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Kleines Feuilleton

Es befinden sich auf der Insel 40 bereits katho­lische und 1200 Familien von Leuten, die von den alten Christen abstammen, aber sich noch abgesondert halten. Ich habe die Standplätze der ehemaligen Kirchen besucht. Man hat sie in Erinnerung an die alte Zeit brach liegen lassen, und trotz des Holz- mangels berührt kein Mensch, was dort wächst. Stämme großer Bäume verfaulen unbenützt an Ort und Stelle. Mehr noch, keiner wagt es, den heiligen Boden zu betreten, ohne vorher seine Fußbekleidung abzulegen. Ich hatte den Trost, mit eigenen Händen ein Bild des Ecce homo zu berühren, das seit Jahrhunderten von Geschlecht zu Geschlecht über­liefert wurde und von diesen irrenden Brüdern verehrt wird/ h.

_ Die jetzige Volkszählung in Amerika ist wohl eine der gewaltigsten statistischen Unternehmungen. Sckon vor zwei Jahren wurden die Ankündiaunaen

jungen Manne. Schon nach einigen Tagen trat sie von ihrer Verlobung zurück, mußte aber auf ge­richtlichen Antrag des Bräutigams diesem die im Interesse der geplanten späteren Heirat gemachten Auslagen in Höhe von ca. 100 Mark ersetzen. Wie verlautet, äußerle die Dame, sich «vr im Scherz

deutung für zwei große Männer und für zwei große Reiche war die Schlacht bei Poltawa, die am 8. Juli stattfand. Durch sie wurde Karl XIL, der Schweden­könig, ins Elend gestürzt, während von diesem Tage die Machtfülle Peters des Großen datiert. Dir Er­stürmung von Alexandria durch Napoleon fand am 2. Juli statt Der 3. Juli 1799 sah die Schlacht ron Ülbikur und die gewaltige Schlacht von Wagram wurde am 5. und 6. Juli geschlagen. Schließlich ist noch zu erwähnen, daß die entscheidende Schlacht im Kriege 1866 am 3. Juli geschlagen würbe. Es war die Schlacht bei Königgrätz.

^ Schleiz, 30. Juni 1910. Der 39jährige Maurer Heinrich Gruner in Leitlitz mißhandelte vor 14 Tagen seine hochbetagte Mutter derartig, daß bte Frau jetzt gestorben ist. Der rohe Bursche wurde verhaftet.

so weitverbreitete Ansicht fest einwurzeln zu lassen Auch der Umstand gibt zu denken, daß jenes Kapital aus dem „Hexenhammer" herzlich^ wenig als Quelle von den Antihexenschreibern angeführt wird.

Der Reformator aber seinerseits schöpft seine Kenntnis nicht aus päpstlichen Bullen noch aus Sckriften katholischer Mönche — beide bildeten für ihn ja gar keine Instanz! — solidem aus der Bibel. In dem Abschnitt „Die Bibel als Autorität für pro­testantische Hexenverfolgung" (S. 67—100) bringt Paulus Belege aus allen Gauen Deutschlands. Die Bibel ist für alle diese protestantischen Kreise die Richt­schnur für ihr Einschreiten gegen die Hexen, daran ist nach dem umfassenden Zeugenverhör, das Paulus vor­nimmt, kein Zweifel.

Nicht minder beliebt als die so viel zur Recht-1 fertigung der Reformatoren in Antvendung gebrachte Belastungstheorie ist die gewöhnliche Darstellung, daß die katholischen Theologen von wegen ihres Zölibats die Schuld an der Verachtung des weiblichm Ge­schlechts tragen und daher verantwortlich gemacht | werden müßten für die Zuspitzung des Hexenwahns auf das weibliche Geschlecht.

