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Samstag den so. Juli 1910.
37. Jahrgang
TMldaer W Leitung *
3. Blatt.
Druck Mb vrrlag Ur gulbatr UtHtabruie» rt I« Mda.
1870|7L
Ein amtliches französisches Werk.
Ueber -en Ursprung -es Krieges
Der französische Minister des Auswärtigen Pichon batte im Jahre 1907 eine Kommission ins Leben ge- mfne, der die Aufgabe gestellt war, in einem großen, grundlegenden Werte alle französischen diplomatischen Dokumente zu sammeln und zu veröffentlichen, dre sich aus den Ursprung des Krieges von 1870 beziehen. Diese Kommission, die auS dem Chef der französischen Archive Deluns-Montaud und den Historikern Joseph Reinach, A. Aulard und Emile Bourgeois bestand, veröffentlicht soeben die ersten beiden Bände d« abschließenden Publikation, die im ganzen 8—10 Bande umfassen wird.
Der erste Band wird eingeleitet durch einen inter- effanten Bericht Pichons an den Präsidenten der Republik und durch den abschließenden Ueberblick über die Arbeiten der Kommission, den an Stelle des verstorbe- uen Präsidenten Deluns-Montaud Jos Reinach erstattet hat. Der Minister des Auswärtigen äußert sich über den Zweck und die Bedeutung dieses Unternehmens: „Die schweren Prüsimgen, die unser Land in dem Kriege zwischen dem kaiserlichen Frankreich und Deutschland erlitten hat, haben zu mannigfachen Untersuchungen Anlaß gegeben, um die Geschichte dieser tragischen Tage aufzuzeichnen. Der deutsche große Generalstab hat mit einem seltenen Geist der Kritck die militärische» Operationen dieser Epoche einem besonderen Studium unterworfen. Die Politik des deutschen Reiches ist von dem Manne selbst dargelegt worden der sie zum größten Teil inspiriert, geleitet und zum Triumvhe geführt hat. In Frankreich haben einige Persönlichkeiten, die die schwere Last der Regierung in diesen Tagen der Trauer trugen oder die sich tn verschiedenen Remtern mit der Verteidigung unseres Landes besaßt haben, fragmentarische Berichte über den Krieg veröffentlicht, denen man weder künstlerische noch intereffante Darstellung absprechen kann. Auch sind Geschichtswerke geschrieben worden, die in vieler Hinsicht wertvoll sind, aber notwendigerweise unvollständig und vielfach tendenziös. So wurde es not- wendig, um diese bisher unvermeidlichen Lücken aus- zufiillen, mit dem Geist vollkommener Unparteilichkeit die Dokumente zu sammeln und zu veröffentlichen, die gestatten, mit voller Kenntnis der Ursachen die Geschichte einer für die Belehrung so wichtigen Epoche zu erzählen. Es wird Ihnen, Herr Präsident, richtig erscheinen, daß eine Demokratie wie die unserige, deren Schicksal eng mit diesen Ereignissen verbunden ist, in deren Verlauf sie die volle Ausübung ihrer Souveränität gewonnen hat, das Recht beanspruchen darf, über die ganze Wahrheit unterrichtet zu werden, damit sie die Menschen und die Dinge billig beurteilen kann, deren Tätigkeit von so tiefer Wirkung auf ihr Geschick gewesen ist. Das wahrheitsgemäße Gemälde dieser Vorgänge wird ein scharfes Licht auf die Bedingungen werfen, unter denen der Krieg ecklärt und geleitet wurde, und auf die Prinzipien, die seitdem maßgebend geworden sind und die 'n der Zukunft zur Verteidigung Frankreichs und der Interessen unserer Demokratie maßaebend werden sollen."
Reinach geht in seinem Rapport an Pichon zunächst von allgemeineren Gedanken aus. Er legte dar, daß die Publikation nicht nur diejenigen diplomatischen Akten vorlegen will, die sich auf die nächsten Ursachen des deutsch-französischen Krieges beziehen, daß sie sich nicht nur an die Historiker wendet, sondem an die Re- gienmgen und die Völker, und daß sie daher auch die weiter zurückliegenden Ursachen und Triebkräfte berücksichtigen wird.
