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M 150.

vieustag den 3. Juli (910.

57. Jahrgang-

*fuldaer U Leitung *

2. Blatt.

Druck und Verlag der Zuldaer Aetiendruckerel in zulda.

® Die Politik des Herrn v. Bethmann-Hollweg.

Welchen Zweck verfolgte der Ministerprästt dent mit der Berufung der drei neuen Männer in das preußische Staatsministerium?

Die eine Version sagt: Herr v. Bethmann- Hollweg habe nur tüchtige Ressortminister haben wollen, die mit seinen Absichten, eine von den Par­teien unabhängige Politik zu verfolgen, überein- ftimmen und seiner Stellung mehr Autorität und Einfluß zu gewinnen geeignet sind. Die zweite Version ging von den Nationalliberalen aus, deren parteioffiziöse Korrespondenz nach der Berufung der Herren v. Dallwitz und v. Schorlemer ihre Kampf­ansage erließ, indem sie den Ministerpräsidenten be» chuldigte, sich dem .schwarzblauen Block" ver- chrieben zu haben. Nichts konnte unsinniger sein, drhr. v. Schorlemer als .Konzession an den schwarz- blauen Block"? Widersinnig! Hatten denn die Na- : ionalliberalen nicht gerade an dem Ministerpräfiden- en selber ihren besten Fürsprecher? WaS anders bedeutete es denn, wenn der Ministerpräsident eine Vorlage von der Wichtigkeit, wie sie die Wahlrechts­reform besaß, trotzdem eine starke Mehrheit für sie vorhanden war, zu Fall brachte, nur weil sie den Ikationalliberalen nicht genehm war! Mehr Ent­gegenkommen war doch nicht möglich. Mittlerweile hat sich ja zum Ergötzen der ganzen politischen Welt herausgestellt, was es mit jener .Kampfansage" für eine Bewandtnis hatte. Als der nationalliberale Herr Dr. Lentze zum Finanzminister ernannt wurde, wurde der Fehdebrief, allerdings unter Drohungen und Windungen zurückgenommen. Nur um die Wahrung der .liberalen Personalien" handelte es sich, und Herr v. Bethmann-Hollweg ist wieder in Gnaden ausgenommen. Die dritte Version finden 'wir in der freikonservativen .Post" vertreten, kurz gefaßt lautet sie dahin: .Der Beginn einer .neuen mittelparteilichen Politik." Die dafür gegebene Begründung ist nicht von der Hand zu weisen:

.DerGrund für ein soentschiedenesEinschwenken in eine mittelparteiliche Politik, die die jetzt leider sich befehdenden Fraktionen wieder versöhnen und zu gemeinsamen Kampf zusammenführen soll, liegt ja auf der Hand. Der Zwist der bürgerlichen Parteien ist das Glück der Sozialdemokraten. Ein Wahl­kreis nach dem andern wird ihnen ausgeliefert. So kann es doch bis zu den nächsten allgemeinen Wahlen glicht weitergehen! Dagegen muß die Regierung ein Heilmittel suchen, und das ist eine kluge, mittel­parteiliche Politik, die versöhnt und aufbaut!"

.Mittelparteiliche Politik", im Sinne der ,Postt ist natürlich Kartellpolitik unter Ausschaltung des Zentrums. So wie es hier gezeigt ist, mag in der Tat Herr v. Bethmann-Hollweg sich die Sache denken. Aber ob die Sache auch so gehen wird, das ist eine andere Frage.

Wenn wir dem ganzen Miniflerwechsel mit kühler Ruhe gegenüberstehen, so deshalb, weil wir genügend wissen, wir geringe politische Wir­kung er haben wird, mögen auch Herr v. Beth­mann-Hollweg und seine mittelparteilichen Freunde sich Wunders viel davon versprechen. In Preußen ist maßgebender Einfluß der Krone, die Per­sönlichkeiten der Minister treten in den Hinter- Srund. Der Berliner Korrespondent der »Köln. ZolksztgZ erzählt dazu folgende nette Geschichte:

