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Morrakbellage: „8uldaer Geschichtsblätter"

z. vorzeLer i* Fulda. Wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagszeitung"

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Sotationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak. tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

w luö. Erstes Blatt.

*tuIba, Samstag den 23. Juli 1910.

37. Ja ir11 n \

Die „großartige Bewegung -es vierten Standes".

Dieses Wort hoher Anerkennung widmete der ba- dische Minister v. Bodman der deutschen Sozial­demokratie. Nun ja, ein Minister, welcher von Gna­den der Sozialdemokratie in seinem Amte bleiben muß, muß natürlich sich auch entsprechend dankbar zeigen. Gleichwohl muß man sagen, daß ein derartiges Poli­tisches Glaubensbekenntnis eines Mannes, in deffen Hände die Geschicke eines großen Landes und eines angesehenen Herrscherhauses gelegt stnd, in allen vater­ländisch und staatstreu empfindenden Kreisen äußerstes Befremden und schärfften Widerspruch Hervorrufen muß. Die einzig mögliche Entschuldigung für Herrn v. Bodman wäre die, daß er die Sozialdemokratie nicht kannte; aber wenn das der Fall wäre, dann wäre er zu der Stellung des Ministers des Innern jedenfalls sehr wenig qualifiziert. Wenn man die Sozialdemokratie in ihrer wahren Gestalt kennen leimen will, dann darf man natürlich nicht sich an fromme und idealistische Aeußerungen einer revisionistischen Staatsweisheit, die uns gerade in diesen Tagen wie­der in großer Menge vorgesetzt werden, auch nicht an die allein aus taktischen Erwägungen — nach dem Grundsatz: Der Zweck heiligt das Mitel — hervor- gegangene sogenannte positive Mitarbeit sozialdemo­kratischer Fraktionen halten, sondern da muß man hinabfteigen in die Kreise, wo die Sozialdemokratie ihre eifrigste Arbeit entfaltet und ihre größten Erfolge erzielt; bann muß man sein Augenmeck richten au' die Wühlarbeit der Genossen unter dem Bolle. Es trifft sich gut, daß gerade in diesen Tagen S>ei Vorgänge bekannt werden, welche das eigenlliche irken der Sozialdemokratie mit grellem Schein be­leuchten. Aus Berlin wird folgendes gemeldet: Eine Frau hatte einen Beniner Pfarrer gebeten, am Sarge ihres Heimgegangenen Mannes die Leichenrede zu hallen; aber der Metallarbeiterverband erlaubte es nicht, wie aus dem Schreiben hervorgeht, das die arme Witwe an den Pfarrer sandte. Der Brief lautet (nach der „Post' Nr. 837 v. 22. Juli) wörtlich fol­gendermaßen:

„Hochgeehrter Herr Pfarrer! Unter dem größten Bedauern sehe ich mich genötigt, Euer Hochwürden mitzuteilen, daß der Metallarbeiterverband jede kirch­liche Vertretung ablehnt. Ich bitte deshalb Euer Hochwürden höflichst um Entschuldigung. Ich möchte mich dem Verband insofern anschließen, weit ich sonst verschiedener Vorteile entzogen würde. Mit vorzüglicher Hochachtung zeichnet (folgt die Namens- unterschrist)."

Also sucht die Sozialdemokratie mit dem Mittel de? schlimmsten Terrorismus die Religion aus dem Leben des Volkes zu verbannen. Herr v. Bodman nennt das: die großartige Bewegung des vierten Standes! Der ,Tägl. Rundschau' (Nr. 337) wird aus Bonn über eine „Morgena ndacht* berich­tet, welche am Sonntagmorgen auf dem Gipfel des Oelberas von der freien Jugendvereinigung aus Köln, etwa 80 bis 100 14» bis 16jährigen Burschen und Mädchen, gefeiert wurde. Der Be­richt schildert die Feier wie folgt:

„Ruf einer Nachtwanderung in das Siebengebirge bestiegen wir in der mondscheinlosen Nacht vom Sams­tag zum Sonntag den Oelberg, um den Sonnen auf» gang und das Erwachen des Morgens von des L-iebengebirges höchstem Gipfel zu beobachten. Ehe wir den Gipfel erreichten, ließ lautes Stimmengewirr uns erkennen, daß dort oben am Schutzhaus ein reges Leben und Treiben herrschte, und bald huschten da und dort dr.rch unser Erscheinen gestörte Pärchen an uns vorüb-r und eilten unter dem Schutze der Nacht der Schutzhiitte zu. Und oben, welches Bild! 14- bis 16jährige Burschen und Mädchen lagen im Dunkel der Nacht ,n bunter Menge durcheinander auf dem wenige Gevierlmeter großen, nach Südosten vorspringenden Felsenplatte des Gipfels. Auf unsere Frage, woher di« Gesellschaft sei, erfuhren wir, daß es eine freie Jugendvereinigung aus Köln sei. — Allmählich wird es Heller; die einzelnen zum Teil so jugendlichen Pär­chen kehren von ihrer Nachtpromenade zurück. Ein kalter Morgenwind schüttelt die Bäume und bringt die da Liegenden gar bald auf die Beine. Jetzt tritt ein junges Bürschchen an die Rampe der Schutzhütte und verkündet unter Trompetenschall, die Anwesenden möchten sich im Kreise sammeln, zu einer Morgen­andacht. Unter Schwenken einer roten Flagge, welche die Worte „Hoch das freie Wahlrecht" trägt, tritt das Bürschchen ab und überläßt einem älteren Genossen, dem Führer, den Platz. Unterbeffen wird an der Flaggenstange der Schußhütte gleichfalls eine rote Fahne gehißt, zum Zeichen, daß jetzt auf dem Oelberg „rot" herrscht. Jetzt beginnt der Redner. Seine Ansprache hat etwa folgenden Inhalt: Die Morgenandacht, die er jetzt abhalten wolle, sei nicht von der Art, wie sie die Priester in der Kirche hielten, entschieden aber von größerem Werte für die Heran­wachsende Jugend. Wie ja den Anwesenden betannt wäre, sollte der Ausflug eine Sonnenwendfeier sein. Die Studenten feierten ja auch eine Sonnemvendfeier und zwar zu Ehren Bismarcks, der nach ihren Mei­nung das Deutsche Reich zusammengezimmert hätte. Die Sonnenwendfeier derJugendvereimgung gelte aber einem ganz anderen Zweck, der Frecheit und dem Proletariat. So ,vie die Sonne nun bald die Nebel- schicht durchbrechen und in Hellem Glanze erstrahlen würde, so würde auch bald das Proletariat dieNebel- fchicht, die noch das Bürgertum umhülle, durchbrechen und feinen Glanz entfallen. Die umliegenden Burgen und Ruinen seien Zeugen ehemaligen Raubrittertums, das nun längst vernichtet sei; so müsse und würde das Proletariat die „Burgen des heutigen Herrschertums und der Besitzenden" zerstören, und da muffe vor allem die-Jugend so früh wie möglich mitarbeiten und dieses Ziel steis im Auge behalten. Der Jugendoereinigung würde jetzt immer mehr die längst verdiente Achtung gezollt. Das hätte auch der Kriegsminister erkannt, und die Worte, die er vor kurzer Zett gesprochen, daß, „wenn die sozialdemokratischen Umhiebe in ihrem jetzigen Umfange weiter betrieben würden, er mchl für bj« Schlagfertigkett des Heeres garantieren tonnte", biefe Worte mußten der freien Jugendvereinigung als Ansporn zum ferneren Kampfe dienen, und sei ein Be- n eis, daß der volle Sieg des Proletariats über Bürger­tum und Regierung nicht mehr fern sei! Mit einer Mahnung, eifrige Gen offen und Mitkämpfer gegen Bürgertum und Regierung zu werden und mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie schloß die Hetzrede, und die 80 bis 100 vierzehn- bis sechszehnjährigen Burschen und Mädchen stimmten beaeiftert ein."

