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M 184.

Samstag den ;s. August 1910.

N. Jahrgang.

«Waer W Leitung *

2. Blatt.

Druck und Verlag der Zuldaer rletiendruaer« ia 8»Ida.

wochen-Run-schau.

fts Fulda, 12. August 1910.

In diesen Juli-Augusttagen denkt man inDeutsch- , ' 4 0 ab re zurück, in jene glorreiche

«eit deutscher Kämpfe und Siege. Der Rückblick laßt beuteln Mektioeres Urteil zu als kurz nach dem Kriege In Frankreich sind Aktenstücke über die diplo­matischen Ursachen des Krieges veröffentlicht worden, die das gewöhnlich schwarze Bild, in welchen Napo­leon III. gemalt wird, aufhellen; er war nicht jener Mann, der in Aufgeblasenheit mit dmr Leben seiner Untertanen gespielt hat, er war auch kein Escher Deutschenfteffer, sondern er war ein kranker Mmm der von ehrgeizigen Politikern und einer fanatisierten Volksleidenschaft in den Krieg gedrängt worden ist In Frankreich dringt von Jahr zu Jahr mehr die Er- kennrnis durch, daß man in verhängnisvoller Selbst­überschätzung den Krieg begonnen hat und daß heute weniger denn je an eine Revanche zu denken ist. Man wird uns in Frankreich nicht lieben; wir wollen aber zufrieden sein, wenn das unsinnige, volkerbeunruhi- aende Spiel mit dem Rachegedanken aufhort. Die An­zeichen sind vorhanden, daß eine ruhigere Stimmung Platz greift und allmählich auch in Franzosenköpfen der heutige Zustand als unabänderlich anerkannt wird.

Der „Weltkongreß für freies Christentum", die neueste Firma, unter der die Gegner des festen klaren Gottesglaube zu Felde ziehen, hätte bei seiner dies­maligen Tagung, die in Berlin vor sich ging, sich sehr leicht allgemeineres Interesse erzwingen können. Aber die Bedeutung dieser Tagung, die jede positive Tat vermissen ließ und nur ein Meer von unverdauten Problemen, spitzfindigen Geistreicheleien und daneben auch manchen gellenden Notschrei nach der verlorenen Wahrheit bot, blieb erheblich hinter dem zurück, was man sich nach der großen Reklame dafür vorgestellt hatte.

Die Sozialdemokraten setzen sich noch immer in kräftigen Tönen mit den badischen Budgetbewilligern auseinander. Der Parteivorstand hat den abtrün­nigen Genoffrn, die dem Staate zur Beftiedigung der Großblocksehnsucht der Rationalliberalen und Freisin­nigen den Etat bewilligt hat, sehr derbe die Wahrheit gesagt, so derbe, daß den bayerischen Sozialdemokra­ten, die sonst immer fürs Budget gestimmt hatten, der Mut in die Stiefel rutschte und Bayern zum ersten Male seit langer Zeit wiederum sozialdemokratische Budgetverweigerer sah.

In der sozialdemokratischen und freisinnigen Preffe lebt der Streit um Baffermann, der Streit auch um die Taktik für die nächsten Reichstagswahlen fort, ohne daß etwas anderes dabei herauskäme als Zweifel dar- über, ob man überhaupt noch eine geeignete Brüder­schaft sei.

Die hochsommerliche Ruhe, die Deutschland be­herrscht, beglückt auch die meisten übrigen Großmächte. Rußland wird höchstens durch fortgesetzte Enthül- üngen über Deamtenspitzbubereien aufgeschreckt. In England schleicht die Sorge, wie der Kampf mit ben noch immer — ober besser: immer mehr — auf­sässigen Eingeborenen des für den britischen Handel so überaus wichtigen Kaiserreichs Indien durchgesnhrt werden soll, durch den Sommer hindurch. Auf dem Balkan ärgert man sich in Athen und Konstanti­nopel in der Kretafrage weiterhin über die Schutz­mächte, die beide Teile Hoffnungen machen, von denen keine in Erfüllung geht.

