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M 146.

Donnerstag den so. snv> 1910.

37. Jahrgang.

* Waer W Leitung *

2. Blatt.

vnick und Verlag der Zuldaer «ctiendruckere» in Znlda.

ö Die Veränderungen in der Regierung.

Der.Reichsanzeiger' teilt mit:

„Seine Majestät der König haben Allergnädigst geruht:

dem Staats- und Finanzminister Dr. Freiherrn von Rheinbaben unter Belastung des Ranges und Titels eines Staatsministers die vachgesuchte Entlastung aus seinem Amt zu erteilen und

den Oberbürgermeister Dr. L e n tz e in Magdeburg zum Staats- und Finanzminister zu ernennen.

Der Küserliche Botschafter i» Paris, Fürst von Radolin, hat seinen Abschied erbeten und ist unter Verleihung der Brillanten zum Kreuz der Großkomture des Hohenzollernschen Hausordens in den Ruhestand versetzt worden. Als Nachfolger ist der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Frhr. von Schoen, in Aussicht genommen, der in der Leitung des Auswärtigen Amts durch den bis­herigen Gesandten in Bukarest von Kiderlen- W a echt er ersetzt werden wird.

Di« am Dienstag bereits verzeichneten Mitteilun­gen von den Veränderungen in der Regierung haben sehr schnell volle Betätigung gefunden. Als wie al­bern erkennt man jetzt das jüngste Geschwätz der libe­ralen Prcffe von der Amtsmüdigkeit des Reichskanz­lers und Ministerpräsidenten! Er bezeugt seine Ar­beitslust und Zuversicht in der fortgesetzten Auffrisch- mg seines Ministeriums. Und die neuen Männer ge­stalten das Ministerium immer bethmannischer.

Der Wechsel im auswärtigen Amt ist von geringe­rer Bedeutung. Frhr v Schön hatte schon längst die Absicht, sich auf einem Botschaftcrposten zu erho­len. Wenn er sie jetzt verwirklicht, so ist das ein Zeichen dafür, daß Herr v. Bethmann sich nunmehr genügend orientiert fühlt auf dem Gebiete der aus­wärtigen Politik, und den Uebergang des Staatssekre­tariats an den Gesandten v. K i d e r l c n-W ä ch t e r riskieren zu können glaubt. Herr v. Kiderlen hat als Aushelfer wahrend der kritischen Novcmbertage von 4908 im Reichstage eine Rede über die Arbeitsamkeit oes auswärtigen Amtes gehalten, die einiges Schüt­teln des Kopfes erregte, da er die Anzahl der ver­arbeiteten Aktenstücke ausmarschiern ließ, während Deutschland entsetzt war über die Approbation des ungelesenen Manuskripts der hochwichtigen Kaiser- zespräche. Wir wollen ihm diese Sonderbarkeit, zu der vielleicht sein verlegener Chef Bülow ihn ver- mlaßt hatte, nicht weiter nachtragen, sondern seine Laten im neuen Amt abwarten. In gewissen schwe­benden Einzelfragen, z. B. wegen der Mannesmann- schen Ansprüche, kann der Personenwechsel vielleicht der deutschen Diplomatie freiere und wirksamere Hand verschossen. Dem scheidenden Staatssekretär v. Schön soll es aber unvergessen bleiben, daß er zu der A n- näherung von Berlin und Paris wesent­lich mitgewirkt und dadurch der Erhaltung des euro­päischen Friedens während der bosnisch-herzegowini­schen Krisis vorgearbeitet hat

