Einzelbild herunterladen
 

Mch-nbMs-: „Illustrierte Sonnlagrzeltung

Lrfcheirü täglich mit X

Aurnahme der 5a.m- /ra ■ W »u a a

«ndZeiertagr.viertel- ft ■ M <*•

M-licherveMgspreir M H H ■ jl MA Ofi7 ohneSringerishnund H | H K BH K

vefteLgeldmFuldafo- S > I ftTIIK

Wit auswärts 1.50mt B Mv W ▼▼ V ▼

Veranttv. Ledaktemr Bg W

««»irchStter

MT W 1 »»jrtgen: m, et»

„ ▼ M . - A A . spaltigepetitreilt od«

Z. 4 deren Baum ,5 pfg.

■ ■ M ■ MM «evamendiepetitreile

L > |Z ■■ ■■■■■■ 25 Pfg., bei wieder- wvUui iy ~

Verlag der Fuldaer «k.

Momtrlxilage: „Fuldaer Geschichtsblätter" Fernsprecher Ut. 9.

äs 154. Erstes Blatt.

Fulda, Samstag den 9. Juli 1910.

37. Jahrgani.

trum, ja der ganze Reichstag, werden sich über dm Rücktritt des Prinzen vom Präsidium trösten können, es wird auch ohne ihn gehen. Vielleicht findet er nach seiner jetzigen Rücktrittsformel dm Beifall derer, die während seiner ganzen Vizepräsidentschaft ihn als un­fähig hinstellten und verhöhntm. Vielleicht hat er in ihren Augen mit seinem Brief erreicht, was ihm weder als Regent von Koburg, noch als Direktor des Reichs­kolonialamtes gelungen ist, nämlich als großer Mann gepriesen und verhertticht zu werden. Für heute sei nur noch darauf hingewiesen, welche An­maßung aus dem Schreiben des Erbprinzen zu Hohmlohe spricht Richt nur, daß er den Grafen Schwerin, den Reichstagspräsidenten, die Präsidenten des Mgeordnctenhauses und aller anderen deutschen Parlamente, in denen Nichtkatholiken mit Katholiken im Präsidium sitzen, gewissermaßen als moralisch min­derwertig einschätzt, falls sie nicht auch das Präsidium niederlegen, er müßte logischerweise auch den Rück- tritt der prmßischen Minister verlangen, nach­dem — sogar nach dec Enzyklika — ein Katholik ins preußische Staatsministerium eingezogen ist. So gut jene Herren, Minister und Präsidenten der Parla­mente, mit Katholiken, trotz der Enzyklika, zusammen­arbeiten können, so wenig lag für den Erbprinzen Hohenlohe in der Enzyklika ein Grund zu seinem Rück- tritt. Bei den Mitgliedern der Parteien, die ich hmte sprechen konnte, erregte das Rücktrittsschreiben Hohen­lohes verwundettes Kopfschütteln. Tragisch wurde die Sache nirgends genommen. Sie ist nur ein Symptom mehr der Bestrebung, eine mittelparteilich orientierte Kartellpolttik in die Wege zu leiten, und zu­gleich ein Beweis für den — Einfluß des Evange­lischen Bundes.

entdeckt, daß seine „Grundsätze" ihm nicht eine solche Gemeinschaft mit Herrn Abg. Spahn ge­statten, — obschon inzwischen weder Herr Spahn noch das Zentrum irgend etwas gesagt oder getan haben, worüber fich der Herr Erbprinz beschweren könnte.

Aber wir wollen uns keineswegs beklagen, son­dern vielmehr die Klärung begrüßen. Nun kann auch ein Blinder mit dem Krückstock fühlen, was die Drahtzieher vom Evangelischen Bunde an­streben: den parlamentarischen Verruf für das Zentrum und den konfessionell en Boykott!

Wir können den Versuch nicht hindern; aber daß das Ziel nicht erreicht wird, dafür werden unsere Vertreter und die Logik der Tat­sachen schon sorgen!