Nur Spanien macht von den europäischen Mäch­ten eine Ausnahme. Dort steht dieser Sommer im Zeichen her großen Ereignisse. Die steche Art und Weise, wie das offizielle Spanien die katholischen In­teressen mit Füßen tritt, hat denn doch in weitesten Kreisen Spaniens die Bevölkerung an seine katho­lischen Ideale erinnert und Hellen Zorn ausgelöst. Diese ZorneSstimmung sollte kürzlich zu einer großen Protestkundgebung in San Sebastian führen. Aber die Karlisten, die Gegner des heutigen Königshanses, suchten das Wasser dieser Volksempörung auf ihre Mühlen zu leiten und daraufhin lehnte der päpstliche Stuhl diese Kundgebung ab, die daraufhin unterblieb. Auf das katholische Organisationswesen in ganz Spa­nien hat das Vorgehen der Regierung aber anregend

efatgetoirft. Die spanischen Katholiken wollen jetzt einen sich über das ganze Land erstreckenden Bund zmn Schutz der katholischen Jntereffen gründen; nur dürsten sie dabei nicht politische Motive mit einschlie­ßen lassen.

R- 57. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands in Augsburg.

Die Tagung der 57. Generalversammlung der Ka­tholiken find in unmittelbare Nähe gerückt. Wenn auch noch manches zu erledigen tft, so kann man doch der Freude Ausdruck geben, daß die Hauptarbeit ge­tan ist, so daß auch der heuttge Katholikentag glanz­voll zu werden verspricht.

Was am meisten ins Auge fällt, daS eigentliche Heim der Versammlung, die Festhallch ist in ihrem Bau bereits so weit vorangeschtttten, daß ihre Fertigstellung unmittelbar bevorstcht.

Am 1. August fand eine Sitzung des G esamt» loka lkomitees statt, in der die Vorsitzenden der einzelnen Festausschüsse über die vorbereitenden Ar­beiten für die 57. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands in Augsburg Bericht erstatteten. Da die Tättgkeit der Kommissionen mehr interner Natur ist, tritt ihr Wirken weniger zutage. Es muß ober offen gefagt werden, daß eine Unsumme Arbeit geleistet worden ist. Die Rednerkommiss io n hat längst die Auswahl der Themata und die Wahl der Redner sowohl für die Hauptversammlungen wie für die Nebenversammlungen getroffen und ist zurzeit mtt der Sichtung der Anttäge beschäftigt. Die P r e ß kom­mt ssion hat eine statÜiche Zahl von Aufrufen und sonstigen wichtigen Mitteilungen über die Vorberei­tungen zum Katholikentag an 490 katholische Blätter Deutschlands und Oesterreichs hinausgegeben, die eif­rig abgedruckt wurden. Neben dieser Propaganda- "iättgkeii sorgte die Kommission für Herausgabe eines Führers durch Augsburg, für Festpostkarten, erledigte die Vorarbeiten für das zehnmal erscheinende Fesiblatt, für Herausgabe eines Gedenkblattes mit den Porträts der Präsidenten, der Vorsitzenden der Kommissionen, der Bischöfe und anderer hervorragender kirchlicher Würdenträger, fowie für den stenographischen Bericht. Dank der außerordentlich rührigen Tättgkeit der An- Meldungs- und Wohnungskommifsion hat die Wohnimgsftage eine glückliche und zufrieden­stellende Lösung gesunden. Wohnungen stehen nun­mehr in großer Anzahl zur Verfügung, dank dem lie­benswürdigen Entgegenkommen aller Bevölkerungs­schichten. Gerade auf die Arbeitskraft der drei letzt­genannten Kommisstonen wird immer noch sehr viel gesündigt, da, wie die Erfahrung beweist, sehr viele Teilnehmer sich erst spät anmelden und dadurch die Arbeitslast besonders in den letzten Tagen vor der Versammlung sich in fast nicht zu bewältigender Weise häuft. Allerdings ist es gar manchem Katholiken erst in letzter Stunde möglich, über sein Kommen definitiv zu entscheiden. Aber auch manchen gibt es, der aus reiner Bequemlichkeit es unterläßt, die Ko mm. ssion von seinem Eintreffen zu verständigen. An diese Her­ren und Damen sei die Bitte gerichtet, durch frühzeitige Anmeldung der Kom- mission die Arbeit in etwas zu erleich­tern. Nur so ist auch die sichere Gewähr dafür ge­geben, daß besondere Wünsche des einzcknen berück ichttgt werden. Die Finanzkommission hat bis jetzt 4638 Karten für ständige Mitglieder ausge­geben. Seit der Breslauer Generalversammlung wur­den 930 neue ständige Mitglieder gewonnen, eine er= reuliche Tatsache. Für den Garantiefonds wurden insgesamt rund 135 000 Mk. gezeichnet. Die Be- grüßungs- und Ordnungskom misst on hat Vorsorge getroffen, daß der zu erwartende Massenver­kehr in schönster Weise sich abwickelt. Die Bewäl- tigung des Verkehrs am Festzugssvnntag werden ne­ben den fahrplanmäßigen Zügen 25 Sonderzüge aus allen Teilen Bayerns und Württembergs überneh­men. Zu bemerken ist, daß der zuerst geplante P a s- ionsspiel-Sonderzug wegen geringen Ent­gegenkommens seitens der Spielleitung in Oberam­mergau voraussichtlich nicht zustande kommt. Die Festkommiffion, deren Aufgabe es ist, für die gesellige Unterhaltung der Teilnehmer während der sitzungs­

