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Hotationrdruäund Verlag der Fuldaer Al- tienbruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

37. Jahrqanfl

Hulda, Dienstaa den 2. August 1910

Erstes Blatt

174.

Nachdem der Kampf sechs Wochen gedauert hatte, versuchte das Reichsamt des Innern zum zweiten Male eine Vermittlung Herbeizuführen. Am 27. Mai trat man im Sitzungssaal des Reichstagsge­bäudes zu Verhandlungen zusammen, aber auch nach dieser zweiten Aussprache kamen sich die Parteien nicht näher. Wenigstens aber schritt man nochmals zur Feststellung der strittigen Punkte, und hierzu kamen die Verhandlungsleiter am 30. Mai mit einer Kommission von je vier Beisitzern der Arbeitgeber und der Arbeit­nehmer zusammen. Aus Grund dieses Ergebnisses ar­beiteten die Unparteiischen positive Vorschläge aus, die eingehend begründet wurden. Diese Eini­gungsvorschläge, auf die toti gleich noch zurückkommen, wurden am 6. Juni von den Arbeitgebern in Leipzig, von den Arbeitnehmem in Berlin angenommen. Der eigentliche Kampf fand auf Grund dieser Vereiubarun- gen nach neunwöchtger Dauer am 16. Juni sein Ende, wenn auch die örtlichen Verhandlungen sich noch über eine Reihe von Wochen hinzogen. Das Baugewerbe hat nun während der Vertragsdauer, also bis 31. März 1913 Frieden.

Blicken wir nun zurück auf das Ergebnis des Streikes an der Hand jener vier eingangs erwähnten Streitpunkte:

Der zentrale Abschluß der Tarifbeträge, wie ihn die Arbeitgeber verlangten, wurde glatt abgelehnt. Die Begründung zu den Einigungsvorschlägen erkennt zwar an. daß auch im Baugewerbe die Entwicklung vom Firmentarif zum Ortstarif, vom Ortstarif zum Gebietstarif fortgeschritten sei, daß aber bte Verhält­nisse im Baugewerbe für einen Zentralvertrag noch nicht reif seien. Hinsichtlich der Staffellöhne blieb alles beim alten, nur mit der Maßgabe, daß in einem Berufe, wo Staffellöbne bestehen, die Zahl der Staffeln nicht erhöht werden dürfe, und daß in einem Orte, in dem für einen Beruf, für den bisher kein Vertrag bestand, in gleicher Zeit eingeführt werden dürfen. Die Akkordarbeit wurde einfach beibehalten als „alt­hergebrachte Arbeitsreform, deren vollständige Ab­schaffung vielfach nicht einmal den Wünschen der Ar­beiter entsprechen würdet Hebet den Arbeisnach- weis schwieg man sich aus, d. b. es blieb alles beim alten, der Arbeitgebernachweis blieb seitens der Arbeit­nehmer abgelehnt. Es kamen dann noch zwei Punkte hinzu, die zehnstündige Arbeitszeit, die als Maximalzeit festgesetzt wurde, und deren Herabsetzung dort zulässig sein sollte, wo besonders schwierige Ver­hältnisse, namentlich in Wohnung?- und Berkehrs­angelegenheiten vorlägen. Ferner die Lohn trage, die dahin geregelt wurde, daß die gegenwärtigen larts- lichen Löhne allgemein um 5 Pfg. erhöht werden sollten Endlich wurden zur Schlichtung von Streitigkeiten noch örtliche Schlichtungskommissionen und ein Zenlral- schiedsgericht vorgesehen, das aus 6 Vertretern der Zentralorganisation und 3 Unparteiischei. bestehen sollte

Auf Grmtd dieser Vereinbarungen wurden dann, wie vorerwähnt, die örtlichen Festsetzungen vorgenommen, auf deren Verlauf wir nicht weiter ein­zugehen brauchen.