Der Erbprinz ist fich wahrscheinlich nicht voll bewußt geworden, daß die Demonstration, zu die ihn der Bund angestistet hat, das Zentrum weniger berührt, als die Konservativen. Wir sagen angesichts dieses theatralischen Abganges: „Na! dann nicht; es geht auch so!"

Unser Berliner ^--Mitarbeiter schreibt zu dem Rücktritt des Erbprinzen von Hohenlohe:

Wir glauben nicht, daß man in politischen Krei­sen den Rücktritt des zweiten Vizepräsidenten des Reichstags allzu tragisch nehmen wird. Sehr eigen­artig ist allerdings die Begründung. Es ist gewiß richtig, daß eine erhebliche Vertiefung der Gegensätzlichkeit zwischen den einstigen Blockparteien gerade in der letzten Zeit in die Erscheinung ge­treten ist. Von Seiten der Parteien, die sich zur Verabschiedung der Reichsfinanzreform zusammen­gefunden haben, ist jedoch nichts geschehen, um jene Gegensätzlichkeit zu vertiefen, der jetzige Schritt des Erbprinzen Hohenlohe wird aber in der Wirkung voraussichtlich nur dazu beitragen, dem Streit zwischen den bürgerlichen Parteien neuen Anlaß und neue Nahrung zu geben. Noch eigenartiger ist die Begründung^>es Rücktritts mit dem Enzyklika­streit. Man muß wünschen, daß Erbprinz Hohen- lohe sich etwas näher darüber ausläßt, was er bei seinen orakelhaft klingenden Worten eigentlich ge­dacht hat. Welcher Art sind denn die „Grundsätze", die ihn bisher im öffentlichen Leben geleitet haben, und die ihm wegen des Inhalts und der Wirkung der Borromäus-EnzyMa es unmöglich machen, neben Konservativen und Zentrum im Reichstagspräsidium zu verbleiben? Wir rnüffen gestehen, diese Grundsätze scheinen uns etwas sehr eigenartig zu sein, und zwar so eigenartig, daß sie eigentlich ihren Besitzer im politischen Leben direkt unmöglich machen müßten. Von einem Mann in einer solchen sozialen Stellung müßte man eigent­lich doch ein etwas ernsteres und reiferes politisches Urteil erwarten dürfen. Wie Erbprinz Hohenlohe zu dem Euzyklikastreite Stellung nimmt, befähigt ihn gewiß zu einem Sitz im Präsidium des Evangelischen Bundes, läßt aber sehr ernste Zweifel aufkommen an seiner Befähigung zur Aus­übung des Ehrenamts eines Vertreters des deutschen Volkes im Reichstage. Wrd er übrigens auch die nächste Konsequenz ziehen, die sich aus dem ersten Schritte ergeben müßte, und aus der sreikonservativen Fraktion ausscheiden? Sein Platz wäre nach seinem obigen Bekenntnis doch viel mehr bei den Nationalliberalen.

