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Mittwoch de» 20. 3»li 1910.

37. Jahrgang.

* fuldaer W Leitung «

1. Blatt.

vr»ck und v«lag der zuldaer Actiendruckerei iw Zulda.

Deutsches Reich.

♦ Der nalionalliberale Rock nach links wird von einem Teil der natioualliberalen Presse zwar immer noch geleugnet oder beschönigt, tatsächlich aber be­steht er doch. Der ,Mannh. Generalanz.' hatte dieser Tage über das Verhältnis der national­liberalen Partei zur Sozialdemokratie geschrieben, vor allem sollte man die Schlagworte meiden und zunächst einmal das Stichwahlproblem der nächsten Reichstagswahlen gründlich durch­forschen und durchbrechen, ehe man sich starr für oder gegen die Sozialdemolratie festlegt. Darauf antworten die unabhängig-nationalliberalen ,N. Heff. Volksbl.':

Das sind die Ansichten Dr. Baisermanns, des Hiuipisührers der natioualliberalen Partei Deutsch- t»»ds.... Jede Illusion hat nun zu schwinden. Mannheim will nicht, daß man sich bereits für oder gegen ein Zusammengehen mit der Sozialdemokratie e itfcfjeibe. Das deutsche Volk ist für badische und sächsische Experimente zu gut. Herr Bafsermann, der z'.eich dem verstorbenen Theodor Barth sich bei jeder «eichstagswahl nach einem andern Mandat umseheu r.«ß und zuletzt nur mit Hilfe der Konservativen ge­wählt wurde, sollte endlich den Warnern Gehör schenken, tik weiß nicht, wie Leute, die öffentlich seine Parole vertreten, im stillen gegen ihn arbeiten. Weder Liebe noch Furcht der Mitstreiter ist auf seinen Wegen. Herrn Baffermann droht politische Vereinsamung und mit ihm seiner Partei, heute wird er noch respek­tiert, bald nicht mehr.

Auch die ,Rationall. Monatsblätter' für Mndcn-Ravensberg und die Lippeschen Fürsten­tümer machen energisch Front gegen jede Schwenkung nach links, indem sie an der Hand von Zahlen den Nachweis führen, daß die Nätionalliberalen nichts gewinnen, aber fast alles verlieren könnten, wenn sie sich, um die „Reaktion* zu schwächen, der frei­sinnigen Stichwahlparole anschließen würden. Der ,Hann. Cour.' betrachtet dagegen die schwarze Gefahr als die „dräuendste", wenn „auch die Be­kämpfung der roten Gefahr von Liberalismus als polirische und nationale Pflicht* anerkannt wird. So gehen also die nationalliberalen Ansichten und Bestrebungen noch sehr weit auseinander.

* Ungünstige Urteile über Deutschland fällt der Geheimbericht des kürzlich aus Berlin zeit­weilig abberufenen französischen Militär- attachees nach einer Mitteilung des „Pariser Journal". Die Angaben sind so widersinnig, daß vielfach bezweifelt wird, ob wirklich das Militärattachee sich so geäußert hat, oder ob wir es nicht mit einer eigenen Arbeit des Journals zu tun haben. In dem Geheimbericht heißt es u. a.: Eine Einschränkung der deutschen Flotten­rüstungen lehnt Kaiser Wilhelm entschieden ab. Die Disziplin auf den deutschen Kriegsschiffen ist so schlecht, daß im Jahre 1909 z. B. auf einem einzigen Kriegsschiff von 600 Mann Besatzung vier Kriegsgerichte getagt haben. Eine schwere wirtschaftliche Krisis Deutschlands ist infolge der Uebervölkerung des Landes unvermeidlich. Daher ist es nicht ausgeschlosfen, daß Deutschland in einem neuen Kriege festen Boden gewinnen und Milliarden zu erobern versuchen wird.

r** München, 19. Juli 1910. Am 1. Juli jeden Jahres wird im Volksverein für das katholische Deutschland Mitgliederschau gehalten. Auch heuer kann er wieder einen stattlichen Zuwachs in katho- lischen Gebieten konstatieren. Erfreulicherweise hat an dem Aufschwung gerade Bayern einen sehr starken Anteil. Um ca. 17 000 hat im letzten Jahr der Volksverein in Bayern zugenommen. Die Mitg.ie-erzahl beträgt zurzeit 64015. — Zum 90. Geburtstag des Prinzregenten von Bayern beabsichtigen die Städte des Königreichs eine kunstvoll hergestellle Adresse dem Regenten zu roibmen. Die Kosten in der Höhe von 25—30000 Mark sollen je nach der Einwohnerzahl der Städte verteilt werden. Endgültiger Beschluß Über die Prin-.regenlen - Wiomung wird am Bayerischen Släoietag, Der am Samstag im Münchener Rat­haus stattfindet, gefaßt.