So der Inhalt der amtlichen Darstellung über die äußere Geschichte dieser Arbeiterbewegung. Die in­nere Geschichte ist leider nicht berücksichtigt. Wir er­fahren nichts über die tiefen Wunden, die jene Aussperrung den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern geschlagen hat, wir erfahren nichts und können an jener Stelle der Natur der Sache nach auch nicht gut etwas erfahren über die Zahl und die wirtschaftliche Qualität der Existenzen, die unter den Arbeitgebern in jenem neunwöchigen Kampfe zugrunde ge­richtet oder wenigstens schwer geschädigt sind; wir erfahren auch nichts über die harten Ver­luste' der Arbeitnehmerorganisation und dem Elend, das die lange Arbettsmhe über ungezählte Tausende von Arbeiterfamilien gebracht hat. So viel aber wiffen wir alle, daß jene Wunden hüben und drü­ben zahlreich, tief und schmerzlich gewesen sind, und da wird man fragen dürfen, war jener Streik wirklich nötig, konnte auch nur eine der beiden Parteien am Schluß sagen, daß sie eine ihrer Lebens­bedingungen nur auf diesem Wege zu retten vermocht hätte, daß die Notwendigkeit ihr den Kampf aufge-

X T>ie Lehren eines Streiks.

Baiiorbetteraussperrung in dtefem ^agre. Es verlohnt sich, bei der Bedeutung jenes A^Sen sozialen Kampfes an der H^ddeszuv-r°,,tgen Materials seinen Verlauf nochmals zu uvervuaen. wer chntliche Bericht ist recht ausführlich mochten uns in Zusammenfaflung der Hauptdaten möglichster Kurze befleißigen. _ ,,

Die Verhandlungen über einen neuen Tarif batten im November 1909 begonnen, wobei die Ar- beitgeber ein neues Vertragsmuster vorlegten, das ge­genüber dem Vertrage von 1908 eine Reihe grundsätz­licher Aendenmgen aufwies. Als Ausgangspunkte des Kampfes stellten sich dabei vier Hauptforde­rungen der Arbeitgeber heraus. 1. Zentraler Ab­schluß der Tarifverträge. 2. Zulässigkeit von Einheits- Staffel- oder Durchschnütslöhnen. 3. Sicherung der Akkordarbeit, 4. Anerkennung des Arbeitgebemachwei- fes.

Zur Begründung des ersten Punktes führten die Arbeitgeber an, daß ein z ent ral er Tar if absch luß eine größere Gewähr für die Aufrechterhaltung der Bestimmungen der Tarife biete, während die Arbeit­nehmer betonten, daß der zentrale Abschluß es mehr und mehr unmöglich mache, die verschiedenartigen Jn- teresien der einzelnen Landesteile genügend zu berück­sichtigen. Bezüglich der Zulässigkeit der Durch­schnitts- und Stasfellöhne äußerten sich die Arbeitgeber dahin, daß ihnen nur auf diese Weise die Möglichkeit gegeben werden könne, die einzelnen Ar­beiter je nach ihren Leistungen zu bezahlen, während die Vertreter der Arbeiter einwendeten, daß durch ein solches Lohnst em die Arbeiter der Willkür der Arbeit­geber preisgegeben würden. Gegen die Akkord- arb eit erhoben dir Arbeitnehmer den bekannten Ein­wand, daß die Akkordarbeit eine Erhöhung der Gefahr für Leben und Gesundheit der Arbeiter bedeute. Zu dem vierten Punkte endlich, dem Arbeitgeber­nachweis, bemerkten die Unternehmer, daß sie als die Vergeber der Arbeit auch das Recht haben müßten, sich die Arbeitskräfte auszusuchen, die sie einstellen wollten. Die Arbeitervertreter dagegen meinten,, diese einseitigen Arbeitgebernachweise sollten hauptsächlich den Zweck haben, die Arbeiter zu kontrollieren und unliebsame Elemente fernzuhalten, um dadurch die Macht der Arbeitgeberverbände zu stärken.

