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Mittwoch den (0. August MO.
37. Jahrgang.
* filldaer W Zeitung«
2. Blatt.
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* lieber den „Luxus der Einjährig-Freiwilligen" klagt die,Deutsche Tagesztg/:
. . Es ist unbedingt nötig, daß die Einjährigen zu einem einfachen Auftreten und Lebenswandel gezwungen
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überschlug sich. Alle fünf Insassen, darunter vier Ausländer, «litten schwere innere und äußere Verletzungen.
* Wegen Arbeitslafigkeit soll auf der Donners, marckhütte in Schlesien den Formern nächste Woche ein drei« bis viertägiger Urlaub erteilt werden. Im Bors igwerk bei Zabrze haben neunzig Schlepper wegen abgelehnter Lohnerhöhung die Arbeit eingestellt. Angesichts der vorhandenen hohen Kohlen« bestände hat die Verwaltung sämtlichen Streikenden sofort die Entlastung erteilt.
♦ Eine mißglückte Erpressung. Ein Hausbesitzer aus Friedrichshain in Schlesien richtete an die Gräfin Seherr Thoß, Steinseifersdorf, einen Bries mit der Aufforderung, an einem bestimmten Platze achthundert Mark niederzulegen. Im Weigerungsfälle würde der Schloßherrichaft Schaden zugefügt werden. Der Polizei gelang es, den Briefschreiber in dem Augenblicke abzufafsen, als er an der von ihm bezeichneten Stelle das Geld abholen wollte.
♦ Bei den französischen Manövern im Tale des O u ch e stolperte ein Soldat bei einem Sturmangriff und stieß sein Bajonett einem Chasseur-Sergeanten in die Brust, so daß dieser tot umsank. Ein Korporal wurde am Arm schwer verletzt. Eine Platzpatrone war neben ihm explodiert und hatte ihm das Fleisch vom Knochen geristen.
Kurzer Getreide-Wochenbericht der Preisberichtsftelle des deutschen Landwirtschaftsrats vom 2. bis 8. August 1910.
Im Gegensatz zur Vorwoche bekundete der Getreide- inarkt in den letzten Tagen recht feste Haltung. Anlaß zu diesem Umschwung gab zunächst die neuerliche Unterbrechung der Emtcarbeiten in Deutschland. In gleicher Richtung wirkten ungünstige Nachrichten übex die Emteverhältnisse in Rußland und Frankreich. Während man aber in leitenden französischen Kreisest bemüht ist, die Situation als weniger ernst darzustel- len, als sie in Wirklichkeit zu fein scheint, hält man in. Rußland mit der Wahrheit nicht zurück, und wenn bie; russischen Getreidehändler vielleicht zu schwarz sehen, indem sie mit einer 30 Prozent niedrigeren Ernte als im Vorjahre rechnen, so wird man sich doch auf tvesent- lich kleinere Leistungen als in der soeben abgelaufenen Saison gefaßt machen müssen. Ebenso dürfte der nordamerikanische Export eine erhebliche Einschränkung erfahren. Verspricht zwar die Donau einigen Ausgleich für diese Ausfälle zu bieten, so fällt andererseits der Umstand ins Gewicht, daß, wie im Vorjahre Ungarn, diesmal Frankreich mit ungewohnten Ansprüchen an den Weltmarkt herantritt. Die befestigende Wirkung dieser französischen Anschaffungen machte sich Deutschland während der letzten Tage wieder stärker bemerkbar, nachdem die Donau ihre Offerten erhöht hatte und der deutsche Weizen wieder konkurrenz-! fähig geworden war. Den mit Exportverkäufen zusammenhängenden Deckungen stand aber diesmal wenig Lieferungsangebot gegenüber, denn die Provinz, die in der Vorwoche stark verkauft hatte, trat zuletzt selbst als Käufer auf, und die Folge davon war, daß die Preise für Weizen um zirka 5 Mark anzogen. Aehnlich war die Preisgestaltung für Roggen, dessen Angebot seit der letzten Woche erheblich nachgelassen hat, während andauernd Ansprüche seitens des Exports zu befriedigen sind, wobei es sich nicht nur um feine Qualitäten, sondern auch um geringere Ware zu Futterzwecken handelte. Für Hafer wirkten ungünstige Berichte über die Ernte befestigend. Der Konsum griff etwas lebhafter ein, während die Provinz mit dem Angebot zurückhielt und höhere Forderungen stellte. Das Braugerstengeschäft hat sich noch nicht entwickelt; die bisher gezeigten Qualitäten ließen teils im Korn, teils in der Farbe zu wünschen übrig. Russische Eierste hat ihren Preisstand wenig verändert. Die Forderungen für Mais haben sich weiter befestigt.
