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179. Erstes Blatt.
Fulda, Montao den 8. August 1910.
37. Jahrqau a.
Deutscher Reich.
: Berlin, 7. August 1910. Der Kaiser besichtigte am Samstag in Hannover das Königs» illanen-Regiment. Die Kaiserin besuchte eine Anzahl Wohltätigkeitsstiftungen. Nachmittags erfolgte die Abfahrt nach Wilhelmshöhe. — Die 62. Hauptversammlung des Gustav»Adolf- Vereins wird in diesem Jahre in Stralsund stattfinden. U. a. wird über die „Masurenfrage und der Gustav-Adolf-Verein" gesprochen werden.
** Der Kronprinz wird nach einer Mitteilung der ,Nordd. Allg.Ztg." eine Studienreise nach Ostasien unter Berührung von Indien antreten und zwar im Herbst.
** Der Verkauf der beiden Kriegsschiffe an dir Türkei, des „Kurfürst Friedrich Wilhelm' und „Brandenburg', ist inzwischen nach amtlicher Mitteilung perfekt geworden. Der Verkauspreis beträgt für beide zusammen 18 Millionen Mark. Das ist ungefähr ein Drittel besten, was die Schiffe gekostet haben. Durch den Verkauf der Linienschiffe entsteht eine Lücke in der Flottensormation. Den „Münch. Reuest. Nachrichten wird dazu aus Berlin'geschrieben:
.Die Linienschiffe der Brandenburgklaffe sind 1891 vom Stapel gelassen; ihr Ersatz nach 20jähriger Lebensdauer beginnt also ohnehin int Jahre 1911, wo die erst en Bauraten verlangt werden. Bis zur Fertigstellung der Ersatzschiffe aber vergehen reichlich drei Jahre. Sie können also erst 1914 in die Flotte eingestellt weiden. Bis dahin müssen noch ältere Schiffe in die Lücke eintreten, um die gebotene Formation aufrecht zu erhalten. Der Verkauf beweist, wie friedlich d i e L a g e in den Augen der Reichsregierung erscheint. Daß der Erlös aus den beiden Schiffen den Reichsfinanzen sehr zustatten kommt, indem er das Marinebudget sehr erleichtert, ist angesichts der herrschenden Eeloklemme sehr erfreulich.
)( Ueberschüffe int Reichshaushalte des Jahres 1909. Die Reichskasse hat im Etatslahre 1909, das zum Teil unter die Wirkung der neuen Steuern fällt, bereits ein Plus von 90 Millionen gehabt. •*- Das Gerede der liberalen Preffe von dem Mißerfolge der Reichs- sinanzreform wird trotzdem nicht verstummen.
** Die neuen Heeres- und Militärsorderungen. Es ist von freiwilligen und bestallten Beschwichtigungsräten schon mehr oder weniger überzeugend versichert worden, daß die neuen Heeres- und Flottenforderungen sich „in den bescheidensten Grenzen hakten werden'. Von (wie sie sagt) „besonderer, gut unterrichteter Seite' erhält jetzt auch die ,Rhein. Wests. Ztg.' diese Nachricht bestätigt. Sie schreibt:
Schon heute kann auf das bestimmteste gesagt werden, daß das kommende Jahr außer einer Vermehrung der Berkehrstruppen (und auch hier nur in beschränktem Maße) keinerlei größere Neubewilligungen fordern wird. Die Sagten, die der Ablauf des Quinquennats und die mit ihm verbundenen als absolut notwendig erkannten Verstärkungen unserer Landmacht mit sich bringen, sollen vielmehr so verteilt werden, daß vor dem Jahre 1913-14 kaum an die Neuformation gedacht werden kann. Das Reichsschatzamt und der Reichskanzler flehen in größter Einigkest auf dem Standpunkte, daß nicht eher in die Heeresergänzungen eingetreten werden könne, ehe nicht eine völlig einwandfreie Deckung des Mehrbedarfs gewährleistet ist. Auch die Nachricht, daß Herr von Tirpitz mit neuen umfangreichen Wünschen für die Marine vor der Tür stände, ist in Anbetracht der Finanzfrage als durchaus unzutreffend zu bezeichnen.
