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uldaer

37. Jahrgang.

Fnlda, Samstag den 13. August 1910

Erstes Blatt

M 184.

von C. Weßner.

Weaen des Feiertags Mariä Himmelfahrt wird die nächste Nummer der ,Fuldaer Zeitung erst am Dienstag ausgegeben.

N. Die hessische Sozialdemokratie im Jahre 1909.

Die hessische Sozialdemokratie gibt in den letzten Nummern ihrer Tagespreffe einen Auszug aus dem Geschäftsbericht des Landessekretärs für 1909—1910.

Demselben ist zu entnehmen, daß in 160 Organi­sationen 14 946 Mitglieder vorhanden sind, darunter 1068 weibliche. Der Bericht verzeichnet ferner 38 832 Mitglieder der freien Gewerkschaften, sowie 2a 464 Abonnenten der Parteipresse. An diesen Ziffern feh­len noch die des Wahlkreises Friedberg-Büdingen, der keinen Bericht einsandte, wodurch sich die Zahlen noch ziemlich erhöhen dürsten. Die Einnahmen und Aus­gaben belaufen sich auf 31129 Mark, das Vermögen beträgt 5651 Mast.

In Offenbach-Dieburg scheint ein Rück­gang der politischen Organisation stattgefunden zu haben, da hier in „dem einzigen Kreis in Hessen, in dem 2 Sekretäre tätig sind, der Markenverbrauch um 10 000 Stück gesunken isst. Sonst hat sich in acht Reichstaaswahlkreisen Mastenverbrauch und Mitglie­derzahl gehoben. In Offenbach-Dieburg zählt die po­litische Pasteiorganisation 7088 Mitglieder, die so­zialistischen Gewestschasten hatten 12 000 Mitglieder, die sogen. Preffe 11000 Abonnenten. Offenbach-Die­burg ist die Hochburg der hessischen Sozialdemokratie. Die „Volksstimme" ist deshalb mit dem Rückgang des Mastenverkaufs um 10 000 Stück umso unzufriedener. Bei den in letzter Zeit in den Landgemeinden vorge­nommenen Gemeinderatswahlen haben die Sozialdemokraten übrigens nicht besonders gut abge­schnitten. So sie sind in Klein-Steinheim, Heusen­stamm, Hausen völlig unterlegen, während sie 1907 bei den Reichstags wählen mit 326, 343 und 166 Stimmen den bürgerlichen Parteien, die 252, 130 und 93 Stimmen erhielten, weit voraus waren. In ande­ren Gemeinden haben sie ebenfalls einen Teil ihrer Mandate verloren; in Mühlheim und Abertshausm haben sie bei Stimmenthaltung der bürgerlichen Par­teien zwar gesiegt, ihre Stimmenzahl ist aber erheblich zurückgegangen; so hat sich z. B. in Obertshausen die Zahl der Nichtwähler, in diesem Falle Zenstums- leute, von 60 im Jahre 1906 auf über 150 im Jahre 1910 erhöht. Die sozialistischen Siege in Bieber und Dietesheim sind durch lokale bezw. persönliche Ver­hältnisse zu erklären.

Alle Anzeichen lassen estennen, daß die sozia­listische Bewegung in Offenbach-Dieburg zum Stillstand gekommen ist und sogar schon zurück-

„Natürlich werde ich Dich nicht verlassen!" versetzte Lena. Aber wie geschickt Du Dich verwandelt hast!"

„Pscht!" machte er wamend, einen ängstlichen Blick auf die Tür werfend. „Sprich nicht so laut Die Wände haben Ohren. Es wohnen einige Damen hier, die immer hier hernmlanfen. Ja, ich glaube, in dieser Vermummung wird mich nicht gleich jemand er­kennen Der Bast war das schwierigste an der ganzen Geschichte; einen falschen konnte ich nicht tragen, so war ich gezwungen, mich längere Zeit in einem kleinen Gasthof zu vesttecken und mich krank zu stellen, in welcher Zeit der Bast wuchs. Niemand ahnt in mir den Mann, hinter dem die Polizei her ist. Als mem Bast ordentlich gewachsen war, vestieß rch den Gast­hof, legte diese Kleidung hier an, stellte mich lahm und »am — als Orlando Slata direkt von Austratten — n dieses Haus."