Eine E i n i gu n g k a m n i ch t z u st a n d e, und die Geltung der Verträge wurde, um Zeit zu gewin­nen, bis zum 14. April einschließlich verlängert. Fast in letzter Stunde griff dann das R e i ch s a m t des Innern ein, aber die am 8. April unter dem Vorsitz des geheimen Regierungsrats Dr. Wiedfeldt im Reichs­tag zasammentretende Besprechung der beiden streiten­den Parteien führte zu einem Ergebnis nicht, da die Arbeitgeber sich durchaus ablehnend verhiel­ten. Unmittelbar nach dieser Besprechung trat dann au cf) der Vorstand des deutschen Arbeitgeberbundes für das Baugewerbe zu einer Sitzung zusammen, in welcher der Beschluß gefaßt wurde, alle Geschäfte am 15. April zu schließen.

Hier setzt nun die erste besondere Merkwürdigkeit dieser Aussperrung ein! Es blieben nämlich daran unbeteiligt die beiden Hauptorte Berlin und Hamburg mit ihrer Umgebung, wo Arbeitgeber und Arbeitneh­mer klug genug waren, sich rechtzeitig zu verständigen, um es den Lokalgrößen in der Provinz zu überlaffen, sich die Köpfe blutig zu schlagen. Bemerkt fei ferner, daß der Verein deutscher Arbeitgeberverbände sich mit den Arbeitgebern im Baugewerbe s ol i d a r i s ch er­klärte, und daß auch Die Materialienhändler die Unter­nehmer dadurch unterstützten, daß sie den schwan­kenden Mitgliedern keine Materialien (Holz, Steine, Eisen, Kalk und Zement lieferten.

Wie aroß die Z a h l d e r A u s g e s p e r r t e n ge­wesen ift' steht nicht unbedingt fest, es werden am 15. Mai rund 200 000 Bauarbeiter gewesen sein, die von der Aussperrung ergriffen waren.

sähen doch selber ein, daß sie sich und der Hand- werkersache durch ihre Stellungnahme einen sehr schlechten Dienst erweisen. Wenn ein Lehrling unter Leitung eines Fachmannes in einer Fabrik in seinem Handwerk ausgebildet ist, dann ist er eben ausge- bildelt, und die Zurückweisung von der Prüfung ober deren finanzielle Erschwerung wird ihn sicher nicht abhalten, fein Handwerk auszuuben. Wohl aber wird er, wenn er dabei Schwierigkeiten findet, ein entschlossener Gegner des Handwerkes werden.

* Tas erste „feldgraue* Regiment. Das am 1. Oktober ds. Js. neu zu errichtende sächsische Husarenregiment 9ir. 20 erhält dauernd und allem für alle Friedens-, also auch Paradezwecke, die feld­graue Uniform. Die neue Uniform besteht aus einer feldgrauen Attila mit dunkelgrüner Ver- fchnürung und feldgrauer Reithose. Bandolier, Säbeltasche, sowie alle glänzenden Beschläge am Sattel- und Zaumzeuge sind weggefallen. Du Uniform sieht trotz ihrer Einfachheit sehr kleidsam und flott aus und hat dabei den Vorteil wesent­licher Billigkeit im Vergleich mit den bisherigen Hnsarenuniformen. So soll u. a. Die Oifiziers- equipierung des neuen Regiments sich um etwa 1000 Mark niedriger stellen.

* Gegen die „Pfaffenfreßsucht» der libe­ralen Presse richtet sich ein Artikel im neuerer. Heft der „Zukunft" (Nr. 44) von Maximilian Harden. Anknüpfend an den bekannten „Fall Hofinger" in Bamberg stellt Herr Harden fest, daß das Leben des Herrn Hofinger fleckenlos sei, und daß er in der Schule nie ein keusch en Ohren unleidliches Work gesprochen habe. Ader die günstige Gelegenheit habe nicht versäi.ml werden dürfen, um über „diese Pfaffen" heozu? fallen. Dazu bemerkt Harden:

