37. Ia'jriarn
vulba, Oonnerstaq )en 11. August 1910
Erstes Blatt
182.
Em Lchttlskaudal in Berlin
zu erstatten vom
Parlamentarischen Bericht
lieber die
Abg. Redakteur Rorke, abspielen.
von C. Wehner.
46]
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die sich berRettor einer Berliner Mädchenschule,Bock, jahrelang gegenüber zahlreichen ferner Schülerinnen hat zu schulden kommen lassen und die erst letzt bekannt geworden find. .. . .
In verschiedenen Blättern wirb daS schändliche Treiben ausgiebig behandelt. M>r würden es für besser halten, wenn die Presse in solchen Skandal- fache« sich zunächst auf die Mitteilung der verbürgten Tatsachen beschränkte und die weiteren Erörterungen sich vorbehielte bis zur gerichtlichen Klärung der Sache. Leider wird die traurige Angelegenheit auch bereits zu kulturkämpferischen Ausfällen benutzt, und das zwingt unS, schon jetzt einige Worte zur Abwehr zu sagen.
Der Verhaftete war der Rektor einer katho- lisch en Gemeindeschule. Er soll bereits seit 7 oder 8 Jahren sich an den älteren Schülerinnen vergangen haben. Neuerdings soll auch em Lehrer von derselben Schule als Genosse an dem schändlichen Treiben verhaftet worden sein. Ts wird sogar behauptet, daß bet 16jährige Sohn des Rektors Bock ebenfalls mitichuldig sei und daß der Rektor die betreffenden Mädchen auch an Freunde ausge« liefert habe. Vor einem guten halben Jahr war bereits eine Untersuchung gegen Bock eingeleitet worden, aber sie wurde eingestellt, da das Mädchen die belastende Angabe widerrief. Sittliche Verfehlungen von Lehrern gegen Schülerinnen kommen ja leider nur zu häufig vor. Der vorliegende Fall würde allerdings, wenn die Angaben fich bestätigen, durch die entsetzliche Fülle von Verworfenheit und verbrecherischer Frechheit einen außerordentlichen Tharakt« erhalten.
Dagegen, daß die K o n f e s s i o n der Verbrechers und des katholischen Charakters der Schule in den Zeitungen hervorgehoben wird, ist an sich nichts ein» zutvenden. Aber man bekommt doch manchmal den Eindruck, daß geflissentlich das Eigenschaftswort „katholisch' hervorgehoben wird, tvemr es sich um einen häßlichen Vorgang handelt. So haben wir oft bemerkt, daß bei Berichten über Verfehlungen von weltlichen oder geistlichen Amtspersonen es einfach hieß, der und der Lehrer ober der und der Pfarrer sei beschuldigt, verhaftet ober verurteilt; es handelte sich dann um einen evangelisch en Lehrer ober Geistlichen, dessen Konfession wurde nicht erwähnt. Sobald aber ein katholischer Lehrer oder Geistlicher etwas verbrochen hat, wird die Konfeffiou recht genau angegeben, ost sogar in recht auffälliger Weise. Wir weisen auf diese Erscheinung hin, damit die Leser nicht etwa sich dem Eindruck bingeben, eS kämen derartige VerfeUungen gerade auf katholischer Seite häufiger vor. Dem ist nicht so. ES gibt hüben und drüben räudige Elemente.
