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Sflltitag freiI 30. 3üli 1910.

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« Waer W Zeitung«

2. Blatt

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* Helgoland 20 Jahre Sentich.

In diesen Tagen, da die Insel Helgoland ihre 20jährige Zugehörigkeit zum Deutschen Reiche feiern kann, ist sie in die Zahl der deutschen Reichskriegs­häfen eingereiht worden. Für den auf Helgoland in der Ausführung begriffenen Hafen sowie »ür die Hel­goländer Gewässer überhaupt ist jetzt von dem Chef der Marinestation der Nordsee, Admiral Grafen von Baudissin, eine Hafen- und Seepolizeiverordnung ge-

Kapitän Les Schisses und seine Stewards gemeldet ha- ben, sind noch keineswegs überzeugend. Die freiwilli­gen Kriminalkommissare greifen in ihrem heißen Eifer oft daneben. Aber wenn auch die Verbrecherjagd über den Ozean erfolglos sein sollte, hat sich doch die draht­lose Telegraphie abermals als eine vorzügliche Er­findung bewährt. Man sieht, daß sogar kleinere Schiffe, die nur eine Funkenspruchanlage von bescheidenem Um­fange mit sich führen können, mit Hilfe der auf der be­lebten Seestraße verkehrenden großem Dampfer eine fortwährende Verbindung mit dem Festlande aufrecht erhalten können.

Ein sehr trauriger Kriminalfall hat sich in Dort­mund entwickelt. Dort ist die „Niederdeutsche Bank" zusammengebrochen. Als die ersten Gerüchte von der Erschütterung der Bank auftauchten, trat die Leitung sehr forsch auf und setzte eine hohe Belohnung auf die Entdeckung des Urhebers aus. Man mußte aber bald die Zahlungen „vorläufig" einstellen. Von Beilin kamen Vertreter dec Großbanken und der Reichsbank herüber, um zu prüfen, ob sich das wankende Gebäude noch stützen ließe. Die Lage wurde aber als rettungs­los erkannt; der Konkurs brach aus, das Gericht be­schlagnahmte die Bücher, der leitende Direktor wurde verhaftet, der Vertrauensmann des Aufsichtsrates soll geflüchtet sein. Die Vermögenswerte, die auf der Kippe stehen, werden auf 60 bis 70 Millionen geschätzt. Lei­der find viele Leute aus dem Mittelstande,die ihre Spargelder der Zentrale oder einer der zahlreichen Fi­lialen der Bank anvertraut halten, aufs schwerste be­droht, ja in ihrer Existenz gefährdet. Es heißt, daß die Großbanken zugunstm dieser kleineren Gläubiger helfend eingreifm wollen, indem sie ihnen einen Teil ihrer Forderungen (man hofft auf 25 bis 10 Prozent) vorschußweise zur Verfügung stellen.

Dieser schlimme Bankkrach beweist aufs neue die Notwendigkeit eines strammen Gesetzes über den De- posttenverkehr Es kann nicht immer so weiter gehen, daß eine Bank, die zu immer neuen gewagten Grün­dungen Geld braucht, mit Hilft von zahlreichen Filia- ten und allen möglichen Werbekünsten die Sparkapita­lien von vertrauensseligen Stuten massenhaft an sich zieht, ohne die gebotene Sicherheit gewähren zu kön­nen.

müß dem Reichskriegshafengesetz erlasse« Wochen, wo- mit die Erhebung Helgolands zum Reichskne^haftn Logen sst Der Lf der Insel seitens der behörde tm Bau befindliche Hafen soll in erster Reihe als Krieqshafen für kleinere Kriegsfahrzeuge dienen, daneben aber auch als Schutz- und Nothafen für Han­delsschiffe Die Gesamckostm des Hafenbaues sind auf 30 Millionen Mark veranschlagt, von denm mit dm Marineetats für 1908-1910 biä jetzt 11 Millionen Mark bewilligt worden sind. Die Jnbetnebnahme des Hafens wird voraussichllich erst tm ^ahre 1913 erfol­gen können. - Zugleich sind die letzten Uebergangs- bestimmungen im Zoll- und Steuerwesen gefallen Für die Bewohner der Insel tritt auch dte Dienstpflicht m der deusschen Flotte in Kraft.

