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1Ö9. Erstes Blatt.

Fulda, Mittwoch den 27. Juli 1910.

37. Jahrqanq.

ä Wir brauchen keine neue Flottenvorlage.

Als vor einiger Zeit die nunmehr nach Mitteilun­gen aus Kreisen, die es wissen müssen, angeblich un­vermeidlich gewordene neue Heeresvorlage zum Ab­lauf des neuen Quinquenats angekündigt wurde, gab man verschiedentlich der Vermutung Raum, daß un­sere Heeresenthusiasten schon jetzt für eine solche Vor­lage Stimmung zu machen suchen, weil sie mit der Be­stimmtheit rechnen, das Jahr 1912 werde uns mit einer neuen Flottenvorlage beglücken. Die (Erörterungen über unsere Flotte, über die notwendigen Neubauten usw., die seit einiger Zeit in der Presse gepflogen werden, scheinen diese Auffassung zu bestätigen. Be­kanntlich läuft im Jahre 1912 die Frist ab, in der nach den Bauplänen der jetzigen Flottengesetze jährlich 4 große Schlachtschiffe auf Stapel gelegt werden. Kommt keine neue Flottenvorlage, so wären von 1913 ab jähr­lich nur noch 2 solcher Schiffe in Bau zu geben, was für unsere Marineinteressenten Minderaufträge von mindestens 100 Millionen Mark jährlich ausmachen würde. Dieser Umstand veranlaßt sie naturgemäß, schon jetzt in allerlei Blättern, die zu ihnen schwören, die Notwendigkeit eines „systematischen" Aus­baues unserer Flotte mit Nachdruck zu beto­nen, natürlich aus patriotischen Gründen, belleibe aber deswegen nicht, weil sie demnächst vielleicht etwas we­niger große Dividenden verteilen können als bisher.

Den Maßstab für unsere Flottenbauten muß das Ausland geben, vor allen Dingen England, ober besser, ausschließlich England, denn wir würden bei Feindseligkeiten kaum mit einer anderen Macht auf dem Wasser aneinandergeraten, und würde das witt- lick der Fall sein, dann könnten wir getrost antreten. Also England bildet für uns den Maßstab. Wir müssen eine der englischen Flotte im Verhältnis wenigstens angepaßte Seemacht haben, um nicht der Gefahr ausgesetzt zu fein, eines Tages von unseren lieben Veilem jenseits des Kanals unangenehm über­rascht zu toerben; aber nur eine verhältnismäßig ange­paßte Flotte, b. h. eine, die unseren Verhältnissen an­gepaßt ist. Das Wettrüsten mit Englanb halten wir auf die Dauer nicht aus; Zu einem solchen ist es nämlich bereits gekommen. Bauen wir 4 Dread- noughis, bann legt England gleich 12 auf Stapel. Wenn das so weiter geht, bann würben wir eines Tages vor dem Bankrott oder vor der Revolution stehen, denn dem Volke würde ob der unheim­lichen Steuerlasten die Geduld ausgehen. Diejenigen, die bei dem fortgesetzten Wettrüsten das meiste Geld verdienen, kümmern stch darum natürlich nicht, ihnen kommt es natürlich darauf an, in dem­selben Tempo weiter zu „arbeiten" wie das bisher ge­schehen fft, und sie sind es auch, die jeden Vcrständi- gungsversuch mit England bezüglich des Flottenbaues wie Pech und Schwefel scheuen. Der Engländer ist mehr Kaufmann; er sagt sich mit Recht, daß er auf dem Wasser trotz aller Anstrengungen Deutschlands auf die Dauer doch Sieger bleiben wird, und da er int Grunde seines Herzens aus Furcht natürlich vor dem deutschen Landheer, das bei einem eventuellen Zwischenfall immerhin auch mitzufprechen hätte, gar nicht so deutsch-feindlich ist, wie manchmal die von englischen Marineinteressenten infpirierten Blätter sich gebärden, ist er durchaus nicht abgeneigt, eine Verstän­digung mit Deutschland anzubahnen.