Die.Germania' stellt, rote das auch oben ge­schehen ist, fest, daß der der Hinweis auf die Absage der ,Nationallib. Korr/ an den Reichskanzler post festum kommt, denn diese Absage sei zurückgenvm- men, als Frhr. von Rheinbaben plötzlich aus dem Finanzministerium schied und an seine Stelle der liberal angehauchte Oberbürgermeister Dr. Lentze trat. Zu dem weiter angeführten Grund: „die Enzyklika" schreibt das Blatt: „Was um des Him­mels willen hat die BorromäuS-Enzyklila mit dem Reichstagspräsidium zu tun? Wenn die Enzyklika von dem Evangelischen Bunde zu einer Hetze gegen die katholische Kirche und vom Liberalismus zu einer politischen Auf­hetzung mißbraucht wurde, so hat doch bisher nie­mand auch nur im entferntesten daran denken können, daß dadurch auch das Reichstags­präsidium irgendwie berührt ober in Mitleiden­schaft gezogen werden könne. Der Abg. Erbprinz zu Hohenlohe denkt freilich anders. .... In dieser Verbindung kann man der dunklen Rede Sinn nicht anders deuten als dahin, daß der Erb­prinz zu Hohenlohe-Langenburg wegen der Enzy­klika nicht mehr mit dem Zentrumsabgeord­neten Dr. Spahn zusammen im Reichstags- Präsidium sitzen will. Er selbst spricht ja nur von „parteipolitischen" Verbindungen. Oder hat er da­bei auch konfessionelle Hintergedanken gehabt? Aber was hat denn die Zentrumssraktton und was hat insbesondere der Vizepräsident des Reichstages, Dr. Spahn, als solcher mit der Enzyklika zu tun? Im preußischen Abgeordnetenhause ist das Präsidium in konservativen Händen. Erster Bizepräfident ist dort auch ein Zentrumsmitglied, Abg. Dr. Porsch, zweiter Vizepräsident der nationalliberale Abg. Dr. Krause, und im Abgeordnetenhause war anläßlich der Interpellationen der „Kampf um die Enzyklika" heftig genug entbrannt. Aber es ist niemanden auch nur der Gedanke gekommen, daß deshalb etwa Herr v. Kröcher oder Abg. Krause aus dem Präsidium zurücktreten müßten; eine solche, sagen wir ungewöhnliche, Schlußfolgerung war allein dem Erl Prinzen von Hohenlohe-Langenburg vorbehaltm geblieben. Man kann fich daraus leicht seine eigenen Gedanken machen. Man sieht, welche Verwirrung die Enzyklika-Hetze sogar in dem Gemüt eines Mannes angerichtet hat, der fich bisher wohl selbst für einen Staatsmann ge. halten hat.

Ebenso urteilt der Berliner Mitarbeiter der „Köln. Vztg.": Die Begründung, die der Erbprinz gibt, ist unlogisch und sagt eigentlich weiter nichts, als: ich kann und will mit dem Vertreter des Zentrums, dem Slbg. Dr. Spahn, nicht in gIei chem Prä­sidium fitzen. Vizepräsident Spahn und baS- Zen-

Rücktritt des zweite« Bizepräsi- denten des Reichstags.

Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg sein Amt als zweiter Vizepräsident des Reichstages niedergelegt. Dte Gründe, dte ihn zu diesem Entschluß bewegen, gibt er tn einem Schreiben an den ReichstagSprafidenten Grafen 5. Schwerin-Löwitz an. Er sagt darin:

Er habe seinerzeit im Interesse der Wiederaufrich- y-ua des konservativ-liberalen Blocks die zweite Mieprästdentenstelle angenommen. „Inzwischen ist eine erhebliche Vertiefung der Gegensätzlich­keiten zwischen den einstigen Blockparteien in die Erscheinung getreten. Der bei Beginn der Tagung gerechtfertigte Versuch, durch den die Möglich- kett einer Wiederannäherung offen gehalten wurde, ist gegenstandslos geworden. Lag für mich, so sährt der Erbprinz fort, in dieser Entwicklung der Dinge an und für sich kein zwingender Grund zur Niederlegung des einmal übernommenen Amtes, so erhob sich angesichts des Inhalts und der Wirkung der Borromäus- Enzyklika für mich die Frage, ob in der nun ent­stehenden Lage die Fortdauer meiner Zugehörigkeit zu einem Präsidium, wie es sich durch die parteipolitische Verbindung seiner Bestandteile darstellt, mit den Grundsätzen vereinbar ist, die mich bisher im politischen Leben geleitet haben." Diese Frage habe er verneinen müssen, womit sein Enschluß, das Amt deS zweiten Vizepräsidenten niederzulegen, gegeben war.

