Maer W Zeitung
37. Jahrqanss
Hulda, Donnerstag den 14. Juli 1910
Erstes Blatt
j# 158.
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w«ch«M-s-- „Illustrierte Sonntagrzeitung"
ist ihm dafür die Unterstützung der nationalliberalen Partei. Durch die Erfahrungen des Blockexperiments gewitzigt, wird er stch gewiß hüten, dem Zentrum offene Fehde anzusagen, im Gegenteil, für die nächsten Wahlen hat er es nötig. Diese etwas veränderte Frontstellung uns gegenüber entspringt natürlich nicht einer besonderen Herzensneigung, sondern nur nüchterner rechnerischer Erwägung. Dessen werden wir eingedenk bleiben muffen.
„Ich weiß es daher, weil Herr Brand die Privatadresse Fräulein Holders ausschreiben wollte und sich von mir einen Bleistift geben ließ. Das hafte er früher nie getan. Ich sah deshalb genau nach seiner Uhr- kette und da war der kleine Schlüssel nicht mehr dran. Damals dachte ich mir nichts dabei. Als aber Sim und ich später die Gerichtsverhandlung lasen,. dachten wir beide: „Halt, da ist was zu verdienen." '
Feldern lachte, denn der Junge amüsierte ihn. „Du kannst jetzt gehen", sagte er nach einer Weile „Schicke Sim zu mir, wenn Du ihn siehst. Und nicht vergessen — offen zu mir sein und keine krummen Wege gehen."
Bill klopfte bedeutsam auf die Tasche, in welcher das geschriebene Versprechen steckte, nickte mit dem Kopf und schlängelte sich zur Tür hinaus. Wenn eS kein Geld cinbrachte, verschwendete er nie unnutze Worte. ,
Feldern blieb eine Weile in Gedanken versunken da sitzen. Dann verfaßte er einen Bericht, in welchem er den Fall Kirbv und inwieweit Brand dabei betet- ligt und verdächtiqt war, darstellte. Diesen Bericht wollte er Olga Holder zum Abschreiben geben. Schon ein flüchtiger Blick in das Schriftstück mußte sie stutzig machen und ihre Angst um den Mann, den |te liebte, erwecken. Wahrscheinlich würde sie ihm sofort schreiben und ibn warnen; vielleicht fuhr sie sogar selbst zu ihm — natürlich vorausgesetzt, daß sie seine Adresse wußte. In dem einen Falle konnte der Dries abgefangen, in dem zweiten Falle konnte das junge Mäd- chen verfolgt und auf diese Weise Brands Aufenthalt ermittelt werden.
Feldern setzte also folgendes Schriftstück auf:
1. Brand ift arm und in den Fesseln der Frau Klrbtz. Sie bat ihn zum Hazardspiel verleitet und vielleicht zur Verzweiflung getrieben. Sie konnte seine Wut auf ihren blutsaugerischen Gatten lenken, von dem sie sich, um dessen großes Vermögen erben zu können, befreien wollte.
2. Einige Stunden vor dem Verbrechen hat Brand eine heftige Szene mit Kirby gehabt und unter heftig«: Drohungen das Haus verlassen.
lForiseduna folat)
„Für Geld sind wir das immer!" gab Bill naiv zurück.
„Das merke ich. Run gut, ich will einen Handel mit Dir schließen. Arbeitet beide freiwillig für mich in dinsem Falle und ich gebe Euch nach Beendigung desselben zusammen tausend Mack."
„Das sind fünfhundert für mich, fünfhundert für Sim", rechnete Bill schnell aus. „Abgemacht, Herr. Wenn Sie nun aber den Mörder des alten Vampyr nicht kriegen?"
„So bekommt Ihr beide zusammen fünfhundeck."
„Also jeder zweihundertfünszig! Schön, Herr. Geben Sie mir 8 schriftlich, dann werden Sim und ich alles sagen, was wir wissen und weiter für Sie arbeiten."
„Kannst Du denn meinem Wort nicht vertrauen?"
