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M (66.

Somstag »e« 23. M 1910.

37. Jahrgang.

« Maser W Zeitung *

5. Blatt.

vr«ck und Verlag der Fuldaer Aetiendruckerrl in Fulda.

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Jf Der unentbehrliche Baffermarr«.

Der nationalliberale Wahlverem Breslau hat ein rührendes Telegramm an den Abg. Baflermann a^ichtet : .Widerlegen Sie. bitte, die Gerüchte Ihres Rü-Uritts Die Partei kann Sie nicht entbehren. Der kindliche Angstruf ist unterzeichnet von zwei Professoren: Kaufmann und Ziekursch.

Ja wenn die Gerüchte des Rücktritts wider- leadar'wären, so hätte Herr Baflermann oder emer seiner Federhelden die Welt eines bessern bekhrt. Es handelt sich hier um die Notwendigkeit des Rück­tritts, und Herr Baflermann wird nicht eher sein Verbleiben öffentlich zusagen, als bis er einenLedig­lich sicheren Wahlkreis gefunden und zugleich d Ueberzeugung gewonnen hat, die Partei weiter aus dem Wege nach links beisammen halten zu können. , ,,

Jede Partei muß ja selbst am besten wissen, welcher Führer ihr „unentbehrlich* ist. In der nationalliberalen Partei gibt es freilich, wie sogar die parteiamtliche Korrespondenz dieser Tage elngestan- den hat, .zwei Strömungen*, und gerade tn dem Urteil über die Bassermann'sche Führung dürften die beiden Flügel der dem Namen nach noch einigen Partei fchnurstraks auseinandergehen. Wenn die Linksgerichteten ihn als „unentbehrlich* verehren, so werden die Rechtsgerichteten Herrn Bassermann für den Parteiverderber halten, natürlich für den unwillkürlichen Verderber.

Neuerdings haben die badischen National- liberalen wieder einmal kräftig Zeugnis abgelegt für ihre Großblockidee, so daß die freisinnigen Blätter entzückt ausrufen, das sei noch ein klares und festes Manneswort im Vergleich zu den Schaukelsrtikeln der ,Nationalliberalen Korrespon­denz'. Wir vermuten aber, die badischen National­liberalen gehen mit einem Eifer und einer Offen­herzigkeit vor, daß es sogar dem gefeierten Basser­mann zuviel sein dürfte. Die Berliner .National­zeitung' zollt den badischen Parteigenossen zunächst weitgehende Anerkennung, macht dann aber fol­gende ablehnende Bemerkung:

„Was in Baden möglich war, kann in Ncrd- deutschland nicht versucht'werden; denn solange für die Sozialdemokraten das Wort gilt, daß sie die er­klärten Todfeinde der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Institutionen sind und bleiben wollen, ist es für die bürgerlichen Parteien ausgeschlossen, mit diesen Todfeinden zu paktieren und zusammenzugehen."

Es wäre interessant, zu erfahren, wieviele und nr'-'-e Teile der nationalliberalen Partei diesen L.. dpunft teilen, und insbesondere die Ansicht des unentbehrlichen Bassermann zu vernehmen über die Zulässigkeit des Paktierens oder Zusammen­gehens mit dem „Todfeind der bürgerlichen Gesell­schaft*. Bislang hatte die Parteipolitik, die der Abg. Baflermann eingeschlagen hatte, keinen an­deren Sinn und Zweck, als mit den sozialdemo­kratischen Agitationsmitteln und mit der Hilfe der bürgerlichen, sowie der sozialdemokratischen Linken die sog. ichwarz-blauen Parteien bis aufs Messer zu bekämpfen. Wir wollen nicht erst untersuchen, wo und wie Nationalliberale und Sozialdemokraten bereits paktiert haben und zusammengegangen sind, sondern wir wollen nur im Hinblick auf die bevorstehenden Reichstagswahlen hervorheben, daß die oppositionellen Nationalliberalen zu dem Aus­tausch von Wahlhilfe mit der Sozialdemokratie gezwungen sein werden, wenn so wie bisher die Brücken zu der Rechten und zum Zentrum ab­gebrochen bleiben.