Das geschah noch im letzten Jahre. Damals hieß S, die deutsche Regierung halte sich durch ihre Flotten­gesetze gebunden, sie könne sich auf englische Vorschläge nicht einlaffen. Daß tatsächlich von der deutschen Re­gierung dieser Ausweg gefunden wurde, wird jetzt durch eine Rede bestätigt, die der engltsche Minister Asquith bei der letzten Beratung der neuen Flottenvor­lage gehalten hat. Die Stelle lautet im Wortlaut:

„Ist es nicht möglich, zu irgend einer Vereinbarung zwischen den Nationen der Welt, und namentlich zwischen uns und dem großen befreundeten Deutschen Reich zu kommen, wodurch diesem Wettrüsten em Ende

Der Wcrmpyr.

Roman von Fergus Hume. Autoristerte Bearbeitung 33] von C. Wehner.

„Uni) die Dame?" fragte Olga.

„War Frau Kirbyl Wilkins hatte die Photogra­phie sofort erkannt. Meiner Ansicht nach besteht dar­über kein Zweifel mehr, Fräulein Holder. Frau Kirbh und Herr Brand waren am Abend vor dem Mord in jenem Lokal. Wilkins folgte ihnen bis zum Flusse, wo sie ein kleinesBoot bestiegen. Ich glaube bestimmt, daß sie ans jenseittge Ufer ruderten, das Verbrechen ausführten und auf demselben Wege ent­flohen."

„Sie brauchen doch nicht in Herrn Kirby s Büro «gangen zu sein, wenn sie auch über den Fluß über­setzten", wandte Olga ein.

„Wenn nicht, zu welchem Zwecke hätte Brand dann dem von ihm betrunken gemachten Prest den Büro- kchlüssel genommen? Wilkins hat genau beobachtet, haft er den Schlüssel wegnahm."

„Nun gut, Herr Feldern, nehmen wir also an, Herr »oranb und Frau Kirbh seien im „Blauen Hecht" 'gewesen, sie hätten ben Schlüssel gestohlen, wären über den Fluß gen-bett und hätten Kirbh ermordet. Wer soll bann aber der Herr im Gesellschaftsanzug gewesen sein der mit Drake sprach? Drake hat diesen Herrn chenfalls ganz bestimmt an dem kleinen Mal an der linken Schlafe in Herrn Brand wiedererkannt. Ent­weder muß also Drake ober Wilkins sich irren. Sagen eJntc.'Joa3 Sie wollen, ich kann mich des Ein­drucks nicht erwehren daß es sich hier um eine Jntri- ,ßue gegen Herrn Brand handelt"

„Hm, ja, es sieht allerdings selffam aus", gab Feldern zu. ' 8

„Wenn er doch bloß sprechen wollte! Ich bin überzeugt, daß er feine Unschuld beweisen kann" . £?r l,t l$m Ja Gelegenheit gegeben, das bei

ket Verhandlung zu tun Dieselbe wird in ungefähr einer Woche stattsmden." *

i Feldern erhob sich

gemacht werden könnte?" (Beifall auf den Bänken der Arbeiterpartei). Ich wünsche, es wäre möglich. Die deutsche Regierung hat unS gesagt — ich kann mich darüber nicht beklagen und ich habe darauf nichts zu erwidern —, daß ihr Vorgehen von dem deutschen Flottengesetz beherrscht ist, das die automatische Ver­mehrung der Flottenbauten vorschreibt. Wenn es mög­lich wäre, auch jetzt noch das Tempo der neuen Flotten­bauten durch eine Vereinbarung zu verlangsamen, dann würde keiner mehr entzückt sein, als die englische Regierung. (Beifall) Wir haben uns in dieser Sache an die deutsche Regierung gewandt. Sie hat geantwortet, daß sie nichts tun könne, ohne das Flottengesetz zu widerrufen, und das würde die öffentliche Meinung in Deutschland nicht zulassen. Wir werden auch in Zu­kunft jede Gelegenheit ergreifen, der Notwendigkeit dieser Rüstungen ein Ende zu machen."