Bill schüttelte den Kops und antwortete kurz und bündig „nein".
Feldern sah geärgert auf den Burschen. Er sah ein, daß ein weiteres Hecurnstreiten keinen Zweck habe. So setzte er sich hin und schrieb nieder, was er Bill unter den angegebenen Bedingungen versprochen. Nachdem er den Schein unterzeichnet, überreichte er ihn Bill, der ihn sorgfältig und umständlich vorlas und dann in die Tasche steckte. „Gut so", bemeckte er ttocken.
„Nun sage mir, was Du über den Schlüssel weiht", begann Feldern von neuem, da er seines neuen Verbündeten nun sicher zu fein glaubte.
„Herr Brand trug ihn an feiner Uhckeite", berichtete Bill. „Ich weiß das nämlich daher genau, weil er manchmal bei uns im Büro etwas korrigiette und dabei den kleinen Bleistift benutzte. Das Ding fah aus wie ein Schlüssel, war von Gold und mit blauen Steinen besetzt. Ich habe mir ihn genau angesehen, weils ein so komischer Bleistift war. Das letztemal, als Brand nach Fräulein Holder fragte, hing der Bleistift nicht mehr an der Uhrkette."
„Wie kam es, daß Du das sofort bemerktest? Damals war vor Gericht doch noch gar keine Rede davon"
monatsbeiiage: „Fuldaer Geschlchtrblätter"
hinter Schloß und Riegel setzen! Verstanden? Ihr beide wißt nämlich etwas über den Mord!"
Bill suchte den ihn festhaltenden Fingern Felderns zu entschlüpfen, was ihm endlich auch gelang, worauf er hinter den großen Tisch flüchtete. „Wenn ich was weiß oder Sim was weiß", sagte er mürrisch, „so ist das noch lange nicht die Art und Weise, uns zum Sprechen zu bringen. Was wir wissen, verkaufen wir eben Wir haben alle beide nichts getan, wofür wir in das Gefängnis müßten. So, nun wissen Sie's!"
Feldern biß sich auf die Lippen. Er sah ein, daß er einen Fehler begangen, indem er sich so hinreißen ließ, er wünschte die Hilfe dieser beiden, jungen Schurken, da er glaubte, sie könnten ihm von Nutzen sein. Wer er wurde an ihnen immer mehr irre. Die beiden Burschen hatten weder ein Gewissen, noch Ehre oder Schamgefühl. Feldern hatte In seinem Berufe schon viel verworfenes Gesindck kennen gelernt, aber Geschöpfe dieser Att doch noch nicht. Bill und Sim würden ruhig einen Mord begangen haben, wenn sie gewußt hätten, daß es nicht herauskäme — sonst nicht. Sie liebten ihr liebes Ich tiiel zu sehr, um ihren Holls zu riskieren.
„Du und Sim werdet Afrika zur Zierde gereichen, wenn Ihr hinkommt", bemeckte Feldern ironisch. „Du magst ja klug sein. Du Gauner, ich bin aber doch noch klüger. Ich habe die Polizei zur Seite. Ich — pah, was hat es für einen Zweck, einem solchen Kerl wie Dir das auseinanderzusetzen. Aber das eine sage ich Dir, Mll Vogel" — hier erhob Feldern drohend den Finger — „Du hast aufrichtig gegen mich zu fein, sonst mache ich Dir die Hölle heiß. Hörst Du?"
„Jawohl, ich höre", antwottete Bill immer noch brummig. „Aber das ist alles Blech. Sim und ich wissen schon, was wir zu tun haben. Wenn Sie was von uns wollen, müssen Sie uns bezahlen, Herr Fck- dern."
Angesichts dieser hartnäckigen Beharckichkett änderte der Detektiv seine Taktik. „Natürlich will ich Euch bezahlen", sagte er in scharfem Ton, „aber dafür müßt Ihr auck offen sein."
I)er "gjampvr.
