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Deutscher Reich.

*» .Rationale' Preispolitik. Die,Berl. Morgen, post' macht erneut auf die Preispolitik der Oder- schlefier aufmerksam. Das Blatt gibt eine Zu'ammen- stellung der Preise ab Grube, wie sie für die beste Kohle, die Markenklasie la der oderschlesischen Zen. tralreviermarken, im konkurrenzlosen Gebiete und den als Freiland erklärten Gebieten Oesterreich« Ungarns pro Tonne gefordert werden.

Inland Freilo.nd

Stück-, Würfelkohle la 12,50 Mk. 7,50 Mk.

Nußkohle Ib 12,00 , 7,00 ,

Nußkohle H 10,50 , 6,50 ,

Erbskohle 9,00 , 5,00 „

Kleinkohle 9,00 , 5,00 ,

Grieskohle 8,50 , 4,50 ,

Die Bevorzugung des Auslandes durch diese Verschleuderung ist so auffallend, daß die Ta- belle weiter keiner Erläuterung bedarf. Zum halben Preise fast wird die Kohle abgegeben. Auf diese unterschiedliche Behandlung der ausländischen und inländischen Verbraucher, die besonders der aus. ländischen Fabrikatindustrie den Wettbewerb mit der deutschen auf dem Weltmärkte erleichtert, muß die Aufmerksamkeit um so mehr gelenkt werden, als die oberschlesischen Gruben dauernd über schlechte Erträgnisse und wenig Entgegenkommen der Eisen« bahnverwalturg klagen, die ihnen im Kampfe gegen Vie englische Kohle keine Ausnahmetarise bewilligt !>at. Die Konvention brauchte nur den Preis ihrer Kohle in Deutschland auf den österreichischen Stand herabzusetzen, um der englischen Konkurrenz lebig zu werden. Daß unsere rheinisch-westfälischen Kohlenmagnaten sich ähnlicher .nationaler" Preis- Politik schuldig gemacht haben, ist bekannt.

Ausland.

* Eine Reform des englischen Strafrechtes, vor allem auch Neuerungen ,m Strafvollzüge, hat der Minister des Innern, Churchill, im Un« terhause angekündigt. Wie die geplante deutsche Strafrechts-Reform soll auch die englische, beson­ders die modernen Anschauungen über den Straf­vollzug bei Jugendlichen und bei Geleaenheits« Verbrechern, weitgehend berücksichtigen. Zur Ent­richtung von Geldstrafen soll in Zukunft mehr Zeit gelassen werden, sodaß früher unbescholtene Leute, die sich irgend eines Vergehens schuldig gemacht haben, nicht mehr aus Mangel an Bar- geld ins Gefängnis wandern müssen. Alle Per­sonen unter 21 Jahren sollen, falls sie eines Ver­gehens oder Verbrechens schuldig sind, in Re- iorm-Anstalten untergebracht werden. Politische Verbrecher sollen von entehrenden Strafen ver­schont werden. Unter diese Klasse werden auch die Stimmrechtlerinnen gezählt. Einzelhaft soll nicht über einen Monat ausgedehnt werden. In allen Gefängnisse« sollen jeden Winter vier Vorträge oder Konzerte veranstaltet werden. Ein menschenfreundliches Komitee soll sich in Zu­kunft ihrer annehmen. Mr. Churchill erwähnte zum Schlüsse; daß durch die Amnestie bei der Thronbesteigung König Georgs nicht weniger als 500 Jahre Zuchthaus ausgehoben wurden.

* Ter jüngste Konflikt der portugiesischen Regierung mit dem Batika« roito von der .Köln. Volkszeitung" folgendermaßen charakterisier!: Bekanntlich hat sich vor längern Jahre» in Portugal eine katholische volitifche Partei gebildet, die nationalistische.

Zeitung «

fuldaer

lehnen. Seine Sprache gegenüber den Extremen wurde plötzlich bereit entschieden, daß ein Teil der liberalen Presse entrüstet von .Maurescher Sprache und Ma­nier schricki. Run soll aber, wie es scheint, der Riß im antikacholischen Block wieder geflickt werden. Die Blätter der extremen Linken schreiben Beruhigungs­artikel. Ob aber es vick helfen wird? Der revolutio­näre Pöbel dürste nicht geneigt sein, die günstige Situation zu verpaffen. Man sollte meinen, daß Ca- nalefas allmählich zum Nachdenken darüber gchracht werde, welch eigenartige Bundesgenossen er angenom­men hat. Er sechst wird allerdings nicht mehr in der Lage sein, Besserung zu schaffen.