freien Zeit zu sorgen, hat für den 24. August ein @ar- tenfeft im Stadtgarten und für ben 25. August das Festessen im Goldenen Saal des Rathauses ins Auge gefaßt, damtt nach anstrengender, ernster Arbeit.auch der Frohsinn zu seinen Rechten kommt. Die Fest­zug skom Mission hat eine außerordenttich er- fteuliche Tättgkeit entfaltet Der Festzug wird wett üb er 600 Ver ein e mit rund 26 000 Teilnehmern umfassen; 520 Fahnen sind angemeldet, 42 Musik, und 12 Tambour-Korps werden im Zuge marschieren. Die Altarkommission hat die weitestgehenden Anord- nungen vorgesehen, daß die geifüichen Herren täglich die hellige Messe lesen können. Die hochw. Pfarr­ämter haben 100 Altäre zur Verfügung gestellt. Rur mögen die noch ausständigen Anmeldungen baldtun- sichst betätigt werden, da verspäteten Wünschen viel­leicht sonst nicht mehr entsprochen werden kann. Am Dienstag, den 23. August, vormittags 7 Uhr, findet eine Männer-Wallfahrt statt.

Alle diese Maßnahmen geben die sichere ©arantte, daß auch die 57. Genralversammlnug der Katholiken Deuffchlands eine würdige Nachfolgerin ihrer gro­ßen Vorgängerinnen wird, nach innen und außen.

Deutsches Reich.

♦ Eine Anregung zur Reise deS deutschen Kron­prinzen gibt der „Berliner Konsekttowär", welcher schreibt: I a p a n ist für unseren Export verloren. Die Japaner machen bereits alles im Lande und nicht nur das, sondern sie machen den Europäern auf dem Weltmarkt schon recht fühlbare Konkurrenz. Umso- mehr ist aber von China zu erwarten, wo die eng­lische und amerikanische Konkurrenz herrscht. Die Amerikaner machen ein sehr großes Geschäft, die Eng­länder aber, die zu bequem sind, und nicht mit der Zeit mitgehen, verlieren stark an Boden. Hier ist nun etwas für uns zu machen, und hier find große Erfolge zu erzielen. Der chinesische Markt ist sehr aussichts­reich, wenn er in geeigneter Weise bearbeitet wird.

--- Auch eine Begründung! Der „Verband der Vereine deutscher Katholiken im Osten", der seine Aufgabe in der Verteidigung des Hakatismus und der Bekämpfung des Zentrums erblickt, hält seine diesjährige Vertreterversammlung Anfang Sep­tember in Bromberg ab. Auf der Tagesordnung steht u. a. folgender Antrag:

„Der Verband der Vereine deutscher Katholiken im Osten wolle an zuständiger Stelle dohin wirken, daß die Königliche Ansiedelungskommission bei Auf­teilung von Gütern in stärkerem Maße wie bisher deutsche katholische Ansiedler berücksichtige, um da­durch die Mitgliederzahl der Vereine deutscher Katho­liken zu vermehren und den polnischen Bestrebungen wirksamer entgegentreten zu können."

Die Leitung des Verbandes der Vereine deutscher Katholiken hat sich mehr und mehr zu einer Filiale des Ostmarkenvereins entwickelt. Das läßt fast jede Nummm des Verbandsorgans erkennen. Da sollte man doch die Ansiedelung solcher deutschen Katholiken verlangen, die sich verpflichten, dem Hakatistenbunde beizutreten; das wäre wenigstens offen. Immerhin begrüßen wir den Antrag; er ist ein Eingeständnis des unparitätiscken Charakters der preußischen Ansiedlungspolitik.