Roman von Fergus Hunre. Autorisierte Bearbeitung 22] von C. Weßner.
Wir wollen nach Afrcka aus wandern und dort kin neues Leben beginnen. Nm Sim und mich kümmert sich keine Katze, wir find aus uns sckber angewiesen Mtt Geld kann man in Afrika eine Menge an- fangen. Vielleicht kommen wir als Millionäre zurück."
Da ja. bei Euch ist dies schon möglich", versetzte Feldern vieldeutig. „Ihr habt eiserne Köpfe und kein Gewissen. Ja, sa„ Du und Sim, Ihr werdet Euch schon eine Zukunft gründen."
„Ich danke Ihnen. Herr!" rief Bill erfreut über diese Worte, die er als Schmeichelei auffaßte. „Wir werden uns schon alles aus dem Wege räumen, was Uns am Geldverdienen hindert."
„Davon bin ich überzeugt", gab Feldern grimmig zurück. „Also ich werde zu Fräulein Holder ms Büro gehen. Du hast mir noch nicht die Adresse gwrocht . „Ja, .fiert, ich habe sie ausgeschrieben. Hier ist sie. Sie ist bis fünf da, dazwischen ist eine Stunde EffenSzett von eins bis zwei."
„Mhön. Ich werde komme». Noch einen Augenblick' Bill", sagte er, als der Junge sich zur Türe hin- ausfchleichen wollte. „Ich wollte Dich noch etwas fragen Wie steht es mit dem Bleistiftschlüssel?"
„Mit dem Tückiseuschtüssel?" meinte Bill. „O, darüber weiß ich genau Bescheid. Aber das ist min- bestens zwanzig Mack wert. Zehn für mich, zehn für Sim!"
„So, Du veckaufst Deine Auskünfte Stück für Stück, wie ich sehe?"
„Dabei kriege ich mehr Gckd raus", grinste Bill stftffig.
I „Du junger Satan!" Mtt plötzlicher Wut packte Melden, den Jungen und stieß ihn mtt dem Rücken gegen die Wand. „Wie kannst Du Dich erfrechen, so iu mir zu sprechen? Wenn Du dieses Spiel noch wet- ßer treibst, dann werde ich Dich mitsamt Deinem Sim
Deutsches Reich.
* Berlin, 13. Juli 1910. Der Kaiser arbeitete am 'Dienstag, während die „Hohenzolleru" vor Bergen Kohlen einnahm, ans der „Stettin", hörte den Vortrag des Vertreters des Auswärtigen Amts und begab sich sodann in Begleitung des Gesandten v. Treutler an Bord des französischen Kreuzers „Lavoisier". — Generaloberst v. Bock und Po- lach, Jnspetteur der 3. Armee-Inspektion zu Hannover, feiert am 15. d. M. den 50jährigen Gedenktag seines Eintritts in das Heer. —Für den Posten des Kaiserlichen Gesandten in Sofia ist nach der ,Nordd. Allg. Ztg/ der bisherige Kaiserliche Generalkonsul in Kalkutta, v. Below-Salesko, in Aussicht genommen.
** Die Aufregung über den „Kaiserbries" an den Präsidenten von Nicaragua. Madriz, tut die „Nordd. Allg. Ztg." mit wenigen Worten ab, indem sie kurz die Angaben der deutschen Blätter bestätigt, daß es sich weder um ein eigenhändiges, noch um ein voliti- sches Schreiben des Kaisers, sondern lediglich um eine Antwort handelt, die jedem Präsidenten auf die offizielle Mitteilung des Amtsantritts zugeht. Erfreulicherweise ist die deutsche Presse in der Verurteilung dieses neuen englischen Hetzversilches einig. — Wie aus Washington drahtlich gemeldet wird, hat das Staatsdepartement die Mitteilungen des Deutschen Kaisers an den Prösioenten Madriz von Anfang an für einen reinen Formalitätsakt gehalten und sieht daher keine Veranlassung dafür gegeben, irgendwelche Aufklärungen in dieser Angelegenheit von der Ma- drizpartei zu verlangen.
