Erstes Blatt
37. Jahrgang
üva 160.
Fulda, Samstag den 16. Juli 1910,
spaitigepetihttleoder bette Hana \5 pfg. Leklamendiepetttzeile pfg-, bei wieder» »Ölungen wird entfpr. Rabatt gewährt.
Rotationsbrudunb Verlag der Luldaer Aktiendruckerei üt Kulda Kernsprecher »r. 9.
tung erhalten.
)( Heber Dr. Feurstein, den Stadtpfarrer von Donaueschingen urteilt die Freiburger Tagespost, fern Vorgehen sei ein Ausfluß nerv ö s er U eb erret- zung; er sei auch eine agitatorische Natur und daraus erkläre sich sein beftemdliches Vorgehen in diesem wie in früheren Fällen. Immerhin muß man es dann aber merkwürdig finden, daß die nervöse Ueberreizung seine agitatorische Natur immer nach einer bestimmten Richtung durchgehen läßt. Das Freiburger Zentrums- blatt betont weiter. Dr. SVeurftetn wolle in dem bereits
Die neue Wahlkreiseinteilung in Hessen.
Darmstadt, 15. Juli 1910. Die Zweite Kammer beriet heute vor vollbesetzten Tribunen die neue Wahlkceiseinteilung Der Gesetzgebungsaus- kchuß hatte sich in seiner Mehrheit auf die Vorschläge der Nationallioeralen und des Bauernbundes sirr Die drei Provinzen des Landes geeinigt, welche von der linksstehenden Preffe und dem nationalliberalen Main- -er Tagblatt in den letzten Wochen als eine einseitige zu Gunstm des Zentmms und der National-
schastskammer zu Hannover, welche diese Klagen der Landwirte vor die Intendantur des 10. Armeekorps brachte, werden in dieser Hinsicht allgemein Maßregeln getroffen werden, die den obigen Wünschen entsprechen. Es wird zugleich dafür gesorgt werden, daß die Gespanne dem engeren Manöverbezirke entnommen werden. Ferner sind „Geländekommissionen" errichtet, die die Gelände für die einzelnen Manöver zu bestimmen haben. Es werden dabei die Landwirte gehört werden, damit eine möglichste Schonung der Gelände eintreten kann und "nur solches Terrain für die Manöver ausgesucht wird, das am wenigsten durch die Hebungen Schaden nimmt.
veutsches Reich.
E Fürst Bülow in Berlin.
Fürst und Fürstin v. Bülow trafen geftem von Wiesbadm kommend in Berlin zu einem auf vier Tage festgesetzten Aufenthalt ein. Von Berlin wird das Fürstenpaar sich nach Norderney begeben, wo es bis zum Spätherbst zu bleiben gedenkt. Gestern nachmittag stattete Reichskanzler v. Bethmann Hollweg dem Fürsten und der Fürstin Bülow in besten Hotel einen Besuch ab.
Es entspricht ganz der bewährten JnszenierungS- kunst des Mannes, der so lange Jahre hindurch die Politik für seinen persönlichen Ehrgeiz zu benutzen verstand, daß er gerade jetzt, wo sich sein Rücktritt zum erstenmale jährt, ein Wiedersehen mit seinem früheren Gehilfen und jetzigen Nachfolger herbeiführt: Run muß ja der einfältigste Kopf dazu veranlaßt werden, die beabsichtigten Vergleiche zwischen damals und jetzt anzustellen. DaS jedenfalls ist ja richtig, daß der Liberalismus lange nicht mehr eine so schöne Zeit gehabt hat wie unter der Herrschaft des Blockkanzlers, der noch einmal es gewagt hatte, gegen Rom den Kampf zu führen. Und auch das ich richtig, daß heute die politischen Verhältniste in gewißer Beziehung schwieriger sind als sie zu der Zeit waren, wo Herr v. Bethmann Hollweg sein Amt antrat. Wenn Herr v. Bethmann Hollweg sich verteidigen wollte, so würde et aber mit Recht darauf Hinweisen können, daß gerade die Leute die Hauptschuld an diesen Schwierigkeiten tragen, die sie ihm zum Vorwurf machen wollen.
