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ftildaer

4. „Arbeiterverrat" in -er Reichs- verficherungsordnung.

Das Verhalten der Zentrumsabgeordneten in der Kommission zur Beratung des Entwurfs einer Reichs­versicherungsordnung wird von der sozialdemokrati­schen Preffe nach dm verschiedensten Richtungen hin zum Anlaß genommen, die altbekannte Melodie vom „Arbeiterverrat" des Zentrums anzustimmen U. a. ist es in den letzten Tagen die Stellungnahme der Zentmmsvertceter zu der Frage der Se l bst v e r w a l- tung der Krankenkaflen gewesen, die den Hellen Un­mut der sozialdemokratischen Pceßtrabanten und Agi­tatoren hervorgemfen hat. Für sein Verhalten in dieser Frage hat das Zentmm seine guten Gründe.

Seit langem wird Klage geführt über den Miß­brauch der Krankenkasien durch die »Genossen- zu par- teiPolMschen Zwecken. In der Debatte zu der eben genannten Frage bestritten die sozialdemokratischen Ao- geordneten in der Kommission wirkliche Mißbräuche. Seitens des Zentrumsabg. Becker wurde zugegeben, daß die Klagen gegen die sozialdemokratischen Kassen­leitungen in ihrer Verallgemeinerung vielfach übertrie­ben würden. Es sei nicht zu leugnen, daß unter so­zialdemokratischer Leitung stehende Kaffen Gutes lei­sten. Nicht zu leugnende Mängel aber beständen darin, daß die sozialdemokratischen Kaffenvorstände fast nur sozialdemokratische Parteimitglieder zu Kassenbeamten wählten, oft ohne Rücksicht darauf, ob die zu Kaffenbeamten bestellten sozialdemokratischen Agitatoren auch ihrem Amte wirklich gewachsen seien. Er dachte da vor allem an die Krankenkontrolleure. Be­sonders von solchen Kaffenangestellten müsse man unter allen Umständen verlangen, daß sie nicht parteiisch seien. Die christlichen Arbeiter, und zwar die besten unter ihnen, hatten aber oft lebhafte Klage geführt, daß der sozialdemokratische Krankenkontrolleur alle Augenblicke gerade sie kontrolliert habe, wenn sie krank gewesen wären, während ec gleich beide Augen zuge­drückt habe gegenüber einem erkrankten sozialdemokra­tischen Kassmmitgliede. Diese offenkundige Parteilich­keit sozialvemokratischer Kaffenbeamten sei nicht ver­wunderlich Habe man den sozialdemokratischen Arbei­tern durch Preffe und Versammlungen seitens der so- zialdemokratischm Partei- und Gewelkschaftsredakteure und Agilatoren doch durch Jahrzehnte immer wieder gepredigt von den christlichen Verrätem. Streikbrechern und tote diese Schimpfnamen alle lauten mögen. Auf diese Art präge man den sozialdemokratischen Arbeitern erst einen lodernden Haß gegen die chrfftlichen Arbeiter ein, um sie dann seitms der sozialdemokratischmKaffen- vorstände zu Kassenbeamim zu machen und auf die christlichen Arbeiter loszulassen. Daß solche Kassen­beamte dann gegen erkrankte ^christliche Arbeiter gehäs­sig wären, sei nicht zu verwundern. Es laffe sich auch nicht abstreiten, daß sozialdemokratische Kcankenkon- nolleure beim Besuch erkrankter Arbeiter diese zum Beitritt zur sozialdemokratischen Partei oder zu den sozialdemokratischen Gewerkschaften 31t überreden

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37. 5ahrsa"S-

2. Blatt

Druck und Verlag der zuldaer Aetiendruckerel! in Selbe.

