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üti 157. Erstes Blatt.

Fulda, Mittwoch den 13. Juli 1910.

37. Jahrgang.

Deutscher Reich.

: 5Betlitt, 12. Juli 1910. Der Kaiser empfing ?" 'öl^?r'cy Hohcnzollern vor Bergen den französi­schen Gesandten für Norwegen. — Die Hochs ee- I' otte hat ihre diesjährige Sommerreise angetreten. —- ?jf u t ft Bülo w traf mit Gemahlin und dem Grafen und der Gräfin Wallwitz zum Besuche des Preußischen Gesandten von Jenisch in Darmstadt

ein. Nach kurzem Aufenthalt begabeu fich die Herr­schaften nach Wiesbaden zurück. — Staatssekretär a. D. Dernburg tritt am Freitag dieser Woche seine Abreise nach Ostasien an. Er begibt sich auf dem Landwege zunächst nach Wladiwostock.

** Der wirtschaftliche Ausschuß. Wieder- holt sind Wünsche nach einer Erweiterung und Ergänzung deS Wirtschaftlichen Ausschusses gel- lend gemacht worden. Diesen ist nunmehr, wie ha'bamtlich mitgeteilt wird, durch eine Bermeh- rung der Mitglieder um 12 entsprochen worden. Er zählt nunmehr 48 Mitglieder. Der „Wirt­schaftliche Ausschuß" zur Vorbereitung und Be­gutachtung handelspolitischer Maßnahmen" ist im Jahre 1897 mit der Aufgabe gebildet worden, der Reichsverwaltung für Entscheidungen auf wirtschaftlichem und handelspolitischem Gebiet als sachverständiger, beratender und begutachtender Beirat zu dienen. Er ist zusammenberufen zur Hälfte au» Vorschlägen der drei Verbände, auf deren Anregung er zurückzuführen ist (des Zen- tralverbandes deutscher Industrieller, des Deut­schen Handelstages und des Deutschen Landwirt- schastsrats), zur anderen Hälste aus der Initiative des Reichskanzlers.

— Die neue Einkommensteuernovelle. Wie verlautet, wird unter den bedeutenderen Ent- würfen der neuen Landlagssession an erster Stelle der Entwurf zur Neuregelung der Einkommen« und Ergänzungssteuer stehen. Der Entwurf sieht neben neuen Sterrerstusen auch eine Neu­regelung des Veranlagungswesens vor, um die Steuerhinterziehungen auf ein Mindest­maß zu beschränken. Die Einführung eines neuen Steuertarifs erfolgt nicht, um die Steuerschraube mehr anzuziehen, sondern um die durch die Novelle von 1909 geschaffenen Härten auszugleichen. Die geltenden Steuer­zuschläge sollen indeffen nicht abgeschafft werden, denn die Vorbedingung für ihre Schaffung (Deckung der Beamten-Gehaltserhöhung) besteht fort, der Tarif soll aber in den Zwischen­stufen reihaltiger ausgestaitet werden und dadurch auch in ben einzelnen Steuerleistungen ausgleichender wirken. Beabsichtigt ist auch, den früher vom Landtage nicht befolgten Grundsatz, die unteren Steuerstusen bis 1800 Mark möglichst nicht durch Zuschläge zu belasten, wieder aufzunehmen. Nach der Regierungsvor­lage von 1909 sollte ein Zuschlag erst von 7500 Mark erhoben werden, während der Landtag be­reits ein Einkommen von 1200 Mark mit Zu­schlag belegte. Das Finanzministerium hofft, daß durch die geplante Neuordnung der Ein­schätzung Steuerhinterziehungen, die jetzt so häufig vorkommen, bedeutend erschwert sein werden.