Der Einsender bemerkt dazu mit Recht: .Wir hatten noch nicht Gelegenheit gehabt, das Tun und Treiben in solehen Jugendvereinigungen, die man besser Jugendverführungen nennen könnte, näher kennen zu lernen. Jetzt aber wurde uns klar, in welcher vaterlandsfeindlichen, jeder Mo­ral hohnsprechenden Weise di« Sozialdemo­kratie die eben aus der Schule entlaßene Jugend unter ihre Fahne zu bringen und Religion und Baterlandsliebe, die stärksten Feinde der Sozial­demokratie, möglichst früh aus dem Herzen der Jugend zu reißen sucht." Herr v. Bodmann nennt das: die großartige Bewegung des vierten Standes! Ein weüeres Wort ist wohl überflüssig.

Deutscher Reich.

** Berlin, 22. Juli 1910. Staatsminister z. D. Heutig, der frühere Chef des Staatsministeriums der Herzogtümer Sachsen-Koburg und Gotha, dem bereits im Jahre 1901 der herzoglich sächsische Adel verliehen wurde, ist vom König durch Verleihung des erblichen preußischen Adels ausgezeichnet worden. — Marschall Hermes da Fonseca, der neue Präsident von Brasilien, ist gestern in Berlin eingettoffen.

0 Die Liberalen lernen von ihren roten Freundm- Bekanntlich haben die Liberalen bei der Ersatzwahl zum bayrischen Landtage im Kreise Aichbach-Dachau eine empfindliche Schlappe erlitten. Sie scheinen sich an der Bevölkerung des Kreises recht eigenartig rächen zu wollen. Die Liberale Landtags-Korre- »pondenz^ fordert nämlich die Parteigenossen auf, „alle diejenigen Wirtschaften den Parteisreunden bekannt zu geben, deren Wirte die Gunst des Herrn Pfarrers höher schätzen, als den Gewinn vom sonn­täglichen Ausflugsverkehr.* Die,Leipzg. Volksztg.' nennt das Vorgehen dieser Herren eine .unverhüllte parteioffiziöse Aufforderung zum Boykott*, und sie hat Recht mit dieser Auslassung.

*, Basfe.mann nicht maudatsmüde. Der dem Abg. Baffermann nahestehende Mannheimer ,Generalanz/ beschäftigt sich eingehend mit den von Konservativen und rechtsliberalen Kreisen geführten Erörterungen über die angebliche Mandatsmüdigkeit Bassermanns und erklärt, die Frage des Reichs­tagsmandats für Baffermann werde, soweit die Partei im Lande und die Fraktionsgenoffen dabei mitwirken können, zu einer befriedigenden Lösung gebracht werden. Alle Behauptungen von einer Mandatsmüdigkeit Baffermann nähmen ihren Ursprung aus den schlummernden Wünschen* ihrer rechtsnationalliberalen und konservativen Autoren, um eine Spaltung und Rechtsschwenkung der nationalliberalen Partei herbeizuführen. Aus diesen Gründen soll Bassermanns Mandatsmüdigkeit erzwungen werden. Eine solche liegt nicht vor. Die Freunde, die mit dem Sturze Bassermanns die nationalliberale Partei der Kartellpolitik gefügig machen wollen, hätten sich zu früh gefreut. Das Blatt erklärt ausdrücklich, daß diese Auffassung der Dinge den Anspruch erheben dürfe, auf zuverlässige Quellen zurückzugehen. — Diese Mitteilung kommt uns nicht überraschend, denn wir haben niemals ernstlich an Bassermanns Mandatsmüdigkeit geglaubt.