Aus England kam einmal eine für uns Deut­sche erfreuliche Nachricht. Das Ministerium hat offen­bar die Unverschämtheit, mit der eine gewisse englische Presse durch die verlogene Kaiser-Briefaffäre gegen Deutschland Stimmung zu machen versuchte, wieder gut machen wollen. Der Premierministre Asquith hat gelegentlich der Beratung des Marineetats ein hohes Lied auf die Friedensliebe Deuffchlands gesungen, indem er erklärte, daß Deutschland absolut nicht mit seinem Flottenprogramm Englandfeindliche Tendenzen verfolge. Das wird aber natürlich diejenigen eng­lischen Kreise, die ein finanzielles Interesse an den englischen Flotten rMungen haben, nicht abhalten, die erste beste Gelegenheit wieder bei den Haaren herbei­ziehen, um aufs neue wieder gegen Deutschland zu intnguieien.

Die Kreta-Frage ist ein gutes Stück ihrer endlichen Lösung entgegengegangen. Aus Furcht vor den noch immer vor der Insel ftegenben Schiffe der Schutzmächte, die chre Schlünde drohend auf die Hauptstadt Kanea richten, hat man die muselmanischen Abgeordneten ohne Eid auf den König der Hellenen gut Nationalversammlung zu gelassen. Der Boykott griechischer Waren in der Tückei hat unter dem Druck regierungsseitiger Zwangsmaßnahmen aufgehört. Die Tückei kann also mit ihren Erfolgen in Kreta einst­weilen zufrieden sein, aber ein anderes Unglück hat sie betroffen, der neu entdeckte Geheimbund macht der Regierung viel zu schaffen und es sprechen alle An­zeichen dafür, daß das von politischen Wirren an­dauernd beunruhigte Land vor neuen schweren inneren Kämpfen steht. In Asien gab es einen kleinen Krieg. Die Portugiesen waren von ihrer Kolonie Laeao zu Felde gezogen. Die Expedition, an der sich chinesische Hilfstruppen bereitwilligst beteiligten, endete mit einem Sturm auf die Befestigung der Piraten.

den für die Krankenversicherung Beiträge zahlen. Nach Entbindnug der größeren Besitzer mit ihren vielen Ar- beitem von der Versicherungspflicht würde der Per- sonenkreis der Versicherten für die Landkrankenkassen aber oft derart so gering, daß das Versicherungsrisiko auf zu wenig Schultere lasten würde. Es war des­halb auch ein konservativer Abgeordneter gegen diese Privilegierung der Großgrundbesitzer. Vom Zentrum wandte sich vornehmlich der Abg. Herold nicht nur im Interesse der Arbeiter, sondern auch der Gutsbesitzer dagegen — Auf ihren Antrag hin sind des weiteren auch noch Lehckinge, welche im Betrieb ihrer Eltern beschäftigt sind, von der Versicherungpflicht befreit.

und anderer Privatangestellten. Sie endet nach der Regierungsvorlage und nach bestehendem Recht mit mehr wie 2000 Mk. Jahresarbeitsverdienst. Der An­trag des Zentrunls, diese Summe auf 3000 Mark zu erhöhen, wurde abgelchnt, dagegen die Erhöhung auf 2500 Mack auf Antrag der notionatliberalen Partei gegen Freisinnige, Konservative und Freikonfervattve angenommen. Diese Parteien wollten es bei 2000 Mack belassen. Abgckehnt wurde ferner der § 180 der Regierungsvorlage, der lautete: .Der Bundes­rat kann allgemein ober in einzelnen Bezirken die Ver- fichemngspfllcht für bestimmte Berufszweige auf Ge­werbetreibende und andere Arbeitgeber erstrecken, die regelmäßig keine ober höchstens zwei Versicherungs­pflichtige beschäftigen." Des weiteren wurde noch ab- gelehnt folgender § 181: .Der Gemeindeverband kann für seinen Bezirk ober Telle davon die Versiche­rung statutarisch auf Familienangehörige des Arbeit­gebers ausdehnen, die ohne Entgckt und Arbeitsver­trag in seinem Betriebe tätig sind. Die Bestimmung bedarf der Zustimmung des Oberversicherungsamtes und muß wie die Bekanntmachungm des Verbandes veröffentlicht werden/