Verschiedene liberale Blätter sind nun aber noch weiter gegangen in ihrem Haß gegen den Katholizismus und haben die Greueltaten in einem gewissen Zusammenhang mit dem katholischen Charakter der Schule bringen wollen. So bemerkt ein Blatt, die Eltern der verführten Mädchen hätten deshalb vor einer Anzeige sich gescheut, weil man bei den Katholiken vor dem Lehrer einen ähnlichen Respekt hätte, wie vor dem GeWichen. DaS ist eine an den Haaren herbeigezogene Verdächtigung, die am allerwenigsten auf die B erliner Verhältniffe und die Gewohnhetten der weltstädtischen Bevölkerung zutrifft. Die Zurückhaltung der Eltern erttäd sich vielmehr, wie ein fortschrittliches, durchaus „antiklerikales" Blatt, die Berliner Morgenpost, richtig hervochebt, hauptsächlich aus der F ur ch t der einfachen Leute, gegen einen vornehmen und mächtigen Mann eine Anschuldigung zu erheben; fie rechnen mit der Gefahr, daß die Behörden und auch die Richter der Ableugnung eines Rektors mehr Glauben schenken, als den Behauptungen eines Schulmädchens. Dabei muß man auch noch den Umstand beachten, daß durch eine Anzeige und die
nachfolgende Gerichtsverhandlung das betreffende Mädchen und seine Familie bloßgestellt würde, was für die Eltern natürlich nicht verlockend ist.
Das „Berliner Tageblatt' setzt heute das Verdächtigen in ebenso feiger als gewissenloser Weise fort. Es sagt zunächst, eS wolle auf fich beruhen lassen, ob nicht bereits in der Tatsache, daß die katholischen Mädchen für sich unterrichtet würden, eine der Ursachen für die Verfehlung gefunben werben könnte. Warum tn einer Simultan-Mädchenschule ein verbrecherischer Rektor nicht ebenfalls seine Opfer fin- ben könnte, vermag ein normaler Verstand nicht einzusehen. Tatsächlich kommen ja auch Verfehlungen in den evangelischen und in den Simultanschulen vor. Ferner will das „Berl. Tagebl." einen unangenehmen Eindruck empfangen haben von der Meldung, daß schon seit längerer Zeit der geistliche Religionslehrer und eine Lehrerin an der Unglücksschule die Kinder vor dem Gange zum Zimmer des Rektors gewarnt hätten; sie müßten also doch etwas gewußt haben, hätten aber keine Anzeige gemacht. Warum die Warnung ohne gletchzeittge Anzeige erfolgt ist, wird ja die Gerichtsverhandlung wohl klarstellen. Wir können uns aber vorläufig wohl denken, daß den betreffenden Personen das häufige Bestellen von Schülerinnen in das Rektorenzimmer bedenklich vorgekommen ist oder daß sie sonst einen Verdacht geschöpft haben, ohne schon beweiskräftige Tatsachen zu kennen, die eine Anzeige begründen könnten. Ebenso tendenziös ist die Andeutung des „Berl. Tagebl.", als ob das Kloster vom „Guten Hirten', in das ein verführtes Mädchen gebracht worden, auf den Widerruf der Anschuldigung gegen den Rcktor hingewirkt habe. Wenn man auf katholischer Sette darnach gestrebt hätte, „Bock zu halten", so würde doch der Religionslehrer nicht so ftüh zeitig die Mädchen gewarnt haben.
Es ist ein Frevel, die Verbrechen einzelner Personen so zur Verdächtigung von Unschuldigen und zu kulturkämpferischen Hetzereien auszubeuten.
sei ihm leider nicht möglich, diesen Wunsch zu erfüllen, da er „beruflich an der Ausführung einer solchen Reise verhindert fei'. Die Reife würde entschieden eine viel zu lange Zeit in Anspruch nehmen, und er könne sich solange von Deutschland nicht entfernen.
* Die beiden an die Türkei verkauften Kriegs- schijfe werben am 13. August die Fahrt nach der Türlei antreten. Bis dahin wird in Kiel die türkische Besatzung cingetroffen fein.
)( Prinzliche Reisen in das Ausland kommen immer mehr in Mode. Dem Kronprinzen mit seiner Reise nach Ostasien folgen jetzt noch zwei bayerischen Prinzen. Die Prinzen Georg und Konrad von Bayern, Söhne des General« FeldmarschallS Prinz Leopold, treten am 20. August, begleitet vom Oberleutnanl v. Nagel zu Aischderg und vom Hofrat Dr. v. Sürkel, über Neapel eine Reise nach Britisch» Ostafrika an, von wo sie erst im März 1911 über Egypten zurückkehren werden.