-4- Der Kampf um die Wertzuwachssteuer setzt aufs neue ein; die Gegner sagen, daß sie viel Arbeit mache, aber wenig Ertrag liefern werde. Gewiß kann es sich hier nur um Schätzungen handeln und diese können trügen. Als Köln am 1. April 1905 die Zuwachs- teuer einführte, war sie von den Stadtverordneten so verwässert worden, daß der Oberbürgermeister Dr. Becker, der als einer der genauesten Kenner Kölner Verhältnisse galt, der Steuer nur noch „dekorativen Wert beimaß. Man stellte ihren Ertrag nur noch mit 20 000 Mark in ben Etat. In Wahrheit ergab le 285 000 Mack. Im nächsten Etat fetzte man ben Ertrag mit 80 000 Mack ein — es ergaben sich aber 387 000 Mark. Und ähnliche Erfahrungen machte man auch auf bem platten Lande. Die kleinsten Orte, die unseres Wissens die Zuwachssteuer Haben, sind Dörfer im Kreise Blumenthal: St. Magnus (731 Einwohner), Platjenwerbe (362 Einwohner), Brun­dorf (154 Einwohner). Hier war der Ertrag der Zuwachssteuer 1907 : 8530 Mk., 3638 Mk. und 1628

Mk., das heißt auf den Kopf der Bevölkerung etgat die Steuer über 10 Mk. Will man die kleinen Leute von der Steuer ganz frei lassen und ihre Veckäufe mit Steuerecklämugen usw. ganz verschonen, so gibt es auch dazu gangbare Wege genug. Man kann z. B. jeden Gewinn unter 2000 Mk. bann freilassen, wenn bet Verkäufer ein bestimmtes Mindesteinkommen nicht erreicht. Beim Reichsstempelgesetz hat man ja auch berartige Freilassungen des kleinen Grundbesitzes er- möglicht.

Ausland.

♦ DaS größte Kriegsschiff der Welt ist in Eng­land vom Stapel gelassen worden. Es ist der Kreuzer „Lion". Lieses Schiff erhält eine Bewaff­nung mit acht 13,5-Zoll-Geschützen. Diese sind in Mittschiffslinie in vier Doppeltürmeu ausgestellt. Die Panzerung hat 91/» Zoll Dicke und ist nach dem neuen System Simpson fabriziert, bei dem ein 91/» Zoll dicker Panzer einem elszölligen Kruppschen gleichkommt. Die vorgeschriebene Fahrgeschwindig­keit ist 28 Knoten, doch erwartet man eine Leistung von 30 Knoten, da die Parsonschen Turbinen­maschinen 70000 Pferdestärken entwickeln. Die Größe des Kreuzers ist 26360 Tonnen.

♦♦ Die Entwaffnung in Mazedonien hat eine seht stacke Zurückwanderung mazedonifcher Bulgaren in ihr bulgarisches Heimatland veranlaßt. Dies ivurde von den B u l g a r e n dazu benutzt, die Hetze gegen bie Türkei in großem Stile zu betreiben. Die Groß­mächte haben baraufhin in Sofia zu friedlicherer Auf­fassung bet Dinge gewirkt, was einen nur zeitweisen Erfolg gehabt zu haben scheint. Die Presse hetzt jetzt von neuem, und stets neu ankommende Flüchtlinge geben dieser Hetze Nahrung. Es werden bisher etwa 12 00 Flüchtlinge in Sofia gezählt. Sie ließen dem Ministerpräsidenten eine Bittschrift überreichen, sie zu chren Feldern in Mazedonien zurückzubringen. Die Regierung machte alle fremben Gesandtschaften auf ben Emst der Lage aufmecksam. Besonders der tür­kische Gesandte wurde von der Regierung über bi» Gefahren, die im Anzuge sind, unterrichtet.

AU5 dem Nachbargebiete.

