Maer W Zeitung
,p»Mkz'Lu wschenbeims«:„Illustrierte §onntag;zettung"
Monatrbeilage: „Fulda« Geschichtsblätter"
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üatatiourdruauub Verlag der Fuldaer Al- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.
Fulda, Dienstag den 5. Juli 1910.
Erstes Blatt.
j\& 150.
37. Jahrgang.
□ Der Allensteiner Prozeß
beschäftigt naturgemäß noch immer die Presse sehr lebhaft. Allgemein ist das Bedauem, die Schlammflut der sittlichen Verkommenheft, in welche die Allen- stemer Verhandlungen hineintauchen mußten, nicht Innerhalb der Wände des Gerichtszimmers festgchaltm, sondern öffentlich ausgebreitet werden mußte.
Rur der .Vorwärts" hat den traurigen Mut, pen Ausschluß der Oeffenüichkeit als durchaus unbe- Irechttgt zu bezeichnen, und zwar deshalb, well die t,Aufdeckung der sozialen Verhältnisse und Fäulnis sn den .besseren Ständen'" ihm ein taugliches Mittel Irsch eintz um die Arbeitermasien mit Haß gegen die sauberen VolkSklassen zu erfüllen. Ein wertvolles Moment zur Charakterisierung der Art, wie die sozial- dcmokratischePresfedie Ausgabe der Vo l k s- vildung und Erziehung auffaßt.
Die Handhabung der Prozeßleitung durch den Vorsitzenden des Gerichts wird vielfach als vortrefflich und einwandfrei gerühmt. Gewiß ist es schwer, aus der Ferne, nur auf Grund von Zeitungsberichten ein Urteil darüber zu fallen, ob die Prozeßleitung ihrer Aufgabe gewachsen war. Slber man wird doch den unangenehmen Eindruck nicht los, daß die wohl allgemein als verfehlt bettachtete uferlose Ausdehnung der Beweisaufnahme, die über Dinge und Tatsachen die eingehendste Auftlärnng verschaffen wollte, welche mit dem Verhandlnngsthema nur in recht losem Zusammenhänge standen, von der Prozeßleitung hätte eingeschränkt werden können.
Auch in Allenstein hat sich wieder gezeigt, daß die Psychiatrie auf dem besten Wege ist, die Sttaf- r»chtspflege vollständig zu ruinieren- Diese Entwicklung wird natürlich am wenigsten durch gesetzliche Maßrahmen aufgchalten werden können. Wenn wir die sichere Erwartung hegen, daß es in diesem Punkte doch poch einmal anders werden wird, so deshalb, well wir ‘"auf eine natürliche Reaktion des Volksgewiffens und des gesunden Volksemvfindens gegen die modernen Bestrebungen hoffen, die den Menschen der Berant- worüichkeit für seine Taten entkleiden, alles unmoralische Handeln als Ausfluß einer besonderen Veranlagung oder besonderer Verhältnisse erklären und damit dm Begriff der Strafe vernichten wollen
, Der Allensteiner Prozeß hat sehr abßoßende Bilder aus den Niederungen des menschlichen Lebens enthüllt, deren Häßlichkeit natürlich dadurch nicht gemlldert wird, daß die handelnden Personen den sogenannten besten Kreisen entflammen. Gewiß wäre 2$ durchaus verkehrt, aus den Erfahrungen dieses Einzelfalles auf die Gesamtheit des Offizierstandes irgendwelche Schlüsse zu ziehen, und wenn jetzt der „Vorwärts" hetzerische Verleumdungen gegen das Offizierkorps bringt, so ist dieses aufs schärffte zurückzuweisen. Jedoch ist nicht zu leugnen, daß währmd des Prozesses einzelne Momente zutage getreten sind, die ein etwas bedenkliches Licht auf gewisse Anschauungen und Verhältnisse in dem Gesellschastsmilieu der Beteiligten zu werfen geeignet sind. Wir erinnern an dir Anschauungen über die Erlaubtheit und Notwendigkeit des Selbstmordes. ZioMich auffällig mußte es erscheinen, daß Hauptmann von Goeben, dessen Charakter nach den Prozeßverhandlungen alles andere als vornehm genannt werden muß, nicht nur im Kreise seiner Kameraden, sondern auch im Generalstabe ein tm gemein großes Ansehen und Vertrauen geiricßm konnte. Auf einen anderen wichtigen Punkt macht die „Post" aufmerksam, indem sie fragt:
„Hätte der Regiinentstammandeür dem doch all die beschämenden Vorgänge in seinem Regiment nicht verborgen bleiben konnten,'nicht längst emgreifen müssen ? Auch liegt die Frage nahe, warum leider in Offiziers- treijen so manche unglückliche Ehe uns in den letzten Jahren schaudernd an Gerichtsstätte enthüllt woiden ist? Hängt all das Unbeil, das sich dort zeigte, nicht zum Teil mit Bestimmnngen zusammen, die vielleicht unentbehrlich, aber dem Wesen reiner Liede und reinen Eheglücks recht fetnliegen " ?