Hierin hatte der Leipziger Rechtsgclehrte Fried­berg richtig gesehen, als er die Frage aufwarf, ob da nicht ältere Vorstellungen mitspielten, „ob nicht die Frauen auch im Altertum, in der Germanen- sowie in der Frankenzeit weit mehr als die Männer mit über­natürlichen Gaben ausgerüstet angesehen worden sind, und ob demnach nicht bei den Hexenverfolgungen die durch das Christentum noch nicht ausgerotteten Anschauungen des Volkes wenigstens eine ebenso große Rolle gespielt haben wie die Niederschläge mönchischer Aszetik. Sonst wäre es kaum zu ecklären, daß diese spezifisch mönchisch-aszetischen Lehren beim Volke einen so breiten Boden gefunden haben" Dem ist in der Tat so. Und ganz unhaltbar ist die ge­wöhnliche Behauptung, daß die betreffenden Parteien im „Hexenhammer" an dieser Mißachtung der Frau schuld seien. Das ecrscheint von vornherein wenig glaubhaft, wenn man bedenkt, daß das zudem noch lateinisch geschriebene Buch eine ungeheure Verbrei­tung hätte finden müssen, um in so kurzer Zeit eine

* Hexenwahn nnv Hexenprozeß und Resormation.

Markt sie gehen müssen Es gibt ferner Handelsrer- sende, die entweder auf eigene Faust oder als Agenten einer Firma hin und her reisen, Bräute suchen und abgeben, kaufen und verkaufen. An solche Handels­reisende werden unzählige arme Geschöpfe verhandelt, ost in weite Ferne, auf Nimmerwiedersehen der El- tem und des Elternhauses. Der Handel, den der Vermittler direkt mit den Eltern abschließt, gilt in China gar nicht einmal als etwas Schlechtes und ist sehr häufig. Die armen Geschöpfe find der Kauf­preis, mit dem die Eltern ihre Schulden zahlen oder Getreide zum Essen kaufen. Aber nicht bloß Mäd­chen kommen in den Handel, auch Ehefrauen. Sind sie Witwen ohne Knaben, dann ist die Entfernung aus dem Hause fast stets ihr Anteil, zumal wenn die Fa­milie arm ist. Die Kinder, d. h. die kleinen Mäd­chen, werden an Dritte abgegeben oder verkauft, die Witwe wird einem andern Manne überwiesen. Außer Witwen kommen auch junge Frauen, die bloß Mäd­chen, keine Knaben haben, ans den Markt- ^n dresem Falle ist es der eigene Mann, der den Handel ab- ichließt. Am häusiqstm kommt solches vor bei Armen. Sobald daheun nichts mehr zum Essen aufzutrelben ist, verkauft der Mann, um nicht betteln zu müssen, bte Frau an einen andern Mann Die Kinder aber, bte als Last betrachtet werden, fallen um einiges Geld an Liebhaber von Kindem. Oft wünschen die Frauen selbst wegen Hunger und Not getrennt und au andere verheiratet zu werden. Bisweilen gehen solche Handel in aller Kälte vor sich. Doch habe ich selbst Manner gesehen, die nach der Trennung von Frau und Kind vor Weh säst vergingen. Es ist in sehr vielen Fallen wirklich nur die bittere Not, die zur Trennung geführt hat. Leider kommt es in vereinzelten Fällen vor, daß auch weniger eifrige Christen durch die Not zu einem solchen Verkaufe sich drängen lassen. Da dies ein großes Aergernis ist, so steht aus dem Vergehen strenge Kirchenbuße. Außerdem muß der Betreffende vor angesehenen heidnischen Zeugen feierlich erklären, daß er im Widerspruche zu den. Satzungen seiner helligen Religion gehandelt habe. h-

M IV.

Freitag den 1. 3uli 19(0.

37. Jahrgang.

Deutsches Reich.

* Ueber den Ministerverbranch bei uns und im Auslande, schreibt die ,Deutsche Tageeztg/:

vermischtes.

* Für de» Entwurf einer dritte» Rheinbrücke wird die Stadtverordnetenversammlung in Köln em Preisausschreiben erlassen. Für das Ausschrewen sind 55 COO Mark zur Verfügung gestellt; esbe- schränkt sich aus Architekten im Deutschen Reiche. Die Brücke soll die jetzige Schiffsbrücke ersetzen.

♦ DaS Projekt der rheinisch-westfalischen Städte- bahn ist in ein neues Stadium getreten. Die kam- munale Vereinigung für diesen Bahnbau beschloß, von dem ursprünglichen Projekt einer Schnellbahn mit 120 Kilometer Geschwindigkeit abzusehen, da­gegen eine beschleunigte Personenbahn mtt 60 Kilo- meter zu bauen. Der Kostenaufwand betragt iw Millionen Mark.