DaS Amt eines zweiten Vizepräsidenten des Reichstages ist ja ein ganz netter Ehrenposten, aber beim besten Willen kann man es doch nicht als das höchste und wichttgste Amt einschätzen. Es gibt wirklich Posten von höherer Würde und größerer praktischer Bedeutung, deren Inhaber ohne rhetorische Spreizung kommen und gehen. Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg aber scheint in dem Amte des zweiten Vizepräsidenten, das ihm am 3. Dezember 1909 übertragen wurde, den Angel­punkt der Zeitgeschichte zu erblicken. Bei dem An­tritt dieses Amtes glaubte er „die Motive dieses wichtigen Schrikkes" in einem für die Oeffentlich« keit bestimmten Briefe ausführlich darlegen zu fallen. Und jetzt, da er seinen Rücktritt aus dem Reichs- tagspräsidium für zeitgemäß erachtet hat, richtet er in dem mitgeteilten Briese an den Präsidenten Grafen Schwerin-Löwitz förmlich eine Proklamation an das deutliche Volk, um der staunenden Mitwelt klar zu machen, daß und warum er nicht mehr als drittes Rad den Prästdentschastswagen zieren kann.

Da zur Zett der Reichstag in den Ferien ist und das parlamentarische Leben erst nach Monaten neu beginnen soll, so hätte der Herr Erbprinz mit der VÄündigung seiner Amtsmüdigkeit ganz gut noch etwas warten können. Er halte zum Abwarten so- K noch eine besondere Veranlassung. Er beruft nämlich in erftet Linie auf den Absagebrief, den die „Nationalliberale Korrespondenz" nach der ersten Serie von Ministerwechseln an den Reichs­kanzler richtete, und er schließt daraus, daß seine Mission, für die Wiederannäherung zwischen den einstigen Blockparteien zu wirken, jetzt gegenstandslos Enden sei. Nun hat aber inzwischen die „National- ale Korrespondenz" angesichts der Berusung des Dr. Lentze an Stelle Rheinbabens eine wesenliche Schwenkung vollzogen. Wer es mit der Aus- gleichsmission ernst meint, muß gerade jetzt fich aebiängt fühlen, seine Talente in den Dienst der Wiederannäherung zu stellen und die Versöhnungs­keime, die sich neuerdings aus dem nationalliberale« Acker zeigen, sorgsam zu beobachten und pfleglich zu .behandeln. Man bekommt dm Eindruck, daß daS Konzept der Hohenlohe'schm Proklamation schon evt- worsen war, e h e die jüngste Wellenbewegung in der Parleipolttik eingetreten war, daß man eS nicht für nötig gehalten hat, in dieser Hinsicht das Schriftstück auf das laufende zu bringen, — roeil der Hinweis aus den nationalliberalm Absagebrief nur dekoratives Beiwerk ist.

Ter Hauptzweck für die Berater des Prinzen und ihn selbst war offmbar bet, durch eine recht auflälligeDemonstration dm Evangeli­schen Bund zu unterstützen in seinem Bestreben, den Enzyklika-Zwischenfall fortdauernd aus- zunützm zum Kampfe gegen den Katholizismus und das Zentrum.

Angesichts des großen Entgegmkommens des hl. Stuhles war trotz aller hetzerischm Blasebälge das Strntfeuer im Erlöschen. Das wollten aber die gewerbsmäßigen Friedensfeinde vom Evange­lischen Bund nicht dulden. Sie brauchten die Fort­setzung des Haders, vermutlich zu ihren partei­politischen Zwecken, die auf die Isolierung und Lahmlegung desZentrums unb bie Unter» jochnng b fr ko nfer v ativ en Partei hmaus- geheu. Da haben sie nun im Erbprinzen von Hohen- lohe einen Helfer gefunden. Das Zentrum hat die Enzyklika nicht versaßt; cs hat sich der parlamen­tarischen Diskussion dieser rein kirchlichen Angelegen­heit enthalten, und die Zentrnmsprcfse hat des lieben Friedens halber sich gegenüber den Auswüchsen des „Protestes" die opferwilligste Zurückhaltung aufer- legt, Aber das hindert ben Erbprinzm nicht, einen Brief z i unterzeichnen und veröffentlichen zu kiffen, der ai s „dem Inhalt und den Wirkungen bet Borron läuS-Enzyflika" nichts geringeres folgern will, als bie Unzulässigkeit bei Teilnahme ^"^.Protestanten an einem Reichstags» praftbium, in bem «in Zentrumsmann s'tzt.

