1Z9.
Montag den 8. Augnft 1910.
37. Zahrgmg.
« fuldaer W Leitung *
2. Blatt.
vr»S anb Verlag bet gelbaer MeHenbtBtfttel iw Selb«.
△ Die Lage auf dem Balkan
,.m kein Haar bcffer als zu Zeilen bet schlimmsten Willkürherrschaft Abdul Hamids Es ES also nicht alles Heil vom Ltberaltsmus und der Demokratie so ganz über Nacht, selbst toenn sie sich in so gewinnender Weise einführen wie das Jung- türkentum in der unblutigen Revolution vor nunmehr drei Jahren.
Die Jungtürken haben die zivilisierte Wüt schon in mehr als einer Hinsicht enttäuscht. Ganz abgesehen von den Gewalttätigkeiten im Anschluß an die Wiedereroberung Konstantinopels und ihre Unzuverlässigkeit in der internationalen Politik haben sie n i ch t einmal verstanden im eigenen Hause Herr zu werden. Die Albanesen niederzuwerfen bedurfte es Monate harter Kämpfe, die heute noch nicht beendet sind. Die Entwaffnung ist längst nicht in der gewollten Weise durchgeführt. Das Bandenwesen steht unentwegt in herrlichster Blüte. So wurde kürzlich wieder aus Benettano Gradsko ein reicher Kaufmann entführt,. um Lösegelb zu erpreffen, in Saloniki der Zolldirektor erschossen und ein Priester ermordet well er die Auslieferung der Waffen empfohlen hatte. Die türkischen Truppen Hausen genau so blutig wie die Banden und Aufftändischen. Häuser der Albanesen und Bulgaren werden niedergrbrannt, Frauen und Kinder in der rohesten Weise mißhandelt. An den Grenzen kommt es jeden Augenblick zu blutigen Zusammenstößen der Grenzwachen, die durch unverschämte Provokationen, nicht zuletzt vonseiten der Türken hervorgerusen wurden. Bei Mitzowo an der griechischen Grenze nahmen die Türken einem Schäfer feine Herde weg und töteten ihn, bei Diskata wurde ein griechischer Grenzsoldat schwer verletzt und gefangen genommen, bei Plava an der montenegrinischen Grenze wurden die türkischen Bewohner von Montene- grinern ausgeplündert, und im Kampf drei türkische Soldaten getötet.
Gegen diese Mordbrennereien wollen die übertriebenen Meldungen von Waffenauslieferungen in Al- 6anien und die dort erfolgte Beruhigung nichts sagen. Wo 50 000 Man Militär stehen, ist's ruhig, sonst lodert überall die Flamme des Aufruhrs empor. Und daß neuerdings das Verhältnis der Türken zu Bul- g a ri e n wieder gespannter ist als es für den internationalen Frieden wünschenswert erscheint, ist nicht zuletzt die Folge der Rigorosllät, mit der die Truppen Torgut Paschas die Mazedonier, auch die mazedonischen Bulgaren entwaffneten
Der Kernpunkt der ganzen Balkanfrage liegt jedoch in dem Verhältnis der Türk ei zu Griechenland wegen des unseligen Kreta. Hervorragend geschickt kann man die Auslaffungen des türkischen Gesandten ht Athen, Nabt Bey, im „Tanin" über Griechenland nicht nennen, und man kann es den Hellenen nicht verdenken, wenn sie gegen die Wiederkehr dieses Freundes nach Athen sich entrüstet wehren. Wie weit die Kriegsdrohungen der Jungtürken ernst zu nehmen find, bleibe dahingestellt. Ein Krieg mit den Griechen wäre für das jungtürkische Regime das, was es gerade wüschle, um den VolkSun- willen über sein eigenes Gebühren auf Griechenland abzuwälzen. Daß etwas faul ist im „Bunde für Einheit und Fortschritt," daß er sich nicht mehr der Volksgunst in besonderem Maße erfreut, zeigt die neulich erst unterdrückte Verschwörung, zeigen die dunklen Manipulationen gewiffer Kreise, den jetzigen Sultan von der Jungtürken Gnade zu stürzen und Abdul Hamid aus seiner Klause in Salonik wieder hervorzuholen. Ein Skandal bleibt es jedenfalls auch, wie man tür- kischerseits diplomatische Aktionen mit dem Boykott unterstützt. Es ist gar nicht einzusehen, was das arme Griechenland dafür tonn, daß die europäischen Schutzmächte nicht an eine endgültige Regelung der Kretafrage Herangehen, sodaß daraufhin das Boy- kottkomitee die Fortsetzung dieses wirtschaftlichen Krieges bis zu einer solchen endglltigen, natürlich türken- b-eundlichen Regelung anordnen darf.
