M 159.
Freitag den 15. 3uli 1910.
57. Jahrgang.
* fuldaer W Leitung *
2. Blatt.
vmst und Verlag der Zuldaer AetlendruLerel in Zulda.
p. Und Häckel sprach.
Die Ironie des Zufalls ließ unlängst einen glücklichen Photographen das Bildnis Emst Häckels und das des Pfarrers der kathol. Gemeinde von Jena auf einer Platte festbalten. Es war bei einer Besichtigung der Hayenceckschen indischen Volkerschau-fned- lich stehen die Vertreter zweier sich bekämpfenden Weltanschauungen nebeneinander. Fast als wollte Säckel nicht den Verdacht austommen lasten, als wenn ein Friede zwischen seiner Anschauung und der christlichen möglich wäre, nahm er anläßlich der sonnen- wendfeier des deutschen Monistenbundes Ortsgruppe Jena, kurz darauf die Gelegenheit wahr in einer östentlichen Rede die feindliche Stellung beider Anschauungen darzulegen. Da Hackel nur sehr selten redet und in letzter Zeit nichts veröffentlicht hat, ist diese Rede um so bemeckenswerter.
Seine Worte klingen wie schmerzliche Rengnation; er weiß von keinen großen Fortschritten des Monistenbundes zu berichten, besten Gründung durch das Erscheinen des Buches „Die Welträtsel" hervorgerufen wurde, dafür ergeht er sich in schmähenden Ausfällen auf feine Gegner. Anmaßend erscheint die Erklärung des Zoologen Häckel, daß die meisten „wirklichen ehrlichen Naturforscher" seine Anschauungen teilten, und daß diejenigen, die noch Dualisten wären, Furcht hätten anzustoßen oder mit der alten Tradition zu brechen und deshalb seinen Anschauungen sich nicht an- schlösten- und dies um so weniger, „als das freie Bekenntnis der Ueberzeugung und der Fortschritt des freien Gedankens und der einheitlichen Naturerkenntnis durch die einflußreiche Person unseres vielbewunderten Kaisers, der spezifisch dogmatisch wäre, Nachteile erleidet" Wie niedrig muß doch Häckel die deutsche Naturwissenschaft und Philosophie, die auf einem anderen Boden wie dem seinen aufgebaut sind, einschätzen. Man unterdrückt feine innere Ueberzeugung mit Rücksicht auf den Landesherrn; nicht der Wahrheit dient die außerhäckelsche Wissenschaft, sie sucht nur zu gefallen! Ist je ein schwererer Vorwurf gegen die deutsche Wissenschaft erhoben worden?
Von dem eifrigsten Gegner des Monistenbundes, dem Keplerbunde, muß Häckel gestehen, daß er seit seine erst dreijährigen Bestehen nicht nur in weiten Kreisen der Gebildeten, sondem auch unter den christlichen Naturforschern zahlreiche Anhänger gefunden hat, darunter einige namhafte Universitätsprofessoren, was ihm um so schmerzlicher erscheint, als gerade so wenig Naturforscher dem Monistenbund angehören. Dieser Keplerbund hat es ihm angetan. Sein Ziel, „die Naturwissenschaft christlich zu orientieren", bezeichnet er als jesuitische, irreführende Kun st kniffe; er spricht von Verlogenheit dieser ganzen Gesellschaft. Der Keplerbund muß ihn doch mit Aufdeckung der Fälschungen der schematischen Embrhonalabbildungen durch Dr. Braß an einer sehr empfindlichen Stelle getroffen haben.
Mit den gleichen „ehrenvollen" Benennungen will er die „katholischen Naturwisfenschaft- l e r", an ihrer Spitze P. Wasmann, charakterisieren; er nennt sie unehrlich und falsch, ohne auch nur den Versuch zu machen, seine Aussage zu begründen. Ueberhaupt muß Häckel sich eine merkwürdige Vorstellung von der in kathol. Kreisen gepflegten Naturwissenschaft gemacht haben. Nach dem stenographischen Bericht des „Jenaer Volksblattes" sagte er:
Es gibt jetzt eine ganze Reihe katholischer naturphilosophischer Verbindungen, die man passend unter dem Namen desThomasbundeS zusammenfassen kann. (Meint H. die betr. Sektionen der Görresgesellschaft? Der Verf.) Denn der hl. Thomas von Aquino ist der Schutzheilige dieses Jesuitenbundes (.'). Aber geradeso unehrlich und sassch ist der protestantische Jes nitenbund, der mit Unrecht den Namen Keplers trägt.
