichensperger, Mallinckrodt, Dr. Lieber ufro. eingenommen hatten. Wenn er es gleichwohl wage, vor der Dersammlung zu sprechen, so sei die Ursache die gemeinsame Wellanschauung, die ihn und die Versammlung verbinde. Weltanschauung! Wer vermag eine kurze, klare itnb umfassend« Definition dieses Begriffes zu geben?! Enthält sie doch in ihrem Rahmen die größten Fragen der Menschheit denn Weltanschauung ist die Auffassung über Welt, Leben, Tad, Gesellschaft usw. Bei Beurteilung der Frage muß man von zwei Gesichtspunkten auS- gehen. Erstens, daß jeder Mensch bewußt oder unbe- wußt eine Weltanschauung in sich trägt. Zweitens, daß die Weltanschauung, die die Gegenwart beherrscht, die Zukunft gestaltet. Zwei Weltanschauungen liegen seit dem Sündenfall im Paradiese mit einander im Streite. Bis Christus die theistische und die atheistische Weltanschauung, seit Christus die katholische und nicht- katholische, die letztere im Sinne ihrer Wortführer auch die antikatholische. Fragen wir zuerst nach unserer eigenen, der katholischen Weltanschauung. In prächtigen Bildern schildert Redner den Glauben an einen persönlichen Gott, die Hoffnung, die in der Unsterblichkeit der Seele liegt und die christliche Nächstenliebe als die Grundpfeiler der katholischen Weltanschauung. Demgegenüber dämpft die Welt ohne Gott, ohne Unsterblichkeit uri6 ohne Liebe. Im Anschluß hieran begründet Redner auS» fiihrlich die Bedeutung der katholischen Weltanschauung für das Jndividium, die Familie, die Gemeinde, den Staat und die Well. In letzterer Beziehung weist er darauf hin, daß eS in der Gegenwart gerade Mei christusgläubige Fürsten seien, welche den Frieden in Europa aufrecht erhielten: Kaiser Wilhelm II. und Kaiser Franz Joseph I. (Lebhafter langanhaltender Beifall.) In Beantwortung der Frage, wie die so notwendige katholische Weltanschauung im Volke erhalten und gefestigt werde, legt Redner die Bedeutung deS Elternhauses dar, in welchem zunächst die Mutter diese Aufgabe habe und hebt dann die Bedeutung der Schule hervor, um daraus die Notwendigkeit katholischer Lehrpersonen zu folgern. Die hohe Schule der katholischen Weltanschauung aber ist das praktische Leben, in ihm von allem die Not. Redner führt diesen Gedanken des weiteren aus und weist empfehlend hin auf die Vincenz- und Elisabethvereine. Gefestigt wird die katholische Weltanschauung durch Beobachtung der anderen Weltanschauungen, ihres Wesens und ihrer Folgen. Besonders wichtig aber ist, wie Redner eingehend darlegt, die Förderung katholischer junger Männer im Dienste der Wissenschaft. Redner bespricht im Zusammenhang damit die hohe Bedeutung biet Albertu S-M agnu s-V ereine in Deutschland, des katholischen UniversitätSvereineS in Oesterreich, die Wichtigkeit der kathol. Studentenkorporationen und der kathol. Presse. Des wetteren behandelt Redner die bedeutsame Frage, ob bei dem großen Kampfe der Gegenwart Mitkämpfer ans n i ch t k a t ho l i s ch e n Kreisen ausgefchlossen feien. In Beantwortung dieser Frage führt er aus, daß in diesem Kampfe in erster Linie allerdings die Katholiken berufen feien, die Vorhut zu bilden und zwar wegen der Verheißungen Christi an die Kirche, wegen der gnadeuvollen Stärke, die für die Katholiken im heiligsten Altar- sakrament, in der Verehrung der Muttergottes und des heiligsten Herzens Jesu liegen. Es ist aber not- wendig, führt Redner weiter aus, dsatz aufrichtige Gläubige anderer christlicher Bekenntnisse nicht ausgeschlossen sind, einerseits, weil sich die Gegner auch olle einigen, unb andererseits, wegen des gemeinsamen Zieles, welches ist: die Ehre Gottes. Lebhafte Zustim- mung.) Zum Schluß fordert Redner in bewegten Worten die ganze chttstgläubige Well zur Einigkeit, zum Mute und zur Beharrlichkeit ht dem fo schweren Kampfe der ©cgcntoart auf. (Langanhaltcnder Beifall.)
