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37. Jahrgang.

Fulda, Dienstaq den 12. Juli 1910

Erstes Blatt.

Jv3 156.

von C. Weßner.

den, Angst und Gewissensbisse, die ihn so jäh ver-1 »Ich kann eS nicht guw ändert hatten? Lena mußte Brand den Schlüssel ge-1 stöhnte das arme Mädchen.

Erscheint täglich mit Ausnahme der $o;m» «ad Zeiertage. viertel­jährlicher vr;ugrprei§ ohne Sringerlohn und SeftellgeldinZnldaso« »ir auswärts50 mt

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auf

»Er tat eS nicht! Nie, nie! Er hat ihn nicht ge­tötet — o, Elfriede o mein @oti!"

Dann sank sie kraftlos und zitternd in ihren Stuhl.

In dumpfem Schweigen sahen die beiden Mädchen einander an. Dieser Gedanke war furchtbar! Ob­gleich Olga die Gerichtsverhandlung gelesen, hatte sie den in der Hand des Toten gefundenen Schlüffe! mit dem, welchen Herbert Brand an der Uhrkctte trug, nicht in Verbindung gebracht. Jetzt, wo ihre Auf­merksamkeit in so tragischer Weise auf diesen Gegen­stand gelenkt wurde, wunderte fie sich, daß sie nicht von selbst daran gedacht; es fiel ihr plötzlich ein, daß Lena am Morgen nach dem Morde so oft ans Fenster gelaufen war und hindurchgeblickt hatte. Wartete ste da vielleicht bereits auf eine Nachricht von ihres Man­nes Tod? Olga erinnecrte sich, daß Brand so elend ausgesehen hatte, als er sie in ihrer Wohnung auf­suchte, bevor er die Stadt verließ. Waren es Schre-

geben haben. Und doch hatte sie vor Gericht ausge- sagt, sie habe ihn ihrem Gatten geschenkt! Verteidigte sie Brand etwa, weil er ein gemeinsam geplantes Ver­brechen auSgeführt? Mit blitzähnlicher Geschwindig- kett zuckten diese Gedanken durch Olga's Hirn. Sie schauderte entsetzt vor dem Abgrund zurück, der sich so plötzlich zu ihren Füßen auftat. Der Mann, den sie liebte, ein Mörder — entsetzlich, furchtbar — un­

glaublich!

„DaS muß ein Irrtum sein, Elfriede?" sagte ste angstvoll. „Er ist nicht imstande, einen Menschen zu töten!'

„Mit kaltem Blute jedenfalls nicht", gab Fräulein Lambert mit bebender (Stimme zu. „Aber er besitzt ein etwas heftiges Temperament Ich sah ihn einmal ht einer Gesellschaft bei Lena sehr hitzig werden, daher weiß ich es. Melleicht-ging Brand in das Büro, um sich mit Kirby auszusprechen. Wenn bann ein Wort das andere gab, mag er vielleicht den töllichen Stoß —'

„Aber, wenn Lena ihm den Schlüffe! gab", fuhr Elfriede fort, „und wenn er ihn an feiner Uhrkette trug — wie kam er dann in des Toten Hand? Du mußt mit Tatsachen rechnen!"

„Tatsache ober nicht — ich glaube nicht, daß Her­bert Kirby tötete. Glaubst Du denn, ich könnte einen Mann lieben, der eines solchen Verbrechens fähig ist? Außerdem, was für einen Grund hätte er dazu ge-

roollen?"

Rein!" Elfriede schauderte. „Um Gotteswillen, nein! Aber meinst Du — er sei schuldig, Olga?"

