Mldaer W Zeitung
Moiatrbeiiage: „Ktldaer GeschichtrbMer"
II
Fulda, Samstag den 30. Juli 1910
37. Jahrgang
Erstes Blatt
M 172.
trftdlt rr-llch atit Hetn^me kr $oie« »nbjdertagt. Viertel« jährlicher vezngrprelr ohne Bringerlohn und BeptLgewinZllldoss. wiecmrwärtil.soM.
Verlag der Luldatr Ai« tiendruSerei in §«lda zernsprecher Nr. 9.
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jäÄiSi woch-Mii-gt: „Illustrierte Sonntagsjeitung
K Herr v. Kiderlen Wächter hat am Freitag die Dienstgeschäfte als EtaatSsekre« tär des Auswärtigen Amtes übernommen.
Bei seinem Amtsantritt hat er eine sehr gute Presse. Allseitig bekundet man Vertraue», mcht bloß auf seinen guten Willen, sondern auch auf sein Können. Die unglückliche Rede, dre er als Aushelfer in den trüben Novembeckagen 1908 im Reichstage hielt, hat man ihm verzrehen. Dre da« malige Aufzählung der im Auswärtigen Amt erledigten Aktennummer zeugte freilich von einer argen Verkennung des Schwerpunktes der Frage und der Stimmung des Reichstages; aber wer kann sagen, daß Herr v. Kiderlen die verfehlte Rede aus eigenem Antneb gehalten habe, und wer kann die Möglichkeit bestreiten, daß er aus dieser ersten herben Erfahrung etwas gelernt habe, wie schon manch' anderer parlamentarischer Neuling von der verunglückten Jungfernrede zur Meisterschaft sich hinauszuarbeiten verstand. Jedenfalls bringt Herr v. Kiderlen für sein neues Amt ein Doppeltes mit: eine reiche Erfahrung im diplomatischen Dienst und die Berufung durch Herrn v. Bethmann-Hollweg. Der gegenwärtige Reichskanzler hat bisher stets bett Eindruck gemacht, daß er bei der Auswahl seiner obersten Gehilfen im Reich und seiner Minister- kollcgen in Preußen scharfblickend und vorsichtig oorgehe.
Das Zusammenarbeiten des Reichskanzlers, der die verantwortliche Oberleitung der ganzen inneren und auswärtigen Politik hat und behält, mit dem geschäftsführenden Staatssekretär des Auswärtigen Amtes wird gewiß erleichtert durch den Umstand, daß der neue Verweser des Auswärtigen Amtes von Herrn v. Bethmann selbst aus- gewählt worden ist. Bei der Ueberlastung des Reichskanzlers und Ministerpräsidenten hat die Per« ^keit des Staatssekretärs eine größere Bedeutung, als wie es nach der formellen Unterordnung des Amtes unter dem allein verantwortlichen Reichskanzler scheinen könnte. Aber man darf auch in den festlichen Antrittsartikeln die Bedeutung des Staatssekretariats nicht so übertreiben, als ob nun die hohe Politik Deutschlands von Herrn v. Kiderlen gemacht würde, während der Reichskanzler sich mit der Repräsentation begnüge. Herr v. Bethmann ist freilich auS dem inneren Staatsdienst hervorgegangen; aber nach allen bisherigen Anzeichen ist zu erivarten, daß er die Oberleitung der auswärtigen Politik in seiner Hand behalten will und daß in allen wichtig en Fragen der Staatssekretär erst mit ihm Rücksprache nehmen wird. Wir halten es z. B. für ausgeschloffen, daß Herr v. Bethmann unten im Manuskript von Kaiserreden seine Druckerlaubnis setzt, ohne einen Blick in das Schriftstück geworfen zu haben.
Herr v. Kiderlen hat unmittelbar vor seinem Aintsantritt mit dem Leiter der auswärtigen Politik Oesterreich-Ungarns sich besprochen. Möge durch diesen Umstand aufs neue bekundet und gewährleistet werden, daß die Solidarität der beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche den Grund- und Eckstein unserer ganzen auSwär- tigen Politik bildet. Nach der glücklichen Erledigung der bosnisch-herzegowinischen KrisiS steht diese Solidarität fester und ruhmvoller da, wie je zuvor.