Ausland.

* Die christlich-soziale Partei in Ungarn, die im Abgeordnetenhause durch ein Mitglied vertreten ist, hatte in Ofen-Pest ein Klublokal. Dasselbe wurde nun ausgelassen, wahrscheinlich weil wie der „Allg. Tiroler Anz." schreibt, in Bälde eine Fusion dieser Partei mit der Volkspartei eintreten wird. Da die Geneigt- heit hierzu beiderseits vorhanden ist, dürste die Verschmelzung auch bald erfolgen.

* Neue französische Unterseeboote. Die französische Marineoerwaltung hat drei neue Unterseeboote in Auftrag gegeben, die einen Tonnengehalt von nur 1000 Tons haben sollen. Sie sollen mit einem Aufbau ausgestattet werden, in welchem sich eventuell im Falle eines Unfalles die Besatzung retten kann. Dieser Ausbau soll so hergerichtet werden, daß er von dem Unter­seeboote losgelöst werden und an die Oberfläche gelangen kann.

* Zu militärischen Studien begeben sich dreißig türkische Offiziere nach Wien und andere dreißig zu zweijährigem AufenthaU nach Deutsch­land, wo sie in verschiedenen Garnisonen Dienst tun werden.

volkswirtschaftlicher und Soziales.

* Der Kampf in der Hagen - Schwelmer Metall-Industrie ist beendet; die Arbeit wurde am Dienstag früh wieder ausgenommen. Die Bewegung hat länger als 8 Wochen das Wirt­schaftsleben des Bezirkes auf das tiefste erschüt­tert und auf beiden Seiten schwere Wunden ge­schlagen. Mitte Mai wurde die erste Hälfte der Gießerei-Arbeiter und am Ende des Monates die andere Hälfte ausgespe^rt. Am 15. Juni wurden rund 10,000 Metallarbeiter von sämtlichen Be­trieben entlasten und feit dem 1. Juli liegen, von einigen nicht ins Gewicht fallenden Ausnahmen abgesehen, alle Werke der Kreise Hagen und Schwelm still. Insgesamt waren 18—20,000 Ar­beiter seit dem l.Juli an dem Kampfe beteiligt. Die Arbeiter haben erreicht, daß für die Be­schwerde-Kommission des Arbeitsnachweises ein unparteiischer, von der Regierung zu ernennender Vorsitzender eingesetzt wird.

Aus dem Nachbargeblete.

® Gelnhausen, 19. Juli 1910. Aus dem durch den Staatshaushalts-Etat zur Verfügung gestellten Fonds zur Förderung der Forst- und Landwirtschaft in den westlichen Provinzen (sogen. Westfonds) sind dem Kreise Gelnhausen seit dem Jahre 1899 erhebliche Beträge zur Umwand- lung von Oedländereien in Wiesen zuge- flosten. Diese Meliorationen sind nicht allein eine wichtige Einnahmequelle für dir Gemeinden ge­worden, sondern sie dienen auch als vorbildliche Anlagen für die einzelnen Landwirte, die daraus ersehen, daß durch Düngung und richtige Pflege scheinbar wertlose Grundstücke in ertragreiche Län­dereien umgewandelt werden können. Die ge­schaffenen Hute-Meliorationen in 41 Gemeinden des Kreises Gelnhausen umfassen 328,25 Hektar, die Kosten ber Anlegung stellen sich auf 60,710 J6, wovon der Staat und der Bezirksverband 40,567 J6, die Gemeinden 20,143 Jk zu tragen haben. Der Ertrag im Jahre 1909 stellte sich auf 19,966.75 *, bet 23 trag der Unterhaltungs - Kosten im Jahre 1909 auf 3573 X