*' Leiter des Kriegerbuudes an Stelle des kürziich verstorbenen Generals Spitz soll der Generalmajor a. D. v. Fleck in Berlin ausersehen sein. v. Fleck war zuletzt leitender Direktor der Gewehrfabrik von Loewe und ist vor einiger Zeit in den Aussichtsrat dieser Gesellschaft eingetrelen.
)( Ter sozialdemokratische Parteitag ist nunmehr endgültig zum 18. September nach Magdeburg einberufen worden. Die Tagesordnung zeigt äußerlich nichts von der Hitze, die den gegenwär- ligen Streit im roten Lager auszeichnet. Die Kämpfe für und gegen die badischen Budget- dewilliger werden fich wohl in der Debatte zum „Bericht der Kontrolleure", zu erstatten durch den früheren Abg. Keden-DrrSden, sowie bei dem
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Deutsches Reich.
e* Berlin, 10. August 1910. Der Bürgermeisterei m Friedberg wurde amtlich mitgetciU, oaß nicht nur bet Großherzog und das russische Ka-serpaar, sondern für kurze Zeit auch voraussickst- lich der demfche Kaiser in Friedberg sich auf« halten werden. — Die kaiserliche Familie machte am Mittwoch in Wilhelmshöhe Ausfahrten. — Prinz Adalbert, der dritte Soh« des Kaiser» paarcs, hat das Kommando übet ein großes Torpedoboot bei den große» Fiottenübuugen der Hochseeflotte übernommen.
♦ Warum der Kaiser nicht nach Ostasien fährt. Vor wenigen Atonalen erhielt der Kaiser em Sammelwerk der deutschen Kolonisten in Staut» schon übersandt, in dem fich die Verfasser eingehend mit der v »twicklung dieser Kolonie beschäftigen. In oem Widmuugsichrnben geben sie dem Wunsche Ausdruck, der Kaiser möge fich selbst einmal persönlich von den Forischrttten der Kolonisten überzeugen und di« deutschen Bewohner durch einen < esuch ex« treuen. Ter Kaiser nahm das Werk an und ließ den Verfassern in einem Schreiben seinen Taut ausspreche». In dem Sdjniben heißt es, daß er wohl gern nach Kiautschon kommen würde, aber es
erzwingen. Die Börse hat auf diese Gedanken hin kräftig spekuliert. Es mag sein, baß man habet kräftig über bie Schnur gehauen hat. Aber bas liegt ja im Wesen ber Börse, bie infolge bet Urteilslosigkeit ihrer weitaus meisten „Klienten" in volkswirtschaftlichen Angelegenheiten meistens jeder Regung,,jedem Grunde zu einer Kursveränderung viel zu stuck nachgibt. Sicher aber ist, daß hier eine Entscheidung »orliegt, die man als Beweis für den erwachenden Trustgedanken buchen kann. Wenn die Lahmet,er-Gesellschaft kalt gestellt sein wird, dann stehen sich an wirklich großen Werken nur noch bie Allgemeine ElektrizitSisge- sellschast unb ber Siemens-Halske-C onzern gegenüber. Alles übrige ist töt, sobald diese beiden Uebergewal- tigen es wollen und durch Kampspreise das gefaulte Geschäft an sich reißen. Daß zwei große und kluge Gesellschaften, die doch alle beide in ihren Entschließungen sehr bedenklich von der Bankwelt abhängig find, sich dauernd bekriegen sollten, ist ausgeschlossen. Die beiden werden sich sehr bald in das Geschäft teilen und ihre Monopolstellung entsprechend ausnntzcn. Vorübergehende Schwierigkeiten ändern nichts daran.