„Fürchtest Du nicht, gesehen zrr werden?"

„Es ist viel sicherer, auszugehen, statt sich zu Hause zu halten Dieses Sichverbergen ist das gefährlichste, was man tun kann. Mit meinem Bart und dem Knei­fer und dem hinkenden Gang wird mich keine Mm- schenseele erkennen. Hättest Du mich estannt, Lena?"

„Ich glaube nicht. Aber, Oskar, es ist doch furcht­bar, daß man Dich dieses Verbrechens beschuldigt. Wenn Du Christoph ermordet haft, könnte ich Dich nicht heiraten."

„Ich habe ihn nicht ermordet, Lena", gab Schau fast feierlich zur Antwost.

„Weißt Du, wer ihn ermordete?"

„Nstn, aber ich habe den Mann und die Frau, die im „Blauen Hecht" waren, im Verdacht. Es muß eine Jntrigue gegen Kirbh, gegen Dich und gegen Brand im Gang gewesen sein. Warum das alles in jener Nacht passieste, verstehe ich freilich nicht. Ich wünschte, die Wahrheit käme endlich ans Licht, denn

irfQtint täglich mit Ausnahme der 8s.m- undZeiertagr.viertel- iShrlicherveritgspreir ohne Sringerlohn und vefteSgeld in Zulda so­wie Mi'wSstr 1.5« M.

Verant«. Bebatteuti

bevor der wirkliche Mörder nicht entdeckt ist, darf ich mich nicht aus meinem Versteck wagen."

„Warum nicht?" fragte Lena.

„Mer, lieber Schatz, wie würde ich vor dem Ge­richt dastehen? Ich ging in das Büro Deines Gatten, um ihn zu töten — Dir gegenüber will ich mit diesem Geständnis nicht zurückhalten."

„Nun, ich bedauere seinen Tod nicht", gestand Lena offen.

„Nur Deinetwegen bin ich in diese schreckliche Lage geraten", fuhr er fort. „Um Dich zu erringen stürzte ich mich in diese Gefahren. Aber wie gesagt, vor dem Gericht kann ich nicht bestehen. Ich war in der Mord­nacht im Büro und ich steckte den Tüstisenschlüssel in des Toten Hand, um den Verdacht der Schuld auf Brand zu wälzen. Unglücklicherweife oat dieser Kerl, der Sim, gesehen, wie ich den Türkisenschlüffel aus dem Wohnzimmer wegnahm. Nein, nein, Lena, ich muß mich verborgen halten, bis der wirkliche Mörder gefunden ist."

„Wumm verläßt Du England nicht?" fragte sie.

„Ohne Dich kann und will ich nicht! Wenn Du mit mir kommst mein süßes Lieb, möchte ich nach Amerika fliehen. Ich kann wieder meinen eigenen Namen tragen, ohne in steter Furcht vor Entdeckung leben zu müssen."

„Ich denke. Dein wirklicher Name ist Schau?"

„Nein, das ist nur ein Pseudonym für meinen Beruf. Mein Name ist Walter Masts. Wenn wir heiraten, muß es unter diesem Namen geschehen."

„Glaubst Du, daß wir in Amerika sicher sind?"

^Jch bin fest davon überzeugt. Oh, Lena, Du wirst Dich doch nicht von mir lossagen, jetzt, wo ich im Un­glück bin?"

Nein die gute, edle, kleine Frau wollte das nicht. Sie wollte iBren lieben Oskar heiraten — Wal­ter würde sie ihn nie nennen tonnen — sobald dieser es wünschte. Voller Freude nahm er den Vorteil die­ses Versprechens wahr.

Er fragte sie, ob sie damit einüerftanben fei, wenn er sich eine Spezial-Lieenz verschaffte. Wenn er eine solche besaß, so konnte ihre eheliche Verbindung ganz

schnell statssinden. Lena war mit diesem Vorschlag einverstanden.