Er verbreitet sich dann int allgemeinen über die Diplomatie des zweiten Kaiserreiches: „Die Diplomatie des zweiten Kaiserreiches ist viel aufmerksamer, viel unterrichteter und viel hellsehender gewesen, als man gewöhnlich cmnimmt. Sie informierte sich sorg- säliig und beobachtete klug die Menschen und die Dinge Mehr als einmal wußte sie die Pläne zu durchschauen, die Hintergedanken zu erraten, die fremde Staatsmänner hatten. Sie begnügte sich nicht damit, die Höfe unv die Regierungen in ihrer Entwicklung zu verfolgen; ihr waren auch die tiefen Bewegungen innerhalb der deutschen Nation, die sich damals vollzogen, nicht entgangen. Sie sah darin das düstere Vorspiel eines großen Dramas. Aber diese offizielle Diplomatie ist unglücklicherweise durch eine geheime Dipomatie in ibreit Entschlüssen gehemmt worden, die noch sehr unvollkommen bekannt ist, deren Arbeit sich aber fast.beständig spüren läßt. Weder die Kammer noch die öffentliche Meinung sind genau von den Stellungen der Negierungen und den Volkswünschen unterrichtet worden. Sie beharrten nach alter Gewohnhest dabei, Deutschland fünfzig Jahre vor dem Punkte zu suchen, auf dem es damals war. Endlich ist die kaiserliche Politik nicht von der ausschließlichen Sorge für das französische Interesse bestimmt worden, sondern von den Launen einer persönlichen Macht, die das französische Jntereffe allzusehr dem Ehrgeiz unterordnete, die Weltkarte nach dem Rationalitätsprinzip mnznoeflalten, es zu sehr ausschließlich dynastischen Erw''>'uneen unterwarf."
Reinach erklärte dann, daß der Krieg von 1870 zwar direkt durch die Kandidatur eines preußischen Prinzen für den spanischen Thron hervorgerufeu worben sei, daß aber sein Ursprung viel weiter zurückliege. Zwar will man nicht zurückgehen auf die Gegensätze, die durch die Revolution, durch den siebenjährigen Krieg, durch die Rivalität Franz I. und Karls V. oder gar durch die Nachfolge Karls des Großen hervorgerufen wordm find. Nach langen Uebrrlegungen hat jedoch die Kommission den Ausgangspunkt für die diplomatischen Verwicklungen, die endlich den Krieg bervorriefen, auf den Dezember 1863 fixiert, als die Schleswig-Holsteinische Frage aktuell wurde.
Damals trat die Absicht Bismarcks zum ersten Male deutlich hervor. „Sein Vorgehen gegen Dänemark ist nicht nur an und für sich das Meisterwerk feiner Diplo- jnatie: es enthält auch im Keime alle seine anderen Unternehmungen. Die erste Etappe, wie er es bald danach selbst einem italienischen Gesandten mitteilen Wird, ist „die Begründung der Herrschaft Preußens über den Norden Deutschlands". Es wäre unrecht, zu sagen, daß von dem Tage an. da Frankreich Däne
mark verließ, baS Verhängnis nicht mehr aufzuhalten war, denn die Geschichte rollt sich nicht ab wie eine geometrische Kurve. Die Fehler von gestern können ebenso wieder gut gemacht wie verschlimmert werden, und der Erfolg kann schließlich vom Zufall abhängen Aber es ist klar, daß das Zusammenhalten Frankreichs und England, toenn es in der Frage der dänischen Herzogtümer hergestellt und befestigt wordm wäre, genügt haben würde, um viele Jahre ben Frieden aufrecht zu erhalten."
Die ersten beiden Bände des Werkes beschäftigen sich daher mit der Schleswig-Holsteinischen Frage und reichen vom Dezember 1863 bis zum Mai 1864. Sie umfassen alle in den französischen Archiven vorhandenen wichtigm Dokumente, durch Schriftstücke der srem- ben Gesandtschaften ergänzt, und mit kurzen erklärenden Noten versehen.
Natürliche nn- künstlicheFlnchtechnik.
Von Karl Becher. (Nachd. verb.)
Ellende Wolken, Segler der Lüste, Wer mit euch wanderte, mit euch schiffte....