2. Versicherungsberechtigte. Auch hier ist die Voraussetzung, daß das Jahresarbeitsverdienst 2500 Mack (2000 Mack nach der Regierungsvorlage) nicht übersteigt. Es können bann der Krankenkaffe freiwil­lig Beitreten: Familienangehörige des Arbeitgebers, die ohne Arbeitsvertrag in seinem Dienste tätig find (Entgelt ist aber entgegen der Vorlage Bedingung); ferner Gewerbetreibende und andere Betriebsunter­nehmer (kleine Landwirte), die in ihren Betrieben regelmäßig keine ober höchstens zwei Versicherungs­pflichtige beschäftigen. Durch Statut kann bestimmt werden, daß der Beitritt von einer bestimmten Al­tersgrenze und der Vorlage eines ärztlichen Gesund- heitszeugniffes abhängig gemacht wird. Der § 191 der Vorlage, der unter der Voraussetzung der Ver­dienstgrenze von 2000 Mack Pro Jahr einem Ge­meindeverband durch Statut für seinen Bereich ober Teile davon sowie einer Krankenkasse durch die Satz­ung für ihren Bezirk die Vollmacht geben wollte, die Versicherungsbecechtigung auch anderen einzuräumen, insbesondere Gewerbetreibenden und anderen Arbeit­gebern, die regelmäßig keine ober höchstens zwei 93er- jicherungspflichtige beschäftigen, ist von der Kommis­sion gestrichen worden.

3. Befreiung von der Versicherungspflicht. Dar­über sagte § 186 der Regierungsvorlage: „Auf seinen Antrag wird von der Versicherungspflicht befreit, wer: 1. auf die Dauer nur zu einem geringen Teile ar­beitsfähig ist, solange der vorläufig unterstutzuugs- pflichtige Armenverband einverstanden ist, 2. bei Er­krankung an seinen Arbeitgeber einen Anspruch auf eine den Leistungen der zuständigen Krankenkasse gleichwertige Unterstützung hat, wenn der Arbeitgeber die volle Unterstützung aus eigenen Mitteln deckt und feine Leistungsfähigkeit sicher ist." Die Ziffer 1 des § J86 nahm die Kommission an, um solchen Personen, die sehr viel kränklich sind, die Arbeitsgelegenheit nicht abznschneiden. Bestehe für sie nicht die Befreiung von der Versicherungspflicht, bann liefen sie Gefahr, vor allem von Betrieben mit eigenen Betriebskasfen deshalb nicht eingestellt zu werden, weil sie sehr un­günstige Rssiken sind. Die Ziffer 2 aber lehnte die Kommission, nachdem dazu vorher die verschiedensten Zusatzanträge mit wechselnden Majoritäten angenom­men waren, ab, und zwar stimmten schließlich auch -die Konservativen, Freikonservativen und National- liberalen deshalb dagegen, weil ihnen durch die an­genommenen Zusatzanträge die Bestimmung unter Ziffer 2 nicht mehr genießbar erschien. Konservative und Frellonservative erklärten aber, die Annahme der erwähnten Ziffer 2 in für sie annehmbarer Form sei für sie von maßgebender Bedeutung. Um dies zu verstehen, fei gleich der jetzt ebenfalls abgelehnte § 447 der Regierungsvorlage wiedergegeben, der heißt: „Tas Recht, die Befreiung von der Versicherungs- Pflicht nach § 186 Ziffer 2 zu beantragen, steht an Stelle der Versicherten dem Arbeitgeber zu."

Dieser § 447 sollte nur für die in der Landwirt­schaft Beschäftigten gelten. Die ostpreußischen Groß­grundbesitzer wollten sich mit seiner Hilfe mit ihren Arbeitern, Dienstboten usw. der Krankenversicherung entziehen. Die kleinen ländlichen Besitzer aber, die den Voraussetzungen der Entbindung von der Bei­tragspflicht zur Krankenkasse in der Regel nicht ent­sprechen können, müßten mit ihren Knechten und Mäg^,

* Eie Krankenverftchernng nach den Beschlüssen der Reichsverfichernngs- kommission.