Mit aufrichtigem Bedauern wird jeder wahre Freund des deutschen Volkes in dem Gcsellschafts- tnilicu, in dessen Abgrund der Allensteiner Prozeß einen erschütternden Einblick hat gewähren lassen, den sittlichen Niedergang unserer Zett erblicken müssen. Es müssen, wenn es besser werden soll, alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um die Zucht- und Sittenlosigkeit wieder zu bannen und unser Volk wieder zur strengen Sitte zurückzuführen, die einst zu der Väter Zeiten sein Stolz und feine Kraft waren. Was nützt uns die gesteigerte „Kultur" und alle „Bildung" mit ihren laxen mora» Usihen Anschauungen, wenn das Volk dabei sittlich zugrunde geht! Nur ein aus dem Boden der Religion und Sitte auswachseudes Geschlecht kann unsere Zukunft sichern. Mögen das alle, die es angeht, mögen es auch die hohen Militärbehörden wohl beherzigen und danach ihre Maßnahmen einrichten.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Juli 1910. Um die Ablehnung der Reichswertzuwachssteuer hat der Vorstand des Deutschen Städtetages den Reichstag in einer erneuten Eingabe ersucht. — Der Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg, der sich am !Mittwoch nach Karlsruhe zum Großherzog von Baden begibt, wird im Laufe des Sommers eine mehrwöchige Kur in Kissingen gebrauchen.
* Der Kaiser hat am Montag nachmittag .von Kiel aus seine Nordlandsreise angetreten. .Am Dormittag war die Kaiserin mit dem Prinzen Joachim in Kiel eingetroffen, sie wird von Kie aus an Bord der „Iduna" eine Kreuzfahrt in der westlichen Ostsee anlrelen.
+ Die neuen Oberpräfidente«. Auch der ,Staats- Mzeiger' teilt jetzt mit, daß der Staatsminister sDr. Jng. Freiherr v. Rheinbaben zum Ober« 'Präsidenten der Rheinprovinz und der Uuterstaats- ffelretär im Staatsministerium Dr. jur. von Muenther in Berlin zum Oberpräsidenten der ^Provinz Schlesien ernannt worden sind.
* Das deutsche Kreuzer-Geschwader für Ost- asien wird verstärkt. Der Panzer - Kreuzer „Gueisenau" begibt sich im Herbst auf die ost- asiatische Station. Die mehrfachen Unruhen in den verschiedenen Provinzen Chinas während der letzten Zeit veranlaßten diese Maßnahme.