Auch in den Beziehungen Deutschlands zu den übrigen Mächten findet Herr v. Kiderlen bei seinem Amtsantritt eine erfreuliche Korrektheit und einen befriedigenden Ruhestand. Die Nachwehen der marokkanischen Zwistigkeiten hat sein Vor- , ganger, Herr v. Schön, noch ausgeräumt durch die Verständigung mit Frankreich, und wie man auch im einzelnen über die Wellenbewegung unserer Marokkopolitik zu Bülow's Zeiten urteilen mag, so ist doch anzuerkennen, daß die erzielle .Abspannung"' dem europäischen Frieden große Dienste erwiesen hat. Das befriedigte Frankreich hat sich in der bosnisch-herzegowinischen Krisis tadellos gehalten
uud ist auch nachher der freundlichen und ruhigen Politik gegenüber Deutschland und Oesterreich treu gcklieben. Ebenso beruhigend wirkt die Abspannung der englischen Politik seit dem Tode des Königs Eduard. Ohne eine gewiffe Unsicherheit geht es freilich in Europa niemals ab. Der gegenwärtige Sitz des UnruhebazilluS ist der nahe Orient und die russische Politik. Gerade in Sachen der Balkanpolitik wird Herr v. Kiderlen auf Grund seiner Erfahrung ein guter Ratgeber und Mitarbeiter sein.
Er sei willkommen und zeige, was er kann.
Deutsches Reich.
** Berlin, 29. Juli 1910. Der Kaiser hat sich bei der norwegischen Hafenstadt Bergen, wo er dieser Tage weilte, auf dem Gut Vangsmaß ein Grundstück erworben. Dort soll bas Frithjof-Denk- mal errichtet werben, bas der Kaiser dem norwegischen Volke geschenkt hat. — Der Kaiser verlieh dem Kon- sul Mohr den Kronenorden 2. Klasse. — Die Jacht „Hohenzollern" mit dem Kaiser an Bord ist nach Swinemünde in See gegangen. — Dem bisherigen Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika ist der Rote Ablerorben zweiter Klaffe mii Eichenlaub unb Schwertern am Ringe verliehen worden.
♦* Der Reichs- und Landtagsabgeordnete Fchr. von Frtzberg (Ztr.) wurde von einem schweren Unfall betroffen. Infolge Scheuens der Pferde wurde seine Equipage in Jetzendorf zertrümmert. Der Baron wurde dn ein Haus geschleudert und derartig verletzt, daß er erst Freitag vormittag zum Bewußtsein kam. Eine unmittelbare Lebensgefahr besteht nicht. Die Gemahlin und Mutter des Barons, sowie der Kutscher sind leicht verletzt.
)( Zur Baffermann - Bethmann - Konferenz im Eisenbahnzuge nimmt jetzt anscheinend Basser- mann selber das Wort, und zwar in dem,Mannh. Generalanz/. Da wird, was kein Mensch bestreiten wird, auSgesührt, schon die Logik der inneren Situation führe dazu, anzunehmen, daß eS sich bei der Unterhaltung um eine unverbindliche Aussprache zwischen dem Reichskanzler und Baffermann gehandelt habe. Der Reichskanzler habe Baffermann seine Absichten dargelegt, die Zwecke des Minister-Revirements und bergt, ohne sich etwa über die Wahlparole auszulaffm oder den Führer der Nationalliberalen im Sinne einer solchen beeinflussen zu wollen. Baffermann werde den Reichskanzler darüber un- ternchtet haben, daß die nationalliberale Partei weiterhin nationale und liberale Politik treiben werde, ohne das Bedürfnis einer Anlehnung an die Sozialdemokratie oder an eine Koalition von Zentrum und Konservativen zu empfinden. Weiter wird dann betont, die nationalliberale Partei werde eine Politik der freien Hand und der un- behinderten Beständigkeit nach allen Seiten hin treiben. — Das klingt sehr lahm. Daß bei solchen Konferenzen keine Beschlüsse gefaßt und kein Protokoll ausgenommen wird, mag der nationalliberalen Preffe gern zugegeben werden. Worauf eS ankam und ankommt, das ist der gegenseitige Gedankenaustausch und die daraus folgende A n - Näherung der Auffassungen, die beiden Teilen dann für später die Grundlage für ein Zusammenarbeiten bietet. So und nicht anders ist der Hinweis auf diefe Baffermann-Bethmann- Konferenz zu verstehen. Daß der Kanzler sich dabei mehr ober weniger ausdrücklich den Nationalliberalen verschrieben habe, ist gar nicht nötig. Es genügt die Tatsache, daß er mehr als irgend ein Reichskanzler vor ihm, mehr als auch nur Reffortminister, sich den nationalliberalen Wün- schen gefügig zeigt.