So sang der Dichter sehnsuchtsvoll, lange ehe er ahnm konnte, daßGraf Zeppelin und viele andere im 20. Jahrhundert Aufsehen machen würden. Die Sage der Griechen von Dädalus, wie die deutschen Helden- fage vom lahmen Schmiede Wieland, welcher auf kunstvoll aus Stahl und Vogelfedem beifertigten Flügeln bet Rache bet Götter entrann, drücken die alte Sehnsucht bet Menschheit nach den lichten Höhenregionen aus, wenn auch nie ein Mensch auf solchen Flügeln sich vom Erdboden erheben konnte.
Die Flugversuche unserer Aviatiker lenken aber doch unsere Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße auf diejenigen Tiere hin, welche von der Natur mit Flugapparaten ausgestattet worden sind, und unter welchen die Vögel und die Jnsetten hoch obenan stehen. Was wir außer diesen an fliegenden Tieren haben, wie einige Fischarten, Fledermäuse, Eichhörnchen, Frösche kommt für unL hier wenig in Betracht, da es sich dabei doch nur um ein mehr oder weniger gewandtes und, abgesehen von den Fledermäusen, auch nicht lange dauerndes Flattern ober Springen mit nachfolgendem Gleiten handelt.
Unter bcn Insekten fehlen nur wenig Tieren die Flügel; die Mehrzahl trägt je ein Paar Vorder- unb Hinterflügel, die sehr verschiedene Ausbildung haben können. Die Vorderflügel sind insbesondere nicht einmal immer als Flugapparat ausgebildet, sondern haben bei manchen Arten diese Fähigkeit ganz verloren und haben nur noch die Funktion, die hinteren zarten Flügel zu schützen, wie bei den Käfern, bei denen der Flug nicht die Hauptbewegung ist, sondern die infolge ihrer Lebensweise gezwungen und, zwischen Gesträuch und Blattweck ober Erdschollen hermnzu- kriechen.
Diese ungleiche Ausbildung der Flügel bedingt ein ungleiches Flugvermögen, wobei auch die Flugmuskulatur sehr in Betracht kommt. Je schneller der Flug sein soll, desto kräftiger und schneller muffen die Flü- gel bewegt werden. Alle Jnsetten schlagen die Flügel beim Fluge schräg nach unten hinten und heben sich bann schräg nach oben vorn empor, sodaß Die Flügel- spitzen die Form eines liegenden Achters beschreiben. Erfolgt der Niederschlag mtt größerer Kraft, als der Ausschlag, so steigt das Tier, ist der Aufschlag stärker, so sinkt es zu Boden. Für die Richtung der Bewegung ist das Halten des Hinterleibes von großer Wichtigkeit, für das Gleichgewicht die Form Wird z. B. einer Libelle ein Stück des Hinterleibes abgeschlagen, so kann sie nicht mehr fliegen.
Auch bei den Vögeln bewirkt das Aufschlagen auf die Luft das Fliegen. Es kommen aber noch einige Momente hinzu, welche diesen eigentlichen Seglern der Lüste die lange Ausdauer ermöglichen. Zunächst der eigentümlich leichte Bau des Körpers, welcher den Vogel z. B. gegenüber selbst der fein gebauten Fledermaus außerordentlich begünstigt. Die stärkeren Knochen des Vogels sind nämlich durchweg hohl, wodurch sein ganzes Knochengerüst stabil und doch leicht wird.
Ein zweiter Vorteil ist der, daß der Vogel atmen kann, ohne die Brustmuskeln besonders anzustrengen. Es stehen nämlich bei den Vögeln mit den Lungen zahlreiche Luftsäcke in Verbindung und schieben sich zwischen MuÄeln und Eingeweide ein, ja senden ihre Enden sogar bis in die hohlen Knochen hinein. Durch den Widerstand, den die Lust dem schnellen Fluge entgegensetzt, wird von außen die Lust in die Lungen und in die Säcke hinein gepreßt, sodaß sie sich prall füllen. Durch den Nügelschlag aber werden die Luftsacke, die zwischen Schultergelenk und Brustmus- keln liegen, zusammengepreßt und aus ihnen die Luft durch die Lungen nach außen getrieben; also eine Atmung, ohne daß der Vogel etwas besonderes dabei mittut. Diese Einrichtung ermöglicht es dem Vogel, nicht nur weite Strecken mit großer Geschwindigkeit zurückzulegen, sondern auch sich in Lufschichten auszuhalten, in denen ein Säugetier nicht lange bestehen könnte.