Es stellten sich die Preise für inländisches Getreide am letzten Markttage in Mark pro 1000 Kilogr. je »ach Qualität, wobei das Mehr (-[-) bezw. Weniger (—) gegenüber der Vorwoche in Klammern 0 beigefügt ist wie folgt:
Aus front Nachbargebiete.
-o- Molzbach, 9. Aug. 1910. Beim Durchsuchen der Papiere seiner verstorbenen Mutter sand ein Bürger unserer Gemeinde einen Bogen uneingelöster Zinskoupons einer Obligation der Lande s- kreditkasse in Kassel vom Jahre 1866. Aus Antrag der Ortsbehörde hat die Landesrenterei Hünfeld nunmehr in dankenswerter. Weise den Betrag von 138 Mark zur Auszahlung an die Erben angewiesen.
* Frankfurt a. M., 9. Aug. 1910. Die Regierung hat die Genehmigung zu der Zusammenlegung des Schulunterrichtes auf die Vormittage für die Frankfurter höheren Knabenschulen erteilt, für Mädchenschulen jedoch versagt. Im vergangenen Halbjahre waren sowohl an höheren Knaben-, wie auch an einigen Mädchenschulen versuchsweise solche Unterrichts-Zusammen- legungen erfolgt, und zwar mit gutem Erfolge. Die städtische Schulbehörde hofft übrigens auch noch für die Mädchenschulen künftig die Erlaubnis zu erhalten. — Daß es nicht nur D - Zug-, sondern auch Diebe in der vierten Klasse gibt, mußte am Samstag abend ein Dienstmädchen erfahren, welches mit einem Fuldaer Zug eintraf. Ihm war die Geldtasche mit zirka 20 Mark In- hall gestohlen worden.
* Offenbach, 8. Aug. 1910. Der Reichsverband der Fleisch- und Trichinenbeschauer hielt gestern und heute im Hotel Degenhardt seinen 3. Delegiertentag ab. Unter Führung des Schlachthaus-Direktors Jacob sand eine Besichtigung des städtischen Schlachthauses statt. Aus den Verhandlungen ist ein Bortrag von Kämmerer- Greußen über die richtige und rasche Zusammenstellung der Jahres-Statistik zu erwähnen. Die beantragte Umwandlung der Sterbekasse des preußischen Landesverbandes in eine Reichsver- bands-Sterbekasse rief eine längere Debatte hervor, die mit der Wahl einer Kommission zur Prüfung der Frage endete. Der bisherige Vorstand wurde durch Zuruf wiedergewählt.