-f- Linksliberale Blocktreue. Der frühere nationalliberale Reichs- und württembergische Landtagsabgeordnete Dr. Hieber hat bekanntlich seine Mandate infolge seiner Beförderung in ein höheres Amt niedergelegt. Am Donnerstag hat nun im Landtagswahlkreise Welzheim, den Hieber vertrat, die Landtagsstichwahl stattgefunden. Diese Stichwahl hat, wie unsere Leser wiffen, mit dem Siege des Sozialdemokraten geendet. Der Sozialdemokrat, Genoffe Kinkel erhielt 1448, Wärst (fortschr. Volkspartei) 1200 und Mohring (rechtsstehender Kandidat) 1079 Stimmen. Bekanntlich erfolgten die Stichwahlen zum württembergischen Landtage zunächst nach dem Grundsätze der relativen Mehrheit. Nun hatten bei dieser Wahl die Nationalliberalen be« schlossen, um den Sieg des Sozialdemokraten, der bei der Hauptwahl an erster Stelle stand, zu verhindern, für den Volksparteiler zu stimmen. Da die Nationalliberalen und Volksparteiler zusammen bei der Hauptwahl mehr Stimmen erhalten hatten, als der Sozialist, galt die Wahl Würst's als gesichert. Trotzdem aber siegte der Genoffe. Es ist also anzunehmen, daß viele Liberale nicht der Parteiparole gefolgt sind. Man sieht hier wieder, daß die Steuerhetze, die auch bei dieser Wahl wieder heftig getrieben wurde, nicht den Liberalen, sondern aus schieß- lich den Sozialdemokraten zugute kommt. Diese Hetze hat es in erster Linie verschuldet, daß ein alter nationalliberaler Kreis in die Hände der Sozialdemokratie übergegangen ist. Angesichts dieses Wahlergebnisses ist die Reichstagserfatz- wahl in Hiebers früherem Wahlkreise (Kannstatt- Ludwigsburg), die heute stattfindet, von beson- Jntereffe. Im Jahre 1907 siegte Hieber mit 18 787 Stimmen über den Genossen, der 15 488 Stimmen erhielt. Für die Ersatzwahl kandidieren der frühere Reichstagradg. Dr. Wolff- Stuttgart (Kandidat der rechtsstehenden Parteien), Chefredakteur Keil (Sozialdemokrat) und Ziegelei- besitzer Oettinger-EnderSbach (nationalliberal und fortschrittliche Volkspartei).
-t- Der „nationale" Fortschritt. Die „Voff. Ztg." (Nr. 352 v. 29 Juli) erhält eine Zuschrift aus Schlesien, in der die Aussichten einer Kandidatur des Abg. Baffermann in seinem jetzigen Wahlkreise Rothenburg. Hoyerswerda erörtert werden. Darin befindet sich folgendes intereffante Eingeständnis:
Es steht fest, daß Unzählige, die mit Freuden für einen Fortschrittler einträten, ihre Stimme einem Nationalliberalen vorenthalten und für einen Sozial- demokraten stimmen würden.
So sieht es mit dem bürgerlichen Gewissen der Linksliberalen aus! Es berührt mehr als eigentümlich, daß eine Partei, deren Anhänger sogar einem Nationailideralen den sozialdemokratischen Kandidaten vorziehen, es noch wagt, anderen Parteien wegen aus taktischen Rücksichten erfolgter Wahlunterstützung der Sozialdemokratie Vorwürfe zu machen.
(*) Ein glänzendes Lob für das Zentrum aus Gegners Mund. Die Differenzen in der nationalliberalen Partei führen allmählich zu erregten Aussprachen, und dabei scheint man in den Redaktionen der beteiligten Blätter ganz vergessen zu haben, was man vor einem Jahre zur Reichsfinanzreform geschrieben hat. Das, waS man damals aus tiefster Seele bekämpft und als Verrat am Volke hingestellt hat, das wird jetzt von einer der sich bekämpfenden Gruppe in der Partei offen und ehrlich als ein Vorteil für das
Land hingestellt. So schreibt die den National- liberalen doch sehr nahestehende „Arbeitgeber- zeitung" in einem Appell an die National- liberalen, doch nicht durch weitere Pflege der Uneinigkeit der Sozialdemokratie die Wege zu ebnen, folgendes Lob für die Konservativen und das Zentrum und ihre Reichsfinanzreform:
„Wir wollen das Verhalten der Konservativen gegen die Erbschaftssteuer und sonst durchaus nicht verteidigen. Aber schließlich waren die Reichsfinanzreform und die neuen Steuern eine absolute,dringendeNotwendigkeit, bei welcher die Linke unendliche Weiterungen und Schwierigkeiten machte und nicht zum Schluß kommen konnte. Schließlich hätte sie aber das Gros der Steuern doch ungefähr ebenso, wie es nachher die vereinigten Konservativen und Zentrumsleute getan, bewilligen müssen und bereinigt, abgesehen von der Koupon- und Stempelsteuer. So ungeheuer schlimm haben sich letztere aber doch nicht erwiesen, daß ihretwegen mit einemmale di» ganze Politik auf den Kopf gestellt werden müßte, wie eS tatsächlich geschehen."