• Aerzte und Reichsverficherungso rdnrmg. In der Sitzung der Reichstagskommission für die Reichsversicherungsordnung führte Staats- sekretär Dr. Delbrück über die Aerzte-Frage aus, die Regierungen hätten nicht einseitig die Interessen >er Aerzte wahrnehmen können, sondern auch die der Kaffen und Versicherten berückfichtiyen müssen. Ein Teil der Aerzte habe den wirtschaft- lichen Kampf überspannt. Die Vorlage uche zwischen Aerzte und Aerzteorganisationen und Kaffen den Boden für einen Ausgleich zu chaffen. Zunächst sei den Besten und den Kaffen völlige Freiheit gelassen, erst im Notfälle trete die Behörde regelnd in die Schranken. Die freie Aerztewahl sei der Hauptsache nach durch die Vorlage garantiert.
Ei« bedeutsamer politischer Erfolg. In der Strafprozeßkommission des Reichstages ist es dem Abg. Gröber, aber mit vieler Mühe, gelungen, einen bedeutsamen politischen Fortschritt zu erreichen. Er beantragte die Aufnahme folgender Bestimmung:
„Wird m einem Strafverfahren wegen Beleidigung, welches auf Grund des von einem Beamten oder von dessen Borgesetzten gestellten Antrages auf Strafverfolgung ein geleitet ist, die Ermittelung des Sachverhaltes durch Versagung der Genehmigung zur Ablegung des Zeugnisses des Beamten gehindert, so flt, falls das Gericht nicht zu einem freisprechenden Urteil gelangt, die Einstellung des Verfahrens auszusprechen."
Zur Begründung dieses Antrages daff nur auf den skandalösen Prozeß Lehnen in Neunkirchen hingewie- sen werden. Es sind sechs Jahre her, daß gegen den Zentrumsredakkeur Lehnen Anklage wegen Beleidigung eines Beamten erhoben wurde- Der Angeklagte wollte den Wahrheitsbeweis erbringen und lud den betreffenden Beamten als Zeugen. Die vorgesetzte Dienstbehörde verwehrte diesem aber die Aussage Der Wahrheitsbeweis wurde dadurch unterbunden und der Angeklagte verurteilt. In den letzten Jahren stnd eine Reihe ähnlicher Prozesse vor sich gegangen, und zu ar immer Prozesse, die auf rein politischem Gebiete liegen. Der Antrag war somit in allen Teilen wohl begründet. Wer aber stimmte dagegen? Die Konser- oatieen stimmten geteilt, aber geschlossen stimmten dagegen die Nationalliberalen und der freisinnige Abg. Kopsch.
** Ter ,Reichsbote', der zu den romscheuestcn deutschen Blättern gehört, schreibt, nachdem er die Konservativen vor einer „Verbindung" mit dem Zentrum gewarnt, in seiner Nr. 153 noch u a.:
Anderseits muß aber auch erkannt werden, daß das Zentrum als eine Vertretung des katholischen Volkes nicht ausgeschaltet werden kann und darf, sondern für die Zwecke des Reiches benutzt werden muß. Ueberdies verbietet uns unsere eva igelische Toleranz und Friedensliebe, eine feindliche Stellung gegen das Zentrum einzunehmen. Wir haben in allen unseren Proteste» gegen die Enzyklika betont, daß wir mit unfern katholischen Bürgern einträchtig und in Frieden leben wollen; das müssen wir auch betätigen, soweit das Zentrum sich national und tolerant gesonnen zeigt; es darf auch nicht verkannt werden, daß das Zentrum die nationale Wirtschafts« und Sozialpolitik mitgemacht hat. Ohne oder gegen das Zentrum hätte diese Politik gar nicht gemacht werden können, und auch zetzl wäre gegen das Zentrum keine nationale Politik zu machen, zumal der Freisinn sich durch seine Verbindung mit der Sozialdemokratie völlig unzuverlässig erwiesen hat.
* Im Disziplinar-Prozeß gegen den Ober« postasftstenten Zollitsch hat der Disziplinarhof auf Verwerfung sowohl der Berufung der Staats« anwallschast als auch der des Beschuldigten erkannt.
