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Lar» Schütter

37. Jahrqanq

Fulda, Montaa den 1. August 1910

173.

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Hetze geyen die „Schwarzblauen" einstellen müssen, und zwertenS, daß alle Parteien, denen das Staats­wohl und der innere Frieden am Herzen liegt, sich verständigen müssen zur gemeinsamen Abwehr der sozialdemokratischen Hochflut.

* Berlin, 31. Juli 1910. Der Kronprinz und die Kronprinzessin des Deutschen Reiches sind zu dreiwöchigem Jagdaufenthalt in Hopfreben im Bregenzer Wald eingeiroffen. — Der,Reichsanzck bringt offiziell die Ernennung des Wirkl. Geheimen Rats v. Kiderlen-Wächter zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. — Der Landwirtschafts­minister Frhr. v. S chorlemer hat am Samstag

X Konservative Rüstungen für den Wahlkampf. Die Konservativen find durch den überraschenden Ausgang der Reichstagsersatzwahl in Lyck-Oletzks gründlich aufgescheucht worden. Sie haben dort jetzt die „Lyker Zeitung' aufgekauft. — Wenn die Konservativen für ihre Preffe künftig etwas mehr tun, leisten sie damit nur einem Gebote der Ver­nunft Folge. Sie haben auf diesem Gebiete unge­heuer viele Fehler gemacht, die wieder gut zu machen erheblich« Anstrengungen und große Biittel erfordern werden.

— Der Stadtpfarrer von Donaueschingen Dk. Feurstei», der vor 14 Tagen durch seine Kritik der Borromäus-Enzyklika in der .antiklerikalen' Preffe Furore gemacht hatte, tritt jetzt den Rückzug an. Er veröffentlicht im ,Bad. Beobachteri eine Er­klärung, in der er sagt:

.Wohlmeinende Freunde sagen mir, daß der Aus­druck .tadelnswert', von der Enzyklika gebraucht, nicht mit den Gefühlen der Ehrfurcht vereinbar sei, die ein Priester seiner obersten Behörde zu zollen habe. Ich sehe das ein, nehme den Ausdruck mit Bedauern zurück und bedaure auch, wenn ich dadurch die Empfindungen des letzten meiner Glaubensgenossen auch nur einen Augenblick gekränkt habe. Ich schäme mich ferner auf­richtig, in der ersten Abwehr persönlicher Verdäch- tigungen meine 11 Priesterjahre, Jahre eines werden­den Menschen, die im Gesamtbilde der Menschheits­entwicklung ein Nichts bedeuten, in die Wagschale ge­worfen zu haben. Ich stehe auch keinen Augenblick an, falls mein Gewährsmann, führender katholischer Aka­demiker Badens mit römischen Beziehungen, sich nicht entschließen sollte, mit seiner Zeugenschast hervorzutreten, den ersten Punkt meiner Behauptungen in Sachen der spanischen Monsignori für die Oeffentlichkeit preiszu­geben.' Im übrigen betont F., daß ein kirchlicher Würdenträger ebenfalls die Faffung der Enzyklika und den mangelnden Einstuß der deutschen Katholiken bei der Kurie bedauert habe.

Die liberale Presse wird von dieser Erklärung nicht sehr erbaut sein. Hätte Dr. Fenrstein sich di« Tragweite seines.Vorgehens vorher überlegt, so hätte die ganze peinliche Sache vermieden werden können. Was würde z. B. Herr Dr. Fenrstein sagen, wenn seine Pfarrkinder in der Weise an f entern Auftreten Kritik üben wollten, wie er es gegenüber der Enzyklika des Heiligen Vaters getan hat?