X Neues Waffer aus die Mühlen der Gegner hat der katholische Stadtpfarrer in Donaueschingen, Dr. Feurstein, geleitet. Auf die begründete scharfe Kritik, die verschiedene katholische Blätter an fernem Urteil über die Borromäus-Enzyklika übten, ant­wortet er jetzt im .Karlsruher Beobachter":

„Wie katholische Blätter mir daraus den Vorwurf kirchensemdlicher Schreibweise machen können, zum Teil unter hämischen Angriffen auf meine Zurechnungs­fähigkeit und Rechtgläubtgkeit, ist mir unverständlich. Soweit meine Aenßerung eine Spitze hat, richtet sie sich nicht gegen die höchste kirchliche Stelle, der ich mit der ganzen Ehrfurcht und Liebe eines überzeugten Katholiken und Priesters ergeben bin, überhaupt nicht gegen die päpstliche Regierung, sondern gegen die Partei der Monsignori, d. h. eine bekannte Slique in der päpstlichen Regierung, die die freie Entschließung des hl. Balers beeinträchtigt, eine durchgreifendere Verwaltungsreform hindert und uns deutschen Katho­liken feit Jahren die peinlichsten Verlegenheiten be­reitet, gegen den starken und im allgemeinen nicht als günstig betrachteten Einfluß der spanischen Kardinäle Merry bei Bal und Vives y Tuto, der durch einen deutschen Kurien kardinal wenigstens in feiner Rück­wirkung auf deutsche Verhältnisse paralysiert werden mußte."

Herrn Pfarrer Feurstein wurden vor einiger Zeit mildernde Umstande zugebilligt, weil er nervös überreizt sein sollte. Die müssen jetzt sortfallen, denn er operiert mit demselben Klatsch, den auch die liberale Preffe über den Papst und seine nächste Umgebung vetbreitet. Der Geistliche Rat Wacker hat die Situation ganz richtig erfaßt, wenn er eine ! Kundgebung aus der 3Jtitte des Klerus vorschlägt. Das darf so nicht weftergehen.

+ Helgoland Reichskriegshafen. In diesen Tagen, da die Insel Helgoland ihre zwanzig- ahrige Zugehörigkeit zu Deutschland feiern kann, ist sie in die Zahl der Reichskriegshäfen ein- ftereiht worden. Für den in der Ausführung regriffenenen Hasen sowie für dir Helgoländer Gewäffer ist jetzt, wie dem .Tag" gemeldet wird, von dem Chef der Marinestation der Worbfee, Admiral Graf von Baudisfin, eine . )afen» und Seepolizeiverordnung erlassen worden. ^)er auf der Insel seitens der Marinebehörde im Bau befindliche Hasen soll in erster Reihe als Hafen für kleinere Kriegsfahrzeuge )icnen, daneben aber auch als Schutz- und Nol- jafen für Handelsschiffe. Die Gesamikosten des ■ DafenbaueS sind auf 30 Millionen Mark ver­anschlagt worden, von denen mit den Marine­etats für 1908—1910 bis jetzt 11 Millionen Mark bewilligt worden sind. Die Inbetrieb­nahme des Häsens wird voraussichtlich erst im 3af>te 1913 erfolgen können.

-T- Gastwirte und Antialkoholbewegung. Daß die Antialkohol-Bewegung neben ihren guten Seiten auch Auswüchse zeigt, wird wohl von allen Seiten zugestanden werden. Man geht aber doch viel zu weit, wenn man sich auf den Standpunkt stellt, de» der soeben in Stuttgart tagende 18. Bundestag Deutscher Gastwirte einnimmt. In einer Resolution heißt es u. a.:

„Daß die Wirte immer und jeder Zeit Gegner des Alkoholmißbrauchs sind, deshalb wird von den Blau- Kreuz-' und Abstinenzvereinen der Kampf nicht gegen den Alkohol, sondern gegen den Gastwirlestanh weiter­geführt. Diese absichtliche Verdrehung der wirklichen Tatsachen, hat zu einer fortgesetzten Beunruhigung und Schädigung, nicht nur des Gaflwirtsgewerbes, sondern der gesamten Gärungsindustrie Deutschlands geführt, die gebieterisch eine energische Gegenwehr erfordert. Scharfer Protest muß auch dagegen eingelegt werden, baß diese Bewegung noch aus Staatsmitteln unterstützt wird. Es wird dann die Aufforderung an die Bundesvereine gerichtet, dem Schutzverband gegen die Uebergriffe der Abstinenzbewegung als Mit­glied beizutreten."