» Eine zehnstündige Rede hielt im österreichischen Parlament bei der Beratung der Vorlage über me italienische Rechtsfakultät der Slovene Stmear. Er teilte schließlich fünfundzwanzig Abänderungsantrage.

♦ Der ungetreue deutsche Baukbeamte, der, wie

Q berichtet, zum Schaden der Nationalbank von Aegypten in Kairo 180000 Mark unterschlagen hatte, ist in New-York festgenommen worden; er wird zur Aburteilung nach Kairo zurückbesorderl werden. .

* Acht russische Sträflinge fesselten tm Gefangnes zu Chesson einen Aufseher und entflohen, -pet ihrer Verfolgung wurden ein Aufseher und sieben der Flüchtlinge getötet.

Tatsächlich liegt die Sache auch ganz anders. Der „Hexenhammer" selbst gibt nur allgemein verbreitete Anschauungen wieder. Der Weiberverachttmg hat aber der Humanismus durch Veröffentlichung solcher Ur­teile alcheidnischer römischer und griechischer Schrist- steller vorgearbeitet (vgl. Paulus S. 245).

Nicht ohne Lächeln kann man den Abschnitt „Die Einmaueruieg der Hexen in Rone" lesen- SßJen _übet= läuft auch nicht eine Gänsehaut, wenn er da in höchster Entrüstung einen zürnen hört: „Das Lebendigemge- mnuertroerben war ein Urteil zum langsamen Verfau­len und Ersticken im eigenen Unrat. Der Tod konnte nur eine Frage von wenigen Wochen sein Naturltch, wer möchte so was bezweifeln? Aber wer hat denn solche Scheußlichkeiten verübt und angeorbneti, Nie­mand! lautet die verblüffende Antwott. Denn bte so gewaltig schreienden Ankläger der katholischen Rö­mer können wieder einmal nicht mittelalterliches La­tein lesen und wissen nicht, daß immuratio (die Ein­mauerung) nichts anderes ist als — Einkerkerung. Aber es heißt doch: „in vier Mauern einschließen". Ganz recht. Aber wenn es im Französischen heißt: enfermer quelqu'un en quatres murailles, so heißt das halt: jemanden ins Gefängnis stecken und nicht einmauern, und wenn wir im Deutschen sagen: der sitzt hinter vier Mauern, so denkt keiner an ein Ein- gemauertsein!

Daß Rom selbst vom Hexenbrand fast ganz befreit blieb, dürste zu der Erkenntnis führen, daß der Ka­tholizismus als solcher nichts mit diesen traurigen Ver­irrungen der Rechtspflege zu tun hat! Es dürfte end­lich mal die Stunde kommen, wo derartige Dinge, die „hüben und drüben" geschehen sind unter der Nach­wirkung altgermanischer Mythologie, aus der konfes- stonellen gegenseitigen Befehdung verschwinden!

.- Der Monat Juli ... der schlachtenrjeichste Mo­nat. Der jetzt beginnende Monat, der uns im allgemei­nen als der „Monat der Reise" und der „Monat der Ferien" in angenehmster Erinnerung ist, hat in der Weltgeschichte eine weniger friedliche und angenehme Bedeutung. Er ist unbestritten derjenige Monat, der den unruhigsten Charakter trägt, sowohl was Schlach­ten gegen den äußeren Teil, als was revolutionäre Umtriebe in den einzelnen Ländern anbetrifft. Um einige Beispiele anzuführen, möge darauf hingewiesen fein, daß schon im Jahre 1571 die Revolution der bereinigten niederländischen Provinzen im Julimonat begann. Am 9. Juli 1769 sah Rußland eine Palast­revolution, da an diesem Tage Katharina Ist. von Rußland ihren Gemahl vom Throne stieß. Am 17. Juli des Jahres 1777 brach die Revolution der Ver­einigten Staaten von Nordamerika aus. Es ist, als ?ob die Hitze, die meistens diesen Monat beherrscht, auf die Gemüter einen ganz besonders aufregenden Ein- „----- ------------