)( Ein netter Hetzversnch gegen die Reichsstnanz- refortn. In der dem Hansabund ergebenen Presse heißt es:
„Auf Wunsch führender Kreise der deutschen Industrie ist der Hansabund in eine Enquete darüber eingetreten, ob und aus welchen Ursachen (Finanzreform) Abwanderungen industrieller Unternehmungen in daS Ausland erfolgt sind. Das Ergebnis wird voraussichtlich in dem im Oktober dieses Jahres erscheinende« Werke des Hansabundes über die öffentlich-rechtlichen Belastungen von Handel, Gewerbe und Industrie Be- rückstchtigung finden."
Auch seinerzeit bei der Einführung bes Zolltarifs haben die publizistischen unb organisatorischen Vertreter des Freihandels immer wieder eine größere Abwanderung der Industrie ins Ausland behauptet. Nachher hat die amtliche Feststellung ergeben, daß diese Behauptung purer Schwindel war. So wirb es natürlich auch jetzt sein.
d DaS Postscheckwesen hat sich trotz der Zins- losigkeit aller Guthaben beim Postscheckamts glänzend bewährt. Es gibt augenblicklich nahezu 52 000 Postscheckkonten in Deutschland. Im ersten Halbjahr 1910 wurden nahezu 10 Milliarden Mark äbgesetzt. Deutschland hat heute fast doppelt soviel Postscheckkonten als Oesterreich, wo sich das Postscheckwesen bereits 15 Jahre bewährt hat und wo die Guthaben bei der Post, wenn auch gering verzinst werden. — Die Zinslosigkeit der Postscheckeinlage wird übrigens vielfach nicht als besonders unangenehm angesehen. Sie führt nämlich dazu, daß die bei der Postlagernden Beträge schleunigst weiter gegeben werden, sodaß die Bezahlungen der Rech- nungeu und fortlaufenden Verpflichtungen dadurch im allgemeinen eine nicht unerhebliche Beschleunigung erfahren hat.
* An dem angeblichen Adrüftuugsvorschiag des Königs von Italien ist, wie eine Berliner Korrespondenz an Stellen, die unterrichtet sein müßten, erfahren hak, kein wahres Wort.
(*) Unruhen nordöstlich von Tsingtau! AuS Tsinanfu wird der „Germania" gemeldet: Seit einem Monat etwa soll es in den Kreisen Haiyang (etwa auf halbem Wege von Tsingtau nach dem Ostkap der Schcmtung-Halb'nsel hart an der Küste gelegen) und nordwestlich davon in Laihang unruhig gewesen sein. Von den chinesischen Zeitungen hier in Tsinanfu und auch im Gouvemeursyamen wird behauptet, das Volk sei über die Mandarine wegen rücksichtslosen Eintreibens von Steuern erbost und verweigere den Tribut. Andere wollen wissen, (so auch der Berichterstatter der Kiautschou-Post), daß die G e - treide-Spekulationen der Beamten und Notabelen das sonst ganz ruhige Volk so hart bedrückt haben, daß es zum Aufftande gekommen sei. Der Mandarin von Haiyang mußte fliehen und kam gestern hier in Tsinanfu an. Sein Neffe ist bei diesen Unruhen zu Tode gekommen. Die Schantunger Provin- zial-Regiemng hat sofort 700 Mann der Polizeitnrp-
3>er
Roman von FerguS Hume. Autorisierte Bearbeitung 36] von C. Meßner.
Nach einer Pause begann Frau Holder von neuem: 'Du sprachst vor einiger Zett — Du weißt doch, als diese schreckliche Geschichte anfing — sprachst Du einmal davon, einen Teil des Geldes Mrüchubekom- *men."