Die konservative,Kreuzztg/ bekräftigt heute die bereits früher aufgestellte Wahrscheinlichkeitsrechnung für die künftigen Wahlen, wonach die liberalen bei der Fortsetzung der bisherigen Bassermann-Wiemer- schen Politik mindestens vier mal so viel Man­date verlieren werden, als die Konservativen mib das Zen! rum im ungünstigsten Fall einbüßen dürsten. Diese Politik der Selbstschädigung ist in der Tat schwer zu begreifen. Man kann die Lösung nur darin finden, daß die Freunde Bassermann von der Unterstützung der Sozialdemokratie sich Wunder­dinge verspricht und über das von ihnen milver- g;uldete Anwachsen der Umsturzpartei sich mit der rwägung tröstet: Je schwieriger die innere Lage wird, desto unentbehrlicher und mächtiger wird die nationalliberale Partei!

W.r stellen es Herrn Bassermann anheim, ob er bleiben oder gehen will; nur wäre es uns lieb

und der politischen Entwickelung förderlich, wenn Herr Baflermann selbst oder im Behinderungssalle seinen vertrauten Freunden einmal klar und be­stimmt sagen wollte, wie sie sich die Wechseltaktik eigentlich denken, wenn rechts der fff schwarzblaue Block und links der „Todfeind der bürgerlichen Ge­sellschaft steht.

Deutscher Reich.

Die Ausstellung der Büste der Königin Luise in der Walhalla wird von den Münchener N. N.' befürwortet: Es hat kaum eine zweite deutsche Frau gelebt, sagt das Blatt, die sich solcher Volkstümlich­keit erfreute wie die Gemahlin des Königs Friedrich Wilhelm HL Ihr Andenken wird in allen deut­schen Landen gefeiert. Pietätvolle Legenden haben es tief ins Herz des Volkes eingegraben. Aber auch vor dem Urteile der Geschichte kann es bestehen als das einer echt deutschen Frau und Mutter. Das Blatt richtet an den Prinzregenten von Bayern die Bitte, die Aufstellung der Büste der Königin Luise in König Ludwigs Ehrentempel an der Donau an­zuordnen.

(♦) Gmf Posadowsky ist von dem Gang der inne­ren Politik Deutschlands und namentlich von dem vollständigen Stillstand und beständigen Verschlechte­rungsversuchen in der sozialpolitischen Gesetzgebung nichts weniger als entzückt. Die „Magdeb. Ztg.* weiß darüber noch ein paar Details zu berichten und teilt dabei als des Grafen „authentische Worte mit: „Es ist nicht besser gegangen, seitdem ich aus dem Amte schied. Es ist sogar von diesem Augenblick an schlechter gegangen." — Man sieht, jetzt gehören sogar die Minister — wenigstens die gewesenen — zu den Unzufriedenen. Und es ist nicht uninteressant, daß die „Magdeb. Ztg." auch zu berichten weiß, daß Posadowsky ein Zusammentreffen mit Bülow vermeidet, obwohl sie beide gleichzeitig in Berlin sind.

• Handwerker und Reichstagswahlen. Der in Goslar tagende 15. Hannoversche Provinzial-Hand- werkertag sprach sich über die Stellung der Handwer­ker zu den politischen Parteien aus. Die Handwecker könnten eigentlich dankbar sein, daß aus der ganzen preußischen Wahlreform nichts geworden sei. Indessen sei durch diese Vorlage eine Scheidung der bürgerlichen Parteien in eine rechte und linke Gruppe vor sich gegangen, die auch den Handwerker in eine schwierige Situation bei der nächsten Reichs­tagswahl gebracht habe Der Kandidat, der die Stimmen der Handwerker haben wolle, müsse ganz klar und unzweideutig erklären, daß er gegen d i e Sozialdemokratie Stellung nehme und ihr keinerlei Konzessionen machen und ihr keinerlei Unter­stützung zuteil werden lassen wolle Der Handwerker- iag erkannte an, daß alles, was in der letzten Zeit für das Hcmdweck geschehen sei, mit Hilfe des Z e n- tru m s'zustande gekommen sei; gegen das Zen­trum hege das Handwerk keine Feindschaft. Ueber wirtschaftliche Fragen, die ftir das Handwerk allein in Frage kommen, wird ja nicht nach religiösen Ueber- zeugungen abgestimmt, sondern mit Stimmen. So lange das aber geschehe, werde noch mit dem ausschlag­gebenden Einfluß des Zentrums zu rechnen fein. Allerdings, wenn das Zentrum einmal Ansichten ver­treten sollte, wie sie in der V o r r o m ä u s - En­zyklika zum Ausdruck kommen, wenn man die rö­mischen über die deutschen Interessen stellten sollte, wurde auch der protestantische Handwerker genötigt sein, seine protestantische Ueberzeugung dem Zentrum entgegenrufteffen. — Was hat denn der Handweckertag mit der Enzyklika zu tun, wenn über Handweckerfra­gen nicht nach der religiösen Ueberzeugung abgestimmt wird?