Griechenland denkt vorläufig gar nicht daran, seine Existenz in dem kaum zweifelhaften Lotto eines Krieges mit den Ottomanen aufs Spiel zu fetzen; wenig, stens herrscht diese nur vernünftige Absicht in dem offiziellen Griechenland vor. Daß von den Heißspornen des aufgelösten Militärbmides der Kompfesruf „Hie Venizeos, hie Königtum" für die Wahlen zur konstituierenden Nationalverfammlung echoben wird — was bekannllich nach den Auslaffungen Rabi
BehS hn Fall des Sieges her Parole Vcnizelos den Krieg zur Folge haben würde — dürste kaum in Wirklichkeit gefährlich werden. Venizelos, der jetzt kretischer Ministerpräsident ist, weiß sehr genau, was für ihn selbst und für Kreta auf dem Spiel steht, wenn et dem Drängen der Tollköpfe folgen und die Kandidatur für die Rationalverfamnllung annehmen wollte.
Alle» in allem, der Balkan ist ein Hexenkeffel, mag darin nun nach jnngtürkisch-liberaten oder absoluti- ftifchen Rezepten gekocht werden. Ruhe ist und bleibt dort ein unbekanntes Ding.
Deutscher Reich.
** Eine kostbare politische Erinnerung frischt die .Kreuzzeitung* auf. In einem y$or fünfzig Jahren" überschriebenen Artikel be- richtet sie:
Ans Essen wurde am 2. August gemeldet, daß einige Rotable des Handelsstandes eine Sammlung veranstaklet hätten, um Garibaldi eine Gußstahlkanone zu schenken. Die „Kreuzztq." .warf angesichts dieser Meldung die Frage auf, ob die für Garibaldis Ausrüstung so eifrig tntereifieden Handelskreise in Essen für die preußische Mililärvor- lage die gleiche warme Tellnahme bekundet hätten oder künftig bekunden würden.
Zunächst: wer war Garibaldi? Ter itakienische Revolutionär, der damals mit seinen „Rothemden" gegen die legitimen Herrscher in Italien, vor allem aber gegen den Papst als den Inhaber des Kirchenstaates kämpfte. Es handelte sich also um eine katholiken- seindliche Kundgebung, wie sie in jener Zeit der von Hennigsensche Nulional-Verein mit besonderem Eifer pflegte. Der Nationalheilige der deutschen Kulturkämpfer hat später im dentsch- franzöffschen Kriege mit seinem Freikorps gegen die deutschen Truppen gekämpft. Die „Eff. Volksztg." erinnert daran, daß die Effener liberalen Handelskreise, die 1860 Garibaldi ihre Sympathie zu erkennen gaben, zu den schärfsten Gegnern der preußischen Miliiar-Reorgavisatton gehörten, iverhalb es auch zu schweren Konflikten mit der von ihnen beherrschten stäbtlschen Vertretung und der Negierung kam. Die von ihnen gewählten Beigeordneten wurden nicht bestätigt. Die Erinnerung ist deshalb besonders interessant, weil die ftonhieienben politischen Kreise später einen jeden als Reichssemd verschrien haben, der nicht sofort bereit war, in vollstem Umfange das zu bewilligen, was unveranlwsrlUche Kreise an uferlosen Forderungen ausstellten.