* Bad-Nauheim, 8. August 1910. Aus dem Bureau des Geheimen Justizrats Gutfleisch in Gießen ist in diesen Tagen an verschiedene Einwohner Nauheims das Ersuchen gerichtet worden, die Wasserentnahme am Ludwigs-Brunnen zu unterlassen. In dem Schreiben wird mit Klage gedroht, „die im Interesse der Ordnung des Bades und wegen der Rechte des Brunnenpächters unverzüglich eingeleitet werden wird, wenn die weitere Entnahme von Waffer durch Hoteliers und Pensionsinhaber nicht unterbleibt." Der Bürgermeister hat in einer Sitzung erklärt, daß der Staat kein Recht habe, die seit altersher bestehende Gerechtsame der Wafferenlnahme am LudwigZ-Brunnen den Nauheimern zu beschneiden, und sie möchten nach wie vor ihr Trinkwasser dort entnehmen. Die Stadtverlretung hat beschlossen, gegen das Ansinnen zu protestieren, event. die Gerichte anzurufen. Der Brunnenwärter notiert nunmehr jeden, der dem Brunnen mehr als acht Flaschen entnimmt. Man ist in hiesigen Kreisen auf den Ausgang des Kon» flikts sehr gespannt.____________________________________
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* 125 000 Mark unterschlagen hat der frühere Geschäftsführer Hoffmann seiner Firma, der Han» dorfschen Ziegelei in Baalberge (Anhalt). H. wurde verhaftet.
* (rin schweres Automobilunglück hat sich bei Baierbrunn im Jsarthal bei München ereignet. Dort verlor der Chauffeur plötzlich die Steuerung. Das Fahrzeug fuhr auf eine Telegraphenstange und
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)( Reichstag und Sozialpolitik! Der Hamburger Verein für Handlungskommis von 1858 hielt in diesen Tagen in Dresden einen 2. kauf- männlichen Vereinstag ab. Man beschäftigte sich mü den Bestrebungen zur Verstaatlichung der kaufmännischen Stellennachweise. Der zweüe Gegenstand der Tagesordnung lautete: „Die sozialpolitischen Ergebnisse de» gegenwärtigen Reichstages für die insbesondere die Handlungs-Ge- Der Referent Georg Lißke-Hamburg betonte, auf genannten Gebiet eigentlich nichts ae« schehen sei, nicht einmal in Fragen, die längst spruchreif seien. Solche Fragen sind der Teirhanpf»hi«rfi» Achtuhrladenschluß, Neuregelung der Sonntagsruhe der Arbeitszeit in den Kontorem Den § 63. des Handelsgesetzbuches, wonach dem Handels- angei.cllteu rm Falle der Erkrankung das Gehalt nicht nm das Krankengeld gekürzt werd nhSSf mtt?ls^^Eichstag zwar zweifelsfrei im Sinne der der Angestellten fassen. Aber der Bundesrat hat daraus keine Rücksicht genommen Edens» wgt es be. der Frage der AufhebLng ^KonLL
;• ft5” btr ü?n dem Referenten vorgeschlagenen Entschließung wrrd vom Bundesrat und Reickstaa mehr Lamps m diese Sache verlangt. — Diese Be- strebungen werden nnler „biefem" Reichstag aber wohl vergeblich bleiben. Aus sozialem Gebiete hat „dieser' auf Grund einer unwahrhaftigen nationalen Phrase gewählte Reichstag ja überhaupt nichts geleistet.
,, * Dir englische Armee macht gegenwärtig einen Lästigen Skandal durch. Der Leutnant Allan Sutor, der bei der Artillerie in Tynemouth steht, wird ivegen Veröffentlichung einer Schrift, betitelt: „Das Armeesystem, oder wie man dreißig Millionen Pfund per Jahr im Frieden vergeudet', vor ein Kriegsgericht gestellt werden. In der Schrift wird das britische Heerwesen einer scharfen Kritik unter» zogen,„ außerdem gibt sie mehrere höhere Offiziere der Lächerlichkeit preis. Journalisten gegenüber erklärte der Leutnant, er begrüße es mit Freuden, daß man ihn vor ein Kriegsgericht stelle, denn nur so sei es ihm möglich, seine Anklagen gegen das britische Heerwesen vor das Forum der Nation zu bringen. Er sagte ferner: .In der britischen Armee sicht man den Krieg als eine angenehme Unterbrechung der ernsten Beschäftigung mit Tennis und Polo an. Wir haben keine ernsten Männer m der Armee, und doch hat der Burenkrieg gelehrt, daß solche bitter nottun. Wenn ich unrecht habe, soll man mich mit Zuchthaus bestrafen.' — Das roerten die Kriegsgerichte natürlich auch so tun, bet Mann recht haben sollte.
