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Zuldaer W Zeitung

ö traute. Bei alt tut

Fulda, Montag den 25. Juli 1910,

37. Jahrgang

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Erscheint täglich mit Anrüahme der Samt* «nd Feiertage, viertel­jährlicher Vezugrprek ohne vringeriohn und Bestellgeld in Fulda so­wie aurwärtrt-SvMt.

monatsbeUagei „Fuldaer GeschichkblAter"

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Femsprecher Nr. 9.

LV.! A. Westler;

wocheMiiar«! „Illustrierte Somtagrzeitung"

„Professor Spahn gegen das Reichstagswahlrecht in Preußen".

Unter dieser Ueberschrift bespricht die Kölnische «eituna* (Nr. 802 vom 23. Juli) einen von Pro- fessor Spahn im letzten Hefte des ,Hochlands^ ver­öffentlichten Aufsatz „Ter preußische Staat unb die deutsche Nation'. Die .Deutsche Veremrgungs. korrespondenz' hob aus diesem Aufsatz eine längere Stelle hervor, deren wichtigste Sätze wie folgt lauten:

.Wenn Preußen morgen dahinschwände, wir würden es schwer vermissen. Gewiß entspricht die Staatsform des Reiches dem deutschen Volksempfinden mehr als die des preußischen Staats. Der demokratische Geist, der im Reiche weht, ist der Bevölkerung ge- nehmer als- der bürokratisch-autoritäre Preußens. Käme jener aber ausschließlich zur Herrschaft, so würde sich die Bevölkerung bald bewußt werden, daß auch ihm schwere Mängel anhaften. Heute leidet sie nur deshalb nicht unter ihnen, weil Preußens Eigenart sie ausgleicht... An dem starken und gerechten, dem politischen Geiste gebricht es der Demokratie des Zeit­alters noch überwiegend ... Mit Preuß en sänken alle Einzelstaaten in den Staub. Zwänge der Radi- kalismus heute dem preußischenStaat das Wahlrecht desReichstages im Sturme auf, erschütterte er ihn dadurch bis ins Mark."

Dieser letzte Satz hat es der ,Kölu, ßeüung' angetan. Sie bezeichnet es als bedeutsam, daß Prof, Spahn, der schon jetzt als Zentrumsabgeord­neter angesprochen werden könne, der offiziellen Parteiforderung de? Zentrums, der Uebertragung rtzes mrichZtaaswahlrechts auf Preußen, in so ent- schiedener Äeis« erttgrgrttttete. Man dürfe au- nehmen, daß Prof. Spahn über "tM SriLMurm m den maßgebenden Kreisen des Zentrums hinreichend orientiert sei, um zu wissen, daß er diese Aeuße- rung wagen könne, ohne als Outsider gekenn­zeichnet zu werden. Auf dieser etwas mangelhaft begründeten Basis erfolgt dann der schwere Angriff gegen die Zentrumspartei:

„Damit ist aber für die Haltung des Zentrums im Abgeordnetenhause bet den verflossenen Beratungen über die Wahlrechtsreform ein lichtbringender Auf­schluß gegeben. Nur zu Agitationszwecken vertritt das Zentrum im Lande bte extreme Forderung der Uebertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen. Und nur vor den demokratischen Elementen feiner Partei schauspielert eS mit wehleidiger Miene: DaS ReichStagswahlrccht für Preußen bekommen wir nicht. Nehmen wir, was unserem konservativen Ver­bündeten gefällt. Das Zusammengehen des Zentrums mit den Konservativen in dieser Frage war also viel­leicht doch mehr als ein Gebot realpoütischer Klugheit, es entsprang wohl auch geheimen Herzenswünschen. Diese Erkenntnis, die man der offenherzigen Auslassung des Professors Spahn verdankt, verdient in weiteren Kreisen bekannt zu werden, da sie ein eigentümliches Licht auf die Wahrhaftigkeit der Zentrumspolitik und die in demokratische» Wassern krebsende „Volksfreund- lichkeit" des schwarzen Bruders vom blaue» Block wirft."

