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«otationrdrncknnd Verlag der Fuldaer Ak. tiendrnckerei kn Fulda Fernsprecher Nr. 9.

147. Erstes Blatt.

vuIba, ^reitan den 1. Juli 1910.

37. Jahrqansi

Der neue Finanz,ninifter.

Mit der Berufung des nationalliberalen Dr. Lentze hat Herr v. Bethmann-Hollweg der national- liberalen Parteileitung das Konzept verdorben. Die parteiamtliche „Nationallib. fforr.", die soeben noch den trutzigen Absage- und Fehdebrief erlassen hat, muß jetzt einlenken.

Es ist ergötzlich zu sehen, wie sie sich dabei dreht und windet. Sie kann nicht leugnen, daß Dr. Lentze ,m seinen persönlichen Auffassungen im allgemeinen den nationalliberalen Anschauungen nicht sernsteht", aber es muß doch etwas gemäkelt werden, und darum behauptet sie, er habe .sich nicht parteipolitisch festgelegt" und werde somit »als ein Vertrauensmann des Liberalismus nicht ohne wei­teres anzusprechen fein". Aus diesen Wendungen guckt wieder die Begehrlichkeit des Liberalismus hervor; er ist nicht befriedigt, wenn auch ein Gesinnungsgenosse ins Ministerium berufen wird; es soll ein „festqele^ter", eingeschriebener und agitatorisch tätiger Natwnalliberaler sein. Im Stillm werden die selbstbewußten Führer der Partei sich sagen: Warum hat denn der Bethmann nicht einen von uns genommen; wir sind doch lauter staatsmännische Genies!

Bezeichnend ist ferner die Bemerkung der „Natl. Rotr." der neue Finanzminister sei „Kreisen ent­nommen, welche liberalen Grundanschauungen hul­digen". Er ist bekanntlich den Kreisen der Stadt­oberhäupter entnommen worden. Soll nun etwa behauptet werden, daß die Verwaltung der Städte im Privilegium des Liberalismus sei? Tatsächlich gibt es ja im Lande leider wenig Konser­vative und noch weniger Zentrumsleute unter den städtischen Machthabern. Das plutolratische Ge­meindewahlrecht wird von den Liberalen rücksichts­los gehandhabt, um die einflußreichen (und auch die vorteilhaften) Stellen in der Stadtverwaltung für ihre Parteigenossen in Beschlag zu nehmen.

Im übrigen haben wir natürlich nichts dagegen einzuwenden, wenn der leitende Staatsmann tüch­tige Kräste aus der Kommunalverwaltung in das Ministerium beruft. Er soll das Gute nehmen, wo er es findet. Auch die Berufung Dernburgs aus dem Kreise der Kaufmannschaft haben wir s. Z. sympathisch beurteilt, und Herr Dernburg ist trotz dem einleitenden Krache im Verlauf seiner Wirksamkeit vielfach vom Zentrum unterstützt worden, wenn seine Politik es verdiente.

In einem fortschrittlichen Blatte wird nun statt des Dankes für die Berufung des Dr. Lentze der Vorwurf ausgesprochen, daß in Preußen-Deutsch­land viel zu wenig bürgerliche Oberbürgermeister in die hohen Staatsämter aufrückten. Bekanntlich hat schon Bismarck den Berliner Oberbürgermeister Hob recht zum Fmanzminister gemacht. Dann ist Herr Miquel aus dem Rathause zu Frankfurt hergekommen. Beide waren nationalliberal. Herr Delbrück, der jetzige Staatssekretär, war ein frei­konservativer Bürgermeister. Nun rückt Herr Dr. Lentze aus, der wiederum den Nationallibe-, ralen angehört. Die mittelparteilichen Talente aus der Kommunalverwaltung sind also erheblich berücksichtigt worden. Nur ine Ange- hörigen der Zentrumspartei haben niemals Gnade gefunden. Auch Herr v. Huene kam nicht in eine leitende Stellung von politischer Bedeutung.