s Die Kommission für die Reichöversicherungsord- m»ig, die am Freitag in die Ferien gehen will, strich gestern denjenigen Paragraphen der Regierungsvorlage, wonach Dienstboten von der Versicherungspflicht Befreit sind, wenn für sie bei Inkrafttreten des Gesetze? in Krankheitsfällen durch Landesrecht Fürsorge ge­troffen ist. Nach dem unverändert angenommenen Pa­ragraphen über das Wandergewerbe hat der Arbeitgeber, der eines Wandergewecbescheines bedarf, die in seinem Betriebe Beschäftigten, soweit er sie von Ort zu Ort mit sich führt, ihrer Zahl nach bei der Krankenkasse des Ortes als Mitglied anzumriden, bei dessen Polizeibehörde er den Schein beantragt. Die Beitrüge bis zum Ablauf des Wandergewerbescheines hat der Arbeitgeber im Voraus zu entrichten.

)( Bafferman» scheint wirklich mandatsmüde zu sein. Das kann man aus folgender Mitteilung der Kölnischen Zeitung' aus Saarbrücken entnehmen: »Herrn Baffermann ist allerdings von hieraus die Kandidatur angeboten worden, doch er lehnte dieses Anerbieten von vornherein ab, mit der Begründung, daß er nicht zu kandidieren gedenke. — Wenn Bas- sermaun überhaupt keine Kandidatur mehr annimmt, dann tut er das wohl kaum aus freien Stücken, sondern weil die rechtsstehenden Nationalliberalen, die rheinisch-westfälische Großindustrie ihn wegen seiner linksliberalen Neigungen ausgeschaltet wissen will. Freilich bedenkt die Großindustrie nicht, daß die Abhalsterung Baffermanns die Partei dem Zer­fall nur näher bringt. Hält Baffermann nicht mehr die extreme» Richtungen im nationalliberalen Lager zusammen, dann geht die „Jugend" zum Fortschritt und die „Alten* wandern zu den Konservativen hinüber.

+ Klatsch. Die liberalen Blätter müssen recht harmlose Leser haben, sonst ist es unoerständllch, wie sie es wagen können, ihnen immer wieder das törichtste Gerede vorzusetzen. Der Lannoo. Rourief zeichnet sich von jeher nach dieser Richtung ganz beionders aus. Jetzt (Rr. 752) entnimmt er einer Somfponbeng die Nachricht, daß der Zentrumsabg. Graf v. Oppersdorf sich vor allen anderen rühmen könne, den — gar nicht vorhandenen — „schwarz-blauen Block" geschmiedet und den Fürsten Bülow „gestürzt" zu haben. Das wlste man am besten in jenem neuesten Berliner Absteigequartier des Hochadels, das von den mterefsirrten Fmanzverwaüern des Fürsten Fürsten- beyfi Avisen lanziert worden sei, und in dessen Sälen sich vorwiegend die Unterhaltungen zwnchen den Hochkonservativen und dem Grasen v. Oppersdorf abgespielt hätten. Dort habe dieser den „Hochkonservativrn" seinerzeit plausibel zu machen gewußt, daß sie nichts riskierten, wenn sie mstarbeiteten an dem Sturze des Fürsten Bülow, weil dieser ohnehin in den Novembertagen 1908 in Ungnade gefallen sei. Schließlich heißt es:

„Bis der große Wurf gelungen, bis Fürit Bülow gestürzt und der schwarz-blaue Block geschmiedet war, hielt Graf Oppersdorf sich parlamentarisch vorsichtig zurück. Erst nach BülowS Sturz trat der Sieger als­bald auffallend tu den Bordergrund als Zentrums-

0 Eine neue Preßhetze wegen eines „Kaiserbriefes".

Unsere alten Freunde aus der „Einkreisungs"- Zeit, welche die in englischer Sprache geschriebene Weltpresse systematisch zur Verdächtigung der deutschen Politik und namentlich des deutschen Kaisers zu benutzen wußten, sind wieder an der Arbeit. .