suchten. Das fei ein skandalöser Mißbrauch eines Am­tes für dessen Bezahlung auch die nicht sozial- demokratischen Arbeiter ihre Beiträge zu den Kranken- lassen aufbringen müßten. Der genannte Abgeordnete sprach sich deshalb im SR amen seiner Parteifreunde da­für auS, daß die Krankenkaffenbeamten von den Ar­beitgeber- und Arbeitnehmervorstandsmitgliedem der Krankenkassen in getrennter Abstimmung gewählt würden (der ZentrumSabg. Dr. Hitze hatte vorher au» ähnlichen Gründen sich dafür ausgesprochen, daß der Vorsitzende der Krankenkasse von ben Arbeitgeber- und Arbeitnchmervorstandsmitgliedern ebenfalls in getrenn­ter Abstimmung gewählt würde). Dann könnten — der Regierungsvocschlag auf Halbierung der Rechte und Pflichten in denKrankenkaffen war vorher schon ge­fallen — dir zwei Drittel der sozialdemokratischen At- beitervorstandsmitglieder das eine Drittel der Arbett- gebervoritandsmitglieder nicht mehr überstimmen, und so sei Gewähr dafür gegeben, daß nicht deshalb em Mann zum Kassenbeamten (ober Vorsitzenden der Kaffe) gemacht würde, weil er Sozialdemokrat sei. Einer Maßnahme, die bezwecken würde,jememb des­halb von dem Posten eines Kaffenvorptzenden oder Kassenbeamten auszuschließen, well er Sozialdemokrat sei, würde das Zentmm nicht zustimmen. Und danach hat es auch bei den entsprechenden Bestimmun- gen der Versicherungsordnung gehandelt.

Aus dieser Stellungnahme des Zentrums macht die Sozialdemokratie, wie gesagt, draußen im Lande mal wieder einen »Verrat des Zentmms an den Arbeite^ rechten*. Und man gewinnt fast ben Eindruck, daß dieses ganze „Verrats'-geschrei der „Genoffen dem Aerger derselben darüber entspmngen ist, daß da» Zentmm in der Frage der Halbiemng so wacker die Interessen der Arbeiter vertreten hat. Welch Fressen wäre es für die „Genossen" gewesm, wenn sich da» Zentmm hier auf den Standpunkt der Regierung ge­stellt hätte! Wie groß die Jntereflen der Arbeiter­schaft aber an der Ablehnung der Halbiemng waren, geht aus folgenden Erwägungen hemor. Ungleich mehr nämlich als in der Unfall- und Jnvalidenversiche- rung liegt es in der Krankenversicherung in Händen der Beteiligten, aus nicht zu hohen Beiträgen den Erkrank- len möglichst hohe Leistungen zu gewähren. Das Kran- kenkaffeilgesetz (desgleichm auch die Versichemngsord- nung) sieht Mindestleistungen und Höchstleistungen vor. Tie Mindestleistungen muß jede Krankenkasse, die Höchstleistungen kann sie gewähren. Da hängt eben alles von einem guten Statut der einzelnen Kasse ab; das Statut aber schaffen, natürlich im gesetzlich ge­zogenen Rahmen, die Versicherten, wenn — st» Mei Drittel der Sitze im Vorstand und im Ausschuß der Kaffe haben. Aber nur dann! Hätten die Ver- sicherim nur die Hälfte der Stimmenzahl, die Arbeit- aeber die andere Hälfte, bann könnten letztere es eben stets verhindern, daß Leistungen über das Mindestmaß hinaus beschlossen würden, um die Beiträge möglichst nichtig zu halten. Selbstverständlich ist es, baß die Arbeiter, wenn sie doppelt so viel Rechte bei der Be­messung der Leistungen der Krankenkasse und bei noch vielem anbern in der Krankenversicherung haben, fU auch die doppelten Beitrage leisten müssen. Der Scha­den, ben die Arbeiter durch die Halbieruiig der Recht« in den Krankenkassen zwischen ihnen und den Arbeitge­bern haben können, wird bei weitem nicht aufgehoben dadurch, daß sie anstatt zwei Drittel (sind vier Sechstel) der Beitrüge nur noch die Hälfte (sind drei Sechstel) zu zahlen brauchten.