Wunderliche Blüte von Profestorenlogik! Das nennt man dann „voraussehungslos"! Mit dem Monismus geht es abwärts, und solche Reden halten das Ende nicht auf. Mag man in Thüringen auch damit beginnen, wie aus den Verhandlungen einer am 2. und 3. Juli in Gera abgehaltenen Monistenzusammenkunst zu ersehen ist, dem Monismus neue Anhänger zuzuführen durch Gründung von Ortsgruppen und Beschaffung von gemeinsamen Sprechern fiir Sonn- tagsfeiern und für Sterbe-, Hochzeirs- und Geburtsfälle und von gemeinsamen Lehrem für die monistische sittliche und religiöse Erziehung der Schulkinder von Monisten (sehr merkwürdig!), alle diese Bestrebungen werden ohne den gewünschten Erfolg bleibe>i.
Deutsches Reich.
* Ueber den Ministerwechsel hat stch kürz, lich der Reichstagsabgeordnete Fürst Salm- Reifferscheidt in einer Zentrumsversammlung in Düren-Jülich ausführlich ausgelassen.
Er erklärte nach der „Köln. Volksztg.', daß ihm das Schweigen des jetzigen Reichskanzlers unbedingt lieber sei, als die kunstvolle Dialektik seines Vorgänger?. Diese Kunst des großen Menschenfängers sei heute brotlos geworden. Exzellenz von Schorlemer,der jetzige Landwirtschaftsmtnifter, ist ein Mann von hervorragender Arbeitskraft und Begabung und liebt seine Rheinprovinz aus ganzem Herzen. Daß er ein gläubiger Katholik und trotzdem ein Gegner des Zentrums war, möge gewissen Leuten ein vielleicht lästiger Beweis gegen die Behauptung fein, das Zentrum sei eine konfessionelle Partei. Hoffen wir, daß er die (gegen das Zentrum gerichtete) Deutsche Vereinigung mit nach Berlin nimmt — es dürfte ein Kupee erster Klasse annähernd genügen — und aus der Entfernung ruhiger über einzelne Fälle persönlicher Verärgerung urteilt, die vielleicht manchmal den Sohn des großen Zenttnmfführers und Bauernkönigs beeinflußt haben mögen, ©ine? ist gewiß: seine hervorragende Kenntnis der Landwirtschaft und seine guten Beziehungen zur Großindustrie sichern der Rheinprovinz in ihm einen Anwalt in der Regierung. Daß in die Regierung keine ausgesprochenen Führer des linken Großblocks berufen wurden, mag ein Zeichen fein, daß vor den Neuwahlen jene Elemente gesammelt werden sollen, welche allein befähigt sind, dem Baterlande eine dauernde Arbeitsmajorität in den Parlamenten zu schaffen. Wir sehnen uns gar nicht danach, ans parteipolitilchem Egoismus dauernd das Zünglein an ber Wage zu sein und uns den Anschein einer Machtstellung zu geben, die nur wieder Grund zu Eifersucht wäre und jede gedeihliche Arbeit verhindern würde. Wir wollen auch keine Regierungspartei werden und schließen keinen Bund weder nach rechts und schon gar nicht nach links.
