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Rotationrdruckund Verlag der Luldaer Ak- ttendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. y.

159. Erstes Blatt.

Fulda, Freitag den 15. Juli 1910.

37. Jahrgang.

K Zum Jahrestage der Entblockung Laben die liberalen Blätter so übermäßiges geleistet in der Lobpreisung des Fürsten Bülow unb Der Verunglimpfung seines Nachfolgers, baß DerRück- schlag in ber rechtsstehenben Presse nicht aus- bleiben konnte. Unb bie Antwort fällt stellenwetse recht saftig unb kräftig aus, wie z. B. solgenbe Probe zeigt:

„Ist es nicht Fürst Bülow gewesen, ber bie beutschenReichsfinanzenin seiner langjährigen Kanzlerschaft hat in Unordnung geraten lasten? Ist er es nicht gewesen, ber eine Finanzreform mit ben nationalen Parteien nicht fertig gebracht hat? Haben wir unter Fürst Bülow nicht die schlimmsten Niederlagen in der aus­wärtigen Politik erlebt, trägt Fürst Bülow nicht einen großen Teil der Schuld, daß es einst zu der be­dauerlichen Auseinandersetzung zum sogenannten No­vembersturm kommen mußte? Ist nicht manches Jahr der Bülow'schen Kanzlerschaft vergangen, in dem nicht nur nichts geleistet, sondern sehr viel ver­dorben und verloren gegangen ist? WaS wäre aus Fürst Bülow und seiner Politik geworden, wenn er dem Rate der Linksliberalen gefolgt wäre, den Reichstag aufgelöst und mit der Parole 500 Millionen Mark neuer Steuern einen Wahlkampf zu­gleich gegen Sozialdemokratie, Zentrum und Konserva­tive geführt hätte? Wir glauben, Fürst Bülow und seine Parteien würden eine derartige Niederlage er« Inten haben, daß Führer und Heer im Roten Meer verschwunden wären . . . Wenn Herr v. Bethmann- Bollweg zurzeit eine so viel schlechtere Prefle als Fürst ülow hat, so liegt das zum Teil daran, weil er jene Künste nicht versteht oder nicht gebrauchen will, die sein Vorgänger mit so viel Geschick für die Gewin­nung der Presse zugunsten seiner Person zu verwenden wußte."

Wo stehen denn diese scharfen Auslassungen? Nicht etwa in der ,Kreuzztg/ ober sonst einem heydebranb'schen Blatte, sondern in ber ,P o ft', dem Organ ber freikonservativen Partei, bie finst eine Säule bes Bülowdlocks bildete! Wenn schon in diesen mitielparteilichen Kreisen ber Respekt vor bem einstigen Blockkanzler so tief gesunken ist, so hat bie Ernüchterung nach bem Blockrausche bereits einen überraschenden Umfang angenommen.

Wir wollen auf bie Einzelheiten ber vorstehen- ben Kritik nicht näher cingehen, fonbern nur auf zwei wichtige Gesichtspunkte aufmerksam machen.

Zunächst ist der Hinweis sehr gerechtfertigt, baß Fürst Bülow seine Politik mit allerhanD „Künsten" betrieben hat, die nicht nach jedermanns Geschmack sind. Das ganze Unternehmen, mit einem Block aus so verschiedenartigen Parteien und von nur knapper Mehrheit die sämtlichen Reichsgeschäfte er­ledigen zu wollen, war überhaupt schon eine Virmofennummer aus dem politischen ^ittu§. Es war eine fortgesetzte Künstelei, bei ber nicht bloß der Muster, sondern auch fein Gehilfe v. Loebell bie Geschicklichkeit vor Zauberern unb bie Ge­schmeidigkeit von Kaulschukmännern entwickeln mußten. Die natürliche Begleiterscheinung waren wiederholte Krisen, von denen eine, die mit dem großartigen Rüllischwur im Reichstag endete, zu einer tragikomischen Berühmtheit gelangt ist. Nicht ohne Grund ist damals einem recht hohen Munde Der Titel „Seiltänzer" entschlüpft. Den liberalen Blättern, die in dem verflossenen Uebergangsjahr eine heillose „Verwirrung" entdeckt haben wollen, muß man in's Gedächtnis zurückrufen, daß in der Blockperiode die Unsicherheit viel größer und andauernder war, als vorher unb nachher.