Das macht uns aber keineswegs eifersüchtig oder mißgünstig. Wir stehen dem neuen Finanz. Minister ebenso unbefangen gegenüber, wie die Konservativen, deren Parteikorrespondenz soeben den Grundsatz wiederholt, »die vom Könige er­nannten Mitglieder des Staatsminifteriums nicht anders als nach dem Maßstabe ihrer Leistungen zu bewerten". Diese Haltung hatten wir schon in unserem gestrigen Artikel vorausgesetzt. Ob die nationalliberale Parteileitung es gegenüber den konservativen Ministern zu derselben Sach- ftchkeit bringen wird, muß sich erst noch zeigen.

Deutsches Reich.

+ Des Freisinns Jammer und Hoffnungen.

Dr. Pachnicke, der in der Fortschrittlichen Volkspartei den Ruf besonders ausgezeichneter Slaatskunst genießt und schon des öfteren durch offenherzige Beurteilung der Tatsachen sich verdient gemacht hat, veröffentlicht int ,Tag' (Nr. 150) einen langen Artikel über Herrn v. Bethmann-Hollweg, in welchem er seinem übervollen Herzen Erleichterung zu machen sucht. Ein gr oßer Jammer spricht aus seinen Betrachtungen zu uns. Mit Liebe wird zu­nächst das Bild Bethmann-Hollwegs, als er noch Blockstaatssekretär ivar, gezeicbnet, ein „durchaus moderner, von junkerlichen Vorurteilen freier Mensch" — und mit Wohlwollen seiner Mitarbeit bei der Blockpolitik gedacht:

„Mit seiner Hilfe gelang es, das Reichsvereins­gesetz, die Reform des Börsengesetzes und einiges andere zustande zu bringen, um dessentwillen es sich für die Liberalen lohnte, der Aufforderung des damaligen Reichskanzlers zur Mitarbeit Folge zu leisten."

Ja, es war damals für den Freisinn eine Lust zu leben. Wie geschah es, daß es anders kam? Herr Pachnicke ist ehrlich genug, die wahren Ur­sachen zu nennen:

„Fürst Bülow ging, weil die mehr und mehr von Herrn v. Heydebrand beherrschten Konservativen nicht länger liberale Politik mit konservativen Stimmen machen wollten, und Herr v. Bethmann- Hollweg, vom Fürsten Bülow ausdrücklich hierfür empfohlen, übernahm die Zügel. Zunächst suchte der neue Chef dieselbe Politik zu " machen rote der frühere Stellvertreter. Es sollte eine möglichst breite Front geschaffen werden, am liebsten sogar mit dem Freisinn. Jedenfalls zog man auch diesen zunächst zu den vertraulichen Verhandlungen mit heran. Aber die freisinnigen Führer veimochten günstige Aus- sichten nicht zu eröffnen; sie koimten nur ihre ernsten Zweifel an der Möglichkeit eines «eiteren Zu­sammenwirkens mit der Rechten Ausdruck geben und ihrerseits eine völlige sachliche Politik in Aussicht stellen."

Hier wird offen zugegeben, daß der Freisinn selbst die Fortführung der alten Blockpolitik durch seinen Mangel an Entgegenkommen unmöglich ge­macht hat und daß wiederum der Freisinn die Ursache einer neuen Blockbildung im vergangenen Jahre ver­eitelt hat. Da hat der Freisinn also wirklich keinen Gnmd, über den Zusammenbruch der Blockpolitik zu jammern und sich zu entrüsten. Wie eigenartig aber nimmt sich nun die Klage aus, daß Herr v. Bethmann Hollweg nicht mehr „mit dem Liberalismus regieren" wolle. Der Kanzler hatte ja dm Willen dazu, nur die Liberalen wölkten es nicht.