Ein anderer Stein für den entstehenden Riesenbau der Trusts wird augenblicklich im Westen Deuffchlands behauen. Die Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und HLttenaktien-Gesell» schäft hat die Abficht, die Dortmunder Union in ihren Bereich zu bringen. Beides find riesengroße gemischte Werke. Man nimmt in gewissen Kressen an, diese Fusion sei beabsichtigt, weil die Erneuerung des Kohlcnsyndikats diesesmal nicht gelingen werde. Um dem alsdann entbrennenden Konkurrenzkampf gerüstet gegenüberzustehen, plane man diese Verschmelzung. Für die Beurteilung der Wirkung ist die Ursache dieses Vorgehens gleichgültig, ganz gleichgültig. Auch die Tatsache, daß Here Stinues, der Vorsitzende des Aussichtsrats, sich stets gern mit Riesenplänen getragen und herumgeschlageri hat, tut nichts zur Sache. Wichtig ist lediglich, daß hier wiederum eine Hundertmillio- nen-Gesellschast entstehen wird, daß eine Gruppe unabhängiger Unternehmungen in einem großen Topf unter einem gewaltigen Machthaber verschwindet und daß dadurch die weitere Verschmelzung der ganz großen überaus leicht gemacht wird. Denselben Weg, nur etwas rascher, haben die Dinge in den Vereinigten Staaten ja auch durchgemacht.
Die Frage eines Syndikatsgesetzes ist nicht mehr ccktuell. Viel aktueller ist bie Frage eines Trustge- s e tz e s, bamit das deutsche Volk nicht eines Tages schutzlos vor einer Reihe übermächtiger Monopole steht. Wenn der Gesetzgeber wirklich einen weiten Blick für den Gang der Dinge hat, bann müßte er auf diesem Gebiete rechtzeitig zugreifen.
- [] Auf dem Wege zum Trust.
Die riesengroßen Gebilde, die in den Vereinigten Staaten das industrielle Leben absolut beherrschen, die „Trusts" (spr.: Tröst, auf deutsch „Vertrauen") sollten, so konnte man noch vor einem Jahrzehnt aus dem Munde eines her bedeutendsten Männer unseres Wirtschaftslebens hören, für Teusschland wegen der Eigenart unserer Verhältnisse nicht in Betracht kommen.
Damals konnte man diese Auffassung-teilen; bie- damaligen Vertreter unserer Großindustrie waren in der Zett des schrankenlosen Wettbewerbes, unter der Gewerbefreiheit groß und reich geworden und konnten sich in ein Aufgehen chrer Betriebe in riefenhaste Ge- samtverwaltungen unter den Willen einer Gruppe von Personen nicht hineindenken. Inzwischen aber wächst die jungt Generation in dar Geschäft hinein. Inzwischen auch find bie Verhältnisse im Wirtschaftsleben überhaupt mehr und mehr untre den Einfluß der ins Riesenhafte gehenden Strömungen „von drüben", von Amerika, geraten. So sehen wir heute einen Vorgang nach dem andern, der uns zeigt, daß auch wir uns auf dem Wege zum Trust befinden.
In der Börsenkritik ist in den letzten Tagen viel die Rede gewesen von einem deusschen Elektrizi- täkstrust. Ein der größten elektrischen Unternehmung, der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft in Berlin, nahestehendes Bankunternehmen in Zürich hat sich durch Aktteuankauf einen größeren Einfluß auf die Lahmeyer-Geftllschast (Felten, Guilleaume u. Lahrn eher) erworben, um auf diese Weise in Siiddeutsch- land, wo die zum Siemens-Halske-Conzem gehörige SiemenS-Schuckert-Gesellschast das Geschäft beherrscht, Boden unter die Füße zu bekommen. Man will daraus die Absicht der Allgemeinen Elekirizitätsgesellschast folgern, den Siemens-Schuckertschm Konkurrenten in Süddeutschland einen lebhaften Wettbewerb entgegenzusetzen, um so einen allgemeinen Elektrizitätstrust zu
^er Wcrrnppv.