Zweitens hat bie „Post" sehr recht mit ber Be- m erlang, daß das „rote Meer" auch in dem Falle über uns hereingebrochen wäre, wenn eine andere Lösung der Reichsfinanzfrage stattgefun- den hätte. Tas war ja der grundlegende Irrtum der Block- uns Bülowschwärmer, daß sie sich ein» bilbc.cu, bie Ueberrumpelung der Sozialdemokratie in drei Dutzend schwächerer Wahlkreise bei der Keimfi chen Wahtjagt von 1907 bedeutet eine nach­haltige Niederlage dieser Partei. Die „Mitläufer",

bie man bamals verblüfft ober verlockt hatte, muß­ten in Massen wieder zu ihrer ersten Liebe und zur alten Unzufriedenheit abschwenken, sobald die Last der neuen indirekten Steuern empfunden würbe. Die rückläufige Bewegung zu Gunsten ber Sozial- bemotratie wurde natürlich erheblich verstärkt durch die Steuerhetze, die nach dem Blockkrach von ber ganzen liberalen Presse im trauten Verein mit ber roten Presse betrieben wurde. Aber ge­kommen wäre bte tote Hochflut auch bann, wenn bie nationalliberale Partei unb Presse sich beson­nener unb staatstreuer ausgeführt hätte.

Darum war es kein Heldenstück vom Fürsten Bülow, seinem Nachfolger unb ben Konservativen einen Rachetag von „Philippi" zu prophezeien, unb es war sogar unschön von ihm, eine solche Scha - benfreube zu äußern, ohne an bas Wohl bes Vaterlanbes zu benten.

Deutsches Reich.

♦ Wie steht's um die ReichsversicherungSordnung?

Zu ber Frage, ob die Reichsversicherungsordnung zustande kommen werde, äußert sich ein Zentrums­parlamentarier in folgenden Ausführungen, die ver­schiedenen Blättern zugegangen sind:

Das Gesetz ist zweifellos eines der bedeutsamsten und einschneidendsten, die seit Jahren geschaffen wor­den find. Run mehren üch in der Prefle die Stimmen, die behaupten: das Gesetz kommt doch nicht zu­stande, da llch keine Mehrheit dafür finden werde und da die Kommiflion Beschlüfle gefaßt habe, die nicht Annahme finden könnten. In 18 Monaten sei Reichstagswahl und bis dahin könne der Reichstag kein solches Gesetz mehr schaffen.

Ist dieser Peflimismus begründet? Ich glaube nicht. Gewiß gehen die Arbeiten der Kommission langsam voran, aber es handelt sich auch um ein sehr schwieriges Gesetz. Die Kommission hat sechs Wochen an dem Entwurf gearbeitet unb nahezu 600 wichtige Paragraphen erledigt; es bleiben noch 1200 übrig. Aber im Herbste hat die Kommiflion zwei Monate Zett, ehe der Reichstag zusammenttitt und da kann sie bei gutem Willen mit der ersten Lesung fertig wer­den. Die zweite geht dann rascher und int Früh­jahr kann der Reichstag das Gesetz verabschieden. Es ist also genügend Zeit vorhanden.