@§e her Erbprinz zur Leitung bes Kolonial» awteS berufen würbe, hatte er eine Kriegsrebe im deS Evangelischen Bundes gehalten. Sie f° kräftig, daß In bet liberalen Pnfse alsbalb vie Vermutung austauchte, baS Zmtrurn werbe ba- für an bem neuen Leiter des Kolonialamtes „Rache" .nehmen. Das Zentrum dachte nicht an Rache, be­handelte ben Erbprinzen in seiner Amtstätigkeit mit nWrooaenbtt Sachlichkeit unb wählte sogar Enbe 1909 ben Erbprinzm trotz seiner bünblerischen Ver­gangenheit als Kollegen des Abg. Spahn ins Prä- stbium. Der Erbprinz hielt damals auch die Prä» iwialgemeinschast mit dem Abg. Spahn für verein- bar mit feinen „Grundsätzen". Jetzt aber hat et

Deutsches Reich.

** Berlin, 9. Juli 1910. Der Kaiser hat in Odde 2‘) deutsche Damen, die sich als Sommergäste in Losthus aufbatten, zum Tee eingeladm. — In der Jnstizkommisston gab der Staatssekretär des Reichsjustizamts namens der verbündeten ^Regierungen die Erklärung ab, daß an der Institution derSchwur- gerichte gmndsätzlich nichts geändert werden soll. — Die Studentenschaft der Berl. Handelshoch, schule hat dem Staatssekretär a. D. Dernburg eine Adresse überreicht, in welcher ausgesprochen wird, daß Herr Dernburg die Leitung des Kolonialamts zum „allgemeinen Bedauern" niedergelegt habe. Wenn die Herren Studierenden bet Berliner Handels­hochschule sich darauf beschränkt hätten zu sagen, daß sie den Abgang des Staatssekretärs Dernburg bedauerten, so wäre das verständlich; aber für die allgemeine Stimmung in Deutschland können sie, wie die „Deutsche Tagesztg." mit Recht bemerkt, wohl ebensowenig als zuständige Beurteiler gelten, wie für die schwierigen Fragen unserer Kolonialpolitik.

* Freiherr v. d. Recke, der Oberpräsident von Westfalen, soll amtsmüde und entschlossen sein, demnächst in den Ruhestand zu treten. Die gleiche Absicht ist dem Freiherrn schon wiederholt nachgesagt worden. Sollte er sie gerade jetzt in die Tat um setzen, so wäre das, wie die ,Voff. Ztg/ meint, verständlich, nachdem Herr v. Dall­witz, einer der „Kanal-Rebellen", d. h. einer der Landräle, die gegen die Mittelland-Kanal-Vor­lage stimmten, und gegen die Freiherr v. d. Recke, der damals Minister des Innern war, diszipli- narisch einschreiten mußte, jetzt sein Vorgesetzter geworden ist.

* Eine unbegründete Sensationsmeldung nennt die fieikonservative „Post" eine Nachricht des „Franks. Generalanzeigers", wonach schon in der nächsten Ta­gung deS Landtags eine neue WahlrechtSvor- I a g e mit geheimer und direkter Wahl eingebracht und mit Hilfe des Zentrums und der Linken verabschiedet werden soll. DaS stehe, so schreibt baS Blatt, „in di­rektem Widerspruch mit dem, waS noch vor kurzem von der autoritaiibften Stelle als die Absicht der StaatS- regiming bezeichnet wurde unb zwar auch wohl in- bczug aus den Z e i t p u n k t der Wiederaufnahme der Wahlrechtsreform wie inbezug auf den Inhalt der­selben und die Pa r t e i k o n st e l l a t i o n, mit welcher ein dauernder Abschluß des Wahlrechtskampfes zu er­reichen fei" Auch die „Kreuzztg." hält bie Nachricht „für eine der Wahrscheinlichkeit entbehrende reine Kom­binatton." Der „Franks. Generalanz." hatte die bal- digeEinbrmgung der Wahlrechtsreform mtt dem R ü ck- tritt deS Freiherrn v. Rheinbaben in Verbin­dung gebracht. Diesen Teil der Nachricht glaubt die „Kreuzztg." direkt „als unbegründet" bezeichnen zu können