Der Wechsel im Finanzministerium erregt größeres lufsehen, weil in der Person des Frhr» v. R h e in- b a b e n, der seinen Posten fast neun Jahre als Schü­ler und Erbe Miquels mit vielem Erfolg und wach­sendem Ansehen verwaltet hat, ein Grund zum Rück­tritt nicht vorlag. Wer, wie es hie und da geschieht, 'lesen Rücktritt aus den jüngsten Angrissm des Bank- '»irektors v. Gwinner erklären will, haftet an der Ober- läche. Herr v. Rheinbaben ist nicht gestürzt worden >on Herrn v. Gwinner oder dem hinter ihm stehen­den Teile der Hochfinanz. Der Nachfolger Rhein- babens, der Oberbürgermeister Dr. Lentze, hat danials als Herrenhausmitglied gegen die Nilsführungen v. Gwinner's (bis auf eine Nebensache) und für die Finanzpolitik Rheinbabens Stellung genommen. Jene Debatte im Herrenhause lieh freilich bei Heim v. Rheinbaben eine gewisse Empfindlichkeit hcrvortreten, sodaß seine Abwehr nicht ganz auf der Höhe seines sonstigen siegesgewissen Auftretens stand Wahrschein­lich stand er damals schon unter dem Druck des Rück­trittsgedankens, den der Wunsch des Reichskanzlers, andere Männer um sich zu sehen, in ihm hatte ent­stehen lassen. Dec Rücktrittsgedanke hat sich dann

schnell zu dem Abschiedsgesuch verdichtet, als durch die Berufung des Herrn v. Schorlemer das r h e i n i- s ch e Oberpräsidium frei wurde. Wir hätten es natürlich gern gesehen, daß an die Spitze der Rhein- provinz wieder ein kaholischer Oberpräsident be­rufen würde; jetzt gibt es gar keinen katholischen Oberpräsidenten im „paritätischen" Staat Preußen. Im übrigen aber steht die ganz hervorragende Be­fähigung deS ehemaligen Düsseldorfer Regierungsprä­sidenten für das Koblenzer Oberpräsidium außer allem Zweifel. Frhr. v- Rheinbaben >vicd im Rheinlande mit offenen Arnren empfangen werden. Bei all seiner Liebe zum Rheinlande ist es aber doch nicht ausge­macht, daß er den Posten als Oberpräsident als den Abschluß seines politischen Wirkens betrachtet hat. Man hat bekanntlich vielfach Herrn v. Rheinbaben den Ehrgeiz nachgefagt, daß er den obersten Posten des Reichskanzlers und Ministerpräsidenten nicht ausschla­gen würde. Ein Hindernis bei dem Aufstieg zu dem höchsten Ziele ist ihm in der Person des Herrn v Bethmann Hollweg entstanden. Als der Blockk.inzler Fürst Bülow sich des Grafen Posadowsky ent­ledigte, berief er den bisherigen preußischen Minister des Innern v. Bethmann Hollweg zum Staatssekre­tär des Innern und ließ ihn zugleich, um eine engere Verbindung der beiden obersten Behörden hcrbeizu- führen, zum Vizepräsidenten des preußi­schen Staatsmini st eriu ms machen. Das bedeutete eine gewisse Uebergehung des älteren und hochangesehenen Finanzministers v- Rheinbaben. Letz­terer wurde durch besondere Huldbeweise des Monar­chen abgefunden. Aber als nun das Staats sckretariat durch Äuftücken Bethmanns abermals erledigt war, wiederholte sich die Schwierigkeit. Herr Delbrück sst auch heute noch nicht zum Vizepräsidenten des preu­ßischen Staatsministeriums ernannt worden.

Frhr. v Rheinbaben hat wohl unangenehm em­pfunden, daß er im Wege stand. Sein Rücktritt ist ein Zeichen,-daß er dem Bethmann schen Kurse die Bahn frei geben will Vorläufig wenigstens.