Aber findet sich auch eine Mehrheit? Ohne Optimist zu fein, darf man die Bejahung der Frage annehmen. Der Kem der Mehrheit wird das Zen­trum sein müssen; nach links kann -es sich nicht an- gliebern. Der Freisinn hat bereits erklärt, baß er das nicht wolle und er verhält sich danach. Die So­zialdemokratie kann man nie als sicher einstellen; zu­dem bringt sie solche Anträge ein, baß man darauf gar nicht eingehen kann. Der ganze Mittelstand würbe sonst darunter leiben. Tie Nationalliberalen halten im allgemeinen eine vernünftige Mittellinie ein; aber sie genügen nicht für eine Mehrheit. Es muß diese rechts gesucht werden. Die Konservativm sind auch entschlossen, das Gesetz zustande zu bringen, und fo ist doch die Hoffnung begründet, daß sich am Ende eine ansehnliche Mehrheit finden wird. Alle positiven Parteien haben ein Interesse daran, diese Materie vor den Wahlen zu erledigen, und ich bin daher der Ansicht, daß das Gesetz durch ein großes Kompromiß unter den Parteien mit der Regierung zustande kommen wird.

Damit ist aber auch schon gesagt, daß nicht alle bisherigen Beschlüsse in das Gesetz Aufnahme finden werden. Wir erhalten fortgesetzt Zuschriften, welche sich in sehr scharfer Weise gegen die Kommisstons. beschlüfle wenden. Die Interessenten auf dem Lande wehren sich auch. Der Hansabnnd streut falsche Anklagen gegen das Zentrum aus. Der Bund der Industriellen ist erneut bei der Kommission vor- stellig geworden. Der Ortskrankenkassenkongreß war

mit den Beschlüssen der Kommission sehr unzu- frieden. Die Organisattonen der Aerzte sprechen sich in den schärfsten Wendungen gegen diese aus. Man kan es den Interessenten nicht verübeln, wenn sie sich beizetten zurWehr setzen, wenn sie einzelneAnträge scharf bekämpfen. Nur dürfen zwei Gesichtspunkte nie vergessen werden: einmal muß daS Gesetz einen Ausgleich unter den verschiedenen Interessenten herbeiführen, und das ist recht schwer. Wer zu vermitteln sucht, erhält ost von beiden Seiten Hiebe. Sodann aber handelt es sich in der 1. Lesung gar nicht um definitive Beschlüsse. Die meisten der bis­herigen Beschlüsse sind nur einstweilen angenommen worden; erst die 2. Lesung wird mehr Klarheit geben. Die Interessenten haben bis November noch genügend Zett, sich alles zu überlegen und neue Eingaben zu machen, es soll nichts übereilt werden. Bei den definitiven Beschlüssen, die erst gefaßt werden können, wenn die Fraktionen wieder in Berlin find, werden sich viele der heutigen Be­schwerden von selbst erledigen.

r Berlin, 14. Juli 1910. Der Kaiser ist nach guter Fahrt heute früh in Balholmrn eingetroffen. Das Wetter ist unverändert schön. — Staatssekretär a. D. Dernburg tritt nicht schon am 15. Juli, sondern erst am 15. August seine Reise nach Oft« afien an. — Zum Gedächtnis des Todestages der Königin Luise will man an vielen Orten Linden und Eichen pflanzen. Die Regierungspräsidenten haben zur Umgitterung solcher Gedenkbäume für ärmere Gemeinden einen Staatszuschuß zugesagt. — Der ,Staatsanzeiger* veröffentlicht die neue Prüfungsordnung für Kreistierärzte. — Der König von Sachsen hat den Staatssekretären von Schön und Dernburg das Großkreuz des Albrechtsordens verliehen.