Roman von Fergus Hume. Autorisierte Bearbeitung
Wahlrechts-Frage soll Abg. Borgmann de- ■ lichten. Wichtiges erwartet man also zu diesem Kapitel nicht mehr. Reichsversicherungs-Ordnung, Genossenschasts-Frage unb Maifeier find Gegenstände, die nach den Erregungen der ersten Tage wohl für die nötige Beruhigung deS „Arbeiler- Parlamentes" sorgen werden. .
d* München, 10. August 1910. Der bayerische Landtag ist soeben geschloffen worden. DaS Ergebnis der Session ist befriedigend. ES find auf dem Gebiet des Finanzwesens ein» schneidende Gesetze und Maßnahmen beschlossen worden: Sleuerreformgesetze, Malzaufschlaggesetz, Ausgleichs- und Tilgungsfondsgesetz für die Slaatsdahuen, 22proz. Zuschlag zu den direkten Steuern; dazu starker Anleihe^darf für bie Eisenbahnen, Ausbau der Wasserkräfte und für ystemattsche Flußregulierungen großen Stiles. Das finanzielle Interesse stand so weitaus im Vordergrund. Es mußte eine knappe Behandlung der Ausgaben vorgenommen und gar manche Wünsche und Bedürfnisse zurückgestevt werden. Die man gern erfüllt hätte. MU eisernem Zwang mußte man fich in bie Notwendigkeit fügen. Und auch daS nächste Budget, 1912 und 1913, wird unter dem Druck, daß ein Defizit von 17 Mill, zu begleichen ist, auch noch leiden. Daß trotzdem die kulturellen und wirtschaftlichen Gebiete des Staatslebens tunlichste Förderung erfahr«! haben, darf mit Genugtuung konstatiert roerbeit. Die politischen Verhältnisse haben keine besonderen Schwierigkeilen verursacht. Die inneren Gegensätze in ber mit großer Beschwer zusammengehaltenen liberalen Partei sind
rückgekehrt. Bald darauf fprach er bei mir oor unb ich zeigte ihm das Testament."
Lena verlor alle Hoffnung. Zitternb empfing sie bie Abschrift des Testamentes, bie ihr Graham reichte. Soweit sie das Geschriebene trotz der Weitläufigkeiten, wie fie bie Abfassung einer Urkunde vorschreibt, verstand, war das gesamt« Eigentum Kirby's tatsächlich uneingeschränkt Robert Lanbor vermacht. Kirby hatte als Erklärung für diese seltsame Handlungsweise ausdrücklich bingugefügt, er tue dies aus Gewissensbissen, weil tbn die harte Behandlung, bie er Theo Landor hatte angedeihen lassen und die den jungen Mann zum Selbstmord getrieben, bereue. Ferner erwähnte er ausdrücklich, er enterbe feine Frau, well sie ihn au- schnöder Berechnung geheiratet, well sie ein herzloses Weib gewesen fei.
Als Lena zu Ende gelesen, stieß sie einen Schrei heftigster Entrüstung au8, und warf das Schriftstück wütmd auf den Tisch.
„DaS ist eine Jnfamiel DaS ist ein schmachvoller Streich!" rief sie zornig. „Ich werde dieses Testament angreisen, denn mein Gatte ist bei der Abfassung desselben unbedingt beeinflußt worden."
„3d> fürchte, das wird fernen Zweck haben", ent- gegärte Graham mit trockenem Hüstaln. „Meiner Uebttyugung nach hat Herr Kirby seinen letzten Willen auS rein persönlichem Antriebe verfaßt. Herr Landor war nicht zugegen, als das Testament aufgesetzt wurde und hat, soweit ich die Sache beurtellen kann, überhaupt nichts mit demselben zu tun gehabt. Außerdem aber", fügte ber Rechtsanwalt hinzu, „war Ihr Gatte — verzeihen Sie/ wenn ich das zu Ihnen sage — al» einer der kügsten, oder mich hartköpfigsten Männer bekannt."
