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Dienstag den (9. Juli 1916.

87. Jahrgang.

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« fuldaer W Leitung •

2. Blatt.

®n<f und Verlag der Zuldaer Artiendruckerei k« znlda.

Deutsches Reich.

* Eine geradezu schamlose Hetze treibt die „Fress. Zflg", und ihr nach andere liberale Blätter. Sie besaßt sich mit den Ausführungen eines konservativen Abgeordneten über die Zündholz- fleuer; dieser erklärte nämlich:

„Er könne es nicht glauben, daß anläßlich der Finanzreform die Verhetzung soweit gediehen fei, daß — rote mehrseitig behauptet — die Frauen sogar über die geringe Erhöhung der Streichholzpreise erbittert seien, er könne das nicht glauben, wenn er an den Opfermut der Frauen unseres Volkes in früheren Zeiten denkt, die ihren schönsten Schmuck, ihr blondes Haar, verkauften, um den Erlös dem Könige zu senden, damit er feine Soldaten mit guten Waffen versehen könne."

Dazu schreibt nun die „Freis. Ztg.":

„Dieser Vergleich ist eine Blasphemie; denn dies- <.ml handelte es sich nur darum, die Großgrund­besitzer vor einer Erbschaftssteuer zu be­wahren."

Schamloser ist wohl nie gelogen worden; denn die Zündholzsteuer hat mit der Ablehnung der Erbschaftssteuer nichts zu tun; sie trat an die Stelle der auch vom Freisinn abgelehnten indirekten Steuern auf Gas und Elektrizität und an die Stelle der vom Reichstag herabgesetzten Tabaksteuer. Das freisinnige Blatt muß dies wissen. Ein solches erbärmliches Verhalten kann nicht scharf genug gebrandmarkt werden.

* Ein Vertrauensvotum für Bassermann. Dem bi diesen Tagen von der eigenen Parteipresse so wenig freundlich behandelten nationalliberalen Führer Bas- sermann ist Heil widerfahren In der Sitzung des Vorstandes des Nationalliberalen Wahlvereins für den Kreis Saarbrücken ist folgender Entschluß ein­stimmig angenommen worden:

Der Hauptvorstand des Nationalliberalen Vereins für den Wahlkreis Saarbrücken spricht dem Reichslags­abgeordneten Baflermann fein lebhaftes Bedauern aus über die ungerechten Angriffe, die gegen seine parla­mentarische Tätigkeit in der Presse erhoben roorden sind, und versichert ihn seines einmütigen und unein­geschränkten Vertrauens. Er bedauert den Entschluß des Abgeordneten Bassermann, ein Reichs­lagsmandat nicht mehr annehmen zu wollen, und gibt sich der Hoffnung hin, daß seine unersetzbare Ktast doch noch der Partei erhalten bleibt.

Ob Herr Bassermann auf dieses Vertrauensvotum etwas geben wird? Hätten die Saarbrücker erklärt, es sei nicht wahr, daß sie bezw. ihre einflußreichen Jn- dustricellen seine Kandidatur nicht gewollt hätten, oder hätten sie wenigstens bedauert, daß er von Saarbrücken kein Mandat „wolle", dann ließe sich die Sache noch hören. So aber denkt man an den Mann, der — weggelobt wird.

* Dernburg — Ehrendoktor der Münchener Uni- »ersität. Der frühere Staatssekretär Bemhard Dern­burg ist von der Staatswirtschaftlichen Fakultät der ^udwig-Maximilians-Universität in München zum Ehrendoktor ernannt worden. Die Promotion, von der man erst ietzi ersahn, t|t bereits vor 14 Tagen er­folgt. Der Tert des Diploms lautet m deutscher Uebersetzung:

. '5 Dernburg, dem erfolgreichen Kaufmann,

der als Minister durch die Verbindung richtiger ökono­mischer Gesichtspunkte mit humaner Behandlung der Eingeborenen die deutschen Kolonien in Afrika aus eurem verlustbringenden in wertvollen Besitz des Vater­landes zu verwandeln verstanden Hal."

Sollte, so meint die „Angsb. Postztg". die Fakul­tät die Sache nicht etwas zu sehr durch eine rosen­farbene Brille betrachtet haben?