fl Wasser auf dir Mühle« der Gegner. Der ka­tholische Stadtpfarrer von Donaueschingen, Dr. Feurstein, strebt nach hohen Ehren, wenigstens bei den Gegnern. Der noch recht junge Herr hat neulich das Zentrum auf das rücksichtsloseste öffent­lich wegen seiner Haltung bei der Reichsfinanz­reform getadelt. Die Liberalen verfehlten natürlich nicht, diese Kundgebung in der ärgsten Weise aus« zuschlachten. Jetzt hält Herr Stadtpfarrer Dr. Feurstein es für nötig, in dem liberalen (!) Blatte seines Wohnsitzes dem hl. Vater und dem Kardi­nal-Staatssekretär Mery del Val eine traftige Standrede zu halten. Er nennt die päpstliche Borromäus-Enzyklika „tadelnswert", wirst ihr „un­nötige Schärfe" vor und sucht auch den Kardinal- Staatssekretär Mery del Val lächerlich zu machen. Natürlich sind die Liberalen, deren Mühlen jetzt an so bedenklicher Trockenheit leiden, über diesen unerwarteten Wasserandrang überaus begeistert und loben Herrn Dr. Feurstein in den Himmel. Es stand Herrn Dr. Feurstein absolut frei, feinen vorgesetzten kirchlichen Behörden feine Ansicht und Auffassung unter Anfügung der Gründe zu unter­breiten, damit diese als einen Beitrag zur Beurteilung der Auffassung der Sache m den Kreisen der Geist­lichkeit zur Notiz nehmen könnte. Die Form der Auslassung aber zeigt, daß Herr Dr. Feurstein auch gegenüber den Interessenten, die er beruflich zu ver­treten hat, seiner offenbar angeborenen Neigung zur Kritik und feinem Temperament Zügel anzulegen nicht geneigt ist. Dr. Feuerstein lenkt zwar Wasser auf ihre Mühlen, und sie klappern nun wieder, aber Diehl liefern sie deshalb doch noch nicht. Sie sind, wie ihr Freund Dr. Feuerstein groß in der Kritik, d. h.im Schimpfe», leisten aber nichts Positives.

s. Am Ende ber Beratungen über bie Kranken­versicherung ist die Reichsversicherungs- k o m m i s s i o » in der Donnerstagssitzung angelangt. Der § 511 bestimmt: „Für Versicherungspflichtige, Die Mitglieder einer Ersatzkafle sind, ruhen auf ihren Antrag die Rechte und Pflichten als Mit- gltebcr der Ortskasse, in Die sie gehören. Sie haben keinen Anspruch auf Die Leistungen Der Kranken­

kasse und können bei ihr weder Stimmrecht aus, üben, noch Ehrenämter bekleiden. Ihre Arbeitgeber haben nur den eigenen Beitragsanteil an die Krankenkasse einzuzahlen; der Anteil des Versicherten fällt weg." Um einem Wunsche Der Arbeiter zu entsprechen, die an der Lebensfähigkeit der Ersatz­kassen ein großes Interesse haben, wurde ein Zentrumsantrag angenommen, nach Dem im zweiten Absatz hinter „einzahlen" in Worte einzufügen sind, „wenn sie nicht den Nachweis erbringen, daß sie ihn an Die Ersatzkasse abgeführt haben." Die Schluß« und Strafvorschristen blieben unverändert. Der Versuch, nachträglich die durch Streichung des Paragraphen über die Betriebskrankenkassen ent­standene Lücke auszufüllen, scheiterte. Die Kom­mission ging dann in die Ferien. Die nächste Sitzung findet voraussichtlich am 20. September statt. Auf Der Tagesordnung steht dann das brüte Buch: „Unfallversicherung."

a. Das Verfahren gegen Jugendliche be­schäftigte am Donnerstag die Strafprozeß- Kommission. Der entscheidende § 137 erhielt folgende Fassung: „Auch nach Erhebung der Klage gegen einen Jugendlichen unter 16 Jahren kann das Gericht jederzeit das Verfahren durch Beschluß einstellen und die Sache an die Vor­mundschafts-Behörde abgeben, wenn sich heraus­stellt, daß Erziehungs- und Besserungs - Maß­regeln einer Bestrafung rorzuziehen sind." Einige Anträge wollten die bedingte Verurteilung für Jugendliche zur Einführung bringen. Die An­träge wurden aber mit Stimmenmehrheit abge­lehnt. Dagegen wurde eine Resolution angenom­men, die verbündeten Regierungen zu ersuchen, in das künftige Strafgesetzbuch die bedingte Ver­urteilung aufzunehmen. Die Kommission dürfte am Samstag in die Ferien gehen, ohne die erste Lesung der Vorlage beendt zu haben.