Schon bald daraus verschaffte sich Schau diese Spe- zial-Lieenz, welche auf die Namen Walter Marks, Junggeselle, und Lena Kirby, Wilwe, lautete. Er besaß eine größere Summe Geldes und bezahlte dir Soften dieses Scheines selbst. Er wiegt« sich noch immer in dem Glauben, daß seine geliebte Lena reich fei; über diesen Irrtum sollte er erst später aufge­klärt werden.

Nach der Trauung fuhr das neuvermählte, glück­liche Paar nach Canterbury, wo es seine Flitterwo- chen zuzubringen gedachte. Die beiden fühlten sich in ihrer neuen Umgebung ganz sicher. Bisher hasten sie die Polizei überlisttet, wie sie sich mit Freuden sagten. Das war aber auch nicht schwer, denn die Polizei hatte tatsächlich die Verfolgung Schau's eingestellt. So­weit Feldern in Frage kam, haste er den Fall auf Ke Liste der unentdeckten Verbrechen geschrieben. Er sstmmte mit Brand in der Ansicht überein, daß Schau, wenn auch nicht in der Absicht, so doch der Tat nach unschuldig an dem Morde war. Herr und Frau Masts genossen jetzt das große Glück, ihre Flitterwochen in eitel Wonne und Freude verleben zu dürfen.

Die Enthüllungen über die veränderten Vennö- gensverhältniffe Lenas fanden statt, als beide die Hauptkirche von Canterbury besichtigten. Oskar schenkte den steinernen Heiligtümern des ehrwürdigen Gebäu­des keine besondere Aufmerksamkeit, da er an ihnen keinen Geschmack fand, sondem erging sich in Betrach­tungen über die Vergnügungen, die er mit Lena ge­meßen wollte, wenn sie erst in Amerika weilten und baute so glänzende Luftschlösser, daß Lena ihn in scharfem Tone mit der Bemestung unterbrach, solche Dinge kosten ein Heidengeld." Er hielt inne und sah sie mit sanftem Vorwurf an.

Oh, Lena, wie kannst Du so sprechen?" fragte er. „Ist" Dein Geld nicht auch das meine? Oder soll ich mich etwa als von Dir abhängig bewachten?"

„Du kannst Dich als das bestachten, was Du willst", versetzte FrauMarks in spitzem Tone. „Was jedoch mein Geld anbelangt, so will ich die paar

Sari Schüttel

ÄM«. wochenM-s«,Maskierte Zomitagrzeitmtg"

Der Wcrmppr.

Roman von FerguS Hume. Autorisierte Bearbeitung

geht. Die Zentrumssache, die durch die Gründung der „Offenbacher Volkszeitung" neues Le­ben erhalten hat, ist dagegen in erfreulichem Wachs­tum begriffen und wird, wenn im Laufe der Zeit mancherorts mit einem heute veralteten System end- gilttg gebrochen wird, einer zu guten Hoffnungen be­rechtigenden Zukunft entgegensehen.___________________

Pfennige, die ich mein eigen nenne, gern mit Dir teilen." ... , «,<

„Paar Pfennige? Hast Du denn nicht zwei Mil-

„Vor vier Wochen besaß ich allerdings noch zwei Jetzt gehören diese jedoch einer anderen Person Setze Dich, Oskar. Du sollst heute gleich alles erfahren. Also: Ich bin bettelarm!"

Er hatte sich nur hingesetzt, um 'M nächsten Augen, blick wieder in die Höhe zu springen; sein Gesicht hat« sich so verfärbt, daß es ganz grün aussah.

„Lena, waä soll das heißen? Dein Gatte —

„Verfaßte ein späteres Testament, in welchem « fein gesamtes Eigentum dem Vater Theo Sandors vermachte — aus Reue und Gewissensbisse, wie er fa0t'ünb bas wußtest Du, als Du meine Frau w^Mstürlich! Aus diesem Grunde habe ich Dich ja eben geheiratet!" gab Lena in ihrem ^Ersten To iw zur Antwort. „Wäre ich reich gewesen, hatte ich Dich nicht genommen. Wirklich nicht! Ich hätte mich viel­mehr auf meine eigene Weise amüsiert!"