Herr Dr. Pachnicke singt laute Klagelieder über den „schwarz-blauen Block", dec nur in der Einbildung der Liberalen enftiert, über den „Wandel" in der Ge­sinnung des Kanzlers — aber er vergißt, den Be­weis zu führen, und noch mehr, zu zeigen, wie Herr v. Bethmann Hollweg anders hätte handeln können als er getan hat. Der Jammer des Freisinns ist ver­ständlich, das geben wir zu, aber er soll die Schuld suchen, wo sie in Wahrheit ist: nicht bei dem Kanzler, nicht bei dem „schwarz-blauen Block", sondern einzig und allein bei sich selbst.

Weil er dies aber nicht einsieht, deshalb wiegt er sich auch jetzt wieder stets in schönen aber leider wahr­scheinlich nicht erfüllbaren Träumen. Für die näch­sten Reichstagswahlen „hoffen die Fortschritt­liche Volkspartei und die Nationalliberalen auf Stimmenzuwachs und haben, wie Herr Dr. Pachnicke versichert, zu dieser Hoffnung gute Gründe". Woher diese „guten Gründe"? Aus den Erfahrungen Der letzten Nachwahlen? Nein, Herr Dr. Pachnicke ist klug genug, diesen Hinweis abzulehnen: „Nachwahlen soll man nicht überschätzen." Aber er nennt einen anderen Grund, und dieser ist in Wahrheit nicht fo übel Er erwartet das Heil von einer Neuinsze­nierung der Blockwahlen und richtet an den Kanzler die genügend deutliche Mahnung:

„Die Wahlen von 1907 fielen deshalb so günstig aus, weil sich in weiten Kreisen des Volkes die frohe Hoffnung regte, daß das klerikale Joch ab- geschüttelt, daß eine Mitarbeit des Liberalismus eingeleitet werden würde, daß es nun endlich vorwärts gehen sollte in deutschen Landen. Ist Herr von Beth­mann-Hollweg noch in der Lage, eine ähnlich e Stimmung zu wecken, die Volksseele mit einem ähnlichen Kampfesmut zu füllen? Ich glaube es kaum. Wahrscheinlich ist er dazu nicht einmal mehr willens. Eben darum wird das jetzige Regierungssystem in steigendem Maße eine Gefahr für Deutschland."

Wir geben zu, daß es für den Liberalismus die besten Aussichten eröffnen würde, wenn noch einmal wie im Jahre 1907 der Kampf gegen das Zentrum und die Sozialdemokratie proklamiert und den liberalen Kandidaten die uneigennützige Unterstützung aller anderen Parteien — ganz abgesehen natürlich von dem amtlichen Wahlapparat — zuteil würde. Aber eS ist doch noch etwas fraglich, ob diese schöne Hoffnung sich wird erfüllen laffen.

* Berlin, 30. Juni 1910. Der Bundesrat hat die Vorlage, bett. Ausführungsbestimmungen zum Gesetz über den Absatz von Kalisalzen, ange­nommen. — Geheimer Bergrat Dr. Viktor Weidt- mann in Schloß Rahe bei Aachen wurde zum Mitgliede des Herrenhauses auf Lebenszeit berufen. — Dem Beigeordneten bet Stadt Elberfeld, August Frowein, ist der Adel verliehen worden.

Bon den neuen Männern. Der neue Minister des Innern, Herr v. Dallwitz, ist am Donnerstag in Berlin eingetroffen und hat fein neues Amt übernommen. Der neue Finanz- minister Dr. Lentze traf gestern in Kiel ein und hat sich bann an Bord der „Hohenzollern" be­geben, um sich bei dem Kaiser zu melden; Herr Dr. Lentze nahm bann an btt Kaiser!. Tafel teil. Der neue Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Herr v. Kiderlen, wird die Amtsgeschäfte erst am 1. August übernehmen. Er begibt sich heute nach Bukarest zurück, um sein Abberufungsschreiben dem König zu überreichen.