♦ Kelkheim L T., 19. Juli 1910. Wie verlautet, halten die Sozialdemokraten in nächster Zeit hier eine Ver­sammlung unter freiem Himmel ab, um eine I „Gegenwallfahrt" zu veranstalten. In diesem |

Sinne schreibt die »Franks. Volksstimme' indem sie erklärt, es sei an der Zeit, daß in Kelkheim Auf­klärung geschaffen würde, um der katholischen Strömung Einhalt zu tun und um den Klosterein­fluß zu brechen usw. Was werden die katholstchen Männer und Frauen tun? Sie werden: 1. sich an dieser Gegenkundgebung der Sozialdemokraten und Freidenker nicht beteiligen; 2. desto fester sich zu- sammenschließen, die Irrenden belehren und die Lauen aufrütteln.

* Aus Rheinhessen, 19. Juli 1910. In einigen günstig gelegenen Weingärten-Anlagen in unserer Provinz werden gegenwärtig bereits schwarze Trauben angetroffen. Es ist dies eine große Seltenheit um diese Jahreszeit.

vermischtes.

* Die Niederrheinische Luftschiffbaugesellschaft, über deren Gründung wir berichteten, wird vom preu­ßischen Kriegsrnmisterium mit einem namhaften Be­trage unterstützt werden. Die Pläne der Gesellschaft gehen dahin, ein Krieg-motorluftschiff zu bauen, das sich zur Ausnahme und Abschiebung von Sprengge- schoffen eignet Die deutsche Heeresverwaltung stellt folgende Bedingungen: Leichte Manöverierbarkeit, Lenkbackeit, große Beweglichkeit, um feindlichen An­griffen ausweichen zu können, gefahrlose Verwendung des Funkenspruchs, leichte Zerlegbarkeit sowie eine artilleristische Leistung durch Werfen von Sprengge- fchoflen. Der Typ des Luftschiffes erregt in Fach­kreisen einiges Aussehen. Das Gerippe ist aus Holz gebaut, trotzdem ist cs so eingerichtet, das es in drei aktive Selbstffteger zerlegt werden kann.

* Große nationale Exzesse sanden in Dux bei Teplitz in Böhmen statt. Die Tschechen gingen mit Revolvern auf die Deutschen los. Hunderte von Gendarmen waren nötig, um die Ruhe wiederher­zustellen. Es wurden viele Verhaftungen vorge­nommen.

* Bom Vater zum Diebstahl angehalten. Vor dem Berliner Jugendgeclchtshof stand ein 14jähriger Knabe. Die eigene Mutter hatte ihn wegen schweren Diebstahls angeklagt. Aus der Verhandlung ergab sich, daß der verwahrloste und von den Seinen ge­trennt lebende Vater den Jungen angeftiftet hatte, der Mutter die goldene Uhr und das Sparkassenbuch zu entwenden. Der Sohn erklärte, dies sei nicht der erste Fall, daß der Vater ihn zu einem Verbrechen ge­drängt habe. Wenn er sich dagegen auflehnte, sei er durch Schläge dazu getrieben worden Der Richter sah bei dieser Sachlage von einer Verurteilung ab.

* „Anti-EnzyNika-Likör". Die „Demonstrationen" gegen die „Borromäus-Enzyklika" treiben seltsame Blüten und lassen eigentümliche Schüsse zu auf die geistige Verfassung mancher „Demonstranten". In Leipzig kann man zum Beispiel an verschiedenen Kneiplokalen in greller Schrift lesen, daß es dort einen vorzüglichen „Anti-Enzyklika-Likör" gebe Es müs­sen fürwahr große Geisteskärnpfer fein, die auf solche denaturierte Weise ihrer „sittlichen Entrüstung" Aus- imick geben. Wenn ein Alkoholiker in dieser ihm ganz entsprechenden Art protestiert, so kann man sich dar­über weiter nicht wundern, was einem aber wunder­nehmen muß, das ist die alle Grenzen übersteigende Geschmacklosigkeit von jenen Leuten, die die Hand zu solchen Niedrigkeiten bieten.