„Das ist richüg", stimmte Landor bei. „Er hat seinen Namen „der Vampyr' nicht umsonst erhalten. Ah bin nur em einziges Mal mit ihm zusainmengetrof- fen unb das war, al» ich ihn nach dem Tode meine» Sohnes auffuchte. Später schrieb er an mich, er wolle sein Unrecht gut machen und ein Testament zu meinen Gunsten auffetzen, um mich für die erlittenen Verluste zu entschädigen. Diesen Brief habe ich Herrn Gra« ham bereits ausgehändigt." (Forts, folgt.)
„Das vernünftigste ist, Du gehst zu Rechtsanwalt Graham und suchst darauf Landor auf. Dann weißt Du bestimmt, woran Du bist!"
„ES hat ja doch leinen Zweck! Ich erreiche doch nichts 6et ihm, denn Robert Landor haßt mich gliihend!"
„Nun ja, wenn man in Betracht zieht, daß Du an dem Tode seines einigen Sohnes die Schuld trägst, braucht einen das nicht zu wundern. Also gehe zu dem Rechtsanwalt."
Mtt diesem flüchtigen Trost verabschiedete sich Fräulein Lambert.
Da ihr nicht» anderes übrig Hieb, beschloß Frau Kirby, ber Aufforderung des Herrn Graham Folge zu leisten. Sie machte sich also zu ber von ihm angegebenen Zeit auf den Weg in sein Büro.
. sie dasselbe betrat, sand sie zwei Herren daselbst vor. Der eine war bet Rechtsanwalt selbst, ein ?,rov5' Allerer Mann mtt einer trockenen Redeweise, ote für eine schüchterne Person durchaus nichts Er- muttgm^s hatte und auch auf bie sonst so kecke Lena ^5lt6f^tmmen»en Eindruck machte, der durch ihr schHHeladmes Gewissen noch verstärkt wurde. Al» 'Vre »uzen auf den zweiten anwesenden Herrn fielen, der Mschweigend da^ß, wußte sie, daß sie Theo Lan- do>O Vater vor pch hatte. Robert Landor war von mittlerer Größe unb neigte mehr zur Schlauheit als zur Behäbigkeit. Sein weißes Haar war Zemlich lang sein Gesicht frisch auSfehenb und glatt rchlert; er trug eint dunkle Brille.
Frau Kirby schauderte, als sie bemertte, daß er von Kopf bi» zu Fuß in Trauer geßeibet war unb sein Gesicht einen finsteren Ausdruck zeigte, bet ihrem Anliegen nichts gute» weissagte — vorausgesetzt natürlich, daß daS Testament nicht angefochten werben konnte.
Mit ber ihr eigenen Unverfrorenheit schenkte sie Landor gar keine Beachtung, sondern nahm Platz in dem Stuhl, den Graham ihr schweigend angeboten. Robert Landor dagegen betrachtete sie unausgesetzt mit verächtlichen Blicken, machte jedoch.keine Bem«, kung. Endlich ergriff der Rechtsanwalt das Wort.
„Ich hiett es für das beste, Sir mit Herrn Landor zusammenzubringen, Frau Äiichy', begann er in kühlem, geschäftsmäßigem Tone, „da es für beide Telle am angenehmsten fein dürfte, die Angelegenheit in Ruhe zu erledigen."
„Vielleicht für Sie unb für Herrn Landor angenehm", gab Fran Kirby höhnisch zurück, den Kopf in den Racken werfend, „Wenn ich jedoch Nachweisen kann, daß tiefer letzte Wille eine Fälschung ist, so toerbe ich alle Hebel in Bewegung fetzen, sie zu er- weisen."
Landor erwiderte nichts: die Lippen des Recht», anwatts kräuselten sich jedoch spöttisch.