Ich war mit einem hochgestellten Herrn bekannt, der sich große Mühe gegeben hat, ein Gesetz durch­zusetzen, das in das Reffort zweier Dtinister fiel. Der Herr, der auch eine vornehme Hosstellung hatte, war mit den Wegen genau bekannt, welche man in solchen Fällen einschlägt, und hat sich interessanlerweise keine Mühe gegeben, die betreffenden Minister für sich zu gewinnen. Er sagte sich nämlich: Im jetzigen Stadium der Sache können die Herren sich noch nicht für das Projekt engagieren, weil sie das nicht riskieren. Dräng« ich sie nun, Stellung dazu zu nehmen, so werden sie der Vorsicht halber „nein" sagen. Er hat sich also daraus beschränkt, die Minister vorläufig zu benach­richtigen, daß er eine Aktion nach der und der Richtung unternehme, und sie gebeten, ihm nicht entgegenzuwir­ken, sondern sich pafsiv zu verhalten, bis die Frage an sie herantrete. Das sagten sie zu ihm. Nun suchte der betreffende Herr allerhand Parlamentarier für feinen Plan zu interessieren, was ihm auch gelang. Er hat sogar einen Parlamentsbeschluß bezw. Parla- mentsbeschlüsse zu feinen Gunsten erwirkt. Nun kam die schwierigste Aufgabe, d. h. den Kaiser zu ge- lolnnen. Das ist ihm nicht gelungen. Der Kaiser

5>er Wccmpyr.

Roman von Fergus Hume. Autorisierte Bearbeitung 14] von C. Weßner.

Die Untersuchung über Kirbh's Tod war beendet, das Urteil gesprochen, die Leiche begraben und der ganze Fall, soweit er die OeffenÜichkeit betraf, er­ledigt. Bei diesem Standpunkt der Dinge trat Feldern handelnd auf. Er wartete bei besonderen Fällen im­mer, bis das öffentliche Interesse erlahmte, bevor er sein Werk begann, denn erst dann durfte er sicher sein, daß keine Berichte in die OeffenÜichkeit gelangten. Der Detektiv glaubte bei Kriminalfällen nicht an den Nu­tzen der Preffe, denn durch das Plaudem der Zei- tnngsreporter erhielten die Verbrecher oftmals Winke, die sie sich als Warnung dienen ließen. Wenn der Zeitungsreporter im Sammeln von Neuigkeiten aus­hörte, weil das Interesse des Publikums verflogen war, dann nahm Feldern die aufgehäusten Massen von Be­richten und Zeugenaussagen zur Hand und studierte dieselben auf das eingehendste.

Beim Lichte der Gasflamme saß gelbem jetzt an seinem Tisch und dachte über den Fall .Kirby" nach. Derselbe interessierte ihn. Alle seine Nachforschungen waren erfolglos geblieben und, so klug er auch war, er fand keinen Lichtstrahl, der ihn aus der Dunkelheit führte. Unter solchen Umständen tat er, was er immer tat— er wartete auf den Zufall. Manchmal kam ihm der Zufall zu Hilfe, manchmal aber auch nicht, und jbann wurde der Fall der Rubrik unentbafter Verb re­ichen einverleibt

Heute sah Feldern recht niedergedrückt aus. Seine Gedanken schweiften von Berufsdingen zu Privatan­gelegenheiten ab. Und daß diese Privatangelegenhei­ten ihm Schmerz verursachten, konnte man deutlich in 'dem stets wechselnden Ausdruck seines Gesichtes be­inecken. Er sah bekümmert aus, seine Stirn furchte sich — manchmal schien es, als wollten Tränen in «seine Augen steigen, dann wiederum flog ein Blick ge­hässiger Freude über seine Züge. Wenn ihn jemand sn diesem Augenblick gesehen hätte! Aber es sah ihn

konnte sich für die Idee nicht erwärmen und wies ihn rund ab. Da gab er seinen Plan verloren und die Agitation für denselben auf.

Der Korrespondent fügt hinzu, er habe diese buchstäblich wahre Geschichte erzählt, um davor zu warnen, die Macht der Minister zu überschätzen. Auf den einfachen Mann wicke die goldgestickte Ministeruniform ja verblüffend, und selbst ein Pascha mit neuen Roßschweifen erscheine unbedeu­tend dagegen; aber es ist auch nicht alles Gold, was glänzt.