Ausland.

(*) Die Gegner des englischen Frauen- ffinnnrechts nahmen in sechs großen Versamm­lungen eine gleichlautende Resolution an, die Regierung möchte keine Möglichkeit zur Annahme des FrauenwahlrechtS-Gesetzes ohne vorherige Befragung der Wähler geben.

* englischer Minister über das Rüstungs- steber. Bei einem Bankett der Bankiers und Kauf­leute Londons sagte Lloyd George, alle Nationen schiene» von einer epidemischen Berschweudmigs- fucht aogesteckt zu sein. England habe die Füh­

rung darin übernommen, aber England habe auch das größte Reich zu verteidige». Alle Nationen trügen Verantwortungen, man müffe auf den Tag hoffen, an welchem ein besseres Verstehen unter den Völkern Platz gegriffen haben würde.

I Schwere Kolonialkämpfe fechten Portugiesen augenblicklich auf der Insel Colowan gegen chine­sische Seeräuber, die sich auf der Insel festgesetzt haben, aus. Eine chinesische Regierungsflotlille unterstützt die Portugiesen. Im Sturm wurde die Stellung der Piraten genommen. 80 der Räuber blieben tot auf dem Kampfplatz; auf feiten der Por- tugiesen sind nur schwere Verwundungen, keine Toten zu verzeichnen. Die geschlagenen Piraten haben sich in das Innerste von Colowan zurück­gezogen.

I Die russische Korruption wird durch die Tätig- kett der revidierenden Senatoren in immer grelleres Licht gezogen. In Petersburg wurden drei höhere Beamte der Jntendanturverwaltung verhaftet, darunter ein General. In Kiew beendete Senator Dedjulin die Revision der Militäranstalten. Er wird 46 Personen, darunter zwei Generalleutnants, und 18 höhere Offiziere zur Verantwortung ziehen' Djedjulin stellte fest, daß General Akimow, ein naher Verwandler des Präsidenten des Reichsrats, als Oberingenieur große Unterschlagungen begangen bat. Gleichzeitig wurde der frühere Chef der Kiewer Ge­heimpolizei, Kelveden, wegen Unterschlagnnaen ver­haftet. Insgesamt sind bisher von den 1100 In­tendanten Rußlands durch Garin gegen 200 ver­haftet worden.

* China fügt sich in das Unabänderliche. Ter Große Rat in Peking hat beschlossen, über das in der ruffisch-japanischen Konvention atts- gesvrochene Festhalten an dem früheren Zustande in der Mandschurei seiner Befriedigung Ausdruck zu geben <An Mitglied des Rates schlug vor, weitere Erklärungen über die Konvention zu ver­langen; dies wurde jedoch abgelehnt.

volkswirtschaftliches und Soziales.

4- Notierung der Schlachtvieh- und Fleisch­preise. In der letzten Sitzung des wirtschastl. Ausschusses der Kasseler Landwirlschaslskammer berichtete der Assistent der Kammer, Herr Dr. Sprenger, über die Beschlüsse der 38. Voll- Versammlung des deutschen Landwirtschastsrates beir. die Maßnahmen der deutschen Städtcver- Wallungen für die Fleischversorgung der Bevölke­rung, sowie die Notierung der Schlachtvieh- und Fleischpreise. Hierbei kam er zu dem Ergebnis, daß für die Landwirtschaflskammer des Bezirkes Kassel besonders der Punkt 4 der Beschlüsse: „Für eine einwandfreie Notierung sowohl der Lebendvieh- als der Schlachtviehgewicht-Preise ist Sorge zu tragen und Mißbräuchen bei den Schlachtungen entgegenzutreten", wichtig sei, daß aber auch in diesem Punkte die Betätigung der Landwiktschastskammcr auf Schwierigkeiten stoße, da sie von der ständigen Mitarbeit einer größeren Anzahl von viehverkaufenden Landwirten abhängig sei.

* Essen, 17. Juli 1910. Die gestern hier zu Ende geführten Einigungsverhandlun- gen für dos Baugewerbe im Industriegebiet ergaben die Annahme eines neuen Tarifvertrags, der bis zum 3l.März 1913 abgeschlossen wurde.