4- Der „positive Ruhen der Protestbewegung" rotrb von der ,Tägl. Rundschau' (Nr. 305 v. 3. 7.) folgendermaßen gekennzeichnet:
„Einstwellen laufen die Angelegenheiten deutscher Ration noch ihren unerfreulichen Kurs Das Zentrum fühlt sich Trumps, wenn ihm auch die „wüste Hetze" der „Protestiererei" einen scharfen und noch lange nicht austilgbaren Strich durch fein Konzept gemacht hat. Fragt man skeptisch nach dem positiven Nutzen dieser Protestbewegung, so hat man hierin vor allem die Antwort. Sie hat eine ungeheure Aufllärunas« arbeit über die Naturgeschichte des Zentrums, über die antinationale Arlung des Ultramontani8muS geleistet. So lag die eigentlichste Bedeutung des Enzyklikastreites nicht in dem Einzelfall als solchem. Sie lag in seiner dauernden symptomalischen Bedeutung für die Auftlärnng über di« grundlegende Auffassung, die der Ültramontanismus hegt und die durch keine gutgläubige Begeisterung anderer Leute für die „gemeinsame christliche Grundlage" berührt werde» kann."
Für diefe Offenherzigkeit kann man dem freisinnigen Organ des Ämngelischen Bundes nur dankbar fein.
+ Sine neue Maßnahme zur Lösung der Polen« frage wird in einer Zuschrift vorgeschlagen, welche das ,Berl. Tagebk/ auS der Ostmark erhält. Im Anschluß an die Bemerkung des Pws. Bernhard in seinem Werke über die Polenfrage, daß die polnische Arbeiterfrage dem preußischen Staate nur schwierige Aufgaben stellen werde, wird empfohlen, „die polnischen Arbeiter dadurch zu gewinnen, daß die Regierung selbst seinen Landhunger befriedige, ihn ansässig mache und hierdurch einen Keil in die polnische Agüation treibe".
„Nach dem geplanten Parzellierungsgesetz „würde dasParzellierungswesen ausschließlich den deutschen Instituten, wie Ansiedelungskommission, Mittelstands« kaffe, Bauernbank, Klemfiedelungsgenoflenschasten ufro. zusallen, die nach ihrer heutigen Zusammensetzung säst ausschließlich deutsche evangelische Leute an- fiedeln. Dem poluffchen oder auch dem noch deutschen, aber katholischen Manne würde dadurch jede Gelegenheit, seinen Wunsch auf Erwerb eines eigenen Grundstücks zu erfüllen, in Zukunft erschwert
oder fast unmöglich gemacht. Damit würden bte polnischen Separationsbestrebungen verstärtt unb ber polnische Zudrang in die kleinen Städte gesteigert werden... Der polnisch, Arbeiter, dessen Hauptbestreben auf eigenen Besitz gerichtet ist, sieht nun mit Neid, wie häufig diese Parzellen an Deutsch-Russen ober Galizier, die eben zugezogen find, »ergeben werden, wobei auf die schmalen Geldbeutel dieser Leute große Rücksicht genommen wird, während es ihm, der seinem König zwei Jahre dienen mußte, erschwert wird, in der Heimat seinen Landhunger zu befriedigen. Wenn die obengenannten Institute aber veranlaßt werden, in den einzelnen Kolonien einen Teil der Parzellen an loyale Polen zu vergeben, sowürde dies allem Ermessen nach auf die größtenteils recht realdenkenden Polen eine gute Wirkung ausüben." Der Artikel schließt„Es wirb bei uns zu wenig Rücksicht auf geheime Wünsche ber Volksseele, Sentiments und Imponderabilien genommen. Des polnischen Arbeiters heißester Wunsch ist, ein Stück Land sein eigen zu nennen. Wer ihm diesen Wunsch erfüllt und wer e8 versteht, auch dauernd auf diese Leistung hinzuweisen, ber wirb ihn auch politisch gewinnen können. Natürlich barf tm Interesse unserer Sicherheit dieser Wunsch nur einem mäßigen Teil der polnischen Arbefterschaft erfüllt werden; aber es wirb auf viele polnische Arbeiter einen gtzten Eindruck machen, wenn es heißt, in den Rentengutskolonien zu Moschin, Schwersenz, Pakosch usw. sind Arbeiterrentenstellen auch für polnische Arbeiter zu haben."