Den Höhepunkt konfessioneller Verhetzung er­klimmt die .Tägliche Rundschau' (Nr. 246). Der Zusammenbruch der Niederdeutschen Bank in Dort­mund gibt dem Blatte Veranlaffung zu folgenden Zeilen im Handelsteil:

.Bedauernswert ist es, daß die unerquickliche An­gelegenheit sich wochenlang hinziehen konnte, bis es zn der Entscheidung kam, welche für die Nächstbeteiligten von vorn herein ganz außer Zweisek stand. Dieses wäre auch kaum möglich gewesen, wenn das ultra­montan gefärbte Institut nicht einen Rück­st alt an feinen politischen Hintermänn ern gehabt hätte, deren Verläßlichkeit allerdings schließ­lich nicht die Probe bestanden hat, unter den obwalten­den Verhältnissen auch nicht bestehen konnte.'

Mit anderen Worten: Die „Ultra montanen' sind schuld an dem Unglück dieses Zusammenbruchs. Wie steht es aber in Wirklichkeit? Der verhaftete Direktor der Bank, Ohm, ist Katholik, aber am politischen Leben hat er sich nicht beteiligt; ob er für das Zentrum stimmte, wissen wir nicht. Von den 12 Aufsichtsratsmitgliedern kann als Zentrums­mann nur Geheimerat Im Walle angesprochen werden, der nebenbei bemerkt, sein ganzes Vermögen von 500000 Akk. infolge des Krachs einbüßen wird. Neben ihm sitzen aber eine Reihe ausgesprochen liberaler Parteigänger: es sei nur an Mannesmann erinnert. Der Äbg. Bass ermann hat sich ja auch telephonisch an den Reichskanzler gewendet, damit dieser die nun gescheiterte Hilfsaktion unterstützen möge. Glaubt man, daß Bäffermann sich für ein .ultramontan gefärbtes Bankinstitut' interessieren wird? Aber es muß eben unter allen Umständen gehetzt werden. Geht es mit der Enzyklika nicht mehr, dann benützt man den bedauernswerten Zu­

m Begleitung verschiedener Räte ans Berlm «ne Fahrt nach Westerhauderfehn zur Besichtigung der dortigen Moorkolonien usw. unternommen, darauf begeben sich die Herren nach Norderney. An den Besichtigungen nimmt auch Regierungspräsident Prinz von Ratibor teil. — Anstelle des Unter­staatssekretärs im Eisenbahnministerinm, Fleck, der um feine Versetzung in den Ruhestand gebeten hat, soll, wie es heißt, Ministerialdirektor Ossenberg treten. Diesen dürfte der Präsident der Direktion Berlin, Behrendt, ersetzen. Anstelle Behrendts soll Ober- und Geheimer Regierungsrat Rößler, zur­zeit bei der Frankfurter Eisenbahndirektion, Präsi­dent der Direktion Berlin werden.

)( Der Kaiser hat seine Nordlandreise beendet. Er ist Freitag an Bord der „Hohen- zovern von Bergen abgefahren und Samstag abend in SwinemÜnde eingetroffen.

Die Friedenssahne des Kaisers. Der zurzeit in Berlin weilende Präsident der Friedensunion, Arnoud, hat einem Zeitungsberichterstatter eine recht interessante Geschichte über eine Zeichnung von der Hand des Deutschen Kaisers erzählt.

Es war (so erzählt Profeffor Arnoud) einige Monate vor dem letzten Friedenskongreß in Monaco. An Bord der „Hohenzollern" gab Kaller Wilhelm mehreren Gästen ein Diner. Unter den Ge­ladenen befand sich Fürst Albert von Monaco und Professor Arnoud. Fürst Albert machte Kaiser W,l- auf den ernsten Charakter des Friedenskongresses auf­merksam, der kurz vorher in Monaco flaUgefunden hatte. Während der Fürst dem Kaiser die Vorschläge, die im Verlaufe des Kongresses besprochen wurden, darunter das Projekt einer allgemeinen Friedens­fahne, schilderte, entwarf der Kaiser auf der Rück­seite des Menüs eine Zeichnung. „Was würden Ihre Freunde hierzu sagen?' fragte der Kaiser den Fürsten von Monaco, indem er ihm die Zeichnung vorhrelt, die eine Friedensfahne darstellte. Am folgenden Tage ließ der Kaiser durch einen Offizier die Zeichnung in Aquarell malen und überreichte fie dem Fürsten von Monaco als Geschenk.