+ Unstimmigkeiten im Liberalismus. Das angestrebte Zusammengehen von Freisinn und Nalionallideralen hat vorerst noch einige Widerstände u überwinden, wie eine Nachricht aus der Lausitz beweist. Fortschrittliche Vertrauensmänner haben dort den Beschluß gefaßt, bei den kommenden Reichstagswahlen Bündnisse mit den Nationalliberalen möglichst zu vermeiden. Dazu schreibt die «Nationallib. Korreip/:
„Das kann nur bedeuten, daß dort die fortschrittliche Bottspartei sich mit dem Gedanken trügt, der nationalliberaten Partei in den Rücken zu fallen. Er wäre zu wünschen, daß die Leitung der forychrittlichen Lokkspartei im Königreiche Sachsen zu einem wichen Beschlüsse sobald als möglich das Notwendige verlauten läßt, der um so merlwürdiger erscheint, als die Partei eben im Kamps« um Zschopau > Marienberg die uneingeschränkte Unterstiitzurrg der Natioualllberolen findet. Auch aus anderen Teilen des Reiches liegen Meldungen vor, wonach es die fortschrittliche Boll spartet mit der Aufftellung von Kandidaten gegen die Nationalliberalen ziemlich eilig hat. Wir möchten vor solchem Tun dringend warnen, da die fortschrittliche Bolkspari« gerade am wenigsten Vorteil davon haben könnte.'
Die (Einigung über die von Bass-rmann geforderten „ftarfen gegenseitigen Konzessionen" zwischen WationaDiberalt n und Freisinnigen wird also wohl nicht ganz glatt vor sich gehen.
* Der Wert der landwirtschaftlichen Erzeugnisse Drutschkands. Die,Kreuzztg/ knüpft an ein Fug- blait des Hansabundes an, um einmal den Wer:
der jährlichen landwirtschaftlichen Erzeugniffe Deutschlands ins Gedächtnis zurückzurufen:
Die Gelehrten deS Hansabundes sollten nicht verschweigen, daß in Deutschland der Wert der jährlich erzeuateu Kartoffeln allein schon so hoch »st, wie der Wert der ganzen Bergwerksproduktton , Steinkohlen, Braunkohlen, Steinsalz, Kalisalz Gifin- en, Blei, Kupfer — alleS zusammengerechnet!), nämlich annähernd zwei Milliarden Mark. Der Wert aller deutschen H ütt enprodukte (255 Millionen Mark) ist etwa ein fünftel des Wertes der deutschen Haferproduktion (1242 Millionen Mark). An Brotgetreide produzieren wir jährlich für 3 Milliarden Mark, wozu noch Gerste mit über '/> Milliarde Mark kommt. Eine Statistik der gesamten landwirtschaftlichen Produktion an Getreide, Hackfrüchten, Oelfrüchten, Wein, Tabak, Hopfen, Futtermitteln, tierischen Produkten, Hott, Obst, Gemüse uiw. liegt uns nicht vor. Sie wird aber eine so stattliche Zahl von Milliarden ergeben, daß daneben die Steigerung der Nahrungsmitteleinfuhr um 1 , Millionen Mark in 25 Jahren gegenüber einer Be- völlerungsninahme von 17,3 Millionen kaum eine Rolle spielen kann — zumal in dem Einfuhrplus die Lnxus- nabrungsmittel eine ganz besonder? große Zunahme aufroeifen. Der Hansabund täte besser, er wiese daraus bin, daß das mobile deutsche Kapital hier eine lohnende und patriotische Aufgabe hat, lohnender und patriotischer, als es der Ankauf ausländischer Papiere zur Sicherung unserer wirtschaftlichen Bilanz ist, den der Hansabund so beredt verteidigt und der doch nur als ein Aushilfsmittel bedenklicher Art gelten kann. Wendete sich das Kapital mehr der inneren Kolonisation zu, so brauchten wir nur noch tropische Gewachte sur unsere Ernährung einzusühren und könnten noch lange Kartoffeln und sogar Getreide mit Vorteil ausiühren.
Aus Ulrche un- Schule.