* Eine versehentliche sozialdemokratische Gratulation. Jüngst war aus der badischen Kammer berichtet worden, daß die Kammer- sraktion der badischen Sozialdemokraten dem Großherzog zum Geburtstage gratuliert und auch der Abg. Geck sich zustimmend von seinem Sitz wie die übrigen Mitglieder des Hauses erhoben habe. Zur Ehrenrettung der badischen Sozial« Demokratie glaubt die,Leipz. Volksztg.' feststellen zu müssen, daß die sozialdemokratischen Vertreter in der badischen Kammer nur infolge eines Ver­sehens der Gratulation zugestimmt haben, ohne zu wissen worum es sich handelte.

Am Freitag saßen einige sozialdemokratische Abge­ordnete arbeitend auf ihren Plätzen, als sich die bürger­lichen Abgeordneten bei Eröffnung der Sitzung plötz­lich erhoben. Gewohnheitsmäßig standen auch die Sozialdemokraten auf und vernahmen, rote der Präsident sich die Erlaubnis erbat, dem Groß­herzog, der seinen Geburtstag feiere, ein Begrüßungs­telegramm namens der Kammer zu senden. Eine Ab- stimmung findet bei solchen Gelegenheiten nicht statt, die Sozialdemokraten, die beim Erheben von den Sitzen die Veranlassung nicht kannten, haben ihre Meinung dabei nicht zum Ausdruck bringen können; sie würden aber bei vorheriger Information draußen geblieben fein.

In Den Augen zielbewußter Sozialdemokraten sind die badischen Genossen also doch nicht so schlechte Menschen, wie die bösen Gegner glauben machen wollen.

4- Die badischen Sozialdemokraten für das Budget. In der gestrigen Sitzung der badischen Zweiten Kammer wurde das Finanzgesetz in namentlicher Abstimmung einstimmig ange­nommen. Im Namen der Sozialdemo­kraten gab der Abg. Dr. Frank die Erklärung ab, daß sie zur heutigen Regierung solange kein Vertrauen haben könnten, als die staaksbürger»

Der Wcrmpyr.

Roman von Fcrgus Hume. Autorisierte Bearbeitung 23] von C. Wehner.

3. Ungefähr um bie Zett, wo das Verbrechen statt- ,anb, ist Brand in ber Nähe bes Tatortes gewesen. Der Polizist Drake, mit bem er gesprochen, konnte seine Identität an bem kleinen Mal an der linken Schläfe feftfteKen.

4. Branb trug einen Türkisenschlüffel an ber Uhr­kette, Den er als Bleistift benutzte. Arn Morgen nach Dem Morb befanb sich tiefer Schlüssel nicht mehr an seiner Uhrkette.

5. Dieser Schlüssel ist in ber Hand des Toten ge­funden worden.

6. Frau Kirbh hat, um Brand zu retten, beschwo­ren, sie habe diesen Schlüssel ihrem Gatten geschenkt — was eine Lüge war.

7. Am Tage nach dem Mord hat Brand London den Rücken gekehrt, ohne eine Adresse zu hinterlassen."

Herr Felbern sann unb grübelte unb fügte Glieb an Glieb zu biefec Kette von Schuldbeweisen. „Wenn er nicht schuldig ist, so muß er es nach dieser Darleg­ung fein", sagte er. „Und Frau Kirbh muß seine Verbündete sein Erst werde ich ihn festmachen, bann kommt sie an die Reihe. Ich fiirchte, Frau Kirbh wird ihren Reichtum nicht lange genießen. Dafür werbe ich schon sorgen Ein feiner Fall! Haha!"