** Wegen der Veröffentlichung des Schiff- fahrtsabgaben-Enttvurfes in der „Köln. Zlg." war, wie wir mitteilten, ein „Verfahren gegen Unbekannt" eröffnet worden. Dieses Verfahren ist nunmehr, wie die „Deutsche Tagesztg." berichtet, als ergebnislos eingestellt worden. Von einem Zeugniszmangsversahren gegen die „Köln. Ztg." wurde abgesehen. Die Vermutungen darüber, rveshald so verfahren wurde, liegen sehr nahe.
* Neberirlebene Meldungen von einem angeblichen Unfall der Kaiserin tischt der Pariser „Marin" seinen siesern auf. Die Kaiserin hatte sich in Sonderburg beim Rosenpflücken an einem Dorn leicht die Hand geritzt. Das Pariser Blatt berichtet seinen Lesern darauf in sensationeller Ausmachung von einem Unfall der deutschen Kaiserin. Wohlwollende Absichten können derartigen Uebertreibungen doch unmöglich zugrunde liegen.
** Die Meldung von dem Antwortschreiben des Papstes an dm König von Lachsen sott eriunben sein. Verschiedenen Blättern wird aus Dresden gemeldet: Die angebliche Antwort des Papstes auf das Schreiben des Königs von Sachsen an ihn wegen der Borromäusenzyklika ist eine Fabel. Sie stützt sich lediglich auf die Vermutung des Gewährsmannes jener Blätter, daß der Papst wohl dem König von Sachsen ähnlich wie dem preußischen Gesandten beim Vatikan antworten werde. Von sächsischen, amtlichen Stellen und auch dem König selbst wird dessen Schreiben an den Papst durchaus Privatangelegenheit betrachtet, und man will weder dessen Inhalt noch eine etwaige Antwort des Papstes bekanntgeben.
* lieber einen gemeinen Mißbrauch der Bibel lesen wir in der .Deutschen Tageszeitung':
Zum allerschärfsten Protest fordern in den letzten Lustigen Blättern drei Silber heraus, die mit ihren aus dem Neuen Testament entnommenen Unterschriften einen dreisten Mißbrauch der Bibel zum Zwecke einer spezifisch jüdischen „Satire" bedeuten. Auf dem einem Bilde ist Herr von ©minner als Bergprediger bargestellt, der zu dem Freiherxn von Rheinbaben die Christusworte spricht: „Ihr seit das Salz der Erde. Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man's salzen." Die beiden anderen Bilder handeln von Herrn Dernburg. Aus dem einen wirb Herr Erzberger bargestellt, der als Jubas zum Reichskanzler sagt: „Was wollt ihr mir geben. Ich will ihn (Dernburg) euch verraten." Den Gipfel erreicht aber das Witzblatt mit dem anderen Dernburg-Bilde, auf welchem Dernburg senior mit der Hand auf dem karikierten Strahlenscheitel seines Sohnes die Worte spricht: „Das ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören." Wir haben uns der Illusion hingegeben, daß das Judentum in Deutschland in mancher Beziehung sich in den letzten Jahrzehnten bessere Sitten angewöhnt habe. Gegenüber einem so dreisten Mißbrauch von Bibelworten aber, in denen alle gläubigen Christen Gottesworte unserer heiligen Offen- batung verehren, ist keine Kritik und keine Zurückweisung auch nur entfernt scharf genug!
Wie wäre es, wenn der Protestrurnmel sich einmal gegen solche empörende Verletzungen des ganzen christlichen Empfindens richtete. Das Objekt wäre zweifellos geeigneter als die Enzyklika, und auch anständige jüdische Blätter müßten es sich zur Pflicht machen, gegen diese Roheiten entschieden einzuschreiten. Aber im ganzen „antiklerikalen" Blätter- irolb ist es mäuschenstill, von den Organen des Evangelischen Bundes garnicht zu reden. Wenn das Ehristentum und das Evangelium besudelt iuerben, das regt diese Hetzer nicht auf, aber wenn sie ihren Haß gegen Rom befriedigen können, dann, sind sie allemal da.