Diesmal arbeitet die Londoner Preffe in trautem Verein mit der nordamerikanischen. Der Frosch, den die deutschfeindlichen Federhelden z>tm Elefanten aufblasen wollen, ist die ganz sormularmäßrg, nach Schema F abgefaßte Antwort auf das ebenso forniularmäßige Schreiben, durch das der neue Präsident von Nicaragua, Sennor Madriz, seinen Amtsantritt anzeigte. Tas Antwort­schreiben ist in üblicher Weise von Kaiser Wil­helm II. unterzeichnet, aber es ist kein „Kaiserbrief" in dem üblichen Sinne des Wortes, sondern ein int Auswärtigen Amte entworfenes Aktenstück, das nichts enthält, als die bei solchen Gelegenheiten her­gebrachten Höflichkeiten.

Und in dieser höflichen Erledigung und höflichen Anzeige wollen nun die besagten Engländer und Nordamerikaner nichts geringeres erblicken, als eine Herausforderung der Vereinigten Staaten, eine Einmischung Deutschlands in die amerikanischen Zwistigkeiten, eine Verschwörung Deutschlands mit Nicaragua gegen die Monroc-Doktrin. Damit die Gemüter gehörig er­regt werden, wird zunächst an das Krüger-Tele­gramm von 1896 erinnert und hinterher frischweg dazugelogen, daß Präsident Madriz dem deutschen Reiche eine K o h l e n st a t i o n auf einer Insel seines Bereiches versprochen habe.

Es ist Unsinn, aber er hat Methode. Die eng­lische Presse hat leider die Macht in der Hand, die öffentliche Meinung in fast allen zivilisierten und halbzivilifierten Ländern wirksam zu beeinfluffen, ehe von deutscher Seite eine Gegenwirkung aus- geübt werden kann. Von dieser Kunst der politischen Brunnenvergiftung haben rohe im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts bekanntlich Proben genug er­lebt. Seit dem Abflauen der Eduard'fchen Ein- kreisungSpolltik schien die deutschfeindliche Preßver­schwörung ihre Hetztätigkeit eingeschränkt zu haben und sich mit der Aufbauschung der deutschen Flotten­bauten zu begnügen. Nun aber geht das Ver­dächtigen und Verleumden ganz im alten Stile wieder los.

i Daß die „Gerüchte" von einer deutschen Kohlen­station auf einer nicaraguanischen Insel ganz und gar bodenlos find, rotff en die besagten Preß­helden selbst am besten; denn sie haben sich die „Nachricht" einfach aus ihren eigenen Fingern ge­sogen, daß der vom Kaiser unterzeichnete Brief nur ein Antwortschreiben nach Schema F ist, wissen sie ebenfalls. Aber ausgebeulet werden die hergebrachten Höflichkeitsroendungen doch. Beide Schriftstücke sind in den hierfür völkerrechtlich üblichen Formen gehalten, die u. a. auch die Anrede „Großer und guter Freund" vorschreiben. Nun kann mau ja der Ansicht fein, daß vielleicht das deutsche aus­wärtige Amt etwas zu höflich gewesen ist. Am Ende hätte man statt gleich zu dem Formular zu greisen, erst abwarten sollen, was aus der bestritte­nen Präsidentschaft des Sennor Madriz wird, und man hätte auch am Ende die Titulaturen und die Wünsche nach freundlichen Beziehungen, die etwas vom spanischen Stil an sich haben, auch etwas mäßiger halten können, da doch Nicaragua wirklich keine Großmacht und die ewig abwechselnden Prä­sidenten keine vollwichtigen Staatsoberhäupter im europäischen Sinne sind. Aber das sind zweifel­hafte i)iebenfad)en, die uns bloß angchen. Den Engländern und Nordamerikanern stehl nicht das mindeste Recht zu, unserem Kaiser oder unserem auswärtigen Amt den Austausch von herkömmlichen Höflichkeiten mit dem Präsidenten eines dritten Staates zu verbieten oder auch nur zu verargen. Wenn die Vereinigten Staaten Nicaragua annektieren wollen, so mögen sie es unsertwegen tun; so lauge sie cs nicht getan haben, ist Nicaragua ein selb­ständiges Staatswesen, mit dem jeder andere selb­ständige Staat diplomatische Beziehungen unter­halten kann.