* Aus Schleichwegen. Ein rheinischer Oberlehrer schreibt der „Rh.-Wesff. Zeitung.*: „An den Ver­trauensmann des Lehrerkollegiums der städtischen Anstalt zu . . .* Auf diesem Wege wird auch mir eine in einem Bonner nationalliberalen Ver­lag erscheinende Broschüre übersandt, die dem „denken­den* Deutschland ein „ideales* Wahlrecht Vorschlägen will — für 80 deutsche Reichspfennige. Wenn der anonyme (!) Versender dieses Prospektes glaubt, die Veckrauensmünner des rheinischen Philologenvereins als Traktätchenverteiler der nationalliberalen Partei benutzen zu können, dann befindet er sich in einem gewaltigen Irrtum.

,0, Graßmann'sche Zeitungsschwindsucht. Die drei im bekannten Graßmann'schen Verlage in Stettin erscheinenden Zeitungen, ,Stettiner Zeitung', ,Pomrnersche Zeitung' unb ,Stettiner Tageblatt", haben ihr Erscheinen eingestellt. Tie .Stettiner Zeitung" bestand feit 1865, die ,Pommersche Zeitung' feit 1867 und das ,(Stettiner Tageblatt' seit 1877. — Der Graßmann'sche Verlag ist be­kanntlich derjenige, der die Schmähschriften gegen die katholische Kirche, besonders gegen das Beicht­institut, herausgab und in Massen unter das Volk warf.

** Zur Zigarren Einfuhr aus Holland. Seitdem durch die Wertsteuer die Einfuhr verpackter Zigarren aus Rolland so gut als unmöglich gewoden ist, haben holländische Fabrikanten in deutschen Grenz- plätzen Filialen errichtet, wo die unsortiert und unverpackt eingeführten Zigarren versandfertig gemacht werden. Dieser Tage hat, wie die „Südd. Tabakztg." zu berichten weiß, ein hoher Zollbeamter an einer dieser Versandstätten eine Besichtigung vorgenommen und dem Vernehmen nach sich dahin geäußert, daß die Regierung durch einen Zusahartikel zu dem Ta­baksteuergesetz dir Einfuhr unsortierter und unverpackter ausländischer Zigarren verbieten wolle. — Nach einer demselben Blatt zugegangenen Mitteilung beabsichtigt die Reichsregierung, die Ge­bührenerhebung für ausländische Tabakrechnungen am 1. September 1910 außer Kraft zu setzen.

* Die badischen Genossen machen Schule. Auch die württembergischen „Genossen* haben sich wieder einmal „grundsatzlos" gezeigt. In der letzten gemeinschaftlichen Sitzung der beiden Kammern der soeben beendigten Laudtagssession entfernten sich die Sozialdemokraten nicht mehr, wie sie's seither getan haben, wenn vom Präsidenten der Ersten Kammer ein Hoch auf den König ausgebracht wurde; die ganze sozialdemokratische Fraktion Hieb vielmehr beim Hoch auf den König stehen und, wie der schwäbische „Merkur* bemerkt, hat sogar der sozial­demokratische Führer Dr. Lindemann in das Hoch auf den König eingeftimmt. Es scheint, daß die süd­deutschen Sozialdemokraten unter dem Einfluß der „Revisionisten* ihre antimonarchischen Gesinnungen revidiert haben.