Ich kann eS nicht glauben, ich kann es nicht!

hat. Er meint nämlich: .Die gegenwärtige Einig, leit der Deutschen Großlogenbundes könnte der Außenwelt gegenüber nicht bester dokumentiert werden, als wenn eine Erklärung des Deutschen Großlogenbundes erfolgte.' Mit der gerühmten Einigkeit der Deutschen Großlogenbundes ,st eS ja, wie man weiß, in Wirklichkeit nicht weit her. Aber $ntber Neumann hofft wohl, der Haß gegen Rom der so viele sich sonst scharf bekämpfende Gegner einigt, werde auch die zerfahrenen Truppen der Freimaurerei wieder einigen. DaS ist aller- dings ein Geständnis, daS gemerkt zu werdm verdrmt.

habt?" Ä m , .. _

Fritzi zuckte die Achseln. „Der Srunb wäre klar genug", antwortete sie „Ich weiß natürlich nicht, ob er den Mann getötet hat. Wenn er es aber getan — nun so muß ich mich in der Annahme, daß er Dich liebt, geirrt haben. Ich glaubte das, wie ich Dir schon sagte"

„Halt ein! Hör auf! Willst Du mich zum Wafeu- iinn"treiben?" rief Olga aufsvringend und begann er­regt im Zimmer auf- und abzuschreiten. „Er ist un- sckuldia! Er wird schon Aufklärung darüber geben

können, wie und wo er den Schlüssel verloren und wo er sich am Abend des Mordes aufgehalten hat!"

„Aber die Zeugenaussagen —'

„Ich weiß, es spricht alles gegen Herbert. Aber trotz alledem ist er unschuldig! Er muß unschuldig sein! Es ist mehr als einmal vorgekommen, daß ein Mensch auf verdammende Zeugenaussagen hin verurteilt und seine Unschuld dennoch später bewiesen worden ist! O, schweige, schweige! Solange ich nicht von Her­berts eigenen Lippen höre, daß er schuldig ist, solang, glaube ich nicht an seine Schuld!"

O Olga, wie Du diesen Mann liebst!

„Liebst! Ja, ich liebe ihn! Jetzt, wo er sich in Gefahr befindet, liebe ich ihn noch einmal so sehr rott vocher!"

„Vielleicht schwebt er gar nicht in Gefahr?" meinte Fräulein Lambert. „Vielleicht denkt außer uns beiden überhaupt niemand daran, daß er in diese Sache ver­wickelt ist?"

„Ich weiß es nicht, ich kann eS nicht sagen. Wer mag es wissen? Diese Geheimpolizisten sind sche schlau. Besonders dieser eine — wie heißt er doch — dieser Feldern! Womöglich denkt er ebenso wie wir. Vielleicht verfolgt er Herbert schon — vielleicht verhaftet et ihn! Ach, es ist entsetzlich!"

„Warum wamst Du ihn bann nicht?" fragte El­friede. „2Bo ist er jetzt?"

„Auf dem Lande — in Bittern. Er ging dorthi^ um sich ein wenig zu erholen. . Gestern erhielt ko einen in meine Wohnung adressierten Brief Ci schrieb von seinem neuen Roman, so ruhig und harm­los wie ein Mann mit reinem Gewissen, nicht abei tote einer, dem ein so fluchwürdiges Verbrechen aus der Seele lastet und der vor der ©träfe geflohen ist Nein, nein, er ist unschuldig!"

„Olga, Olga, bcherrsche Dich!" Warnte die Freun bin eindringlich. „Deine Mutter —"

„3a, ja, sie darf nichts wiffen." Olga _ stürzt» hastig ein Mas Wasser hinunter. „Ich muß ruhik werden. Ich muß auf Mittel und Wege sinnen, roi< ich ihn retten kann!"

(Fortsetzung folgt)

3>er Wampyr.

Roman von Fergus Hunte. Autorisierte Bearbeitung

„Halt ein, ich sage Dir, es ist nicht möglich! unterbrach Olga sie in tiefster Entrüstung. „Im gan­zen Leben halte ich Herbert eines solchen Verbrechens nicht für fähig! Es war keine Spur eines Kampfes vorhanden, folglich kann auch kein Wortwechsel vor- ausgegangen sein. Kirby ist, wie das ärztliche Sach­verständigenurteil lautet, erstochen worden, als er still im Stuhl saß. Herbert würde nie eine so feige, hin­terlistige Tat begangen haben!"

In ihrer Erregung nannte sie ihn Herbert und Elfriede bemerfte es. Dieses Sichoergeffen bewies ihr noch mehr als die warme Verteidigung, wie tief Olga diesen Mann liebte.