druck machte, denn alle großen Revolutionen spielen in gehörigen Insel, „zum ersten Male dieses ,Land diesem Monat Das Hauptereignis der großen fran- der Märtyrer' betreten, wo ich auch zu sterben hoffe, zösischen Revolution war die Erstürmung der Bastille; 1 »- —fnthn* bekanntlich fand sie am 14. Juli 1789 statt. 4 yafyre später sah derselbe Monat wieder ein blutiges Ereignis von größter Bedeutung für die Revolution. Ain 9. Thermidor, nach gewöhnlicher Zeitrechnung am 28. Juli 1793 wurde Robespierre gestürzt. Eine große französische Revolution hat sogar vom Monat Juli ihren Namen, es ist die zweite französische Revolution, die am 27. Juli 1830 ausbrach, und die unter dem Na­hmen „Julirevolution" allgemein bekannt ist. — In demselben Monat sind auch viele entscheidende Schlach­ten geliefert worden. Am 8. Juli fand die Schlacht an der Allia statt, die für Rom beinahe das größte Ver­hängnis geworden wäre. Am 3. Juli kam durch die Echlacht bei Tiberias das Königreich Jerusalem in die Hand der Ungläubigen. Die Schlacht von Ouvigna «m 15. Juli machte Alphons I. wieder zum König von Portugal. Eine Schlacht von der weittragendsten Be-

England, das klassische Land des Parlamentaris- j mus, ober Belgien? . , „

-$■ Abschaffung des Einjährigeu-PrtvflegS? Vor i einigen Tagen wurde die Nachricht verbreitet, daß . die Abschaffung des Einjähr,gen-Privilegs bevor- stehe. Wie die Korrespondenz ,Heer und Politik diesen Meldungen gegenüber feststellt, ist an eine Abschaffung des Einjährigen-Privliegs vorderhand nicht zu denken. In erster Reche ist bte Kosten- frage maßgebend. Die Einiahrtg-Fretwtlltgen sind bis jetzt bekanntlich im Etat nicht emgerechnet son- dem über bie darin festgelegte Frtedensprasenzst arte vorhanben. Sollte die Friebenspräsenzstarke vor- größert werden, so würbe eme Mehrausgabe von 24 Millionen Mark entstehen, an bte gegenwärtig nicht gedacht werben bars. Abgesehen davon, sind die Erfahrungen, bie im allgemeinen nut den Ein­jahrig-Freiwilligen gemacht wurden, auch durchweg °Or?Ä«mftabt, 29. Juni 1910. In der heutigen fottgesetzten Spezialdebatte über das Gemeinde­steuergesetz nahm die Zweite Kammer die Stcuer- sreihett der landwirtschaftlichen Oekonomiegebaude ge­gen die Stimmen der Linken an; abgelehiit wurde dabei ein Antrag des Freisinnigen Reh, wonach diese Steuerfreiheit sich auch auf die dec Unterbringung von Roherzeugnissen der Landwirtschaft dienenden Ge­bäude von Gewerbetreibenden erstrecken sollte, ine Kammer beriet sodann die Anträge, welche sich aus die Beschränkung der Heranziehung des Ertragswer­tes bei der Grundsteuer auf die Landgemeinden be­zogen. Der Berichterstatter Abg. Molthan befür­wortete einen Antrag des Finanzausschusses, wonach m den Städleii durch Ortssatzung bestimmt werden kann daß nur der gemeine Wert und nicht der Ertrag bei der Veranlagung der Grundsteurr maßgebend fern soll. Eine lange Debatte rief die Frage der B e st e u e- rung der K o n s u m v e r e i n e und Genoisen- schasten hervor. Nach der Regierungsvorlage sol­len sie im allgemeinen gewerbesteuerfrei bleiben; nicht aber die Konsumvereine mit offenen Verkaufsladen, welche Lebensrnittel usw. verkaufen. Diese Bestim­mungen sanden die Zustimmung des Ausfchustes. Nach­träglich ist nun von ländlichen Vertretern beantragt worden, im Interesse der steuerlichen Gerechtigkeit alle Genossenschaften und Konsumvereine zur Gewerbe- teuer heranzuziehen. Abg. Molthan empfayl namens des Ausschusses die Annahme dieser Regelung, die auch die Zustimmung der Regierung gefunden hat. Abg. Raab (Soz) bekämpfte die Besteuerung der Kon- ümtoereine als ein steuerliches Unrecht, das dem ge­nossenschaftlichen Gedanken entgegen trete. Es handele ich bei den Erträgen dieser Vereine nicht um Gewinne, andern um Ersparnisse; mit demselben Recht oder Unrecht müsse man auch bte öffentlichen Sparkassen heranziehen. Der Redner meinte, die Wirtschaftspoli­tik der Natianalliberalen und des Zentrums liefere nur Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie. Abg. Molthan (Ztr.) trat in wirkungsvoller Rede diesen Ausführungen entgegen. Er nahm seine Freunde gegen den Vorwurf in Schutz, daß sie Gegner des ge­nossenschaftlichen Gedankens seien und wies auf, bie zahllosen Anregungen hin, die gerade aus den Reihen des Zentrums in Bezug auf die Genossenschaften tag­täglich erfolgen. Die Gerechtigkeit verlange aber, daß die Genossenschaften und Konsumvereine, die in direkten Wettbewerb mit dem Mittelstand treten, auch zu den Lasten der Gemeinden durch ihren Anteil zur Gewerbe­steuer beitragen. In gleichem Sinne sprachen sich die Abg. Osann (ntL), Wolf (Bbd.) und Geheimrat Dr. Bost namens der Regierung aus, während der Abg. Dr. Gut fleisch (freis) wohl für die Besteue­rung der 2eben?mittetfonfumtiereine zu haben war, eine Heranziehung sämtlicher Konsumvereine und Ge­nossenschaften ablehnte. Bei der Abstimmung wurden die Vorschläge des Ausschusses gegen drei Stimmen angenommen; auch die Sozialdemokraten stimmten schließlich dafür, nachdem ihr erster Antrag abgelehnt