Wenn eS sich um tatsächliche Uebergriffe handelt, bann haben die Wirte natürlich das Recht, und die aus dem Selbsterhaltungstrieb entspringende Pflicht, sich zur Wehr zu setzen. Sie dürfen aber Einzel­fälle nicht verallgemeinern, wie das in der Resolution geschieht. Der Bundestag empfahl auch warm den Beitritt zum Hansabund. Glauben denn die Gast­wirte, daß sie im Hansabund Seide spinnen werden. Da werden sie doch nur geschröpft zum Nutzen der Anderen.

(*) Ein wertvolles Geständnis. In Nr. 196 vom 18. Juli verbreitet sich die „Frks. Ztg." über den Kamps, den der spanische Minister­präsident Don Josä Canalejas y Mendez unternommen hat, „um sein Vaterland aus dem Joche des Klerikalismus zu befreien und auf die Bahn des politischen, geistigen und wirtschaft­lichen Fortschrittes zu führen". Das demokratische Blatt schreibt dabei:

„Es handett sich bei diesem Kampfe nicht bloß um die ®eftegung des Klerikalismus, sondern auch um das Schicks al der spanischen Mo­narchie. Dem tiefer blickenden Beobachter kau» es nicht entgehen, daß die entschiedenen Liberalen, Demo­kraten und Republikaner sich nur darum um das Königtum scharen, weil sie hoffen, daß es sie in ihrem Kampfe gegen den Klerikalismus unterstützen und fördern werde; geschieht dies nicht, dann haben sie nicht das mindeste Jutereffe daran, am Königtum, wenn es nichts weiter ist als der Bundesgenosse des Klerikalismus, festzuhalten. So modern ist auch schon der spanische Liberalismus, daß er das Königtum nicht mehr mit dem Strahlenkranz mystischer Heiligkeit um­gibt, sondern es nach seiner Nützlichkett für bas Ge­deihen der Nation etnfchätzt und danach be­handelt."

Zu dieser famosen Leistung bemerkt die „Augsb. Postztg.": Als im Jahre 1892 Preußen ein christliches Schulgesetz erhalten sollte, da drohte ein großes liberales Blatt mit der Re­vision der monarchischen Ueberzeugung bei den Liberalen, wenn die Regierung an diesem christlichen Schulgesetz festhalten sollte. Und wirklich wich die preußische Regierung damals, veranlaßt vor allem durch Mitteilungen des da­maligen preußischen Gesandten in München, des Grasen Phili Eulenburg, vor dieser liberalen Drohung zurück und zog das christliche Schul­gesetz zurück. Heute versuchen die Liberalen in Spanien ähnliche Manöver, indem sie dem König direkt drohen, ihm ihre Gefolgschaft zu kündigen, wenn er nicht ihre Kulrurkampf- gelüste befriedigt und ihrem Haffe gegen die katholische Kirche die Zügel schießen läßt. „Und der König absolut, wenn er unfern Willen tut." Das ist offenbar der Grundsatz, nach dem der Liberalismus, der sonst in aufdringlichster Weise mit seiner erborgten patriotischen und monarchischen Gesinnung protzt und die nationale und monarchische Gesinnung des Zentrums z. B. frech verdächtigt, feine Stellung zur Monarchie einrichtet. Wahrlich, der König von Belgien hatte die Liberalen durchschaut, wenn er seinem Thronfolger den Rat gab: „Halte dich mit den Liberalen; mit den Katholiken brauchst du dich nicht zu halten, denn die machen keine Revo­lution!" Wie lange noch werden sich die Fürsten und Regierungen von dem unwahren patriotischen Phrasengeklingel des Liberalismus über dessen wahre Gesinnung hinwegläuschen kaffen? Wo­durch unterscheidet sich denn noch der Liberalis­mus von der Sozialdemokratie, wenn die von der „Franks. Ztg." dargelegten Grundsätze und Anschauungen im Liberalismus geltend sind? — Durch nichts!