X Die bevorstehende Veränderung der Preußischen Klaffenlotterie. Durch das Eintreten Elsaß-Lothringens in die Preußische Lotteriegemeinschaft ist wiederum eine Vermehrung der Lose notwendig geworden, um so mehr, als ohnehin die bisherige Anzahl der Lose der gesteigerten Nachfrage kaum mehr entsprach. Es werden in Zukunft im ganzen 380000 Lose vorhanden sein, also 40 000 mehr als bisher. Durch diese große Vermehrung der Lose entsteht nun für die Lotterieverwaltung und das ganze Lottcriewesen die Schwierigkeit, daß, wenn das bisherige Ziehungs- system beibehalten würde, die Ziehung der fünften Klaffe, die bekanntlich schon heute vier Wochen in Anspruch nimmt, noch erheblich länger dauern müßte. Um dieser Schwierigkeit zu begegnen, sollen die gesamten 380 000 Lose in zwei Serien geteilt werden, deren jede gleichlautend die Nummern 1 bis 190 000 enthält. Für die Ziehungen hat die Verwaltung also in Zukunft nur mit 190000 statt bisher 340 000 Nummern zu rechnen, und dadurch wird es möglich, es für die ersten vier Klaffen bei zwei Ziehungstagen wie bisher zu belaffen, während die Ziehung der fünften Klaffe in 21 Tageu erledigt werden kann. Die Gewinnziehungen erfolgen für beide Serien gemeinsam, so daß, wenn z. B. die Nr. 7503 gezogen wird, diese Nummer in beiden Serien gewinnt. Die notwendige Folge davon ist, daß in Zukunft auch zwei Prämien zu 300000 Mark und zwei Hauptgewinne von 500000 Mark erscheinen werden, röte denn überhaupt alle Gewinne in zweifacher Anzahl vorhanden fein müssen. Die Gewinnaussichtcn werden sich also in Zukunft erheblich verbessern. Die neuen 40 000 Lose werden nur in */i», 1ia«, Vv und ^ »-Abschnitten ausgegeben werden, so daß also keilte 1/io«8ofe mehr herau-kommen.
Aus dem Nachdargebiete.
* Münzenberg (Oberhessen), 14. Juli 1910 Ter nach Unterschlagung von 15 000 Mark ms dem Hospitalsonds geflüchtete Bürgermeister Metzlar befand sich schott feit einiger Zeit in schlechten finanziellen Verhältnissen. Seine Familie ist erst in den letzten Tagen von hier fort und befindet sich bei Verwandten in der Provinz Hessen-Nassau. Dte unterschlagene Summe besteht aus Werlpapieren und Kupons. In einem Raum der hiesigen Kirche werden diese Wertpapiere aufbewahrt und befinden sich unter doppeltem Verschluß Der Defraudant muß ganz raffiniert vorgegangen fein, um den Kontrolleur zu täuschen. Der Hospitalsonds ist eine sehr alte Stiftung, deren Zinsen für hiesige DrtSamie und Kranke verwandt werden. Beispielsweise sst für den hier an
sässigen Arzt mts diesem Fonds ein Fixum von jährlich 1200 Mark ausgeworfen für die Behandlung der Hospitalanten. Außerdem hat der Arzt freie Wohnung in dem dem Fonds gehörigen Hause. Der Es- fettenbestand des Hospitalsonds beläuft sich auf ungefähr 150000 Mark. Ob sonstige Unregelmäßigkeiten ober Unterschlagungen im Amte noch vorltegen, mutz die eingeleitete Untersuchung erst feststellen
* Marburg, 14. Juli 1910. Infolge des stetigen Anwachsens der Mitgliederzahl des kurheffischen Vereins für Luftschiffahrt ist es möglich, noch im ersten Jahre des Bestehens eine ausgeloste SaIkon- fahrt zu unternehmen Die Auslosung der Passagiere soll in den nächsten Wochen stattfinden, so daß noch in diesem Monat der Aufftieg ausgeführt werden kann. „ , m
* Kassel, 14. Juli 1910. Zu unserer Notiz in Nummer 157 Über den Bestich des Meißner durch Mitglieder des großen General st abes schreibt uns ein Kenner der deutschen Mittelgebirge: Der Verfasser hat dem Meißner, dem „Kö- rig der hessischen Berge", etwas zu viel Höhe gegeben. Wir dürfen die Rhönberge dock, wohl zu Mitteldeutschland rechnen; dann kommt nach den: Brocken 1142 Meter die Wasserkuppe 950 Meter, Kreuzberg 932, Schwabenhimmel 927 erst der Jnselsbecg mit 915, der Meißner mit 750 Meter aber viel später. Frankenheim mit 759 Meter liegt schon höher. Ter Ellenbogen hat sogar 814 Meter Der Meißner ist daher nicht der dritthöchste Berg in Mittel- und Norddeutschland, sondern vielte ich t der vierzehnte
* Bad Nauheim, 12. Juli 1910. Zu den Nachrichten von der geplanten Errichtung eines Badehotels durch eine Berliner Gesellschaft auf einem von der Regierung in der Nähe der Saline abzu- tretendcn Gelände mit direkter Zufuhr des Kohlensäuresprudels erfährt das „Mainzer Tageblatt," daß Verhandlungen gepflogen werden, die indes noch nicht zum Abschluß gekommen seien, da der Finanzminister einer Abordnung von Nauheimer Interessenten die Erklärung abgegeben haben soll,.daß er dem Projekt seine Zustimmung versagen werde. In den nächsten Tagen wird in Bad Nauheim eine große Proteslv:rsammlung tagen, in der man zu der Frage Stellung nehmen wird.