Truppen des Sultans von Marokko sollen Finanzlage auf 10 000 Mann
volkswirtschaftlicher unfr Soziales.
* Die Bevölkerungsbewegung in Deutschland zeigt im Jahre 1908 einen leichten Rückgang. D»e Eheschließungen gingen von 503 904 im Jahre 1907 auf 500620 zurück, d. h. von 812 auf 7,95 v. T. Lebendgeboren wurden 2015052 Kinder, totgeboren 62 608; die Geburtenziffer sank damit von 33,20 auf 32,97; die Sterblichkeitsziffer stieg damit von 18,98 auf 19,01 v. T.
-f- Die Zahl der streikenden Werftarbeiter ist in bett Nordsee-Häfen im raschen Steigen begriffen. Aus den Beschluß der Gewerkschafts- Kommission treten am Donnerstag auf den Werften in Bremen und Vegesack etwa 5500 Werftarbeiter in den Streik. Davon entfallen auf die Aktiengesellschaft „Weser" 1800 und auf den Bremer „Vulkan" 1500 Arbeiter. Unter Hinzurechnung der übrigen Unterweserorte wird die Zahl von etwa 10,000 erreicht. In Danzig hoffen trotz des Beschlusses der Gruppe der deutschen Schiffswerften betreffend die Aussperrung der Arbeiter die Privatwerften auf volle Aufrechterhaltung der Betriebe. In den organisierten Arbeiterkreisen regt sich noch nichts. Nur die Christlich- Sozialen hielten am Sonntag eine große Ver- lung ab, die lediglich beschloß, am Donnerstag eine zweste Versammlung einzuberusen.
** In der englischen Baumwollindustrie zu M auch e ft e r ist zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ein Vertrag unterzeichnet worden, der den Frieden in dieser Industrie auf fünf Jahre sichert.
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4- Auf dem Wege zum Königreich.
Der greife Herrscher der Schwarzen Berge, Fürst Nikolaus von Montenegro, beabsichtigt, sich in nächster Zeit bei Gelegenheit seines fünfzigjährigen Regienmgsjubiläurns die Königskrone aufzusetzen.
Man kann das verstehen, wenn man gesehen hat, wie Karl von Rumänien seinen Staat durch die Kammern zum Königreich ausrufen ließ, wie bald darauf Milan von Serbien die gleiche Stufe der Ranaordnung einnahm, und wie vor kurzem Fürst Ferdinand von Bulgarien nach dem königlichen Szepter griff, lieber die Vorgeschichte der Proklamierung hat sich vor einigen Tagen der Fürst folgendermaßen ausgesprochen: „Die Proklamierung zum Königreich ist die natürliche Folge der jahrhundertelangen Freiheit dieses Landes, seiner Vergangenheit, seiner Opfer und der Anerkennung, die es als verläßliche Stütze europäischer Kultur auf dem Balkan von jeher geerntet bat." Hieran schloß der Fürst noch die Bemerkung, daß sein Schwiegersohn, König Peter von Serbien, die Erhebung Montenegros zum Königreich warm begrüße, daß durch die Proklamierung keinerlei Diffe- renzen mit Italien entftänben und daß auch Oesterreich-Ungarn Montenegro gegenüber eine freundschaftliche Haltung einnehme. Dieses Bekenntnis ist umso wertvoller, als Fürst Nikolaus als Freund Rußlands, von dem er ein besonderes Jahresgeld gezahlt erhielt, stets die russische Politik auf der Balkanhalbinsel un- tefftützt hat, and sein Land, besonders seine Hauptstadt, eine Zeit lang der Herd der antiösterreichischen Propaganda war.