»-scheint »glich M Ausnahme der $o,nt= und Leiertage. Vierteljährlicher Vezugspreir ohne Sringerlohn und vefteLgeld in Lulda sowie anrwärtrlLoMl.
Kriegsgefahr bilden. Die Zeit ist noch nicht reif fär em solches Abkommen.
erwähnten Artikel den Kard malstaats sekretär für die Enzyklika verantwortlich machen. Das gehe natürlich nicht an, well das Rundschreiben eine rein religiöse Sache ist. Die Angriffe Dr. Feursteins treffen das Oberhaupt der Christenheit in eigener Person. Man dürfe wohl von jedem katholischen Geistlichen ebenso viel Korpsgeist erwarten, wie von einem Offizier oder Staatsbeamten. Wenn Feurstein Merrh del Val lächerlich zu machen suche mit der Bemerkung „Diese spanischen Monsignori, die wie mir gesagt wird, im Sportskostüm Tennis spielen und ihrem Heimatland« Generaldispens vom Fastengebot erwirken, täten besser, mit der Strenge bei sich selbst zu beginnen", so fehlen für seine Behauptung jegliche Beweise. „Wie mir gesagt wird", ist kein Beweis, sondern eine Redensart, ist, wie man im gewöhnlichen Leben sagt — Klaffch. Die Behauptung bezüglich der Erwirkung von Generaldispens vom Fastengebot ist unrichtig. In keinem katholischen Lande der Welt ist das Fastengebot heute noch so streng und wird noch so befolgt, wie gerade in Spanien.
* Gustav Adolf-Verein und Schule. Von der Hauptversammlung des schlesischen HauptvereinS der Gustav Adolf-Stiftung, die am 28. Juni in Grünberg begann, sagt der,Reichsbote in seinem Berichte:
„Den Zug eröffneten, hinter der Kapelle schreitend, die Schülerinnen und Schüler der ersten Klaffen der hiesigen Gemeindeschulen. Dann folgten die Schülerinnen der höheren Mädchenschule, die Schüler der Prima und Sekunda des Realgymnasiums .... Die städtischen Schulkinder hatten zwei Altarleuchter und einen Kelch gestiftet. Rektor Junge übergab namenS der Lehrerschaft 62 Marl für eine Schule in der österreichischen Diaspora. Die höhere Mädchenschule stiftete 25 Mark."
* Deutschland und der englische Flottenbau.
Das brftische Unterhaus hat sich, wie telegraphisch gemeldet, am Donnerstag abermals mit dem Flottenbau beschäftigt und das Geld zu vier weiteten Dreadnoughts bewilligt. Dabei haben die deutschen Dreadnoughts wieder eine große Rolle gespielt.
Die Rede, die der englische Premierminister Asquith über die englische und die deutsche Flotten- Politik gehalten hat, äußert sich viel ruhiger und freundlicher über die deutsche Flottenpolitik als die vorjährigen Reden. Er sprach von der „befreundeten deutschen Nation", bestritt den feindseligen oder aggressiven Charakter der Flottenbauten und versicherte „mit vollkommenster Aufrichtigkeit, daß unsere Beziehungen zu Deutschland den herzlichsten Charakter getragen haben und noch tragen." Ja, Herr Asquith bereitet uns sogar die angenehme Überraschung, daß er eine ganz korrekte und überaus klare Begründung des deutschen Flottenbaues vortrug.
„Deutschland", sagt er, hat seine eigene Politik zu verfolgen. Es ist eine große Weltmacht, hat weit- tntfernte Kolonien und sendet unablässig seine Söhne und Töchter in die fernsten Weltteile. Sein Handel wächst überall. Die deutschen Staatsmänner glauben ehrlich und haben ein Recht zu glauben, daß sie ihre Stellung als große Weltmacht nicht behaupten und ihre vielfachen und beständig wachsenden Interessen in 'allen Weltteilen nicht ohne Vergößerung ihre Flotten- macht verteidigen können."
v Bravo 1 Sehr richtig I Weil Herr Asquith so -vorzüglich den deutschen Standpunkt vertritt, wollen wir die Frage unterdrücken, warum er nicht schon 'im vorigen Jahre, vor den englischen Parlaments- wählen, ebenso sachlich und freundlich gesprochen hat.