Ein außerordentlicher Vorteil des Vogels ist sodann auch die Gestaltung seines Flügels. Die einzelnen Schwungfedern sind bekanntlich nicht spmmetrisch gebaut, sondem der nach oben gerichtete Fahnenabschuitt ist bedeutend schmäler als der nach unten gerichtete, und die Feldern liegen nicht neben-, sondem übereinander und decken sich so, daß alle Vorderfahnen auf die Oberseite, alle Hinterfahnen auf die Unteqeite des Flügels zu liegen kommen. Diese für ben ersten Anblick ganz zufällig und zwecklos erscheinende Anordnung bewirkt folgendes: Wird der Flügel nach unten geschlagen, fo drückt die Lust die Hin- tersahnen nach oben und macht so den Flügel zu einer luftundurchlässigen Fläche, die dadurch eine große Wirkung erzielen kann. Wird der Flügel aber in die SSöbe geschlagen, so trifft die Lust die schmalen Vorderfahnen und bcn freiliegenden Teil der Sinterfahnen. Da diese von unten nicht gestützt werden und die Schwungfedern um ihre Längsachse etwas drehbar sind, so aeben sie dem Drucke nach, weichen nach unten ans und gestalte» auf diese Weise den Flügel zu einem Gitter, durch das die Lust ungehindert hindurch kann. Aus diesem Grunde sind auch die Bewegungen der Vogel so elegant, leicht und sicher, während die Fledermaus, welche mit ihrer undurchlässigen Flughaut die ganzen Gliedmaßen immer beim Niederschlag ausbreiien, beim Ausschlag einziehen muß, es nur zu einem unregelmäßigen Flottem bringt.
Tas Flugvermögen ist bei den einzelnen Arten und Gattunaen der Vöael ebenso verschieden, wie bei
ben Jnsetten; es hängt ab von der Größe und Form der Flügel wie des Schwanzes. Je läng« d« Flügel desto wirksam« der Schlag auf die Luftschicht, wogegen ein kurz« Flügel, auch wenn er noch so breit ist, eine geringe Wirkung hat Es ist ganz dasselbe Verhältnis wie mtt Boot und Ruder im BVster wo auch mit einem langen Ruder der Kahn bedeutend heftiger und schneller vorangetrieben wird, wie mtt einer kurzen breiten Schaufel. So ist z. B. d« Flug der Schwalbe mit ihren langen schmalen Flügeln schnell, leicht und gewandt, während das Huhn mit seinen'kurzen breiten Flügeln sich nur schwer in die Luft erheben und nicht lange in ihr halten kann.
Bei der Ueberwindung d« Schwere durch den Flug kommt es an auf die Straft, womit auf die Luft gedrückt wird; und die Größe dies« Kraft ist wieder abhängig von der Länge der Flügel unb ber @e= schwindigkeit, mit bet diese bewegt werden. Ein Spatz hat 10 cm lange Flügel und macht etwa 12 Schlage in der Sekunde, cllso 10 X 12 = 120; eine Biene hat 0,63 cm lange Flügel und macht 60 Schläge — 119 70; bet Storch 63 cm Flügellänge und macht 1% Schläge — 119. Also bei 120 liegt die Vergleichszahl, die bei allen Fliegern ziemlich gleich ist.
Zu beachten ist dabei, daß der Widerstand bet Lust bei zunehmend« Flächenausdehnung etwas schneller zunimmt als die Fläche, woraus es sich erklärt, daß größere Tiere im Verhältnis weniger Flugfläche brauchen als Reinert. So braucht die Trappe nur 62 Quadtatmillimeter Flügelfläche für ein Gramm Gewicht der Albatros 67, die Krähe 216, die Schwalbe 611, die Mücke aber 10 000. Nach diesem Gesetz kann man auch leicht feststellen, wie groß die Flügel sein müßten, die den Menschen zum Fliegen befähigen würden. Nach den Berechnungen von Lendenfels brauchte ein 70 Kgr. schwerer Mensch 32 Quadratmillimeter Flügelfläche für jedes Gramm Körpergewicht. ein 80 Kgr. schwerer 31, ein 90 Kgr. schwerer 30 und ein 100 Kgr. schwerer 29sH Quadratmillimeter. Nehmen wir an, der Körper hätte samt beit künstlichen Flügeln ein Gewicht von 90 Kgr., so müßte die Fläche 90 OOOmal 30 Quadratmillimeter == 2,7 Quadratmeter betragen. Sollten die Flügel die Form einer Albatrosschwinge haben, so müßten sie 3 Met« lang und am Grunde 60 Zentimeter breit sein.