„Was ist da zu hm?" fragte Elfriede.

Nichts!" Olga stützte die Arme auf dm Tisch und'strich sich das Haar aus der Stirn zurück. „Was tonnen wir tun als schweigen? Du wirst doch ben Mann nicht ins Gefängnis bringen, ihn anzeigen

c Auch die Freimaurer wolle» protestiere»!

Die haben auch noch gefehlt! In der,Bauhüttri (Nr. 28) regt Br.-. Otto Neumann, der — wie be­merkt zu werden verdient — auch im Evangelischen Bunde eine große Rolle spielt, an, daß der Deutsche Großlogenbund eine offene und öffentliche Er­klärung gegen die Enzyklika abgeben soll.

Bekanntlich darf sich die Freimaurerei um poft- tische und kirchliche Fragen nicht kümmern. Bruder Neumann motiviert deshalb die Sache folgender«

Hten verschenken wollte, so wäre das nur eine Art evangelischer Demonstration, ein Protest gegei katholische Eigenart und gegen katholisches Sonde« empfinden. Ein solches absichtliches Vorgehen roäe gerade im Gegenteil geeignet, Unruhe und Vev ftimmung hervorzurufen. Es sei auch gar nrchi wahr, daß der Kaiser einer solchen Taktik huldigt Wahr sei aber folgendes: Der Umstand, daß hie, und da unter den Aufmerksamkeiten des Kaiser! sich auch einmal eine Bibel befindet, die unter Be­zug auf private Unterhaltungen mit Zustimmung des Empfängers einem Katholiken zugegangen tft wurde von orthodox-protestantischer Sette z« einer gewiffen Propaganda ausgenützt, du nur schädlich wirken könne und durchaus nicht tm Sinne des Kaisers liege. Jede Aeußerung des Kaisers, jede Diskussion übet theologische Dinge ja, jede Schiffspredigt werde von jener Seite in du Oeffentlichkeit getragen, um „religiös" zu wirke» und um die Identität vom preußischen Thro, und protestantischen Altar zu betonen. De, Kaiser wolle das nicht. Es werde entweder ohne sein Wissen gemacht, oder man provoziere bet ihm unter Hervorhebung irgendwelcher anöeie, Gesichtspunkte eine mündliche oder schriftllche Aeuße» rung, die dann propagandistisch ausgenutzt wiro. — Diese Plauderei des liberalen Blattes ist rech interessant und lehrreich für die Katholiken.

+ Der Papst hat das Handschreiben des König» von Sachsen in Sachen der Borromäus-Enzyklika mit einem Gegenhandschreiben beantwortet, worin er dem König erklärt, daß er niemals eine Beleidi­gung der deutschen Protestanten beabsichtigt habe, und daß et die Mißverständnisse durch die Nicht- Veröffentlichung der Enzyklika bereits beseitigt habe.

= Fanatiker, über die man nur mitleidig den Kopf schütteln kann, sind die „Freunde evan­gelischer Freiheit", eine Vereinigung in Greifs-, wald. Nach der,Tägl. Rundschau', die eS ja wiffen muß, hat eine von dieser Vereinigung ein­berufene tausendköpfige Versammlung unter der ausdrücklichen Zustimmung von Vertretern der dortigen konservativen, nationatliberalen, fort­schrittlichen Volks- und sozialdemokratischen Par- lei beschlossen, eine Eingabe an den deut scheu Kaiser zu richten, worin es heißt:

Protestantischer Kaiser, wir deschwören dich beim Gedächtnis deiner großen Ahnen, Friedrich Wilhelms des Großen Kurfürsten, der ferne Hand schirmend über seine verfolgten Glaubensgenosien ge­halten hat, beim Gedächtnis Friedrichs des Großen, der wollte, daß in seinem Staate jeder nach ferner Fasson selig werde, beim Gedächtnis des großen Helden­kaisers, der den Anspruch des römischen Papstes, jede Christenseele sei ihm irgendwie untertan, mit gebühren- dem Nachdruck zurückgewiesen hat: Nimm dich deiner protestantischen Untertanen an! Fordere Sühne für die dir und uns angetan» Schmach. Der Papst muß sein Bedauern aussprechen nicht über die durch seine Enzyklika hervorgerufen« Erregung, sondern darüber, daß er darin die uns Evangelische in tiefster Seele verletzenden Aeußerungen getan hat. Und wenn diese Sühne verweigert wird, dann ziehe deinen Gesandten von einem Stuhle zuruck, der von jeher groß darin gewesen ist, den Frieden zu stören, und mit seinen Maßnahmen uns hindert, mit unseren katholischen Volksgenossen in den rein geifttgen Wettstreit aus dem Gebiete der Erkenntnis der Wahr­heit und der Bruderliebe einzutreten. Deutscher Kaiser, dein evangelisches Volk und — wir sind gewiß : auch die Besonnenen und Gerechten unter deinen katholischen Untertanen — warten deiner! Sprich das Wort, tu die Tat! Und die Herz en deines Volkes fallen jauchzend dir zu!

Die Hetzer machen also nicht einmal vor der Person des Kaisers Halt. Was müssen die gläu- bigen Protestanten über diesen fortschrittliche« und-soziawemokratischen Anhang der „Freunds evangelischer Freiheit" für eigenartige Empfiw düngen haben.

Deutsches Reich.

; Berlin, 11. Jul: 1910. Der Kaiser hat am Montag auf der Jacht „Hohenzollern" die Fahrt von Odde nach Bergen angetreten, wo er nach- rntttags eintraf. Das Wetter ist dauernd wolkenlos und recht warm.— Fürst und Fürstin Bülow ind Sonntag abend für mehrere Tage in Wies- >aden eingetroffen. — Nach einer Verfügung der ireußischen Staatsregierung sollen in den Ruhe« land tretende Gymnasial- und Volksschul­ehrer nur dann einen Orden erhalten, wenn sie ich einen solchen ausdrücklich wünschen. Ein der­artiger Wunsch wird selten bekundet werden, sodaß ein ganzer Berufsstand für die Ordensverteilung ausscheidet, und die Zahl der zu verteilenden Dekorationen herabgeht. Die Verfügung wurde ge­troffen, weil die für in den Ruhestand tretenden Lehrer in betracht kommenden Dekorationen, für die höheren Lehrer der Rote Adlerorden 4. Kl., für die Elementarlehrer der Kronenorden, häufig zurück­gewiesen wurden. — Die Deutsche ittel» standsvereinigug wird am 27. August tn Berlin ihre diesjährige Generalversammlung abhalten. Aus der Tagesordnung stehen u. a. die preußische Wahl­rechtsvorlage und die Invaliden« und die Kranken­versicherung der Handwerker.

s. Die ReichsversicherungSordmmgskommission setzte die Beratung bei § 459 fort, der landwirtschaftlichen Arbeitern und Hausgewerbetreibenden bet der Ab­lehnung der Krankenhauspflege, wo eine Zustim­mung erforderlich ist, das Krankengeld auch dann nicht gewähren will, wenn sie Familie unterhalten. Auf Zentrumsantrag wird die Bezahlung des halben Krankengeldes durch Statut ermöglicht. Eme längere lebhafte Debatte knüpfte sich an die §§ 463 und folgende übet die Versicherung von Dienstboten, bet denen eine erweiterte Krankenpflege und Unter­bringung im Krankenhaus unter erleichterten Be- bingungen Platz greifen soll. Die Zweckmäßigkeit der Bestimmungen wird von verschiedenen Setten angezweifelt, von der Regierung jedoch besonders mit Hinweis darauf verteidigt, daß die Behandlung und Pflege der Dienstboten im Hause, namentlich in Großstädten, kaum durchführbar ist und-»eme unnötige Ueberführung in das Krankenhaus nicht zu befürchten ist. Auf Zentrumsantrag wurde be­schlossen, daß von der Unterbringung tn eine Heil- anstatt abzusehen ist, wenn der Versicherte oder Dienstberechtigte beantragt, daß seine Unterbringung nach ärztlichem Gutachten nicht notwendig tst. Bet § 465 erregte besonders der zweite Absatz Bedenken, wonach die Verpflichtung zur Gewährung der Pflege und ärztlicher Behandlung bet Ablauf des Dienst- Vertrages erlischt. Die Bestimmung wurde schließlich gestrichen.