Das Zentmm hat dadurch, daß es die Halbie­rung ablehnte und somit den Ausschlag gab, die wirklichen Interessen der Arbeiter absolut gewahrt. Im allgemeinen genommen, kann es dem Arbeiter gleichgültig sein, wer Krankenkaffelirendant ist, wer aus dem Kaffenbüro die Mitgliederliste führt und wer die Kranken kontrolliert; Jntereffe haben die Arbeiter nur daran, daß diese Angestellten der Kasse tüchtige Menschen sind und daß sie allen Arbeitem gleich­mäßig freundlich entgegentoinmen. Sehr interessiert aber sind vor allem die nichtsozialdemokratischen Ar­beiter daran, daß die sozialdemokratische Kaffenlettuiig in der Krankenkaffe keine Versorgungspöstchen

auS anertennen5roertcr Weise die Kreter zur Beson­nenheit mahnte, antwortete die türkische Regiemng mit tiner Protestnote an die Schutzmächte, in der sie mit großer Schärfe über diese Einmischung Griechenlands in die kretische Frage Beschwerde führte^ Run aber kommt die Meldung, daß der tückische Kriegsminister den Veschl ertetlt habe, die Gestaltung und AuSbesse- ntng der Straßen und Brücken, die nach der griechi­schen Grenze führen, mit allen Kräften zu beschleuni- am. Das Vochandmsein einer Kriegsgefahr wird nicht einmal mehr amtlich bestritten, die Dinge muffen also schon ziemlich weit gediehen sein. In der tütti- schen Vevölkemng tft der Gedanke eines Krieges mit Griechenland sehr populär. Welche Folgen ein tür­kisch-griechischer Krieg für die Verhältnisse auf dem Balkan bewirken würde, ist ganz unuberiehbar. Die Hauptschuld an der gefährlichen Lage hoben aber un­zweifelhaft die Schutzmächte. Auf dem Battan wird eben nicht eher Ruhe werden, bis die kretische Frage eine definitive Lösung gefundm haben wird.

wochen-Rundschau.

.[:] Fulda, 15. Juli 1910.