Ausland.

** Die portugiesischen Freimaurer. Aus L i s fabon wird der „Wiener Reichspost" geschrieben: „Die katholische Zeitung „O Portug-al" brachte kürzlich eine Statistik über die Freimaurer in Portugal. Wir gelangen dadurch zur Kenntnis, daß sich dieselben vom Jahre 1898 bis 1908 um 2133 vermehrt haben. Ihre Zahl betrug 1898 nur 600, im Jahre 1903 schon 1562, drei Jahre später gleich 2532 und im Jahre 1908 be­reits 2733. Davon entfallen auf Lissabon 853, auf die Provinz 895, 333 auf die Inseln, auf die Kolonien 439 und 12 auf das Ausland. Von diesen 12 behaup­tet das brasilianische Blatt „A Patria Brasileira", daß sie es nach dem Königsmord am 1. Februar 1908 für nützlich befunden haben, zu verschwinden. Man war von jeher der Meinung, daß die portugiesische Freimaurerei einen hervorragenden Anteil an dem Komplotte hatte, welches dann zur Ermordung des Königs führte. Daß man nicht so ganz unrecht hatte, zeigt ein soeben aufgedecktes Rundschreiben des Frei­maurers Jose Estevao an seine Dreipunktebrüder, worin er betont, es sei notwendig, eine „energische Politik* herbe'zuführen. Er spricht sich in demselben auch über die Diktatur Franeos und den Tod des Königs Don Carlos folgendermaßen aus: „Der Wille des Königs, seine persönliche Macht zu vergrößern, führte die Ereignisse vom 1. Februar herbei. Ich be­trachte sie als das Ergebnis der Erziehung zu einer besonders freien, modernen, großartigen Initiative.

* Die Gärung in Indien dauert fort. Die Nachforschungen nach verborgenen Waffen werden von der Polizei Behörde fortgesetzt. Bei einer in einem House von Nvrt-Kaikutta vorgenominenen unvermuteten Durchsuchung wurden Revolver, Kisten mit Gewehren und Patronen gesunoen. Die Bewohner, zwei junge Bengalen, enttarnen. Ein besonderer Gerichtshof ist mit der Führung des Prozesses gegen 13 angesehene Bengalen uns Khulna beauftragt worden, die beschuldigt wer­den, zum Kriege den Kssnig aufgereizt zu haben.

volkswirtschaftlicher und Soziales.

* Düsseldorf, 22. Juli 1910. lieber die Gestal­tung der Konkurrenzklausel hat der Handels­minister die Handelskammern befragt, sich in der Angelegenheit aber nicht an die Angestellten gewandt. Der deutsche Werkmeisterverband hat deshalb an den Minister das Ersuchen gerichtet, hierüber auch die Vertreter der technischen Angestellten - Vereine zu hören.

* Eine interessante Selbstmordstatistik finden wir in der protestantischen Zeitschrift ,Der alte Glaube'. Im hellen Sachsen kommen auf eine Million Ein­wohner 330 Selbstmorde, im Gesamtdeutsch, land deren 220. Das Deutsche Reich wird hierbei in Europa nur von Frankreich und der Schweiz Übertrossen, wo auf eine Million Einwohner 225 bezw. 221 Selbstmorde kommen. In Oesterreich betragt die Zahl nur 163, in England 87, in Nor­wegen 63, in Italien 56, in Rußland 33. In Svanien kommen auf eine Million Einwohner jähr­lich nur 18 Selbstmörder, also rund 18mal weniger wie in Sachsen! Diese Zahlen sind sehr lehrrerch.

vermischtes.