Also England hat uns damals die Hand zur Verständigung reichen wollen, es will auch heute noch dasselbe tun, obwohl die schlechtberatene deutsche Regierung mit Gründen gegen eine Verständigung zu Felde zog, die einen schlagenden Beweis dafür liefern, daß man dort oben von der öffentlichen Meinung ab­solut keine Ahnung hat. Man hött auf diejenigen, die aus Geldsackinteressen für immer größere Flotten­ausgaben Propaganda machen und mit allerlei Mittel- chen die öffentliche Meinung fabrizieren. Die öffent­liche Meinung zielt auf das gerade Gegenteil. Möge die Regiemng doch recht bald das einsehen, denn noch ist es Zeit, noch können wir vor weiteren ungeheuren Ausgaben bewahrt werden, indem wir endlich einmal einen Wandel eintreten lassen.

Deutsches Reich.

** Berlin, 26. Juli 1910. Die „Hohenzollern" mit dem Kaiser an Bord, die heule vormittag unter dem Salut der Kriegsschiffe von Molde abgegangen war, traf gegen 12 Uhr mittags in Aalefund ein. Der Kaiser begab sich an Land, um den Kaiser- Bautastein zu besichtigen.

* Eine Begegnung" des Kaisers mit dem Zaren wird in den nächsten Wochen bestimmt stattsinden. Der Gesundheitszustand der Kaiserin von Rußland hat sich so erfreulich gebessert, daß die russische Kaiserfamilie anfangs September die geplante Reise an den Darmstädter Hof antreten kann. Bei dieser Gelegenheit wird auch Kaiser Wilhelm mit dem Zaren eine Zusammenkunft haben.

— Die neue Wahlrechtsvorlage. Wir registrieren die Nachricht der,Poftt, daß an einer neuen Wahl­rechtsvorlage im Ministerium des Innern gearbeitet werde. Es feien bereits bestimmte Entwürfe aus gearbeitet, die zurzeit der Beratung der maßgeben­den Stellen unterlägen. Wann der Entwurf an den Landtag gebracht werden solle, darüber sei noch keine Entscheidung gefallen.

■+■ WaS heißt „bewährte" Ostmattmpolitik? Den ,Pof. Reuest. Nachr/ wird zu dem Telegramm des Reichskanzlers nach Osterode von geschützter Seite geschrieben: Dieses Telegramm gibt zu denken; denn der Kanzler spricht da von einer „bewährten" Ostmarkenpolitik. Was in aller Welt mag Herr von Bethmann-Hoüweg wohl mit jener Politik ge­rne nt haben? Rian frage die deutschen Bürger des Ostens straßenauf, straßeuab — noch keiner wird die „bewährte" Ostmarkenpolitik zur natio­nalen „Konsolidierung" (weiß der Kanzlerphilosoph kein deutsches Wort zur Erklärung des Zweckes einer Deutschtumspolitik?) kennen gelernt haben I Und wenn der Leiter der Staatsgeschäste zum Schluß feiner Depesche eine Mahnung an die Einigung aller Ostmärkler ergehen läßt, so sürchte ich fast, daß der Kanzler mit feiner „bewährten" Ostmarkenpolttik gerade jene Politik meint, die die Einigkeit des ostmärkischen Bürgertums seit Jahren verhindert.

* Auf das Enteignungsgesetz wird der preußische Ministerpräsident entgegen einer Mel­dung der ,Magdeb. Ztg/ nicht verzichten. Die,Berk. N. N/ können auf daS Bestimmteste

„Es tut mir herzlich leib, Fräulein Holder," sagte er, „aber ich muß meine Pflicht tun. Ich glaube, Herr Brand und Frau Kirby haben denMord gemeinschaft­lich begangen. Sie hat am Abend ihre sämtlichen Dienstboten fortgeschickt, dadurch war sie in der Lage, unbemerkt in die Stadt und ebenso unbemerkt nach Hause zurück zu gelangen. Ich vermute, sie wird bei der Verhandlung beschwören, sie habe das Haus nicht verlassen."