Daß Reichsschatzamt sowohl wie der Reichs- kanzler „in größter Einigkeit' auf dem Standpunkt stehen, nicht eher in die Heeresergänzungen einzutreten, bis eine „völlig einwandfreie Deckung des Mehrbedarfs" gewährleistet ist, hört man mit Befriedigung; e§ "fragt sich nur, wie sich der Kriegsminister und „noch maßgeblichere Instanzen' dazu stellen werden.
* Ein sozialdemokratischer Parteisekretär, der gerne Sekretär eines Arbeitgeberderbandrs sein möchte! Hierüber bringt die .Westdeutsche Arbeiterzeitung" Nr. 32 eine wertvolle Neuigkeit für unsere christl. Arbeiter, die ihnen erneut zeigt, daß die „Genossen' auch anders können. Das Blatt schreibt: Bei Gott und — den Sozialdemokraten ist alles möglich. Vor einiger Zeit wurde von einem Arbeitgeberverband des Saarreviers ein Verbandssekretär gesucht. Unter den eingelausenen Offerten befand sich folgendes Schreiben des zurzeit noch in Köln tätigen fozialdemokratischen Parteisekretärs Müller:
Betrifft: Gesuch eines Verbandssekretärs. P. P. Im obigen Betreff beehre ich mich, ein Bewerbungsschreiben höflichst einzureichen. Ich bin . . Jahre alt, verheiratet und Vater eines Kindes. Seit 10 Jahren bin ich auf allen Gebieten des sozialpolitischen Lebens praktisch tätig. 1902, 1903 und 1904 hatte ich das Arbeitersekretariat zu Mannheim zu leiten und richtete 1905 ein solches in Solingen ein. Zurzeit bin ich Sekretär des sozialdemokratischen Vereins für Köln. Ich darf wohl von mir sagen, daß ich auf allen sozialpolitischen Gebieten sehr gut beschlagen und auä) als Agitationsredner gut zu gebrauchen bin. Aber auch in Sachen des Bürgerlichen Rechts, des Staats- und Ber- waltungsrechts verlassen mich meine Kenntnisse nicht, so daß ich auch auf diesem Gebiete gewiß gute Dienste zu leisten vermag. Die innere Verwaltung des Verbandes ist mir ebenfalls geläufig, und glaube ich, daß ich allen Anforderungen, die billiger Weise an den anzustellenden Berbandssekretär gestellt werden können, zur vollsten Zufriedenheit gerecht werben kann, lieber Bedenken, die sich aus meinen bisherigen Stellungen (als sozialdemokratischer Parteisekretär! D. Red.) ergeben können und müssen (!!>, würde eine offene Aussprache mit einem Ihrer Herren Vertrauensmänner gewiß Hinweghelsen.
Man sollte es nicht für möglich halten! Ein lange Jahre im Dienste der sozialdemokratischen Partei stehender Mann, der berufsmäßig das Unternehmertum und die „bürgerliche Gesellschaft' zu „vernichten' hatte und es in zahllosen — Agitationsreden unter dem brüllenden Beifall der sozialdemokratischen Arbeitermaffen getan hat, ein Mann, der von der Kölner Sozialdemokratie ausersehen war zum höchsten Ehrenamt der Partei, zum Reichstagsabgeordneten (Müller kandidierte wiederholt!) geht hin und bewirbt sich um die Stelle eines Verbands sekretärs bei einem Unk er nehm er verband! Der Sekretär des sozialdemokratischen Vereins für Köln kann sich begraben lasten.
Ausland.