Zwanzig Jahre — so schreibt aus diesem Anlaß der Abg. E r z b e r g e r — sind ein kurzer Zeitraum in der Geschichte eines Volkes, und doch welche Wen­dung in der Beurteilung des Abkommens, das der An- regung Kaiser Wilhelms II. entsprang und nur durch feinen energischen Willen durchgedrückt wurde ge­gen die ganze öffentliche Meinung von damals und noch eines vollen Jahrzehnts. Bismarck sprach von der „teuren Spielerei", die das Sultanat Wttu und das Protektorat Sansibar eintauschen ließ gegen das kleine Helgoland. Damit war der Ton angegeben für die Beurteilung des ersten Vertrages, den der Nachfoloer Bismarcks abfchloß. „Einen ganzen An- zug für'einen Hosenknopf" lautete die Aufschrift über zahlreichen Leitartikeln; selbst eine „nationale Gefahr" wurde der Vertrag genannt. Bismarck hielt den Be­sitz von Helgoland für uns lästig. „Im Hinblick auf eine voraussichtliche französische Blockade war bisher die Deckung Helgolands durch die englische Neutralität für uns nützlich; ein französisches Geschwader konnte daselbst kein Kohlendebot haben, sondern war genötigt, zur Beschaffung des Kohlenbedarfs in bestimmten, nicht zu langen Zeiträumen nach ftanzösischen Häsen zurück­zukehren oder eine große Zahl von Frachtschiffen hin und her gehen zu lassen. Jetzt haben wir den Felsen mit eigener Kraft zu verteidigen, wenn wir verhindern wollen, daß die Franzosen im Falle des Krieges sich daselbst festsehen." lGedanken und Erinnerungen, 2. Band, Seite 31) Die Bismarcksche Rechnung stimmte für die Europapolitik, die er trieb, hatte aber ein gro­ßes Loch für die Welcholitik, die heute das Reich zur Erhaltung seiner Existenzen führen muß. Die eng­lische Neutralität gegen das Reich besteht nicht mehr, wobl ober das herrliche Einvernehmen zwischen Frank­reich und England; Bismarcks Voraussetzungen sind gefallen und er selbst würde den einst verdammten Vertrag heute als eine der weitschauendsten Taten un­seres Kaisers breifen.

Und mit Recht. Der englische Vorvojten vor der deutschen Türe ins Weltmeer würde heute nicht nur eine ständige Gefahr für das Reich bedeuten, es wäre einfach unerträglich, schon in Fricdenszeiten. Wenn wir heute Helaoland nicht besitzen würden, könnten wir in die Kauffchale alle unsere afrikanischen Kolonien legen — Helgoland würde nicht mehr unser werden. So hoch würde es von den Engländern eingcfchätzt werden, wahrend heute die ostafrikanische Gegengabe von dem Phantasiewert der 90er Jahre viel verloren hat. Ein englisches Helgoland würde den Wert einer deutschen Flotte so gut wie misheben; das deutsche Helgoland erspart dem Reiche eine Reihe Geschwader, erhöht seine Verteidigungskraft und hält uns nach dem Ausbau des Hafens und der Befestigungen jeden Geg­ner auf viele Kilometer vom Leibe. Der gesamte Auf­marsch der deutseben Flotte im Ernstfälle ist durch Helgoland gesichert und eine ungemein günstige Ope- rationsbafis für unsere Marine geschaffen. Uns zum Schutz! Denn die Bedeutung Helgolands liegt im­mer nur darin, das es dem Reiche die Abwehr eines Uebersalles erleichtert und daß es jede feindliche Blo­ckade so gut wie unmöglich macht.

Deutsches Keich.

\ lieber die Finanzlage des Reiches äußerl sich der Abg. Erzberger in einem Artikel der „Germ.", der klar für'die günstigen Wirkungen oer Reichssinanzresorm spricht. Er führt dort aus: Der verminderte Anspruch des Reiches an den Geldmarkt ist eine sehr erfreuliche Folge der Reichsfinanzreform und macht sich

aufzuraffen. Und können die französischen Zustände wunder nehmen, wenn die Religion nicht mehr prak­tisch grübt wird? Wer hat nicht schon in ftanzösischen Kirchen wohl zahlreiche Frauen gesehen — die M ä n - ner aber sah man nicht! Diese eine Tatsache er- klärt alles!