In ähnlicher Form äußert sich auch das ,Berl. Tagebl.', und die freikonservative ,Posll wundert sich, daß Prof. Spahn trotzdem für die Zentrv ms- partei wirken könne, und daß sich die „Zentrums- rechie", die wohl mit Prof. Spahn der gleichen Meinung sei, nicht ihrer Anschauung Gellung ver­schaffe, sondern „die Demokratie frei schalten und wallen" lasse.

Es will uns scheinen, daß die Blätter in der Freude über den schönen Agitationsbrocken ganz übersehen haben, daß sie den Worten des Prof. Spahn eine Deutung gegeben haben, die man nicht als die unbedingt richtige bezeichnen kann. Nach unserer Meinung hat Prof. Spahn gegen die Pro­grammforderung des Zentrums auf Uebertragung des Reichstagswahlrechts für Preußen nicht im geringsten Stellung genommen. In feinen Aus­führungen befindet sich nicht der geringste Anhalt dafür, daß er der Einführung des Reichstagswahl­rechts auf dem Wege freier Bereiubarung zwischen den verfassungsmäßig zur Gesetzgebung berufenen

Faktoren widersprechen wolle. DaS Zentrum will nur auf diesem Wege daS gleiche und geheime Wahlrecht sür Preußen erlangen. Wenn Prof. Spahn meint: eS werde der preußische Staat bis ins Mark erschüttert werden, wenn ihm von dem Radikalismus daS Reichstagswahlrecht im Sturme aufgezwungen würde — so können wir diese Wotte nur unterschreiben, benn sie besagen nur, baß eS ein Unglück sein würde, wenn der Radikalis- muS durch revolutionäre Tumulte eine Entwicklung im Wege des Zwanges herbeifühtte, die zum Besten des Staates nur auS der freien Entschließung der gesetzgebenden Faktorm heraus geschehen darf. Da wir fest auf dem Boden der Verfassung stehen, und eine ruhige, natürliche Entwicklung der politi- schen Verhältnisse wünschen, so könnten wir in der Tat in einer erzwungenen Einführung des Reichs­tagswahlrechts in Preußen keinen Segen erblicken, ja wir müßte» sogar den Versuchen solchen Zwanges direkten Widerstand entgegensetzen. Das hindert aber gewiß nicht, daß wir grundsätzlich die Ein­führung des Reichstagswahlrechts fordern und auf gesetzlichem Wege auf die Erfüllung dieser Forde­rung hinarbeiten. Wenn man in gegnerischen Kreisen eine solche Stellungnahme nicht verstehen kann, so ist das bedauerlich: aber wahrscheinlicher ist, daß man sie nicht verstehen will, und das ist noch bedauerlicher.

Deutsches Reich.

* Berlin, 24. Juli 1910. Der Kaiser hat die Ankunft in Swinemünde auf Samstag den 30. Juli festgesetzt, sodaß er noch einen Tag länger in Swlnemünds SerAfrN und sich an dem weiteren Pro­gramm nichts ändert. ;

--- Die nationalliberale Parteileitung wirb nervös. Die Berliner Parteikorrespondenz richtet heftige Beschuldigungen gegen die jung­liberalen Kritiker und tritt dm „Versuchen, den Anschein zu erwecken, als stehe der national­liberalen Partei eine Spaltung bevor", wie folgt entgegen:

„Daß dem nicht so ist, braucht nicht erst betont zu werden, daß sich aber solche Stimmen überhaupt erheben, ist bedauerlich, um fo bedauerlicher, wenn sie auS dem eigenen Lager kommen. Auch der Königssohn darf nicht den Anspruch erheben, ein ausschlaggebendes Wort sprechen zu wollen im Rate der Alten, solange er sür das Wohl und Wehe der ihm Anvertramen keine Verantwortung trägt. Erst kürzlich hat man in der uns benachbarten Dsnaumonarchiä den österreichi­schen Thronfolger energisch in die Schranken zurück- geroiefen, als er sich unterfing, bei den ewigen Minister­krisen Ungarns den Stein ins Rollen bringen zu wollen. Das mögen diejenigen in der nationalliberalen Partei bedenken, die der Parteileitung ihren Kurs vorschreiben möchten. Gewiß wäre es verkehrt, wenn man deren Stimmen nicht hören wollte. Aber die Art und Weise, wie sie sich Gehör verschaffen wollen, indem ste mit der Eingebildetheit (schönes Wort!) des Besserwiffens den Weg bereiten, ist entschieden zu ver­urteilen. Eine Kritik an der bisherigen und ein Urteil darüber, welcher Weg weiter einzuschlagen ist, möge man in erster Linie der gegebenen Instanz überlassen, wie das in jedem Betriebe üblich ist. AlS ein grund­sätzlicher taktischer Fehler muß eS angesehen werben, wenn niemand die Zeit abzuwarten versteht, und zu unrechter Stunde ungefragt in Versammlungen und in der Presse den Hebel der Kritik ansehen zu können vermeint. Der Kffolg eines derartigen disziplinlosen Verhaltens kann nur der fein, daß im Lande der durch nichts gerechtfertigte Eindruck hervorgerufen wird, als stände die nationalliberale Partei unmittelbar vor dem Auseinanderfallen. Zur Beruhigung freilich muß gesagt werden, daß es wohl nur einzelne wenige Vereine und Personen find, die ihre Berufung zur Führerrolle aus solch' wenig vorteilhafte Weise dokumentieren."

Die,Vossische Zeitung' bezweifelt, ob dieser hochfahrende Ton des offiziellen Parteiorgans geeignet sei, die Einigkeit in der nationallibe­

ralen Partei zu stärken. UnS scheint, daß die in der Kundgebung zu Tage ttetende hochgradige Nervosität der beste Beweis dafür ist, wie wenig der stolze Mut mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

+ Handelskammer und Reichsfinanzreform. Der Bericht der Koblenzer Handelskammer enthält in dem Ueberblick über die allgemeine wirtschaftliche Lage folgende Bemerkung:

„In diesem Zusammenhang fei auch der den Handelsstand und Gewerbestand so schädigenden Lösung gedacht, die die Frage der Reichsfinanzreform gefunden hat. Mit einer Rücksichtslosigkeit, die in der Finanz­geschichte Deutschlands ohne Gleichen dastehen dürste, hat man sich über die Interesse» des gewerb- tätige» Bürgerstander hinweg gesetzt und sie der Parteipolitik zum Opfer gebracht. Eine gute Wirkung haben aber diese Zumutungen gehabt: das starke Ver­langen, die Lebensintereffen von Handel, Gewerbe und Industrie der Parteipolitik und Partellaktik zu ent« rücken und die Gründung einer Abwehrorganisation in Gestalt des Hansabundes."

Wir haben auf die Ungehörigkeit derartiger Bemerkungen in den Berschten der Handels­kammern schon mehrmals aufmerksam machen müßen. Die Koblenzer Handelskammer kann für sich in Anspruch nehmen, daß sie in dieser Ungehörigkeit wohl das stärkste Stück geleistet hall Was sie sagt, heißt im Grunde nichts anders: die von ihr vertretenen Kreise sollen überhaupt nicht mit Steuern belastet werden. Daß eine derartige Stellungnahme dem Ansehen der Handelskammern bei den anderen Volks- kreisen nicht gerade förderlich sein kann, dürfte nicht wohl bezweifelt werden.