F. Fulda, 8. August 1910 Der Provinzialrat in Kassel hat in feiner Sitzung vom 14. Juli bc- schloffen, daß alle Gemeinden, an die feiner Zeit die Aufforderung croangen war, wenigstens 2C0 Mark für den anzustellenden Hauptlehrer zu bewilligen, dieser Aufforderung nunmehr nach- zusammen Haden. — lind wenn die Gemeinden das nicht tun?
♦ Passau, 6. Aug. 1910. Der Bischof von Pasfau, Fahr. v. Ow, ist infolge eines Insektenstiches sehr schwer erkrankt, sodaß ein operativer Eingriff vorgenommen werden mußte.
Aus dem Uachbargebiete.
* Kassel, 6. Aug. 1910. In einer Fabrik in Wehlheiden kam durch das Platzen eines Trans- inissionsriemens ein schwerer Mahlstein ins Rutschen. Er fiel dem Arbeiter Gießler aus Rothenditmold auf den Kopf und zertrümmerte ihm die Schädel- decke. Der Tod trat auf der Stelle ein. Gießler war Va'er von 5 Kindern.
* Frankfurt a. M., 6 August 1910. Auf dem Pfänder in der Nähe von Bregenz am Bodensee, wurden die stark in Verwesung übergegangenen Leichen eines Liebespärchens gefunden. Beide Leichen wiesen Schußwunden im Kopfe aus. Aus der ganzen Sachlage tft anumebmen, daß der Mann zuerst das Märchen und dann sich selbst erschossen hat. Papiere, die der Tolo bei sich hatte, ließen darauf schließen, daß er aus Frankfurt a. M. stammt. Die Ermittelungen ergaben, daß der Tote identisch ist mit dem früher im städtischen Krank lchauje bediensteten Krankenwärter Franz Borgs.
* Heidesheim, 7. Aug. 1910. Der katholischen Kirchengemeivde sind als Enlschädigungs- Summe für den durch Blitzschlag teüroeii« zerstörten Kirchturm 10,000 Jk von der Lauder- Brandkafse zugesprochen worden.
vermischtes.
** Die SBerurltihuifl von Angehörigen von Heer unb Marine ist un Jahre 1909 nach der amtlichen Statistik von 14681 auf 14110 zurückgegangen. „Ungehorsam und Gehorsamsverweigerung" flre’ten mU "1814 Fällen bie Hauptrolle, in 1512 Fällen handelte es sich um die „unerlaubte Entfernung aus dem Hrere."
; Orden au französische Soldaten. In Paris haben zwei Soldaten des Marinesüsilier-Balaillons deutsche Auszeichnungen erhalten. Ter Quartiermeister Pierre Taniet hat die Medaille des Roten Ab'erordens, der Soldat Iran Lemeur die Medaille
des Kronenordens erhalten. Beide waren während der Ueberschwemmung vom letzten Winter der deut- scheu Botschaft in Paris zum Schutze und zur Hilfe, leistung zugeteilt gewesen.
* Eine recht kuriose Geschichte beschäftigte die vierte Fettenstraskammer des Landgerichts I in 23 e 11 in. Wegen intellektueller Urkundenfälschung Ivar der Arbeiter Walter Lachmann angeklagt. Der Bruder des Angeklagten, Fritz Lachmann, war wegen Gewerbcver- gehens zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Als er diese nicht bezahlte, sollte er die Haftstrafe verbüßen Die Anklage behauptet nun, daß nicht Fritz Lachmann, sondern der jetzige Angeklagte Walter Lach- :nann die Strafe abgeseffen habe. Da sich Walter L. bei der Aufnahme in das Gefangenenregister als Fritz L. ausgegeben hatte, so lag hierin eine intellektuelle Urkundenfälschung. Diese Anklage gründete sich auf folgenden Vorfall: Nachdem der angebliche Fritz Lach- mann zwei Tage der Strafe abgescffm hatte, ließ er sich vorführen, und behauptete, daß er garnicht Fritz L., sondern Walter Lachmann sei. Die Strafanftaltsbe- bördc entließ nun den Inhaftierten und erstattete gegen Walter L. die Anzeige, welche das -etzige Strafber- fohren zur Folge hatte. — In der gestrigen Verhandlung stellte es sich unter allgemeiner, vom Vorsitzenden snst nicht zu unterdrückender Heiterkeit heraus, daß die Justizbehörde tatsächlich einem recht originellen Trick zum Opfer gefallen war. Es ergab sich, daß sich in Wirklichkeit der richtige Lachmann zum Strafantritt gemeldet hatte. Als es ihm im Gefängnis nicht gefiel behauptete er einfach, er wäre nicht der richtige, und gab sich als Walter Lachmamr aus. Er wurde daraufhin ohne weiteres entlassen. Nach dieser eigen ligen Aufllärung des Sachverhalts erfolgte natürlich auf Anttag des Staatsanwalts die Freisprechung des Angeklagten. . , „ „ _ . .