Prasidrut Abg. Marx führt hierauf aus:
Herzlichen Tank Seiner Exzellenz, für die herrlichen Worte, die er zu uns gesprochen hat. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß Sie den Beifall, den Sie gespendet, auch der Heimat des Redners gespendet haben (Besi fall.) und so möchte ich diese Gelegenheit nicht vor-
57. General-Versammlung »er Katholiken Deutschlands in Augsburg Zweiter Tag — Montag.
X Augsburg, 22. Aug. 1910.
Nach den zahlreichen Begrüßungs- und Festver- ammlungen, welche der gestrige Tag tm Anschluß in den imposanten Festzug in den verschzedmsten totalen der Stadt brachte, begann heute die Reche »er Tage, die der ernsten Arbeit gr-vidmet sind. Sie wurden roürvig eingeleitet durch em seterltcheS Bontifitalamt ju Ehren der allerseltgsten Jung- .tau, der Patronin der Generalversammlung, daS Ur Hochw. Bischof von Würzburg, v. Schlör, jelebrierte. Die Teilnehmer begaben sich hierauf in die Versammlungen der verschiedenen Vereine, welche tu emsiger Arbeit zusammengetreten find. Um 10 sshr fand eine Auffahrt des Kartellverbandes der chrbenlragenden katholischen deutschen Studenten- Verbindungen mit Huldigungsfeier vor dem Lrinzregentendenkmal statt, die ein farbenprächtiges Bild bot und einen durchweg gelungenen Verlaus tabm. ES wärest 70 Verbindungen vertreten. — Nach Schluß des Pontifitalamtes beginnt Vor- Mag 11 Uhr die
1. geschloffene Bersammlung
ix der Konzerthalle im Stadtgarten. Der Vor- lhende deS Lotaltomitees, Justizrat Reifert, er- -ffnet sie mit einer turzen Ansprache und leitet die Wahl des Präsidiums ein. Gewählt wird als Prä- ident Oberlandesgerichtsrat Reichstagsabg. Marx, US 1. Vizepräsident Graf Schönburg-Glauchau Sachsen), als 2. Vizepräsident Regierungsrat Abg. Speck; zu Schriftführern: Lehrer Jos. Maier in stugsburg, Redakteur und Landtagsabg. Hauser in Stuttgart, Oberzolltontrolleur Morgott in Pfronten, Postoerwalter Anton Stühle in Augsburg. Sodann werden die Vorsitzenden der 4 Ausschüsse gewählt: s. Ausschuß, Kirchl. Fragen: Amtsgerichtsdirektor Nießler und Justizrat Dr. Karl Bachem. 2. Ausschuß, Soziale Frage: Direktor Dr. Pinger jnb Abg. Walterbach. 3. Ausschuß, Christliche Mritas: Prälat Dr. Werthmann und Domta- pitular S. Biedermann- Niederm. 4. Ausschuß, Christliche Bildung. Schuldirektor Bergmann und fcomfapitular Kohl. Ins Präsidium werden weiter 118 Mitglieder des Zentralkomitee'S delegiert: Erbdroste Graf Vischering, Reichsrat Frhr. v. Soden <nd Justizrat Reifert.
Darauf werden tzuldiguugstelegramme, an den Hl. Vater, an den Kaiser und den Prmz- cegenteu Luitpold von Bayern beschlossen, die in herzlichem, warmem Tone gehalten sind, ebenso an hie Bischofskonferenz in Fulda.