Diese Mitteilungen des Profeffor Arnoud wer- den noch ergänzt durch eine Beschreibung, die Alfted H. Fried in feinem soeben erschienenen Buch: .Der Kaiser und der Weltfrieden' von dem Entwurf des Kaisers gibt. Danach zeigt die .Friedenssahne' ein weißes Kreuz aus rotem Grunde. Die Fahne wird durch das Kreuz in vier Felder geteilt, von denen das linke obere Feld die Nationalsarben der betreffenden Nation tragen sollte, in der die Fahne entfaltet wird, während die übrigen Felder mit weißen Sternen besetzt sein sollten. Auf dem im Jahre 1903 in Rouen tagenden Kongreß wurde dieser Entwurf einer Fahne den Mitgliedern vor­gelegt. Die französischen Delegierten fürchteten je­doch, daß durch die Annahme einer internationalen Friedensfahne, deren Entwurf vom Deutschen Kaiser herstammt, eine deutschfeindliche Strömung in Frankreich entfesselt werden würde. Alan ent­schloß sich daher, das Projekt einstweilen still­schweigend fallen zu lassen.

)( Zur Ausbildung der jungen Juristen hat der preußische Justizminister Dr. Beseler eine Verfügung über den Besuch gewerblicher Betriebe erlaffen. Betont wird, es sei für die jungen Juristen von Wert, daß ihnen näherer Einblick in die Organisation gewerblicher Betriebe und den Hergang bei der Erzeugung der wirtschaft- lichen Güter verschafft wird. Zu diesem Zwecke empfiehlt sich die Vornahme gemeinschaftlicher Besichtigungen tunlichst unter Führung richter­licher Beamten. Geeignet sind sowohl kauf­männische und industrielle, als auch größere Be­triebe der Landwirtschaft und des Handwerks. — Es ist zweifellos, daß eine systematische Aus­gestaltung dieser gewerblichen Studien für die Rechtsprechung von großem Werte sein muß.

§ Die Reichstagswahl Cannstatt- Lndwigsbnrg.

W. Stuttgart, 30. Juli 1910. Bei der heutigen Ersatzwahl im 2.württembergllchen Reichstagswahlkreis Cannstatt - Ludwigsburg- Marbach und Waiblingen erhielten der Fabrikant Oettinger (natl.) 9528, Redakteur und LandtagS- abg. Dr. Wolff (Bauernbund) 4930 und Redak­teur und Landtagsabg. Keil (Soz.) 18705 Stim­men. Keil ist somit mit einer Majorität von 4947 Stimmen gewählt. Der Wahlkreis war früher durch den Nationalliberalen Dr. Hieb er vertreten.

Da haben wir nun also im Reichstage das halbe hundert sozialdemokratischer Man- bäte voll.

Wem hat die Sozialdemokratie auch diesmal wieder das Mandat entriffen? Keineswegs ben .schwarz-blauen' Steuerbewilligern, sondern der nationalliberalen Partei, — derselben Partei, die in der Ablehnung der Reichsfinanzresorm und in der Hetze gegen die neuen Steuern mit den roten Genossen an einem Strange zog und überhaupt in ser süddeutschen Großblockpolitik der Sozialdemokratie nahe steht. Die Ersatzwahlen zum Reichstage be­stätigen immer von neuem mit einer verblüffenden Regelmäßigkeit, daß von der ganzen großen Steuerhetze die Umsturzpartei den Vorteil hat, aber der Schaden nicht von den Konservativen oder dem Zentrum, sondern von den Liberalen zu tragen ist.