Bei dem heutigen Stande der Technik müßte es in der Tat nicht allzu schwer sein, ein dem Vogelflügel in Bau und Funktion ähnliches Gedllde in bet nötigen Größe herzustellen und auch zu handhaben.
Um so wunderbarer ist es, daß ein solcher Versuch noch gar nicht gemacht worden, daß vielmehr alle unsere modernen Aviatiker ganz andere Wege gegangen sind. Für die Freiballons wird bekanntlich durch Füllung einer luftdichten Hülle mit einem leichten Gas gewissermaßen ein Schwimmen in gewissen Lustregionen erzielt. Die Flugmaschinen im engeren Sinne werden dagegen erst auf dem Boden mit Hand ober Motor und dann durch die Luftschraube (Propeller) m schnelle Horizontal-Bewegung gebracht und dann durch ein Höhensteuer der Schwerkraft entgegen nach oben gesteuert, wie ein Schiff im strömenden Wasser durch fein Steuer eine Richtung wer zu dem Strom innehalten kann Von der Stelle aus sich direkt in die Lust zu erheben, wie die Lerche im Felde, vermag eine solche Flugmaschine indes nicht. Die lenkbaren Luftschiffe Zeppelin, Parseval und wie sie alle heißen, verbinden den Auftrieb durch leichtes Gas mit der Fortbewegung durch Propeller und haben deshalb von beiden etwas an sich.
Welchem von diesen Systemen, ober ob vielleicht keinem von ihnen, fonbem einem anderen, neuen, in späterer Zukunft die Lust wirklich gehören wirb, steht noch dahin.
II Zur Psychologie ver Rameugebuug.
Der „Freis. Zeitung" schrieb jüngst ein Leser: „Ich habe eine Stichprobe über neuere Namengebung bei ben Schulgesährtinnen und sonstigen Freundinnen meines achtjährigen Töchterchens gemacht und dabei folgende intereffante Ergebnisse zutage gefördert. „Gewöhnliche Namen wie Else und Grete, Amur und Käthe kommen überhaupt nur noch ganz ausnahmsweise vor. In größerer Anzahl zeigen sich schon di« Erika, Eva, Edith, Ursula, Brigitte, Roscllie, Sidonie, Gisela und dergleichen altmodische, heute wieder zu neuen Ehren kommende Namen. Dann aber ziehen die aus dem Ausland importierten, ausländisch zuge- stutzten ober gar völlig neu ausgedachten Namen einher, deren ich — wie gesagt, aus einem ziemlich engen Kreise heraus — folgende 17 (!) zitieren kann: Dagmar, Viola, Ellen, Gerda, Thea, Loa, Vera, Ghika, Hilla, Elfi, Reinhilde, Waltraut, Mylttta, Lydia, Wendula, Jza, Jngeborgl —
Man kann es sehr verstehen, wenn jemand seiner Tochter nicht gerabe einen Allerweltsnamen geben will, sondern nach einem solchen flicht, der den: Kinde ein wenig individuelleren Charakter auch in dieser Aenßerlichkeit verleiht. Aber man darf auch dagegen nicht blind sein, daß vielfach nur eine recht alberne Vornehmtuerei und Auslands-Nachäfferei eitle Eltern veranlaßt, ihren Kindern recht gesuchte Loriiamen zu geben. Wenigstens finden sich derartige (und auch so manche der oben auf geführten) Vornamen nur allzuhäufig bei Kindern, deren Familieiwerhältniffe — weder ihrer sozialen Sphäre, noch chrem geistigen Gehalt nach — darauf hindeuten, daß man dort die ..Persönlichkeit" beS Kindes besonders betone und sich entfalten lasse. Unb wenn bann noch, wie in einer ganzen Reihe obiger Fälle, dazukommt, daß der Vatersname Müller, Schulz oder Lehmann ober gar ähnlich wie Shtblide ober Piepmeier heißt, bann wird Ne Romantik zur Komik, unter der eventuell das Kind gelegentlich einmal zn leiden hat.