„Warum verhaften Sie sie nicht, wenn Sie von ihrer Schuld so überzeugt sind?"

„Ich habe auch die Absicht dazu," versetzte Feldern kaltblütig. „Sie wird als Mitschuldige neben Brand auf der Anklagebank erscheinen."

Olga schauderte. „O Gott, das ist furchtbar!" murmelte sie. „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Frau Kirby besuche?"

„Aber selbstverständlich! Ich habe sehr viel da­gegen!" versetzte der Detektiv schnell und nachdrück­lich. „Sie haben damals Brand gewarnt und er hätte jedenfalls die Flucht ergriffen, wenn ich Ihnen nicht gefolgt wäre. Ich wünsche auf keinen Fall, daß Frau Kirby auf ähnliche Weise eine Warnung erhält. Wenn Sie ihr etwa einen Brief oder ein Telegramm senden oder Sie gar besuchen wollten, so erführe ich das auf alle Fälle."

„Lassen Sie mich etwa auch beobachten, Herr Fel­dern?"

„Gewiß, Frmllein Holder. Sie sind eine viel zu kluge junge Dame, als daß ich mü Ihrer Klugheit nicht rechnen müßte. Ich lasse Sie schon feit geraumer Zeit beobachten."

Olga svrang entrüstet empor. „O!" keuchte sie, „das ist infam!"

„Diejenigen, welche sich in Angelegenheiten des Gesetzes mischen, müssen gewärttg fein, dem Gesetz sel­ber in die Hände zu geraten", erwiderte der Detektiv gelassen. „Sie beliebten, der Verhaftung Brands zu- vvrkommen zu wollen, nun müssen Sie auch die Fol­gen dieser Handlungsweise tragen. Ich bin bisher so ttWchtSvoll und freundlich wie möglich gegen Sie vorgegangen. Fräulein Holder."

versichern, Herr v. Bethmann-Hollweg denke gar nicht daran, auf die Enteignung zu verzichten, insbesondere auch nicht aus Gründen der aus­wärtigen Politik und mit Rücksicht auf Oester­reich. Auch bei der Beurteilung der Frage, wann mit der Anwendung des Enteignungs­gesetzes begonnen werden solle, werden lediglich die Interessen des preußischen Staatswohles mit­sprechen.

* Hansabund und Privatbeamte. Neber das Ver­hältnis des Hansabundes zu den Privatangestellten heißt es am Schluß eines Berichtes über die Ber­liner „Jubiläumsversammlung" des Hansabundes in der Zeitschrift ,Der Handelsstand", dem Organ des Vereins für Handlungskommis von 1858, u. a.: „Bisher hat unseres Erachtens die Bundesleitung in der Behandlung sozialer Fragen nicht immer eint glückliche Hand bewiesen, so sehr sie stets eine mittlere Linie zu finden bemüht war. Möge das Schicksal den Bund davor bewahren, jemals zu einer sozialen Grund­frage des Angestelltenstandes — denken wir j. B. an die verfioflene Bedrohung des unerläßlichsten aller Rechte, der Koalitionsfreiheit, durch die bayerische Metallindustrie — Stellung nehmen zu müssen, es sei denn, daß die Leitung sich ganz sicher ist, ihren Mit­arbeitern au? der Gehilfenschaft rückhaltlos beistehen zu können. Eine andere Haltung, auch die in solchen Verlegenheitssallen häufig beliebte Neutralität, würde hier nur Mißtrauen, ja offene Feindschaft selbst der zuverlässigsten bürgerlichen Gehilfenelemente gegen solche unangebrachte Toleranz auslösen. Es war schon wenig klug, wenn der Jndustrievertreter, Herr Geheimrat Duisburg, im sozialpolitischen Teil feiner Rede fein Herz zwar gegen die Arbeiter, immerhin aber für die Privatangestellten sprechen ließ. f Derartige Unterscheidungen sind in der Sozialpolitik, wo die Arbeitnehmer ein grundsätzliches Für oder Wider verlangen, kaum haltbar, den Angestellten zum mindesten verdächtig."