Der württembcrgische Wahlkreis Cannstatt- Ludwigsburg gehörte nicht etwa zu denen, die der Blocksturm von 1907 der überraschten Sozial- emokratie vorläufig abjagte. Seit 1898 schon war das Mandat im Besitze des nationalliberalen Abg. Dr. H i e b er; durch deffen Uebergang in den Staats­dienst wurde es erst frei. Es liegt also eine neue Eroberung der Sozialdemokratie im vollsten Sinne des Wortes vor. Im Jahre 1907 waren Die Sozi« idemokraten mit rund 15500 Stimmen gegen bei Blockkandidaten Hieber mit J.8800 Stimmen unterlegen. Diesmal hat sich das Stimm­verhältnis umgekehrt: der sozialdemokratische Kandidat hat 18 700 Stimmen erhalten, die beiden bürgerlichen Kandidaten zusammen 14500. Also 'laben sich die roten Stimmzettel um 3200 vermehrt, aie bürgerlichen Stimmzettel sich um 4300 ver­mindert. Aus diesen Zahlen ergibt sich, daß ein Teil der Vlockwahler von 1907 zu der Umsturz­partei zurückgekehrt und daß ein anderer Teil- der bürgerlichen Wähler diesmal zuhause ge­blieben ist, wahrscheinlich unter dem Eindruck, oaß bei der unglückseligen Verhetzung doch nichts zu retten sei.

Die Entwickelung in diesem Wahlkreise ist wirk­lich typisch. Seit einem Jahre sorgen die libe­ralen Wortführer und Zeitungen aus besten Kräften dafür, baß der Sozialdemokratie neue Anhänger und Mitläufer zuströmen, und sie laffen sich in diesem Treiberdienst auch nicht stören, obschon die bittere Erfahrung in zahlreichen Wahlkreisen ihnen bereits gezeigt hat, daß die Ueberläufer zur Umsturz­partei aus ihren eigenen Reihen und der libe­ralen Wählerschaft hervorgehen. — Wenn das so weiter geht, wird das melerwähnte Drohwort oes erbosten Bülow eine eigenartige Erfüllung finden: .bei Philippi', nach den allgemeinen Neu­wahlen von 1911, wird der abgesetzte Blockkanzler zwar eine stattliche Anzahl von Konservativen und jo ziemlich das ganze Zentrum „Wiedersehen', aber von seinen geliebten liberalen Abgeordneten wird er die allermeisten nicht Wiedersehen.

Die Tatsachen predigen mit einer Klarheit und einer Wucht, die kaum übertroffen werden können, ein Doppeltes: erstens, daß die Liberalen, die noch etwas Verstand und Patriotismus haben, die frivole

Deutsches Reich.

X „RiMonenqeschenke a« das Großkapital" betitelt sich eine soeben im Verlage der .Germania' in Berlin erschienene Schrift des Abg. Erzberger. Da? Buch, das uns noch nicht vorliegt, stellt der „Ger­mania' zufolge die umfassendste und gründlichste Ar­beit über die südwestafrikanischen Vergrechtsverhält- ntffe, besonders der Deutschen KoloniÄgesellschast, dar und erteilt Aufschluß über die Art und Weise, wie Demburg zugunsten des Großkapitals arbeitete.

Erzberger legt zunächst dar, daß die D. K.-G. (Deutsche Kolonialgesellschafi) tatsächlich eine Konzes­sionsgesellschaft ist, die vom Reiche hohe Werte erlangt hat. Alsdann wird der Bergrezeß erläutert und der Nachweis geführt, daß das Reich eine Menge von Vorteilen hierdurch sich sicherte. Man wird eS aber dem Verfasser nachfühlen, was es heißt, wenn er fest- stellen muß, daß Dernburg so lange für das Reich gün­stige Verträge abschloß, als die Rechte nichts wert er­schienen, daß er aber sofort nach dem Auffind en d e r D i a m a n t e n der D. K. G. wieder mehr zu­rück gab, als--diese je besessen hatte.