)( Der Lustgewerbeinspektor soll kommen. Gleich nach der Leichlmger Luftschiffskatastrophe wurde von' verschiedenen Zritrv eine Aufsichtsbehörde sür die Luftschiffahrt gefordert. Scho» vor l.änaerer Zeit wurde darauf aufmerksam gemacht, daß em Reich samt für Luftschiffahrt unbedingt nach Analogie eines Seeamtes ins Leben gerufen werden müßte. Für den kommenden Dienstag ist in Berlin ein Ausschuß einberufen, der zu dieser Frage Stellung I nehmen soll. Die verschiedensten Behörden werden hieran beteiligt fern, sowie solche Fachleute, die bei keinem luftschifferschen Unternehmen beteiligt sind. Man will auf diese Weise den Schein der Partei- lichkeit vermelden. Die deutsche Luftschiffahrt ist in ein Stadium gelangt, in dem Erwerbsgesellschaf« ten zu Erwerbszwecken Passagierfahrten mit Luft­schiffen veranstaltet. Die Dinge liegen also in der Luftschiffahrt heute genau so wie bei der Wasser­schiffahrt. Infolgedessen ist die Forderung, daß ein Reichsamt für Luftschiffahrt nach Art des Seeamtes eingerichtet werde, durchaus berechtigt.

(1 Die hessischen Sozialdemokraten markieren die gekrankte Leberwurst. Sie sehen es gern, wenn auch bei ihnen ein Bodmaitn die Lanze für sie brechen würde. Vor einigen Tagen machte das Hauptorgan der hessischen Ngtionalliberalen, das »Mainzer Tageblatt', der Parteipreffe der hessischen Sozialdemokraten den Vorwurf, daß sie nicht energisch genug sür ihre badische Landtags­fraktion eintrete. Das Blatt sprach dann die Ver­mutung aus, die hessische sozialdemokratische Pattei­presse verfahre diplomatisch, denn wenn sie der Haltung der Badenser restlos zustimme, so müsse das die ganz selbstverständliche Folge nach sich ziehen, daß auch die hessische sozialdemokratische Landtagsfraktion dem Staatsetat künftig zustimmt. — Dazu scheinen aber die Herren Ulrich, Adelung und Genossen vorläufig noch nicht geneigt zu fein. Zu diesen Ausführungen des nationalliberalen Blattes nimmt nun da? Hauptorgan der hessischen Sozialdemokratie, die,M a i n z e r V o l k s z e i t u n g', daS Wort, um patteioffiziell folgendes zu betonen:

„Selbst sür jemanden, der es vermag, sich in den Gedankengang des nationalliberalen ,TageblatteS' einzu­

leben, dürste es klar sein, daß zwischen den Verhält­nissen in Hessen und Baden ein großer Unterschied ist. Scho» allein die Tatsache, daß die hessische Regierung sich im Gegensatz zur badischen und bayerischen nicht dazu auffchwingen kann, den Sozialdemokraten die Be­stätigung bei Bürgermeister- und Beigeordnetenwahlen zu gewähren, genügt, um einer solchen Regierung auch das Budget zu verweigern. Man muß schon natio­nalliberal sein, um sich mißhandeln zu lassen, ohne sich zu wehren."

Wenn also nächstens irgend ein hessischer Mi« nister die Sozialdemokratie nach Bodmanu'schem Muster als eine großartige Bewegung bezeichnet, wenn die Bürgermeister sozialdemokratischer Rich­tung samt und sonders bestätigt werden, wenn auch die hessisch-sozialdemokratischen Abgeordneten zv Hofe geladen werden und Schinkenbrödchen esse» dürfen, dann werden auch sie das Budget nächstens bewilligen und beim Hoch auf den Landesfürsten aufstehen. So etwas nennt man dann Charakter.

(*) Grafschaft Glatz und Erzbistum Prag. Die Forderung einer Loslösung beider ist in diesen Tagen erneut erhoben worden. Beiläufig bemerkt, steht ein Teil de§ Kreises Ratibor unter dem Bistum Olmüh, anderseits gehört ganz Oesierreichisch-Schlesien zum Fürstbistum BreSlam Die «Kreuzig." nimmt zu der Angrikgenheit heute folgende Stellüüg:

Die Abgrenzung der Verwaltungsbezirke der katho­lischen Kirche nach der Staatszugehörigkeit ist ohne Zweifel wünschenswert, indessen, solange sich keine Un< zuträglichkeite» ergeben, zweckmäßig der Initiative der beteiligten Kreise anheimzustellen. Die Schwierigkeiten liegen in der vermögensrechtlichen Auseinandersetzung. Soll die Grafschaft Glatz vom Erzbistum Prag ab- getrennt werden, so wirb man in Oesterreich auch die Loslösung Oesterreichisch-Schlesiens vom Fürstbistmn Breslau verlangen. Hier gipfeln die Sckwierigkeite». Das Fürstbistum Breslau hat zwar seinen Schwerpunkt in Preußisch-Schlesten, bezieht aber einen sehr c/eb« licken Teil feiner Einnahmen aus OesterreiMsch- Viylesteii, wo es über ausgedehnten Grundbe/tz ver­fügt. Da das Fürstbistum Breslau diese Einnahmen nicht entbehren und seinen Grundbesitz in Oest/rreichisch« Schlesien nicht aufgeben kann, was bet, einer Neu­regelung der Grenzen der Bistümer Praar Olmütz und Breslau nicht zu umgehen wäre, so ruht diese Ange­legenheit, dis über kurz oder lang einmal eine Lösung gefunden wirb, bie alle beteiligten Kr-Xse befriedigt.

Ausland.

* lieber den Anschlag auf den ehemaligen Minister­präsidenten Mama wird noch gemeldet: Maura war, um lty2 Uhr mit dem Madrider Schnellzug in Bar­ce l on a angekommen. Als er den Wagen verließ und einen Freund umarmte, feuerte ein jünger, schlicht gekleideter Mensch aus einer Browningpistole drei Schüsse auf ihn ab. Maura wurde am Arm und Bein, sein Freund am Bein verletzt. Der Täter wurde er­griffen und im Automobil des Generalkapitäns weg- gefühtt. Maura wurde rasch auf das Schiff gebracht. Der Angreifer Mauras Posa Roca ist ein junger Bur­sche von achtzehn Jahren. Sein Vater und sein Bru­der find gleichfalls verhafttt worden. Aus Anlaß der Ankunft Mauras waren von der Polizei strenge Maß­regeln getroffen und besonders der Bahnhof scharf überwacht worden. Die Polizei hatte auch den Zug besetzt. Der Angriff erfolgte jedoch in so überraschen­der Weise, daß ihn niemand verhindern konnte. Der Arzt, welcher die Wunden am rechten Bein und linken Arm untersuchte, stellte fest, daß ste nur leicht seien. — In den Sitzungen der Kammer und des Senats verurteilten die Präsidenten unter dem Beifall der Mitglieder, mit Ausnahme der Republikaner, aufs schärfste den Anschlag auf dm früheren Ministerpräsi­denten Maura. Mnisterpräsidmt Canalejas schloß sich in beiden Häusem den Wotten des Präsidenten an. Hierauf verlas Canalejas ein Dekret, durch das die CorteS vertagt werden.

* Die Erhöhung der englischen Zivilliste, welch« die königlichen Bezüge auf 4 700 000 Pfund Sterling

Der Wampyr.

Roma» von Fergus Hume. Autottsierte Bearbeitung 31] von C. Meßner.

„Das ist allerdings wahr, Fräulein Holder", mt- gcgnete der Detektiv, „in so kurzer Zett kamt er die Kleidung nicht gewechselt haben. Die Frage ist also jetzt: welcher von den beiden war Herr Braud? Er selber könnte es uns frellich fugen —"

„Er schweigt noch immer?"

„Ja. Ich habe nie im Leben einen so eigenfln- mgen Menschen gesehen."

„Er ist eben ein Ehrenmann, deshalb schweigt er," '«Widerte Olga. „Ich bin überzeugt, daß ein Schur- kesstreich gegen ihn begangen worden ist. Zwei Men­schen haben sich deratt verkleidtt, daß sie ihm täu­schend ähnlich sehen. Warum, das ist mir freilich ein Raffel."

„Mir nicht," versetzte Feldem. „Man will ihm eirffach die Schuld an dem Morde uufbürdm. Wenn er nun weder auf der einen noch aus der anderm Seite des Flusses gewesen ist, wo ist er dann gewesen? Darüber verweigett er jede Auskunft."