Aus dem Nachbargebiete.

* Otzbach (Rhön), t6. Juli 1910. Hier wurde der 19jährige Sohn eines Landwirts vom Blitz erschlagen; auch schlug der Blitz in ein Wohn- hous, jedoch ohne zu zünden. — Großen Schaden richtete das Gewitter in der Gemarkung Buttlar au de» Pflanzen und Früchten an; dort fielen Schloßen in der Größe von Taubeneiern.

* Schlüchtern, 16. Juli 1910. In dem benach­barten Dorfe Breitenbach wuroe ein 4 jähriger Junge von einem Heuwagen überfahren und starb infolge der erlittenen schweren Verletzungen.

* Neustadt a. d. S., 18. Juli 1910. lieber den Stand der Saaletalbahn-Angelegenheit wird betont, daß die Fortführung der Bahn vovKisstngen bis Neustadl gesichert ist; dagegen kann über den Zeitpunkt nichts Bestimmtes angegeben werden.

* Schierstein, 18. Juli 1910. Ein Wiesbadener Liebespärchen, „er" 16, „fteÄ 18 Jahre, stürzte sich wegen unglücklicher Liebe in den Rhein und ertrank.

* Eisenach, 18. Juli 1910. Ein hiesiger Vieh­treiber ritt ein Pferd aus der Schwemme wieder zurück. Dabei wurde er von einem Wagen der elektrischen Straßenbahn an gerannt. Roß und Reiter kamen zu Fall, letzterer geriet unter das Pferd und trug bei dem Sturze schwere Ver­letzungen davon. Für das Pferd hatte der Siurz keine nachteiligen Folgen gehabt. Nach dem Be­richte von Augenzeuaen trifft den Führer der Elektrischen an dem Unglück keine Schuld.

* Vom Westerwald, 17. Juli 1910. Der Eisenbahnminister Hal die Vorarbeiten für den Bau einer Eisenbahn von Selters nach Neuwied angeotbnet.

vermischtes.

* Eine neue Lustschiffbaugesellschaft hat sich in Gräfrath am Niederrhein unter dem Protektorat des Grafen Moltke als „Rheinische Luftschiffbaugesell­schaft" mit einem Betriebskapital von zwei Millionen Mark gebildet. Die Gesellschaft bezweckt die Erbau­ung neuer Kriegsmotorluftschiffe, die zur Aufnahme von Sprengstoffen und zur Ausstellung von Wurfge­schossen eingerichtet sind. Die Schiffe sind 120 Meter lang, bestehen aus einem starren Holzgerippe und ha­ben eine Gondel für die Geschütze, die durch einen besonderen Mechanismus stets in wagerechter Lage ge­halten wird.

* Wer zahlt dir Reisekosten? Ein interessanter Prozeß wird in nächster Zeit die Gerichte beschäf- tigcn. Es bandelt sich dadei um eine Prinzipien- srage. Der jetzige Beigeordnete Dr. Eckert in Rem­scheid, früher juristischer Hilssarbeiier in Hagen, hatte sich, als er nofi letztere Stelle bekleidete, um die Bürgermeisierstelle in Schwetz an der Weichsel beworben. Er kam in die engere Wahl, und es winde ihm anheim gegeben, sich persönlich vorzu­stellen. Er tat dies, verlangte aber, nachdem ein anderer Bewerber gewählt war, von der Stadt Schwetz die Reisekosten in Höhe von 178 Mk. zurück. Ta die Stadtverordnetenversammlung in Schwetz dies Verlangen abgelehnt hat, wird die Sache zuui gerichllichen Austrag kommen.

* Einen kühnen Sprung vom Kirchturm hat in Fahrcmvalve in Pommern ein Schlächterbund unter­nommen. Der Hund war mehreren Einwohnern grsolgk, die vom' Kirchturm aus ein in der Rich- lung nach Brüssow ausgcbrochenes Großfeuer beo­bachten wollten. Als nun der Hund aus der Schaulucke heranlsah, bemerkte er unten auf der Straße den Sohn seines Herrn. Kurz entschlossen sprang das Tier ans dem Fenster vom Turm herab auf die Straße. Merkwürdigerweise hat der kühne Springer dabei nur unbedeutende Verstauchungen erlitten.