** Für die kommenden Reichstagswahlen werden die sozialdemokratischen „BildungsouSschüffe", Par­teiorganisationen und Gewerkschaftskartelle bereits mobil gemacht. Der Zentralbildungsausschuß der Sozialdemokratie hat in einer im Vorwärtsverlag erschienenen Broschüre ein besonderes Winterpro­gramm für 1910/11 entworfen, das für biefe Zeit eine Reihe von Winken unb Ratschlägen enthalt. In der Einleitung wird daraus aufmerksam gemacht, daß der bevorstehende Winter der letzte vor den nächsten allgemeinen ReichStagSwahlm sei; da die BildnngS- arbeit nicht außerhalb der politischen Kämpfe und Be­strebungen der Arbeiterklasse liege, sondern sie zu för­dern und innerlich zu »erliefen habe, fo müsse bei den BildungSveranstaltungen der kommenden Wintermvnate darauf Rücksicht genommen werden. Die belehrenden Veranstaltungen, die in ihrer Wirkung den grundsätzlichen Auseinandersetzungen beS bevor­stehenden Wahlkampfes zugute kamen, seien in den Vordergrund zu rücken, die künstlerischen llnterneh- mungen könnten dagegen in diesem Winter zurücktreten. — Diese Mobilmachung der Sozialdemokratie enthält für die Organisationen der Zentrumspartei eine Mahnung, die Wintcrarbeit im Hinblick auf die ReichS- tags'wahlen 1911 erttspreckmed einzurichten.

* Wieder ein Wafserloch. Gegenüber den auch von uns wiedergegebenen Mitteilungen des.Vor­wärts^ teilt bie Danziger Kaiserliche Werft ber ,Danz. Zig/ mit, daß es sich bei dem Funde um

ein großes Schwungrad einer ausrangierten Loko­mobile nebst daran befindlichen bronzenen Lager« handele, die als Verankerung für die Stützen eines provisorischen Schornsteins zwei Meter tief vor einigen Jahren eingegraben find und die, sobald der provisorische Schornstein wieder entfernt wirb, waS noch im Laufe bieses Jahres zu erwarten ist, ausgegraben werben, um als Altmaterial otb« nungSgemäß Verwenbung zu finben.

)( Zn Zschopau-Marienberg ist bie mit Mühe er­reichte freisinnig-nationalliberale Komvromiß-Kanbi» batur für bie Reichstagsersatzroahl burch ben Rück­tritt deS Kandidaten Roch hinfällig geworben. Herr Roch gibt Gesundheitsrücksichten als Grunb an. Der brohenbe Krach ist aber kalb beseitigt worben, inbem die Nationalliberalen ber Aufstel­lung beS freisinnigen Chemnitzer Landgerichtsrats Br odauf zustimmten.

München, 8. Juli 1910. Eine Einigung zwischen bet Abgeordneten- unb ber Reichsrats» Kammer über bie Steuerreform ist nicht zu» stände gekommen. Der Reichsrat will bie Maximalgrenze des Einkommensteuertarifs auf 4V- Prozent herabgesetzt wissen. In ber heutigen Sitzung des Finanzausschusses bet zweiten Kam­mer gab nun Abg. Dr. Heim namens bet< Zentrums die Erklärung ab, daß seine Partei unter allen Umständen an dem Tarif von fünf Prozent festhalte. Lasse die Reichsratskammer die Resetm daran scheitern, fo trage sie bie Ver» aniWartung. Die Abgg. Dr. Casfelmann (Liberal) und Beckh(F. Vgg.) erklärten namenfl ihrer Parteien, baß auch sie geschloffen auf bem Standpunkt Dr. Heims stehen unb bamit bi« Haltung der Kammer der Abgeordneten gegen­über dem Reichsrat eine geschloffene unb lücken­lose sei. Der Finanzminister erklärte, baß keinerlei Aussicht bestehe, baß die Reichsrats­kammer in der dritten Beratung bem fünf­prozentigen Tarif zustimmen werde. Er könne noch, wenn auch ungern, einen Kompromißvor« schlag machen, allein angesichts der Erklärung des Zentrums unterlaffe er es. Ihm scheine bie ganze Steuerreform damit gescheitert.