Di» Sauregurkenzeit will nicht kommen. Auf her politischen Bühne herrscht reges Leben, und fast tag- täglich peitscht eine neue Sensation die Nerven auf. Dft letzte ist die bekannte Affäre des Erbprinzen von Hohenlohe-Langenburs, der plötzlich von der beschaulichm Ruhe seines schlosse» aus einen sonderbar erregten Brief an den ReichstagSprGdenten richtet, in welchem er den 2. Vizeprasidenten niedn- legt Warum? Das weiß der Hnnmel, und vielleicht noch der Erbprinz. Vielleicht. Denn Me angegebenen Gründe — der Zwist der bürgerlichen Parteien und die Enzhklcka — kommen so spät hinterdmin gchmkt, daß der Prinz etliche Wochen auf seinem Stammschloß geschlafen haben muß. Die Organe des Evangelischen Bundes spendeten ihm natürlich größtes Lob, die liberale Presse glaubte gleichfalls den Fall filr ihre Parteizwecke auSnuhen zu können, hat sich aber sehr bald ernüchtert gezeigt. In der rechtsstehenden Presse fand der Schritt deS Erbprinzen schärffte Vemrieilung. Der einzige Leidtragende bei der Geschichte wird schließlich der Erbprinz selbst sein. In ernsten polt- tischen Kreisen rounbert man sich mit Recht, wie ein Mann in solch hoher sozialer Stellung eine derartige Beschränktheit und Unreife des politischen Urteils be­sitzen kann. Seine Tätigkett als Kolonialstaatssekre­tär hat ihm keine große Anerkennung verschafft, nach seiner jetzigen Leistung darf seine Rolle im politischm Leben als ziemlich ausgespielt angesehen werden. Der Erbprinz war, nachdem Kolonialdirektor Dr. Stübel sein Amt niedergelegt hatte, zum Letter der Kolonial- verwaltung berufen worden. Kurze Zett darauf lag dem Reichstage ein Antrag vor, die Stellung des Kolonialdireüors in ein Staatssekretariat mit 44 000 Mk. Gehalt und freier Dienstwohnung umzuwandeln. Dieser Antrag wurde unter den vereinigten Anstren­gungen des Zentmms und der Sozialhemokratie ab­gelehnt. Von fetten des Zentmm» fiel damals das geflügelte Wort, daß, wenn man schon einen Erb­prinzen habe, man gewiß keinen Erbstatthalter oder Erbkanzler brauche. Es war damals allgemein die Ansicht verbreitet, daß der Erbprinz als Nachfolger seines Vaters in den Reichslanden ausersehen sei und nach dem eventuellen Rücktritt des Fürsten Bülow als zukünftiger Reichskanzler Böses Blut hat eS gemacht, als sich der Prinz, der sich damals mit seiner ganzen Hofhaltung in Berlin aufhielt, in Erwartung seiner Erhebung zum Staatssckretär auS der Reichs­kaffe einen recht erheblichen Vorschuß zahlen laffen wollte. Die Sache wurde damals viel bespöttelt, und der Prinz verschwand mit seinem Rücktritte völlig in der Versenkung. Was seine spätere Wahl zum zwei- ten Vizepräsidenten des Reichstages betrifft, so mein­ten schon damals Persönlichkeiten aus seiner nächsten Umgebung, daß der Prinz besser getan hätte, die Wahl gar nicht erst anzunehmen. Seine geringen geschäfts­technischen Fähigkeiten könnten nur zu leicht Verlegen­heiten schaffen und Situationen herbeiführen, denen der Erbprinz nicht gewachsen fein dürfte. Die Zu­kunft hat gezeigt, wie berechtigt alle diese Wamungen waren.

Ein Kaiser-Brief sollte nach dem Willen englischer Deutschen-Heher eine Sensation ersten Ran­ges werden. Es sollte eine Art Krügertelegramm sein: ein Brief Kaiser Wilhelms an Madriz, den Präsiden­ten von Nikaragua, der eine feindselige Maßnahme ge­genüber Nordamerika bedeute. In Wirklichkeit war es ein in üblichen Ausdrücken gehaltenes Antwott- schreiben auf die Notifikation von der Präsidentschaft Madriz. Die Engländer spekulierten auf die Empfind­lichkeit der Vereinigten Staaten, die sehr groß ist, wenn es sich um südamerikanische Staaten handelt.

In dieser Woche jährte sich der Tag, an dem Fürst Bülow verabschiedet wurde und zu seinem Nachfolger seinen bisherigen Gehilfen, den Staatssekretär des Jl- uem v. Bethmann Hollweg erhielt. Damit die Oef- senüichkeit diesen wichtigen Gedenktag nur ja nicht vergesse, kam Fürst Bülow in eigener Person nach

Bettln Don bet liberalen Presse wird er mtt Jubel begrüßt. ES tft ein unschuldiges und ungefährliche» Vergnügen, da» wir nicht hindern wollen. Wichtiger sind unS die Gedanken und die Stbsichten deS regie­renden Kanzler». Die „Nordd. Allg. Ztg." hat vor einigen Tagen eine Aeußemng getan, in der man wohl eine Andeutung des politischen Programms des Herm d. Bethmann Hollweg crhlüfen darf. Es wurde da mtt Rüchstcht auf die Gefahr des Anwachsens der So­zialdemokratie die Notwendigkeit der Zusammenfas­sung aller positiv schaffenden Kräfte betont. Auch son­stige Anzeichen deuten darauf hin, daß für Herm v. Bechmann Hollweg als wichtigste innerpolitische Auf­gabe die Abwehr deS sozialdemokratischen Vorstoßes bet den nächsten Reichstagswahlen erscheint. Es tft wahrscheinlich, daß die Lösung dieser Aufgabe den Befähigungsnachweis für sein hohes Amt bilben soll. In bet Erkenntnis, daß dies nur möglich sein wirb bei einigem Zusammenstehen der großen bürgerlichen Parteien — zu benen her Freisinn nicht gerechnet wird — im Kampfe gegen die Sozialdemokratie, macht er alle Anstrengungen, die Nationalliberalen aus ihrer Oppositionsstellung herauszulocken. Großen Erfolg hat er bis jetzt damit nicht gehabt.