Dieses für den Hansabund wenig günstige Ur» teil ist deshalb besonders beachtenswert, weil auf der genannten Versammlung der betr. Handlungs- gehilsenverband selbst durch ein Verwaltungsmit­glied mit einem besonderen Referat vertreten war.

(*) Ständige Kommission für die Kolonial- Verwaltung. Der Staatssekreiär des Reichs- Kolonialamtes, v. Linoeqaist, wandte sich an die Handelskammern von Berlin, Köln, Chemnitz, Nürnberg, Mannheim und Hamburg um Benen­nung von Mitgliedern für eine ständige Kom­mission zur Unlerftützuna der Kolonial - Verwal­tung in wirtschaftlichen Fragen, die der Staats­sekretär näher bezeichnet. Hamburg und Berlin sollen je zwei, die übrigen je einen Vertreter wählen. Es ist beabsichtigt, die Kommission von Zeit zu Zeit zu gemeinsamen Sitzungen unter dem Vorsitze des Staatssekretärs einzuberusen und auch in Einzelsällen Gutachten von Mitgliedern zu er­bitten.

** In Allcnstein-Röfsel hat das Zentrum für die Landtagswahl anstelle des verstorbenen Zentrums­abgeordneten Griehl den Erzpriester Rom ahn aus­gestellt. Der Kreis ist unbestrittener Zentrumssitz.

(*) „Häßliche Dinge gehen draußen vor! Es ist, als ob der deutsche Liberalismus den Beweis liefern wollte, daß er nicht an der Klugheit und dem staats­männischen Sinn seiner Gegner, sondern an den eigenen Torheiten zugrunde gehen wollte." Mit diesen Worten beginnt der Abg. Dr. Müller- Meimngen einen in verschiedenen fortschrittlichen Blättern abgedruckten Artikel und zeichnet damit nicht übel die Situation, in die der Liberalismus, insbesondere der „entschiedene", sich hinein manöveriert hat. Aber Dr. Müller will noch weiter diesen Weg gehen, denn er schreibt: „Alles in allem: Eine gemeinsame bürgerliche Phalanx gegen die Sozial­demokratie ist unter den jetzigen polnischen Verhält­nissen in Deutschland eine Utopie! Eine Demütigung

„Die Freundlichkeit der Katze gegen die Maus", versetzte Olga bitter. „Bitte, verlassen Sie mich jetzt, Herr Feldern."

„Es tut mir Wittlich herzlich leid, Fräulein Hol­der!" Feldern sah sie nachdenklich an. Es schien, als wollte er etwas erwidern; aber er besann sich anders und verließ mit höflicher Verbeugung das Zimmer.

Im Vorzimmer ging et an Bill vorüber, ohne ihn überhaupt zu beachten.

„Oho, Feldern", knirschte Bill, „Tu willst Sim und mir den Laufpaß geben? Na warte! Wir sollen aus der Geschichte nichts mehr 'rausschlagen? Hihi, das gibts nicht! Hchi, ich möchte bloß wissen, was Sie, hochberühinter Herr Geheimpolizsst, für Augen machen würden, wenn Sie wüßten, daß ich die ganze Zeit über meine Ohren arnSchlüffelloch hatte! Ha! Mo Frau Kirby wollen Sie verhaften? Na natür­lich! Da habe ich Sie ja glücklich noch erwischt. Hihi!" Und Bill tanzte wie ein Halbverrückter im Zimmer umber.