Im Landtage und besonders im Reichstage geht nun die Entwicklung offensichtlich dahin, daß ein maßgebender Einfluß aus die Gestaltung der Politik auf die Parteien übergeht. In dieser Hinsicht wird sich die mit der Blockpolitik angebahnte partei­politische Entwicklung, die auf die Bildung fester parlamentarischer Mehrheiten hinzielt, nur sehr schwer, wahrscheinlich garnicht mehr hemmen und zurücktreiben lassen. Will Herr v. Bethmann- Hollweg doch den Versuch machen und es wieder zu erreichen suchen, daß die Regierung nicht bedingungs­los auf eine bestimmte Parteienmehrheit angewiesen ist, sondern von Fall zu Fall sich ihre Mehrheit schafft? Es ist sehr fraglich, ob gerade er der Mann ist, der dieses schwierige Werk vollbringen könnte. Die nächsten Reichstagswahlen werden die Ent­scheidung darüber bringen; mißlingt der Versuch, so wird er wohl als endgültig gescheitert angesehen werden müssen. Wir würden es von unserem Standpunkte aus nur begrüßen können, wenn ein Staatsmann es fertig brächte, die bis 1906 bestehen­den Verhältnisse wiederherzustellen. Sie sind für die Reichspolitik die günstigsten und vielleicht über­haupt die zweckmäßigsten gewesen. Nur unter der Bedingung würde allerdings der Versuch gelingen können, daß jede Tendenz einer Ausschaltung des Zentrums ihm fernbliebe. Will Herr v. Bethmann- Hollweg von dieser Bedingung nichts wissen, so glauben wir ihm das sichere Fiasko heute schon Vor­aussagen zu können.

Unter den Betrachtungen über den Minister­wechsel scheint uns jene der ,Franks. Zig/ am meisten der Situation gerecht zu werden:

„Ob durch die eingetretenen Veränderungen der gegenwärtige Kanzler mehr Autorität und Einfluß ge­winnen wird, bleibt abzuwarten; es kann das niemand Voraussagen. Auf die Frage, welche politische Rich­tung er Anschlägen wird, ist die Aniwort nicht leichter als vor einem Jahre. Der Ausgang der Wahlrechts­reform im preußischen Landtage läßt den Schluß zu, daß er sich die Gestaltung von Gesetzen durch eine nur aus dem Zentrum und den Konjervativen bestehende Mehrheit nicht gefallen lassen will und infolgedessen Überhaupt nichts zustande bringt. Ob das sich ändern wird, wir wissen es nicht. Nur eines wissen wir: Schließlich siegt doch die Richtung, die in der Volksvertretung die stärksten Bataillone und die klügste und kräftigste Führung hat. Damit ist das Ziel bezeichnet, aus das-alle politische Tätigkeit dauernd zu richten itt. Auf die Wahlen kommt es an. Miniflerwechsel und die Personen der Minister sind » et gleichgiltiger, als man sie in den Augenblicken, wo sie sich vollziehen, behandelt."

„Aus die Wahlen kommt es an!" Darin liegt auch für uns die Forderung der Stunde be­schlossen.

Deutsches Neich.

)( Bassennann auf der Suche. Dem national- liberalen Führer, dem Abg. Dr. Bassermann, wird es nicht gelingen, seinen jetzigen Wahlkreis Liegnitz- Rotenburg-Hoyerswerda bei der nächsten Reichs­tagswahl wieder zu erobern. Seit Monaten be­findet er sich nun auf einer angestrengten Mandats­suche. Bisher ist er immer vor geschlossene Türen gestoßen. So erging es ihm auch jüngst in dem Wahlkreis Saarbrücken. Dort hatte der Vor- stand der nalionalliberalen Partei dem Abg. Basfer- mann den Gefallen erwiesen, ihm für die kommende Wahl die Kandidatur anzutragen. Jetzt heißt es, Herr Bassermann habe abgelehnt (?) und zwar, weil der rechte Flügel der Nationalliberalen, die Großindustrie, sich entschieden gegen seine Kandidatur erklärte. — Armer Bassermann! Er, der sich früher so gern im Glanze seiner erträumten späteren Kanzlerherrlichkeit sonnte, kann nun nicht einmal mehr eine Kandidatur bekommen. Der Mann ist wirklich zu bedauern.

niemand, Feldern sorgte schon dafür, daß das nicht geschah

Plötzlich tönte ein Geräusch an sein Ohr. Schritte näherten sich, leicht u. schnell. Der Detektiv wischte über fein Gesicht und sofort zeigte es sich völlig ausdrucks­los- Dann ging er zur Tür und öffnete dieselbe ein wenig. Hierauf kehrte er an den Tisch zurück, zog die Schublade auf und griff hinein Ja, der Revol­ver lag bereit. Nun wartete er der Dinge, die da kom­men sollten.