„Wenn er aber der Mann in dem schwarz- unb weißkarrietten Anzug war, wer soll dann der im schwarzen Gesellschastsanzug gewesen sein, bei mit Drake sprach?"

„Ja, das ift's ja, was zu erforschen ich bestrebt bin.

erkannte Herrn Brand bestimmt als denjenigen, Eimri jn dn verhängnisvollen Nacht gesprochen öl " nahm ich ihn auch mit nach Bittern.

„maI sehen, ob der Wirt vom „Blauen Sen " $hIT'n§ H«rn Brand ebenfalls wieder-

"Und wenn es der Fall tft?"

.«ta.

er dm Mund nicht austut." ' flt darin, baß >. „Ich glaube fest an Brands Unschuld! ff, ift hns Opfer eines niederträchtigen Schurkenstreichs Aber die Dame?

„Ah, diel Melleicht ist sie Kirby S Mördettnl" „Aber wer ist sie?"

„Das muß ich erst ergründen. Doch", setzte Fel­dem bedächtig hinzu, „eS sollte mich gar nicht wun­dem, toenn sie sich als Frau Kirbh entpuppt."

Olga erinnerte sich plötzlich des zerstreuten und nervösen Wesens, das Lena am Tage nach dem Morde gezeigt,- sie gedachte ihres bleichen Gesichtes und daß ste fast unablässig das Fmster im Auge behalten und von Zeit zu Zett erwartungsvoll an dasselbe getreten war. Sie schauderte. ES schien wirklich, als habe der Detcktiv recht. Konnte sie in Brands Begleitung In das Bureau ihre? ManneS gegangen sein? Und war dar Brands Geheimnis? Schwieg er, um dieses Weib nicht em dm Pranger zu stellen? „Ich kann es nicht glauben! Ich glaubt er nicht! Und ich will kein Wort mehr von Herrn Brands Schuld hörenl" rief Fräulein Holder mtt glühenden Wangen.

„Unb doch ist er in jener Nacht nicht vor ein Uhr Hause gekommen," fuhr Feldern unbeirrt fort.

denn ich habe mich in feinet Wohnung ertunbtgt. Seine Wirtin sagte es mir. Wmn er so spat noch draußm war und Frau Kirby ebenfalls, wo wE" fie alrdann? Wenn er gerechte Sache hat, wes- halb spricht er nicht?"

„Solange er sich nicht selber schuldig bekannt, so­lange glmrbe ich keine Sekunde an seine Schuld," ent­gegnete Olga hartnäckig. „Sie fönnen sich also die Mühe sparen, Herr Feldem, mich von seiner Schuld zu überzeugen. Doch wir haben genug Worte gewech­selt. Was beabsichtigen Sie jetzt zu tun?"

„Zunächst gedenke ich in den „Blauen Hecht" zu gehen. Habm Sie vielleicht eine Photographie von Herrn Brand?"

„Nein, sonst würde ich sie Ihnen geben, so felsen­fest bin ich von seiner Unschuld überzmgt."

„Oder eine von Frau Kirbh?"

„Auch nicht. Auf so freundschaftlichem Fuße stehm wir nicht miteinander. An dem Vormittag nach dem Morde sah ich sie zum ecstenmale wieder feit vie­len Jahren."

„Kennen Ste irgend jemanben, der eine Photo­graphie von ihr besitzt?"

„Vielleicht Fräulein Lambert. Sie verkchrte bei ihr im Hause."

„So bitten Ste Fräulein Lambert, mir das Bild zu leihen, wenn sie ein solches besitzt."

„Und Herr Brand?" fragte Olga zögernd.

„Ich werde ihn dem Wirt vom „Blauen Hecht" gegenüberstellm."

„Wmn er ihn nun aber als dm Herm im schwarz- und weißkarrietten Anzug erkennt?"

Fckdem zuckte die Achseln. „Dann wird das eine Komödie der Jrrungm," sagte et und verließ mit höflichem Gruße daS Zimmer.

Das Geheimnis schien sich immer mehr und mehr zu verdichtm. Und der einzige Mensch, der es hätte lüften können, schwieg hartnäckig.

