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M (55.

Montag den U. Juli 1910.

57. Jahrgang.

fxldatr W Leitung«

2. Blatt.

Druck und Verlag der Znldarr Acti «ndruckrrri in Zulda.

solche z. B. in der Theosophischen Gesellschaft an den Tag tritt, in welcher Brahmanismus, Buddhismus und Christentum eine Verbindung erlebt haben; auch ziehen die immer mehr wachsenden Sekten eine große Anzahl der treuesten Glieder aus den Gemeinden heraus. Die christliche Gemeinschaftsbewegung hat viele Tausende der Landeskirche entfremdet und in die Konventikel der Dissidenten hineingetrieben.*

Evangelische Zeitungen haben schon ganz andere Klagen erhoben über das kirchliche Leben, daß ein großer Prozentsatz der Kinder nicht mehr getauft, daß ein großer Prozentsatz der Eheschließungen nicht mehr kirchlich ringesegnet und auch oft die Beerdigung voll­zogen wird, ohne Zuziehung des Geistlichen.

Wr meinen, hier wäre ein überreiches Arbeits­feld für den evangelischen Bund und für jene reichsdeutschen Prediger, die in Oesterreich, in Spanien und Bügien an dem Abfall katholischer Chri- sten von ihrer Kirche arbeiten; wir meinen, das ent- chrisüichtr Volk wieder christlich zu machen, es zum Glauben an die Gottheit Christi und wieder in die Gotteshäuser zu bttngen, das sei eine viel näher lie­gende und Vitt dankbarere Arbeit, als das Volk gegen Papst und kacholische Kirche zu Hetzen.

Allerdings ist es viel l ei cht e r, zu Hetzen, in Protestversammlungen und auf den Kanzeln stam­mende Entrüstung über die Enzhftika zum Ausdruck zu bringen, als aufzubauen, als positiv zu arbeiten, die leeren Kirchen wieder zu füllen und der weiteren Entchrifllichung des Volkes mit Entschiedenheit ent- gegenzuarbeiten.

Die Hetze gegen Rom und gegen den Katholizis­mus kann die Zersetzung innerhalb der protestantischen Kirche nur fördern und die Reihen der Sozialdemokra­ten, der Freidewker, der Monisten und der Diffidenten nur vermehren.

An vostttve Arbeit wagt sich der evangelische Bund mit seinen reichen geistigen und materiellen Mitteln nicht heran. „Uebrigens meine ich, Rom nmß ver­nichtet werden/ das ist der Anfang, das Ende und der ganze Inhalt des Arbeitsprogramms des Bundes

Romhaß ist aber keine Religion; mit Romhaß füllt man keine Kirchen, mit Romhaß fiihrt man das Volk nicht zurück zum Gottes glaub en, zum Ehristus- glauben, zum Bekenntnis.

Was am meisten schadet und schaden muß, hat Herr Falke veschwiegen: Das sind die klaffenden Widersprüche innerhalb der protestantischen Kirche selbst. Der verstorbene Prediger Kalthoff in Bremen war Vorstand des Monistenbundes Das spricht Bände.

Durch einen künstlich hervorgerufenen Entrüstungs­sturm mag man sich über Zustände, wie sie der Herr Konststorialrat schilderte, Hinwegtäuschen, aber das Elend wird dadurch nicht beseitigt.

Deutsches Reich.

s. Die Reichsverficherungskommisfion begann am Samstag die Beratung deS achten Abschnittes des zweiten Buches mit § 444. Danach sollen die Vor­schriften dieses Buches gelten für die in der Land­wirtschaft Beschäftigten, für Dienstboten, für unständig Beschäftigte, für die im Wandergewerbe, für Hausgewerbetreibende und ihre Haus- gewerblich Beschäftigten. Auf Antrag der National­liberalen wird angefügt, daß sie auch für Lehrlinge gelten. Bei § 447 detr. Verstcherungspflicht für die Landwirtschaft beantragten die Konservativen, die Bestimmung des abgelehnten § 186 hier wieder ein­zufügen, wonach dem Arbeitgeber freistehen sollte, Befreiung von der Versicherungspflicht zu erwirken, wenn er selbst Krankenunterstützung leistet. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt. Gestrichen wurde weiterhin unter Zustimmung der Regierung gegen die Stimmen der Konservativen die Bestimmung, daß Landkaffen durch Satzung daS Krankengeld während der Zeit vom 1. Oktober lns 31. März auf ein Mertel des OrtSlohneS herabsetzen können. Die Kommission beschloß am 15. Juli in Ferien zu gehen, am 20. September rotrb sie mit der Un­fallversicherung beginnen.