„Oh!" rief Oskar, indem er die Augen zu dem steinernen Dach der Kirche erhob. „Und das ist das Weib meiner Liebe — das bis in den Tod zu lieben ich geschworen habe!" „

„Deren Geld Du liebtest!" fiel seine Gattm schroff ein. „Betrage Dich nicht so albern, es hat ja doch keinen Zweck. Du glaubtest wich zu überlisten, ab« ich war klug genug, Dich zu übertreffen. Setze Dich nieder, ich will Dir alles erzählen."

Eingeschüchtert durch ihr gebieten,ches Wesen, daS ihm übrigens ganz neu an ihr war, gehorchte er mür* risch. Ein vorübergehender Toursst hielt die zwei für ein glückliches, junges Paar, das soeben einen klei­nen Zwist gehabt; ab« der Tourist würde entsetzt ge­wesen sein, hätte er einen Blick in das mit rasend« Wut erfüllte Herz des Mannes tun können. Oskar Schau biß zomig die Lippen aufeinander, während et bet schaffen Stimme seines Weibes zuhörte

(Fortsetzung folgt.)

gesetzte und ragende Halbgötter unter die Reisenden, die halb ahnungs- und verantwortungslose Kruder, halb vom Taumel des erwachenden Blutes mrßleUete Neugierige sind. Bleibe jedes Geschlecht für ich! Die neue Art von Kondukation, mrt der wir m den letzten Tagen bekannt gemacht worden sind, ver­dirbt uns auf immer den Geschmack an ebenso gewagten, wie zwecklosen Experimenten."

Jedes Geschlecht für sich, — das ist in der Tat die richtige, naturgemäße Parole für das Erzrehungs- wesen. Die Natur scheidet, aber die moderne After- Weisheit will die geschlechtlichen Verschredenherten »«wischen. Es ist ebenso falsch, die Mädchen knabenhaft zu fchulen, wie es falsch wäre, dre Knaben in eine Atmosphäre der „höheren Töchter- schule" aufwachsen zu lassen. Die radikale Richtung in der Frauenbewegung arbeitet freilich darauf hm, den weiblichen Nachwuchs g«ade in solche Berufe zu bringen, die bisher den Mannern vorbehalten zu fein schienen. Nützlicher wäre es zweifellos, dem Franengeschlechte jene Beruss- stellungen zu retten, bie von Natur und Rechts­wegen den Frauen gebühren, und dazu gehört vor allem die Erziehung der weiblichen Jugend.

* Meiningen, 12. Ang. 1910. Bekanntlich steht die Einführung einer Vermögenssteuer im Herzogtums Meiningen unter Freilassung der Vermögen unter 6000 JMs bevor. Die vom Land­tage vorläufig genehmigte Einschätzung von 50Pfg. für 1000 J6 wird jetzt durchgesührt.

j-Znm Kampf in der Werftm-uftrie.

Kaum ist die Bauarbeiterbewegung durch einen Vergleich beendet worden, da droht unser« deut­schen Industrie wieder ein groß« Kampf.

Die Ursache ist wieder in Lohndifferenzen zu suchen: die Arbeiter auf den Werften ver­langen Schaffung von Einstellungslöhnen für die einzelnen Berufe in der Weise, daß der bet den bisherigen Einstellungslöhnen erreichte Wochenver- dienst auf 53 Stunden uwgerechnet und der erzielte Stundenlohn um 10 Prozent erhöht wird. Unter Einstellungslöhnen werden die Stundenlöhne ver­standen, zu denen die Arbeiter in das Arbeitsver­hältnis eintreten; sie werden dann meist bald ent­sprechend den bewiesenen Fähigkeiten erhöht. Außer­dem soll bei Lohnakkord wie festem Akkord etn be­stimmter Mindestüberverdienst garantiert werden.