Es ist sehr zu begrüßen, daß der verdiente Ge- i 'cküchtsforscher N- Paulus seine Aussätze über bie Stellung der Reformation und des Protestantismus zesammelt (Hexenwahn und Hexenprozeß vomehmlich im 16. Jahrhundert. Herder, Freiburg 1910) Jjer- ausgegeben und damit zu einer Darstellung des * r&i3 „Reformation und Hexenprozeß einen recht schätzenswerten Beitrag geliefert hat Dieses Buch ist nämlich noch nicht geschrieben. Begreiflich. Es ist ia viel leichter und viel bequemer, etwa an der Hand von Hoensbroechschen Pamphleten gegen bie katholische Kirche zu donnern, als zuzugestchen, daß auch die Reformatoren im selben Spital an desselben Krankheit Niederlagen.

Man huscht förmlich darüber hinweg und glaubt mit bet Phrase, daß die Reformatoren von ihrer ka­tholischen Vergangenheit her durch das katholische Mittelalter belastet gewesen wären, alles erledigt. Ja, ist denn damit etwas erflärt? Warum stellt man nicht gleich die andere Frage: Wenn aber die Reformatoren so viel Katholisches uiid Mittelalteckiches abgeschut- telt haben, ja, wenn sie sonst alles, was nach „papti stischen Greueln" aussah, schleunigst von sich abtaten, warum haben sie bann gerabe diese uns modernen Menschen am befremdlichsten erscheinende Sache wie Hexenwahn und Hexenverfolgung nicht auch verwor­fen? Und weiter: Wenn für die Reformation eine Belastung" als Milderungsgrund Geltung hat, war­um will man denselben Umstand nicht gelten lassen für die „Belastung" der zum Christentum bekehrten Heidenvölker durch ihr Heidentum, das fie äußerüch zwar abgelegt, innerlich aber keineswegs ganz übet- vunden hatten?