* Neber die Beanstandung der Steuerdeklarationen im letzten Zähre in Preußen schreibt eine Offiziös- korrespondenz: Es sind im ganzen 772943 Steuer­erklärungen abgegeben worden; von diesen mußte mehr als ein volles Drittel beanstandet werden, und in 190005 Fällen haben diese Erörte-

2X Die Errtkirchlichurrg unseres Bottes.

Unter vorstehender Spitzmarke bringt der „Tag" vom 23 Juni in der Beilage „Zeit und Streitfragen", Men Artikel, dem wir folgendes entnehmen:

„Für Millionen Deutsche ist die Kirche — ich rede von der evangelischen — eine veraltete Institution. In der katholischen Kirche mag der Kirchenbesuch in­folge der dort herrschenden Einrichtungen und Lehren vorläufig noch ein besserer sein, obwohl auch dort die­selbe Klage laut wird. In den evangelischen Kirchen jedenfalls gehen Millionen getaufter und konfirmierter Christen nicht mehr hinein. Die Gottesdienste könnten gänzlich aufhören; Hunderttausende würden es nicht vermisfen, viele würden es überhaupt nicht merken. Daß eine Kirche existiert, erfahren viele nur noch bei Amtshandlungen, und auch diese werden teilweise schon abgelehnt. Immer lauter ertönt der Ruf, daß eine solche Institution, die von vielen nicht mehr begehrt, ab-r doch von ihren Steuern erhalten werde, abzu­schaffen sei. Tausende ziehen jährlich die Konsequenz und erklären ihren Auskitt."

Diese Klagen werden nicht etwa von einem Ka­tholiken erhoben; die angeführten Taffachen werden nicht von einem Kathoiken festgestellt, sondern von dem protestantischen Konststorialrat R. Falke !

Die Bemerkung bezüglich der kacholischen Kirche ist nicht ganz zutreffend, höchstens für die Großstädte, wo durchschnittlich Mangel ist an katholischen Gottes­häusern.

Der Herr Konststorialrat sucht dann die G r ü n b e für die beklagte Kirchenflucht und sagt: „Diese wach- feude Entchttstlichung unseres Volkes ist eine der ern­stesten und folgeschwersten Symptome unserer Zeit." Es wird also zugegeben, daß sich eine Entchrist - lichung unseres Volkes vollzogen hat und »och vollzieht.

Als sehr charakteristische Gründe für diese traurige Erscheinung werden angeführt:

„Es ist der moderne Zug nach Sensation, nach intereffanten Erlebniffen, nach neuen Eindrücken, der die Mafien aus Ständen und Klassen unseres Volkes von der Kirche fernhält. Dort, im Gotteshaus, herrschen ja immer dieselben alten, früher in der Jugend hundertmal gehörten Formen der Liturgie; dott werden immer dieselben alten Lieder gesungen, und auch die Gedanken der Prediger bewegen sich in den uralten Geleisen früherer Jahrhunderte. Dieselbe alte Bibel wird jeden Sonntag ausgelegt. „Das wissen wir alles schon", sagen die Leute. „Die Kirche bietet unS nichts Neues mehr, und darum bleiben wir ihr fern." An die Stelle der Kirche ist das Theater ge­treten und die Volksbelustigung in den Wirtschaften.