Der hier genannte Vorschlag ist recht gut gemeint, aber in den Rahmen der bisher verfolgten Antilopenpolitik paßt er schlecht hinein. Wir möchten glauben, daß er bet zweckmäßiger, d. h. den Wünschen der polnischen Bevölkerung entgegen- kommender Durchführung auch recht wohltätig würde wirken können; aber daß die Durchführung wirklich so gestaltet werden könnte, kann man nur unter der Voraussetzung erwarten, daß der ganze Kurs der preußischen Polenpolitik geändert würde, daß die Behandlung der polnischen Bevölkerung ihren aggressiv feindseligen Charakter verlieren und durch das Bestreben ehrlichen Entgegenkommens geleitet würde.
)(Maximilian Harden alias Isidor Witkowski erfreut sich wieder einer gewaltigen Reklame. Er halte über den Allensteiner Prozeß eine skandalöse Auslassung veröffentlicht. Darauf wurde die ,Zukunft' beschlagnahmt, was zugleich eine „Reklame" bedeutete, wie Harden sie seit dem Eulen« bürg«Prozeß nicht mehr hatte machen können. Der Großstadt«Bierphilister stürzt sich in den Wirtschaften mit einem wahren Heißhunger darüber her, und jeder Wirtz der die.Zukunft' bisher noch für jir- teuer hielt, der muß jetzt, gezwungen von der Sensationslust seiner Gäste, sie sicher hallen. Es soll auch Anklage gegen Harden wegen diejes Artikels erhoben werden, da wird also wohl Harden, drapiert mit dem Mäntelchen des Vor« kämpfers für die Sittlichkeit, wiederum mit Hilfe ausgesuchtester Verteidiger einige Wochen die Gerichte und alle Anhänger „feinet" Sittlichkeit aufs intensivste beschäftigen. Hoffentlich machen die Ge« richte einen sehr kräftigenStr ich durch diese Rechnung.
X Augsburg, 4. Juli 1910. Zum Festzug am Katholikentags-Sonntag sind bis jetzt schon angernel- det 437 Vereine mit ca. 16 000 Teilnehmern, 365 Fahnen, 37 Musik- und 8 Tambourkorps. Viele Vereine stehen aber noch aus. Bis jetzt sind bereits über 20 Sonderzüge in Aussicht genommen.
Ausland.
* Der Besuch Kaiser Wilhelms am Wiener Hose im Laufe des Monats September wird für gesichert erklärt.
* Das Schicksal Finnlands ist fetzt entgültig besiegelt. Der russische Zar hat jetzt das neue Finnland - Gesetz, das von der Duma und dem Reichsrate angenommen worden ist, bestätigt.
* Die Antwort der fpanifchen Regierung aus die letzte Protestnote des Vatikans ist am Samstag abgegangen. In dieser Antwort hält die Regierung ihre Entschlüsse aufrecht, gibt aber noch eine ausführliche Begründung. Hierzu erklärte Canalejas: „Wir wollen sehen, ob es uns gelingt, den Vatikan zu überzeugen, andernfalls werden wir es bebauten, aber was können wir habet tun?" Der Wortlaut der Note wird vorläufig ebensowenig bekannt gegeben, mi der der vatikanischen Note.
* ( m rutfches Panzerschiff für die Türkei? Blättermeldungen aus Konstantinopel zufolge verhandett der türkische Flottenverein mit der Schichauwerst wegen des Ankaufes eines fertigen Panzerschiffes von 17 000 Tonen.
Je* Gras Zeppelin über das verunglückte Luftschiff.