* Französische Lokomolrvbestkllungen sind in Deutschland im Betrage von 4 bis 5 Millionen Mark infolge eines Wettbewerbes, an dem sich französische und belgische Maschinenfabriken beteiligten, von einer der größten französischen Prioateisenbahn- gesellschast gemacht worden. Die Angebote der Belgier und Franzosen schieden aus, weil die Preise bei der ieuetetn französischen und belgischen Arbeitsweise sich wesentlich über den deutschen Forderungen hielten und die von den Fabriken verlangten Lieferungszeiten zu groß waren. Der Auftrag ist den deutschen Lokomotivsabriken umso angenehmer, als deren Beschäftigung infolge der stark verringerten Aufträge der inländischen Eisenbahnen zurzeit unzu, reichend ist.
am Steinweg (Neubau Hasenpflug)
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Erkläret mir, Graf Oerindrir aa diesen Zwiespalt der Natur: Hochsommer, berr« wö ijches Welter; und bin doch erkältet wie im GG tie|)ten Winter. Was tut man da? — Einfach genug! Sommerkatarrhe sind doch gar nicht? Ö0 Seltenes. Hat man sie aber, bann kauft man Aft sich einfach eine Schachtel Fays ächte Sodener Mmeral-Past llen und jagt damit den Katarrh GG znm Kuckuck. Fays ächte Sodener wirken sicher a a und angenehm, sie machen Schwitzkuren und WW andere Unbequemlichkeiten unnötig, und dabei fÄÄ sind sie billig: 85 Pfg. die Schachtel, die man in jeder Apotheke, Drogerie oder Mineralwaffer- 00 Handlung bekommt.
Praktische Ratschläge für den August.
Bon Joh. Bartels.
(Nachdruck verboten.)
Der August soll sonnig und warm sein. So wünscht es der Landmann, damtt die Emte trocken herein kommt. Ein sonniger August kann vieles gut machen.
Aber nicht nur für Land-, Garten- und Wein- wirtschast ist ein freundlicher August erwünscht. Tausenden Kranken, die nach anstrengender Kur in den Heilbädern der Nachkur pflegen wollen, ist ein warmer August erwünscht und gedeihlich, denn leicht kann man sich bei solcher Nachkur schiverere Leiden zn- ziehen, als man sie im Hellbade loszmverden strebte.
Eine Eckrankung in der Nachkur ist nur zu leicht möglich; der Körper ist, geschwächt durch die Kur, Eckältungskrankheitm leichter zugänglich, daher denn ein feuchter und regnerischer August zu um so größerer Vorsicht mahnt. Dazu kommt, daß vicke bet der Badekur einer gewissen Diät sich unterziehen mußten, was sie veranlaßt, alle die entbehrten Genüsse nun um so reichlicher nachzuholen. Natürlich ist das auch unvorsichtig und oftmals recht verderblich.
Nicht selten kommt es im Sommer vor, daß man durch den Genuß von giftigen Pflanzen erkrankt. Stellen sich Uebelkeiten ein, die den Verdacht einer solchen Erkrankung rechffertigen, so ist das beste, dem Brechreiz möglichst nachzugeben oder ihm womöglich dadurch nachzuhelfen, daß man dem Erkrankten den Finger tieft in den Mund steckt. Indessen sei zur Beruhigung gesagt, daß alle unsere Giftpflanzen eine so geringe Dosis Gift enthalten, daß schon ein reichlicher Genuß dazu gehören müßte, bei Erwachsenen eine gefährliche Wirkung hervorzurufen. In den meisten Fällen nützt eine Tasse recht stacker Kaffee oder «ne halbe Tasse Essig daS Uebelbefindeu sofort zu beseitigen.