*♦ Kur Beurteilung deS Rücktritts des Erbprinzen Hohenlohe mögen dem Artikel im 2. Blatt noch eurige Preßstimmen nachgetragen werden. Die national- liberalen Hamburger Nachrichten' schreiben:

ssast scheint es, alS habe Erbprinz Hohenlohe sich von jenen liberalen Blättern beeinflußen taffen, die die BorromäuS-Enzyklika ausnutzten, um daraus partei­politisches Kapital zu schlagen. Jetzt, da selbst die kampfesfrendige.Deutsche Evangelische Korrespon­denz' mtt der Diskussion über die diplomatische Be- Handlung der Enzyklika Schluß gemacht hat und da

Olga starrte sie einen Augenblick verständnislos an. Dann erbleichte sie ebenso jäh wie Fritzi unb sprang

„Um Herrn Brand'? willen wahrscheinlich?"

Olga nickte, dann zerriß sie ben Brief in Heine Stücke. „Jawohl, um Herrn Brands willen."

„Du bist ein törichtes Ding, Olga!"

^Jch bin ein Weib, Fritzi! Herr Brand liegt an­scheinend in den Fesseln jener Frau. Sie war es, die ihm den Türkisenschlüssel gegeben hat!"

Elfriede liefe plötzlich ihre Zigarette fallen und ein namenloser Schreck dämmerte in ihren Augen. „Olga, Du mufet Dich irren!

c*a irrc mich nicht! Ich bemerkte den Schlüssel an feiner Uhrkette. Es war ein Bleistift in der Form ines Schlüssels und mit Türkisen besetzt. Nie ist «in könnte- doch jetzt entsinne ich mich, dafe Du mit feflS M d« Schul- 3eW M-IN Sott, w.

wtu Ich- «-ich »nd em# g»

.Olga, Otga-, *"* ®,,nb

diesen Schlüssel an der Uhrkette trug?

(Stans sicher. Ich bemerkte ihn zu verschiedmen- malen Du weißt, uns Frauen fallen solche Kleinig- krit«, ost auf Wer ich hatte keine Ahnung, dafe der

Sch»i» nach a» I-in-, Uhrkette, als er hierher kam, um Dir zu sagen, daß er aufS Land ginge?

Nein da hafte er in ihn nicht mehr. Wahrschein- lick nahm'ihn Lena an sich — mein Gott, Fritzi, feier, trinfe einen Schluck Wein. Du siehst ja geistechast ^Fräulein Lambert winkte abwehrend mit der Hand. Olqa" sagte sie mit heiserer Stimme, „erinnerst Du Dick nicht des Zeugenverhörs über den Schlüssel? Die Hmd des T-ften - bet Schlüssel in -*

maßen:

„Die päpstliche Enzyklika bedroht den konfessio- nellen Frieden. Darüber kann kern Zweifel fein. Sie schmäht die deutsche Nation. Die deutsche Freimaurerei steht auf deutscher Grundlage. Der deutsche Großlogenbund ist der Vertreter der deutschen freimaurerischen Interessen..... Die Enzyklika ist

ein schwerer Verstoß gegen den Frieden und die Toleranz. Nicht die dogmatische Intoleranz berührt uns als Freimaurer, denn selbst auch die evangelische Kirche ist als solche dogmatisch intolerant, sondern die sittliche Intoleranz, die den herabsetzt, der andersgläubig ist. Darüber kann kem Zweifel fein, daß das Gesetz der moralischen Toleranz durch die Enzyllika auf das schwerste verletzt ist. In diesem Sinne könnten wir als Freimaurer Protest erheben, als Vertreter der Toleranz. Unser ganzes Freimaurer tum würde hinfällig fein, wenn wir nicht an der Toleranz festhielten. Nicht die Erinnerung an den Gegensatz der Freimaurerei und des Nliramonlanismus, der sich historisch verfolgen läßt, gibt hier die Ueber- legung, sondern der Gedanke ist ausschlaggebend, daß die Toleranz als solche gröblich verletzt ist."