In Frankreich hatte sich die Kammer wieder einmal mtt einer Heinen Skandalaffäre beschäftigen müssen. Im März 1908 wurde ein Bankier Röchelte verhaftet wegen angeblich betritgerifdjer Spekulationen. Es wird mm behauptet, daß diese Verhaftung unge­setzlich erfolgt, daß der bamalige Minister des Innern, Clemenceau, den Polizeipräfetten Löpine mit der Ver­haftung beauftragt habe und zwar auf den Wunsch und im Jntereffe von Mcinnem, die an dem durch die Verhaftung Rochettes zu erwartenden Kurssturz seiner Untemehmungen finanziell interessiert waren und bann auch wirklich einige Millionen verdient ha­ben sollen. Die Verhandlungen der Kammer endeten mit der Ettellung eines Vettrauensvotums für Briand, der im März 1908 Justizminister gewesen war, und der Einsetzung eines varlamentarischen Untersuchungs- auSschuffeS. Feststellen wird dieser natürlich nichts, da er keine richterlichen Befugnlffe besitzt, kann er die zu oemehmenden Personen nicht einmal zur Aussage zwin­gen. Der Hauptzeuge in der ganzen Angelegenheit, Clemenceau, tft zurzeit nicht einmal zu erreichen, am Vorabende der Kammerverhandlungen hat er sich nach Südamerika eingeschifft, wo er eine Vortragstournee unternehmen will.

In den Verhandlungen zwischen dem Vatikan und der spanischen Regierung ist ein Still­stand eingetreten. Wohin die spanische Regiemng mit der jetzt verfolgten Politik noch kommen wird, davon haben die letzten Cortes-Verhandlungen einen Vor­geschmack gegeben. Vonseiten oer republikanischen Ab­geordneten wurde unter ^Berufung auf den „Märtyrer* Ferrer da» Recht auf die Revolution verkündet Das gegenwärtige liberale Ministerium steht in freundschaft­lichen Beziehungen zu diesen Männem. Es wird nicht lange mehr bauern, bis bie Minister von diesen ihren Freunden geleitet und kommandiert werden. Für das spanische Volk scheint eine trübe Zeit anzubrechen.

Die Kreter haben sich den durch eine kleine Flottendemonstration unterstützten Forderungei der Schutzmächte gefügt und sich entschlossen, die Moham­medaner unvereidigt zur Nationalversammlung znzu- laffen. Damit ist für den Augenblick die Krisis besei­tigt. Es fragt sich nur, auf wie lange. Da die Schutz­mächte sich zu einer endgültigen Regelung der Kreta- frage nicht entschließen können, so kann jeden Augen­blick ein neuer Konflikt eintreten. Die Gefahr eines neuen Konfliktes ist sogar im gegenwärtigen Augen­blicke recht groß. Tie Haltung der türkischeii Regie­rung legt ben Verdacht nahe ,daß sie planmäßig aus einen Krieg mit Griechenland hinarbeitet; Seit Wochen besteht der Boykott der griechischen Waren und Schiff­fahrt nt der Türkei, und ttotz der diplomatischen Be- schwerdm Griechenlands und der entgegenkommenden Zusicherungen der Pforte läßt sich keine Milderung, eher noch eine Verschärfung dieser gefährlichen Bewe­gung erkennen. Als der König der Hellenen in durch-

UnpolMsche Zeitläufe.

(N.) Berlin, 14. Juli 1910.

Nachdruck nicht gestattet.