Bei der Auftählung der Liebesgaben an das Großkapital erfährt man unter lebhaftem Erstaunen, daß eine Gesellschaft schon im Jahre 1909 über 1300 Prozent Dividende aus ihrem Diamantenbesitz verteilen konnte; daß Dernburg zu Gunsten der D. K. G. die Förderungsabgaben im Sperrgebiet um 66% Prozent, außerhalb desselben um 500 Prozent für Diamanten erhöht hat!! Endlich wird der klare Nachweis geliefert, wie Dem­burg das ganze Sperrgebiet ohne jede Gegen- lei st u n g a u f a l l e E w i g k e i t an die D. K. G. verschenken wollte, ein Gebiet, dessm Diamantenwert derselbe Demburg auf 1000 Millionen Mark geschätzt hat. Die Mitteilungen des Abschnittes: „die Be- hörden des Schutzgebietes retten gegen den Willen Demburgs Millionen von Staatsvermögen" sind so einzigartig, daß man seit Bestehen des Reiches etwas ähnliches in der Verwaltung nicht erlebt hat. Wenn das der „kaufmännische Geist' ist, dann ist das Reich verkauft. Endlich wird rechnerisch noch- gewiesen, daß der Maivertrag 1910 der D. K. G. nach den eigenen Zahlen Demburgs ein R i e f e n g e = schenk von 24 Millionen Mark brachte.

Doch das Buch bringt noch einen andern Nach­weis: einerseits die hohen Geschenke, andererseits nahezu keine Steuerbelastung der Gesell- schäften. Südwestaftika kennt keine Einkommensteuer, keine Vermögenssteuer. Damit sind wir zum Kriegs­kostenantrag Erzberger gelangt. Wer das Buch lieft, der wird verstehen, toarum der Antragsteller so zähe auf seinem Anträge beharrt hat. Die Einwände gegen ben Antrag werden spielend zurückgewiesen.

So bringt das neueste Werk des Abg. Erzberger Aufklärung und Licht in eine sehr verwickelte Materie. Wer den Demburgknlt der liberalen großkapitalisti­schen Kreise verstehen will, her muß dieses Werk lesen. Das ist ilmsomehr angezeigt, als der Versaffer die Anschauung vertritt, daß der letzte Dernburgvertrag nngiltig ist und aller Voraussicht nach die gesamte Materie wieder den Reichstag beschäftigen wird.

MaerW Zeitung

3.ÄÄt w°ch-nbq,°e-: .Illustrierte SomtagyeUmg" “ moiKUEz«: »LMaer GeschichtsblAter"

5>er Wcrmppv.

Roman von Fergus Hume. Autorisierte Bearbeitung 37] von C. Wexner.

„Olga!" schrie da plötzlich ihre Mutter auf. „Du willst ihn trotz alledem heiraten?'

.Gewiß' Warum nicht? Er ist unschuldig an diesem Morde und er macht sich absolut nichts aus Lena — hat es nie getan! Mach Dir keine Sorgen, Mutter. Herbert und ich verstehen einander vollkom­men.'

„Ann, so gebe Gott, daß Du glücklich wich', sprach Frau Holder unter Tränen.

Ich bin davon überzeugt,' versetzte Olga.

.Er ist zweifellos ein Ehrenmann durch und durch', fügte Friin hinzu, „nur ein bischen schwach.'

„Liebe Fritzi, meiner Ansicht nach ist e8 schwierig für uns, den Einfluß abzuschätzen, den wir auf die Männer ausüben.'

Fritzi dachte in diesem Augenblick an Bruno Krafft der ihr trotz ihrer unvorteilhaften Figur und trotz ihres raten Haares zu Füßen gesunken war.