„Herein", rief er, als ein scharfes Klopfen an der Tür vernehmbar wurde — em Klopfen, so entschieden, das Feldern über die Person oder vielmehr über den Charakter seines Besuchers schon im voraus ein wenig unterrichtete.

Ein schlanker, junger Mann folgte der Einladung, einzutreten. Er trug schwarzen Gesellschaftsanzug, de ■ durch einen langen bis auf die Knöchel reichenden Ueberzieher verdeckt wurde- Seine Hände waren mit weißen GlacSs bekleidet; seine ganze Erscheinung war vornehm und elegant. Er blieb zögernd an der Tür stehen, nach dem raschen Wechsel von der draußen herrschenden Dunkelheit zu dem hellen Licht einigemal mit den Augen blinzelnd.

Feldern warf rasch einen prüfenden Blick auf das Gesicht des Ankömmlings, bann nickte et fa­miliär.

„Guten Abend, Herr Oskar Schau", begrüßte er ihn, einen Stuhl herbeischiebend, „wollen Sie Platz nehmen? Schließen Sie die Tür, bitte."

Schau gehorchte mechanisch, so sehr überraschte es ihn, daß Feldern ihn kannte. „Sie kennen mich?" fragte er, indem er sich dem Tisch näherte.

„Ich habe Sie ein paarmal in Ihren Vorstellun­gen sowohl an öffentlichen Plätzen als auch in Privat­kreisen gesehen Ich begebe mich manchmal geschäft­lich in die Gesellschaften der Vornehmen. Oh ja, ich kenne Sie und Ihre Talente. Ein Gesicht wie das Ihrige vergißt man nicht so leicht, Herr Schau."

Schau fühlte sich unbehaglich. Er hoffte sehnlichst, daß dieser «scheinend Überfluge und vielwissende Mann einzelne Episoden seines früheren Leben, die er auf keinen Fall in Erinnerung gebracht haben mochte,

♦ Wiesbaden,30. Juni 1910. Die Enzyklika« beroegung will in unserer Stadt nicht abflauen, weil sie fortwährend künstlich genährt und unter­halten wird. Für heute abend ist, der ,Köln. Vztg/ zufolge, wieder eine Versammlung des Evangelischen Bundes berufen. Zwei Pfarrer und ein Jurist werden sprechen und alle drei über die Enzyklika. Mitten in die Enzyklikaprotestbewegung fiel der Prozeß Welker. Dieser freireligiöse Prediger hat nachgewiesenermaßen folgende Ausdrücke den Katho» liken ins Gesicht geschleudert: Teigbrocken (hl. Altars­sakrament), Gaukelei (Fronleichnamsprozession), Seelenzuchthaus (Kirche), wahnwitzige Erfindungen, freche Verhöhnung der Wahrheit, tödliches Seelen­gift (Dogmen). In einer Stadt, in welcher sich die Katholiken von ihren Gegnern solche Belei­digungen straflos gefallen lassen müssen, hätte man cs wirklich nicht nötig gehabt, über einige etwas scharf gehaltene Wendungen der Enzyklika derart aufgebracht zu fein, zumal die maßgebenden Kreise der Katholiken durch ihr ganzes Verhalten niemand darüber im Zweifel ließen, daß auch sie einige Aus­drücke in dem päpstlichen Rundschreiben milder ge­wünscht hätten. Und daß gerade ausgesprochener- maßen die Anhänger Welkers auf einer eigenen Versammlung gegen die „Schmähungen Roms" Sturm liefen, berührt mehr als eigentümlich, wenn man den „vornehmen" Ton ihres Heros Welker in Betracht zieht.