* Die belgische Ministerkrise wird, wie mit Bestimmtheit verlautet, erst im September ihre Lösung finden, da noch weitere Veränderungen, ja eine vollständige Umbesetzung wahrscheinlich fei. Ministerpräsident Schollaert übernimmt vorläufig das Portefeuille für Kunst und Wifsen- schast und Postminister Helleputte ebenfalls zeitweilig das Reffort, das bisher Delbeke verwaltete.
*♦ Tie Sage in Spanien. San Sebastian und Umgebung fowie die anliegenden Bahnlinien sind von gewaltigen Truppenmassen besetzt, die noch einige Tage da bleiben werden. 2000 Katholiken sind in der Stadt; ihre Haltung ist friedlich. Der Generalkapitän hatte eine Konferenz mit Canalejas, dem er versicherte, daß eine Störung der Ruhe nicht zu befürchten sei. Wie schon gemeldet, ließen die Orga- nisationsausschüffe an die Bevölkerung von Biscaya und Navarra die Mitteilung gelangen, daß sie von der geplanten Kundgebung der Katholiken Ab- stand genommen haben, weil die Regierung die Transportmittel mit Beschlag belegt habe. Sie protestieren gegen die Akte der Willkür und deUa- gen es, daß die Armee dazu bestimmt sei, die Ordnung gegen die Katholiken aufrecht zu erhalte«, die das Heer liebten und schließen mit der Aufforderung, die Katholiken sollten den Mut nicht sinken lassen.
Der offiziöse .Telegraph" meldet weiter aus San Sebastian: Als Samstag abend eine Gruppe Manifestanten von einem Balkon herab „Es lebe der Papst!' riefen, versuchten etwa tausend Personen das Haus zu stürmen. Der Gouverneur eilte an der Spitze von Polizei- und Gendarmeriemannschas- ten herbei und stellte die Ruhe wieder her; mehrere Personen wurden verletzt, 44 verhaftet. Bei Haussuchungen wurden eine Anzahl Feuerwaffen gefunden und 132 Verhaftungen vorgenommen; gegen drei Uhr morgens wurde die Gendarmerie zurückgezogen. Vom Sonntag wird aus San Sebastian gemeldet: Vier Personen, die Morgens vor einem (Safe riefen: „Es lebe der Papst!' sind verhaftet worden. Die Stadt ist ruhig.
* In Persien scheint es trotz aller Schwüre der Führer doch noch zu Kämpfen zu kommen. Die Waffen sollen bis Samstag abend abgegeben sein; die Mudjahidin, die Gefolgschaften der Führer, machen aber feine Anstalten, sondern sammeln sich in verschiedenen Gärten. Die Regierung rechnet mit Blutvergießen. (Vergleiche Letzte Nachrichten).
** Die indischen Sorgen Englands folgen sich in den letzten Jahren beänstigend schnell. Jetzt liegt wieder eine Meldung über größere Verschwörungen vor. In Ostbengalen nndÄffam sind 27 politische Verschwörer verhaftet und in das Gefängnis nach Dacca abgeliefert worden. Die Verschwörung reichte von Syldet dis nach Kalkutta. Trotz der kürzlich von der Regierung verbreiteten Nachrichten über die Beruhigung Indiens dauert also der Aufruhr - Zustand in einigen Gegenden fort. Wie aus guter Quelle versichert wird, sind die Hauptaufwiegler neben indischen Rechtsanwälten die Regierungs- und Bahnbeamten selbst, die die urteilslosen Dorfbewohner zu Ausschreitungen anstiften. So wurden kürzlich die gemauerten Durchlässe des Eisenbahn-Dammes der Affam- Bengal -Bahn mit Erde zugeschüttet, sodaß bei eintretendem Regen ein Dammrutsch in einer Ausdehnung von 32 Meilen entstand.