Es ist noch in all« Erinnerung, daß im Früh­jahr dieses Jahr sogar auf den kaiserlichen Werften Arbeiterentlassungen wegen Mangel an Be­stellungen eintreten mußten. Bald nach dem Streik vom Jahre 1907, der zu einer Neuregelung d« Arbeitsverhältnisse geführt hatte, trat eine fast zwei Jahre hindurch anhaltende flaue 8eit em, da die deutschen Rhedereien infolge der geschäftlich stark gedrückten Lage ihre Aufträge auf das geringste Maß beschränkten. So fanden in den Jahren 1908 und 1909 zahlreiche Betriebseinschrankungen und damit Arbeiterentlafsungen statt. Seit Ende vorigen Jahres hatte sich die Beschäftigung auf den Werften wieder gehoben; doch find die Preise immer noch sehr gedrückt, und wenn die Wersten jetzt ihr Per­sonal vervollständigten, so geschah das, wie die ,Soz. Praxis' darlegt, mehr wegen ihr« Zukunfts- Hoffnungen als wegen d« gegenwärtigen Lage.

Bei diesem Stand der Dinge kann man es den Werftbesitzern wohl kaum verübeln, wenn sie auf die nach ihrer Ansicht ungerechtfertigt hohen For­derungen nicht eingingen. Doch hätten auch sie Entgegenkommen zeigen können und hatten nicht gleich mit d« Au sf per r nng von mehreren Taufend Arbeit«» zu antworten brauchen.

Es mehren sich die Stimmen, die dem streik, in den die nichtausgesperrten Wefftarbeit« etn- getreten sind, keinen günstigen Erfolgl ver­sprechen, eben wegen der ungünstigen wirtschaft- lichen Sage der Werftbetriebe. Die freikonservatlve ,Post' sieht in dem Ausstand natürlich eine Provo­kation der Sozialdemokratie und richtet deshalb an die Werftbesitzer die Mahnung: „Der Gedanke muß die Oberhand behalten, daß schwächliches Paktieren in dem Kampf, der entbrannt ist, oder gar Kapitu­lieren den Weg d« Sozialdemokratie zu ihren End­zielen b«eiten heißt". Dieser Forderung, den Wünschen der Arbeiter durchaus ablehnend gegenüber» zustehen, vermögen wir uns nicht anzuschließen Wir möchten vielmehr auch hier, wie bei dem Kamp im Baugewerbe, beide Parteien zu gegenseitigen Entgegenkommen anregen. Die Werftbesitzer sollen den Forderungen der Arbeiter mit Rücksicht auf die jetzigen Teuerungsverhältnisse nach Möglich- leit ein freundliches Verständnis beweisen; die W«ftarbeiter ab« sollten sich dreifach überlegen, wie weit ihre Forderungen gerecht sind, und sollten auch die mißliche Lage d« Werften mit in ihre Berechnung ziehen, um nicht den Bogen zu Über­spannen. .

Wir haben zu der Rezittung die Zuversicht, daß sie auch in diesem Kampfe ihre versöhnende Stimme zur Geltung bringen wird, damit im Interesse unserer Seeschiffahrt und unseres See- Handels ebenso wie im Interesse der beteiligten Industrien, die jetzt betroffen sind oder womöglich noch in Mitleidenschaft gezogen werden, eine mög­lichst schnelle Verständigung erfolgt.

Deutsches Reich. ]!

♦ Berlin, 12. Aug. 1910. D« Kaiser hörte heute in Wilhelmshöhe nach dem gewohnten Aus- rttt den Vortrag des Chefs des Militärkabinetts. Zur Frühstückstafel waren geladen: Regierungsrat Dr. Heußn«, Erst« Staatsanwalt Ganslandt, Oberlandesgerichtsrat Dr. Sommer, Ob«regierungs- rat Dr. Blanckenhorn und Pros. Knackfuß. — Der türkische Finanzminister hat am Donnerstag und Freitag in Berlin Besprechungen mit leitenden P«sonen d« Deutschen Bank gehabt. — Eine Konferenz „vaterländischer Arbeiter­vereine" ist zum 15. und 16. Oktober nach Mag­deburg einberufen worden. Es handelt sich offen» bar um den Zusammenschluß der „Gelben".