Wir sehen aus dem neuesten Vedächtigungsseld- zuge, daß der alte deutschfeindliche Geist noch nicht tot isi und daß er nach wie vor die Presse zu seinen Hetzvcrsuchen zu benutzen versteht. Unsere Diplomatie muß vorsichtiger sein, als jede andere Diplomatie; denn Deutschland ist das best­gehaßte und ärgstverfolgte Land.

Eine weitere Nutzanwendung drängt sich auf. Muß der in englischer Sprache geschriebenen Presse das Weltmonopol in Bearbeitung der öffentlichen Meinung unbestritten überlassen bleiben? Ist es nicht ein Skandal, daß als einzige Kabelmeldung von Amertta her auch in deutschen Blättern ein Telegramm der sogn. Vereinigten Preffe von Nordamerika zum Abdruck kommt, in dem die bös­artigsten Tendenzlügen stehen, z. B. der schöne Satz: „Jetzt will anscheinend der deutsche Kaiser in Nicaragua intervenieren." Wohlgemerkt: das wird auch dem deutschen Leser als jüngste Neuigkeit vorgef.tzt! Tie Berichtigung, die in Berlin langsam zu Tage tritt, kommt zu spät und vielfach garnicht an das Ohr der fremden Völker, die von den eng­lischen Blättern und den englischen Kabeldcpeschen bevormundet werden.

Wir müssen auf die Organisation eines deutschen oder doch deutschfreundlichen Welt- depc scheu dien st es in großem Stile bedacht sein.

tebnei im Reichstag. Und unvergeffen ist, wie er im Herrenhaus als einziger dem Antrag Schorlemer ent­gegentrat und wie die Prophezeiung, mit der er da­mals seine Rede schloß, dann im Abgeordnetenhause ihre volle Bestätigung gefunden hat!"

Die ,Kreuzztg/ tut den blöden Klatsch wie folgt ab:

Bon diesem Komplott zwischen sagenhaften „Hoch- konservativen" und dem gräflichen Zentrumsabgeordne­ten in dem geheimnisvollen „Absteigequartier" ist selbst­verständlich, wie auch dem Hannov. Courier' bekannt sein muß, kein Wort wahr. Und wenn in derselben Nummer dieses jungliberalen Blattes in einer Ein­sendung seines Berliner Korrespondenten zu lesen ist, Herr Baffermann habe aus dem „zum Tell ja recht offenen Intrigenspiel" schon im Borfrühling 1909 er­fahren, daß des Fürsten Bülow Kanzlertage sich ihrem Ende zuneigten, so steht das auf demselben Blatte liberaler Erfindungen. Wenn von einem Intrigenspiele gesprochen werden kann, so keinesfalls mit Bezug auf die Konservativen. Die Jungliberalen dagegen sollten sich hüten, gerade jetzt den Strauch so deutlich kenntlich zu machen, hinter dem sie ihrer hetzerischen, intriganten Beschäftigung nachgehen.

— Nicht nur die Borromäus Enzyklika, sondern auch den hl. Karl Borromäus selbst hat der Evangel. Bund und die ihm ergebene liberale Presse in der ge- häffigsten Weise angegriffen. Da ist es nun inter­essant, zu lesen, was ein Protestant über die ka­tholische Kirche und den hl. Karl Borromäus schrieb. Johann Kaspar Lavater, der berühmte protestan­tische Prediger, Gelehrte und Dichter von Zürich, ge­storben 1801, schrieb:

„Ich halte den konsequenten Katholiken für eines der verehrungswürdigsten und seligsten Produkte der Menschheit, für das wundervollste Wunder. Welche Kunst und welche Demut, weiche Erhöhung und Vernichtung seiner selbst vereinigt sich in ihm! Welche wunderbare Kraft hat ein Priester! Wie glücklich muß er sich im Gefühle seiner Würde fühlen! Welchen seligen Glauben an eine wunderbare Kraft hat der Glaubende an des Priesters Würde. Welche Beruhigung findet er in seiner frommen Hingebung unter die Aussprüche einer un­fehlbar geglaubten Kröche. Soll ich einem so selig Glaubenden diesen Genuß rauben 'i — Diesen Glauben, der ihm solchen inneren geistigen Genuß verschaffen kann, bestreiten oder gar verspotten? — Das sei fern! Verflucht sei, wer einen Kultus Abgötterei nennt, dessen Gegenstand Christus ist."