Soll das so weiter gehen? Jeden Tag einen neuen Absturz? In Frankreich saust eine Fliegerin herunter; in England fällt sich ein Fliegerkünstler zu Tode, der schon zweimal glücklich den Kanal überflogen hatte; in Deutschland stürzt der Lenkballon „Erbslöh" wie ein Stein aus ben Wolken und begräbt bie fünf In­sassen unter sich. Opfer über Opfer fordert her Lust- spott, und es ist noch keine Versöhung der feindlichen Elemente abzusehen. Inzwischen fährt Graf Zeppe­lin nach Spitzbergen, um die neue große Lustreise zur „Eroberung des Nordpols" vorzichereiten. Ob nicht der Nordpol wieder neue Opfer fordern und erhalten nttrd?

Im Teutoburger Walde hatte das starre Sy­stem eine empfindliche Schlappe erlttten; bet Leich­lingen ist jetzt das unstarre System noch viel schlim­mer betroffen worden. Das Zeppelinschiff im Teuto­burger Walde geriet in ein starkes Fallen, aber es kam doch nicht zu einem förmlichen Sturz auS den Wol­ken; das Gerüst und die Gashüllen hatten stand ge­halten, bis die Gondel sich auf eine Baumspitze auf- spießte. Das Luftschiff „Erbslöh"' dagegen stürzte kopfüber ohne allen Halt und jede Bremsung aus der Luft herunter; die Gashüllen scheinen im Vorderteil mit edlem Schlag sowett geplatzt zu fein, daß der Ballon nicht einmal mehr eine Fallschirm-Mittung leisten konnte. Da alle Insassen des Luftschiffes tot sind, ist es sehr schwer, den Hergang der Dinge klar- Wstellen und zu entscheiden, welche Fehler bei der Konstruktion oder bei der Handhabung begangen wor­den sind. Die erste Lehre, die sich aufdrängt, ist die: man muß zu ben Gashüllen einen möglichst festen und zähen Stoff verwenden, der den stacken Wechstt im Nasdmck auszubalten vermag. Im vottiegenden Fall cheint der Gasdruck plötzlich sehr stack gestiegen zu em, als der Ballon aus einer dicken Nebelschicht in ?e sengenden Sonnenstrahlen kam In anderen FA- ®oS^ü®E stark angespannt bei einem jähen uftrieb m höhere und dünnere Luftschichten, wie z. ' t m L 1" aufwärts gerichteten Drehsturm, n dem Ballon „Erbslöh" befanden sich Vorkehmngen tim Ausgleichen des Gasdmcks: außer den üblichen Ventilen noch em sogenanntes Ballonet, ein Luftbe­hälter, der von der ©anbei aus je nach Bedarf auf- jeblafen ober entleert werden sollte. Entweder sind

diese Httssmittel nicht rechtzeitig gebraucht worden, ober sie haben nicht ausgereicht gegenüber der plötz­lichen Anschwellung der Gaswaffen. Es drängt sich ferner der Verdacht auf daß in dem Erbslöhschen Luftschiff die Teilung der Gaswaffen in mehreren, von einander unabhängigen Ballons nicht genügenb durchgeführt war Sonst hätte doch vorerst nut der eine ober andere von den Heinen Teilballons platzen können, und dadurch wäre für die anderen genügend Platz entstanden, so daß der Fall enticeber aufgehal­ten oder doch sehr verlangsamt worden wäre.