Dir Ausführungen deS englischen Premiermini. strrS Asquiths über die deutsch-englischen Beziehungen und die Flottenftage haben er­freulicherweise ben Erfolg gehabt, daß in einem Teil der englischen Preffe eine ruhigere und friedfertige Beurteilung der Dinge zu Wort kommt. Dies ist um so erfreulicher, als von einzelnen Blättern, deren Sport die Deutschenhehe ist, wieder einmal diese Arbeit mit Eifer betrieben wird. Die Grundlage dafür bilden Berichte Berliner Korrespondenten, welche die Er­klärungen der deutschen Regierung bestteiten. Mit Vorliebe werden von ihnen die Behauptungen und Prophezechungen der sozialdemokratischen Blätter über angebliche Pläne der deutschen Regiemng zu weiterer Flottenverstärkung ausgeschlachtet. Der eigenüiche Zweck der Hebung scheint der zu sein, daß die englische Bevölkemng mit Mißtrauen und Unmut gegen die liberale Regierung erfüllt werden soll.

Ein Newyorker Blatt veröffentlicht Mitteilungen über eine Unterredung Roosevelts mit König Georg, in der besonders die Homerule-Frage erörtert worden fein soll. Im Anschluß daran wirs mitgeteilt, daß König Georg für die Gewährung der irischen Wünsche sei und die Führer der beiden großen Parteien aufgefordert habe, einen Plan für Homerule zu entwerfen. Die englische Presse hat zu diesen Mit­teilungen bis jetzt noch nicht Stellung genommen. Ganz unwahrscheinlich ist ihre Echtheit nicht.

Aus Portugal kommen beunruhigende Nach­richten über das Anwachsen der republikanischen Strömung. Die Begeisterung für die Republik hat zur Gründung zahlreicher Geheimbünde geführt, die alle dasselbe Ziel verfolgen und durch ihre eigenartige Organisation sich der Wachsamkeit der Polizei ent­ziehen. Die Maßnahmen der Regierung gegen diese Geheimbünde sind erfolglos geblieben. Den bevor-' stehenden Wahlen, die im nächsten Monat ftattfinben, sieht man in ben königstreuen Kreisen mit emfter Be­sorgnis entgegen.

Die Maßnahmen ber türkischen Regiemng gegen die angebliche Verschwörung der Geheimgesellschaft JÄa hat die Aufmerksamkeit erneut auf die Tätigkeit der Jungtürken gelenkt. Angesichts der großen Unzufriedenheit, die in der türkischen Bevölkerung be­steht, haben auch die, welche bisher der jungtürkischen Bewegung sympathisch gegenüberstanden, gezwungen, ihr Urteil zu revidieren. Heute ist der Eindruck ziem­lich allgemein, daß die jungtürkische Revolution der Türkei gar keine besseren Verhältnisse gebracht hat, als sie unter dem absolutistischen Regime Abdul Ha­mids bestanden. Der von ben Jungtürken eingeführte Parlamentarismus ist in Wahrheit eine Farce, weil bas Parlament unb die Negierung nur die Befehle auszuführen haben, welche das Komitee für Einheit und Fortschritt diktiert.

Die kretische Frage, die kürzlich eine not­dürftige Lösung gefunden hat, wird vielleicht schon in ganz kurzer Zeit wieder akut werden. Die Kreter wollen anscheinend an ihrer Absicht festhalten, bei den bevorstehenden Wahlen zur griechischen Nationalver­sammlung Vertreter der Insel- nach Athen zu ent­senden Der türkische Gesandte in Athen hat einem Ausfrager des Konstantinoveler Blattes „Tannin" erklärt, er habe die griechische Regierung wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß die Türkei im Falle der Aufnahme von kretischen Delegierten in die Natio­nalversammlung der Krieaserklämng nicht ausweichen könne. Auch andere Meldungen lassen darauf schlie­ßen, daß die Gefahr eines griechisch türkischen Krieges in bedrohliche Nähe gerückt ist.

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Ausland.