* Bad Salzschlirf, 11. Ang. 1910. Ein sonder, bares Gedicht veröffentlichte die, dem .Bonifatius- Boten' von einem Kurgast zugesandte ,Kur- und Theaterzeitung' in Nr. 31 vom 17. Juli d. I. Der frühere Hofprediger Dr. Frommel hat einmal im Jahre 1888 in Salzschlirf zur Kur geweilt und die Vorzüge des damals noch „roeltoerlorenen* Salzschlirf in ,Daheim' geschildert. Im An­schluß daran hat ebenfalls vor längerer Zeit ein Generalsuperintendent Steinmetz ein Gedicht gemacht, das jetzt wieder in der Kurzeitung veröffentlicht wird. In den ersten 8 Versen werden die Wirkungen des nicht mehr „weltverlorenen" Bades gepriesen. In den beiden letzten Strophen heißt es bann:

»Möge auch in deinen Schatten

Bald das Evangelium Eine Friedensstätte finden: Dieses wär dein größter Ruhm. Denn es ist der Lebensbrunnen Zu dem alles eilen muß Was gesund will werden; ist der Rechte Bonifatius."

Daß in Salzschlirf das Evangelium schon Jahr« Hundecke lang eine Heimstätte gehabt hat, scheint der Herr Generalsuperintendent nicht zu wissen. Aber in seinen Augen ist wohl das Evangelium, das der hl. Bonifatius gepredigt hat, kein Evangelium. Wir meinen, die Kurzeitung eines Bades, das auch auf den Besuch von Katholiken rechnet, sollte sich vor solchen Entgleisungen doch etwas mehr in Acht nehmen.

* Offenbach, 9. Ang. 1910. Eine Frau, die schon längere Zeit an Nervenschwäche litt, vergiftete sich gestern im Hause ihrer Schwiegereltern im Großen Biergrund mit Lysol.

* Würzburg, 10. August 1910. Die zahlreichen Bauschönheiten der Frankenmetropole sollen jetzt staatlicherseits einer genauen Besichtigung und

Unpolitische Seitläuse

(N.) Berlin, 11. August 1910.

Vor vierzig Jahren! Wir Sitten haben doch etwas vormis vor der lockigen und leichtfüßigen Jugend: wir haben das mitertebt, was jene aus ben Büchern der Geschichte kennen lernen. Wir sind mit darin gewesen in bem politisch-militärisch-nationalen Remitier, das sich im Sommer 1870 über der Rhein­grenze zusammenvallte unb in bet Bewegung nach We­sten bin sich über Frankreich entlud. Wir haben in unseren eigenen Nerven die elektrische Spannung gefühlt, die in der erften Hälfte des Juli aus der un­scheinbaren spanischen Thronfolge sich entwickelte. U n- f e r e Herzen haben höher geschlagen, als die Depesche auS Ems über Benebettis dreiste Zumutung und gleich darauf bie französische Kriegserklärung bekannt wur­den. In unseren Köpfen haben sich gekreuzt unb gemischt die heißen patckottschen £>offnu»gen unb bie ernsten Sorgen wegen ber vermeintlichen größeren Kriegsroutine ber Franzosen. Unsere Augen haben in stolzem Aufstrahlen die ersten Siegesdepeschen ver­schlungen und in stiller Angst die Veckusttiften durch- forscht. Es waren Wochen so inhaltsschwer, wie sie das feit 1870 geborene Geschlecht nicht erlebt bat und wahrscheinlich nicht erleben wird. Die Erinnerung wendet sich gern zurück zu ber großen Zeit, bie in schnellen unb wuchtigen Schlägen bas Geschick Euro­pas für die kommenben Jahrzehnte auf bem blutigen Amboß schmiedete. Das Gedächtnisbild ist freilich mit einem wehmütigen Hauch überzogen; denn wenn die Frenbe über die großen militärischen unb nationalen Erfolge wieder auflebt, so mischt sich das Bewußtsein hinein, daß die nachfolgende Entwicklung nicht alles gehalten, was wir uns damals versprachen, unb dazu kommt das persönliche Gefühl: Wie alt sind wir junge blühende Leute von dazumal geworden!