Wollen wir aber heute noch leugnen, daß bu Kultur den Päpsten und ihrer Klerisei Un ersetzt ches verdankt? Noch tun, als seien die Mönche, deren mancher an ein Gemälde, eine Abschrift, das Schnitz- werk einer Orgel ein langes Zellenleben wandte, Tage­diebe gewesen? Als sei der Zölibat, die Erfindung feinster Psychologie, eitel Lüge und Heuchelei? Du Beichte ein Vorwand zur Stiftung lüsterner Gier? Jeder Jesuit ein Schleicher und Wicht? Roms Priester­schaft, weil von Tausenden da und dort Einer in schwerem Erleben gestrauchelt ist, nur des Spottes oder des Haffes wert? Ist das die „edle Entwickelung, in der wir Protestanten voranschreilen" ? Widriger Zank ist's; furchtloses Mühen, das uns nicht um Fußbreite vorwärts bringt. Das schwarze Heer kämpft, ohne nach Gelderwerb und trägem Behagen zu gieren, aus seine besondere Weise doch für das 'Heil der Nächsten und Fernsten. Auch wer den Römerglauben nicht mit- glaubt, dürste ihm nicht Achtung versagen. Lasset drum die Pfasfenfreßsucht aus dem Spiel.

Harde» erinnert dann an die Interpellation des Abg. Müller-Meiningen im bayerischen Landtage und an die Bemerkung des Kultus­ministers: „Herr Dr. Müller hat eigentlich keinen rechten Grund, die Sache zu beanstanden; mit seinen Part eigenoffen ist er ja für die weit­gehendste sexuelle Aufklärung."

Auf diese witzige und wirksame Abwehr — so fährt Harden fort — kam die Antwort (von Müller): „Ich lehne es namens meiner politischen Freunde mit aller Schärfe ab, uns für die ekelhafte Phantasie eines solchen sogenannten Religionslehrers verantwortlich machen zu lassen. Das ist keine sexuelle Aufklärung, Das ift einfach eine sexuelle Beschmutzung des jung­fräulichen Gemütes." Wer so redet, ist heute in Deutsch­land lauten Beifalls sicher. Wenn Hr. Müller über die „Phantasie" des Pfarrers etwas wußte, hatte er die Anstandspflicht, es zu sagen; wenn er nichts weiß und den wehrlosen Mann dennoch im Panzer des un­antastbaren Abgeordneten, verdächtigt, ist er ein Mensch, dem Anstand und Pflichtgefühl fehlt.

Was nützen die schlagendsten Gründe der liberalen Presse gegenüber, auch wenn sie aus liberalem Munde kommen! Die „Pfaffensreßsucht", wie Harden sich etwas derbe ausdrückt, liegt dem

zwangen habe? Man wirb biese Fragen vollständig verneinen muffen. „ ,

Alles in allem, die Aussperrung im Baugewerbe von 1910 bedeutet kein Ruhmesblatt in der Geschichte unserer sozialen Bewegung. Wir glauben nicht, daß - B in England eine so unnütze und unnötige, chwere Schädigung des Erwerbsleben? möglich ge­wesen wäre._________ __

Deutsches Reich.

* Berlin, 1. August 1910. Der Kaiser wohnte in Swimmünde heute einem Besichtigung^ schießen des Fußartillerieregiments bei. Nach der Rückkehr an Bord der „Hohenzollern" emfinq der Kaiser den Reichskanzler. Dieser sowie der dort eingetroffene Staatssekretär von Kiderlen-Wächter haben auf der „Hohenzollern Wohnung genommen. Nachmittags unternahm der Kaiser mit sämtlichen an Bord befindlichen Herren eine Ausfahrt in Automobilen. Jui ersten Automobil hatten mit dem Kaiser Platz genommen der Reichskanzler und Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter. — Majoratsbesitzer Gras Friedrich Strachwitz auf Schrebsdorf ist von dem alten und gefestigten Grundbesitze des Fürstentums Münsterderg und der Grafschaft Glatz für das Herrenhaus präfentiert worden.

4- General v. Spitz f. Am Sonntag abend starb in Berlin der General der Infanterie z. D. v. Spitz. Er war am 1. November 1832 in Bonn und bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienste im Jahre 1896 länger als zwei Jahrzehnte im Kriegsministerium tätig gewesen und war Vorsitzender der drei über 2 Millionen alter Krieger und Soldaten in sich vereinenden Körperschaften: Kyffhäuser - Bund der deutfchen Landes - Kriegerverbände, Deutscher Kriegerbund und Preußischer Landes-Kriegerverband.