Also Br/. Otto Neumann, der in Sachen der Borromäus-Enzyklika eine beneidenswerte Urteils« losigkeit erkennen läßt. Daß er Protestantismus und deutsche Nation mit einander vermengt, darüber wovrn wir mit ihm jetzt nicht rechten, das ist eme Ans Hauung, die gewisse Leute einfach nicht auf­geb'n können. Bruder Neumann behauptet aber wei er, daß in der Enzyklika eine schwere moralische In oleranz zum Ausdruck komme, die darin bestthe : der herabzusetzen, der andersgläubig ist. "ach ein:m Beweis dieser ungeheuerlichen Anschuldigung suihen wir t ergebens. Entweder hat Bruder Neu« mrmn —das ist allerdings das wahrscheinlichere —die Eitzyklika g«.r nicht gelesen oder er hat sie gröb« lich gefälscht. Daß vorn katholischen Standpunkte eine andere Beurteilung der Reformatoren, als die von Abtrürmigen der alten Kirche schlechterdings unmöglich ist, wird von allen ehrlichen und ein­sichtigen Protestanten zugegeben. Scharfen Wider­spruch aber müssen wir dagegen erheben, daß Bruder Neumann es so darzustellen sucht, als ob der Papst irgend sei rand nach seiner sittlichen Qualifikation herabsetze, nur weil er andersgläubig ist. Aber tm Kampfe )egen Rom gelten eben viele Dinge als erlaubt.

Wir glauben nicht, daß die Anregung des Br.-. Otto Neumann einen großen Erfolg haben wird. Der Grund für die Ablehnung wird aller- dings wahrscheinlich nur folgender fein: daß man sich nämlich etwas genieren wird, so arg post festum noch mit dem Protest nachzuhinken. In der Tat könnte jetzt, nachdem es sogar in Kreisen des Evangelischen Bundes ruhiger zu werden beginnt — den Erbprinzen Hohenlohe nehmen wir natürlich aus — ein so sehr verspäteter Protest der Frei­maurer leicht den Fluch der Lächerlichkeit herauf- beschwören. Aber interessant ist die Sache trotzdem. Wir waren wirklich aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen, wenn die Freimaurer eS verabsäumt hätten, bei dieser günstigen Gelegenheit ihrer Feindschaft gegen den „UltramontanismuS Ausdruck zu verleihen. Bruder Otto Neumann darf für sich in Anspruch nehmen, daß er nach dieser Richtung die Ehre der deutschen Freimaurerei gewahrt hat. , .

Ganz besonders interessant aber ist noch der tiefere Grund, der ihn zu seinem Entschluß geführt

aus den Stimmen hüben und drüben in den beiden christlichen Konfessionen der Wunschheraustönt.den tonfessionellen Frieden zu wahren, l-tzt hätte Erbprm, üohenlohe diesen Schritt unterlassen müssen. Denn gerade darauf ist daS Bestreben auch kirchlich liberaler Wortführer gerichtet, den konfessionellen Meinungsstreit dem politischen Lebe» fernzuhaltm. Der Rücktritt deS Erbprinzen aber unter ausdrücklicher SBe» Enahme auf die Enzyklika ist nur dazu angetan, aufS neue zur Schürung der konfessionellen Leidenschaften zu reta partripolitischen Zwecken auSgenutzt zu werden."

Der Hamburgische Korrespondent sagt:

„Wenn wir erwägen, daß an der Spitze des Reichstagspräsidiums Gras Schwerin-Löwitz steht, em Konservativer, dessen Partei größter Heftigkett gegen die Enzyklika aufgetreten ist, so will uns des Erbprinzen Hohenlohe Berufung gerade auf diesen Vorgang recht gekünstelt und ^t et»

cheinen. Aber populär ist solch ein Motiv, und >arauf wttd es dem ehrgeizigen Fürsten wohl m erster Linie angetommen fein. Er braucht einen guten Ab­gang. Denn abgehen mußte er, früher oder PSter. Das Geräusch, mit dem er die Türe zuschlägt, nrst die Erinnerung an die Mißgriffe, die er auf dem Präsidentenstuhl begangen hat zu seinem Schaden wach."