Als es vor vierzig Jahren gegen die Mitte August ging, war die erste Sorge wegen ber „Kriegskunst" der napoleonischen Generale unb des „Elans" der Rot- hosen unb der ^Wildheit" ber Turkos schon gebrochen. Die deutschen Siege von Spichern, Weißenburg unb hatten biejlebcr(egenf>eit ber deutschen Schlach- XV „er Schlachtenkämpfer mit verblüffender Schnelligkeit und Gründlichkeit vor aller Welt klar ge­stellt. Die weitverbreitete Ansicht, daß wir erst durch das Fegefeuer einiger Schlappen hindurchgehen müß­

ten, erwies sich als ein Irrtum ber Bescheidenheit. Wir hatten bie Franzosen überschätzt. Und umgekehrt hat- len sie uns unterschätzt. Wenigstens hatte bie Masse der tonangebenden Pariser und ber sonstigen Großstäd­ter sich dem verhängnisvollen Wahn eines „Spazier­gangs nach Berlin" hingegeben. Sie erlitten eine höchst grausame Enttäuschung, wir genossen eine sehr angenehme Ueberraschung. Uebrigens darf man nicht behaupten, baß alle Franzosen mit der blinden Ver­trauensseligkeit sich in das Abenteuer gestürzt hätten. Es ist ja inzwischen viel bekannt geworden von den schweren Zweifeln an der amtlich verkündeten „Erz­bereitschaft" , die sogar bei ben Offizieren und den politischen Gehiffen Napoleons sich regten. Neuerdings erzählt der bekannte ftanzösische Schriftsteller unb Di­rektor des Nationaltheaters Jules.Claretie von bem Auszug der Soldaten ans Paris:

»Die Soldaten fangen, man jubelte ihnen zu- Aber die Stimmung war doch nicht so heiter und un­getrübt, wie bei dem Auszug im Frühling 1859, als $ut Befreiung Italiens marschierte. Auf den Ge­sichtern tag ein tiefer Ernst, die Scherze und Spott- c',,er smarck klangen gezwungen. Die Soldaten ya.len das unbestimmte Gefühl, daß es einen harten xampf geben würde, unb mehr als em Offizier rum b!e Stirn, wenn vom Ausgang des Th a. S(Iöe wrr. Aber alle halten das Gefühl

>“nö l°3en nut Entschlossenheit und ohne S. " Mein Freund Lockroy und ich

Jt'n'»tpe etcx.S‘ain Gesellschaft einiger Genernl- ^o-ofsiziere. x$n chren Reden frappierte uns ein «wechselten einen erstaunten, unruhigen dbck, als em General, ein wahrer Riese, sagte: Was 77 d"bruß macht, daS iit, dan ich noch keine Starte habe, obschon ich in ein Land ziehe, das mir ganz un­bekannt IN." 1

DerMangel an Landkarten, der auch von anderen Setten vielfach bestätigt worden ist, gibt ein Bild von der „Erzbereitschaft", mit der die ftanzösische Armee an die Grenze geworfen wurde, ehe bie richtige Mobil­machung vollstänbig durchgeführt war. Dort sah man mehr auf bie Fixigkeit, bei uns mehr auf bie Richtig­keit.

Wenn wir jetzt zurücköluken auf den kcktischen An­fang des Krieges, so können wir viel besser als da­mals beurteilen, welch ein ungeheurer Vorteil für uns darin lag, daß wir so schnell unb glatt bie ersten Schlachten gewannen. Anfängliche Niederlagen hätten uns furchtbare Schwierigkeiten bereiten können. Einer, setts dadurch, baß eifersüchtige Mächte sich zu einer

Einmischung zu unseren Ungunften hatten verlocken lassen können. Anbererseits durch bie Erschütterung des Kredits. Es bars nicht verschwiegen werben, baß bie Häuptlinge ber Bank- und Börsen weit, die Herren mit bem allergrößten Geldbeutel, gegenüber ber Kriegs­anleihe bes Norddeutschen Bundes mehr kühle Vor­sicht als patriotische Opferwilligkeit zeigten. Für den französischen Geldbedarf war bas dortige und auch das englische Großkapital viel hilfsbereiter. Die unter* schiedliche Behandlung hat sich, nebenbei bemerkt, nach dem Kriege andauernd fortgesetzt. Frankreich bekam seine 5 Milliarden Kriegskosten auch nach der er­schöpfenden Niederlage und der inneren Umwälzung glatt gepumpt: ein besiegtes Deutschland würde auf dem internationalen Geldmarkt nicht einmal einige lumpige Millionen erhalten haben. Noch heutigen Ta­ges haben die deutschen Reichs- unb Staatsanleihen den schlechtesten Kursstand, obschon sie am besten fun­diert sind. Im Herbst 1870 würde Deutschland wahr­scheinlich zu dem schlimmen Hilfsmittel der Zwangs­anleche haben greifen müssen, wenn das Kriegsglück sich anfänglich gegen uns gewendet hätte.