* Ein tragisches Geschick hat die Familie des am Mittwoch durch Absturz tödlich verunglückten Lustschif­fers Oskar Erbs loh betroffen. Beim Leichenbe­gängnis des geliebten Sohnes raffte den Vater ein Herzschlag dahin Herr Erbslöh, der in Solingen als Kaufmann lebte, erfreute sich in weitesten Kreisen gro­ßen Ansehens.

** Weil er sein Abgaugsexamen nicht bestand, hat sich in Barnbeig der Lehrerserninacist Porzig, ein Packmcisterssohu, von einem Zuge überfahren lassen.

** Verschwunden ist in der Villenstadt V e s i n e t bei Paris ein reicher Belgier namens Vermersch. Er empfing kurz vor seinem Verschwinden den Besuch von drei Landsleuten. Sein Diener wurde durch eine Karte nach seiner Heimat berufen, wo seine Mutter er­krankt sein sollte. Die Mutter fand er aber vollkom­men wohl. Bei seiner Rückkehr waren Vermersch und seine Gäste verschwunden. Man glaubt, Vermersch sei ermordet und in einen Brunnenschacht geworfen wor­den, der sich in der Ecke des großen Gartens der Villa befindet.

* Schnttl besonnen. In enter Zeitung Norddit- marschens stand mit vollem Namen folgende An­zeige: „Die Verlobung mit Herrn Adolf S . . . ist meinerseits wieder aufgehoben. Adele B . . Aber schon in der nächsten Nummer der Zeitung war fol­gende neue Anzeige zu lesen: „Unsere Verlobung ist wieder hergestellt. Adele B . . . Adolf S . . . ."

e Im Aeroplan ist der dänische Aviatiker Svend- sen am Sonntag früh nach einer mißglückten Probe- sahrt über den Oer es und von Kopenhagen nach Schweden geflogen.

* Eine Schreckensszene verursachte in einer Kirche in Tampa (Florida) ein Neger namens Wilson, der durch übermäßigen Kokaingenuß irrsinnig wurde. Er stürzte mit einem geladenen Gewehr während des Got­tesdienstes in die Kirche und erschoß den Pastor, den Organisten und seine Schwiegermutter. Femer ver­wundete der Rasende seine Gattin, seine Schwägerin sowie einen Polizisten schwer und erschoß sich dann selbst.

Literarisches.

In gewohnter Reichhaltigkeit präsentiert sich die neueste Nummer der illustrierten Zeitschrift „Die Welt" (Verlag der Germania, Berlin 0 2, Stralauer Straße 25). Sie bietet eine fesselnde Zusammen­stellung wichtiger Tagesereignisse aus Welt und Kirche, illustriert durch prächtige Bilder. (Ein­weihung der Westminster-Kathedrale. — Die Re­liquien werden zur Kathedrale getragen. — Weihe der Glocken für San Marco in Venedig. — Friedens­saal zu Oliva. Zur 250 jährigen Gedächtnisfeier des Friedensschlusses. — Die neue katholische Kirche auf der Insel Juist. — Der Kampf um die Welt­meisterschaft im Boxen. — Der Brand in Pcterhof usw. usw.) Besonders genannt fei der stimmungs­volle Artikel zum Gedächtnis der Königin Luise, der edlen Herrscherin und Dulderin auf Preußens Königsthron (mit neun vortrefflichen Bildern). Auch das Romanmaterial, die politische Weltrundschau, die poetischen und didaktischen sowie die rein unter­haltenden Beiträge sind sehr interessant. Preis 10 Pfennig.

Hendschels Luginsland. Beschreibungen von Eisen­bahn-, Post- oder Dampfschiffahrtsstrecken in Wort und Bild. Frankfurt a. M, Expedition von Hend­schels Telegraph. M. Hendschel.