* Mainz, 14. Juli 1910. Ein löjähriges Mädchen in dem rheinhessi scheu Ort Herrnsheim ist auf dem Heimwege aus dem Felde vom Blitz erschlagen worden.
* Vom Eichsselde, 14. Juli 1910. Vor zwei Jahren wurde bekanntlich auf dem EichSselbe bei Büttstedt auf Grund der W ün s ch e l rnt en - U n t ersuch u n g c n des Herrn von Bülow für die Wasserversorgung der großen Ortschaft ein Brunnen von 30 Meter Tiefe und dann ein Bohrloch von zirka 1 Meter Durchmesser und 85 Meter Tiefe hergeflellt, ohne den gehofften Erfolg zu erzielen. In tollem Glauben an die Kraft der Wünschelrute erklärten bann die Herren von Bülow und von Uslar, die obere Quelle bei 22 Meter Tiefe müsse verstopft worden sein, und es wurde im vorigen Monat nur Meter von dem Brunnen entfernt auf ihre Kosten bezw. der Kosten der Erben des inzwischen verstorbenen Herrn v. Bülow ein Bohrloch von 30 Meter Tiefe hergestellt. Bei 19 Meter Tiefe fand sich etwas Wasser, nahm aber beim Weiterbohren nicht nur nicht an Menge zu, sondern versickerte vollständig im Gestein. Der Mißerfolg ist daher so gründlich wie nur möglich.
vermischtes.
* Ruf die Ergreifung der Erpresser und Bom- benleger in Lichtenrade bat der Negierungspräsident von Potsdam eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt.
* Die Katastrophe des Erbslöh-Ballons. Ein Bauer, der Zeuge deS entsetzlichen Unglücks gewesen ist, gab von seinen Erlebnissen folgende Schilderung: Ich befand mich feit dem frühen Morgen auf meinem Felde, um Landarbeiten zu verrichten. Gegen 9 Uhr morgens hörte ich in großer Entfernung das Surren von Luftschifspropellern, aber soweit ich auch umherblickte, nirgends vermochte ich das Luftschiff selbst zu erkennen. Nach einiger Zeit des vergeblichen Suchens begab ich mich wieder an meine Arbeit, als ich in der Luft einen lauten Knall hörte, dem kurz darauf ein zweiter folgte. Unmittelbar darauf sauste eine unförmliche Masse aus den Wolken hernieder, und ich erkannte sofort, daß eS ein Luftschiff war. Das Ganze spielte sich mit so ungeheurer Schnelligkeit ab daß ich von den Einzelheiten des Unfalles
nur wenig gesehen habe. Ich sah nur, wie in einer Höhe von etwa 20 Metern drei der Lustschiffei dicht hintereinander aus der Gondel heraussprangen und dann von dem schweren Motor begraben wurden. Ich eilte, fast gelähmt vor Entsetzen, zu dem Trümmerhaufen hin, obgleich ich fürchtete, daß eine Explosion erfolgen würde, Aber es geschah nichts. Dicht neben der Gondel, die in tausend Stücke zerschlagen war, lag die Leiche eines Mannes. Ein heftiger Bluffttom quoll ans einer großen Wunde an her Stirn hervor. Nicht weit von ihm lag ein zweiter Mann. Er toinfte scheinbar nach mir und krampfte bann über der Brust die Hand zusammen. Inzwischen waren aus den Nachbardörfem noch andere Bauern herbeigeeilt, die sich an den Rettungsarbeiten beteiligen wollten. Erst als Santtätsmarmschaften aus Leichlingen eintrafen, ton nie man den ganzen Umfang der Katastrophe übersehen. Man zog die zerrissene Ballonhülle, die stch über den Trümmerhaufen breitete, hinweg und schob die Eisen- und Holzteile beiseite, so gut es ging. Dann wurde der schwere Motor eniporgehoben, der sich fast drei Meter tief in die Erde eingegraben hatte. Dann bot sich uns ein schauerlicher Anblick: unter dem Motor lagen die fürchterlich verstümmelten Leichen von drei weiteren Luftschisfern. Sie sind zweifellos von dem Motor und der Gondel zerquetscht worden. Dafür sprechen die zahllosen Vein-, Rippen- und Armbrüche, die die Aerzte an ihnen konstatierten. Bei einigen waren die Schädel zerschlagen, so daß die Gehirnmasse zutage trat. Einem anderen waren Unter- und Oberkiefer dickst zusammengepreßt. Unter großer Anstrengung der Feuerwehr von Leichlingen und der Sanitätskolonnen gelang es erst nach mehrstündiger Arbeit, die Leichen der Verunglückten aus den Trüm- mem herauszuziehen. Sie wurden auf die Rettungswagen gelegt und nach der Ballonhalle in Leichlingen geschafft. — An der Hülle haben sich keine Brand- spuren gezeigt, sondern nur ein gezackter, drei Meter langer Riß. Alan nimmt an, daß erst die Hülle geplatzt sei, dann sich Knallgas gebildet habe und dieses sodann explodiert sei. Alle? muß sich in wenigen Augenblicken abgespielt haben.