L

Nachdem die zur Beratung der Reichsversicherungs­ordnung eingesetzte Kommission des Reichstages in die ©ommerferien gegangen ist, erscheint es angezeigt, die wichtigeren von ihr bisher gefaßten Beschlüsse zu­sammenzufassen: Die Kommission hat die erste Le­sung der beiden ersten Bücher der Reichsversicherungs­ordnung beendet, die die gemeinsamen Vorschriften (Umfang der Neichsverstcherung, Träger derselben, Versicherungsbehörden) und die Krankenversicherung umfassen.

Schon das erfte Buch des Entwurfs hat sich man­che einschneidende Aenderung gefallen lassen müssen. Mehr jedoch noch ist das zweite Buch der Reichsver- sicherungsordnung, das die Krankenvefficherung um­faßt, umgeftaltet worden Zunächst

der Kreis der Versicherten

unterscheidet sich nach den Kommiffionsbefchlüffen wesentlich von der RegierungSvockage. Teilt man ihn in drei Gruppen, und zwar: Versicherungspflich­tige, Verstcherungsberechtigte und solche, die unter be­stimmten Voraussetzungen von der Versicherungs- Pflicht bestell werden sollen, so ergibt sich folgende Uedersicht, wobei wir hier sowie bei den weiteren Darlegungen nur die Aendernngen (Verbesserungen) durch die Kommission hecvorheben, weniger die, welche die Regierengsvockage gegenüber dem bestehenden Gesetze schon vorsah.

1. Versicherungspflichtige. Die Versicherungs- Pflicht der Arbeiter, Dienstboten, Hausgewerbetrei­benden, Gehilfen, Gesellen und Lehrlinge ist an keine Lohnhöhe gebunden, wohl aber die Versicherungs- Pflicht der Werkmeister, Techniker, Haiidlungsgehilsen

2. Blatt.

vrnck tmb vertag der Fuldaer »ctiexbruderti in Julia.

Wochen-Runöschau.

fff Fulda, 22. Juli 1910.

nationaHiberaU Partei, die während bet letz­ten Wochen Tag für Tag Gegenstand der Ewnerun^ war ist durch die Sozialdemokratie m gewisser Be­ziehung an die Wand gedrückt worden. Heute sprech alle Welt nur noch von denbadische n G e n o 1 f e , bie im bewußten Gegensatz zu der radikalen Partei­leitung das Budget bewilligt undobendrem noch beim PAhife des Landtages die größte Sunde begangen LLk X T&w * wi n« schuldig machen kann, indem sie beim Hoch auf ben Landesfürsten sich von ihren Schm erhoben. Darob natürlich lauter Jammer in Berlin und Leipzig und Schimpf- und Schmähartikel m a^en sozialdemokra­tischen Blättern radikaler Richtimg. Dieses Gelam­mer ist eigentlich durchaus nicht am Platze, mußte auf diese Haltung der badffchen Remsionisten gefaßt fein, die hn Musterlandle eine zielbewußte Großblocktaktik eingeschlagen haben und nach ihrer gangen Politik der letzten Zeit nickst anders konnten wenn sie nicht bei ihren treuen Verbündeten sich selbst in Mißkredit bringen wollten. Dazu hat aber die ba­dische Sozialdemokratie absolut keine Lust, denn sie hat alles Interesse daran, daß der Liberalismus für sie auch weiterhin die Kastanien aus dem Feuer holt. Daß das die Berliner Genossen nicht einfehen, daß sie mit verbundenen Augen überhaupt noch am Radika­lismus festhalten, ist ein Zeichen für den heute noch im Gros der Sozialdemokratie herrschenden Mangel an politischer Sachkenntnis und Klugheit. Zukunfts­staatsphantasien und Verelendungstheorie ziehen heute nur noch bei der durch ben Vorwärts systematisch bumm gehaltenen Berliner sozialdemokratischen Arbeüerschaft und ihren Leidensgenossen im Lande draußen. Alles Denkfähige aber innerhalb der Sozialdemokratie scheut diesen Zukunstsstaat als einen Zuchchausstaat wie das Feuer. Wenn schon auf dem vorigen sozial­demokratischen Packeitag in Leipzig von den Revisio­nisten behauptet wurde, der Revisionismus habe ge­siegt, dann waren sich alle denkenden Leute darüber einig, daß ein kleiner Kern Wahrheit in dieser Be­hauptung tag. Heute hat der Revisionismus tatsäch­lich gesiegt, und das Flügelschlagen des Radikalismus bedeutet nur noch Todeszukunft. Uns aber darf dieser Sieg des Revisionismus picht im Unklaren machen, daß jetzt eigentlich erft der Kampf gegen die Sozial­demokratie einseh en muß. Der Radikalismus war wenig zu fürchten, weil Unlogik an sich selbst zugrunde geht. Vom sozialdemokratischen Siandpmckt ober betrachtet, liegt im Revisionismus ein Kern Logik, und der macht ihn gefährlich. Trotzdem braucht man nicht als Optimist verschrien zu werden, wenn man behauptet, daß auch der Revisionismus keine Seide spinnen wird. Ein gefährliches Hemmnis liegt ihm auf ben Schienen, und das ist die christliche Idee, die beute, Gott sei dank, noch im Volke herrscht. Solange das der Fall ift, wird die Zukunftssozialdemokratie trotz aller ihrer Anstrengungen auch über die heutige Anzahl ihrer Anhänger kaum hinaus kommen.