Von diesen interessanten Reisebegleitern stellen sich uns neuerdings vor: Heft7 Berlin-Halle-Bebra- Frankfurt, Leipzig-Frankfurt von K. Schwarzlose (Mk. 0,75); Jnnsbruck-Bozen-Verona, Bozen-Meran, Mori-Arco-Riva von H. Biendl. (Mk. 1.—); Luzern- Bellinzona-Lugano-Mailand, Zürich-Mailand von I. L. Heer (Mk. 1.—); Landguart-Davos-Filisur, Chur- St. Moritz-Pontrasina; ChurJlang von demselben (Mk. 1.—); Frankfurt a M -Köln links- und rechts­rheinisch einschließl. Damvfschiffahrt von Prof. K. Oestreich (0,75 Mk.). Statt gedankenlos im Bahn­wagen dahinzurasen und die Eisenbahn nur als Mittel zu betrachten, das uns von einem Lund ins andere führt, sollen wir durch diese Hefte bei aller Schnellig­keit der Fahrt mit Ländern, Städten, Gebirgen usw. wenigstens oberflächlich bekannt gemacht werden. Sie werden sich sedennann als ein unterhaltender, nimmer­müder Reisebegleiter erweisen, die auf jeder Fahri Neues und Interessantes zu erzählen wissen.

Das Katholische Reise-Adreßbuch für Mitteleuropa, dieser bewährte Führer für die Reisezeit, erscheint so­eben im 6. Jahrgang, in neuer Ausstattung vornehm­ster Art und in neuer, überaus praktischer Anordnung. Bekanntlich enthält dieses jeweils in großer Auflage zur Versendmig gelangende Reise-Adreßbuch ein Ver­zeichnis empfehlenswerter Hotels, Restaurants, Fir- nien aller Brmchen, Institute usw. in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz und Italien. Die Tatsache, daß ein Wiener Seelsorger, Herr Kaplan Heinrich Hinner, diesmal die Redaktion des Werkchens geführt hat, bürgt dafür, daß es verläßlich ist und wirklich dem katholischen Reisepublikum nur empfehlenswerte gute Häuser bekannt macht. «Segen Ersatz der Spesen (pro Exemplar 30 Pfennig) wird das Reise-Adreßbuch von der Administration, Wien Vt/2, Mollardgasse 41, auf Wunsch jedermann franko zugesandt.

Königin Luise.

100 Jahre sind es heute her, daß Königin Luise ihre Augen zum ewigen Schlafe geschloffen hat. Um nichts jedoch ist in dieser geraumen Spanne Zeit ihr An­denken verblaßt: ihre Huldgestalt tritt wie bei keinem gekrönten Haupt im Wandschmuck selbst der ärmsten Hütte vor Augen. Mehr noch aber lebt sie fort im Her-en des Volkes. Was ist es, das dieser Königin einen solchen, allen Thronglanz überstrahlenden Ehren- ^atz verschafft hat? Mit einem Wott ließe sich diese Frage beantworten: Well sie nicht bloß eine große Königin, sondern auch eine echte, deutsche Frau war!

Das am 10. März 1776 in Hannover geborene 6- Kind des Prinzen Karl Ludwig Friedrich von Mecklenburg-Strelitz hat, als es zehn Jahre spater zur Großmutter Landgräfin von Hessen-Darmstadt kam — feine Mutter starb schon 1782 und 1785 folgte die Stiefmutter im Tode — nicht geahnt, welch hohes, aber auch schweres Los seiner in der Zukunft harrte; erwarb doch ihre übersprudelnd fröhliche Laune Luise den Beinamen „Jungfer Husch". Auch als sie 1793 im Hauptquartier zu Frankfurt a. M. durch den Land­grafen von Hessen dem König vorgestellt wurde und dott den 23jährigen Kronprinzen kennen und lieben lernte, als sie kurz darauf sich mit diesem verlobte, am 22. Dezember unter dem Jubel der'Bevölkerung in Berlin einzog und schon am Weihnachtsabend mit dem Kronprinzen den Lebensbund schloß — lachte ihr em Leben voll Sonnenschein entgegen. Und so klang auf Schloß Parez hell der jungen Gattin Lachen, und olle Herzen flogen ihrer Frohnatur und lieblichen An­mut entgegen. Sechs Kinder hätten dazu ein Mutter­glück geschaffen, wenn nicht schwere politische Schatten mf Luisens Leben gefallen, das ftohe Bild getrübt und m ein ergreifendes Gemälde königlichen Leids umge- wandelt hätten.