* Aus Hessen, 4. Juli 1910. Es reißt nicht ab mit den hessischen Sirnultanschulsällen. Von dem an der bayerischen Grenze liegenden Städtchen Seligenstadt wird berichtet, daß der protestantische Pfarrer Paul bei der Kreisschulkommission Offenbach sich beschwert habe, in den Simultanschulen werde noch nach katholischem Ritus gebetet. Diese Beschwerde kann erst richtig beurteilt werden, wenn man bedenkt, daß die Volksschulen in Seligenstadt außer von 900 katholischen Schulkindern auch von — 38 pro­testantischen besucht werden, sowie daß die hessische Regierung vor zwei Jahren gegen den Willen der katholischen Bevölkerung die bis dahin bestehenden konfessionellen Schulen aufgehoben hat. Braucht man sich da über die in den Seligenstädtcr kathol. Familien herrschende große Entrüstung und Er­bitterung zu wundern? Trotz alledem aber wird die Simultanschule auch in Zukunft von ihren Be- sürwortern als die große „Friedensstifterin" unter den Konfessionen bezeichnet werden.

*♦ Straßburg, 4. Juli 1910. Unsere Landes- boten, die nun in ihre Heimat entlassen worden sind, haben, wie schon telegraphisch gemeldet, noch einmal die Gelegenheit benützt, um der Regierung frank und frei mitzuteilen, was sie von dcr in Aus­sicht gestellten Verfassnngsreform erwarten. Der Landesausschuß ersucht die Regierung, ihm vor der endgültigen Regelung der Angelegenheit Ein­sicht in die Vorschläge der Regierung zu gewähren. Ein solches Verlangen wies aber die Landesver­waltung schroff ab. Sie schützte Eingriff in die Reichsregierung vor und verließ für die Dauer der Verhandlung den Saal. Das hinderte natürlich die Abgeordneten nicht, ihren Anschauungen gleich­wohl Ausdruck zu geben. Das Hauptinteresse der Verbandlungen drehte sich um die von den Liberalen in die Welt gesetzte Lüge, Zentrum und Lothringer Block hätten die Verfassungsreform durch ihre Haltung dem Proporz gegenüber sehr gefährdet. Der Abg. Hauß gab im Namen des Zentrums die formelle Erklärung ab, daß das Zentrum im Prinzip an dem Proporz sesthalte, es aber entschieden ab­lehne, in eines der Proporzsysteme einzuwilligen, das in illoyaler Wei e sich gegen eine Partei richte und nur bte Juteressen der Liberalen wahrnehme. Daß die Regierung mit solchen Plänen umging, hat sie etwas zu früh verraten. Abgesehen davon, daß sie selbst 1927 von diesem Wahlverfahren nichts wissen wollte, hat sie gelegentlich durchblicken lassen, daß der in Aussicht genommene Proporz schon so eingerichtet werde, daß die „Zentrumsbäume nicht in den Himmel wachsen". Der Abg. Wolf gab sich redlich Mühe, den liberalen Standpunkt zu rechtfertigen; aber die zehn liberale Männlein hatten so ziemlich das ganze Parlament gegen sich. Nun ist der Wille der Volksvertretung zum Aus­druck gekommen, da ja die Regierung anscheinend so sehr daran hielt. Diesen Weg hätte sie be­schreiten müssen, als Staatssekretär Dr. Delbrück hier anwesend war, „um zu hören"; denn zehn Ans-

nicht kenne- Aber jetzt war es zur Umkehr zu spät. Mit einer Ruhe und Kaltblütigkeit, die er in seinem langjährigen Berufe als Imitator von allerlei Perso­nen nur zu gut gelernt, nahm er auf dem ihm darge­botenen Stuhl Platz.

„Sie schätzen mein Aussehen und meine Fähig­keiten zu hoch, Herr Feldern", begann er leichthin. „Aber ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Gedächtnis."

„In meinem Berufe kann man ein gutes Gedächt­nis vortrefflich gebrauchen", antwortete gelbem. „Also Herr Schau, Sie wünschen mich wegen des Kirby'schen Mordes zu sprechen?"

„Den Teufel auch!" Schau ließ die Zigarette, die er sich eben anzünden wollte, fallen und starrte Feldern an. „Woher wiffen Sie das?"