* Die Verhandlungen zwischen Liberia und den Bereinigten Staaten über die Einzelheiten der Anleihe für Liberia nehmen ihren Fortgang. Gleichzeitig verhandelt der liberische Gesandte mit der englischen und französischen Regierung über die Frage des amerikanischen Vorschlages im allgemeinen. Das englische Auswärtige Amt hat seine volle Zufriedenheit mit dem Plane der Bereinigten Staaten zur Beseitigung der schwierigen Lage in Liberia ausgesprochen.
[] Der „Weltkongreß für freies Christentum".
Vor 10 Jahren ist in der amerikanischen Hafenstadt Boston eine Vereinigung ins Leben gerufen worden, die „unter den liberal-religiösen Bewegungen aller Länder eine brüderliche Gesinnung zustande bringen* will. Daraus hat sich der von drei zu drei Jahren stattfindende „Weltkongreß für freies Christentum und religiösen Fortschritt' entwickelt. Gegenwärtig tagt der vierte dieser Kongresse in Berlin.
Die liberale Presse aller Schattierungen, bezeichnenderweise auch die ,Tägliche Rundschau" des Evangelischen Bundes, jubelt dieser Tagung zu, berichten darüber in langen Referaten und bringen hochtrabende „Stimmungsbilder' mit faustdicken Schmeicheleien gegenüber den Führern dieser Bewegung. So laut und aufdringlich ist dieses Treiben, daß in den nächsten Tagen das gesamte von dieser und der gesinnungsverwandten liberalen und farblosen Provinzpresse beeinflußte Deutschland glauben muß, man habe es hier mit einer Erscheinung von erdrückender Wichtigkeit zu tun. In Wirklichkeit rrird man das, was sich da zeigt.
lediglich als eine neue Note in dem alten Kampfe der religiös Liberalen gegen die gläubige Richtung im Protestantismus anzusehen haben.
Die überschwenglichen Berichte der liberalen Preffe werden über die Bedeutung dieser Tagung nicht irre machen dürfen. Der Kongreß, der nach dem Urteil eines Phrasenfabrikanten der freisinnig- demokratischen ,Berliner Zeitung", „viele Helden des Geistes und der Geistesarbeit', „viele interessante Persönlichkeiten', „protestantische Charakterköpfe' zeigt, hat die Tendenz, dem Christentum auch in der protestantischen Form die letzte Grundlage zu rauben. Der Kongreß kämpft für die absolute Glaubensfreiheit jedes einzelnen Individuums. Jeder Angehörige dieser Art Chrisien- tum soll das Recht haben, zu glauben, was er will, einerlei, ob er in der Lage oder auch nur gewillt ist, eine gründliche Prüfung seiner Glaubensgrundlage, der Grundlage des Christentums überhaupt, vorzunehmen. Unter diesen Umständen ist der jubelnde Beifall jenes Teiles der Berliner liberalen Presse, deren Redakteure durchweg Atheisten sind, sehr wohl zu verstehen. Tie Herren und Damen, die dort so feierlich vom Christentum und vom Evangelium und vom religiösen Fortschritt predigen, werden von der atheistischen Preffe als Schrittmacher in ihrem Kampfe gegen den Gott es glauben angesehen, teilweise gewiß gegen ihren Willen, aber darum doch nicht ohne Berechtigung.