In einem offenen Briefe an die Deutsche Lustschiffahrtsaktiengesellschaft spricht fich der gefeierte Vater des starten Systems über die Ünglückssahrt der ersten Paffagierfchiffes „Z 7" aus.
Angesichts dieses traurigen Falles hat er ernstlich sein Gewissen erforscht wegen der Berechtigung, Luftschiffe nach Art der „Deutschland" für Paffagierfahrten zu verwenden. Er glaubt die Frage mit gutem Gewissen b e - jähen zu können. Die Katastrophe im Teutoburger Wald, meint er, müsse in ihrer Art eine einzige bleiben. Es hätten am 28. Juni ganz ungewöhnliche Witterungsverhältnisse geherrscht; das Luftschiff sei in einen Drehsturm ge- raten, der ihm ähnliche Gefahren bereite, wie die Taifune dem Seeschiff. Wenn die Seeschiffahrt aber bereits gelernt habe, den Taifttnen auszuweichen oder sie durch geeignetes Vorbeifahren unschädlich zu machen, so werbe die Luftschissahrt auch sehr bald jene Drehstürme nicht mehr zu fürchten brauchen. „Die Paffagierluftschiffe können und sollen sie daher in Zukunft ganz vermeiden."
Die Nutzanwendung für die Zukunft be» „trachten wir als das beste an dem Zevvelin'schen
Schreiben. Er fchiebt nicht alle Schuld auf die sog. höhere Gewalt, sondern er weist auch bei aller Höflichkeit in der Form deutlich aus die begangenen Fehlgriffe hin, um aus den trüben Erfahrungen Grundsätze für das Beffermachen herzuleiten.
So hat auch der Hinweis auf die „ganz ungewöhnlichen Witterungsverhältnifle des 28. Juni" den Hauptzweck, darzulegen, daß in Zukunft die allgemeine Wetterlage, aus der stets das wahrschein« liche Auftreten von Drehstürmen zu erkennen ist, sorgfältiger beachtet werden muß. Wie von anderer Seite gemeldet wird, haben in der Tat die Führer des Luftschiffes den am Tage vor der Abfahrt von Aachen eingelaufenen ungünstigen Wetterbericht auf die leichte Achsel genommen und sind an dem kritischen Tage ausgestiegen, ohne die Heber« sicht über die Wetterlage am Morgen, die erst gegen 11 Uhr vorliegen kann, abzuwarten. Der Umstand, daß gerade Vertreter der Preffe geladen waren, wird wohl die natürliche Scheu vor einer Absage an die erschienenen Fahrgäste noch übermäßig gesteigert haben. Der Wagemut mag ja in diesem Falle mildernde Umstände zur Seite haben. Aber sür die Zukunft muß doch streng an der Vorschrift des Altmeisters festgthaUen werden und jede Paffa« giersahtt bei ungünstiger Wetterlage unterbleiben.
Graf Zeppelin gibt dann noch eine Vorschrift für das Aufsteigen bei unsicherer Wetterlage, und wir dürfen darauf Hinweisen, daß in den letzten „Unpolitischen Zeitlänfen" ganz dieselbe Mahnung bereits enthalten war. Es handelt sich um die Vorsichtsmaßregeln bei Kreisfahrten, von der Halle aus dem Winde entgegenzufahren, um die Rückfahrt zu der Halle mit dem Winde machen zu können. Graf Zeppelin führt in dieser Hinsicht aus: „Es genügt nicht, nur erst eine kurze Fahrt gegen den Wind zu machen, um sich von der Ueberlegenheit der Schiffsgeschwindigkeit übeb diejenige des herrschenden Windes zu überzeugen. Die Windstärke kann zunehmen oder die Eigengeschwindigkeit durch das Versagen von Motoren abnehmen, wodurch die Rückkehr unmöglich wird. War man in dem Winde entgegengesetzter Richtung gefahren, so genügt die geringste Eigengeschwindigkeit, um von dem Winde tteibend zum Ausgangspunkt zu« rückkehren zu können."