Indem ich zwei und zwei zusammenrechne und mir sage, das macht vier Als ich den Fall in die Hände nahm, stellte ich natürlich zuerst auch Nach­forschungen über das Kirby'sche Haus an und dabei erfuhr ich, daß Sie viel dort verkehren und ein eifri­ger Verehrer der Witwe sind. Da diese selksstverständ- lich wünschen maß, den Tod ihres Gatten gerächt und den Mörder der Gerechtigkeit überliefert zu sehen, ist es leicht erklärlich, daß sie Sie zu mir schickt, statt selber zu kommen."

„Woher wissen Sie, daß ich Frau Kirby's Ver­ehrer bin?"

Feldern lächelte. „Sie würden nicht so oft hin­gehen, wenn dies nicht der Fall wäre. Möglicherweise konnte es ja auch der Roulettetisch sein, aber —*

„Ah, das wiffen Sie auch?" Schau war ganz ver­wirrt.

„Ich weiß alles, was man so wissen kann, Herr Schau. Doch lassen Sie uns die Zeit nicht mit un­nützen Redensarten verschwenden. Schon die Tat­sache des Mordes muß es Ihnen erklären, daß ich Nachforschungen anstellte. Also, was wünschen Sie von mir?"

„Ich wollte mit Ihnen über den Fall sprechen", lautete die Antwort.

„Natürlich Aus Ihrem eigenen Antrieb oder im Auftrage der Frau Kirby?"

„Im Auftrage der Fran Kirby Sie bat mich.

erwählte, und wären es auch die besten, können ohne offiziellen Auftrag — und das war hier der Fall — immer nur ihre Privaimeinungrn vortragen.

Ausland.

♦♦ In Italien gehen die „Antiklerikalen" mehr und mehr zur Politik des Knüttels über. Wenn irgendwo die Katholiken eine öffentliche Kundgebung veranstalten, flugs sammelt sich der kirchenfeindliche Pöbck und fällt über fie her. So ging es an einigen Orten Toskanas, wo am vergangenen Sonntag katho­lische Versammlungen und Umzüge stattfanden, die von den „Antiklerikalen" frech gestört wurde. In Pontedera wurde ein mit Katholiken besetzter Tram mit Steinwürfen und Revolverschüssen angegriffen, in Cascina gab es bei einem Ueberfall mehrere Verwun­dete, in San Giovanni Valdarno wurde ein Kampf mit'Stockschlägen und Revolverschüssen ausgefochten, der durch das Eingreifen der Gendarmen ein Ende fand, nachdem bereits zehn Personen, zumteil schwer, verletzt waren- In Venedig hat sogar das Begräbnis eines jungen Mädchens den Anlaß zu einem wüsten Auftritt in der Kirche St. Maria bei Carmine gege­ben. Unter dem Geschrei: „Rieder mit dem heilizen Kramladen!" drang eine Rotte in die Kirche ein, warf mit Kartoffeln und anderen Früchten gegen die Altäre und vertrieb die Geistlichen.

** Die Finanzen Spaniens haben sich unter dem Einflüsse des letzten marokkanischen Krieges derartig verschlechtert, daß eine große Anleihe von 1V2 Mil­liarden Pesetas (— 1200 Millionen Mark) notwen­dig geworden ist. Außerdem bereitet die Regierung die Ausgabe von dreiprozentigen SckahanweMngen im Bettage von 81000 000 Pesetas (650 000 Mark) vor.

Aus -em Nachbargebiete.

* Giessen, 4. Juli 1910. Dir Stadt wird sich aller Voraussicht nach an dem Bau einer Bahn durch das untere Kleebachtal unter der Bedingung mit einem Kapital beteiligen, daß die Bahn nicht nach Dutenhofen geführt wird.