I „Ich weiß, Mutter", seufzte Olga. .Du wirst Dich erinnern, daß ich William Prest, dem Schreiber Kir- by'S, begegnet war. Mit seiner Hllfe hoffte ich Gewißheit über verschiedenes zu erlangen. Aber das Gericht hat sämtliche Papiere des Ermordeten mit Be- schlag belegt, Prest Würbe entlassen und dadurch ist uns jede Möglichkeit genommen, die Wahcheit zu er- gründen Ich fiirchte, die vierhunderttausend Mack meines armen Vaters find für immer verloren/
„Sechshunderttausend, Olga!" verbeffecke die Mutter.
Fräulein Holder richtete sich ein wenig in die Höhe und sah die Mutter erstaunt an. „Ich dachte, es handelte sich um vierhunderttausend?"
„Nein, liebes Kind. Vierhunderttausend gehörten Deinem Vater, aber ich besaß extta zweihunderttausend, die der arme Mann zum Spckulieren benutzte. Kirby hat Deinen armen Vater um sechshunderttausend Mack betrogen. Ach Gott, ich glaube, Du hast recht — wir .werben das schöne Geld nie Wiedersehen."
,--3ch fürchte es auch!" gab Olga zurück. .Prest toajc meine einzige Hoffnung in diesem Fall; er hat leider feine Gelegenheit mehr, die Papiere durchzusehen." Eie bewegte sich unruhig hin und her. .Siehst Du Elftiede noch immer nicht, Mutter?"
Frau Holder schaute abermals aufmecksam zum Fenster hinaus.
"Ich ^he niemanden. Doch halt - dock kommt ein weibliche? Wesen die L-traße herauf. Es könnte am Ende Elfriede sein Wenn ich bloß ihre Frisur sehen könnte! Aber sie trögt einen aufgespannten Re
genschirm. Jetzt weht ihn der Wind etwas beiseite. Ja, es ist Elfriede."
Mit diesen Worten eilte Frau Holder zur Tür, nm so schnell wie möglich das Neueste zu erfahren.
Olga blieb mit gefalteten Händen und hochllopfen- bem Herzen auf dem Sofa liegen.
Endlich trat Elfriede ins Zimmer.
,Oh, liebe Olga", rief ihr die durchnäßte, junge Dame entgegen, deren erhitztes Gesicht feuerrot war und die ein ihr sonst ganz ftemdes Wesen an den Tag legte, welche Neuigkeiten!"
^Lena Kirby —*
.Ist freigesprochen!" rief Fräulein Lambert triumphierend. .Was für Dich aber noch viel mehr wert ist — ihre Aussage wird auch zu Brands Freisprechung führen."
«So war sie es also doch, die ihm das Versprechen des Schweigens erpreßte'" stieß Olga blaß und au allen Gliedern zitternd hervor.
„Natürlich war sie es — ich habe es mir gleich gedacht! Oh, Olga. Lena ist ein hartherziges, gräßliches Ungeheuer!"
grau Holder nickte. .Ich habe nie eine gute Meinung ö»n ihr gehabt Ihre Art unb Weise, mit fremden Männern zu kokettieren, hat mir nie gefdien — im Gegenteil. Ich kann sie natürlich nur nach dem beurteilen, was Sie, liebe Elfriede und Olga mir von ibr erzählten, aber das —"
,34 bitte Dich, Mutter", unterbrach sie Olga in nicht zu bemeisteruder Ungeduld, „laß doch Fritzi reden."
Frau Holder war selber so gespannt, die Neuigkeit zn vemchmen, daß sie ganz und gar vergaß, Olga wegen Anwendung des ihr so unangenehmenNamens zu tadeln Fritzi wurde in einen bequemen Lehnstuhl neben das Feuer plaziert. Da ihre Stimme ganz heiter von dem Nebel geworden war, brachte Frau Holder schleunigst ein Glas Portwein herbei. .Das allerbeste für eine heiser gewordene Kehle", bemeckte sie, indem sie das junge Mädchen zum Trinken aufforderte.
Olga verging fast vor Ungeduld bei all diesen Umständlichkeiten, die Fritzis Bericht immer mehr ver-
zögerten. Endlich war Fräulein Lambert so weit, daß sie zusammenhängend sprechen konnte; sie gab ihren Zuhörerinnen denn auch eine ausführliche Schilderung der Gerichtsverhandlung.