* Die letzte amerikanische Errungenschaft ist daS Tee bad. Eine Newyorker Dame will festgestellt haben, daß nach einem Teebad die aufgeregtesten Nerven sich vollständig beruhigen! — Solche Teebäder sind schließlich immer noch appetitlicher als die Ochsenblutbäder mit denen die Pariserinnen ihren Teint verbessern wollen.
— Der Mustersoldat. „Der Hauptmann hat je« sagt, ick hätte die janze Kompagnie rausjerissen." — „Da hast du dir woll als Fliegelman» ausgezeichnet?" — „Nee, ick habe mir krank jemeldet!"
Literarischer.
Kreuz und Clstysanthemum. Eine Episode aus der Geschichte Japans. Historische Erzählung in zwei Bänden von Joseph Spillmann 8. J. Vierte Auflage. (Gesammelte Romane und Erzählungen von I. Spillmann 8. J„ Volksausgabe. VII. und VIII. Bd.) 12» (XII und 548) Freiburg 1910, Herderfche Verlagshandlung. Geb. in Leinwand Mk. 4.—
Ter Roman, der nun bereits in 4. Auflage vor» liegt, spielt auf dem japanischen Jnselreich in der Zeit der Christenverfolgung 1598—1614. Als Faden der Erzählung dienen die Verirrungen des Erbprinzen von Arima, der, christlich erzogen und mit der einzigen Tochter des heldenmütigen christlichen Großadmirals vermählt, zu ehelicher Untreue und dann zum Verrat am eigenen Vater und an seiner Religion sich verlocken läßt und eben dadurch den Untergang des Christentums in Japan besiegelt. Alle großen Momente im Tode-'impf der so hoffnungsreichen japanischen Kirche, das große Martyrium der 26 zu Nagasaki von 1597, der Tod Taikosamas, die Rivalität der christlichen Mächte usw. sind trefflich ist die Handlung verwoben. Der Roman selbst ist reich an Abenteuern und Verwicklungen, Schlachten und Gefahren, grandiosen Szenen und prachtvollen Schilderungen, bei allem aber von tiefreligiösem Geiste durchdrungen. Er ruht auf einem eindringenden Studium japanischer Einrichtungen, Sitten und Gebräuche und auf gründlicher Beherrschung der Missionsgeschichte. Der Roman ist auch in feinerer Ausstattung zum Preise von Mk. 5.— ; geb. Mk. 7.— erschienen.
Kleines Feuilleton.