X Der freisinnige Reichstags-Abg. Schrader, her den Wahlkreis Dessau vertritt, hatte be» kamttlich die Absicht, sein Mandat niederzulegen und sich ans dem politischen Leben zurückzuziehen. Die Genoffen haben darauf, um den Wahlkreis ,u erobern, den Genossen Wolfgang Heine dort als Kandidaten aufgestellt. Daraufhin muß die reisinnige Presse schleunigst mitteilen, die Nach- richt, Schrader wolle nicht mehr kandidieren, treffe nicht zu. Er muß also noch einmal trotz seiner 79 Jahre von Ort zu Ort in Wahlversammlun­gen, um den bedrängten Kreis dem Freisinn zu retten. Ob's ihm gelingen wird?

Je* Zn Sachen des Berliner Rektors Bock ver- öffentlich der Verteidiger des Verhafteten eine Er­klärung, welche gegenüber den Preßberichten behauptet, daß bisher noch kein Fall sittlicher Verfehlung nach- gewiesen sei und auch die vorliegenden Anzeigen nicht so zahlreich und durchschlagend seien, wie m den Blättern berichtet werde. Der Verteidiger fügt noch hinzu, es sei unrichtig, daß ein Geistlicher und eine Lehrerin die Schulkinder von dem Betreten des Amtszimmers gewarnt hätten. Wir nehmen von dies« Kundgebung Notiz, weil sie die Schwierigkeit beleuchtet, schon jetzt sich ein sicheres Bild von dem Tatbestand zu bilden. Dadurch wird unsere Mahn- ung unterstützt, man müsse «st die Gerichtsver­handlung abwarten, ehe man über die Tatsachen und über das Maß d« Verschuldung in Zeitungs­artikeln aburteilt. — Unabhängig von den Einzel­heiten, die noch zu klären sind, drängt sich allerdingv die Frage auf, ob es nicht angezeigt ist, den Unter« richt und die Erziehung d« Mädchen wieder mehr und mehr an w ei b li ch e Lehrpersonen zu über­tragen. Diese Nutzanwendung aus dem traurigen Fall ist alsbald von verschiedenen Seiten gezogen worden. U. A. auch von der konservativen ,Kreuz- jeitung', die mehr Lehrerinnen für die Mädchen­schulen verlangt.

„Man hat", schreibt sie, „in Berlin noch eine ganze Anzahl Lehrerinnen zur Anfügung, die an Knaben­schulen angeftellt sind; wir wollen nun nicht behaupten, daß sie dahin nicht gehören, aber in Mädchenschulen sind sie doch eher am Platze, und für die Erziehung der Knaben scheinen Männer uns doch mindestens ebenso geeignet zu sein."

Die liberalen Erziehungskünstler werden vielleicht die ,Kreuzztg/ wegen ihres positiv - evangelischen Charakters für „reaktionär" und „rückständig" er­klären und Gesinnungsverwandtschaft mit den „Ultramontanen* wittern. Denn es ist ja bekannt, daß in vorwiegend katholischen Landesteilen die alte Methode, das Kind durch eine Person seines Geschlechts unterrichten und erziehen zu lassen, sich viel zäher behauptet hat, als in den anderen Gegenden, wo man die Vermischung der ' Geschlechter im Schulwesen vielfach als eine Blüte b« modernen Kultur begrüßt hat. Richard Nord- 1 Hausen schreibt im ,Tag":

„Soviel Wissenschaft, wie unsere dreizehn- und i vierzehnjährigen Mädchen zur Zeit auf den Bolks- 1 schulen lernen, können ihnen auch Lehrerinnen der- brtngen. Männer gehören nicht als allmächtige Vor-

Ausland.