Und wenn man gegen die Theologen der katho­lischen Kirche die Anklage erhebt, durch ihre Schriften den Wahn gefördert zu habm, ei, warum erhebt man nicht denselben Vorwurf gegen Luther, obwohl er vollberechtigt ist? Paulus zeigt auf Grund zahlreicher Steuerungen Luthers, wie der Reformator durchaus für ein Vorgehen gegen die Hexen eintritt und wie gerade Luthers Schriften wiederum den Wahn und die Hexenversolgung fördern mußten, denn für viele Gegner'der Hexen sind nicht der „Hexenhammer" und nicht die Hexenbulle Innozenz VIII. die Quelle ihrer Weisheit und Beraterin ihrer Praxis geworden, son­dern — Luthers Schriften.

verlobt zu haben.

♦ Frankfurt, 30. Juni 1910. Die Strafkammer verurteilte den Schutzmann a. D. Karl König, der seiner in der Fürsorge befindlichen Tochter bei der Flucht auS der Anstalt geholfen und sie nach­her versteckt hat, wegen Vergehens gegen das Für- forgegesetz zu sechs Wochen Gefängnis. Seme Frau erhielt 100 Mark Geldstrafe. — Die Zahl der ergent- licken Studierenden (Besucher) der Akademie be­trägt 344 gegen 300 in der gleichen Zeit des vorigen Sommer-Semesters. Die Gesamtzahl der Teilnehmer an den Vorlesungen beläuft sich auf 790.

» Friedberg, 28. Juni 1910 Im naturkund­lichen Unterricht einer Mädchenklaffe der Muster- schule entstand bei Versuchen mit Wasserstoff eine kleine Explosion. Eine Retorte wurde zersplittert. Eine Schülerin wurde erheblich verletzt, indem ein Glassplitter ihr ins Ange drang. Das Mädchen kam nach Gießen in die Klinik. Ob das Auge er­halte» bleibt, weiß man noch nicht. D,e Lehrerin trifft keine Schuld.

♦ Marburg, 30. Juni 1910. Die Sommer- Schwurgerichtsperiode fällt diesmal auS. Erst im Herbst wird wieder ein Schwurgericht statt«

„Die demokratische .Berliner Volkszeitung' hat sich das Vergnügen gemacht, die Minister und Staats­sekretäre zusammenzuzählen, die unter der RegierungS- zeit Kaiser Wilhelms II. im Reiche und in Preußen amtiert haben. Sie kommt zu dem Ergebnisse, daß wir in diesen 22 Jahren 86 Minister und Staatssekretäre einschließlich der gegenwärtig amtierenden gehabt haben. Es ist gewiß anerkennenswert, daß sich die ,Volks- zeitung', wie sie selbst sagt, „die Mühe nicht verdrießen ließ", diese Liste aufzustellen, und man könnte tatsächlich der Ansicht sein, daß ein geringerer Ministerverbrauch vielleicht hier und da zweckmäßiger gewesen wäre. Nur sollte sich die Volkszeitung auch die Mühe machen, den Ministervrrbrauch bei uns und im Auslande, vor allem in parlamentarisch regierten Staaten, gegenüber» zustellen. Ihre eigene Reck nung ergibt, daß bet uns ein Minister ober Staatssekretär auch unter der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. im Durchschnitt länger als fünf Jahre im Amte ist, habet ist die künftige Amtszeit der gegenwärtigen Ressortschess noch gar nicht eingerechnet. In Frankreich dagegen hat seit Einführung der Republik die Amtszeit eines Ministers durchschnittlich nicht mehr als I V» Jahre betragen. Dazu kommt, daß bei uns die Abteilungs­chefs weit länger als die Minister im Amte bleiben, während in parlamentarisch regierten Staaten auch sie meist mit dem Minister wechseln. Wir können also wohl hoffen, daß die .Volkszeitung' demnächst die hohen Vorzüge hervorhebt, die monarchisch regierte Staaten hinsichtlich der Stetigkeit der Verwaltung gegenüber parlamentarisch regierten Ländern auszuweisen haben."