Friedrich III. hatte richtig geahnt, als er bei seiner Thronbesteigung (1797) zu Luise sagte: „Unser niNges Glück ist dahin, die Prüfungszeit beginnt!" Richt ohne Verschulden des Königs. Seine falsche Politik verhielt sich in dem Kriege der europäischen

Mächte gegen Napoleon neutral, mit dem Erfolge, daß er allein stand, als der Korse sein Schwert gegen Preu- ßen richtete. Luise stand auf fetten der Männer der Reformpartei, der Stein, Hardenberg u. a., die auf em- schiedeneS Vorgehen gegen Preußens größten Feind drängten; immer wieder suchte sie ihren Gemahl stark und selbstoertraueud zu machen. Als dann aber 1806 das Verhängnis losbrach, und das auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen eingeschlafene Preußen fürch­terlich erwachte, als Heer um Heer und Stadt um Stadt vor den karnpf- und sieggewohnten Soldaten Napoleons dahinsanken wir reife Achren vor dem Schnitter — da war es Luise, welche in dem allge­meinen Zusammenbruch den Mut, das Höchste und Letzte, nicht verlor Sie mußte vor dem Feinde fliehen, bis zur ösllichen Landesgrenze. Eine Ge­ringere hätte verzagt; aber Luise wies jede Klein- müttgkeit wett von sich. In jener Zeit sollte ihre edle Größe im hellsten Lichte erstrahlen, als sie am 5. Juli zu jener berühmten Tilsiter Unterredung mit Napoleon ging, sich selbst demütigend, um für ihr geliebtes Vater­land bessere Friedensbedingungen zu erhalten. Sie hat zwar nichts Positives erreicht; beim der Eroberer, der seine größt« Gegnerin längst erkannt hatte und haßte, speiste sie mit nichtssagenden Worten ab. Aber der schwere Schritt selber, den sie tat, ist ein Lorbeer, unverwelklicher als jede Ermngenschast. Traurig kehtte Luis« nach Memel zurück, aber nicht gebeugt. „Der Friede ist geschloffen!" schrieb sie ihrem Vater. „Aber um einen schmerzlichen Preis: unsere Grenzen werden künftig nur bis zur Elbe gehen. Dennoch ist der König größer als sein Widersacher. Wir sind moralisch frei geblieben, das wird zur politischen Frci- hett führen! Preußen wird dieser schmähliche Friedm einst, wenn ich es auch nicht mehr erlebe, Segen bringen!" Dieser unerschütterliche Glaube wurde auch dadurch nicht vernichtet, daß sie bis zum Jahre 1809 nicht in bk von den Franzosen besetzte Hauptstadt zurückkehren konnte, die erst abzogen, als die große Kriegsschuld bezahlt war, zu deren Deckung Luise als leuchtendes Beispiel ihre sämtlichen Pretiosen bei= steuerte. Längst war sie der Liebling des Volkes, und so empfing sie bei ihrem Einzug in Berlin am 23. De­

zember 1909 ungeheurer Jubel der Bevölkerung. Diese Liebe des Volkes mag ihr überaus wohlgetcm und ihr Vertrauen auf die Zukunft neu gestärkt haben. Er­leben sollte sie die Erfüllung nicht mehr. Seit dem Kriege mit Navoleon nagte Krankheit an ihrem Leben, welcher der heldenhafte Geist langsam weichen mußte. Es war wohl Todesahnung, die sie 1810 so heiß ein Wiedersehen mit dem Vater und den Geschwistern in Strelitz wünschen ließ. Und kaum lag sie an der Brust des innigstgeliebten VaterS, als der Todesengel sie berührte: am 19 Juli starb sie, beklagt und beweint im ganzen Valerlande, wie nie eine Landesmutter be­trauert worden ist.