„Nein', seufzte sie, „es ist manchmal geradezu wunderbar, was die Männer an uns lieben. Doch laß mich zu Ende kommen, Olga. Also der Detektiv, der Selbem» Stelle vertrat, behauptete, dieser Mbibeweis sei vollkommen wertlos, denn es läge sowohl im In­teresse Lmas, als im Interesse Brands, zu beschwören, fie seien beide in jener Nacht im Kirbyschen Hause gewesen, um dadurch der Beschuldigung zu entgehen, :m Blauen Hecht' und später in Kirby» Büro ge­wesen zu sein. Er behauptete, sie wären die zwei, die in jener Kneipe gesehen wurden, er behauptet ferner, Sena habe ihre Dienstboten fortgeschickt, um unbemerkt in die Stadt zu gelangen. Sie hätte dieses lächerliche Alibi einfach erfunden, um sich und ihren Mitschuldi­gen zu retten.'

„Und auf welche Weise wurde das Alibi bewiesen, Fritzi? Wer bewies es?'

>®er Bruder Deines Laufburschen.'

j,Bills Bruder?' rief Fräulein Holder.

„Ja, sein Zwillingsbruder, der ihm so ähnlich sieht wie ein Ei dem andern. Dieser scheint bei Lena sozu­sagen als „Page' angestellt gewesen zu sein.'

„Und was sagte dieser Junge aus?'

„Daß Brand und Lena zur Zeit des Mordes im Wohnzimmer gewesen wären. Der kleine Galgenstrik schöpfte an jenem Abend Verdacht, Fran Kirby habe einen besonderen Grund, sämtlichen Dienstboten Ur­laub zu geben, deshalb versteckte er sich in seine Kam­mer und paßte auf. Später schlich er sich die Treppe hinab und sah beide im Wohnzimmer, wo er sie durch's Schlüsselloch belauschte und jedes Wort hätte. '

„So, also dieser Junge wies beider Alibi nach?'

„Jawohl. Und Lena wurde freigesprochen, ohne daß der leiseste Makel auf ihrem Ruf haften blieb. Sie verließ den Gerichtssaal in Begleitung des Herrn Schau, der ungewöhnlich blaß und erregt aussah. Ich glaube, er hat Angst gehabt, sowohl Fran Kirby als auch ihren Reichtum zu verlieren.'

„So wird Herbert ebenfalls seine Freiheit zurückbe­kommen?'

„Wahrscheinlich. Die Verhandlung gegen ibn wird eine reine Formsache sein. Lena und Sim werden als Entlastungszeugen für ihn auftreten und Brand n ird freigesprochcn und wahrscheinlich öffenllich belobt wer­den, feiner kavaliermäßigen Diskretion wegen.'

Olga brach in heiße Tränen aus und barg das Gesicht in die Hände. „Gott sei Dank! Mein lieber, lieber Herbert ist gerettet!" murmelte sie iiesbewgt „Gott fei Dank!'

16. Kapitel.

„Und Du haft mir vergeben. Olga?'

„Ich habe Dir nichts zu vergeben, Geliebter!'

„Aber Frau Kirby —"

„Ich will ihren Ramm nicht mehr hören, Herbert!

Laß uns diese Frau vergessen.'

„Das wird nicht so leicht fein', seufzte Brand, „da mejn Verkehr in ihrem Hause diese Schande über mich gebracht hat.'

„Das ist Torheit! Du hast den Gerichtssaa! ver- | lassen, ohne daß ein Makel an Dir haften blieb.'

Brand lachte zornig. „Der Stachel bleibt, Olga. Ich bin ein Mann, der schon im Gefängnis gesessen hat.'

„Du bist mein Verlobter — alles andere ist mir gleich."

„Wir können heiraten und zurückgezogen von der Welt leben, gewiß. Ich habe ja Dich, mein süßes Lieb — und ich habe meine Arbeit. Was kann ich mehr wünschen?"

Aus dieser Unterhaltung ist zu ersehen, daß Her­bett Brand auf freien Fuß gesetzt worden war. Frau Kirby hatte bewiesen, daß er um die Zeit des Mor­des in ihrem Hause im Aorkbezirk, der sehr weit ent­fernt von der inneren Stadt lag, geweilt, und Sim Vogel bekräftigte diese Aussage, indem er beschwor, beide im Wohnzimmer gesehen zu haben, wo sie in allerlei Papieren herumaekramt hätten. Das Alibi war also vollständig nachgewiesen und das Urteil lautete ,nichtschuldig'.