Nachbem Feldern noch einmal reiflich überlegt, wie er es anstellen solle, Olga Holder zu veranlassen, ihm Brands Adresse zu betraten, machte sich ber De­tektiv auf ben Weg zu ihr Bill empfing ihn mit einem Gesicht, in bem keine Muskel zuckte, mit einem so steinernen Ausdruck, als habe er Feldern in fernem gangen Leben noch nicht gesehen. Er trug seiner Prinzipalin Felberns Karte hinein. Der Detektiv dachte nicht einen Augenblick daran, daß Fräulein .Holder sich seinen Namen gemerkt haben könne.

In dieser Annahme irrte er sich jedoch. Olga Mm viel zu viel Antell an Brands Geschick, um ?uch nur die geringste Gefahr zu übersetzen, die ihm

drohen konnte. Sofort beim Lesen des Namens fiel ihr ein, baß Felbern derjenige Detektw sei, dem bie Verfolgung bes Falles übertragen würbe. Unb fi- erriet augenblicklich, daß er zu ihr gekommen, um Nachforschungen anzustellen.

„Fräulein Holder läßt bitten."

„Herr Feldern" begann Olga, nachdem dieser ein­getreten war, „womit kann ich dienen?"

Der Detektiv sah bewnndemd ihr schönes, ent- jchloffrnrs Gesicht unb erkannte sofort, baß er kein leichtes Spiel baden werde um das zu erfahren, was sie zu verheimlichen wünschte. Mit Frau Kirbh hatte er noch nie gesprochen, sie jedoch von einer Ecke des Gerichtssaales aus scharf beobachtet. Auch sie war eine schöne Frau. „Donnerwetter", dachte er bei sich, nachdem er Olga Holder eine Weile prüfend ange­sehen, „ber junge Mann hat guten Geschmack."

„3<6 habe nich: viel Zeit übrig, mein Herr", sagte Olga etwas ungebuibig „Wenn Sie —"

„Hoffentlich haben Sie soviel Zeit übrig, Fräu­lein Halber, dieses hier für mich abzuschreibcn", unter« l'rach er sie. „Es ist kehr eilig.*

»Ah. er kommt blas geschäftlich", bachte bas junge Mäbchen erleichtert, als sie das Papier entgegennahm Unb laut sagte sie: „Gewiß. Zu wann brauchen sie es —" ihre Sttrnrne erstarb jäh, als sie Herbert Branbs Namen erblickte.

„Was ist Ihnen Fräulein Holder? Fühlen Sie sich nicht wohl?" fragte ber Detektiv, ber sie mit schar­fen Augen betrachtete.

Olga war in ber Tat einer Ohnmacht nahe, aber sie suchte mit Anspannung all ihrer Kräfte wenigstens äußerlich ihre Ruhe zu bewahren. Die Gefahr war so nahe, daß sie all ihre Geistesgegenwart zusammen­nehmen mußte, wenn sie Brand retten wollte. Felbern hatte berechnet, baß ein Blick auf das Schriftstück sie gänzlich ihrer Fassung berauben und derart erschüttern werde, baß sie sozusagen wie weiches Wachs ui feinen Hänben war unb er von ihr hecauspreflen konnte, was er wollte. Ihre Nutze überraschte unb enttäuschte ihn daher nicht wenig, forderte aber auch seine Be­wunderung heraus.

„Das Zimmer ist etwas klein unb bie Luft manch­mal recht brüdenb", sagte Olga. „Würben Sie so freundlich sein, bas Fenster ein wenig öffnen?"

„Kluges Weib", bachte ber Detektiv bei sich, wäh- renb er tat, was sie wünschte. Als er sich toieber nieberließ, hatte bas junge Mädchen ihre Selbstbe­herrschung wieder erlangt; sie war ruhig, ernst unb entschlossen. Das alles sah er an ihrer kühlen Zu­rückhaltung und nahm sich vor. auf seiner Hut zu sein.

„Wann brauchen Sie die Abschriften?" fragte sie, bie Blätter umdrehend.

„Wenn möglich bis morgen", antwortete Feldern.

„Und wieviele Kopien?"