Sie war eine Landesmutter im besten Sinne des Wortes Ihr ganzes Denken und Streben galt Preu­ßens Freiheit und dem Wohle seines Volkes. Und nichts bezeichnet ihre Gesinnung und Größe als Sim igln besser, als der unaustilgbare (Staube des Vol­kes. daß sie aus Gram über das Unglück des Landes in bei Blüte bet Jahre gestorben sei. Sie war eine weitsehende Politikerin; sie sah besser als der König was dem Lande frommte und not tat. Ihre letzte Tat auf dem Sterbebette, die Empfehlung des Harden­bergs, legte den Grund zu Preußens Erhebung und Aufschwung.

Was sie aber dem Herzen des Volkes so nahe brachte, war ihre Anmut und Schönhett, nicht bloß des Körpers — selbst Napoleon war von dieser überrascht — sondern mehr noch der Seele. Rührende Züge der Menschenliebe und Erbarmung mit der Rot der Klei­nen und Schwachen iverden von ihr erzählt, aus den sonnigen Tagen der Kindheit bis kns leidgeprüfte spä­tere Alter. Brachen lebhafte Heiterkeitt und ftohe Laune allzeit bei ihr durch, so lag in ihrem innersten Wesm doch Ernst und Tiefe des Gemüts. Ein her­vorragender Charakterzug ist ihre echte Frömmigkeit, der allein zu verdanken ist, daß sie in den Stürmen ihres Lebens nicht zusammenbrach.

Eine Lichtgestalt voll gewinnenden Zaubers ist Preußens edelste Königin Luise. Wenn heute in allen deutschen Gauen ihr Andenken gefeiert wird, fo wird ein jeder Patriot von Herzen einftimmen und mit dem erlauchten Urenkel Luisens im Geiste in Charlotten-

burgs Fichtenhain treten, allwo ihre sterbliche Hülle ruht, und ihr den Tribut der Verehrung und des Dan­kes auf den Sarkophag legen: Heute, wo das vollendet ist, was sie in schwerer Trübsal fest erhofft und erbeten hat — ein großes, starkes, freies Vaterland! Möge Königin Luise fein treuer Schirmgeist bleiben! =y

— Die Linde blüht! — mit ihrem süßen Duft führt sie uns in den heißen Juli, der als Mittelpunkt des Jahres Blüte und Früchte zeitigt. Zu schönem Blumenflor, zum Rosendust mid zum Wohlgeruche der Linde, bringt er uns eine Menge der wohl­schmeckendsten, ersten Früchte, wie: Erd-, Heidel-, Stachel- und Johannisbeeren und die süßen Kirschen in großer Anzahl. So ist der Juli der Uebergang von der blühenden Zeit zu der fmchtspendenden. Er be­deutet die Höhe des Jahres und bringt für die be­dürftige Menschheit die Reife des Getreides. 'Dem Landmann lohnt er feine Mübe und feinen Fleiß, bei oergnügungsbedürftigen Welt bringt er das schöne Reisewetter. Alles lebt im Freien, nicht nur in den Tagesstunden, sondern auch an den Abenden voll bal­samischer Kühle. Freilich schickt dieser Monat den heißen Sonnenschein, desto mehr duftet der frische Wald, je mehr die Sonnenwärme auf die Wipfel drückt. Und wenn dann das zitternde Sonnenlicht glühend über die weite 6bene flutet, wenn ihre Wärme unsere Schafftnskraft lähmt, wie gerne ruhen wir dann unter der breitästigen Linde, in der Tausende emsiger Bienen ihren süßen Nektar fammeln, und er­quicken uns am Dufte der bescheidenen Blüte des f"i= mischen Lindimbaumes, der im Gemütsleben der deut­schen Nation, in ihren Sagen und Legenden eii.e so anmutenbe Rolle spielt! In früheren Zeiten zu ganzen Wäldem bereinigt, wird die Linde, das Urbild der Innigkeit, jetzt durchweg nur zu Alleen, in Parks, Gärten und öffentlichen Anlagen angevflanzt, und der Poesie entsprechend, die sie umgibt, ist sie auch vor vielen Häusern, Brunnen und Toremgängen zu fin­den, damit wir in ihrem Schatten träumen und manche Erinnerung an freudige und trübe Stunden in uns wachrufen tötmen.