— Tragödien bei Luftschisflatastrophen. Die furchtbare Katastrophe des Luftschiffes „Erbslöh" ist die erste in diesem Jahre, b.i der Menschenleben zu beklagen waren, soweit die lenkbaren Luftschiffe in Betracht kommen. Ueber das Unglück selbst wird eine eingehende Untersuchung stattfinden. Es ähnelt in feiner Furchtbarkeit der Katastrophe des Luftschiffes „Republique", das am 25. September 1909 von Laapalisse aus nach Verdun aufgeftiegen war und aus 200 Meter Höhe abstürzte, als ein Propeller abgeflogen war und die Hülle zerriß. Bei diesem Unglück fanden bekanntlich vier Menschen ihren Tod, nämlich der Hauptmann Marchand, ein Leutnant und zwei Mechaniker. Die entsetzlichen Minuten, oder mit Sekunden welche die Luftschiffer bei einer derartigen Tragödie erleben, sind glücklicherweise sehr selten, denn bisher haben sich derartige Tragödien erst 7mal ereignet. Es wurde die Ansicht laut, daß die Tragödie des „Erbslöh" bisher dir meisten Menschenleben ge- fordett habe Dies ist aber nicht richtig. Den größten Menschenverlust durch das Unglück eines lenkbaren Luftschiffes hat das Jahr 1908 gesehen. Am 23. Mai 1908 ereignete sich das gräßliche Unglück des Luftschiffes „Morell" in Oakland in Kalifornien. Das Luftschiff hatte die Größenmaaße der „Zeppeline' und konnte 16 Personen befördern. In einer Höhe von ungefähr 80 Metern platzte die Hülle, so daß her Ballon zur Erde stürzte. Rur der Umstand, daß das Luftschiff Reservebehälter hatte, bewahtte die ganze Gesellschaft vor dem sicheren Tode. Alle wurden aber furchtbar verletzt und 8 Menschen starben an den Verletzungen, die sie sich zugezogen hatten. Mmn man bie Luftschifstragödien nach ihren Daten zusmmnen- stellt dann sst als erster Unglücksfall die Katastrophe des Luftschiffes des Dr. Wölfett zu betrachten, der am 12. Juni 1897 in einer Höhe von 300 Metern feinen Tod dadurch fand daß das Luftschiff in den
Lüften verbrannte und zur Erde stürzte. Im Mai des Jahres 1902 geschah ein ähnliches Unglück in Paris mit dem Luftschiff „Pax", das auch in der Luft verbrannte, wobei zwei Menschen, der Luftschif- fer Sewero und der Ingenieur Sachö ihren Tod fanden. Gleichfalls in Paris ereignete sich am 12. Oktober 1902 die Katastrophe des deutschen Rittmeisters Baron Bradsky, der mit seiner Gondel ab- siurzte, die stch von dem Ballon gelöst hatte. Ein Jahr später verbrannte in einer Höhe von 800 Metern in Philadelphia das Luftschiff „Mors" und brachte zwei Menschen den Tod. Ueber die anderen Katastrophen der Luftschiffe haben wir schon oben gesprochen. Wen» auch in der zwanzigjährigen Entwicklung schon Ungeheures in der Lustschiffahrt geleistet ist, so ergeben doch die Zahlen, welche wir eben angeführt haben, daß die Sicherheit in der Lustschiffahrt noch sehr im 3h:gen ist, und daß besonders Neukonstruktionen gegenüber die größte Vorsicht beim Aufstieg am Platze ist
— Duellhumor. In Arad (Ungarn) fand dieser iage ein sicher einzigartiges Duell statt. Dies neue Duell kann ein theoretisches, sogar der Gesundheit sehr zuträgliches Duell genannt werden. Zwei Herren hatten in einem Kaffeehaus einen Streit. Am nächsten Tage erschien in einem Arader Blatte folgende Erflärung: „Mein Herr! Ein Herr schickt einem Gentleman, wie Sie einer sind, keine Sekundanten. Bettachten Sie sich deshalb durch meine Zellen geohrfeigt Gleichzeitig gebe ich Ihnen eine Ohrfeige von rechts und eine Ohrfeige von links. Danken Sie Gott daß ich bei dieser Gelegenheit nicht auch gleich meinen Stock ergriff, um Sie zu schlagen." Auf diese Erflärung erfolgte am nächsten Tage eine Gegenerklärung: „Mein ausgezeichneter Gegner! Ich bebaute mich bei Ihnen bestens, daß Sie mit — wen» auch nur schriftlich — im ganzen zwei Ohrfeigen gaben und daß Sie mich nicht durchprügelten. Erlauben Sie mir bitte, daß ich Ihnen als Antwort auf Ihre Beleidigung sechs Revolverkugeln in Ihren Schädel schicke. In dem Moment, in welchem Sie