Der Kongreß tagt in Berlin, der Hochburg des kirchlichen Liberalismus. Die Leute, die dazu erschienen sind, sprechen in lautesten Tönen von der gewaltigen Bedeutung ihrer Richtung. Besonders die Deutschen sind sehr freigebig mit überschwenglichen Schilderungen der Bedeutung des kirchlichen Liberalismus in Deutschland. Bei dieser Tagung merkt man nichts davon Man braucht hier nicht einen Vergleich mit den Katholikentagen, der in diesem Jahre in 14 Tagen folgen wird, eintreten zu lasten. Gegenüber der erdrückenden Wucht dieser alljährlichen katholischen Glaubenskundgebungen ist dieser Weltkongreß überhaupt nicht vergleichsfähig. Berlin hat jahraus,jahrein sehr viele Kongresse, die viel mehr Eindruck machen, viel mehr Interesse auslösen, als diese „Welt'-Veranstaltung mit ihren „neuen* von der Versammlung stürmisch bejubelten Lehre, daß „Christus ein Mensch* war. Hätte diese Geistesrichtung wirklich größeren Boden, gäbe es wirklich liberale Protestanten in so großer Zahl, wie die Herren es glauben machen möchten und sich in ihren Begrüßungsreden gegenseitig vor- getragen haben, dann hätte man auf dem günstigen Boden der Reichshauptstadt sicher andere Resultate mit diesem Kongresse erzielt, als es tatsächlich der Fall ist. Daß man nicht mehr Beachtung und nicht mehr Zulauf beim Publikum findet, das zeigt, daß die Massen, die sich „kirchlich liberal* nennen, in Wirklichkeit gar nicht mehr kirchlich find, sondern längst die Religion hzz die Rumpelkammer gestellt haben, daß sie ganz und gar ungläubig find.
Zum Begrüßungsabend halten sich gegen 590 Personen eingefunden. Die Teilnehmerzahl aus den Bereinigten Staaten allein beträgt etwa 200. Sie setzen sich zusammen aus Professoren, Plärrern und anderen Mitgliedern aus 12 Kirchengemeinschasten. Ferner sind angesagt buddhistische Inder, Parsen als Bekenner der alten Lichtreligion, Japaner, Franzosen, Engländer, Skandinavier, Italiener und Niederländer. Auch die Schweiz und Oesterreich sind vertreten. Präsident des Kongresses ist für die nächsten 3 Jahre der Reichstagsabgeordnete Schrader. Hebet die Ziele des Kongresses sagte der Redner etwa folgendes • „Der Kongreß fordert religiöse Freiheit, weil Religion, d. h. die'Hingabe des Mensche:, an Gott, damit er in ihm lebendig werde und wirke, nur eine Tat der Freiheit sein kann. Dogmen und kirchliche Einrichtungen sind nur Wege zu diesem Ziel, sie stehen in zweiter Reihe und dürfen die Freiheit nicht beschränken. Frankreich habe sich mit großer Energie von den
Der Wampyr.
Roman von Fergus Hume. Autorisierte Bearbeitung 43] von C. Weßncr.
Brand setzte sich auf ein zierliches, recht zerbrechlich /ausschendcs Sofa und betrachtete verächtlich die ! luxuriöse Einrichtung des stark parfümierten Raumes. Ms er damit seine eigenen Zimmer verglich, die im i einfachen, ernsten Stil eingerichtet waren, wie es sich 'für einen Mann schickte, stieg eine heiße Verachtung gegen Schau in ihm auf.
J Zehn Minuten später trat Schau in einem äußerst eleganten Morgenanzug ein.
'■ „Guten Morgen*, begann et, indem er sich in einen bequemen Sessel gleiten ließ. „Welcher günstige Wind Hal denn Sie zu mir getrieben?"
„Halten Sie es für einen günftigen Wind?* fragte Brand verächtlich, während er seinen Stock neben sich ilegte.
i „Ich weiß nicht', antwortete Schau, sich in die )Höhe richtend, als er den drohenden Ton in der Stimme seines Besuchers vernahm, der ihn warnte, lauf feiner Hut zu sein.
! „Ich wünsche zu wissen, Herr Oskar Schau, tote Sie es wagen konnten, die Dreistigkeit zu haben, mich im Monat Juki vermittels Ihrer Verwandln« gskunst zu personifizieren!"