An den edlen Dichter Leopold Stolberg, der ka­tholisch geworden war, schrieb Lavater:

„Wahre die Ehre der katholischen Kirche! Hebe Tugenden aus, die von Unkatholischen unmöglich sein werden. Tue Taten, welche beweisen, daß Deine Aende- rung einen großen Zweck hatte und daß Du diesen Z,i>eck Nicht verfehltest. Werde ein Heiliger wie Karl Borromäus. Ihr habt Heilige, ich leugne es nicht. Wir haben leine, wenigstens keine, wie ihr sie habt. Ich verehre die katholische Kirche als ein altes, reichlich beschnörkeltes, majestätisch gotisches Gebäude, das uralte teure Urkunden ausbewahrt. Der Sturz dieses Ge­bäudes würde der Sturz alles kirchlichen Christen­tums sein."

Was wird der Evangelische Bund zu dieser Aus­lassung eines Protestanten sagen?

* Saarbrücken, 10. Juli 1910. Das Saarrevier hat wieder seinen Kriegervereinsfall. Dies­mal hat er einen stark kulturkämpferischen Anstrich. Der Vorstand des Kriegervereins Altenwald hatte die Ein­ladung zur Tellnahme an der Feier der Grundstein­legung der katholischen Kirche in AltenwÄd vor einigen Wochen abgelehnt mit der Begründung, daß Krieger- vereine an konfessionellen Feiern sich nicht beteiligen dürsten. Eine Anzahl Mitglieder hielten dieses Vor­gehen des Vorstandes für unberechtigt; sie nahmen da­her in Uniform unter dem Kommmrdo eines Veteranen an der Feier teil. Der Vorstand hielt nun ein Gericht über die „Sünder" gelegentlich einer Vereinsversamm­lung, ob sie im Bewußtsein gehandelt hätten, ob es ihnen leid tue, was sie getan hätten und ob sie ver­sprechen wollten, nie wieder so zu handeln, und legte den betreffenden Mitgliedern mehrere Fragen vor. Einige beantworteten die Fragen, andere nicht. Die Versammlung selbst wurde zu der Sache nicht gehört; die eine Antwort verweigernden Mitglieder wurden kurzerhand ausgeschlossen. Diese Ausgeschlossenen grün­deten nun einen neuen Militäcverein. Heute fand die konstituierende Versammlung statt. Den Vorsitz führte ein ausgeschlossenes Mitglied, der evangelische Berg­mann Hampel. Es wurde mitgeteilt, nach dem Aus­schluß habe der Vorstand auch noch Schritte getan, da­mit die Ausgeschlossenen in einen anderen Verein nicht ausgenommen würden. In der Versammlung kam die Entrüstung über ein derartiges Vorgehen deutlich zum Ausdmcke. Es wurde betont, daß der Kriegerverein Hühnerfeld gerade heute an der Feier der Grundstein­legung der katholischen Kirche in Hühnerfrid teilgenom- men habe, nur Altenwald halte so was für unzuläs­sig. Der neue Verein schließt sich dem Saarmilitärver­band an.