)( Eine kleine Besserung ist in unseren Finanzen eingetreten. Während im Monat April die Reichs- einnahme aus Zöllen, Steuern und Gebühren um ca. 14 Millionen Mark hinter dem Etatssatz zurück­geblieben war, ist für den Monat Mai aus diesen Einnahmequellen nur noch ein Minus von 5*/a Millionen Mark gegenüber dem Etatsansatz zu verzeichnen. Die gesamten Reichseinnahmen sind itt den beiden ersten Monaten des Etatsjahres bei einem Aufkommen von 352,3 Millionen Mark um 23,7 Millionen Mark hinter dem Etatsdurchschnitt zurückgeblieben. Aus diesem Ergebnis bestimmte und allgemeine Beschlüsse für das laufende Rechnungs­jahr und die Entwicklung der einzelnen Einnahme- zmeige zu ziehen, dürfte die Kürze des Zeitraumes nicht gestatten. Jedoch ist, so schreiben die,Berl. Pol. Nnchr/ das eine, was bereits auf Grund der April-Eimtahmen zu folgern wat, auch angesichts der Ergebnisse der Maieinnahmen festzustellen, die Tatsache nämlich, daß die Reichsfinanzverwaltung durchaus im Recht war, als sie in den Reichshaus- baltsetat für 1910 nur einen Teil des aus der Reichsfiuattzreform erwarteten Mehrbetrages bei den entsprechenden Einnahmezweigen einstellte. Das ist bei neuen Einnahmequellen immer der Fall. Vor allem muß die Regierung ihr Gedächtnts schärfen für die Tatsache, daß wir noch immer sehr sparsam zu wirtschaften alle Ursache haben.

* Keine neue Flottenvorlage. Zu einem Artikel her ,®ermcnua', der sich gegen die in einigen Blättern erschienene Ankündigung einer neuen Flotlenvorlage wen bet, bemerkt bie .Norbb. Ällg. Zig/: Der m bem Schlußsatz des ,Ger- mania'-Artikels enthaltenen, durchaus zutreffenden Mahnung an die deutsche Presse, die völlig

aus der Luft gegriffene Behauptung von einer neuen Flotlenvorlage nicht weiter zu kol­portieren, können wir uns nur anschließen.

+ Heber den Ausfall der nächsten Reichs­tagswahlen wird bereits allerlei geweissagt, zum Teil auf Grund verständiger Erkenntnis, zum Teil auch davon völlig unberührt. Zu der letzteren Art gehört ein Flaborat, das die „Neue pari. Korr." verzapft und das an sich keiner Beachtung wert ist. Interessant ist nur, wie das „B. T." sich entrüstet, daß in dem Artikel der Fortschrittlichen Volkspartei die „denkbar schlechtesten Aussichten" attestiert werden. Das freisinnige Blatt meint:

„Es könnte aber auch ganz anders kommen. Be- sonders ist nicht einzusehen, weshalb der entschieden« Liberalismus von dem Rückgang der reaktionären Parteien nicht gleichfalls profitieren sollte."

Das „B. T." wird sich gewiß noch wundern, mit welchen „Ehren sich der Gesamtliberalismus auch bei den nächsten Wahlen, die im anti- reaktionären Zeichen stehen werden, schlagen" wird.

* Ein interessantes Bekenntnis. In einer nalionalliberalen Versammlung in Lichten­stein-Callenberg (Kgr. Sachsen) sprach sich nach einem Berichte der „Franks. Zeitung" der dortige Pfarrer Backhaus über die Enzyklika und die politischen Notwendigkeiten der Gegen­wart aus. Es heißt in dem Berichte:

„Pastor Backhaus betonte, religiös könne bie Enzyklika für den einzelnen Protestanten vollkommen gleichgiltig sein und an die protestantische Kirch« reiche der Papst auch nicht heran. Aber politisch sei die Enzyklika bedeutungsvoll für die Erkenntnis des Geistes der Ultramontanen. Und gerade politisch versagten die Nationalliberalen völlig, nicht nur beim kläglichen preußischen Schulkompromiß, sondern auch bei den jüngsten Sttchroahlparolen. Wer sich jetzt nicht offen zum Großblock der Linken bekenne und nicht rückfichtslos jeden Junker, jedes Mitglied des ichivarzblauen Blocks niederüimmen helfe, könne als Feind des Zentrums überhaupt nicht ernsthaft mit, gezählt roe Oe»."