Noch lange unterhielt sich das glückliche, wieder vereinte Brautpaar, bang brach Herbert auf, um wie­der nach Bitfern zu fahren. In das kleine, stille ab­seits vom Getriebe der Welt gelegene Torf war, der Bericht seiner Erlebnisse nicht gedrungen. Fräulein Roding la? das ganze Jahr keine Zeitung und den- ienipen Dorfbewohnern, welche eine solche hielten und den Fall Kirby gelesen hatten, siel cs garnicht ein, den Mieter des alten Fräuleins mit jenem Herrn Brand in Verbindung zu bringen, der in London des Mordes angeklagt gewesen war. Man ließ ihn also in Bittern in Ruhe und Frieden, wie er es wünschte.

Drei Tage svätcr kamen Frau Holder und Olga zu ihrer Erholung ebenfalls nach Bittern. Die Ge­schäfte im Büro waren in letzter Zeit recht gut gegan­gen; so durfte Olga ihre Ferien mit Herzensruhe ge­nießen Frau Holder hatte freilich anfangs gejammert, daß die Reise und der Aufenthalt in Bittern so teuer sein würde, aber sie tröstete sich bald, als sie sand, daß die Wohnung und das Leben hier ziemlich billig war. Nachdem, sie sich über diese Angelegenheit endlich be- mhigt, sah fie ben drei Wochen, die sie hier verleben

wollte, mit Vergnügen entgegen. Und was Olga be­traf — diese war so glücklich, wie es ein sterbliches Wesen überhaupt nur sein kann. Für sie war tatsäck- lich die Ruhe nach dem Sturm gekommen.

Glücklicherweise faßte Frau Holder schon von An­fang an eine aufrichtige Zuneigung für Brand, ob­gleich sie ihn früher sehr abfällig beurteUt hatte, hieß sie ihn doch von Herzen willkommen.

„Was glaubst Du von Lena?' fragte Olga einmal den Verlobten.

„Daß sie weiß, wer ihren Gatten ermordete'

„Auch ich habe es schon gedacht', bemerkte Olga ruhig. „Aber Lena selbst halte ich nicht für schuldig.'

„Oh, ich habe noch mit keinem Gedanken gedacht, sie selbst habe den Mord begangen. Aber sie kennt den Täter. Sie ist vielleicht seine Mitschuldige.'

„Warum denkst Du das?'

„Wegen des goldenen Bleistiftes — des Türkisen- Schlüssels". erwiderte Brand. „Sie gab ihn mir und ich trug ihn. wie Tu w-ißt. an meiner Nhrkette Eine Woche ober vierzehn Tage vor dem Mord gerieten wir m einen Zwist wegen irgend einer Kleinigkeit — ich glaube, ich bewunderte ein neues Kleid, das fte, trug, nicht zur Genüge Da verlangte sie den Bleistift von mir zurück.'

„Aber sie beschwor doch, sie hätte ihn ihrem Gat­ten gegeben?"

„Ich weiß. Und eben das machte mich argwöh­nisch. Wanim sprach sie eine Lüge, wenn nicht, 1 m jemand zu decken? Kirby hat sie den Türkisenschlüs­sel nicht gegeben.'

„Das sagte Re doch nur, um Dich in Schutz zu nehmen '

Herbert lächelte grimmig.

„Nein, nicht einmal so viel gutes traue Ich ihr zu', versetzte er. „Lieber hätte dieses Weib mich in den Tod gehen lassen, als daß fie freiwillig jenes Zu­sammensein in mitternächtlicher Stunde eingestand.'

„Nein, Herbert, das kann ich nicht glauben."

(Fortsetzung folgt.)