* „Pötter, wat matt toi nu?" so fragte Fürst Bismarck, als nach vielen anderen Kandidaten auch Heinrich Stephan abgelehnt hatte, Finanzminister zu werden, seinen Chef der Reichskanzlei, Herrn v. Tiede­mann. Ueber die Bedeutung der Worte weiß die „Voss. Ztg." folgendes mitzuteilen: Irgend ein Groß­herzog von Mecklenburg spielte an der Bank zu Do­beran und besetzte diesäben Nummern rote ein neben ihm stehender, reich gewordener Töpfermeister. Als beide ihr Geld vollständig verspielt hatten, fragte der Großherzog: „Na, Pötter (Töpfer), wat matt toi nu?' „Oh", erwiderte der Töpfermeister, „Hoheit schriewen Stücrn ut, und ick mak Pött (Töpfe)!"

* Von einer Lawine in die Tiefe gerissen wurde in den Walliser Alpen oberhalb des Dorfes Verossaz eine Alpenhütte mit der Bäuerin und allem

Vieh. Die Leiche der Frau, die jedenfalls tot ist, ist noch nicht gefunden.

* Ein schwerer Automobilnnfall ereignete sich in den Bellevue GardenS in Manchester. Dort fuhr eine Automobildroschke, bei der die Steuerung ver­sagte, mit voller Wucht gegen einen elektrischen La­ternenpfahl. Der Wagen zerbrach in tausend Stücke und alle Insassen wurden hinausgeschleudert. Die Fahrgäste, ein Herr, eine Dame und ein Kind, waren sofort tot. Der Chauffeur stand auf und ging die Straße wie betäubt weiter. Plötzlich stürzte auch er zu Boden und starb.

* Ausgedehnte Gras- und Buschbrande verwüsten sett Wochen Deutsch-Südwestafrika. Der an den Holz- beständen angerichtete Schaden sst sehr erheblich.

* Einen Preis von 120 000 Mark setzt die New- Yocker Zeitung „The World" für denjenigen Aero­nauten aus, der zwischen dem 15. August und 1. Ja­nuar innerhalb hundert Stunden von Newyork nach Saint Louis im Aeroplan fliegt, d. h. in der Luftlinie 1500 Kilometer.

Literarisches.

Anleitung zur Gewinnung des Portiuukula-AblaffeS. Verlag der Fuldaer Actiendruckersi. Preis 10 Psg.

Bekanntlich hat der hl. Vater aus Anlaß der Sieben« Hundertjahrfeier des Franziskanerordens in diesem Jahre die Vergünstigung gewährt, daß der Portiun- kula-Ablaß, der sonst in der Regel nur in Franzis­kanerkirchen gewonnen werden kann, in allen Kir­chen, die von den Bischöfen dafür bestimmt werden, gewonnen werden kann. Nachdem nun durch Er­laß des Hochw. Herrn Bischofs Dr. Joseph Damian Schmitt alle Kirchen der Diözese für dieses Jahr das große Privileg erhalten haben, lag der Wunsch nahe, eine kurze Anleitung zur Gewinnung dieses Ablasses zu haben, die den Gläubigen in die Hand gegeben werden kann. Mit vorliegendem Büchlein, das die kirchliche Druckerlauk nis hat, wird dieser Wunsch bestens erfüllt. Das Büchlein kann auch gleichzeitig für die vom hl. Vater gewünschte An­dacht zum hl. Franziskus verwendet werden; die dafür vorgeschriebene Litanei zu Allen Heiligen hat ebenfalls Ausnahme gefunden.

Zn Land nach Indien heißt ein neues Buch, mit dem Hedin feine Freunde in diesem Herbst über­raschen wird, die Erzählung seines Karawanenzuges durch Persiens Sumpswüften, durch das steinige, schwer zugängliche Sokstan und das heiße Belutschistan bis an die Grenze des Indischen Reiches, wo sein wundervolles Buch „Transhimalaja" beginnt. Erst mußten seine staunenerregenden Entdeckungen in Tibet durch Veröffentlichung sichergestellt werden, ehe et seine Hinreise erzählen konnte. Auch diese war reich an Gefahren, so im fanatischen Persien, dem klassischen Land der Räuber und des Rassen­hasses, und im pestverseuchten Sölstan. Aber auch reich an Erfolgen in den nur wissenschaftlich frucht­baren Salzwüsten und Sandwüsten. Hunderte von Skizzen und Photographien und zwei Karten werden die beiden vornehmen Bände schmücken, die wieder bei Brockhaus erscheinen.

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