Auch macht man den Predigern de« nicht minder unberechtigten Vorwurf, daß ihre Rede zu langwellig und einschläfernd oder zu fanatisch abstoßend seien. Gewiß sind einzelne Prediger schuld an dem mangel­haften Kirchenbesuch. Es ist heute die erste und heiligste Pflicht für den Geistlichen, durch intereffante, fiodenbe und volkstümliche Predigten die Zuhörer zu efieln und die Gemeinde zu sammeln. Wo ein solcher rhetorisch beanlagter Geistlicher auf der Kanzel steht, dessen Persönlichkeit selbst von dem durchdrungen ist, was er predigt, und dessen Lebenswandel auch mit feinen Worten sich deckt, da sind die Kirchen voll, so daß kaum ein Platz zu haben ist. Aber kotz solcher ausgezeichneten Prediger bleibt die große Masse der Gebildeten und Ungebildeten unkirchlich. Und selbst wenn ein Engel vom Himmel predigen würde mir den gewaltigsten Motten, die Mafie wurde an der Kirche vorübergehen. Wir mögen unsere Gottesdienste mit alle« künstlichen Mitteln, durch Musik und Malerei, ausgestalten, es ist dieses aber nur für eine Schar Ge­treuen, denen der Besuch des Gottesdienstes ein inneres Bedürfnis und eine Erhebung ihres Gemütes ist. Es ist keine Unwahrheit, wenn ich sage, daß die Predigt­begabung der meisten heutigen evangelischen Geistlichen eine daS Durchschnittsmaß weit übertreffende ist, und daß es unrecht ist, die sogen, „langwelligen Predigten" als Entschuldigung für die eigene Unkirchlichkeit an- zugeben. Wer von der Jugend heute daS so oft un­dankbare und dornenvolle Amt eines Geistlichen erwählt, der mag sich viele Male vorher überlegen, ob er auch zu diesem eigenartigen öffentlichen Amte, was es gibt, bas notwendige geistige und geistliche Rüstzeug mit­bringt. ES ist ein beklagenswerter, müde und arbeits- unlustig machender Zustand, vor leeren Bänken predigen zu müssen.

Die letzten Gründe der Unkirchlichkeit liegen jedoch in unserer religionslosen Zeitströmung, in der sozial­demokratischen Verhetzung der Massen, in dem aggres­siven Monistenbund und in den Freidenkervereinen, die zum MassenauStritt auffordern, in der unklaren Vermischung der verschiedensten Religionen, wie eine

Kleines Feuilleton

riger meldete sich. „Zeigen Sie mir Ihr Geld!" DaS ist nämlich daS Erste, was der Beamte sagt. Wer nicht mindestens 25 Dollar hat, wird der Untrrsuchungsb«- hörde überwiesen mit allen Aussichten darauf, daß er bald der Heimat wieder zuschwimmt. „Ich habe kein Geld!" war die Antwort. „Wie ein alter Mann wie Sie reist ohne Mittel in der Weit umher?" fragte der Beamte erstaunt. „O, daS nicht,, mein Vater hat das ganze Reifegttd." Der Beamte fiel fast vom Sttihle, erholte sich ober bald und meinte: „Ihr Vater — wo ist denn Ihr Vater?" Behende sprang der Geftagte davon und kehrte mit einem ebenfalls noch rüstigen Jubelgreis zurück, der auf Befragen an gab, er stamme auS einer deutschen Kolonie Südrußlands, fei 107 Jahr« alt und wolle zu feinen Enkeln, Urenkeln, Urur­enkeln usw nach Nebraska. „Geld?" meinte der alte Herr vergnügt, „ja, Geld habe ich schon — 4500 Dol­lars — aber ich lasse es diesem jungen Bengel da — auf den Siebzigjährigen zeigend — nicht in dm Hän­den, denn er ist leichtsinnig und kneipt ein bischen zu viel!" Und nachdem die Beamten ihr Erstaunen und ihre Heiterkell bemeistert hatten, durften die BeselS fürbaß ziehen; man hörte dm alten Herrn zu seinem Sprössling nur noch sagen: „Erst beim Effm gibt's ein Bier — so lange wirst Du wohl noch warten können!"

— Der große Damenhut, dieses angsterregende Ge­bilde aus unendlich viel Stroh mit Blumen, Bändern, Tüll und Chiffon, auf das bei uns noch alle Damm von Welt und Geld schwören, fit in Kopenhagen un- modem geworden. Das merkwürdigste an diesem Ge­sinnungswechsel der Kopenhagmer Damen ist aber der Umstand, daß eine Putzmacherin in höchst eigener Per­son aus Geschäftsinteresse diese Wandlung herbeige­führt hat. In einer der Haupffttaßen der dänischen Hauptstadt befindet sich das Atelier dieser Putzmache­rin, das von ollen eleganten Damen ausgesucht wurde, well man allgemein ihre großen Hüte für einfach ent­zückend erklärte. Das Geschäft ging glänzend, bis sich eines schönen Tages eine Konkurrentin aus Paris nie- derließ und die Damenwelt in ihren Laden zu locken verstand. Wandelbar, wie die Fraumgunst nun einmal 4ft, fand man die Hüte der Pariserin feiner und elegan-