Ausland. .

* Hebet den drohenden Eiseubahmrstreik in Frank» reich melden mehrere Pariser Blätter, der Haupt« ausschuß des Eisenbahnersyndikats habe beschlossen» b i s z u m 17. I ul i die Antwort der Bahngesellschast aus das Ansuchen um eine Verständigung abzuwarten. Werde diese bis dahin nicht erfolgen, dann werde sich ber Hauptausschuß in der Nacht vom 17. biß 18. Juli versammeln, um über den Zeitpunkt Be­schluß zu fassen, an dem der Ausstand zu beginnen habe. Der Ausschuß des Syndikats rechne nicht darauf, daß sämtliche 280000 Eisenbahnbedienstet« in den Ausstand treten werden, aber nach seiner Ansicht genüge «S, wenn gleichzeüig 50000 Eisen­bahner ausständig würden, um den Verkehr lahm zu legen.

* Militärdienstentziehnng m Frankreich. Der sianzöftsche Kriegsminifier stellte in einem Bericht an den Prästdenten der Republik fest, daß die Zahl der stellungspflichtigen Leute, die der Einberufung zum Militär nicht Folge leisten, fich im Laufe von drei Jahren vervierfacht habe. Während bie Zahl im Jahre 1907 4905 betrug, ist die Zahl im Jahre 1909 aus 17 258 gestiegen.

* Einen Amnestieantrag brachte in der französischen Deputiertenkammer der Abg. Sixte Quenin (Sozialist) ein. Ministerpräsident Briand bat jedoch die Kammer, den Antrag abzulehnen, weil bie wiederholten Amnestien der letzten zehn Jahre nur ben Erfolg gehabt hätten, bie Wirk­samkeit der Strafgesetze abzuschwächen, anstatt die erhoffte Beruhigung zu bringen. (Bei­fall links und in der Mitte.) Der Antrag würbe hieraus mit 420 gegen 108 Stimmen abgelehnt.

* Englische Fanatiker. Am Donnerstag fanb in London eine protestantische Versammlung statt, die gegen die Abschaffung ber Verfluchungs-For» mel gegen bie Katholiken im KrönungS-Eib prote­stierte. Die neue müdere Formel wurde in der Versammlung, an ber auch 20 Parkaments-Mit» glieber teilnahmen, unter donnernden Rusen: „Gott erhalte England!" von dem Vorsitzenden, Parlaments - Müglied Oberst Sandys, zerrissen.

* 3» der spanischen Deputiertmkammer äußerte am Donnerstag der sozialistische Abg. I lesias, er würde selbst ein Attentat für gerechtfertigt halten, wenn durch ein solches verhindert werde, daß Mama wieder zm Regierung gelange. Diese Worte riefen lebhaften Widerspruch und heftigen Lärm auf allm Seiten des Hanfes hervor. Als der Redner bann einer Aufforderung des Präsiden- ten, feine Worte znrückznnchmm, nicht nachkommen wollte, erklärte der Präfidmt, die Worte würden im Sitzungsbericht gestrichen werden. Darauf fuhr Iglesias in seiner Rede fort. — Im Senat verlas Ministerpräfidmt Canalejas den Emrours zum sogenannten Gesetz Cadenas, das die Nieder­lassung neuer religiöser Gesellschaften m Spanien untersagt, bis die Verhandlungen zwischen Madrid und dem Vatikan über die Reform des Konkordats beendet find.

* Bon ber griechisch-türkischen Grenze wird ans Saloniki gemelbel: „Die türkische Grenz­wache überraschte auf türkischem Gebiete zwei griechische Soldaten, welche einen Waffentrans- pott geleiteten. Da bie Griechen auf Anruf nicht Halt machten, feuerten bie Türken und ver­wundeten die beiden Griechen, welche flüchte­ten. Die beladenen Pferde und zwei Treiber fielen in die Hände der türkifchen Grenz­wache."