Frankreich hatte sich seinen von aller Welt mißtrauisch beobachteten „Spaziergang durch Ma­rokko" leichter vorgestellt, als er in Wirklichkeit werden sollte. Es gibt unter den heißblütigen Söhnen Ma­rokkos trotz der französtschen Knebelungsversuche immer nock, Leute, die den Eindringling hassen aus Liebe zu ihrer Scholle Eine Anzahl dieser Leute hat den Franzosen am Mulaja-Fluß ein Gefecht geliefert, das für die Franzosen äußerst ungünftig ausgelaufen ist Im ganzen Lande herrscht der „heilige Krieg". Wenn sich die Franzosen bei ihren spanischen Leidensgenos­sen erkundigen, dann werden sie bald erfahren, was das für sie noch bedeuten kann. Sie wären schon klü­ger. wenn ste nach diesem Mißerfolg das Experiment aufgeben wurden, dem übrigens doch über kurz oder lang sich Hindernisse entgegenstellen würden, die von andern Mächten gelegt werden.

Die katholikenfeindliche Aktion in Spanien wäre beinahe in die Brüche gegangen, als durch die maßlosen Reden der revolutionären Führer Sorianos und Iglesias der antimonarchische und umstürzlerische Charakter der extremen Packeien, die sogar offen den Mord am politischen Gegner als erlaubt hinstellten, offenbar wurde. Canalejas mußte unter dem Drucke der über bie anarchistischen Aeußerungen mächtig er­regten öffentlichen Meinung bie Amnestie für bie von Barcelona ins Ausland geflüchteten Verbrecher ab-

X 166.

Samstag den 25. 3uli 1910.

37. Jahrgang.

Unpolitische Zeitlause

(N.) Berlin, 21. In« 1910.

Nachdruck nicht gestattet.

' Den Großmüttern und Großvätern möchte ich heute einen schönen Gruß senden. Arn nächsten Dienstag ist nämlich das Fest der hl. A n n a, der Großmutter des Herrn.

Gesegnet ist, wer die Kinder seiner Kinder aus- blühen sieht' Richt bloß die Zahl seiner Jahre ist üeriängeit über das Durchschnittsmaß, sondere es ist ihm auch be'chieden worben, was so mancher vergebens ersehnt hat: eine gesunde, tüchtige Nachkommenschaft. Er hat noch bei seinen Lebzeiten sich selbst überzeugen können von der Triebkraft seines Geschlechts, und wenn er schon die Enkel auf feinen Armen hat und zu jeinen Fußen (Dielen fleht, dann erfreut ihn die Zu­versicht auf weitere Zweige imd Blüte« an seinem Stamm