* Ein allgemeiner Eisenbahnerstreik in Frankreich ieht noch immer drohend am Horizont. InRimes orderte der Genttalsekretär des nationalen Syndikats die Eisenbahner auf, falls sie Mobilffierrmgsorder erhielten, ihr nicht sofort Folge zu leisten, sondern erft drei bis vier Tage später, was große Unordnung im Eisenbahndienst Hervorrufen würde, ohne daß die Ausbleibenden wegen Desertion belangt werden könnten. Die Versammlung nahm dann eine Tages­ordnung an, in der sich die Teilnehmer verpflichten, der Anffordnung des Syndikats zum Streit sofort Folge zu leisten. — Gewisf«maßen als Vorspiel eines allgemeinen Streiks sind in Tergnier 800 Arbeit« der Eisenbahnmaterialwerkstätte der Nord­bahn infolge Entlassung eines Kameraden in den Ausstand getreten. .

* Revolution in Guatemala. Immer hübsch einer nach dem andern. Nach Nikaragua und Honduras kommt jetzt Guatemala mit der landesüblichen Re- volution an die Reihe. Nach ein« Depesche aus Guatemala sind die Jnfurgenten-Generäle Bomlla und Christmas mit sechzig Mann in der Nahe der Küste von Regierungstruppen gefangen genommen worden. Costa Rica und San Salvador sind zur­zeit die einzigen mittelamerikanifchen Staaten, in denen nicht revolutioniert wird. Warte nur, balde —!

33. Tagung des Verbandes kathol. kaufmännischer Bereinigungen

Dentfchlands.

C Würzburg, 12. August 1910.

Die Generalversammlung nahm heute früh im Plah'schen Garten ihren Anfang. Die Teilnahme aus allen Teil« Deutschlands ist sehr stark. Würzburg hat zu Ehren der Kongreßteilnehm« Fahnenschmuck an­gelegt. Zu Präsidenten der Berfammlung w«den Groeningen-Aacheil und Haab-Kaiserslautern gewählt. Regierungsrat Giesel begrüßt die Generalversamm­lung namens der Regierung, Kommerzienrat Hilk en« Würzburg namens der Handelskammer des Steife» Unterfranken. Der Würzburger kathol. kaufm. Verein „Konstantia" hieß durch seinen Vorsitzenden Bauch die Atiswäriigen httzlich willkommen. Das Stadtob«haupt von Würzburg, Bürgermeister Ringelmann, der heute durch eine Magistratssitzung verhindert ist, hatte schon gestern auf dem Begrüßungsabend die Gelegenheit er­griffen, um den Verband unter Anerkennung sein« sozialen Bestrebungen herzlich willkommen zu heißen. Auch hatte auf dem Begrüßungsabend der Reichstags- abgeortmete für Würzburg, Justizrat Dr. Th ater, in einer Ansprache die gesetzgeberischen Fragen des Kaufmannsstandes berührt.

Zunächst wurde in der heutigen Versammlung die Ausnahme von 21 neuen Vereinen unter lebhafte» Beifall gutgeheißen. AIS

soziales Programm des Verbandes werden dann folgende Beschlüsse proklamiert: Der Verband verlangt für den selbständigen Kaufmanns­stand: 1. eine Reform der Steuergesetzgebung, eine der Leistungsfähigkeit entsprechende Besteuerung der Warenhäuser, Bazare, Versandgeschäfte, Filial­geschäfte und Konsumvereine; 2. eine Reform des Genossenschaftsgesehes, insbesondere ein gesetz­liches Verbot der Beamtenkonsumvereiue und Unter­lassung jeder behördlichen Unterstützung der Konsuur- vereine; 3. Schutz des seßhaften Detailhandels durch «erbot der Wanderlaa« und Verschärfung der gesetz­lichen Bestimmungen über den Gewerbebetrieb (Hausier­handel) ; 4. eine Reform der Konkursordnung; 5. eine Reform der Gerichtsvollzieherordnung; 6. Schutz gegen unlautere Konkurrenz; 7. eine der Bedeutung deS Detailhandels entsprechende Vertretung in den

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