* Berlin, 15. Juki 1910. Unter dem Vor' sitz des Reichskanzlers von Bethmann-Hollweg der aus Hohen-Finow nach Berlin zurückgekehrt war, fand Freitag vormittag eine Sitzung des preußischen Staatsministeriums statt. — Der Kaiser, der noch in Balholmen weilt, besichtigte heute das Schulschiff „Hansa" und unternahm eine Fahrt auf dem „Sleipner". Morgen geht die „Hohenzollern" in See nach Olde. — Der neue chinesische Gesandte in Berlin, Liang-Cheng, ist hier eingetroffen.
*♦ Die Zentrumspolitik im 5iciry»iuy<.. - rvte r>. , Uebersicht über die Tätigkeit der Zentrumsfraktton tm Reichstage ist soeben erschienen: Abg Erzberger tft ihr Verfasser (Verlag der .Germama', Berlm C 2, Preis broschiert 2.50 Mk., in Partim billiger). Die Erzberger'schen Uebersichten über die Zentrums- Politik im Reichstage sind, wie zahlreiche Anfragen aus dem ständigen Abnehmerkreise, von Abgeord- neten, hervorragenden Volksrednern und führenden Politikern beweisen, ein Bedürfnis für die Zentrumspartei geworden. Der soeben erschienene neue Band gibt uns einen klaren Ueberbttck über d,e Reichstagsverhandlungen des letzten Wmters und zeigt besonders die Tättgkeit der Zentrumsfraktlon. Bei den heute schon notwendig werdenden Vorbereitungen für die nächsten Reichstagswahlen wird gerade der neueste Band wertvolle Dienste leisten. Das Werk schließt sich tm übrigen den früheren Bänden an. Es wird allen Politikern willkommen sein und bietet Versammlungsleitern, Rednern und Vertrauensmännern, wie aber auch allen Anhängern des Zentrums eine Menge von Material. Die Stoffmnteilung ist dieselbe wie in früheren Jahren, erleichtert daher das Nachschlagen sehr. Was dem Buche eine besondere Bedeutung für alle Politiker gibt, das sind zunächst die einleitenden Kapitel über die Stellmrg der Parteien und die Abhandlungen über die Kolonialpolitik; auch der Abschnitt über die Reichsfinanzen bietet viel Material. So können wir dem neuesten Bande die weiteste Verbreitung wünschen; für jeden, der die polittschen Vorgänge aufmerksam verfolgen will, ist dieses Werk unentbehrlich geworden.
a. Der Abschnitt „Privatklage und Nebenklage" der Strafprozeßerdnung stand in der Freitagssitzung der Strafprozeßkommisston zur Beratung. Die Kommission nahm die Bestim- mungen des Entwurfes an, die bei sog. schweren Körperverletzungen, bei Verletzung fremder Geheimnisse, bei allen Verletzungen des literarischen, künstlerischen und gewerblichen Urheberrechts die Privatklage für zulässig erklärt. Gemäß einem Antrag aus der Kommission heraus wurde auch Minderjährigen das Recht der Privatklage eingeräumt, wenn sie das 18. Lebensjahr vollendet haben. Die Frist für Erhebung der Privatklage wurde auf drei Monate ausgedehnt. Abgelehnt wurde dagegen ein Antrag, der neben den Verteidigern als Vertreter des Privatklägers andere Personen, Organisationsbeamte, z. B. Arbriter- sekretäre zulaffen wollte.