„Na, warten Sie mal — sagen wir sechs "

„Sie werben morgen Mittag um zwölf fertig sein. Wünschen Sie sonst noch etwas, Herr Felbern?"

„Nein, sonst nichts, Fräulein Holber", versetzte er. „Morgen hole ich mir bie Abschriften. Ich setze natürlich voraus, baß Sie Den Inhalt Dieses Schrift­stückes geheim halten!"

„SelbstverstänDUch! Mein Geschäft bringt es mit sich, baß ich manches Geheimnis bewahren muß", er­widerte Olga kalt. „Also, morgen um zwölf, Herr Feldern."

Sie legte das Papier in einen Schrank, dann kreuzte sie die Hände, als erwarte sie. daß er nun gehen werde.

Der Detektw hatte weder einen Wunsch noch irgend welchen Vorwand, sein Fortgehen zu verzögern Die Falle war ausgestellt, er brauchte nur noch daraus zu warten, daß seine Beute hineiulief. Ohne ein weite­res Wort verbeugte er sich unb ging.

Kaum hatte Felbern bie Tür hinter sich zugezogen, so ergriff bas junge Mäbchen hastig ein Kursbuch unb stubiecte bie nach Southampton gehenben Züge.

10. Kapitel.

Bittern ist ein kleines stilles Torf, bas bicht am Walbe liegt. Der große Seehafen von Southampton ist zwar nicht weit bavon entfernt, ober trotzbem bringt bas geräuschvolle 8eben unb Treiben nicht bis hier­her. Dieser tiefen Ruhe wegen hatte Herbert Brand

sich hierher zurückgezogen, um sich zu erholen. Die Luftveränderung unb ber Wechsel von ber Großstadt zu dieser Stille taten seinen angegriffenen Nerven sehr gut. Hier konnte er nach Herzenslust lesen unb schreiben unb spazieren gehen

Unter biefen glücklichen Umständen war es ihm ein leichtes, neue Ideen für feinen Roman zu sam­meln und flott zu arbeiten. Er schrieb ben ganzen Vormittag, ging nachmittags spazieren und kehrte nm Abend mit neuem Eifer an ben Schreibtisch zurück. Sein neuer Roman interessierte ihn lebhaft; er hatte reichlich Zeit, an seinen Ideen unb Szenen zu feilen unb er fühlte, bies würde fein bestes Werk werden. Die Tage eilten dahin unb noch immer weilte er an bem einsamen Ort, sich nach langer Zeit wieder ein­mal recht glücklich in dieser Weltabgeschiebenbett fühlend.

In einer merkwürdigen Weife das „neue Haus" genannten Villa hatte er Zimmer gemietet. Das Hänschen war bald neunzig Jahre alt, aber für seine Besitzerin, ein altes Fräulein, war es noch immer bas neue Haus.

Brand verstand sich mit ihr sehr gut, seine Mahl­zeiten hätten freilich manchmal etwas auserlesener sein können, denn seine Wirtin kochte zwar sehr schniack- hast, aber recht einfach. Doch ber junge Mann ging kiel zu sehr in seiner Arbeit auf, um große Ansprüche an bas Essen zu stellen. Deshalb begnügte er sich ouck> mit bem, was sie ihm vorsetzie.

In feine Arbeit vertieft, fanb Herbert Brand nicht einmal Zeit, an Frau Kirby zu denken. Er war töttcht genug gewesen, sich in bie Maschen ihres Netzes verstricken zu lassen; aber biefe Torheit hatte an bem Tage, da er sich mit ihrem Gatten gezankt, ihr Ende erreicht. Damals hatte er bas Haus mit bem festen Vorsatz verlassen, es mit keinem Schritt wieder zu betreten. Infolge dieses Entschlusscs war er nach Bittern gegangen, nur zu froh, die Vergangenheit vergeffm zu können. D« tragische Ende Kirby's hatte er fast vergeffm und wenn er je einmal daran dachte, so geschah es nur mit geheimem Schauder vor diesem gräßlichen Ereignis.

(Fortsetzung folgt.)