Erbdrvste Graf Vischering gab sodann den Geschäftsbericht deS Zentralkomitss. Bon den Mitgliedern des Zentralkornitös sind gestorben Fabrikdirektor Wieser, Graf Praschina, Kommerzienrat Pustet-RegenSbura. Die beiden ätzten Katholikentage in Düsseldorf und Breslau hatten ein Defizit, die durch die in den betr. Städten aufgebrachten Garantiefonds gedeckt wurden. Präsident Marx dankte in überaus warmen schwunH- dollen Worten dem Erbdroste Grafen v. Vischering, ver in die Fnßstapfen des Fürsten Löwenstein getreten, des jetzigen P. Raymundus. Es war eine wunderbare, ergreifende Rede, die der Präsident den beiden um die katholische Sache so hochverdienten Männern widmete unter stürmischer Begeisterung der Versammlung.
In der Folge wurden mehrere Anträge erledigt, di» nicht an die Ausschüsse verwiesen werden.
Der Antrag über die römische Frage, welcher die volle Unabhängigkeit und Freiheit des Hl. Stuhles aufS neue fordert und für den Peters- 'vfennigermuniert.wurdein energischer, ausgezeichneter Rede von Justizrat Dr. Bachem begründet. Die Katholiken werden mit besonderer Wachsamkeit und vermehrtem Eifer die Verteidigung der Kirche füh- ren und eine Phalanx um daS Papsttum bilden.
Angenommen wurde ferner der vom Grafen Galen empfohlene Antrag sür den Bonifatius- verein und der vom Generalsekretär Richen empfohlene Antrag für den Deutsche« Verein vom Hl. Lande.
Unter den eingelaufenen Telegrammen befinden sich solche vorn Kammerpräsidenten Dr. von Orterer, dem ehemaligen Reichstagsprästdenten Graien Ballestrem, dem LandtagSabg. Freiherrn v. Maksen und dem Kardinal-Erzbischof von Prag.
Tie erste öffentliche Generalversammlung begann nachmittags 5 Uhr. Wieder hatten sich so viele Personen eingesunden, daß die weite Halle und sämUiche Tribünen geradezu überfüllt waren. Auch die Präsidialtribüne war bis auf den letzten Platz gefüllt. Wir bemerkten u. a. die Bischöfe von Augsburg, von Würzburg, von Paflau und von Eichstätt. Vom hohen Adel seien erwähnt: Gras Droste-Bischering, Baron v. Samgny, RetchStags- abg. v. Frankenstein, Fürst Aloys Löwenstein, Fürst v. d. Leyen, Fürst Oetting-Spielberg, Fürst Oetiing-Wallerstein, Graf Fugger-Kirchheim, Graf Praschina, Fürst Waldburg-Wolfegg, Graf Fried- rich Karl v. Schönborn, Freiherr v. Pfetten, Reichs- tagsabg. Graf Galen, Reichstagsabg. Freiherr von Tbünefeld. Von Parlamentariern seien noch erwähnt: Dr. Porsch, Trimborn, Erzberger, Wallenborn, Molthan, Skull, Duffner, Speck, Gröber, Herold. Anwesend waren u. a. ferner der Generalpräses der Gesellenvereine, Schweitzer, Amtsgerichtsdirektor Gießler-Mannheim, Bürgermeister Frenay, Jesustenpater Lehmkuhl. Jn der Mitte der Prä- fidiallribüne erblicken wir drei Dominikanerpatres. Wohl wenigen der vielen Anwesenden dürfte es zu Beginn der Versammlung bekannt gewesen fein, daß der älteste dieser drei Herren kein geringerer ist, als Fürst Löwenstein^ der langjährige Kommissar unserer Generalversammlungen, der vor einigen Jahren bekanntlich in den Dominikanerorden ein- getreten ist.