Das müssen die Techntter ausforschen. Das Pub­likum kann aus dem neuen Unglück wieder ersehen, daß wir im Punkt der Lustschifsahrt noch in den Ver­suchen stecke«. Es wird getastet und gewagt, probiert und riskiert, aber das Wissen ist noch Stückwerk und da» Können ist noch Glückssache. Der Luftballon ist noch längst nicht znm Veckehrsmtttel reif. Ich halte eS nicht für richtig, daß Erbslöh in seinem Luftschiff, das noch gar nicht ernstlich ausgeprobt war, sofort vier Begleiter mitnahm. Gewiß, wer ein Bahnbrecher im Kampfe um die Herrschaft in der Lust fein will, der muß etwas mehr Wagemut haben, wie wir ge­wöhnliche Pflaster- und Schollentreter Aber zwi­schen Tapfeckett und Verwegenheit ist doch noch ein Unterschied. Die Unglücksfälle, welche Schlag auf Schlag sich einstellen, predigen doch gar zu laut die Notwendigkeit der Voriichl. Jedenfalls ist es nicht notig daß der Ballast bei Probefahrten aus lebendigen Menschen gebildet wird.

sogenannte „höhere Gewalt' wird zvm Sün­denbock gemacht, wenn die allzu kühnen Vorstöße miß- Nngen Im Teutoburger Wald soll der Drehsturm das Unheü Mgerichtet haben; ein Drehsturm ist aber eigentlich nicht so selten. In dem Leicklinger Fall fehlte der Drehsturm und überhaupt jeder stacke Wind. Es gab da weiter nichts, als die Abwechselung von edel und Soimenkchein, die man Wittlich als landes­üblich bezeichnen kann. Wenn ein Ballon einer Por­tion Sonnenstrahlen nicht widerstehen tonn, dann tft etwas faul im Staate bet Lustschissbauer.

Es liegt im Zuge unserer Zeit, daß die Menschhett nicht bloß vorwitzig, sondern auch voreilig ist. Wir wollen durchaus eine TreibhauS-Kultur ha­ben. Wir können nicht watten, bis die Dinge allmäh­lich wachsen und reifen. Wo heute gefäet wird, soll morgen schon geerntet werden. Kaum haben die küh­nen Forsch« ein paar leidliche Flüge durch die Luft gemacht, da gründet man schon Stationen für den regelmäßigen überirdischen Paffagiervettebr. Von

diesem Hang zur Uebetttürzung werden wir wohl, durch Schaden klug gemacht, uns kurieren müssen.

Die Natur hat eine gewisse Aehnlichkeit mit dem alten Laban. Wer dessen Schwiegersohn werden wollte, mußte erst lange, lange dienen Nach sieben Jahren mühsamer Arbeit dachte Jcckob die schöne Rachel heim- sühren zu können; ober er bekam als Abschlagszah­lung nur die häßliche Schwester und mußte um die ersttebte Rachel eine neue Arbeitszeit antreten. Die Natur gibt ihre Geheimnisse auch nur dein preis der in zähem Dienste um sie wirbt, und wenn der Werber glaubt zugreifen zu können, so wird er oft noch mit einer halben und mangelhaften Enthüllung abgespeist, er muß von neuem sich weiter mühen und weiter ringen, bis der bessere Teil des Geheimnisses sich chm entschleiert.

Respekt vor den Naturttäften! Den predigen auch die zahlreichen schweren Unglücksfälle in den Alpen, wo unlängst zwei Gruppen von tüchtigen Bergsteigem einer Lawine zum Opfer gefallen sind. Ebenso das Erdbeben, das neuerdings Sndbayem und Nordtirol heimgesucht hat. Die Erderschütterung war noch nicht schlimm; es war gleichsam ein blinder Schuß zur Warnung. Er bringt uns zum Bewußtsein, daß die unheimlichen Gewalten in bet Erde auch Macht haben über unseren deutschen Boden. Mächte in der Tiefe, Mächte auf dem Meere, Mächte in der Luft! Der Mensch ist ein Bällchen in ihren Händen, und was er schafft, ist ein Spielzeug für dir Riesenkräfte, die unter uns, um uns und über uns ihren Spott nach uner- forschftchen Regeln betreiben. —