— Heimatschust — Reklamebilder. Auf jene große Bewegung, die man zusmnmmsaßt unter dem Namm ^Heimatschuß", die alles das schützm, erhalten, förbem will, was einem die Heimat lieb und teuer machen kann, ist an dieser Stelle mehrfach hingewiesen wor- dm. Für eine solche edle Sache zu kämpfen auch bann, wenn große unüberwindlich scheinmde Schwierigkeiten sich entgegenfteKen, gewahrt jedenfalls Freude, selbst wenn man augenblicklich nicht einen Erfolg sieht. Hier sei nur an den guten Willen weiterer Volksschichten appelliert, mitzuwirken, unsere Heimat vor einem Un­fug zu schützen, der sich leider immer mehr breit macht. Der an sich gewiß nicht verwerfliche Erwerbssinn kauf­männischer Kreise hat sich darauf geworfen, biedere 'Landbewohner mit einer Abfindungssumme einzu­sangen, dafür müssen diese dulden, daß jene Kaufleute große Reklameschilder in grellen, schreienden Farben an den Hauswänden und Scheunendächern anbringen oder gar in den Feldern aufstellen dürfen. So kann man fast in jedem der von der Hauptbahn berührten Dörfer eine Anzahl von Quadratmeter großen Re- klameschilder an den der Bahn zugekehrten Seiten der Häuser erblicken, welche die Reisenden darauf aufmerk­sam umchen sollen, daß man Sinaleo kaufen, in diesem oder ftnem Hotel logieren, daß die Hausfrau sich diese oder jene Waschseife anschaff ey solle. Durch solche Ge­schmacklosigkeiten wird manches anheimelnde, anmutige Dorfbild vernichtet Es sollte niemand um eines kleinen Vorteils willen sein Haus, seine Scheune, fein Feld dazu bergeben, daß durch diese unschöne Reklame das Dorsblld verschandelt wird.

— An der Eingangspforte des gelobten Landes Amerika, in Ellis-Eilond, spielen sich manchmal selt­same Szenen ab. Diejenigen Einwanderer, die nicht der Untersuchungsbehörde überwiesen werden, werden nur registriert und können bann an Land gehen. Da­zu werden die Namen nach den Schifislisten aufge- xufen, So tönte es auch durch den großen Raum:' tzAnton Besel!" Ein noch sehr rüstiger Siebzigjäh-,

rungen zu einer Berichtigung des Endergebnisses der ©teuererflärungen geführt. Es hat mfthm der einem Viertel aller Steuerpflichtigen die abgegebene Erklärung über das steuerpflichtige Einkommen der Veranlagung nicht zugrunde gelegt werden können. Und wenn in fast drei Vierteln aller Falle dreBe- anstandung zu einer tatsächlichen Berichtigung führte, so ergibt sich hieraus, daß sich die Erörterungen tm wesentlichen auf solche Fälle beschränkt haben, wo ein begründeter Anlaß zur Nachprüfung vorlag. Durch die erfolgreichen Beanstandungen sind 647 MillionenMarkan steuerpflichtigem Einkommen mehr ermittelt und hieraus ergab sich eme Steigerung an Einkommensteuer von 11,6 Mrllwnen.