❖ Für die diesjährigen Manöver sind mehrere Bestimmungen getroffen worden, die im Interesse der Landwirtschaft und den Schutz der Aecker sowie die Schonung der Ackerpferde betreffen. Besonders häufig waren die Klagen, die von der Landbevölkerung über die Anforderungen an die Ackerpferde laut wurden. Es handelte sich stets dämm, daß zu den Ma- 1 növerfuhren die Pferde der Landwirte zu stark in Anspmch genommen worben waren. Dir : Entschädigung, die den Landwirten gezahlt wurde, ' war sehr gering, da sie sich nach der Anzahl der Tage richtete, an denen die Pferde im Manöver ' beschäftigt waren. Die Forderung der Land- ! wirte geht aber dahin, daß dte Entschädigungen . nach der Anzahl der von den Gespannen zurück- ; gelegten Kilometer bemessen werden, da nur auf t diese Weise ein gerechter Ausgleich geschaffen ; wird. Anläßlich einer Eingabe der Landwirt.
Nun hat aber Herr Asquith an den schönen Anfang seiner Rede eine Fortsetzung geknüpft, die i 'uns nachdenklich und vorsichtig machen muß. Er - kommt auf die vorjährige Behauptung zurück, daß Deutschland eine Beschleunigung seines Flotteu- 'baues über das gesetzlich vorgesehene Maß hinaus ; betrieben habe. Und er hält nicht nur ferne damalige ■ iBehauptung aufrecht, sondern fügt mit erstaunlicher Kühnheit hinzu, die fragliche Beschleunigung fei i svon niemanden bestritten worden, sicherlich nicht von 1 ider deutschen Regierung. Das ist doch geradezu faktenwidrig. Der Staatssekretär unseres Reichs- ■ ^marineamts hat Ende März 1909 in öfferttlicher Reichstagssitzung die Behauptung der englischen Regierung widerlegt. Es handelt sich um zwei Schiffsbauten, die im Etat für 1909 bewilligt werden sollen. Vor dem 1. April 1909 war kern Groschen für diese Schiffe ausgegeben, nicht einmal ein Kontrakt über den Bau abgeschloffen worden. Die Regiemng hatte nur zwei Privatwerften, die sich nach der künftigen Beschäftigung umsahen, bte Zusicherung gegeben, daß ihnen nach der etats- mäßigen Bewilligung je em Schiff m Auftrag gegeben werden soll. Von diesem Versprechen hat man vermutlich in London etwas gehört und daraus« 'hin sich die „hinterlistige Beschleunigung" zusammen- phantasiert. Durch die betreffende Zusicherung wurde aber tatsächlich keinerlei Beschleunigung er- strebt oder erziell, da die LieserungSfrfft auf dir normale Zeit von 36 Monaten, vom 1. April 1909 gerechnet, vereinbart wurde.
Angesichts der halbamtlichen und amtlichen Auf- klärungen, die den englischen Verdacht der Beschleunigung vollständig entkräfteten, ist es geradezu un- begreiflich, wie der Londoner Premierminister heute noch öffentlich und amtlich erklären kann, ferner Be- hauptung sei nicht widersprochen worden.
' Ferner ist es rätselhaft, wie Herr Asqm h noch weiter behaupten kann, in Deutschland fei bte Bauzeit für die großen Schiffe auf 26 bis 33 Monate herabgesetzt, und Deutschland werde im Früh ahr 1912 bereits 13 Dreadnoughts, tm FrÄhiahr 1913, vielleicht schon Ende 1912 bereits 17 Dreadnoughts haben. Die von der deutsche» Regierung klargestellte Wahrheit ist, daß die Bauzeit 36 bis 40 Monate dauert und die erwähnte Schiffszahl nicht früher als tm Derbst 1912 und 1913 erreicht werden soll Und kann.