* Wie die russische Postverwaltung recherchiert. Ein Beispiel von der Saumseligkeit der russischen Postverwütung liefert die Geschichte eines Postpaketes, das am 4. November vorigen Jahres von einem Ber­liner Kaufmann an einen Kunden in Warschau gesandt wurde, dort unbestellbar blieb und bei der Zollrevision in Alexandrowa bestohlen worden ist. Der Berliner Kaufmann wandte sich in einem Beschwerde- schreiben am 22. Jamrar an das kaiserliche Postamt 25 in Berlin und erhiett am 3. Februar folgende Ant­wort: „Nach einer soeben hier eingegangenen Mit­teilung des Zentralpostkontors in Warschau ist das von Ihnen hier am 4. November eingelicferte Paket nach Warschau am 2. Dezember 1909 bei der unter Zollverschluß erfolgten Rücksendung zwischen Warschau und Alexandrowo bestohlen worden. Die russische Postverwaltung hat infolgedessen das Paket zu Unter­suchungszwecken zmückbehalten und wird dasselbe erst nach Seenbigung dieser Untersuchung zur Einleitung deS Ersatzversahrens zurticksenden. Das Ergebnis der Untersuchung wird Ihnen nach dem Eingänge der Mitteilung übermittelt werden.* Der Kaufmann war­tete geduldig bis zum 20. April auf eine Antwort. Als sie nicht eintraf, wandte er sich zum zweitenmal an die Oberpostdirektion und erhielt wenige Tage spä­ter folgenden Bescheid: „Aus Ihre Eingabe wird Ihnen im Auftrag der kaiserlichen Oberpostdirektion ergebenft milgeteilt, daß die von der russischen Postver- waltung eingeleiteten Untersuchung noch immer nicht abgeschlossen sind. Effahrungsgemäß nehmen tiefe Ermittelungen in Rußland einen Zeitraum von vier bis fünf Monaten in Anspruch. Ohne Zablungsermächtigung der russischen Postverwaltung kann Ihnen jedoch zunächst eine Entschädigung nicht gegart werden.* Der Berliner Kaufmann wartete abermals einen ganzen Monat, da er annahm, daß eine einfache Untersuchung wegen Beraubung eines Postpaketes unmöglich so lange Zeit in Anspruch neh­men könne Aber er hatte sich getäuscht. Am 11. Juni erhielt er folgende trostreiche Antwort von der Oberpostdirektion: „Die russische Poswerwaltung hat die Untersuchung wegen Beraubung Ihres Paketes immer noch nicht a b ges ch l o s s e n. Sie ist seitens der kaiserlichen Oberpostdirektion hier am 4. nochmals um baldige Mitteilung über das Ergebnis der Untersuchung und den Umfang der Ersatzvflicht gebeten worden. Sobald Nachricht eingeht, werden Sie benachrichtigt werden.* Wieder ging ein Monat ins Land, aber der Kaufmann ruhte nicht und wandte sich zum vierten Mal an die Oberpostdirektion Berlin. Am 13. Juli erhielt er folgenden Bescheid: Aus das Ersuchen der kaiserlichen Oberpostdirektion vom 4. Juni an die russische Postverwaltung um Mitteilung über das Ergebnis der Untersuchung und den Umfang der Ersatzpflicht für das von Ihnen nach Warschau eingelieferte Paket ist bisher keine Antwort eingegan­gen. Eine nochmalige Erinnerung ist veranlaßt wor­den.* Wie lange es nun noch dauern wird, bis der Berliner Kaufmann in den Besitz seines Eigentums gelangt, das steht in den Sternen geschrieben.

— Lakonisch. „. . . Und was ist aus den 30 000 Mark geworden, die Ihre Schwester in der Lotterie gewonnen hat?' — „Ein Schwager.*

Wcrmpyr.

Roman von Fergus Hume. Autorisierte Bearbeitung 30] von C. Weßner.

Olga war tief bewegt. Konnte jener Mann den­noch Brand gewesen fein? Jenes Lokal, der „Blaue Hecht*, lag auf der anderen Selle des Flusses. Wenn er William halb elf verlassen, hatte er reichlich Zeit, auf die andere Seite des Flusses hinüberzufahren, Kirby zu ermorden und durch die Nelson-Allee zu entweichen. Drake hatte ibn um Mitternacht getrof­fen. Hier bestand jedoch ein Widerspruch. William behauptete, daß Brand — angenommen, daß es auch Brand gewesen — einen schwarz- und weißkarrierten Anzug getragen. Und Drake behauptete, jener Herr, den er getroffen, habe schwarzen Gesellschaftsanzug und einen nut Pelz gefütterten Paletot getragen. Es schien Olga, als sei da irgend ein Komplott geschmie­det worden, um Herbert zu verderben. Wenn er doch nur sprechen würde! Inzwischen wollte sie alles mög­liche versuchen, die Wahrheit zu ergründen.