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Georg Freiherr v. Rheinbaben, der verflossene Finanzminsster, kann auf eine überaus schnelle und erfolgreiche Laufbahn zurückblicken. Geboren am 21- August 1855 in Frankfurt a. O., wurde er 1877 Re­ferendar beim Kreisgericht Erfurt, 1882 Hilfsarbeiter im Staatsministerium, dann Regierungsasseffor beim Oberpräfldium Schleswig, 1883 Hilfsarbeiter im Fi­nanzministerium. Hier erregte er die Aufmerksamkeit Miquels, 1888 wurde er Regierungsrat, 1889 gehei­mer Finanzrat und Vortragender Rat im Finanzmini­sterium, 1892 geheimer Oberfinanzrat, 1896 Regie- r un gs Präsident in Düsseldorf. Am 2. Septem­ber 1899 wurde er zum preußischen Staatsminister und Minister des Innern ernannt. Es erwarteten ihn die schwierige Aufgabe, nach den heftigen Käm­pfen um die Kanalvorlage, durch eine vorsichtige und versöhnende Politik Beruhigung zu schassen und für die künftige gedeihliche Zusammenarbeit der Staats­regierung mit der Mehrheit des Abgeordnetenhauses den Boden zu ebnen. Diese Aufgabe hat Frhr v. Rheinbaben zu losen verstanden. Aus seiner Tätig­keit im Ministerium des Innern ist dann noch die Ver­abschiedung des Fürsorgeerziehungsgesetzes zu erwäh­nen. — Am 6- Mai 1901 wurde Freiherr v. Rhcin- baben zum Nachfolger des F i n a n z m i n i st c rs v. Miquel berufen. Es war gewiß keine leichte Auf­gabe, einen Mann von der Bedeutung Miquels zu er­setzen. Freiherr v. Rheinbaben hat es verstanden im Anschluß an die bewährte Finanzpolitik seines Vor­gängers und Lehrmeisters, die Finanzen des preußi­schen Staates in einem Zustande zu erhalten, beIt Preu­ßen zu einem der sicherst fundierten Staatswesen macht. Die jüngsten schweren Angriffe des Direktors der Deutschen Bank v. Gwinner im Herrenhause gegen seine Finanzpolitik haben das Verirmien, das Frhr. v Rheinbaben bei der Mehrheit beider Häuser des Landtags genoß, nicht erschüttern können, und fein Fortgang wird darum aufrichtig bdauert werden. — Der Kaiser hat an Frhrn. v. Rheinbaben bei dem Ausscheiden aus seinem Amte folgendes Handschreiben gerichtet:

Mein lieber Slaalsiuinisier Freiherr von Rbein- bnben! Nachdem Ich Ihnen die nachgesilchie Ent­lassung aus dem Amte a's Staats- und Finnnzminitle^

durch Erlaß vom heutigen Tage in Gnaden erteilt habe, kann ich es mir nicht versagen. Ihnen für die hervorragenden treuen Dienste, welche Sie in Ihren bisherigen Aemtern mir und dem Baterlande mit auf­opferungsvoller Hingebung geleistet haben, meinen be­sonderen Königlichen Dank auszusprechen. Als Zeichen meiner Anerlennung und meines Wohlwollens habe ich Ihnen mein Porträtbildnis in Del verliehen, welches Ihnen demnächst zugrhen wird. Indem ich hoffe, Ihre bewährte Kraft in einer Ihren Wünschen entsprechen­den anderweiten Stellung dem Staatsdienst noch lange erhalten zu können, verbleibe ich

Ihr wohlgeneigter Wilhelm B.

Dr. Lentze, der neue F i n a n z m i n i st e r, ist am 21. Oktober 1860 in Hamm i. W. geboren, ans seiner langjährigen kommunalen Tätigkeit geht ihm der Ruf eines außerordenüich tüchtigen Verwaltungs­beamten voraus. Von 1895 bis 1899 stand er an der Spitze der Stadt Mühlhausen in Thüringen, dann wurde er zum Oberbürgermeister von Barmen und am 1. August 1906 zum Oberbürgermeister von Magdeburg berufen Es ist noch in Erinnerung, daß er nach dem Rücktritt des Kölner Oberbürgermei­sters Becker auf der Kandidatenliste für die Besetzung des obersten VerwaltungSpoftens der rheinischen Me­tropole stand. Seit dem Jahre 1895 gehörve Dr Lentze auf Präsentation der Städte Mühlhausen bezw. Barmen, bezw. Magdeburg dem Herrenhause an. Par­teipolitisch ist er dem rechten Flüael der National- liberalen zuzuzählen. Sein ruhiges sachkundiges Urteil genoß im Herrenhaufe großes Anfehen. Es wird von Interesse fein, zu beobachten, ob die scheinbar so sehr niedergedrückte Stimmung der liberalen Presse jetzt wieder von hoffnunqsvollenenTönen abgelost wird. Man erinnere sich, wie die Nai.-Lib. Korreip. in ihrer berühmten „Absage"-, richtiger Drohnote an Beth­mann Hollweg den Anspruch auf liberale Männer in der Regierung erneut erhoben hat Vielleicht, daß jetzt die Nationalliberalen die Absage an den Reichskanz­ler zurücknehmen Für uns ist die Hauptsache, daß der neue Finanzminister ein tüchtiger Fachmann sei, und das wird ihm ja nachgerühmt.