Selbstverständlich kann diese Vorsichtsmaßregel nur in Anwendung kommen, wenn man eine Luftfahrt machen will, die zu dem Ausgangspunkt zurückführen soll. Bei den geplanten Passagier- fahrten handelt es sich aber gerade um solch« Rundreisen in der Luft. BeidenZielfah rten, die zu einem bestimmten Orte hinsühren sollen, muß man natürlich von Anfang an mit dem Winde fahren, wenn das Ziel in der Richtung des Windes liegt. Zur Erhöhung der Sicherheit bei solchen Fahrten wünscht Graf Zeppelin die Errichtung von möglichst zahlreichen Landungsstellen, welche in einer kleinen Tagesfahtt-Entfernung die Ausgangsstell« umgeben; an den Landungsorten soll ein sehr ein« facher Melde- und Alarmdienst eingerichtet werden.
Das alles gilt nur für Flüge bei einer zweisel- haften, unsicheren Wetterlage. Ist die letzter« geradezu ungünstig, so sollen die Flüge überhaupt ausgesetzt werden.
Nicht berührt ist in dem Zeppelin'schen Schreiben die Frage, die uns nicht nebensächlich erscheint: ob nicht in dem Falle, daß während der Fahrt eines Luftschiffes die Wetterlage sich wesentlich verändert und z. B. auf dem Wege des Luftschiffes sich Drehstürme zu entwickeln scheinen, dem Luftschiff eine Warnung übermittelt werden kann. Die Fachmänner sollten einmal prüfen, welche akustischen, optischen oder elettrischen Signale für die notwendigste Korrespondenz zwischen Luftschiffen und Erde verwendbar sind.
Die Hauptsache ist, daß wir ans den trüben Erfahrungen fortwährend neue Lehren und Anregungen schöpfen, und es freut uns, daß Graf Zeppelin bei der Verteitigung feines Systems zugleich als Erzieher sich betätigt.
volkswirtschaftliches und Soziales.
— Die Ernteaussichten in Deutschland sind nach dem Bericht des deutschen Landwirtschafts, rates für Roggen und Weizen günstig. Diese beiden Fruchtarten versprechen einen erheblich höheren Ertrag als im Vorjahre. Der Kartoffelstand ist sehr verschieden. In Süddeutschland und in den Rheingegenden leiden vielfach alle Feldftüchte bereits unter der andauernden Nässe und ist trockenes und sonniges Wetter dringend erforderlich, um vor allem die außergewöhnlich reichen Futtererträge ohne großen Verluste an Menge und besonders an Güte bergen zu können. Aber auch in manchen Gegenden Norddeutschlands wird aus denselben Gründen wieder trockenes Wetter herbeigefehnt. Die Hackfrüchte haben sich erst während der kürzlichen Niederschläge ent« wickeln können.
♦ Die Lage im Baugewerbe. Auch in Leipzi g haben nunmehr die Maurer, wie bereits vor einigen Tagen die übrigen Bauarbeiter, die Wiederaufnahme der Arbeit beschlossen. Der Streit im Leipziger Baugewerbe ist damit vollständig beendet.
Aus Uirche und Schule.
-4- Fulda, 5. Juli 1910. Der Hochwürdigste Herr Bischof hat an Stelle des am 2. d. Mts. verstorbenen Dechants Pfeiffer den Herrn Pfarrer Franz Herzig zu RaSdorf zum Dechanten des Dekanates Eiterfeld ernannt.
(*) Fulda, 5. Juli 1910. Das „Amtliche Schul- blatt" Rr. 7 enthält u. a. folgende Perfonal-Nach- richteu: Beauftragt mit der Verwaltung von Schulstellen die Schulamtsbewerberinnen: Anna Spiegel in Mackenzell und Sophie Link in Aufenau. Endgültig angestellt die bisher einstweilig angestellten Lehrerinnen: Elisabeth Podkowa m