Die „Kreuzzlg." (Nr. 300 v. 30. 6.) bemerkt dazu: Ein nationalliberaler Pfarrer als Herold des Großblocks der Linken ist jeden- falls ein charakteristisches Zeichen der Zeit.

** Eine Erfindung, bereit Tendenz ebenso bös­willig wie durchsichtig war, hat die ,Frkf. Ztg/ in die Welt gesetzt. Danach hätte die preußische Re­gierung eine vom Großherzog von Baden beab­sichtigte Verwahrung beim Vatikan gegen bie Borromäus - Enzyklika hintertrieben. Die evangelischen Fürsten, wird weiter gesagt, hätten sich des lieben Friedens willen gefügt. Die liberale Presse beeilte sich natürlich, mit den entsprechenden Glossen die Nachricht weiterzugeben. Jetzt wird offiziös von der ,Nordd. Allg. Ztg/ festgeftellt, daß an diesen Bchauptungen kein wahres Wort ist.

)( Soll doch enteignet werden? Wie einer Berliner Korrespondenz meldet, werden seil längerer Zeit Vorbereitungen getroffen, um mil der Durchsührung des Enteignungsgesetzes zv beginnen. — Man sollte annehmen, die preußisch« Regierung hätte mit ihrer Polenpolitik genug Fiasko gemacht, sodaß ihr die Lust vergangen wäre, noch Enieignungsexperimente zu versuchen.

X Die Gründung emeS ReichsverbandeS deutfcher Stiiote. In den vergangenen Wochen hat sich bet „Reichsverband deutscher Städte" (Verband der mittleren und kleineren Städte und Landgemeinden) konstituiert. Es handelt sich dabei um eine Ver­einigung der deutschen Städte und Landgemeinden mit weniger als 25000 Einwohnern. Der Verdank hat gerade sür die kommenden Jahre wichtige.

Der Wampyr.

Roman von Fergus Hume. Autorisiert« Bearbeitung 11] Dotr®. Wehner.

„Er war so unbefangen und harmlos, wie nur ein unschuldiger Mensch sein kann", bemerte Drake

Tas war die einzige Spur, die mau entdeckte und die zu nichts führte — wenigstens dachte das Gericht so. Aber es gab eine andere wichtigere Spur, die an­scheinend etwas versprach, Die aber nicht verfolgt wer­den konnte, da es an Anhaltspunkten fehlte.

In tiefster, äußerst eleganter Trauer erschien die verwitwete Frau Kirby vor Gericht- Sie gab ihre Aussage unter zahllosen Tränen ab und siel zweimal in Ohnmacht. Dem Richter tat die arme, junge Frau schrecklich leid und er ging äußerst sanft mit ihr um. Lena sagte unter krampfhaftem Schluchzen aus, sie habe mit Kirby in der denkbar glücklichsten Ehe gelebt und ec sei ein Mustergatte gewesen. Am Abend des Mordes war er in der Absicht fortgegangen, die Nacht im Büro zu bleiben. Es war dies öfters seine Ge­wohnheit, wenn er viel zu tun hatte „Wir aßen gemütlich zusammen, dann sagte er mir kürz vor acht Adieu und ich sah ihn im Leben nicht wieder." Tann weinte sie wieder heftig.

Von dem schlechten Rufe, den ihr Gatte seiner Geldgeschäfte wegen genoß, hatte sie keine Ahnung. Sie wußte nur, daß er Rechtsanwalt war. Sie be­hauptete, er sei vielmehr verleumdet worden; sie habe nie etwas schlechtes an ihm wahrgenommen, kurz: sie schilderte ihren Mann als den denkbar besten Menschen von der Welt und rief damit einen sehr guten Ein­druck hervor.