)( Das persönliche Werbefystem, mit dem seiner- zeit der „Portemonnaie-Verein", der Handelsver- lragsvcrern, Einfluß in allen möglichen Schichten zu gewinnen suchte, wird jetzt auch vom Hansa- bunde beliebt. Anscheinend hat seine bisherige Agitation noch nicht den gewünschten Erfolgt gehabt, denn er hat dem Zentralausschuß der vereinigten Jnniingsverbände Deutschlands die Summe von 15 000 Mark zur Verfügung gestellt, „damit streb- samen jungen Handwerksmeistern, Werkmeistern ufro. Gelegenheit gegeben wird, die Weltausstellung m Brüssel zu besuchen". — Mit einer solchen Ver- anstaltupg erhält man eine Reihe von Adressen von Leuten in die Hand, die man immer wieder vor­schicken tarnt, wenn es gilt, in die so sehr berech­tigte Gegnerschaft der Handwerker ufro. gegen den kapitalistischen Hanfabmid Bresche zu legen. Ter Portemonnaie-Verein hat einen Teil dieser Leute sogar als „Rc-. i" usw. au gestellt. Später sind diese „Redner" dann in Stellungen bei Banken ufro. gelandet, wo sie — nichts verderben konnten. Viel­leicht wird's diesmal ähnlich.

)( Handwerkslehrlinge aus Großbetrieben. Die Frage, ob die Handwerkskammern gezwungen sind, Hand werkslehrlinge, die in Großbetrieben ausge­bildet worden find, zur Lehrlingsprüfung zuzulassen, ist zweifelhaft. Auch ist es streitig, ob die Hand­werkskammern berechtigt sind, von solchen Prüf­lingen, wenn sie sie zulasten, eine erhöhte Prüfungs­gebühr zu zahlen. Gegenüber der ablehnenden Haltung verschiedener Handwerkskammern hat der preußische Minister des Jnnein schon 1905 seine Bereitwilligkeit ausgesprochen, sür solche Prüflinge besondere Prüsungsbehörden zu errichten. Jetzt hat die Handelskammer Altena in Westfalen eine Ein­gabe an den Deutschen Handelstag gerichtet, worin der deutsche Handelslag um Stellungnahme ersucht wird. — Mau sollte meinen, die Handwerkskammern

4)er Wcrmppr.

Roman von Fergus Hume. Autorisierte Bearbeitung 38] von C. Wexncr.

„Nach jener erregten Szene, die ich mit ihrem Mmin hatte, ließ Frau Kirby mich wiffen, sie wolle das an mir begangene Unrecht wieder gut machen. Sie stellte mir denn auch alles, was ich durch Kirby's Falschspiel verloren hatte, wieder zurück. Ich machte sie nun daraus aufmerksam, baß unserm Zusammen- kommen dock, kein Unrecht zugrunde liege und e? viel bester gewesen wäre, wenn sic mich bei Tage und nicht zu so später Stunde empfangen hätte. Aber ge­rade der Umstand, daß sie diese späte Stunde wählte und baß sie ihre gesamte Dienerschaft fortgeschickt hatte, machte mich mißtrauisch. Warum wünschte sie durchaus, so spät mit mit zusammen zu sein? kann mir nur denken, daß sie von dem beabfichtigten Morde wußte."

Eine lange Weile herrschte Stillschweigen zwischen den jungen Leuten, dann meinte Olga:

„Du magst recht haben, denn als ich sie am nach- fftn Morgen aufsuchte, sah sie sehr bleich aus und leptr eine auffallende Unruhe an den Tag, indem sie wiederholt ans Fenster lief, wie wenn sie jemanben erwarte. Damals dachte ich freilich nur, sie sei sehr nervös."

„Nervös wird sie schon gewesen sein", bemerkte Herbert grimmig. „Du kannst Dich darauf verlosten, sie erwartete Nachricht vom Tode ihres Gatten. Das ge­nügt vöch, einen Menschen nervös zu machen."