* Gegen die Aendenmg des englischen Krönungs. eldes. Während der letzten Tage haben, wie verschie­dene Blätter melden, lebhafte Kundgebungen gegen die Abänderung des Krönungseides stattgefunden. 500

In einigen Zeitungen wird die Sache so darge- stellt, als ob hier eine ftrebfame Provinzialbank ber Uebermacht der Berliner Großbanken erlegen sei. Es ist ja richtig, daß das konzentrierte Großkapital die Heineren Banken vielfach an die Wand drückt, oder auf­saugt. Aber nach allem, was man hört, ist doch die Niederdeutsche Bank nicht ein unschuldiges Opfer deS Berliner Wettbewerbes, sondem ist an ber eigenen Waghalsigkeit gescheitert, indem die Leitung sich in ein Gewirr von Gründungen stürzte, die über die vorhan­denen Kräfte weit hinausgingen. Die Kapitalserhöh­ungen überstürzten sich, die „Transaktionen" wurden immer kühner und verzwickter, die Filialen schossen wie Pilze aus der Erde. Von Berlin aus scheint auch kei­neswegs lauter Gegnerschaft gekommen zu fein; es beißt, daß eine Berliner Bank bei dem Konkurse mit 10 Millionen in Mitleidenschaft gezogen worden.

Nachdem der börsenfreundliche Block beseitigt ist, fann die Regierung, wenn sie will, mit dem Reichstag ein gutes Gesetz zue Hebung der Solidität im Bank- und Dörsenwesen machen Inzwischen sollte aber ;e= der, der Geld anznlegen hat, seine Augen auftun und den Spruch beherzigen: Trau, schau, wem? Di: Selbsthilfe ist das 'prompteste Heilmittel. Wer nicht selbst Bescheid weiß in dem Irrgarten des Geldver­kehrs, der erkundige sich bei Leuten, die außer der Sachkenntnis auch noch einen zweifellosen lauteren Willen haben. Der Ratschlag verdient nur dann Ver­trauen, wenn der Ratgeber vollständig unbefangen ist. Sobald das eigene Interesse des Ratgebers irgendwie mitsplelt. wende man sich erst noch an eine bessere Auto­rität. Wer soviel Umstände nicht machen kann oder zu einem ganz sicheren Ergebnis seiner Forschungen nicht zu gelangen vermag, der bleibe auf dem alten bewährten Wege der Vorsicht unb vertraue seinen Spar- unb Rotgroschen nur ben öffentlichen Sparkassen an, für welche die Kreise oder Gemeinden Sicherheit leisten. Oder er wende sich an das Schuldbuch des deutschen Reiches oder des preußischen Staates, dessen Zugänglichkeit neuerdings so verbefferi worden, daß jeder Bürger ohne Schreibereien unb sonstige Umständ­lichkeit sein Geld dort anlegen kann.

bereits ft» doppelter Weise geltend. Der Geld- markt wird weder dauernd noch vorübergehend so stark benützt und die Geschäftswelt muß nicht mehr deshalb so hohe Bankzinjen zahlen, weil das Reich in tausend Nöten ist, wie es vor Jahren war. Wenn die Reichsfinanzresorm mit der Mehrbelastung von 410 Millionen Mark sich ganz bgreislicherweife im Erwerbsleben geltend machen mußte — das wäre auch bei Annahme der erweiterten Erbschaftssteuer gekommen — so darf auf der Gegenseite gebucht werden, daß nunmehr das Reich den Geldmarkt nicht mehr so beunruhigt. Zunächst sind die Schatzanweisungen zurückqegangen, wie jeder Ausweis der Reichs- bank zeigt, wie auch die Großbanken zugeben. Die schwindelnde Höhe von 600 Millionen Mark, ja 750 Millionen Mark Schatzanweisungen hat das gesamte Erwerbsleben sehr geschädigt; weil daS Reich Geld brauchte, mußte alle Well höhere Zinsen bezahlen. Nunmehr ist daS Kontc der Schahanweisungen erheblich zurückgegangen Wenn man auf eine Reihe von Jahren eint ruhige Weiterentwicklung genießt, dann kann du Etatssumme für Schatzanweisungen auf 50 100 Mill. Mark zurückgesetzt werden und dann wird daS Schatzamt in Wirklichkeit diese ominösen Schuldenzettel gar nicht mehr nötig haben. Einen solchen günstigen Zeitpunkt darf man bei spar- samer Wirtsckast 1913 und 1914 erwarten, wo die Einnahmen aus den neuen Steuern voll fließen werden und für eine Reihe von Aus­gaben der Höhepunkt überschritten ist. Aber auch der dauernde Anspruch dcS Reiches an den Kapitalmarkt bewegt sich in absteigender Linie. Man kann hier natürlich nur mit den Heuligen Verhältnissen rechnen; ein Ausstand in einer Kolonie, eine Mobilmachung im Heimatlande oder gar ein Krieg wirst jede Berechnung über den Haufen. Soviel steht fest, daß beim nor­malen Laus der Dinge baS AnleihebedürsniS des Reiches sehr rasch sinken wird und daß eS sich in wenigen Jahren nur noch auf werbende An­lagen erstrecken wird. — Der linksstehenden Presse sind diese Feststellungen sehr unangenehm, aber sie vermag sie nicht mit Tatsachen zu widev- legen.