Aehnltche Erkrankungen; kommen zuwellen auch hei dem Genuß gckochten oder geschmorten Obstes vor, wenn die Köchin etwa zum Nmrühren einen BlechlHfel benutzte oder der emaillierte Topf beschädigt war. Am besten tut man, zum Obstkochen nur Stein
töpfe zu verwenden. Auch da Hilst eine Tasse schwarzer Kaffee am schnellsten, wenn der Körper sich nicht durch Erbrechen von selbst Hilst.
Das ist natürlich auch beim Einmachen der Früchte und Einkochen derselben zu Fruchtfästen, wozu jetzt die Zeit ist, zu bedenken. Peinlichste Saubeckett ist hier schon aus Gründen der Haltbarkeft der Früchte zu beobachten. Oft wird diese schon durch stacke Gerüche beeinträchtigt. Daher soll mau beim Einkochen von Früchten die Fenster schließen, wo etwa Stallungen oder andere übelriechende Einrichtungen vorhanden sind. Diese Vofficht wird deshalb so oft unterlassen, weil die betreffenden Hausfrauen an jene Gerüche gewöhnt, sie nicht mehr empfinden. Denn das dauernde Jnsichaufnehmen eines und desselben Geruches stumpft die Geruchsnerven ab.
Auch zum Trocknen unb Dörren des Obstes zu Backobst ist jetzt die Zett gekommen, wenigstens zum Dörren einiger Sorten, sowett schon fastreiche Früchte vorhanden sind. Diejenigen, die nur das Fallobst ober dasjenige, das ihnen als Tafelobst zu unansehnlich erscheint, benutzen, tun sehr töricht. Zum Backobst ist das beste gerade gut genug. Jede faulige oder durch Anstößen weich gewordene Stelle ist vorher zu entfernen. Vor Fliegen ist das Dörrobst zu schützen. Ein langsames Dörren durch Sommergluten ist dem schnellen Ausdörren durch die Mittagssonne vorzu- ziehm. Eine gute Köchin muh das Backobst am Abend vorher einwcissern und die Nacht durch im Wasser stehen lassen, dann quellen die Früchte auf und schmecken viel saftreicher.
Auch an baS Sammeln der Pilze ist jetzt zu denken; ein einziger Waldspaziergang in vilzreüher Gegend kann sehr lukrativ sein, wenn man die Augen offen hält.
Im übrigen ist die Zeit für die Besorgung der Küche für die Hausfrau durchaus günstig. Es ist alles in Hülle unb Fülle da unb für bat vornehmeren Lisch ist al» Fleischspeise das Rebhuhn dazu ge-
August beginnt die Jagd mif Rebhühner, wobei zu beachten ist, d°ß d-r waidgerechte erfahr«,- Jägtr nittoflte Mc ulten Rebhühner toegfd)ic6t. £ei
waidgerechte Jäger sucht nämlich bei der Rebhuhnjagd von jedem Volke einige zu halten, insbesondere aber die alten Hühner zu schonen, die man an den grauen Tritten, d. h. Füßen erkennt, während die der jungen Hühner gelblich sind. Die alten Hühner legen mehr Eier und brüten auch sicherer, lieber den Abschuß der alten Hahne geht dagegen die Meinung der Jäger auseinander. Während die einen behaupten, cS sei gut, die alten Höhne abzuschießen, weil sie das Volk aus dem Revier entführen, find andere Jäger wieder gegen den Abschuß, weil die jungen Hühner ohne den alten Hahn meist, zumal wenn sie noch sehr jung find, vollständig hilflos dastehen, sich nicht er- nährm können und dadurch oftmals hilflos umkom- nttn, was ebenso daS Revier leicht entoöttem kann. Für bie Küche sinb natürlich bie alten Hühner unb Höhne in gleichem Maße wenig gesucht, wenn auch bie moderne Kochkunst Mittel und Wege erfunden hat, auch diese für den Feinschmecker nutzbringend zu verwerten. Rach stundenlangem Kochen gibt auch das alte Rebkmhn die treffliche Wildsuppe, in die man beim Servieren daS völlig zarte Bruststeisch einlegt, ober man bereitet auS alten Hühnern Pürees, PainL ober Salamis, zu benen sich bie jungen Hühner wegen ihrer geringeren Ergiebigkeit weniger eignen.