--Aber welchen Grund könnte sie gehabt haben, sich ihres Mannes auf eine so furchtbare Weise zu ent­ledigen?"

? „Soviel ich weiß, haben die beiden, Kirbtz und seine Frau, die letzte Zeit wie Hund und Katze ge­lebt. Kirby wußte ganz genau, daß seine Frau ihn stur seines Geldes wegen geheiratet hatte und sie war

Zeiten so unliebenswürdig gegen ihn, daß es zu sehr heftigen Szenen zwischen ihnen gekommen ist. Meiner Ansicht nach ging Kirby sogar mit dr^ »sicht

um, sich von ihr scheiden zu lasten . Sie hatte mir . ,>ec zu Verschiedenenmalen geschrieben und um refrac1 den icb natürlich nicht vorenthielt. Kirby hat sich manchmal schmachvoll gegen seine Frau benommen. Am Tage vor dem Morde bat sie mich dann, ihr alle Briefe zurückzugeben, da sie versuchen wollte, ihren Gatten zu versöhnen. Er schien jedoch von einer Versöhnung nichts wiffen zu wollen, wie mir schien. Vielleicht fürchtete sie, die Briefe konnten ihr eines TagÄ Unannehmlichkeiten bereiten. Ich hatte diese Briefe zu mir gesteckt, als ich sie an jenem Abend aufsuchte und übergab sie ihr."

„Hast Du ihr auch geschrieben, Herbett?"

„Ein paarmal, aber es waren nur flüchtige Zeilen. Ich bin kein Freund von Privaffchreibereien — am allerwenigsten hatte ich einen Grund, einen Briefwech­sel mit einer Lena Kirby anzufangen. Wenn ich mir aber die Sache recht überlege, so scheint sie gerade das gewünscht zu haben, denn sie war maßlos eitel, sie wollte verehrt, angebetet, angeschwärmt sein."

„Ja, sie ist gräßlich eitel. Doch sprechen wir nicht mehr von ihr, Herbett."

„Ab und zu werde ich ihrer wohl noch erwähnen müssen, Olga. Was Kirby betrifft, so scheint er auch auf mich — wie er es übrigens auf alle Herren war, die in seinem Hause verkehtten,obgleich er sie durch seine eigene Frau anlocken ließ — eifersüchtig gewesen zu fein Demi er über schüttete mich an jenen Abend mit Beleidigungen, die ich mir natürlich nicht gefal­len ließ. Ich verließ das Zimmer, er lief mir nach und schimpfte weiter. Er schien zuviel Wein getrunken zu habe». Doch das weißt Du ja alles."

„Ich begreife nur nicht. Warum sie gerade zu dieser späten Stunde mit Dir sprechen wollte und warum sie die Dienstboten entfernte. Es ist doch kaum anzu­nehmen, daß sie in bet kurzen Zeit, nachdem Ujr Mann sie beilaffen und bis Du kamst, jemanden gedungen haben soll, ihren Gatten zu ermorden. Mir scheint, als handle es sich hier um irgend ein Koinplot gegen Euch beide. Da ist zum Beispiel jene Dame, die beim „»lauen Hecht" Vorfahrt und dott wartet und zwar so verkleidet, daß sie für Lena gehalten werden muß; da ist ferner jener Herr, der sich ko verkleidete, daß er

Dir glich. Es ist kein Zweifel, daß irgendwelche Leute einen Haß auf Lena sowohl wie auf Dich haben müs­sen und diesen Plan ersannen, um Dich und Frau Kirby des Mordes zu beschuldigen. Wäre Sim an jenem Abend nicht zu Hause geblieben, dann wäre ihnen der Plan auch geglückt."

„Ich begreife nur nicht, wer einen solchen Haß auf uns haben könnte? Ich wüßte wirllich nieman­den."

„Vielleicht weiß sie es. Warum fragst Du sie nicht?"

„Nein, Olga, ich will dieses Weib nicht wieder- ehen!"

Olga lächelte.