„Da» wird Ihnen allerdings Schwierigketten bereiten", sagte er. „Dieses Testament ist auf besondere Veranlassung Ihres verstorbenen Gatten ausgesetzt, tn mein« Gegenwart unterzeichnet und von zwei meinet Angestellten als Zeugen untertrieben worden. Mein Ruf llls Rechtsanwalt ist ein unantastbar«, Frau Kirby. Ich bin nicht ber Mann, der sich zu Betrügereien — am allerwenigsten zu Fälschungen h«gibk!"
„Rach diesem Testament «hatte ich also nichts?" fragte Sena mtt bebenden Lippen.
„Absolut nichts!" »«setzte Graham. „He« Kirby «zählte mir damals. Sie hätten ihn einzig und allein aus B«echnung, seines Vermögens wegen geheiratet. Deshalb und aus noch vielen anberen Gründen be- schloß er. Sie dadurch zu strafe« ,daß er Ihnen nichts hinterließ."
„Wie dürfen Sie es wagen, in dies« Weise zu mir zu sprechen?" fauchte Lena den Rechtsanwalt an.
„Ich wiederhole nur die Worte Ihres Gatten", v«fetzte der Rechtsanwalt trocken. „Es sst also eine unumstößliche Tatsache, daß He« Robert Lanbor durch dieses letzte Testament zum Erben des Herrn Kirby eingesetzt wurde."
„SBarum wird die Existenz dieses Testamentes «st jetzt begannt gegeben?"
„Auf ganz besonderen Wunsch des Herrn Kirby, ber mir gebot, desselben nicht eher zu erwähnen, als bis He« Lanbor zu mir käme. He« Landor sst bis jetzt auf Reisen gewesen unb erst vor einer Woche zu-
„Jch verstehe nicht, was Du Sünden nennst", gab Lena gereizt zurück, inbem jte sich die Augen trocknete. „Es war nicht meine Schuld, daß Theo Landor sich erschoß."
„Soviel ich damals von d« Geschichte erfahren habe, bist Du allein an seinem Tobe schuld — weiter niemand."
Nein, nein, ich nicht — Ehristoph roar’81 Er hatte Theo Geld geliehen unb wollte ihn verklagen, ihn ins Gefängnis bringen Darum nahm er fich da» Sehen. Ich hatte mit ber Sache nichts zu tun — wirklich nichts — nicht das geringste."
„Es hat gar keinen Zweck, daß Du mir gegenüb« jo viele Worte verschwendest", aitgegnete Fntzi. „Du -warst eS, die den jungen Mann zum Spiel veüockte. Dabei verlor « alles, was er besaß, bann borgte « Geld von Deinem Mann. Ich glaube, Kirby borgte ihm dasselbe unter den schwersten Bedingungen — auf Ehrenwort — um ihn ganz sich« in die Krallen zu bekomme». Und — nun, das Ende kennst Du ja. An allem bist Du nur schuld. Hättest Du den jungen Mann tn Ruhe gelassen, so würde « die Eifersucht Deines Gatten nicht herausgefordert haben. D« Umstand, daß Kirby dem Bat« de» jungen Selbstmör- der» fein Vermögen hinterläßt, ist ein unleugbare» Zeichen von Gewissensbissen seitens Deines Gatten. Von Robert Sanbor wirst Du freilich keine Großmut zu 'erwarten haben! Und — Du verdienst fie auch Nicht!"
f Lena riß den Brief au» Fräulein Lambert» Händen unb versetzte giftig: „(Sine Predigt wünsche ich Nicht von Dir! Gib mir lieb« einen guten Rat, was Ich beginnen soll? Ich würde Dich garntcht danach fragen, wenn ich Oskar Schau zur Seite hätte. Ab« sst nirgends zu finden, ich bin ganz verlassen", jam« Mrte Lena.
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monatsbeUage: „Mdaer SeschichtMAter"