„Wie nannte sich Ihr Freund? fragte sie.

„Er nannte sich gamicht. Solange er mich reich­lich mit Bier traktierte, habe ich nicht nach seiner Vi- sttenkarte gefragt."

„Trug er auch am Abend des Mordes den schwarz- and weißkarrierten Anzug?"

„Jawohl. Ich habe ihn nie anders angezogen gesehen. Wir saßen im „Blauen Hecht" im Gastzim­mer, das wir meistens für uns allein hatten. Er redete mir immerfort zum Trinken zu. Einen kleinen Schwips hatte ich schon weg. Na, und da es leider meine schwache Seite ist, ttant ich weiter."

»kleben Sie doch nicht so lang und breit von ■obrem Laster", warf Olga angewidert ein.

»Wenn ich die Wahrheit sagen soll, muß ich das", beharrte William. „Also etwas angesäufett war ich schon um zehn, als der Wirt ins Zimmer kam und sagte, es sei eine Dame in einer Droschke, die auf den Herrn im schwarz und weißen Anzug warte, ange­kommen. Der Herr ging hinaus und ich, neugierig

geworden, folgte heimlich. Es war ein viersitziger Wagen, in dem eine blonde Dame saß. Ihr Gesicht konnte ich nicht genau sehen: ebenso wenig kann ich sagen, ob sie groß oder stein war, da sie nicht aus­stieg. Die beiden sprachen ein Weilchen zusammen, dann kam der Herr zurück zu mir und sagte, er müsse fort."

„Genau konnten Sie die Dame nicht sehen?"

„Nein, Fräulein."

„Nun, und was geschah nachher?"

trank noch ein Glas Bier mit jenem Herrn. Ich glaube, er hat es mit irgend einem Schlaftrunk vermischt, denn gleich darauf wurde ich so schläfrig, daß ich auf dem Sofa einschlief. Aber ich hatte noch die fettfame Empfindung, als ob jemand in meinen Taschen herumfühle. Da ich nicht mehr bei klarem Bewußtsein war, kann ich das freilich nicht beschwören. Aber am nächsten Morgen vermißte ich den Schlüssel *

„Und Sie glauben, daß jener Mann unb jenes Weib den Schlüssel benutzten, um in das Büro zu ge­langen und Kirby zu ermorden?"

„Wenn nicht, weshalb hätte mir der Herr da den Schlüssel gestohlen?"

„Vielleicht haben Sie nur geträumt, er habe ihn gestohlen*, meinte Olga verzweifelt. Die ganze Ge­schichte war so verworren unb so unglaublich, daß es Olga ganz wirr im Kopfe war.

„Ja, Fräulein, der Schlüssel war doch aber am andern Morgen fort!"

„Ich wünschte. Sie hätten der Polizei diese Wahr­nehmung mitgeteilt, William."

Prest machte ein erschrockenes Gesicht. „Um Got­tes willen! Ich fürchtete mich, Fräulein! Und ich fürchte mich noch!"

„Es liegt aber gar fein Grund zum Fürchten vor*, widersprach Olga in scharfem Tone. „Die Quantität Bier, die Sie an jenem Abend zu sich genommen, hat Ihre moralischen Fähigkeiten, Ihren Geist geschwächt. Seien Sie ein Mann, William! Raffen Sie sich auf und helfen Sie mir!"

„Das will ich ja", versetzte Prest mißmutig. „Dar­um habe 'ck> Ihnen doch das alles erzählt."

„Ja, ja. Sie müssen es aber auch Herrn Feldern erzählen."

„Nein, nein, Fräulein, das können Sie nicht ver­langen", erklärte Prest.

„Sie müssen", beharrte Olga.

Und schließlich tat et es auch, weil sie es wünschte.