Woher kommen jetzt alle diese Alicen, diese Kitty, Molly, Lilly, Nellv, Jeffie, Jcanne, Nabucka, Milla unb tutti quanii? Nicht nur Hamburg und bi» sonstige Hansagegend stellte di» Legion Johns. Georges. Charles usw., nein baS Binnenland ist den Hanseaten bald schon „über". Das was man bei jenen, in Anbei rächt ihr« regen Handelsbeziehungen zu fremden Ländern, noch verständlich finden mag, entspricht bei uns Binnenländern doch meist nur dem Haug zum „Effektmachenwollen". MU Ergötzen gedenke ich des verdutzten Gesichtes des hiesigen Ratsschreibers, als vor einigen Jahren ein hiesiger Schankwirt mit trium- phierender Miene seinen Erstgeborenen auf die Vornamen Willibald Wladimir Berengar Arminius ein- schreiben ließ; Einwendungen erlaubte sich der betreffende Beamte nicht; und da muß ich gestehen, daß ich den Heroismus, bei fo etwas ernst bleiben zu können ober au lckweiaen. sehr hoch einfckätze
Ich habe den größten Teil meines Leben» tu fremden Landen bericht unb konnte ba deren Licht- und Schattenseisien gründlich kennen lernen. Ich schätze nun bas persönliche Entschelbungsrecht einet jeben sehr hoch ein — ab« seien es nun Engländer, Franzosen ober Spanier — im Ausland macht man von diesem Recht einen viel harmonischeren Gebrauch als bei uns, unb auf das Recht, Namen au8 anberen Regionen herbeizuholen, bie zu ben heimischen Familiennamen wie bie Feinst aufs Auge paffen würde, verzichten alle ausnahmlos. Wollen wir allein die zweffelhcste Ehre haben, das Land zu fein, in dem eine Germaine Schuster, ein Jean-Bapttfte Schulze usw. zu Hundetten herumlaufen? Daß ein urdeutscher Herr Schumann, der einige Jahre in England weilt, feine Kind« wonnestrahlend Sidney, Morris, Spencer, Edward, Molly, Maud benamst — meist tut et dies in Hinsicht auf bie „captatio benevolentiae" —, weiß ich aus hunderffacher Erfahrung — hat aber jemanb schon einmal einen Engländer gesunden, der, in Deuffchland lebend — und wäre es auch für sein ganzes Leben —, seinem daselbst geborenen Sohn uns Deutschen zu Liebe Fritz oder Hans oder gar Michel genannt hätte?
Eßbare Vogelnester.
Von Albert Klein.
An dn Küste von China, so erzählt der Forschet Bontius, kommen zur Brütezeit Heine Vögelchen vom Geschlechte der Schwalben ans dem Innern des Lan- des an bie Klippen des Meeres und sammeln in dem Meerschlamme am Gmnde des Felsens , einen zähen Stoff, möglicherweise Walmt ob« Fischlaich, aus welchem sie ihre Nester bauen. Andere Forscher wieder sind der Meinung, baß diese Salangan e, wie diese kleinen Schwalben nach der Insel Salanga, bei der Halbinsel MelaSa, genannt werden, den Baustoff aus ihrem eigenen Leibe abgeben, und zwar oft mit solcher Heftigkeit, daß er mit Blut vermischt ist. Hcchen nämlich die Vögel die Baustellen gewählt, fo fliegen sie diese wiederholt an und scheiden aus einer Drüse in reichlicher Menge einen dicken, zähen Schleim ab, der sich im vorderen Telle des Mundes, unterhalb bet Zunge, ansamnielt und mit der Zunge während des erwähnten Anfliegens an das Gestein gedrückt wird. Ist auf diese Weise eine Grundlage für den Nestbau hergerichtet, so Hammern sich die Tierchen an dem fo gewonnenen Vorsprung fest, unb tragen unter wechselnden Kopsbewegungen nach rechts unb links den überreich ausfließenden Speichel schichtweise auf. Hierbei kommt es vor, baß sie sich bei ihr« Arbeit unabsichtlich Hals- ober Drustfedern ausziehen, bi» bann zufällig miteingebaut werden. Der dlcke Rand- «uU..welcher hem Nisi fehließlich aufgeleimt wirb, ist etwas nach innen gebogen unb bildet fo eine Brustwehr, die das Herausfallen der Jungen aus dem Nest verhindert. Seitwärts fft dieser Nestrand flügel- artig ausgezogen und mit dem Felsraind fo fest der- littet, daß absolute Haltbarkeit besteht.