„Nun, ich wünsche auch nicht, daß Tu je wieder mit ihr zusammentriffst", sagte sie. „Das beste ist, Du suchst die ganze Sache aus Deinem Kopf zu ver­bannen. Deine Schuldlosigkeit ift auf Grund von Tat­sachen erwiesen, au denen niemand mehr rütteln und rühren kann. Laß uns die Vergangenheit vergessen und nur für einander leben."

„Du hast recht, mein Lieb. Ich toiH nicht mehr darüber sprechen."

17. Kapitel.

Fritzi Lambert war berlieftt. Bisher hatte sie die Männer verabscheut, war unbarmherzig gewesen ge­gen beten Fehler und Mängel und hatte ganz ent­schieden in Abrede gestellt, daß manche auch Tugenden besäßen. Zur Sttafe dafür hatte sie nun Bruno Krafft lieben gelernt.

Ihre Bekanntschaft hatte infolge einer geschäftli­chen Angelegenheit stattgefunben. Bruno Krafft war mit bet Idee umgegangen, ein Schauspieler-Ensemble zu gründen. Dazu suchte er ein Stück, um sein per­sönliches Talent zeigen zu können. Ftttzi hätte das und glaubte seine Wünsche erfüllen zu können. Sie hoffte dadurch Geld zu verdienen — vielleicht sogar ein Vermögen zu erringen — aber sie ließ sich nicht träumen, daß sie einen Mann gewinnen werde. Durch einen jener stttsamen Zufälle, wie sie ost im mensch­lichen Leben stattfinden. kam sie in Berührung mit

dem Mann, der so recht zu ihr paßte. Sie mochte ihn auf den ersten Blick gut leiden; unter dem Einfluß seiner liebenswürdigen Persönlichkeit vertiefte sich die- fes Gefühl bald in Liebe und zu ihrem Erstauuen ent­deckte sie später, daß diese Liebe erwidert wurde. Eine zufällige Bemerkung brachte Kraffts Geständnis hervor und er bat sie, seine Frau zu werden. Fritzi nahm den Eintrag an.

Daß Ftttzi den Reizen des jungen, stattlichen Man­nes zum Opfer gefallen, war nick» zu verwundern, denn er war hübsch und Bug und besaß ein Wesen, das ihn sehr beliebt machte. Seine Gefühle für Fritzi wa­ren dagegen nicht so leicht erklärt. Fritzi toar, weder mit Schönheit noch Grazie gesegnet; jie besaß nicht einmal die Gabe, diese Mängel dadurch zu verbergen, daß sie sich geschmackvoll Beidete. Sie war brüsk, auf­richtig und ehrlich und hittt mit ihrer-Meinung nie­mals hinter dem Berge; aber sie besaß ein gutes Herz, eine freundliche Gesinnung und einen klugen Kopf. Ihr kluger Sinn und ihre praktische Art in ge- schäftl'chcn Dingen erwiesen sich als ein vorzüMhes Gleichgewicht für sein etwas seitriges Temperament Je näher et Fräulein Lambert kennen lernte, desto lie­ber gewann er sie; und diejenigen, welche dieser Ve^ bindung kein gutes Ende voraussagten, irrten sich gründlich. Bruno Krafft wußte ganz genau, wann er einen guten Menfch vor sich hatte und wann rncht, und nachdem er einmal zu der Ueberzeugung gelangt war, daß Ftttzi die Pette ihres Geschlechts sei, sah er auch keinen Grund, seine Meinung zu ändern.

Ihr Braufftand war ein seltsames Gemisch von Geschäft und Vergnügen. So verliebt Fritzi in ihren Bruno auch war, dachte sie doch garnicht Mr an, die Zeit mit Tändeln und Kosen zu verschwenden.^ Das Stück mußte geschrieben, ein Theater und eine Schau­spieler-Gesellschaft gesucht werden.

Strafft hatte bereits einen Mären gefunden, der die Geldmittel für das neue Unternehmen hergab uni Fräulein Lambert war fest entschlossen, auf_ einen günstigen Erfolg hinzuwirken. Sie arbeitete überaus emsig und stectte Krafft mit ihrem Fleiße an.

(Fortsetzung folnti