* „Genossen unter sich." Die baOnden Sozialdemokraten haben durch ihre Budgetbewi üi- gung nicht nur in der deutschen Sozialder w- kralle, sondern auch unter sich selbst Zwietrkcht hervorgerufen, wobei auch eine Jntrigue eine Rolle zu spielen scheint. Im sozialdemokralischen ,Hamb. Echo' war berichtet worden, die Gruppe Frank-Kolb habe durch Fraktionsbefchluß die disfentierenden Abgg. Geck, Mortich und Skockingen gezwungen, nicht gegen das Bud­get zu stimmen. Der sozialdemokratische Karls­ruher ,Bolksfreunb' bezeichnet daS als eine Lüge und behauplet, daß ein Weber Fraktiansde^cssluß nicht gefaßt fei:

„Genosse Geck Hal ausoruünch «klärt, er wetDc gegen bas Budget stimmen. Nicht ein Söcrt wurde in der Fraktion gegen diese Erklärung laut. Anstatt aber gegen das Budget zu stimmen, hat sich Genosse Geck entfernt und während der Ab­stimmung nach Berlin und L^ipzrg tele­phoniert, damit am Abend desjelben Tage» noch die Le pziger Genossen über die Badenser hersallen konnten.

Man kann das Bild, daS hier von dem „Genossen" Geck gezeichnet wird, nicht gerade als geschmeichelt bezeichnen. Oder sollte nicht auch die liebe Eitelkeit und Rivalität um die Führerschaft hier eine Rolle spielen?

Unpolitische Zeitläufe.

(N.) B erlin, 28. Juli 1910.

Nachdruck nicht gestattet.

Wer was ist, hat Ferien. Aber die Kriminalpolizei skommt nicht zum Genuß dieses sommerlichen Menschen­rechts. In der stillen Zeit häufen sich die Verbrechen unb die Verbrecherjagden. Auch in ber Gaunerwelt »schreitet die „Kultur" mit Riesenschritten vorwärts. Muß man nicht staunen, wenn in der Weltstabt Berlin ‘ein entsprungener Fürsorgezögling aus ber Provinz, ber erst 15 Jahre alt ist, in den Vorräumen eines Post­scheckamtes wiederholt erfolgreiche Raubzüge verüben kann, wobei chnt Beträge bis gegen 6000 Mk. in die Singer fallen? Wenn der Bursche nicht die unerhörte erwegenheit gehabt hätte, bei einem Altersgenossen, dem er feine Papiere (Lgelockt hatte, ttachträglich einen Besuch abzustatten, so hätte die Jagd auf diesen flinken Gauner noch lange dauern können.

Auch in Leipzig hat die Kriminalpolizei Glück ge­habt. Dort wurde mit Erpresserbriefen gearbeitet. Em Verlagsbuchhändler, dem ein solches Schreiben von einem Laufburschen überbracht wurde, machte sich mit seinem Automobil hinter ben Erpressern her, bie brau­nen gewartet hatten, unb fing einen von ihnen glück­lich ab. Und wie glücklich war erst die Polizei, als ihr in diesem Verbrecher das Haupt einer Bande in die Hände fiel, die aller Wahrscheinlichkeit nach ver­schiedene bisher unaufgefiärte Raubanfälle unb Mord- taten verübt hat. Wenn nicht alles täuscht, so wirb hin ein wahrer Rattenkönig von Verbrechen aufge= ; t0!2 eT ianm in einem Kriminalroman zufammen-

gebichtet werden kann.