Diese Nester werden von den Chinesen gesammefl und gehandelt. Die Ernte ftndet drei- ober viermal im Jahre statt. Das erste Mal im April ober Mai, das zweite Mal im Juli oderAugust, und das dritte Mal im November ober Dezember. Beim Beginn des Einsammelns ober „Pflückens", wie bet Fachmann sich ausdrückt, sind die Jungen erst aus der Halste der Nester ailsgeflogen. In der anderen Hälste findet man teils noch Ei«, teils unflügge Junge. Erstere werden gegessen, letztere fortgeworfen. Die Ernte beginnt, wenn die Mehrzahl bet Nest« Junge zeigt, die bereits mit Stoppeln versehen finb. Diejenigen Nester, in welchen Junge mit keimenden Federn liegen, sind die besten und hüben Ware erster, bie Neste» mit noch ganz nackten Jungen solche zweiter und bie Nester endlich mit Eiern solche dritter Güte. Nester mit flüggen Jungen sind schwarz unb unbrauchbar, wie überhaupt bie Nester je weißer je wertvoller stnb.
Daß der Beruf dieser Nestpflücker ein äußerst gefährlicher fft und die Leute gewissermaßen mit dem Leben spielen, liegt auf der Hand, wenn man bedenkt, daß bie Vögel ihre Nester an sehr hohe und fast senkrechte Felswände fieben
Trotzdem die Salaganenster bereits seit Jahrhun. betten massenhaft gesammelt w«den, ist eine Abnahme der Vogel bisher noch nicht zu konstatieren gewesen. Nach China werden jährlich allein etwa neun Millionen Sttick Nester im Gewicht von 168 000 Pfund exportiert. An der Norbküste von Borneo wirb ein englisches Pfund der besten weißen Nester schon mit wenigstens 50 Mari bezahlt. Die Nester, welche bie Form eines Vierteiles haben, sind derartig dünn, daß etwa 70 Nester auf ein Pfund gehen. Drei Nester sind nötig, um Suppe für eine Person zu kochen. Die mannigfach verunreinigten schwarzen Nest« sind verhältnismäßig billig, denn sie kosten nur 2—3 Mark das Pfund.
Die Chinesen weichen die Nest« zunächst ein, geben sie bann mit einem fetten Kapaun ober einer Ente in einen fest verschlossenen Topf und laffen sie bei gelindem Feuer 24 Stunden lang kochen. Die Japaner kochen sie zu einem schleimigen Brei, den sie mtt Zucker »ermengen und kalt genießen. Europäische Feinschmecker lasten sie, in bünne Streifen zerschnitten, mit stark gewürzter Fleischbrühe kochen; sie gelten als stark anregend, eine Wirkung, bie jedoch wohl zumteil ben Gewürzen zukommen dürfte.
Aüerlei
— Ei« Sack Kaffee als Geburtstagsgeschenk. Wi» der „Mobe" mitteilt, berichtet ein Einwohner der brasilianischen Hauptstadt Rio de Janeiro über eine eigenartige Sitte in den kaffeeerzeugenben Ländern der Neuen Welt. Wenn ein Kinb in einem dies« Lände: geboren wird, fo wird ein Sack des besten Kaffees zn- tikfgefteflt als Teil der Erbschaft, den es empfangen wird, wenn es die Großjährigkeit erreicht Gewöhnlich ist dieser Sack Kaffee das Geschenk eines nahe stehenden Freundes der Eltern ober eines Verwandten und wird mtt groß« Ehrfurcht aufbewahrt, als wäre er eine Gabe von Gold und Edelsteinen. D« Kaffee für das Fest der Großjährigkeit des Kindes ober für feine Hochzeit wird von dieser Gabe angefertigt. Nach dem Hochzeitsfest wird der Sack jedoch wieder sorg- sättig verschlossen unb dem jungen Ehevaar in seine Wohnung geschickt. Diese schätzen ihn zwar sehr, aber brauchen ihn doch allmählich auf. Die Menge reicht zumeist aus, dos junge Paar auf mindestens ein Iahe mit dem schwarzen Trank zu verfolgen.