Fürst Nikolaus besitzt mancherlei Vorzüge als Mensch und als Herrscher. Als Herrscher, Diplomat, Politiker, Krieger und Dichter hat er manch gute Leistung vollbracht. Schon kurze Zeit, nachdem er seinem ermordeten Oheim Danilo auf den Fürstenthron nach- gefolgt war, wußte er sich der türkischen Singriffe in jahrelangen Kämpfen siegreich zu erwehren. Die mittelbare Folge war, daß im Berliner Vertrag das Gebiet von Montenegro verdoppelt wurde. So ward Nikolaus in Wahrheit ein Mehrer seines Reiches und wußte auch sonst seine Stellung unter den übrigen Mächten zu behaupten, wobei er allerdings von Rußland wirksam unterstützt wurde. Auch für das Land selbst hat er durch innere Reformen auf allen Gebieten der Verwaltung, durch Schulen, Post und Telegraphen gesorgt, natürlich soweit das Geld reichte. Allerdings ruht auf allen diesen Einrichtungen noch der Stempel primitiver Zustände, sodaß Montenegro einen Vergleich mit den mitteleuropäischen Kleinstaaten jetzt noch nicht aushalten kann; es ist so arm, daß es die Bevölkerung unmöglich ernähren kann. Ein großer Teil seiner jungen Leute ist gezwungen, auszuwandern, um seinen Lebensunterhalt außerhalb zu erwer- ben.
Im Konzert der Machte wird Montenegro auch als Königreich für absehbare Zeiten nicht viel zu bedeuten haben, und es ist auch noch fraglich, ob die Stan- deserhöhung des Fürstentums tatsächlich die Propaganda des aggressiven Slawentums verstärken würde, wie von manchen Seiten angenommen wird. Die Annahme Oesterreichs, daß dadurch weit eher eine Schwä- chung dieser Agitation zu ertoarten wäre, kann mit Rücksicht auf die Eifersucht Serbiens und in gewissem Sinne auch Bulgariens nicht ohne weiteres von der Hand gewiesen werden.
Für Deuffchland gibt es zur Zeit keine ausgespro- chenen Interessen, die es mit Montenegro verbinden; vielleicht können solche in der Zukunst austauchen, ^azu kommt, daß der Erbprinz mit einer mecklenburgischen Prinzessin vermählt ist. Wir können also der künftigen Gestaltung Montenegros mit wohlwollendem Interesse entgegensetzen.
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solide lebt und spätestens um 11 Uhr zu Bett geht, kann überhaupt nichts leisten, wenn er um V*4 Uhr morgens wieder heraus mutz, oder er kann es nur auf Kosten seiner Nervenkrast. Diese soll aber gerade durch die mllitärisch« Dienstzeit gestärtt und nicht vermindert werden. Im Rheinland gidts vielfach „permanente Urlaubskarten', beispielsweise für den Karneval! Auch die Ausgaben für die Uniform sind heute wett höher, als zu meiner Zeit. Wozu braucht der Einjährige einen Exlra-Mantel, einen Extra-Helm, ein Extra- Seitengewehr? Das Dienstjahr ikt nicht dazu da, daß der Einjährige fich auf dem Pflaster zum.Patent- fahken und tn Gesellschaften zum Salonlöwen aus- bildet, sondern allein dazu, daß er ein wirklicher Soldat wttd, was er in sehr vielen Fällen leider nicht wird. Den inneren Dienst, dessen Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, lernt der Einjährige fast gar nicht kennen. Es wäre deshalb zweckmäßig, wenn er in der Kaserne wohnen müßte. Auch essen kann er dort, aber nicht vom Offizierstisch, sondern in der Unterosfizierskantine. Wenn der Einjährige als Bizefeldwebel ins Dffizierskafino gezogen wird, so ist das früh genug. Er soll eben unter allen Umständen Einfachheit und Sparsamkeit lernen, denn wenn er dazu nicht während seiner Militärzeit Gelegen» heit findet, lernt er's gemeinhin nie. Das war früher eine der guten Seiten unserer militärischen Ausbildung, dieser Zwang zur Einfachheit, und es kann nicht genug beklagt werden, daß an ihrer Stelle Genußsucht und Weichlichkeit getreten find.