— Die elsässische, lothringische Berfassungsvorlikge ist im Reichsamle des Innern noch nicht fertigge­stellt, daher haben die Angaben über ihren'Inhalt, wie die „Nat.-Ztg." ausführt, auch noch wenig praktischen Wert. Was bisher bekannt und mitge­teilt wurde, entspricht Wünschen und Vorschlägen.

Ausland.

* Von einem neuen Finanzstandal spricht man schon wieder in Paris, während man noch mitten in her Affäre Röchelte steht. Dieses Mal handelt es sich um die Pariser Omnibusgesellschast, an deren Spitze der bekannte Finanzmann Etienne, ein Freund des verstorbenen Königs Leopold von Belgien, steht. Die „Humauitä" des Sozialfftenfiihrers Jaures spricht von dieser Angelegenheit und erklärt, daß es bei der Ge­neralversammlung dieser Tage zu außerordentlich Mr­mischen Szenen gekommen sei. Man habe den Aktio­nären eine falsche Bilanz borgelegt, und anstatt ihnen die Dividenden auszuzahlen, habe man sich auf selt­same Manioulationen eingelassen, über deren Natur

leider weitere Einzelheiten nicht gegeben werben. Man spricht um bavon, daß durch einen sonderbaren Tricl die Aktien an einem Tage van 975 auf 312 gefallen seien und daß die größeren Banken aufgefauft hätten, um schließlich wieder zum jetzigen Kurs van etwa 600 zu verkaufen. Die kleinen Aktionäre sind also durch diese Manipulationen in geradezu skandalöser Weis« geschädigt worden und einzelne Aktionäre konnten sich bereichern. Die Geschichte wird natürlich weiter« Konsequenzen nach sich ziehen, denn dem Auffichtsrat wurde keine Decharge erteilt. Interessant wird di« Sache deshalb, weil kein größeres Pariser Blatt da­von spricht. Es ist unverblümt in der Generalver­sammlung ausgesprochen worden, daß alle größeren Blätter von der Omnibusgesellschast bezahlt seien und daß sie infolgedessen keine Besprechungen über den Verlauf der Generalversamnilung bringen würden. Tatsächlich ist die „Humanitä* des Herrn Jaures di« einzige Zeitung, die von diesem neueften Fincmzskan- dalspricht.

• Z» den Bedürfnissen Spaniens, die immer wieder hervortreten und in der Befriedigung immer wieder vertagt werden, weil das Geld fehlt, gehören die Volksschule und die Bewässerung. Di« letztere ist ein Problem, das schon seit einem Jahr- hundert ungelöst den Nationalwohlstand Spanien» beeinträchtigt, während die Volksschule wenigsten» durch Privatinitiative einen Ersatz für den staatlichen mangelhaften Schulbetrieb gefunden hat. Di« religiösen Orden, Mönche und Nonnen, haben auf ihre Kosten Schulen errichtet, die stark besucht sind. Die Folge ist, daß gerade in den Provinzen, die ihre katholische Gesinnung bewahrt haben, bi« wenigsten Analphabeten zu finden find und daß fie die meisten Schüler aufweisen. Die republikanischen Zentren dagegen sind die schlechtesten inbezug aus die Volksbildung. Von 3253 Niederlassungen der Männer- und Frauenorden mit 50,660 Insassen (Ziffern des Jahres 1904) widmeten sich nicht weniger als 1204 Niederlassungen mit 33,400 In­sassen dem Unterricht in den Volksschulen. 1868 Niederlassungen mit 12,350 Insassen widmeten sich der Caritas, so daß noch 181 Niederlassungen mit 4910 Insassen übrig bleiben, die entweder der religiösen Betrachtungen oder der Industrie leben. Eine Landesgefahr stellen diese paar Leute gewiß nicht dar. Dafür würde aber, wie Canalejas selbst zugibt, der Dienst, den die Orden der Volksbildung und der christlichen Nächstenliebe leisten, niemals ersetzt werden können.