meinen Brief lesen, betrachten Sie sich als eine Leiche. Mit besten Grüßen an Ihren Leichnam verbleibe ich. Ihr . . ■"
— Wie oft Johann Orth „entdeckt" wurde. Mit der Todeserklärung Johann Ortbs, die jetzt erfolgen soll, wird auch das Märchen beseitigt, das Johann Orth irgendwo in einem fremden Erdteil als Einsiedler leben soll. Das plötzliche Verschwinden des österreichischen Erzherzogs erschien allerdings eigenartig und gab zu allerlei Kombinationen Anlaß. Es wird nun eine Statistik darüber von Interesse sein, wie oft Johann Orth mit voller Bestimmtheit irgendwo von einem Reisenden endeckt worden ist. Wenn man von belanglosen Meldungen absieht, die — namentlich in amerikanischen Blättern — ebenso schnell, ohne irgend ein Echo wachzurufen, wieder verschwanden wie sie aufgetaucht waren, kann man von mehr als 250 Fällen reden, in denen, zum Teil von ganz unbescholtenen Menschen behauptet worden ist, Johann Orth gesehen, ja noch mehr, Johann Orth persönlich gesprochen zu haben. Bereits im Jahre 1890, also wenige Monate nach seinem Verschwinden, er war am 12. Juli 1890 vor seiner Ausfahrt auf dem eisernen Segelschiff „St. Mar- garethe" in La Plata zum letzten Mal gesehen worden, tauchten aus Südamerika Nachrichten von seiner vermeintlichen Rettung auf. Ein Stiften» fischer wandte sich damals an das österreichische Hofmarschallamt, dem er in einem längeren Briese folgendes mitteilte: Johann Orth fei als Schiffbrüchiger bei ihm eingekehrt und habe seine Gastfreundschaft längere Zeit in Anspruch genommen. Vor feiner Weiterreise in einem gewöhnlichen Boote, habe er ihn, also den Fischer, veranlaßt, stch nach Wien zu wenden, um für feine uneigennützige Hilfe eine angemessene Entschädigung zu beanspruchen. Natürlich wurden sofort alle Recherchen veranlaßt, die aber kein Resullat ergaben, ja, nicht einmal der Fischer konnte ermittelt werden. Seitdem lebt im österreichischen Volke daS Märchen vom verschollenen
Johann Orth, der nicht gestorben sei, sondern stch irgendwo verborgen halte und in Zurückgezogenheit lebe. Daß zahllose Schwindler sich diesen Aberglauben zu Nutze machten, ist daher wenig verwunderlich. Anfangs trieben sie ihr Wesen in transatlantischen Ländern. Mit gefälschten Photographien und Handschreiben des Kaisers Franz Joseph versehen, wandten sie sich an Oesterreicher, die im Auslande lebten und entlockten ihnen unter den merkwürdigsten Vorwänden recht ansehnliche Gelddarlehen. Seit einigen Jahren scheuen sie sich aber auch nicht, in Europa zu operieren. Erst kürzlich gelang eS der Polizei, eines Schwindlers habhaft zu werden, der unter der Maske Johann Orths in Ungarn umfangreiche Betrügereien verübt hatte. „Johann Orth als Wechselfälscher", „Johann Orth als Zechpreller", ja sogar „Johann Orth als Heiratsschwindler sind Typen, die der europäischen Kriminalpolizei wohlbekannt sind. Es gibt aber auch harmlose, meist Irre, die unter seiner Maske aufgetreten sind. Ein hilfreicher und wohltätiger Arzt in Kalifornien wmde jahrelang für Johann Orth gehalten und auch im Wiener Jrrenhause sind 2 Kranke interniert, die noch heute in dem Wahne leben, Johann Orth zu fein. „ .
— Der Münchener Durst geht stetig zuruck. Die Statistik weist es nach. Nach ihr betrug nun tm Jahre 1909 die Biererzeugung 3 111 799 Hektoliter, während sie noch im Jahre 1908 3 145 820 Hektoliter betragen hatte. Unter Hinzurechnung von Biereinfuhr und -aussuhr ergibt sich in München im Jahre 1909 ein Bierverbrauch in Höhe von 1470 261 Hektolitern gegen 1493 361 im Jahre 1908, d. h. also auf den Kopf der Bevölkerung 257 Liter gegen 266 Liter im Vorjahr. Erzeugung, Aus- fuhr und Verbrauch auf den Kops der Bevölkerung zeigen demnach einen nicht unbedeutenden Rückgang, der übrigens schon in früheren Jahren eingesetzt hat und jetzt trotz der zunehmenden Bevölkerung von Jahr zu Jahr steigt.