ö" München, 8. Juli 1910. Mit dem ewigen Ge­rede über die „Vecklerialisierung" des bay erisch en Schulwesens ist der linksliberale Abg. Dr. Mul- ler-Hof (Meiningen) nachgerade auch den Liberalen mißliebig geworden. Die „Vecklerialisierung ist zu einer fixen Idee des Abg. Dr. Müller geworden, die er fort und fort vortragt. Er glaubt, damit Geschäfte zu machen für die liberale Partei, allein diese erfährt da­durch nur eine fortroirfenbe neue Belastung, well mit dieser unausstehlichen Aufreizung und ermüdenden Diskreditierungsversuchen auch die ruhig gesinnten Liberalen abgestoßen werden. Die Erziehung junger Mädchen in .Klosterschulen ist dem Abg. Dr. Müller- Hof, dessen Schulideal mit der religionslosen Schule sich damit nicht verträgt, in tiefster Seele zuwider. Um nun seinen Redereien über die Verklerialisiemng einen Boden zu geben, versuchte er sich mit dem statistischen Nachweis, daß in den letzten fünf Jahren unter dem Kultusminister Dr Wehner die Verklösterung der höheren Mädchenschulbildung erhebliche Fortschritte gemacht hat. Die Mehrung der Zöglinge von Kloster­schulen beweist nur, daß die Resultate derselben gün- sttg sind. Das ift dem Abg. Dr. Müller durch die Zentrumsabg. Dr. Pichler und Dr. Heim mit herz­erquickender Frische zu Gemüte geführt worden. Kul­tusminister Dr. v. Wehner hat nun eine amtliche Statistik vorgelegt, die eine ganz grausame Desavou­ierung des Abg. Dr. Miller ist. Seit 1903, dem Jahre des Amtsantritts des jetzigen Kultusministers, sind 5 klösterliche höhere Mädchenschulen neu errichtet worden, außerdem haben drei Städte ihre Töchterschulen den Armen Schulschwestern übertragen; zusammen also 8 neue klösterliche Institute In derselben Zeit sind 11 neue höhere Töchterschulen weltlicher Art eröffnet wor­den. Gegenwärtig gibt es 134 höhere Mädchenschulen im Lande, davon 66 weltliche und 68 klösterliche An­stalten. In denselben befinden sich 20,151 Zöglinge, davon 10,896 in den weltlichen und 9255 in klöster­lichen Schulen. Neue katholische und klösterliche Leh­rerinnenbildungsanstalten sind während der letzten 6 Jahre überhaupt nicht genehmigt worden. In 1904/05 wurden zwei städtische Lehrerinnenbildungsanstalten genehmigt, mehreren klösterlichen Anstalten wurde die Ausbildung von Lehrerinnen untersagt. So steht die Verklerialisierung des weiblichen Schulwesens in Bayern aus. Die verblüffenden Feststellungen des Kultusministers verweisen das Gerede des Abg. Dr. Müller in das Reich der Fabel. Mit diesen haltlosen Geschichten vertrödelt man nur die Zeit des Landtags und entzieht sie der Behandlung nützlicher Dinge. Da­bei schimpfen die Liberalen immer auf andere Par­teien, daß sie die Verhandlungen ungebührlich in die Länge zögen.

Aus dem Nachbargeblete.

* Hünfeld, 10. Juli 1910. Der Kaufmann Michael Weinberg ist seit kurzem verschwun- den. Er soll für 25,000 Jfc Wechsel gefälscht haben.

* Malsfeld, 10. Juli 1910. In der Henne- mühle spritzte dem Sohne des Müllers bei dem Einsehen einer Schraube siedendes Blei ins Gesicht und verletzte ihm das rechte Auge schwer.

* Ziegenhain, 8. Juli 1910. Die Verhandlungen zwischen dem Unternehmer aus Mettmann bei Elber­feld, der hier eine Fabrik für Britannia- silberwaren errichten will, und der Stadtver- tretung sind soweit gediehen, daß an dem Zustande­kommen des Projektes nicht mehr zu zweifeln ist. Die Stadt gibt den am Bahnhof-Süd unmittelbar am Geleise der Bahn gelegenen 2 Acker großen Grund und Boden her. Die Fabrik soll 150—200 Arbeiter beschäftigen.

ter und vor allem größer. Die „Abgedantte" sagn auf Rache. Zuerst plante sie. noch größer; Hüte anzuferti­gen als die Pariserin. Es kam ihr eine Idee. Sie schickte eine ihrer Verkäuferinnen zu der verhaßten Konkurrenz und ließ zwanzig von den viel begehrten Riesenhüten kaufen. Diese kostbaren Pariser Modelle verteilte sie gratis unter jene Damen, die mit den gro­ßen Körben und dem noch größeren — Mundwerk auf dem Fischmarkt in Kopenhagen, unweit bet Börse, ihre Waren feilbieten. Die Frauen ließen sich bas Geschenk gern gefallen, well der Hut mit bem breiten Rand sie ausgezeichnet gegen die Sonne schützte. Natürlich bil- beten die Fischweiber mit den schicken Pariser Hüten bald die Sehenswürdigkeit Kopenhagens, und alle Welt eilte nach bem Fischmack und lachte aus vollem Halse. Nur die eleganten Damen lachten nicht. Sie fanden die großen Hüte entweiht und entwürdigt und erklär­ten ganz plötzlich, daß sie überhaupt nicht fein und vornehm seien. Sie kehrten reumitik zu der schlauen Putzmacherin zurück und ließen sich weniger auffallende Kopfzierden unfertigen. Die Siegerin aber in die­sem Kamps um den großen Hut sah triumphierend, wie sich ihre Kaffe wieder füllte, während dir Konkurren­tin traurig nach Paris zurückkehrte.