; Man sieht, die englische Regierung hält mit unüberwindlicher Zähigkeit an den übertriebenen Ansichten von den deutschen Flottenbauten fest. Die öffentliche Meinung in England tut das natürlich ferft recht. Solche Irrtümer brauchte man an sich nicht tragisch zu nehmen; aber die Sache ist von aanz hervorragender Bedeutung für die Frage, ob -ein Abkommen über die beiderseitige Flottenstärke möglich und heilsam wäre. Herr Asquith hat in seiner Rede auch diese Frage wieder berührt, und zwar in dem Sinne, daß die englische Regierung die Verständigung über die Venrngerung der Schiffsbauten angestrebt habe, während die deutsche Regierung aus Rücksicht auf das Flotten- 'gesetz und die öffentliche Meinung sich ablehnend
< Die Sachlage ist so: England hat zurzeit Rechtstitel zur Kontrolle der deutschen Schiffsbauten. fEs überwacht aber mit Argusaugen alles, was au den deutschen Werften vorgeht. Es legt den harmlosesten Dingen eine überraschend große Bedeutung 'bet. Wenn es sich in den Verdacht hineingearbeitet Hai, daß Deutschland ein Schiff etwas früher vergebe oder die Bauperiode abkürze, so läßt es sia durch die bündigsten amtlichen Versicherungen nicht beruhigen. Die Tendenz, Deutschlands Seestarke zu übertreiben, beherrscht die liberale Regierung und die konservative Partei. Die Presse tut noch ein klebriges, indem sie beunruhigende Märchen veröffentlicht, wie z. B. neuerdings die Schwindel- Nachricht von einer heimlich erbauten Untersee- flotte.
p Wie sollte das nun werden, wenn ein Abkommen getroffen würde, das den Engländern ein Recht gäbe, die deuffchen Rüstungen zu kontrollieren? Aa würden ja solche beunruhigenden Fabeln die Volksleidenschaften entfesseln, und MeinungS- jvsrschiedenheilen, wie sie jetzt zwischen den Herren 'Asquith und Tirpitz schweben, würben dann eine
♦ Hebet den Erbprinzen Hohenlohe fällen die,Leitfragen", eine Wochenbeilage der ,Deut- i scheu Tageszeitung' in ihrer Nummer 28 vom i 15. Juli folgendes Urteil:
„Da gemeldet wird, daß der Erbprinz befchlossen habe, sich vollständig aus dem politischen Leben zurück- zuziehen und seine Berliner Wohnung bereits gekündigt habe, so wird man naturgemäß geneigt sein, seinen Entschluß in Verbindung mit den Enttäuschungen zu bringen, die ihm an der für ihn entscheidenden Stelle erwachsen sind. Daß diese Stelle nicht der Reichstag ist, und daß das ganze Reichstaasmandat für den Prinzen lediglich ein Dekorationsstück bildete, wird ernsthaften Männern nicht erst versichert zu werden brauchen. Der zurückgetretene Ehrgeiz des „Prinzen Erni", wie die liberale Preffe ihn kosend zu nennen pflegt, hat die Oeffentlichkeit ja bereits öfter beschäftigt, und es mag ihm recht schmerzlich gewesen sein, daß gerade dasselbe ,Berliner Tageblatt', das seinen Schritt in biefetn Augenblicke als eine Tat feierte, an das Kaiserwort erinnerte: „Erni erziehen wir uns zum Reichskanzler!" Wir wissen nicht, ob dieses Kaiserwort gefallen ist. Sollte es aber gefallen fein, so würde der Rücktritt deS Erbprinzen als Anzeichen seines politischen Schmollens eine ähnliche Bedeutung haben, wie der endgültige Verzicht des Herrn Basfermann auf ein Reichstagsmandat. Denn sicherlich hat er seine Befähigung als kommender Mann weder in diesen Tagen er- bracht, noch damals, als er die Leitung der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes übernahm. Hätte er auch nur einen Schatten der Tatkraft besessen, die zur Leitung unserer auswärtigen Politik die unerläßliche Voraussetzung bildet, so hätte ihm keine willkommenere Aufgabe zufallen können, als die Reform des Kolonialamtes bei seinem damaligen Tiefstände. Was hat er statt dessen geleistet? Er legte die
7 * und wartete zunächst ab, daß man ihm ohne fetn _ m»;».sfgtnnialamt