cf München, 11. Juli 1910. In der Abgeord­netenkammer legte heute bet der Beratung des Kultusetats Kultusmiltister Dr. von Wehner die Stellung der Regierung in der Frage der geift - lichen Schulaufsicht dar. Aus der Rede des Ministers ging hervor, daß an der Schulaufsicht nichts geändert wird. Der Minister verwies dabei nicht nur auf die großen Kosten, welche die Ein­führung der Fachaufsicht verursachen würde, sondern auch auf die Bedeutung der geistlichen Schulaussicht für die religiös-sittliche Erziehung der Jugend. Da­gegen machte der Minister Bedenken verfassungs­mäßiger Natur gegen geistliche Bezirksinspektoren im Hauvtamte geltend. Der Minister schloß mit der Versicherung, er hoffe, daß die Lehrer ihre Pflicht erfüllen werden, wenn auch ihre Wünsche hinsicht­lich der Schulaussicht nicht in Erfüllung gehen kön­nen. Er habe zu dem Pflichtgefühl der Lehrer großes Vertrauen. Das Zentrum spendete dem Minister wiederholt Beifall, besonders bei den letzten Worten. Abg. Müller-Hof (Meiningen) polemisierte bann gegen die Ausführungen des Ministers in der breitesten Breite, wobei er die „tote Hand", die Borromäus-Enzyklika, die Jesuiten rc. in die Erör­terung zog. Rasch leerte sich der Saal, welcher während der Rede des Ministers sehr gut besetzt war. Aba. Held lZtr.) erörterte die Auffassung

des christlichen Volkes in der Schulfrage und zeigte an der Hand eines reichen Materials den Unter- schied, der zwischen der christlichen und der liberalen Anschauung in der Frage der Schulaufsicht und Er- ziehung der Jugend besteht.

Ausland.

** Das belgische Königspaar ist am Dienstag zum feierlichen Antrittsbesuch in Paris eingetroffen. Es wurde vom Präsidenten der Republik und den Ministern am Bahnhofe festlich empfangen.

* Englische „Lustschiffparade". Zu Ehren des cng- lischen Königpaares fand Montag in Aldershot eine Vorführung der englischen Armeeluftschiffe statt. Das neue Luftschiff „Gamma" tauchte plötzlich hinter den Bäumen vor dem König auf. Kaum konnte der König seine Bewunderung über das in der Abend­sonne glänzende Schiff ausdrücken, als auch schon die Motore versagten und das Schiff vom Winde a b - getrieben wurde. Dann erschien der alte retro ■ e Ballon „Beta" auf dem Paradeplatz. Er .a . le, wurde von der Königin besichtigt und stieg bann wieder auf, um einige Evolutionen vorzuführen. Aber auch ihm versagte der Motor und plötzlich ver­schwand der Ballon von der Bildfläche. Es beronn eine allgemeine Jagd nach ihm, an der cm Königin im Automobil teilnahm. Das Ln 1 wurde in Laffans-Plaiu glücklich gelandet und ewnu wie der Ballon „Gamma" von Truppen nach dem Schuppen geschleppt.

** Zum Rücktritt des persischen Kabinetts wir» noch gemeldet: Der bisherige Premierminister Wett Chan, genannt Sepehdar, ist der Begründer d<- persischen Verfassungsstaates. Er vor allem b-i durch seine reichen Mittel und seine militärischen Erfahrungen die Umwandlung Persiens in eine» konstitutionellen Staat ermöglicht. Künftig will er nur noch als Volksvertreter am öffentlichen Leben teilnehmen. Neuer Ministerpräsident ist der lang­jährige Minister des adgesetzten Schahs Mohammed Ali, Mnstofi el Memalek.

** Indien. Nach einer in Amsterdam eingc- gangenen Drahtnachricht sind die Bewohner der malayischen Niederlassung Saribanoa auf der Insel Siporah an der Westküste Sumatras durch Ein­geborene niedergemacht wurden. Am Tage nach der Tat, die am 29. Juni verübt worden ist, sand zwischen Truppen und Eingeborenen ein Zusammen- stoß statt, bei dem zwei Soldaten vewundet wurden.

volkswirtschaftlicher und Sozialer.