)( Polizeihund und Waisenkinder. In der ,P.-H.-V/ (Polizeibund-Verein) Zeitschrift, Organ des Vereins zur Förderung der Zucht und Verwendung von Polizeihunden, Nr. 19. vom 5. Juli 1910, findet sich ein Bericht über eine Polizeihundprüfung in Altona-Ehrenfeld, dem wir folgende Mitteilung entnehmen:
Am Preisrichtertisch saßen der Vorsitzende bei S.-V., Rittmeister a. D. von Stephanitz, Major Klein, Herr Haase nebst Frau und Schoßhünbchen unb einig« Herren, bie nichts mit dem Preisrichteramt zu tun hatten. Es sollte zuerst bie Nasenarbeit der Hund« gezeigt roerb.n, unb zwar Verbellen einer Person, bie sich versteckt hat. Dazu wurden nun Kinder eines Erziehung?- ober Waisenheimes unter Führung ihres Anftaltsvaters (Herr Schmalseld) verwendet! Es war diesen Kindern nicht der geringste Schutz am Körper gegeben. Tatsächlich wurde bald zu Anfang der Vorführung ein Kind in den Oberschenkel derart gebissen, daß eine zirka 4 Zentimeter lange blutende Wunde vorhanden war; Verbandszeug war auch nicht am Platze, so daß ein Altonaer Schutzmann per Rad es erst holen mußte . . .
So verwendet man hilflose Menschen» die Aerrnsten der Armen, als Versuchskaninchen sür die Leiftungsfähigkett der Kinnbacken unserer Polizeiköter! Das klingt ja beinahe so, als lebten rott in Wildwest oder bei bett Hottentotten.
* Karlsruhe, 13. Juli 1910. Die Zweite Kammer teilt nicht den Pessimismus des Finanzministers und hat bekanntlich die von letzten» geforderte Steuererhöhung abgelehnt. Anders die Erste Kammer! In ihrer heutigen Sitzung trat sie mit aller Entschiedenheit dem Standpunkt der Regierung bet. Rach den Ausführungen des Berichterstatters, Engelhardt-Mannheim, muß die Finanzlage in Baden als überaus ernst und bedenklich angesehen werden und es ist größtmögliche Sparsamkeit am Platze.
<? München, 13. Juli 1910. In der gestrigen Sitzung oer Bayerischen K a m m e r der Reichstate hielt der Zenttumssührer Frhr. v. Hertling eine bemerkenswerte Rede im Hinblick aus die an
te i t der Blockpolitik zu Tage getreten. In diesem Punkt ist die Klärung vollständig.
Was an der Klärung noch fehlt, bezieht sich auf die nationalliberale Partei, die seit dem Blockkrach in Gährung geraten ist. Die Rechte und das Zentrum befinden sich dagegen wohl, und der B ü l o w - block ist vollständig abgetan.