Die Großeltern fühlen, daß ihr eigenes Leben schon auf dem absteigenden Aste sich befindet. Darum Hot für sie die frischaufkeimende Jugend einen beson­deren Reiz. Die eigenen Kinder sind schon groß ge­worden, und mll ihrem Körper wuchs zugleich ihre Selbständigkeit. Mögen auch die Beziehungen noch so liebevoll bleiben, das ausgewachsene Kind kann doch dem Zärtlichkcktsttieb der Eltern nicht mehr recht ge­nügen. Es steht neben de» Ellern; es ließ sich nicht mehr so . bemuttere", wie es die gefühlvollen und be­sorgten Eltern früher so gern taten. Aber nun kom- me_n die kleinen Enkel, an die kann sich die zurückge- brängte Zärtlichkeit unb Beflissenbeit noch einmal so recht austobcn Diese jungen, zarten, hilfsbedurf- ugen Wesen jinb so dankbar für die großelterlichen Aufmerksamkeiten. Und wenn der Dank auch nur in einem vergnügten Lächeln und einem unartikulierten Laut besteht, die Großmutter ist doch selig, und der Großvater streicht vergnügt den grauen Bart wieder Zurecht, den ihm die kleine Patschhand zerzaust hat. Die Großeltern kommen sich verjüngt vor unter diesem jungen Nachwuchs, sie träumen sich 20 oder 30 Jahre

zurück in jene Zeit, als ihre eigenen Kinder noch in der Wiege lagen.

Die beglückende und erfrischende Wirkung der Enkelschast ist umso größer, als auf den Großeltern nicht mehr das Gefühl der vollen und alleinigen Ver­antwortlichkeit für die Zukunft des Nachwuchses lastet. An der Wiege des eigenen Kindes denken die Eltern: Wir müssen sorgen und streben, daß dieser Sprößling gesund an Leib und Seele heranwächst und ein braves und tüchtiges Glied der menschlichen Gesellschaft und des Reiches Gottes auf Erden wird; von uns wird einst Rechmschast gefordert werden! Wieviel Gefahren bedrohen unsere yirten Sprößling? Werden wir im Stande fein, ihn richtig zu erziehen? — Angesichts der jungen Enkel ift die Sorge längst nicht so groß, da­gegen die Zuversicht viel größer. ist bei unsere Kindern alles gut gegangen; warum soll es bei ben Kinbeskinbere nicht gehen?" .Zu diesen Gedanken ge­sellt sich dann die Empfindung, die oft nicht ganz klar zum Bewußffein kommt, aber doch beruhigend wirkt: .Die Eltern sind ja da; deren Pflicht und Schul- bigkett ift es, für das Kind zu sorgen. Wir Großeltern tun noch ein Übriges, so lange wir leben, indem wir den Enkeln Liebe widmen, deren Eltern gute Rat­schläge geben; aber wir sind doch schließlich nur zur Aushilfe ober zur Verschönerung des Erziehungs­werkes berufen." — So kann man tn gewissem Sinne fegen, daß die Großeltern in der Enkelkinderstube „Rosen ohne Dornen" pflücken.

Dieses Vorrecht der Großellern wird manchmal mißbraucht, und daraus hat sich der Vvrwuff ent­wickelt, den man ost hört: daß die Großeltern die Enkel verhätscheln unb verziehen. Es kommt in der Tat vor, daß die großelterliche Zärtlichkeit etwas egoistisch wird. Tie alten Leute wollen zu gern dank­bare Gesichter sehen imd ein anschmiegendes Köpfchen an ihrer Brest fühlen. Daher machen sie den Enkel­kindern so eid Freude, als nur eben möglich ist und geraten so in die Gefahr, es zu verwöhnen. Sehr be­denklich wird die Sache, wenn sich bei den Kindern tvirk- liche Unarten herausbilden, die von den Eltem streng behandelt werben müssen. Dann tarnt sich bei den Kindern leicht die Ansicht festsetzen, die Eltern seien

lieblos und grausam, die Großeltem aber seien viel besser. Dos fft nicht ckchtig; die Großeltern dürfen den Eltern nicht die Liebe und das Vertrauen der Kin­der rauben.