_ Die Zweite, wichtigere Spur hing mit einem kleinen Tückisen-Schküffel zusammen. Tie Polizei hatte in ber zusammengekrampften Rechten des Ermordeten einenJBleiftift in der Form eines kleinen, goldenen

^ürlifen besetzten Schlüssels gefunden, einen Bleistift, tote ein Herr ihn an der Uhrkette zu tragen Jiflegt. Die Behörde hatte — etwas hastig, wie es sich herausstellte — angenommen, dieser Schlüssel

habe an der Uhrkette des Mörders gehangen und der Ermordete müsse ihn in seiner Todesangst abgerissen haben. Diese Spur wurde auch in dem Zeitungsbe­richte erwähnt und als Frau Kirby hörte, daß dar­über nochmals verschiedene Zeugenverhöre angestellt werden sollten, meldete sie sich.

„Der Schlüssel", eröärte sie, „gehörte meinem lie­ben Mann. Ich habe ihm denselben einst geschenkt; «s war ein Gegenstand, den ich sehr schätzte. Mein Mann trug ihn nicht an der Uhrkette, sondern in der Westentasche Manchmal benutzte er ihn als Bleistift, im allgemeinen hielt er ihn jedoch für ein nutzloses Ding, was er vielleicht auch war. Er muß ihn be­nutzt haben, als er überrascht wurde. Wahrscheinlich umfaßte er ihn fest mit der Hand, als der mörderische Streich ihn traf. Aber er gehörte meinem Manne — daS kann ich beschwörm."

„War er noch in seinem Besitz, als er Sie an jenem Abend nach dem Essen vrließ?"

„Das kann ich freilich nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich hatte den Schlüssel eine zeitlaug nicht Bei ihm gesehen. Ich schenkte ihn ihm vor einigen Monaten und hatte das völlig vergessen, bis ich neulich in der Zeitung davon las-"

Auf diese Weise wurde also festgestellt, daß diese wichtige Spur gar keine solche war. Der Türkisen- schlüssel hatte dem Mörder nicht gehört. Man nahm Lenas Darstellung als ganz glaubwürdig an, umso­mehr, da kein Kampf stattgefunden hatte, wie die Lage der Leiche und die im Zimmer herrschende Ord­nung bewies. Herr Kirby war meuchlings überfal- len worden und hatte sofort seinen Geist ausgehaucht.

Nachdem diese beiden Spuren abgetan, fand sich keine neue Die Verhandlung wurde geschlossen, die Sache war erledigt. Eine zeillcmg sprach man noch über Kirby und sein schreckliches Ende: in den Klubs, den Wirtshäusern und den Zeitungen wurde der Fall noch ab und zu erörtert, dann vergaß die Welt all­mählich. daß es je eine solche Person gegeben. Frau Kirby hatte die Beerdigung auf das pomphafteste be­stellt; sie selber ging tiefgebeugt hinter dem Sarge her, dem nur ein paar Dienstboten folgten. Der Vam­

pyr wurde in einem Erbbegräbnis beigesetzt und seine SBitme kaufte die elegantesten Trauertoiletten, die nur zu erstehen waren So endete dieses Kapitel ihres Lebens.

Es schien mehr als wahrscheinlich, daß Elfriedens Prophezeihung, Lena werde nur auf Eroberung eines Titels ausgehen, sich erfüllen würde, denn diese besaß ja jetzt die Mittel zu einem solchen Unternehmen. Kirby hatte seiner Witwe alles hinterlassen, was er besaß. Als seine Hinterlassenschaft geordnet war — und das machte herzlich wenig Mühe, da Kirby seine Geschäftsbücher geradezu musterhaft geflihrt — zeigte es sich, daß Frau Kirby ein Vermögen von zwei Mil­lionen Mack besaß. Das war ein Trost, der ihren großen Schmerz über den unersetzlichen Verlust ihres Gatten bedeutend milderte. Sie beschloß, ihre bis­herigen Bekanntschaften abzubrechen, verkaufte das Haus im Aorkvierlel und entließ sämtliche Dienst- boten.