Zum Glück kam es anders. Nach Spichern und Wörch konnten auch die Zweifler aufatmen. Hier unb ba verfiel man nun gleich in das anbere Extrem. Man hielt die Sache schon für entschieden, die Widerstands­fähigkeit Frankreichs für abgetan, und mancher träumt« schon von einem glatten Spaziergang nach Paris und einem Abschluß des Krieges bis zur Weinlese. Da kamen nun in der dritten Augnstwoche die hacken Kämpfe um Metz. Das dreitägige Ringen enbete mit bem strategischen Erfolge, daß die Arniee Bazaines in die Festung Metz gedrängt und dock eingeschlossen wurde Aber welch schwere Opfer hatte das gefoftet! Wir jugendlichen Beobachter und Kritiker der mili- tärischeu Ereignisse lernten allmählich erkennen, daß es doch ein fürchterliches Stück Arbeit ist, eine Armee von hunderttausend, mag sie auch minderwertig sein, nicht bloß vor sich herzutreiben, sondern wirklich un­schädlich zu machen, im militärischen Sinne zu ver­nichten Die Stimmung wurde bei allem Jubel über die Siege vom 16. bis 18. August doch wieder ernster.

Aber nach kaum 14 Tagen schlug die Lohe des Tckumphes und der Hoffnungsseligkeit höher empor, als je zuvor. Napoleon und die ganze Armee Mae Mahons bei Sedan gefangen! Wer es nicht miterlebt hat, der macht sich keine Vorstellung von der Herzens­freude unb bem Jubelrausch, die eine solche Botschaft

auslöste. Nun glaubten auch schon bedächtige Leute, daß wir am glücklichen Ende angelangt seien. Wer konnte sich denn auch denken, daß noch fünf lange Mo­nate hindurch schwer gekämpft werden mußte, bis die Widerstandskraft des Gegners gebrochen wurdeI

Der zweite, längere Abschnitt des Krieges war eine Geduldsprobe. Die Soldatenbriefe und die Zeitungs­berichte aus der moraftigen Umgebung von Metz lehr­ten uns, daß die Belagerung einer modernen Festung schwerere Anforderungen an bie körperliche und gei­stige Spannkraft ber Soldaten stellen kann, als die ge- wÄtigste Feldschlacht. Die Kämpfe von Orleans, in ber Normanbie, im Jura usw. offenbarten eine über- raschenbe Widerstandsfähigkeit improvisierter Massen­heere. Und toenn General von Podbielski dutzendfach telegraphierte: „Vor Paris nichts neues", so erweckt er immer von neuem die besorgte Teilnahme für die E inschließungsarmee, die in dem furchtbar strengen Muter vor Packs lag, fockwährend beunruhigt von dem Feuer ber Forts unb ben ewigen Ausfallversu­chen, ohne burch eigenes Vorgehen bie langsame Wir­kung des Nahrungsmangels beschleunigen zu können.

„Freudvoll und leidvoll gedankenvoll sein; hangen und bangen in schwebender Pein; himmelhoch jauch­zen, zu Tode betrübt." So schildert Goethe ben Wel­lengang ber Gefühle bei den Verliebten. Tie Schil- berung kann man auch auf bie wechselnde Stimmung in den KckegSzeiten anwenden.

Wer einen großen Krieg miterlebt hat, weiß ben Weck bes Friedens erst recht zu schätzen. Und nun hat die Friedenszeit schon vier Jahrzehnte gebauert. Dafür können wir bem Htmeml nicht bantbar genug fein. Aber wer bie erhebenden Momente ber gro­ßen Zeit sich gegenwärtig hält, wirb bei feinen^Frie- denSwünschen immer ben Zusatz machen: der Friede in Ehren! Die nationale Herrlichkeit, bie wir da­mals errungen haben, wollen wir bewahren Wenn uns dazu die körperliche und sittliche Kraft ausgehen sollte, so wäre bas beutsche Volk seiner Vorfahren unwürdig geworden.

Die größte Gefahr, die uns zur Zeit droht, kommt nichtvonaußen. Was uns nottut, ist die Wider­herstellung und Pflege des i n n e r en Friedens. Es ist ein trauriges Kapitel, wie der innere Friede bald nach dem siegreichen Frieden fteventlich angetastet wurde. Im Andenken an das einttächtige und er­folgreiche Ringen vor vierzig Jahren Men die Hasser und Hetzer in sich gehen.