.Ich war sehr früh im Gerichtssaal," begann sie, .um mir einen guten Platz zu sichern. Eigentlich wollte ich in Bruno fi'raffts Begleitung hingehen, er hatte jedoch eine wichtige Probe zu leiten und ich mußte allein gehen. Es war eine Menge Menschen da, auch Herr Schau; Feldern dagegen habe ich nicht gesehen."
„Das ist merkwürdig", versetzte Olga verwundert. .Er ist doch begierig darauf, daß dieser Fall seinen Ruhm vergrößern soll, daß mir sein Fernbleiben rätselhaft ist. Warum mag et nicht gekommen sein?"
„Wabrscheinlich konnte er nicht", meinte Fritzi. „Ich fragte einen der Polizisten, ob Herr Feldern nicht anwesend sei, dieser antwortete mir, er sei krank, habe sich zu s-br überanstrengt und abgehetzt — das könne der Stackste und Gesündeste nicht aushalten."
„Ja, ja, das mag wohl sein", sttmmte Olga mit einem Seufzer bei. „Ich begreife den armen Mann. Aber auf welche Weise änderte sich Lenas gefährliche Situation? Konnte sie ihre Unschuld, beweisen?"
„Teilweise, ja. Zum größten Teil aber geschah es durch die Aussage eines Jungen "
„Eines Jungen? Welches Jungen?"
„Warte ein bischen, meine Liebe. Laß mich beim Anfang anfangen. Also Lena erschien vor Gericht, sehr elegant gekleidet trotz ihrer schlimmen Lage, über die sie wirklich gehöriges Entsetzen empfand. Sie behauptete, zur Zeit des Mordes zu Hause gewesen zu sein und zwar in Gesellschaft des Herrn Brand."
Olga stieß einen leisen Schrei aus. „Mit Herbert? Um welche Zett?"
.Zur Zeit des Mordes", wiederholte Fritzi nachdrücklich. „Lena gestand, sie habe Herrn Brand in Abwesenheit ihres Gatten zu sich gebeten, weil sie wichtige, persönliche Angelegenheiten mit ihm zu ordnen gehabt habe. Brand hielt die ihm angegebene Zeit jedenfalls für zu spät; deshalb kam er früher. Zu dieser Zeit war Kirby noch anwesend unb machte ihm
eine Szene, weil Branb seiner Frau so augenfällig huldigte. Brand veckieß das Haus, ohne Gelegenheit gefunden zu haben, Sena zu sprechen. Dann hielt er die von Lena angegebene Zeit inne und ging um elf nochmals zu ihr. Herr Brand war allein von elf bis etwa nach zwölf mit Lena im Wohnzimmer zusammen. Du stehst daraus, baß Lena Weber ihren Gatten um- gebracht haben, noch im „Blauen Hecht" gewesen sein kann."
.Und Herbett auch nicht!" rief Olga in höchstem Grade erregt dazwischen. „Er ist unschuldig! Oh, d.fo deshalb schwieg er — um die Ehre einer Frau zu retten, die ihn ruhig hätte in den Tod gehen lassen dafür, daß er ihren guten Ruf schonte!"
„Ich habe von jeher behauptet, daß Lena eine falsche Katze ist, liebe Olga. Lena gestand alles, Brand das Versprechen des Stillschweigens abgenommen zu haben, well sie nicht wünschte, daß es bekannt würde, daß sie zu so später Stunde mit ihm zusammen gewesen sei. Als Kawalier vom Scheitel bis zur Sohle, der er nun einmal ist, tat er, was sie von ihm verlangte. Und selbst unter der fürchterlichen Anklage des Mordes — selbst bann, als sein Leben bedroht war, hielt er sein Wott und schwieg."
„Me edel von ihm!" tief Olga begeistert.
„Wie dumm, wie schrecklich dumm von ihm", widersprach Ftttzi.
.Nein, liebe Elftiede, da sttmme ich doch nicht mit Ihnen überein," mischte sich Frau Holder mit ihrer ernstesten Mene ein. „Es war edel von Herrn Brand, die Ehre einer Frau zu beschützen. Ich denke jetzt besser von ihm als vorher; aber —" Frau Holder zö- gette und sah ihre Tochter forschend an — „ich verstehe nicht, wie er unter solchen Umstanden meine Olga lieben kann!"
Olga setzte sich in die Höhe. Ihre Wanaen glühten unb ihre Augen blitzten. .Ich will kein Wort ae- gen ihn hören", rief sie. „Er liebt mich und Hai mich über seine Beziehungen zu Lena aufgeklärt. Und da ich seine Frau werden will, gehen diese attein mich etwas an."
(Fortsetzung folgt)