Olga verlor keine Zeit, FeldemS Wunsch zu er­füllen, sondern suchte Elfriede Lambert sofort auf und erfuhr, daß diese in bet Tat eine Photographie Lenas besaß. „Es ist ein seht gutes Bild von ihr," meinte Fritzi. „Das eitle Geschöpf läßt sich alle paar Wochen photographieren. Dieses Bild ist eines ihrer besten. Wie hübsch die kleine Katze darauf auSsteht! Wozu willst Du es benn eigentlich haben, Olga?"

„Zu einem Zweck, den Du vielleicht nicht billigen wirst," antwortete Olga. „Du kannst selbst urteilen," und damit erzählte sie bet ihr gespannt zuhörenden Frttzi die Geschichte PresfS und FeldemS Ansichten über dieselbe. Wie Olga vorausgesetzt, war Frttzi durchaus nicht angenehm davon berührt, an dem Ver­rat gegen Lena mitzuwtcken.

„Sie mag so schlecht sein, wie sie will," sagte Fritzi, „aber ich möchte nicht dazu bettragen, ste ins Unglück zu stürzen. Außerdem glaube ich nicht, daß sie ihren Gatten ermordet hat. Dazu ist ste viel zu feige."

„Ueberzeugt bin ich von ihrer Schuld auch nicht," gab Olga zu, „und will Lena auch gar nicht betraten. Ich muß aber Herbert aus seiner furchtbaren Lage be­freien. Zu diesem Zwecke brauche ich Lenas Bild. Schließlich wissen wir ja alle beide nicht, ob dieser

Mann und dieses Weib über ben Fluß gefahren find. Vielleicht sind sie gar nicht schuldig. Ich glaube, daß Lena in jener Nacht mtt Herbert irgendwohin und ihm das Versprechen abgenommen hat, zu schweigen, um ihren Ruf nicht zu gefährden. Wenn er bloß sein Mbt von jener Nacht nachweisen wollte, wäre er ge­rettet."

„Ich glaube nicht, daß er es nachweisen kann, sonst hätte er es längst getan," entgegnete Fräulein Lambert schnell. „Melleicht hat er gemeinschaftlich mtt Lma Kirbh ermordet."

„Nein, ich glaube vielmehr, daß jener Mann, dem Drake tn der Nacht begegnete, der Mörder ist."

„Also doch Herr Brand?" fragte Fritzi.

„ES war aber nicht Herbert!" erwiderte Olga. „Wenn er der Mann im kartierten Anzug wat, kann er nicht bet Mann im Gesellschastsanzug gewesen sein."

„ES ist ein schreckliches Geheimnis," seufzte Fritzi. „Nun gut, ich will Dir bas Bild leihen, obgleich ich im Voraus überzeugt bin, daß Du damit nichts gutes anrtchtch. Lma ist tn der Mordnacht nicht im $otel zum „Blauen Hecht" gewesen."

„Das werden wir ja sehen, Fritzi," gab Olga zurück.

Fräulein Holder nahm das Bfld und ging damit nach Hause, um es Feldern zuzustellen. Daraufhin ver­einbarte der Detettiv eine Zusammenkunft mit Prest, und die beiden Männer begaben sich gemeinschaftlich tn den „Blauen Hecht", wo sie von dem robusten Wirt, nammS Selby, freundlichst willkommen geheißen wur> dm. Besonders Herm Prest empfing er mit großer Liebenswürdigkeit. Wmn dieser nämlich bei Gelbe war, dann zählte et zu SelbyS besten Kunden. Prest stellte dm Detcktiv als einen seiner Freunde vor. Da bet Wirt nicht ahnte, daß er es in Wirtlichkeit mit einem Beamten bet Geheimpolizei zu tun hatte — einer Klaffe von Menschen, benen er immer gern soviel als möglich aus dem Wege ging — gesellte er sich zu ben beiden Männern und trank und plaudert« mtt ihnen. So war eS Feldern recht, das hatte er sich gewünscht.

(Fortsetzung folat