und die Staatssekretärstelle zurecht koüsiMMomaiami als das allermindeste betrachtete, was em Mann vJ.. seiner hohen Geburt zu fordern berechtigt Jet Gewiß find wir die allerletzten, die Natürlichkeit solcher Forderung zu verkennen, sofern die nötigen Fähigkeiten und t er dringend nötige Wille zur Arbeit dahinterstehen. Aber hieran ließ der Prm, es leider durchaus fehlen! Zugleich bekundete er sein ungewöhnliches taktisches Ungeschick dadurch, daß er dem damals doch zweifellos sehr einflußreichen Zentrum gegenüber feinen „protestantischen" Standpunkt meiner Ueberzeugung betonte, die man doch wohl als Kmtur- kämpferei bezeichnen durfte — wie er ja auch letzt bte Hofftlung aus die Statthalterschaft der Reichslande mit dem sonderbaren Hinweise auf die Borromäus- Enzyklika vereinigen zu können glaubt! Wrr hoffen der Zustimmung breitester Kreffe sicher zu fern, roenn wir für diesen geschichtlich wohl emzig dastehenden Nachweis mangelnder Befähigung nur die Erklärung haben: „Die Edlen drückt nicht gleiche Not mit uns . Nur ein ungewöhnliches Maß von Weltfremdheit ober eine ungewöhnliche U eberschätzung des aus hoher Geburt sich ergebenden Anspruches auf politische Bedeutung kann uns den Schlüssel zu den Tatsachen geben, die hinter dem Entschlüsse dieses jungften Hodenlohe stehen, der sich nur durch das „fympalhische Aeußere" von dem unsympathischen Onkel Chlodwig unterscheidet, dessen „Denkwürdigkeiten" in dieser Stunde Zug um Zug sich uns vor Augen drangen.
0 Die badischen sozialdemokratischen Budgetbe- williger sind reif für den nächsten Parteitag! „Erst die Zustimmung zu dem Glückwunschtelegramm am Geburtstage des Großherzogs, dann die Bewilligung des Gesamtetats — nun wollen sie noch einen weiteren Hochverrat verüben. Es verlautet, daß die Fraktion sich bei der heute statfindeiiden feierlichen Schließung der Kammer an dem Hoch auf den Großherzog be- teiligm werde. Der Schrecken über biefen gräßlichen Frevel ist dem „Vorwärts" derart in die Knochen gefahren, daß er nur seinem tiefen Schmerze Ausdruck zu geben vermag und die ihm sonst so geläufige starke Sprache anscheinend ganz verloren hat. Das Berliner Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei stellt fest, daß die Entschließung der badischen Genoffen bei der Masse der Patteigenossen peinlichste Ueberraschung und lebhaftestes Bedauern wecken müsse, es sei die außerordeiitlich bedenkliche unb ernste Tatsache zu konstatieren, daß die sozialdemokratische Fraktion eines Landtages die Beschlüsse des deuffchen Parteitages für sich als nicht bindend ansehe, zum erstenmale in der Geschichte der Partei sei eine so offene Nichtachtung von Patteitagsbeschlüssen zu verzeichnen Dann hat der „Vorwärts" ganz zweifellos recht, und wenn er fordett, daß die Angelegenheit vor das Fo- -um des bald stattftndenden Parteitages gebracht werde, so wird in der Tat der Patteitag sich einer Stellungnahme in der Sache nicht enthalten können. Die Erörterung wird dann aber ganz naturgemäß auch eine weitere sehr wichtige Frage berühren müssen, nämlich die Frage der sogenannten G r o ß b l o ck- : Politik, als deren Konsequenz die Budgetbewilligung durch die badischen Genossen anzusehen ift. Da- - mit dürfte der diesjährige sozialdemokratische Patter- ; tag eine ganz außerordentlich große polstische Bedeu-
Soviel wir aus unserer Gynmasialzeit roiflen, schreibt die Köln. Volksztg/, waren Kdllekten für katholische Vereine verboten! auch dursten die Schüler nicht an solchen Vereinsfeierlichketten teilnehmen; Ausfall des Unterrichts wäre ganz undenkbar gewesen. In höherem Grabe galt und gilt das für die Elementarschulen. Es kommt hinzu, daß der Gustav Adolf-Verein nach v. Kriegen (in seiner Festschrift zum 50jährigen Jublläum) auch in solchen, Kreisen, wo sonst kein Jntereffe für kirchliche Liebeswerke zu finden in Gunst steht, „weil man in seiner Wirksamkeit einen Angriff auf die römische Kirche, ein Stück Kulturkampf sieht". Entweder hier ein entschiedenes Verbot oder allgemeine Duldung, auch bei Sammlungen für katholische Anliegen bei Schulen und Beteiligung der katholischen Kinder bei ähnlichen Festen. Das verlangt die Parität.