Wir meinen, daß die .Deutsche Tagesztg/ hier daneben haut. Es wird von Gegnern des parla- mentarischen System stets behauptet, daß unter einem solchen der Ministerverbrauch viel größer sei, als in einer zwar konstitutionellen aber nicht parlamentarischen Monarchie. Nun ist der Beweis geführt worden, daß in Deutschland-Preußen der Ministerverbrauch so stark ist, wie kaum in einem parlamentarisch regierten Lande. Der Einwur der Gegner des parlamentarischen Systems ist durch die Statistik des Berliner Blattes widerlegt. Daran ändert die Tatsache nichts, daß Länder mit diesem System einen ebenso starken Staatsmänner­verbrauch aufweisen. Warum verweisen nun die Gegner dieses Systems gerade auf Frankreich, wo ja eigene Verhältnisse herrschen, und nicht au *

2. Blatt.

Druck «ob Verlag der gulbaer »ctieudruckerel M Zulda.

Aus dem Nachbargebiele.

* Burghaun, 28. Juni 1910. Nach einem Be- schluß der Generalversammlung des Darlehns- kassen-Vereins Burghaun vom 26. d. M. wird der Zinsfuß für Spareinlagen von 4 auf 3*/* Pro­zent herabgesetzt.

* Geisa, 28. Juni 1910. Eine hiesige jüngere Dame verlobte sich mit einem hier wohnhaften in allen amerikanischen Postämtern ausgehängt; das Schriftstück ist in nicht weniger als 24 verschiedenen Sprachen abgefaßt, darunter Hebräisch, Syrisch, Chinesisch und Arabisch, und soll den niederen Bolksständen darlegeu, daß die Volkszählung ohne steuerpolitische Hintergedanken geschieht. Am 15. April begann eine Armee von nicht weniger als 70000 Volkszählern ihre Arbeit. Ta in den Ver­einigten Staaten mehr als 90 Millionen Menschen leben, kommen auf jeden Zähler rund 1300 Ein­wohner. Von jedem Einwohner muß er sich ein Formular ausjüllen lassen, das gegen 30 Fragen stellt. Nach vier Wochen waren beim großen statistischen Amt in Washington bereits 145 Tonnen solcher auSgrsüllter Formulare eingelaufen. 3500 Beamte haben sofort mit der Riesenarbeit begonnen, diese beantworteten Fragezettel nach Klassen zu ordnen. Alles in allem wird die Volkszählung einen Kostenaufwand von weit über 50 Millionen Mark verursachen.

— Was eine Hungersnot in China bedeutet wird trefflich beleuchtet durch den Bericht eines Missionärs in der neuesten Nummer der „Katholischen Missionen" (Herder-Freiburo, jährlich 12 Nummern 5 Mk.). Hunger, Bettel, Auswanderung sind die natürlichen Folgen von Hungerjahren, Raub und Diebstahl blühen in niegesehenem Maße. Außerdem aber auch der Frauen- und Mädchenhandel. „In solchen Zeiten der Notlage", heißt es dort, „blüht dann auch der Frmien- und Mädchenhandel. Vor dem Gesetze ist er freilich durchaus verpönt, aber in der Praxis weiß man sich an diesen Verboten vorbeizudrücken. Sehen wir ab von der allgemein üblichen Art, wie die El­tern, Großeltern oder Verwandten hier ihre Mädchen an den Mann bringen. Schon das ist eine Art von Verkauf an den Meistbietenden. Aber schlimmer ist der eigentliche Handel mit Frauen. Die Opfer wer­den auf die Mäckte gebracht und feilgeboten, gerade wie bei uns zu Hause die Rinder und Kälber- 200 bis 300 Dio (200—300 Mach) ist der gewöhnliche Marktpreis. Solcher Märkte gibt es teils ständige teils wecklelnde. Die Leute wissen schon, auf welchen

— Me Christengemeinden in Japan. Es ist nicht unbekannt, daß das Christentum in Japan durch die blutigen Verfolgungen im 17. Jahrhundet nicht völlig ausgerottet worden ist, sondern daß heimlich solche Gemeinden weiterbestanden, lieber solche Christen, die er auf der Insel Jkitsuki getroffen hat, berichtet auch P. I. Bteton im neuesten Heft der „Katholischen Missionen" (Herder, Freiburg, jährlich 12 Iiummern Mk. 5.—) „Ich habe dieses Jahr", so schreibt er von dieser zur Diözese Nagasaki

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