Zum Schlüsse muß ich noch ein unpolitisches Er­eignis berühren, das auf einem ganz anderen Blatt steht. In Lichtenrade, einem Dorf in der Nähe von Berlin, erhielt der reichste Bauer des Ortes einen Elpreffungsbrief. Als er ihn unbeachtet ließ, kam ein zweites Schreiben mit noch stärkeren Drohungen. Nun wandte der Mann sich an die Polizei, und auf deren Anraten legte er in die Konservenbüchse, die der Erpresser an der bezeichneten Stelle eines Grabens ausgestellt hatte, ein Antwortschreiben mit der Bitte um etwas Geduld bis zu Anschaffung der verlangten 3000 Matt.. Die Polizei umstellte den Platz und hoffte ben Verbrecher bei der Entleerung der Konser­venbüchse abzufaffen. 8(ber es gelang nicht Nach einigen Tagen sah nun bet Bauer selbst nach, was aus der Büchse und seinem Brief geworden war. Er fand an Stelle der Konservenbüchse ein Kästchen, aus dem ein Bindfaden heraushing. Et zog an dem Bind­faden, eS gab Feuer und Knall, der Mann war im

Gesicht so arg verbrannt, daß matt zuerst für sein Augenlicht fürchtete. Er liegt im Krankenhause, und ben Verbrecher hat man trog der eifrigsten unb um- faffenbsten Nachforschungen bis heute noch nicht ge­faßt. Es wäre dringend zu wünschen, daß er gefaßt und bestraft wird. Denn es besteht die Gefahr, daß der Erpresser Schule macht. Wenn das Schreiben von Drohbriefen und die Fabrikation von Höllen­maschinen schon in die bäuerlichen Kreise hinein sich verbrettet, so ist das ein bedenkliches Zeichen. Für alle Fälle ist es gut, sich über das richtige Vorgehen gegenüber einem solchen Versuche Har zu werden. Der Gutsbesitzer von Lichtenrade hat zwei Fehler gemacht. Er hätte sofort zur Polizei gehen muffen, als et den ersten Drohbrief erhielt, und nachdem er end­lich sich an die Polizei gewandt hatte, durste er nicht für sich allein an den Niederlegungsplatz gehen. Der größte Mißgriff war nun schließlich, daß er an der Strippe zog, die auS dem verdächtigen Kästchen ver­lockend heraushing. Wer in eine ähnliche Sage kommt, möge doS gerade Gegenteil tim. Bei jedem SBerfud), durch Drohungen Geld zu erpressen, möge er aif schriftlichem ober mündlichem Wege erfolgen, übei- winde man die Scheu vor der Oeffentlichkeit un i mache schnurstracks bei der Polizeibehörde Meldung, Damit handelt man nicht bloß zum allgemeinen Besten, sondern auch zu seinem eigenen Besten So ein Er­pressungsversuch ist wie ein Schadenfeuer, das sich im Keim verhältnismäßig leicht ersticken läßt, aber bet jeder Verzögerung an Verderblichkeit schnell zunimmt. Hat man die Sache der Polizei übergeben, so soll man nur tin Einvernehmen mit dem sachver­ständigen Beamten handeln, nicht auf eigene Faust. Das selbständige Vorgehen des ettorenen Opfer» würde dem Verbrecher die Fortsetzung seines Vor­stoßes ober doch das Entwischen aus den Schlingen erleichtern. Wenn der Bedrohte oder dessen Ange­hörige ober Nachbarn usw. auf fremde Kästchen ober Flaschen ober dergleichen stoßen, die vielleicht von dem Erpresser herrühren tönnten, so dürfen sie nut mit größter Vorsicht an dieselben herantreten. Wenn sogar, wie in dem Lichtenrader Falle, ganz bestimmt zu erkennen ist, baß das Ding von dem Verbrecher hetrühtt, so läßt man es am besten unter Bewachung liegen, vis die Polizei herbeigerufen ist. — Je raf­finierter die Verbrecher werden, desto klüger mutz das Publikum werden. Auch die Polizei bedarf einer gesteigerten Klugheit unter den modernen Verhältnis­sen; für Itfren Erziehung hat die Regiemng zu sorgen.