Geheimrat Elsenhuth^der Vorsteher der hessischen Schulabteilung im Ministerium des Innern, der feit langer Zett an einem schweren Leiden dahinsiechte, s ist gestern abend gestorben. Wie nachträglich be-, kannt wird, hat der Verstorbene seinem Leben in einem Anfall von Schwermut durch Oeffnung der Pulsadern freiwillig ein Ende bereitet. Mit ihm ist ein Mann aus der staatlichen Vermattung Hessens geschieden, der sich infolge feiner fttengen Unparteilichkeit und feines persönlichen Entgegenkommens bei allen bürgerlichen Parteien des Landes der größten Wertschätzung erfreute. Den Katholiken des Landes suchte er innerhalb feines Refforts nach Kräften Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, soweit die hessische Schulgesetzgebung dies zuläßt. Die Art eines Hinscheibens, die auf geistige Umnachtung jurückzuführen ist, begegnet im Heffenlande allgemeiner Teilnahme. _
= Stuttgart, 15. Juli 1910. Schwere Sorge macht der liberalen und demokratischen Preffe Württembergs die „tote Hand". Nach den Zusammmstellungen des P. Krose im Kirchlichen Jahrbuch zählt Württemberg 2273 Ordensleute. Im Anschluß daran berechnen sie dann, daß auf 740 Katholiken ein Ordensmann komme. „Der Betrag, der alljährlich aus dem würitembergifchen katholischen Volksteile", heißt es dann weiter, „zur Unterhaltung der Ordensleute übergeht, beträgt über zwei Millionen Mark." Die Rech- nung hat einen Fehler: Ordensmänner gibt es im Königreich Württemberg gar nicht, da man vor Männerklöstern in unseren liberalen Kreisen eine arge Scheu hat, es gibt nur Ordens» frauen, diese widmen sich dem höheren Mädchen- schulwesen oder unterhalten Handarbeitsschulen, verpflegen in Krankenhäusern Kranke aller Konfessionen ober widmen sich der Erziehung von krüppelhaften, blinden, taubstummen Kindern, Epileptikern, Idioten und Fürsorgezöglingen, verdienen also ihren Unterhalt in ehrlicher, schwerer Arbeit, die wahrscheinlich keiner der liberalen Helden mit ihnen teilen möchte und die, wenn sie von anderen geleistet würde, den katholischen Volksteil und das Land Württem- berg jedenfalls viel teurer zu stehen käme als jetzt. Die Hetze ist also durchaus verfehlt. Das katholische Volk unb daS Laub Württemberg kann sich nur freuen, baß bte Ordensfrauen gegen geringe Vergütung diese schweren Arbeiten auf sich nehmen.
y München, 15. Juli 1910 Der bayerische Lau- : deseisenbahnrat beschloß die Er h o h u n g der E t s en- : bahntarife, da die geplante Emkommensteuerer- ! Höhung zu scheitern droht. Die Fahrpreffe 3. Klasse ‘ der Personenzüge sollen für die Entfernung bis zu 25 ‘ Km. durchweg um 5 Pfg. erhöht werden.
Ktloaer W Zeitung
jgÄsl wochenbeiiage: .Illustrierte Sonntagrzettlmg" Monatrbeilage: „Zuldaer Seschlchtrblätter"