* * Kassel, 3. Juli 1910. In seiner Sitzung vom 28. v. M. hat der Landesausschuß, dem ein Antrag der Königlichen Museumsdirektion Vortag, für das neue Landesmuseum eine Anzahl hessischer Hoftrachten, Uniformen usw. aus der Garderobe des Königlichen Theaters zu erwerben, seine Geneigtheit ausgesprochen, dem neu zu gründenden Landesmuseum vonseiten des Bezirksverbandes eine größere Schen­kung zum Zwecke des Erwerbs von hessischen Alter­tümern zu machen und ersucht daher den Herrn Lan­deshauptmann, eine dementsprechende Vorlage für den Kommunallandtag vorzubereiten. Ein Teil dieser Schenkung soll für die im Gesuch der Königlichen Mu­seumsdirektion vom 10. Juni 1910 näher bezeichneten Säoftradjten, ferner Uniformen, Waffen und Ausrü­stungsgegenstände der hessischen und westfälischen Armee verwendet werden, welche die Intendantur des Königlichen Hortbeaters mit Genehmigung des Herrn Ministers des Königlichen Hauses an das neue Lan­desmuseum abjuaeben bereit ist. Mit dem Bau des Museums soll noch in diesem Jahre begonnen werden- Es ist zu wünschen, daß sich insbesondere Kreis- und Gemeindeverwaltungen. Innungen und sonstige Kor­porationen über seine Bedeutung für unser engeresVa- lerlanb klar werden. Das neue Landesmuseum soll in seinen Sammlungen die Entwickelung der Kultur und Kunst Hessens darstellen. Es wird alle Altertümer aus dem Lande sammeln, mögen sie die Familie oder die Gemeinde oder den -Staat be­treffen: bauliche Altertümer, Möbel und Hausrat, Tracht und Schmuck, Werkzeuge und Zunftsachen, Ge­genstände des christlichen- und des jüdischen Kultus, Uniformen und Waffen, Orden und Münzen usw. In unser alles nivellierenden und alles vergessenden Zeit soll eine Stätte der Erinnerung an die reiche Ver­gangenheit unseres Landes geschaffen werden. An ihr sollen gleichzeitig Künstler und Handwerker von den Werken der Väter lernen, deren Sinn noch schlicht und wahr, deren Auge fiar und deren Hand sicher war. Soll das Museum dieses Ziel erreichen, so bedarf es der tätige und opferwilligen Mitarbeit weitester Kreise Hessens. Der Museumsverein zu Kassel, der die For­derung des Museums als seine vornehmste Aufgabe be­trachtet, richtet deshalb an unsere Landsleute schon jetzt

nachzufragen, ob Aussicht vorhanden sei, daß die Wahr­heit ans Licht tarne.“

„Natürlich", sagte der Detektiv abermals. „Ich sehe. Sie möchten rauchen, Herr Schau. Bitte, rau­chen Sie."

Während der Besucher sich mit dem Anzünden seiner Zigarette beschäftigte, beschattete Feldern sein Gesicht mit der Hand, wie um es gegen das Licht zu schützen, beobachtete jedoch durch die leicht vonein­ander gehaltenen Finger hindurch Schau. Zu seiner Enttäuschung bemerfte er jedoch keinen besonderen Ausdruck in dessen Gesicht- Schau war viel zu raf­finiert, als daß er seine Gedanken so leicht verriet.

Endlich war Schau mit dem Anzünden seiner Zi­garette fertig und warf das Streichholz fort. Als et aufbliche, sah er die Augen des Detektivs auf sich ge­richtet. Er hielt diese Micke aus, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. .Was haben Sie?“ fragte er, ihn gespannt ansehend

„Ich dachte eben darüber nach, welches Maß Sie wohl haben", lautete die seltsame Antwort.

„Fünf Fuß acht Zoll, Herr Feldern. Warum?"

„Hm, ich dachte an Ihre Vorstellungen. Sie find äußerst geschickt als Verwandlungskünstler. Ich habe Sie, sowohl Ihre Gestalt als auch Ihr Gesicht ganz gewaltig tieränbem sehen "

„Ein Trick meines Berufes", erwiderte Schau ge- ringschätzend. „Korksohlen fürs Vergrößern, runde Schultern und etwas gebückte Haltung für das Ver­kleinern der Figur. Sie können mal zu mir kommen, wenn ich mich verwandle."

„Mit Vergnügen", ftimmte Feldern freundlich zu. „Mein Beruf bringt es auch mit sich, daß ich ost Ver­kleidung anleae Doch nun zum Geschäft Also was wünschen Sie' oder vielmehr was wünscht Frau Kirby zu wiffen?"

„Näheres über den Mord. Haben Sie eine Spur gefunden?"

„Leider kann ich nicht mit „ja" antworten. Der Polizist Drake macht ja die eine Spur hinsichtich des Mannes, den er am Abend getroffen — Frau Kirby diejenige mit dem Türkisen schlüssel zu Nichte."

(Fortsetzung folgt.)