13. Kapitel.

Es war nur den, Einfluß zu verdanken, den Olga auf Prest ausübte, daß dieser seine Aussage Feldern gegenüber wiederholte. Fräulein Holder hatte ein Zusammentreffen in der Mittagsstunde in ihrem Büro vereinbart zu welchem sowohl Feldern als Prest kom­men sollte. Nach einigem Widerstreben begann der letztere sein Abenteuer im „Blauen Hecht" zu schil­dern. Feldern hörte schweigend zu unb als Prest ge endet, legte er ihm einige Fragen vor, die sich auf Dinge bezogen, die Prest übersehen hatte.

„Kennt der Wirt vom „Blauen Hecht" jenen Herrn?"

„Vielleicht", erwiderte Prest; „der Herr war unge­fähr eine Stunde oder noch länger in dem Lokal. Wir saßen zusammen im Kasseezimmer."

„Ist der betreffende Herr je zuvor im „Blauen Hecht* gewesen?"

„Soviel ich weiß, nein *

„Hatten Sie das Kaffeezimmer für sich allein?"

„Mehr ober weniger. Dann und wann tarnen auch andere Gisste hinein. Da war zum Beispiel ein Mann", bemerkte William überlegend, „der möglicher­weise weniger betrunken war als ich. Er heißt Mil­kins. Außer seinem Namen wird er wahrscheinlich nichts sein eigen nennen."

„Wer ist dieser Wilstns?"

„Hm, ja, er ist ein schlechter Kerl! Ich bin schon ein schlechter Kerl", sagte Prest mit einem sonderbaren Selbstbewußtsein, „aber immer noch fein so durch unb burch schlechter wie Wilkins. Der rühmt sich, schon in vielen Gefängnissen gesessen zu haben. Aber vielleicht schneibet er damit bkos auf."

„War er an jenem Abend auch im „Blauen Hecht"?"

„Ja, er war im Schankzimmer unb kam in das Kaffeezimmer, bevor der Herr hinausging, um die

Dame zu sprechen. Ah richtig — und er stand an der Tür, während der Herr mit der im Wagen sitzen­den Dame sprach. Vielleicht kennt er sie. Ich glaube nicht, das: er so total betrunken war", setzte William nachdenklich hinzu, „nicht so unzurechnungsfähig wie ich."

„Unb wo ist er zu treffen?"

„Im „Blauen Hecht". Er treibt sich immer dort hemm und durchzieht meistens die dortigen Straßen, wo er auf den Höfen und in den Kneipen singt, luenn er nicht als Taschendieb auftritt."

„Donnerwetter, Sie haben ja nette Bekanntschaf­ten", meinte Feldern verächtlich. „Nun, ich werde diese Kreatur aufsuchen. Wollen Sie mir jetzt Ihre Adresse nennen?"

William nannte dieselbe Adresse, die er Olga' ge­geben. „Dorthin kehre ich immer wieder zurück", sagte er. „Wenn ich kein Geld habe, wirst mich meine alte Tante freilich stets zur Tür hinaus. Aber Briefe und sonstige Sachen darf ich dorthin schicken lassen, um den Anstand zu wahren.*

„Na, vom Anstand scheinen Sie mit allerdings noch recht weit entfernt", gab Feldern in herabwür­digendem Tone zurück. „Sie können jetzt gehen, Prest. Wenn ich Sie brauche, werde ich Sie das kiffen lassen.",

William blieb zögernd stehen. „Versprechen Sie mir mich, daß ich keine Unannehmlichkeiten haben soll? Sie wissen doch von wegen der Mitschuld?"

„Seien Sie ohne Sorge. Ich bin überzeugt, daß Sie den Mann nicht ermordet haben. Dazu haben Sie gamicht den Mut."

„Da? ist wahrhaftig war, Herr Feldern. Das Bier hat wirklich alle Kraft unb allen Mut aus mir gezogen*

Als Prest gegangen, fragte Olga, die sich die ganze Zeit über stillschweigend verhalten, was Feldern über diese Sache denke. „Die Beschreibung des Herrn in dem schwarz- und weißkarrierten Anzug paßt auf Heim Brand", fügte sie hinzu, „wenn Drake ihn je­doch in schwarzem Gesellschaftsanzug gesehen hat, kön­nen di« beiden nicht ein unb dieses Person sein*

"-'Mefcung folgt.)