Unser Berliner ^--Mitarbeiter schreibt:
Am Jahrestage des Rückttitts des Blockreichskanzlers ist es angebracht, auch einen Rückblick zu werfen auf das nun verflossene erste Jahr der Kanzlerschaft des Herrn v. Bethman mH o ll- w e g. Große Erfolge hat der neue Reichskanzler in dieser Zeit gewiß nicht errungen. Man sagt, daß er auch in diesem Jahre noch Zurückhaltung üben wolle, weil erst der Ausfall der nächsten Reichstagswahlen darüber entscheide, welchen Kurs die innere Politik fortan nehmen müsse. Diese Meinung hat viel für sich. Wenn sie richtig ift, so würde ihm damit allerdings auch eine schwere Ausgabe erwachsen, nämlich die, eine solche Hwltung durchzuführen, daß der Ausfall der Wahlen ihm nicht das Ende seiner Kanzlerschaft bereitet. Herr v. Bethmann Hollweg hat es vermieden, über das Programm seiner Politik sich zu äußern. Rur aus seinen Taten kann man schließen, wes Geistes Kind er ist und sein will. Wir müssen sagen, daß seine Taten recht eindeutig sind. In den letzten Tagen hat die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bekanntlich als die politische Forderung des Tages bezeichnet die Zusammenfassung aller positiv febaffenben Kräfte. Einen Kommentar dazu bildet eine Darlegung über die Stellung des Reichskanzlers zu den Parteien, welche die „Nalionalztg." von besonderer Seite erhalten hat. Es heißt hier:
„Der Eindruck, den das letzte Ministerrevirement in der linksstehenden Presse hervorgerufen hat, hat den Reichskanzler sehr Überrascht. Der Reichskanzler wundert sich darüber, baß er von liberaler Seite als „Reaktionär" und Anhänger des schwarz-blauen Blocks bezeichnet wird, ein Vorwurf, der nach seiner Meinung durchaus ungerechtfertigt ist. Der Reichskanzler steht feiner politischen Heberjeugung nach dem rechten Flügel der Nationalliberalen am nächsten, jedenfalls unvergleichlich näher, als den extremen Konservativen, als deren „Handlanger" er in einem Teil der liberalen Presse mit Vorliebe bezeichnet wird. Auch die Veränderungen in den leitenden Stellen der preußischen Staatsverwaltung sind vielfach durchaus, falsch aufgefaßt worden. Der Reichskanzler hat sich jener Persönlichkeiten entledigt, die seiner lieber« zeugnng nach seinen politischen Absichten hemmend entgegenstanden. So ist es ein offenes Geheimnis, daß der frühere Minister des Innern, v. Moltke, nur sehr widerwillig an die Wahlrechtsvorlage heranging und Vie Vorlage im Landtage so lau wie eben möglich verteidigte. Der Reichskanzler war nun der lieber« zeugung, daß die Wahlreform im Landtage eher verwirklicht worden wäre, wenn Herr v. Moltke nicht durch die ganze Art seines Eintretens für bie Vorlage zu erkennen gegeben hätte, daß ihm an dem Zustandekommen der Vorlage nichts lag. Mir Herrn von Arnim-Criewen bestanden erheblicheMeinungsdlfferenzen über die Polenpolitik, während der hauptsächlichste Grund für daS Ausscheiden v. Rheinbaben in einer Reihe persönlicher Verstimmungen zwischen ihm und dem Reichskanzler zu suchen war. Der Reichskanzler wird voraussichtlich vor Zusammentritt des Reichstags die Führer der großen bürgerlichen Parteien zu sich berufen und mit ihnen die Lage beraten. Herr von Bethmann vertritt die lieberteugung, daß eine weitere Zerklüftung der bürgtrlidjen Parteien unter allen Umständen vorgebeugt "werden muß, damit die großen Hoffnungen, die die Sozialdemokratie auf die nächsten Retchstagswahlen fetzt, stch nicht verwirklichen."
Diese Darlegung dürste den Ansichten Herrn v. Bethmann Hollwegs entsprechen. Auch wir glauben, daß er als seine nächste und größte Aufgabe die nächsten Re ichstagswahlen betrachtet, bei der er unter allen Umständen ein starkes Vordringen der Sozialdemokratie verhindern will und verhindern muß. Dies ift natürlich nur möglich durch ein einiges Vorgehen der bürgerlichen Parteien. Auf den Fortschritt wird er ja allerdings nicht mehr rechnen, um so wichtiger
« 3itm Jahrestag des Rücktritts des Fürsten Bütow
„uben wir in der linksliberalen M« Artikel bie bett Bernets liefern, daß boxt der Personenkultus ebenso üppig gebest, wie der Haß gegen bie Konservativen.