* Eine Entschuldigung der spanische» Kultur­kampfespolitik scheint der Ministerpräsident Canale­jas, vielleicht im Hinblick auf die neue revolutionäre, dir Kirchenfeinde kompromütierende Bewegung, für angezeigt zu halten. Er stellte einem Anfrager gegenüber kategorisch in Abrede, daß die Regierung jemals die Kirche angegriffen habe. Die „Kirche" ist nach seiner Ansicht eine ewige, unangreifbare Einrichtung. „Die Kirche angreifen, hieße eine groß« Torheit begehen. Und die Regierung, die diese» törichten Verstoß unternehmen würde, fügt dem wiederausflammenden Religionskrieg Unzufriedenheit und Mißstimmung im Volke hinzu. Der gegen- wärtige Kampf der Regierung geht nicht gegen di« Kirche. Wohl aber ist er gegen jene reaktionären Kreise gerichtet, die der Kirche Machtbefugnis in Gebieten erteilen wollen, wo ihr diese nicht zustehen In der Politik, der Volkswirtschaft, der Philosophie, der Wiffenschaft und sogar im Gewerbe und Handel. Derartigen Bestrebungen tritt die Regierung ent­gegen ; sie wird sie so lange bekämpfen, bis sie di« unbedingte Vorherrschaft der Staatsgewalt in Spa­nien durchgesetzt hat.* — Herr Canalejas spricht; als ob er bei den deutschen Kulturkämpfern, die jo auch nie die „Kirche* sondern nur „kirchliche lieber« griffe" befehden, in die Schule gegangen wäre. AIS ob sich dir Kirche, diese fast 2000jährige Kultur­macht, von einem Canalejas kategorisch die Gebiet« zuweisen laffen könnte, auf denen sie sich betätigen darf.

* Das Schreckensbild des französischen Eisenbahner­ausstandes wird von den Revolutionären und Arbeitsverbändlern noch immer ausgebeutet. Jn- defsen bleibt die einschüchternde Wirkung auf di« Gesellschaften, die Regierung und das Publikum aus, da sich mehr und mehr die Ueberzeugung fest« setzt, es handle sich nur um einen großen Bluff Der Ministerpräfident Briand läßt nachdrücklich erklären, daß für eine solche Möglichkeit alle Maß« regeln getroffen sind, und keinerlei Unterbrechung des Verkehrs eintreten könne.

* lieber die Schädlichkeit d«S russisch - japanische» Vertrages sür China meldet eine Brüsseler Agentur: Kaum unterzeichnet, zeigt der russisch-japanische Ver­trag schon seine unheilvollen Wirkungen. Aus der Mongolei sind in Peking beunruhigende Nachrichten eingetroffen. Die Ruffen haben an verschiedenen Stellen der Mongolei mit fliegenden Kolonnen die Grenze überschritten und laffen im Augenblick ein« große Truppenmaffr nachrücken. 4500 Mann In­an trie, 300 Mann Artillerie und Kavallerie und 1000 Mann technische Truppen stehen schon in Kulueng. Sie bauen in aller Eile acht ffa; einen, 5 Kilometer von ffulueng haben sie ein Arsenal für Waffen und Munition errichtet. Eine weitere Meldung befaßt, tausende von russischen Truppen seien in liijasutai und ffotscheng angekommen. Die chinesisch« Regierung ist seit einiger Zeit auch barübet unter­richtet, daß die Mongolen in Massen nationalisiert werden. In Maimeiotscheng endlich haben achtzig Prozent der Bevölkerung russische Tracht und Bart- chnitt angenommen. Die chinesische Regierung hat durch den russischen Gesandten in Peking und ihren Gesandten Vorstellungen erheben laffen.

* Der türkische Geheimbund macht weiterhin von sich reden. Die in Europa weilenden Mit­glieder des Geheimbundes reichten bei denGroß- nächien eine Denkschrift ein über ihre Ziele, vie eineswegs reaktionär seien. Auch die Verhaf- ungen nahmen in Konstantinopel ihren Fortgang. Außer zwei Söhnen bei Mollah Zia soll jetzt auch der frühere Großwesir und jetzige Senator