Schau fuhr jäh von seinem Stuhl in die Höhe und sank kraftlos in denselben wieder zurück] Dann warf er einen furchtsamen Blick nach der Tür; aber eine nicht mißzuverstehende Bewegung, die Brand mH seinem Stock machte, ließ ihn feinen Entschluß ändern. Nicht daß Herbert die Absicht gehabt hätte, eine fo armselige Kreatur zu schlagen, aber er war fest ent» schlossen, ihn in Angst zu jagen, damit er bekennen ffollte. Schau sah, daß er in einer Falle saß und suchte Jdne ganze Selbstbeherrschung zusammenzunehmen. Bleich, aber gefaßt, antwortete er auf Brands Fragen. >. »Sie müssen sich irren, mein lieber Freund —' M „Ich bin nicht Ihr lieber Freund, verstanden?' Krauste Herbert auf. .Und ich irre mich nicht! Sie
haben eine Jntrigue gegen mich angezettelt, Herr Schau, und ich bin fest entschlossen, die Wahrheit von Ihnen zu erzwingen. Also machen Sie keine Ausflüchte, sondern reden Sie!*
„Ich protestiere gegen diesen Ueberfall! *
„Protestterm Sie, soviel Sie wollen! Jetzt spre- chm Siek*
„Ich werde meinem Diener befehlen, Sie hinaus- zutoerfm!*
„Ein Dutzmd Diener bringen mich nicht aus diesem Zimmer! Und", fügte Brand hinzu, Schau's elegante Figur voll Verachtung meffmd, „ich glaube nicht, daß Sie eS können."
Schau zuckte zusammen. „Ich werde die Polizei Herbeiholm lassen", sagte er und erhob sich halb.
Jetzt lehnte sich Brand mit verschränkten Annen in seinm Stuhl zurück und lachte aus vollem Halse. „Tun Sie das nur! Vielleicht brauche ich die Polizei selbm, um Sie verhaft m zu laffm!"
hxtr ber junge Mann gründlich eingeschüch-
®r erkmmie, daß Brand mehr wußte, als er gegiaubt. ^Mich verhaften?* rief er mit bebenden Ltppm. „Weshalb, Herr Brand?«
„Sie Ölender! Sie wissm es nur zu gut! Was für einen Zweck Hai es, daß Sie den Unschuldigm ftnelm, da ich doch genau weiß, daß Sie mich personi- sizierten, um in Kirby s Büro zu gehen und ihn zu ermorden? Ich weiß, weshalb Sie mH Drake ftira» £n: Sw wollt« in ihm den Glauben erwecken, ich sn der Mann! Sie find ein Lügner - ein Feigling — em Berd rech er!
»Sie — Sie —' stammelte Schau mH schwacher Stimme, „eS ist — eine Lüge!"
»Es ist keine Lügei Bruno Krafft tarn beschwören, daß Sie sich als meinen Doppelgänger verkleidet hatten. Jawohl, blonder Schnurrbart, blondes Haar und alles andere, sogar das Heine Mcck an meiner Schläfe, das Sie täuschmd mit Heftpflaster nachahm- tm!'
„Krafft tert sich!' ächzte Schau.
„Er irrt fich nicht! Er hat Sie gesehen und er ist willens, zu beschwörm, was er sah. Legm Sie lieber ein unumwundmes Geständnis ab. Herr Schau!'
„Ich — ich — habe — Kirby nicht ermordet!'
„Doch, Sie taten es! Der Türkismschlüfsel ist Beweis dafür."