Es liegt etwas Komisches barin, wenn gerade »er fortgeschrittene Liberalismus, der sonst so Diel #on ben Reckten der Volksvertretung und vom „Mannesstolze vor Königsthrone" zu reden weist, wr konservativen Partei und dem Zentrum es um Verbrechen anrechnet, daß diese Parteien ftwas „gewagt" haben, in der Steuersrage anders su stimmen, als wie der damalige Reichskanzler gefordert hatte. Silit großer Entrüstung hebt z. B. die „Boss. Ztg." hervor, datz Fürst Bülow nach seinem eigenen Zeugnis vorher den Konservativen habe kund und zu wissen getan, er müsse sein Abschiedsgesuch einreichen, wenn sie ihn iu der Erbschastsfteuersrage im Stiche ließen. Und trotz dieser Erklärung haben die Konservativen sich nicht gescheut, in der Frage der Besteuerung des ©alten« und Kiudererdes ihrer eigenen Ueberzeugung zu folgen! Also haben sie „den Fürsten Bülow gestürzt" — was deshalb ein weltgeschichtlicher Frevel ist, weil besagter Fürst Bülow mit seiner Blockkunst liberale Politik betrieb. Einen konservativen Minister zu stürzen, ist ruhmvoll und verdienstlich; einen liberalisierenden Minister zu stürzen, ist schmählich und verderblich!
Wer nicht verblendet ist oder nicht verblenden will, muß doch im Lause dieses Jahres klar erkannt haben, baß Fürst Bülow wirklich abgewirtschaftet hatte. Es ging mit feiner Blockpolitik nicht mehr. Die Harmonie zwischen der Rechkeit und der bärger Uchen Linken ließ sich durch alle Kunstgriffe Bülows unb feines unermüdlichen Blockgehilfen v. Loebell nicht mehr aufrechterhalteu. Weil er den unvermeidlichen Krach voraussah, ließ et es auf die Kraftprobe beim Erbschaftssteuergesetz ankommen. Falls er nur einige Kenntnis von den Anschauungen und Trieben in der konservativen Partei hatte, mußte er doch voraussehen, daß diese Partei (und ebensowenig bas Zentrum) die Besteuerung des auf die Kinder übergehenden Familienvermögens nie und nimmer annehmen werde. Indem Fürst Bülow fein Schicksal von dieser unglücklichen Steuer ab« hängig macht, stürzte et sich selbst.
Run sagen seine liberalen Verehrer, in dem block- und Bülowlosen Iahte sei eine heillose „Ver- wittung" emgeriffen. Was heißt „Verwirtung? Die Staats- unb Reichsgeschäste sind in leidlicher Ordnung weiter abgewickelt worden, wenn auh die Ausräumung der Trümmer der Blockpolitik naturgemäß gewisse Schwierigkeiten machte. Allerdings tft in Preußen das Wahlrechtsgesetz geschettert, aber diese „Verwirrung" kann man nicht den Konservativen und dem Zentrum zur Last legen. Im Gegenteil: wie diese Parteien die Reichsfinanzteform fix und fest durchgesetzt hatten, so waten sie auch bereit und fähig, eine leidliche Lösung der Wahlrcchtssrage zu schaffen. Aber Herr v.BethmannHollweg vereitelte das Werk, und zwar zu Ehren der N a - tionalliberalen. Eine gewisse „Verwirrung" machte sich im letzten Jahre freilich in den K ö p f e n dem erstich, und zwar m denjenigen Köpfen, bre aus liberalen Zeitungen ober Versammlungen ihre „Weichei!" beziehen. Diese Verwirrung wat durch die tolle Hetze herbeigesührt worden, zu der sich na b dem Blockkrach und der Annahme der Steuergesetze die Nattonalliberaken, die Fortschrittler und bch Sozialdemokraten in verständnisinniger Gemeinschaft zufammenfanden.
Wenn das Jahr einen Rainen haben soll, so nrerg es Hetz fahr heißen. Die unglaublich große Hetzatbeit hat aber bisher einen Erfolg im Sinne der Blocksanatiker nicht auszuweisen. Vielmehr ist immer dentticher und zwingender bielinmöglich.