Trpressungsversuch erinnert an ben gatt .on 2idjtenrabe bei Berlin. Dort hat bie Polizei reinen gelbbeburftigen Ackerbürger unb dessen Bruder als bie Verfasser der Drohbriefe unb der Höllenma­schine verhaftet. Eine wahre Wohltat, wenn an den Erpressern em oder noch besser zwei Exempel statuiert werben, —enn sonst hatten die Fabrikanten von Droh­briefen in verhängnisvoller Welse Schule gemacht.

Sehr einfach liegt bie Lache bei dem neuesten Raub­

zug, der heute morgen vollbracht worden ist. Ein Briefträger auf einem Berliner Postamt sollte einen Beutel mit 50 000 Mk. aus dem Packraum nach der Brlefausgabestelle holen Der Mann ließ sich den Beu-, tel aushändlgen, fuhr dann in seine Wohnung, zog schnell Zivilkleidung an und verschwand mit dem Beu- tel. — Den Vorgesetzten des Briefträgers wollen wir keinen Vorwurf machen, aber da bie Erfahrung bei Kaffenboten schon längst gelehrt hat, baß die Berüh- rung mit einer überraschend großen Geldsumme einen Anfall von krankhafter Habgier auslöfen kann, so sollte man sich doch zur Regel machen, bei der Behandlung von Riesenwerten immer zwei Personen tätig fein zu lassen, unb zwar, wenn es eben möglich ist, zwei Perso­nen von verschiedenem Alter oder Range. Gelegenheit macht Diebe.

Der Posträuber Hai nur einen geringen Vorsprung von einer guten halben Stunde Man wird also er­warten, daß bie Berliner Kriminalpolizei ihn einholt ober seinen Schlupfwinkel in Berlin aufstöbert. Je­denfalls ist diese Aufgabe nicht fo schwierig, wie bie Jagd auf den Gattenmörder Crippen, der die englische Polizei jetzt obliegt. Dieser Crippen war nach der Ermordung seiner Frau mit feiner Geliebten zunächst nach dem Festtanb entwichen. Von dort soll das Pär­chen sich auf einem Dampfer nach Kanada eingeschifft haben; wenigstens will der Kapitän des Schiffes in einem Reverend Johnson und dessen Sohn, die sich un­ter seinen Passagieren befanden, ben Mörder unb feine Zuhälterin entdeckt haben. Er hat das von ber See aus durch drahttose Telegraphie ber Londoner Polizei gemeldet, und die Polizei hat ihn benachrichtigt, baß sie auf einem fchnettfahrenben Dampfer einen Kommis­sar nachschickt, ber das Schiff überholen und das Pär­chen verhaften soll. Rach den Zeitungsnachrichten spielt bie drahtlose Telegraphie in einem fort weiter; bie Jägd wird mit einem fieberhaften Eifer betrieben. Den „Reverend" und seinen Begleiter wird man freilich leicht fassen, da er doch nicht vom Bord des Schiffes flüchten kann Aber ob mdn bann den Mörder unb seine Zuhälterin hat, Ist noch sehr zweifelhaft Der Verbrecher müßte sehr dumm sein oder ganz kopflos geworden sein, wenn et in dieser Weife nach Kanada sich eingeschifft Hütte, und bie Beobachtungen, bie ber

Wochen-Nundschau.

U Fulda, 29. Juli 1910.