— Geistesgegenwart. Stromer (zum Kollegen): „Wie siehst du denn aus, Mensch?" — „Ja, da wäre ich eben beinahe hereingefallen; trete in einen Friseurladen um zu betteln, auf einmal kommt auch ein Schuhmann herein . . . da habe ich mich denn in der Verlegenheit rasch frisieren taffen."

— Aengstlich. Töchterchen (lesend): „Im Winter bekommen manche Tiere einen dichten Pelz." — Vater: „Lies nicht so laut, Elschen, Mama ist im anderen Zimmer!"

— Guten Appetit! „Ja, Nandl, was is denn dös? Warum hast denn du heut' so weiße Händ' ?" — „Ja woaßt, i hab' grab' den Salat ang'macht!"

— Merkwürdig. A.: „Der Professor Meier und seine Frau sind ja riesig gebildet! Er soll fünf, sie vier Sprachen fließend sprechen!" — B.: „Und doch verstehen sie sich nicht 1"

♦ Hanau, 8. Juli 1910. Der 16jährige Sohn eines Jagdaufsehers in Geiselbach, der sich mit seinem Vater auf dem Anstand befand, wurde durch einen Schuß des Gewehres, mit dem er unvorsichtig hantierte, getötet.

* Frankfurt a. M., 9. Juli 1910. Die rus- fische Regierung hat sich auf Ersuchen deS Polizeipräsidenten in Frankfurt a. M. bereit er­klärt, nach den Urhebern der Bombenattentate in Frankfurt a. M. und Friedberg zu fahnden, do Grund zu der Annahme vorhanden ist, daß sich einer der Verbrecher nach Rußland gewandt hat.

* Darmstadt, 10. Juli 1910. Eine eigen* tümliche Sitte ist es, daß die Leichen kleiner Kinder durch Frauen auf den Friedhof getragen werden; aber es wirkt peinlich, wenn die Frauen die Särge beim Tragen auf Häuservorsprünge, Bänke usw. stellen, um auszuruhen. Gestern wollte nun eine 60jährige Frau die Leiche eines vier Monate alten Kindes vom Rhönring aus auf den Fried. Hof schaffen. In der Wienerstraße bekam die alte Frau plötzlich einen Schwindelanfall und — Frau und Sarg lagen auf dem Straßen­pflaster. Die Aufregung der Eltern des Kindes, die der Leiche gefolgt waren, kann man sich denken. Dringend zu wünschen ist, daß diese veraltete Sitte verschwindet. ________

vermischtes.

♦ Eine teuere Ohrfeige. Das Schöffengericht in Bonn verurteilte einen Gerichtsassessor aus Bonn, ber einem Referendar bei einem Wortwechsel über pri­vate Angelegenheiten im Amstgerichtsgebäude eine Ohrfeige versetzt hatte, zu 500 Mk. Geldstrafe.

♦ Ein Straßenräuber treibt sich seit Anfang Mai in ber Gegend ber Friedrichstraße in Berlin umher, der infolge der Kühnheit, mit der er am Hellen Tage operiert, zum Schraken der Gegend geworden ist. In den verflossenen beiden Monaten hat er ungefähr hun­dert Räubereien verübt; zuletzt nahm er Freitag mit­tag einem Geschäftsjungen 5800 Mark ab, nachdem er am 2. Juli einem anderen Jungen 1000 Mk. geraubt hatte. Der Uebeltäter, den die Krimmalpolizei feit Wochen vergebens sucht, soll nach den übereinstimmen­den Personalbeschreibungen erst etwa 16 Jahre alt sein.