Während das alles vor sich ging, erhielt Frau Kirby eines Tages den Besuch Fräulein Lamberts, der die junge Witwe nicht gerade angenehm berührte

Der Junge, der sie anmeldete, war ein getreues Ebenbild Bill Vogels: dieselbe lange, schlottrige Fi­gur, dieselben Glotzaugen und dieselbe pergament­artige, gelbe Gesichtsfarbe. Fritzi hatte diese Wahr­nehmung bereits vorher gemacht und als sie jetzt ein­trat, fragte sie nach feinem Namen.

„Sim Vogel, Fräulein."

„Ich dachte es mir", sagte Fräulein Lambert. „Du bist BilPs Bruder?"

„Ja, Fräulein. Wir sind Zwillingsbrüder. Er ist in einem Schreibmaschinenbüro angestellt und ich hier."

„Was ist Dein Vater?"

„Habe keinen", versetzte der Junge, „auch keine Mutter, keine Schwester, noch sonst eine Katze, die nach Bill oder mir fragt- Wir stehen auf unfern eige­nen vier Füßen, Fräulein."

„Wie alt bist Du, Sim?"

„Vierzehn, Bill ist vierzehn Jahre und zwei Mi­nuten, well er der Meliere ist."

Fritzi lachte, schentte dem Jungen ein Geldstück und ließ sich zu Frau Kirby führen.

Die junge Frau lag nachlässig auf einem Ruhe­bett ausgeftreckt. Wenn die Trauer um ihren Gatten nach ihrer Kleidung bemessen wurde, so mußte die­selbe so tief fein, daß Sena nie wieder im Leben lä­cheln würde Aber offenbar war Lenas Trauer nicht fo tiefgehend. Sie lächelte nicht blos, sondem lachte sogar laut, ein neben der Chaiselongue sitzender junge« Herr schien für ihre Erheiterung Sorge zu tragen. Dieser Herr war groß und dunkel, sah aus wie ein Italiener, hatte ein glattrasiertes Gesicht und ein Paar scharfe, tiefschwarze Augen. Er schien Frau Kirby zu Gefallen auch Trauer zu tragen, denn ei war ebenfalls schwarz gekleidet. Fritzi erkannte ihn als Oskar Schau und erriet sofort, daß, da der Vam­pyr tot war, Herr Schau sich um dessen Nachfolger bei Lena und ihr Vermögen bewarb. Sie schienen bereits auf sehr freundschaftlichem Fuße zu stehen.

„Fritzi!" rief Frau Kirby, ein unangenehm über­raschtes Gesicht zeigend, „Du hier? Ich hatte Dich nicht erwartet"

Fräulein Lambert blickte erst auf Lena, dann auf Schau und versetzte trocken: „Das kann ich mir den­ken."

Sena hätte sie am liebsten geohrfeigt.

„Ich tue mein möglichstes, meinen Schmerz zu ver­gessen", sage sie, ein spinnenwebfeines Taschentüch- lein an ihre trockenen Augen führens. „Herr Schau gibt sich Mühe, mich etwas aufzuheitern. Du kennst doch Herm Schau? Herr Schau, Fräulein Lambert meine Freundin."

„Oh ja, ich kenne Herm Schau", versetzte Fritzi, bem Herm lässig zunickend „Ich keime ihn sogar sehr gut."

„Fühle mich sehr geschmeichelt", gab Schau zurück. Er musterte Fräulein Samberts ganze Erscheinung scharfen Auges und überlegte eben, ob er ihr exentri- scheS Wesen nicht in einer seiner Nächsten Zeichnun­gen — er fertigte nämlich auch Zeichnungen für Witz­blätter an — karikieren könne.

" (Fortsetzung folgt.)