Frhr. v. Schoen, der den Posten eines Staats­sekretärs des Auswärtigen Amtes mit dem Bot- schaslerposten in Paris vertauscht, siebt damit seinen längst gehegten Wunsch in Erfüllung gehen. Frei­herr v. Schoen, der am 3. Juni 185 i in Worms geboren ist und bis 1877 aktiver Offizier war, trat in diesem Jahre zum diplomatischen Dienst über, der ihn auf verschiedene auswärtige Poften, so nach Bern, Athen und Madrid führte. Als Legations- sckretär in Paris erhielt er 1885 vom Großherzog von Hessen den Adel. In Paris rückte er zum Bolfchafisrat aut, schied dann für einige Zeit aus der Diplomatie aus, um als Oberbofmarschall an die Spitze der Hofhaltung des Herzogs Alfred von Sachsen-Koburg und Gotha zu treten. Nach dem Tode des Herzogs kehrte er zu feiner früheren Lauf­bahn zurück und wurde 19 0 zum Gesandten am dänischen Hofe, 1905 zum Botschafter in Peters­burg ernannt. Bereits im folgenden Jahre wurde er als Nachfolger Herrn v. Tschirfchky-Bögendorffs mit der Leitung des Auswärtigen Amtes beauftragt. Hier ist er zahlreichen und gehässigen Angriffen vonseiten der Alldeutschen ausgesetzt ge­wesen, die ihn voraussichtlich auch in seiner neuen Stellung verfolgen werden. Man mag zugeben, doß Herr v. Schoen nicht zu den genia'cit Staats­männern gehört, aber die gegen ihn gerichteten An­griffe ivaren maßlos und übertrieben. Wenn Herr v. Schoen unter der Kanzlerschaft des Fürsten Bülow nicht unsrer die Spaltung eingenommen hat, die man von ihm erwarte» durfte, so ist jedenfalls noch nicht tlargeftellt, wie weit die gemachten Fehler auf das Konto des Fürsten Büloio, anstatt auf fein eigenes zu setzen sind. Dem neuen Reichs­kanzler i t Herr v. Schoen ein eifriger und erfolgreicher Mitarbeiter gewesen; weuir unter Herrn v. Beth- mann-Hollweg der Kurs unserer ä n ß e r e n P o l i t i t recht befriedigend genannt werden durfte, so ist dies in erster Linie Frhrn. v. Schoen zuzurechnen. Als Gesandter in Kopenhagen und als Boishafter in Petersburg hat Herr v. Schoen die Interessen des Deutschen Reiches mit großem Er'olg vertreten, seine maßvolle aber doch feite Politik hat die Be- z-ebnnqen des Reickes zu den Staaten, denen aegm»

über er als Vertreter des Deutschen Reiches tätif war, sehr förderlich beeinflußt. Die Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen zu Frankreich hat q während seiner Tängkeit in Berlin als seine bei sondere Aufgabe betrachtet, man darf erwarten, daß er dieser Aufgabe in Paris mit noch größerem Erfolge sich widmen wird.