Es darf kein Zwiespalt in der Kinderstube ober gar in den Kinderherzen ausiommen. Daher müssen alle, die das Kmd betrauen, darauf bedacht sein, ein­trächtig zu Wicken. Zwischen Schule und Haus, Lehrer und Eltern soll Harmonie herrschen; also erft recht zwischen der großelterlichen und der ellerlichen Kindespflege. Den leiblichen Eltern räumt das Na­turrecht die erfte Stelle ein; auf sie fällt die volle Verantwocklichkeit für das ’ körperliche und seelische Heil der Sprößlinge. Also muß ihnen auch überall der Vorantritt und die Führung überlassen werden, auch von Seiten der Großeltern Letzteren steht eine größere Erfahrungsweisheit in Erziehungsfachen zur Verfügung Gewiß, die sollen sie nicht ungenutzt las­sen, aber der rechte Weg zur Verwertung führt durch die elterliche Instanz. Die Großeltern mögen den El­tern die geeigneten Ratschläge geben, und zwar in Abwesenhett der Enkelkinder. Wenn die Fingerzeige und Anregungen in freundlichem Tone gegeben werden und gut begründet find, fo werden sie bei vernünftigen Eltern gewiß Beachtung finden. Wollen aber bie Großeltern unmittelbar Eingreifen unb die Enkel dem elterlichen Erziehungssvstem entziehen, bann ist ber Friebe unb ber Erfolg der Erziehung gefährdet.

Von dm Großeltern muß also eine gewisse Vorsicht und Zurückhaltung verlangt werden. Andererseits muffen sich die Eltern auch vor Effersucht und Eigen­sinn gegenüber den Großcktern hüten. Man gönne doch den alten Leuten die Freude und bie Erquickung, die sie im Jungbrunnen der Eukelkindefftube haben. Wenn sie ben Enkeln etwas mehr Süßigkeiten mit- b ring en, als die Eltern abgemeffen haben, so ist das noch kein Unglück und wird auch nicht gleich gesährlih. Und die Zäcklichkeit der Kleinen gegenüber der Groß­mama und dem Großvapa braucht der Anhänglichkeit an die Eltern keinen Eintrag zu tun. Das Beste ist bie vertrauensvolle, rückhaltlose Gemeinsamkeit ber Gefühle, ber Ansichten und der Handlungsweise zwi­schen den Eltern und den Großeltern, begründet auf

dem ehrlichen Willen beider Teile, nichts anderes als das Wohl des Kindes zu erstreben, unter Verzicht auf die eigenen Interessen. Die Eltern dürfen auch keinen Augenblick vergessen, daß sehr leicht Verhältnisse ein­treten können, z. B. in Krankheitsfällen, wo die Hilfe der Großeltern vom größten Wecke ist, ja den Rettungs­anker für das ganze Familienglück bilden muß. Man soll sich also wohl hüten, »egen irgend einer kleinen Unstimmigkeit bie Beziehungen zum Bruch ober auch nur zu einer Lockerung kommen zu lassen. Die dum- men Witze von ber .Schwiegermutter" dürfen für ernste und gewissenhafte Leute nicht tonangebeud sein. Erst recht dann nicht, loenn durch ben Kindersegen in der jungen Familie neue Ausgaben erwachsen sind, bei deren Lösung die Hilfe der Großeltern höchst erwünscht oder gar bitternötig ist.

Was Gott zusammenfügt, soll der menschliche Vor­witz oder Eigensinn nicht auseinanderreißen. Wenn Gott das alte Leben erhält, bis junges Leben in der zweitm Generation hercmwächst, dann hat er es ge­wollt, daß Eltern, Kinder und Kinbeskinder einträchtig zufammenarbeiten zum Wohle bes Geschlechts. Er hat allen Beteiligten einen Segen zugedacht, um den sie von vielen mit Recht beneibet werden. Es gilt nun, diesen Segen einzuheimfen, und dazu gehört vor allem, daß jeder bie selbstsüchtigen Gelüste ab streift unb sein Behagen in dem Glücke ber anderen sucht. De« guten Eltern aber wird eine doppelt« Freude zu teil, wenn ftc einerseits ihre Sprößlinge aufblühen und anderseits die Eltern in der Enkelstube stch vcr- iüngen sehen.

— Verunglückte Ausrede. Zahnarzt: .Ist die gnädige v.taa zu sprechen?" Kamnierrofe: .Nein, sie hat Zahnweh." Zahnarzt: »Tas ist nicht gut möglich, denn ich habe ja ihr von mir repariertes Gebiß bei mit."

— Patz nur aus. Die Abeschützeu werden vom Lehrer nach ihrer Wohnung gefragt: .Wo wohnst du denn?" fragt bet Lehrer einen pausbackigen Krauskops. Frisch ertönt bie Antwort: „Putz oct uf! Wenn bu warscht vorbeigiehn, do war ich der mol fpeifa!"