* Baumwolle. Wir lesen in der „Köln. Vztg.": Nach einer soeben erschienenen Ausstellung bleibt nur ein Drittel des Gesamtertrages der amerikani­schen Baumwollernte in den Vereinigten Staaten, während die übrigen zwei Drittel nach e u - ropäischen Ländern zur Ausfuhr gelangen wer­den. Der Wert der im Jahre 1905 in den Vereinigten Staaten verarbeiteten Baumwollgewebe wird auf 2 250 000000 Frcs. geschäht. Der Wert der Gewebe, welche in Europa aus amerikanischer Baumwolle her­gestellt wurden, belief sich dagegen auf 10 000 000 000 Frs. Dabei muß bemerkt werden, daß die in Europa hcrgestellten Gewebe im allgemeinen von weit besserer Beschaffenheit, als diejenigen sind, wriche in Amerika erzeugt werden. Infolgedessen ist auch die Ausfuhr baumwollener Gewebe aus Amerika weit geringer, als die Einfuhr. Während des Jahres 1908/09 wurden nach Amerika für 313 Millionen Frs. baumwollene Gewebe zur Einfuhr begracht, während die Ausfuhr sich nur auf 153 Millionen Frs. belief. Interessant sind auch die Angaben über die in der Welt augenblick­lich beschäftigte Zahl der Webstühle und Spindeln. An erster Stelle steht natürlich England mit 739 000 Web- ftühlen und 57 026 000 Spindeln. Dann folgen die Vereinigten Staaten mit 556 O00 Webstühlen und 27914009 Spindrin. In Deutschland be­schäftigt man 230 000 Webstühle und 10163 000 Spindeln; Rußland besitzt 167 000 Webstühle und 8 274000 Spindeln. In Oesterreich- Ungarn laufen 149 000 Webstühle und 4 662 000 Spindeln, und nur um ein weniges geringer ist die Anzahl der Webstühle und Spindeln in Italien; sie beläuft fich auf 120000, bezw. 4 500 000. In der Schweiz gibt cs nur 20 000 Webstühle und 1 492 000 Spindeln. In Spanien beschäftigt man 55 000 Web­stühle und 1 800 000 Spindeln

Lokaler.

Fulda, den 13 Juli 1910.

* Ukberlandzentralkn und Gemeinden, liebet dieses Thema verbreitet sich Abg. Speck (München) in bemerkenswerter Weise in den Kommunalpolitischen Blättern (Nr. 6). Er führt u. a. aus:

Die Tätigkeit der Gemeinden wird veranlaßt sein einmal zur Vertretung der Jnleressen der Gemeinde- angehörigen als Stromabnehmer gegenüber den unter­nehmenden Gesellschaften, dann aber auch zur Währung des gemeindlichen Eigentums an Grund und Boden. Sofern es sich nicht um ganz große, induftriereiche G» meinden handelt, die in der Lage waren, durch ihre« Stromverbrauch allein ein Werk zu alimentirreu, wirt der Zusammenschluß der Gemeinden zu groben G» meindeverbänden notwendig sein zur materiellen utr.- finanziellen Fundierung eines fachen Unternehmens. Daß ein solches nicht ohne die sachkundige Mit­arbeit einer größeren leistungsfähig" Elektrizitätsgesellfchaft ins Leben gerust», werden kann, liegt auf der Hand. Dieser Gesellschaft aber nicht nur die Ausführung, sondern auch die ge­samte Finan.ierung des Unternehmens zu überlaffen. erscheint nicht rällich. Die finanzielle Beteiligung der Gemeindeverbände ist schon um deswillen wünschenswert, um denselben auch einen gewissen Ein­fluß auf die gesamte Verwaltung zu sichern, was ins­besondere für die Stromabnehmer hinsichtlich bei Strompreises von der allergrößten Bedeutung ist. Die Verträge mit der Gesellschaft müssen befristet' sein und es liegt im Interesse der Gemeinden, keine allzu lang lausenden Verträge abzuschließen, um nach Ablauf einer gewissen Zeit die Möglichkeit zu haben, eventuell neue abzuschließen unter günstigeren Bedingungen: . . . . . Emer aefunben kommunalen Mittelstands-