# Karlsruhe, 9. Aug. 1910. Der Kampf in bet badischen Sozial de mokratie wegen der Budgetbewilligung geht lustig weiter. Landauf, landab finden Versammlungen statt, in denen die Frage erörtert wird, Resolutionen für und gegen angenommen werden und gegen die Hofgängerei der Obergenossen protestiert wird. Ganze Spalten des sozialdemokratischen „Volkssreundes" sind Tag für Tag gefüllt mit Berichten, Erklärungen zu der strittigen Frage. Jetzt begreifen wir, warum der Abg. Kolb vor kurzem erklärte, es sei zum Heulen und Schreien. Wie in einem Hexenkessel brodelt und zischt es. Aus der Wahkkreiskonferenz des 10. Reichstagswahlkreises am Sonntag in Karlsruhe erhielt die Fraktion das Vertrauen ausgesprochen. Nur ein Bruchsaler Genosse lökte wieder den Stachel u. erklärte dabei auch, daß er es nicht verstehe, wie man einer untergehenden Partei, wie den Nationaliberalen, zum Aufblühen verhelfen könne. Der ahnungslofe Engel! Er soll sich einmal von einem Rationalliberalen das Aufblühen der nationaliberalen Partei seit den Tagen des Großblocks erzählen lassen. So geht der Kampf in „roter Mischung" weiter: Vertrauensresolutionen für die Frakllon werden angenommen, abgelehnt, angenommen usw., die zustimmenden Abgeordneten erzählen geheimnisvoll von den mancherlei Erfolgen, die durch ihr „lluges Verhalten" erzielt worden seien, die Genossen glauben das, manchinal auch nicht, einer nennt den Schlußakt eine Komödie, der andere freut sich, daß dadurch „die Neaktton auf den Jsolierschemel gesetzt" worden fei, dem „Volksfreund" wird vorge- toorfen, daß er zurzeit einseitig zugunsten der Budget- bewilliger informiere, ein anderer ist vom Gegenteil überzeugt, nur in einem waren bis jetzt fast alle Versammlungen einig: in der Verurteilung der Hos- g ä n g e ei. Das schlucken die durch ihre Presse in offener Feindschaft zur Monarchie erzogenen Genossen auf dem Lande draußen noch nicht. Allüberall protestieren ste daher gegen die „Hofgängerei" und verurteilen sie zumeist aufs schärfste, zumteil auch nach dem Motto: „wenn's wieder vorkomint, darfs nimmer Vorkommen". Im „Volksfreund" hat man daher jetzt alle Hände voll zu tun. Im Schweiße seines Ange- ichts arbeitet der Chefredakteur. Es muß wirklich arg fein. Die hohen Herren der Regierung, die Minister, die Geheimen und andere Räte und wohl auch die Stadträte find in der Sommerfrische und erholen ich, nur der rote Vizedirektor des Großblocks muß chusten und sich mit den ungelehrigen Parteifreunden ierumbatgen, muß sich reinwaschen von den Vorwür- en, fein Vorgehen verstoße gegen sozialdemokratische Prinzipien, fei Verrat an der Sache, muß erklären, re gingen ja nicht zum Hofe dem Fürsten zulieb, son- dem um dadurch d i e einzuseifen, die sich einfeifen lasten, muß feststellen, daß auch er das sozialdemokratische Endziel will, es aber mit feiner Taktik schneller zu erreichen hoffe.
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