Seit bem Zerfall des Blocks geht eSber nationÄ- liberalen Partei recht schlecht. Der Austtitt bn Geg ner der Erbanfallsteuet aus ber ReichStagsfwcktion brachte nicht eine Krisis zu Ende, tote rs damals m ber liberalen Presse hieß, sondem leitete «st ein. Die Auseinandersetzungen zwischen dem rechten „ftei- konservatlven" unb bem linken .fortschrittlichen Flu- gel erfolgen gegenwärtig unter der Marke des Kampfes für unb gegen Saffermann. Dieser tmirbe eingeleitet mit der tendenziösen Meldung, ber P^eti chef wolle mit bm Ablauf der LeMslaturperwbe sich ans bem politischen Leben zurückziehen. Die Meldung klang nicht unAaubwürdig, weil mm wußte, daß Wassermann in seinem jetzigen Wahlkreise vorriuSsich - Uch nicht wiebergewShlt wirb und ein anderer sicheret Wahlkreis ihm bis jetzt noch nicht angeboten ist. Die Anhänger Baffermanns traten ÄSbLb mit Ver- irai’enSfunbgebungen auf ben Plan, feine Gegner antworteten entsprechend. Nun erwartet man dM föeil von bem Parteitag, ber demnächst in Kassel statt- sinden totrb. Das wahre Bild ber Verhältnisse aber tofrb sich voraussichtlich erst bann zeigen, wenn sich dm Abende ber Wahlschlacht ber Pulverrauch verzogen haben wirb. Die wenig benelbenswerte Situation, in in ber die nationalliberale Partei sich infolge ber inne­ren Zwiste befindet, wird noch ungemütlicher durch bie Einwirkung äußerer Widernisfe. Ein Wahlkreis stach dem anderen geht verloren, und es besteht nur geringe Hoffnung, neue zu gewinnen. Der letzte Posten auf bem Verlustkonto ist ber Landtagswahlkreis des toürttembergifdien Parteiführers Hiebet. Des­sen Reichstagswahlkreis wirb voraussichtlich von den Blationalliberalen ebenfalls nicht behauptet werben können.

Tie sächsischen Rationalliberalen sehen sich eben­falls ber Gefahr einer kleinen Spaltung gegenüber. Der bereits mehrere Jahre laufende „Fall Lang- h amt m e r" ist endlich zur Entscheidung gekommen. Langhammer Ist ans ber Partei ausgeschlossen worden, well er sich u»n den gegen ihn erhobenen Vorwürfen unfreier geschäftlicher Manipulationen unb bes Ver­trauensbruches nicht zu reinigen vermochte. Wie ver­kantet, will er fein LandtcHsmandat beibehalten. Die sticht geringe Zahl feiner Anhänger unb persönlichen Ipreunbe wirb mit ber Entscheidung ber Parteiinstan­tzen sich kaum zufrieben geben, und es erscheint nicht ausgeschlossen, baß sie durch den Austritt aus der Pßartei dieser eine schwere Schädigung bereiten werde.

Eine Neuordnung ber Sckulsrage in Belgien wirb seit Jahren von ben Parteien ber Opposition, bei Liberalen unb Sozialisten, verlangt, in erster Li- stie bie Einführung b e 3 Schulzwangs. Aus katholischer Seite hat man bis jetzt dagegen Wi- berf.anb geleistet vornehmlich aus der Erwägung, daß ber Schulzwang ber Staatsgewalt Einfluß auf die Schule eröffnen müsse und bie Unterrichtsfreiheit da­durch gefährdet werden könne Aber man sieht heute doch immer mehr ein, daß auf bie Dauer jene Forde­rungen nicht unerfüllt bleiben können, und baß die ^Regierung unb die regierende Partei in ihrem eigenen Interesse wie im Interesse ber katholischen Bevölkerung .handeln würden, wenn sie bie als notwendig erkannte Meform selbst zur Durchftihrung bringen. Der katholische Abg. Verhaegen verlangt den Schulzwang unter vol­ler Aufrechterhaltung ber Unterrichtsfreiheit unb 'Gleichstellung ber amtlichen unb ber freien Schulen gegenüber bem Staate unter ber Voraussetzung, daß bie freien Schulen das für die amtlichen Schulen auf. gestellte Schulprogramm annehmen, unbefchadet des ,Übrigen kirchlicherselts vorgeschrlebenen Lehrstoffes. !®er Vorschlag stellt ein Kompromiß dar, er gewährt den Liberalen und Sozialisten den Schulzwang unb 'ben Katholiken bie staatliche Subvention ihrer Schulen. Der Voffchlag ist vortrefflich, hoffentlich gelingt seine 'Durchführung.

DaS unglückliche Frankreich hat bei den eben vollzogenen Generalratswahlen das Urteil per Kammerwahlen bestätigt. Die Rechte hat über 30 Ditze verloren Gewählt sind 194 Konservative, So­zialistisch-Radikale und sozialistische Republikaner, 142 'geeinigte Sozjiallsten, welche 18 Sitze gewinnen. Frankreich hat anscheinend nicht die Kraft mehr, sich