Infolge des hierdurch entftanbenen Geräusches kam Olgn aus ihrem Privatkontor und fragte, was die­ser Lärm zu bedeuten habe. Bill brummte ein paar unverständliche Worte, worauf sich das junge Mädchen Ruhe ausbat. Sie sah bleich und elend aus; ihre Augen waren vom Weinen gerötet und verschwollen. Wäre in dem durchtriebenen Jungen auch nur ein Atom menschlichen Gefühls gewesen, er hätte Glück und Freude in chr Herz bringen können. Aber Bill berfolgte feine eigenen Pläne und die liefen alle auf Geld hinaus. Er wußte, daß Olga arm war; aus diesem Grunde dachte der junge Schutte auch nicht eine Sekunde daran, sie aus ihrer Todesangst zu er­lösen. Olga hatte keine Ahnung, daß die Macht, den Geliebten zu retten, in den knöchernen Händen dieses halbwüchstaen Bengels lag, der vorhin wie ein Ver­rückter in ihrem Büro herumgetollt.

„Ach bitte, Fräulein Holder", begann Bill in feinem unterwürfigsten Tone, „dürste ich heute viel­leicht mal eine Stunde fortbleiben, statt eine halbe? Mein Bruder wartet auf mich, er hat mir 'was wich­tiges zu faaen."

einer liberalen Gruppe bis zu einem Bündnis mit den Ultramontanen bedeutet die stärkste direkte Unter­stützung des Gegners, den man angeblich treffen will: Die beiden liberalen Parteien sind aufeinander mehr angewiesen als jemals, da sie von allen anderen Parteien rücksichtslos angegriffen werden, ja ange­griffen werden müssen. Lassen die Unterführer die beiderseits verständigen Parteileitungen im Stiche, so darf kein Mittel öffentlicher Erklärung unversucht gelassen werden, um die Kurzsichtigen aufmerksam zu machen, daß es sich bei den nächsten Wahlen um die Existenz des Gesamtliberalismus handelt.

X Das zu stütz verteilte Fell. Der Abgeordnete Dr. Stresemann hat in einem längeren Artikel überBaffermann dieBehauptnng aufgestellt, ihm stände jederzeft jeder nationallibetale Wahlkreis zur Verfügung. Diese Behauptung wird treffend illustriert durch die gleichzeitige Meldung, Bassermann solle in Freiburg-Waldkirch ausgestellt werden. Dort siegte bei der letzten Wahl das — Zentrum mit 15592 Stimmen über den Nationalliberalen mit 12587 Stimmen. Wie Bassermann da jetzt siegen will, ist unverständlich.

X Große Kanonen fährt der sozialdemo­kratische Parteivorfiand gegenüber den badischen Revisifionisten und Budgetbewilligern auf. Amt­lich wird in der sozialdemokratischen Presse ver­kündet: „Die Budgetabstimmnng der badischen Landtagssraktion soll nach den Vorschlägen de- Parteivorstandes nicht als besonderer Punkt der Tagesordnung, sondern unter Punkt 1: „Vor­standsbericht" als Abteilung 6 von einem beson­deren Referenten behandelt werden." — Wer der „besondere Referent" sein wird, wird nicht mit- geteilt Es ist aber wohl anzunehmen, daß eS einer der „blutigstroten" unter den „Unent­wegten" sein wird, vielleicht Genosse Ledebour mit seinem ätzenden Spott Die „monarchischen Republikaner" Badens werden sich allerdings widerspruchslos wohl nichts gefallen lassen. Jedenfalls wird's in Magdeburg nett werden, und die Mahnung der besonnenen Genossen, nicht wieder den „Jungbrunnen a la Dresden" sprudeln zu lassen, wird vielleicht zu Schanden werden.

a. „Dies Kind . . . sängt an, mir fürchterlich M werden!" So mag Bebel jammern, wenn er die neuesten Leistungen der Revisionisten liest. Der Herausgeber der .Sozialistischen Monatsheftes der Genosse Joseph Bloch erörtert in Anknüpfung an die Budgetbewilligung in Baden bie Verhältnisse des Liberalismus. Er kommt habet zu folgendem interessanten BekemttniS:

„Man darf nicht wieder durch die Betonung einer verkehrten Wirtschaftspolitik die 3rrealit5t der eigenen Auffassung beweisen. Die neue Koalition, die stch bilden könnte, darf keine antiagrarische Spitze haben, muß vielmehr die produktiven Kräfte von Stadt und Land zu umfassen suchen. Der Fehler des Liberalismus eilten Stils, die Förderung der landwirtschaftlichen Interessen als reaktionär zu bekämpfen, ein Fehler, der die Bauern zum politischen Konservatismus gebracht daher nur diesen gestärkt hat, muß endgültig gut ge­macht werden .... Eine Politik gegen die Landwirt­schaft ist in Deutschland nicht nur ökonomisch verfehlt, sondern im eigentlichen Sinn aussichtslos; man muß eine induftrialifttsche und agrarische Politik treiben."

Die Sozialdemokraten werden sich nicht übel wundern, solche „ketzerischen" Anschauungen au8 ihren eigenen Reihen zu hören. Wie mancher arme Teufel unter den sozialistischen Agitatoren, der nicht über die engsten Interessen seines rninderwerttgen Lokalparteiblättchens hinaus zu schauen gewohnt ist oder gelernt hat, wird die Frage aufwerfen, ob sich etwas derartiges mit den sozialdemokratischen Partei- Programm vereinbaren lasse. — Die Revistonisten rooleii also, nach dieser Auslassung zu urteilen, die Eroberung der Bauern auf anderem Wege betreiben.

„Du kannst gehen, wenn die Mädchen zurück sind", antwortete seine Prinzivalin und verschwand in ihrem Zimmer. Bill flchtte abermals einen wllden Kriegs^ tanz auf, diesmal jedoch etwas leifer Dann harrte er geduldig der Rückkehr der jungen Mädchen.

Mit ihrer gewöhnlichen Umsicht für praktische Dinge batten Bill und Sim ausgemacht, sich täglich einmal an der Nesson-Säule zu treffen, um etwaige Neuig­keiten auszutauschen oder nette Schritte in dem vor­liegenden Falle zu beraten. Heute wattete Sim be­reits und lief seinem Bmder mit offenkundiger Freitde entgegen. Sie wickelten ihr Essen aus einem braunen Pnpterpakel und, nachdem sie auf einer Bank Platz genommen, teilten sie miteinander. Es war ein rüh­rendes Bild brüderlicher Liebe.

„Wenn wir Glück haben", meinte Sim mit Bezug auf den Fall Kirby, „könnten wir immer und immer beisammenbleibcn, nicht wahr?"

„Immer und immer!" bekräftigte Bill. Dann glotzten sie einander mit strahlenden Gesichtern an und sprachen wieder von geschäftlichen Dingen. Bill redete zuerst.

„Heute mittag war Feldern bei Fräulein Holder", erjaljltf er „Ich habe die ganze Zeit am Schlüssel­loch gehorcht. Er will Frau Kirbh verhaften."

„Wann?" fragte Sim in großer Erregung.

„Heute nachmittag. Ich habe mir eine Stunde frtigtnommeii und will sofort zu ihr. Dann können wir unsere Bedingungen festsetzen."

„Soll ich nicht lieber mitkommen?"

„Nein", versetzte dec andere, „das ist nicht gut Du ball zur bestimmten Zeit bei Feldern zu erscheinen, damit er keinen Verdacht schöpft "

„Ja", gab Sim feuszend zurück. „Also Du gehst allein, Bill. Wieviel willst Tu verlangen?"

„Zehntausend Matt!" antwortete Bill mit See- lenruhe.

Sim sprang in die Höhe. „Das rückt sie nicht raus!" rief er hastig; die Plötzliche Steigerung er­schreckte und überraschte ihn.

(Fortsetzung folgt.)