♦ Eine originelle Eheschließung fand vor dem Standesamt in Gumbinnen statt. Es erschienen da zur festgesetzten Frist zwei dem Arbeiterstande an­gehörige junge Menschenkinder, um den Bund füvs Leben zu schließen. Die gewohnte Frage des Stan­desbeamten, ob sie die Ehe mit dem Bräutigam ein» gehen wolle, beantwortete sie mit ja. Auch ber Bräu­tigam betanbete seine Geneigtheit, die Rosenketten bet Ehe zu tragen. Somit war bte Sache also ganz glatt und ordnungsmäßig abgegangen DerAufforderung deS Standesbeamten jedoch, das Protokoll zu unterschrei­ben, kam nur der Mann nach, die junge Frau verwei­gerte dagegen ihre Unterschrift, da ihr die ganze Ehe­schließung bereits leib geworben war. Alle Vorstellun- gen bes Standesbeamten usw , daß die Ehe bereits ge­setzlich geschloffen und die Unterschrift nur noch eine Formalität sei, halfen nichts. Die junge Frau unter­schrieb nicht, verließ vielmehr weinend die Stätte, die sonst junge Ehefrauen glücklich und hoffnungsfreudig zu verlaflen pflegen.

* Der Vesuv. Auf dem Gipfel des Vesuvs sieht man eine gewaltige Helle Rauchwolke. In der Umge­gend fällt ein Regen rötlicher Asche. Die geängstigten Bewohner der dortigen Dörfer verlassen ihre Häuser,

Literarischer.

Der Sozialismus. Eine Untersuchung feiner Grund­lagen und feiner Durchführbarkeit. Von Viktor Cathrein 8. J. Zehnte, bedeutend umge­arbeitete und vermehrte Auflage. (21.—23.

Tausend.) 8° (XVIII u. 520) Freiburg 1910. Herdersche Verlagsbuchhandlung. Mark 4.50; geb. in Leinwand Mk. 5.20.

In dieser neuen Auslage wurde die Schrift wieder, ganz durchgearbeitet und bedeutend erweitert. Trotz-' dem blieb es, wie in den früheren Auflagen so auch in dieser, das Bestreben des Verfassers, in möglichster . Kürze und Uebersichtfichkeit alle zur Kenntnis und Beurteilung des modernen Sozialismus wesentlichen Gesichtspunkte zusammenzustellen. Nicht alle haben Lust oder Zeit und Gelegenheit, sich durch die fast unübersehbare sozialistische Literatur durchzuarbeiten^ Und doch ist es heute für jeden, der sich irgendwie am öffentlichen Leben beteiligen muß, eine uner- läßliche Pflicht, sich über die Ideen und Bestrebungen der Sozialisten genau zu unterrichten. In Deutsch­land ist die sozialdemokratische Partei (die Drei« Millionenpartei) die zahlreichste und rührigste von allen, und auch in den anderen Kulturländern spielen die Sozialisten eine hervorragende Rolle. Jeder Gebildete sollte sich deshalb ein selbständige-, sicheres Urteil Über den Sozialismus bilden. Es einem jeden zu ermöglichen, sich in kurzer Zeit ein solches Urteil zu bilden, ist der Zweck der Schrift. Angesichts der fast ins Unermeßliche angewachsenen sozialistischen Literatur ist eine gedrängte, alles Wesentliche umfassende Darstellung des Sozialismus vielleicht eben so schwierig als die Abfassung eines ausführlichen Werkes über denselben. Nur ihrem Werte verdankt die Schrift die günstige Aufnahme, die sie in weiten Kreisen gefunden hat. Sie »st schon ins Spanische, Französische, Englische, Italienische, Polnische, Flämische, Holländische, Böhmische, Un­garische und Russische übersetzt und erscheint in deutscher Sprache im 21.—23. Tausend. Der „Deutsche Reichs- und Staatsanzeiger" hat sie sehr anerkennend be- sprachen, ihreDarstellungdesSozialismus „gründlich", ihre Widerlegung desselben „schlagend" genannt. In mehreren Besprechungen wurde dieselbe geradezu als die beste in deutscher Sprache existierende Wieder- legung des Sozialismus bezeichnet. In Nr. 691 S schrieb der protestantische „Reichsherold":

rem ist u. a. der Verfasser der besten uns be« kannten Widerlegung der Sozialdemokratie." Die „Kreuzzeitung" nannte die vorliegende Darstellung und Kritik der sozialistischen Theorien eine „ungewöhnlich gründliche". Obwohl die vorliegende Schrift ur­sprünglich nur ein Sonderabdruck aus der „Moral­philosophie" des Verfassers war, ist sie doch in den späteren Auflagen so umgearbeitet, erweitert und vermehrt worden, daß sie sich jetzt mit den Aus­führungen in dem genannten Werke bei weitem nicht mehr deckt. h.