Im Garten sinb bie leeren Gemüsebeeten mit Spinat, Herbstrüben, Karotten und Radieschen zu besäen. Auch Grünkohl und Rosenkohl kann noch gepflanzt werden. Wer im nächsten Frühjahr kräftige Peteffilie haben will, muß jetzt Samen aussäen. Die Gurken und Melonen sind auf Scherben oder Schiefertafeln zu legen, um sie vor Fäulnis zu bewahren. Die Artischocken werden neu angcpflanzt oder umge= beetet. Den reichen Pflanzen kann man die Köpfe abnehmen und die Stiele ausbrechen, dann kommen sie im Herbst noch einmal zur Blüte und bringen noch eine Ernte. Erdbeeren find abzuranken und neue Anlagen zu machen, die fleißig gegossen werden müssen. Des ferneren ist im Obstgarten fleißig zu okulieren. Bäume dürfen nicht mehr beschnitten werden. Stark tragende Zweige müssen vor dem Bruch geschützt werden. Beete zum Aus säen von Obstkemen
können angelegt werden. Im Blumengarten find Nelken- unb Goldlacksämlinge auszupflanzen. Verblühte Blumen fmb abzuschneiden oder besser ^auszu- reißen und durch andere zu ersetzen. Alle «pe,s^ zwiebelsorten find aus der Erde zu nehmen, sobald das Kraut abwrlft und an luftigen Orten zum Trocknen auszubreiten.
Im August ist die Tracht her Bienen im allgemeinen beendigt, der fleißige Imker aber unternimmt noch Wanderungen mit den Bienen auf Spättracht. Gegen Ende des Monats beginnen dann die Vor- arbeiten für die Ueberwmterung, wozu besonders die Abfiftterung honigarmer Stöcke mittelst Kristallzucker gehört. Auch die Abgrenzung des Winterfitzes hat zu erfolgen, wobei man darauf achte, daß nur soviel Waben belassen werden, als die Bienen belegen können. Die schwachen ober roeifdloftn Stöcke find durch Vereinigung zu verstäcken, die stacken einzuwintern elfte Pflicht. An die Stelle alter, nicht mehr recht fruchtbarer Königinnen find junge einzufetzen.
Als volkstümliche Heilmittel, die uns die Natur, im August schenkt, ist ein Tee von frischen Hagebutten! zu nennen, der ausgezeichnet gegen Magenkrämpfe hilft. Man nimmt etwa eine Handvoll auf ein Viertel Liter Wasser dieser Früchte der Heckenrose, die überhaupt viel zu wenig bei uns geschätzt zu werden pflegt. Der Tee ist gut, sobald die Hagebutten ganz weich gekocht sind. Man kann auch später getrocknete Hagebutten dazu nehmen, nur muß man den Tee bann länger ziehen lassen.
Auch bie Brunnenkreffe gilt von Alters her als ein volkstümliches Heilmittel, das für Lungenleidende empfohlen wird, daher ein Salat hiervon sehr empfehlenswert ist. Man beseitigt die schlechten SMätter, wascht die guten sauber ab, drückt Zitronensaft darüber, gießt etwas Olivenöl dazu und tut etwas feingeschnittene Zwiebel darüber Essig ist verpönt. Das Ganze läßt man 2—3 Stunden stehen. Natöckich find allerlei derartige Heflmittel, deren man sich in früheren Zeiten mehr ÄS jetzt bediente, nicht in dem Sinne Äs Heilmittel zu verstehen, daß sie ein Leiden beheben, sondern als Linderungsmittel. Als sÄche werden sie freilich in unserer Zeit viel zu wenig geschätzt.