Noch schärfer urteilt die ,Staatsbürgerzeitung':

„Was hat Prinz Hohenlohe praktisch getan, als zweiter Vizepräsident die Wiederannäherung der Parteien zu ermöglichen? Hat er eine beson­ders glückliche Hand gehabt, den Hader der Parieren zu mildern? Und sah man auf ihn, den zweiten Vize­präsidenten, wenn er leitete, mit dem besonderen Ver­trauen? Oder war eS nicht so, daß wenn Hohenlohe das Präsidialzepter, die Glocke, verwaltete, nicht das Gefühl der Sicherheit, sondern das der Unsich er» 6 eit bei den Parteien herrschte? Die Wirksamkeit Hohenlohes zur Annäherung der Parteien ist nicht nur, unbedeutsam, sondern gleich Null gewesen. Um so mehr mußte es überraschen, daß Prrnz Hohenlohe, der Taten- und Erfolglose, urplötzlich das Bedürfnis verspürt und dem Bedürfnis Ausdruck gegeben hat, sich zum Richter der gegenwärtigen politischen Lage auszuwerfen? Was hat sich Prinz Hohenlohe geträumt, als er die Borromäusenzyklika zur Beleuchtung der gegenwärtigenReichspolitikansührte? Ungeschickter und raktloser konnten die aufrichtigen und treuen Bemühungen der preußischen Regierung, unter der LeÜung des Ministerpräsidenten von Bethmann-Holl- weq, zur Wiederherstellung des konfessionellen Friedens nicht kritisiert werden. Wenn Prinz Hohenlohe von der Ansicht ausging, die Borromäusenzyklika gegen die Parteien auszuspielen, um sich selbst in den Mantel straffster nationaler Gesinnung zu Hullen, so kann das für den Prinzen nur von agitatorischer Bedeutung fein.

Man sieht, das Urteil der Presse ist nicht derart, daß Prinz Hohenlohe viel Freude daran haben wird. Nur die rein agitatorischen Organe der Opposition vom Schlage der ,Tägl. Rundschau^ und das ,S8erL Tagebl/ usw. — wie der Reichs- bote sie charakterisiert — jubeln und möchten dem Erbprinzen fchon die Rolle des kommenden Staats­mannes und Reichskanzlers zuweifen, wenn erst d»e Linke die große „Schlacht bei Philippi" gewonnen

haben wird. ,

* Der Kaiser unb die Bibel. Die,Nordd. Allg. Ztg/ übernahm kürzlich Bemerkungen des Kaisers über seine Auffassung zur Bibel, Bemerkungen, die der Generalsuperintendent Stolte der Oeffentlich­keit „verraten" hatte. Stolte, seinerzeit Pfarrer in Groß-Lichterfelde, neuerdings in Magdeburg, hat enge Fühlung mit dem Hofe schon sett langer Zett, ganz besonders mit dem religiösen Kreise, der der Kaiserin nahe steht Er hat auch in einer festlichen Ansprache erwähnt, daß der Kaiser mtt Vorliebe Bibeln anKatholiken verschenke. Die,Nordd. Allg. fttg.' hatte die Ansprache Stoltks wieder- gegeben, aber gerade diese Stelle der Stolteschen Rede, wie man sagt, aus Rücksicht auf katholische Kreise nicht übernommen. Wie nunmehr bte ,Magdeb. Ztg/ ausfühlt, ist diese Mitteilung ge­eignet, ein ganz falsches Licht auf die Person und den Charatter des deutschen Kaisers zu werfen. Wenn Kaiser Wilhelm, um paritätisch und kirchlich- versöhnlich zu wirken, Bibeln absichtlich an Katho-

Mdaer W Zeitung

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