„Ich habe dm Schlüffe! nicht besessen. Frau Kirby gab Ihnen denselben.*
„Sie können leugnen, bis Sie schwarz im Gesicht sind, das macht nicht den geringsten Unterschied. Sie find entlarvt — Sie Mörder!«
„Rein, nein, ich bin kein Mörder!« entgegnete Schau, dessen Stimme allmählich in Schreien überging. „Um Gotteswillen, Brand — ich schwöre Ihnen, ich habe Kirby nicht getötet!«
„Sie taten es! Frau Kirby gab Ihnen den Schlüssel!«
„Sie tat es nicht, wirklich nicht. Fragen Sie sie doch selbst.«
Er sprach so ernst und feierlich, daß Brand ihm glaubte. Sofort änderte er nun seine Taktik und suchte Schau zu verblüffen. „Ich weiß, sie tat es nicht!« höhnte Brand. „Glauben Sie, ich würde Sie fragen, ob sie es tat? O nein, ich bin mit kräftigen Beweisen für Ihre Schuld hierhergekommm. Sie haben dm Schlüffe! in Frau Kirby's Wohnzimmer an fich genommen. Es Hai keinen Zweck, daß Sie leugnen, denn Sim Vogel hat gesehen, wie Sie den Schlüffe! einstecktm."
„Sim? Ho! der Teufe! diesen Steil! Er ist mir bei jeder Gelegmheit in die Quere gekommen.«
„Das stimmt!" versetzte Brand ttiumphiermd, als er sch, daß der Pfeil saß. „Wäre Sim nicht, so würde ich nicht in der Lage gewefm sein, mein Alibi nachzuweisen. O, der Plan war zwischen Jhnm und Frau Kirby sehr schlau eingefädelt. Sie habm zu- sammm den Mord vollführt."
Es ist nicht wahr. Sie ist unschuldig wie ein Kind."
„Und Sie?"
„Ich auch.* Schau sprang auf und streckte die Arme mit theatralischer Geberde gen Himmel. Aber trotz alledem war es ihm emft. „Ich will in diesem Augenblick tot hinfinkm, wenn ich Kirby getötet habe. Ich kann meine Unschuld beweism.'
„Es soll mich freuen, Ihre Beweise kennen zu lernen*, bemerkte Brand.
„Ich werde Ihnen nichts sagen, garnichtS*, kreischte Schau auf. „Verlassen Sie meine Wohnung!"
Herbert Brand reckte sich zu seiner vollen Höhe empor und schim immer größer und größer zu werden, sodaß es den erschrockcnenSchau dünkte, als wüchse er ins Unendliche. Mit einem einzigen Satze stand er dann vor der zusammenknickenden Gestalt des weibischen Menschen und packte ihn bei der Schulter. ,,©ie werden alles gestehen!« sagte er in gebieterischem Tone, ihn heftig schüttelnd. „Geben Sie sich keine Mühe, mich zum Narren zu haben. Bilden Sie sich wirklich ein, ich laffe es mir ruhig gefallen, daß Sie mich personifizieren und mein Leben in Todesgefahr bringen, ohne mir Genugtuung zu verschaffen? Ich bringe Sie an den Galgen, wenn es nur irgend möglich ist!"
Mit einem Entsetzensschrei riß sich der Schauspieler los und flüchtete ans Fmster. „Ich stürze mich hinunter!" drohte er.
Herbert rührte sich nicht. „Tun Sie es doch", sagte er faltblütig. „Dadurch ersparen Sie dem Henker wenigstens die Mühe."
Der Unglückliche schloß das Fenster und Warf sich krampfhaft schluchzend zu Boden.
„O mein Gott, mein Gott", jammerte er, „ich bin der unglücklichste Mann von der Welt."
„Sie sind ja überhaupt kein Mann, nur ein jammervolles, wimmerndes Geschöpf, das im Jntereffr der gesamten Mmschheit, zu deren Schande es herum- läuft, aus der Welt geschafft werden müßte. Stehen Sie auf und bekennen Sie die Wahrheit. Diese Komödie macht auf mich keinen Eindruck."
Schau stand langsam auf und sank in einen Sessel. „Sie find enffetzlich brutal!' rief er.
„Erwarten Sie vielleicht LiebenstvürdigkeH für das, was Sie mir getan? Wenn Sie noch ein Funken von Männlichkeit in sich spüren, so nehmen Sie sich zusammen."
(Fortsetzung folgt)