Fürst Hugo von Radolin-Radolinski, der bis«, herige Botschafter in Paris, blickt auf einq fast em halbes Jahrhundert lange Amtstätigkeit zurück. Am 1. April 1841 in Posen geboren, studierte er 1859—62 in Bonn und Berlin Rechts« und Staatswiffenschaften und trat als Referendar in den preußischen Justizdienst. 1866 ging er zuß Diplomatie über, in der er zuerst als Attache in Florenz, bann als Sekretär m Paris und Stuttgart tätig war. Nach dem Kriege gegen Frankreich, den er als Zivilkommissar im Hauptquartier des Gene­rals von Manteuffel mitmachte, kam er nach Madrid, später nach Dresden. Während des russisch-türkischen Krieges Botschaftsrat in Konstantinopel, wurde er von dort als Gesandter nach Weimar versetzt. 1884 schied er aus dem diplomatischen Dienst aus, um das Amt eines Hofmarschalls beim Kronprinzen Friedrich Wilhelm zu übernehmen, der ihn, nachdem er den Thron bestiegen, zu seinem Oberhof- und Hausmarschall machte und ihm die Fürstenwürde verlieh. Kaiser Wilhelm II. ernannte ihn zum Oberst­truchseß und entsandte ihn nach-Konstantinopel, um dem Sultan seinen Regierungsantritt zu notifizieren. Danach blieb er dauernd in der Diplomatie, 1892 bis 1898 als Botschafter m Konstantinopel, bann bis 1901 in Petersburg, seitdem in Paris.

Herr von Kiderlen-Wächter, wurde schon seit längerer Zeit als der kommende Staatssekretär ge­nannt. Geboren 1852 in Stuttgart, ist er seit 1879 im Dienste des Auswärtigen Amtes. Nachdem er in verschiedenen Botschaften tätig war, wurde er 1888 vortragender Rat im Auswärtigen Amt. 1894 trat er aus persönlichen Gründen aus diesem aus und wurde Gesandter in Hamburg, 1895 in Kopenhagen und 1900 in Bukarest. In letzter Zeit ivulbe er mehrfach nach Berlin zur Dienstleistung im Auswärtigen Amte berufen. Herr von Kiderlen- Wächter gilt als einer unserer besten Diplomaten wenn auch sein erstes Debüt im Reichstage anläß­lich der Daily Telegraph-JnterpellationeN ja nicht besonders glücklich war. Wer hätte in jener ver­fahrenen Sache auch nicht Ungeschicklichkeit bezeigen müffen.

Ausland.

* Der Mörder des egyptischen Minister» Präsidenten Butros Pascha, Wardani, ist am Dien-tag früh durch den Strang hingerichtet worden. Die gefürchltle Gefährdung der Ruhe ist nicht eingetreten.

* Ja Argentinien hat die Deputiertenkammel ans Anlaß des Bombenanschlages im Theater von Colon einen Gesetzentwurf angenommen, der A n a r- ch ist en den Aufenthalt im Lande vollkommen unter­sagt und für Urheber von BombonanschlLg«» bie Todesstrafe festsetzt.

* In Nicaragua haben die Aufständischen Acoyspa eingenommen. »

* Die chinesische Negierung Hal ihre Zustim­mung zu einer Denkschrift verweigert, in welcher von Delegierten von Provinzen und chinesischen überseeischen Gemeinden die Gewährung einer Verfassung gefordert worden war. Die Re­gierung erflätle, es sei unmöglich, den von dem verstorbenen Kaiser festgesetzten Zeitraum von !i Jahren abzukürzen, da die Bevölkerung für die Erlangung konstitutioneller Rechte noch nicht reif sei.

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Der- "giamppr.

Roman von Fergus Hume. Autorisierte Bearbeitung 10] von C. Wetzncr.

„Wer ist sein Vater. Fritzi?"

„Semen Namen darf ich Dir nicht nennen. Er bat mich, diesen niemandem zu sagen. Theo Sauber war ein Pseudonym, das der junge Mann wählte, als er Journalist wurde- Namen und Beruf seines Va­ters kenne ich — aber wie gesagt, ich habe ihm mein Wort geoeben, das niemandem zu verraten. Es hätte auch gac keinen Zweck", fügte Elfriede achselzitckend hinzu.

Eine Weile herrschte tiefstes Schweigen. Olga ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Sie war aufs« sich über diese Erbärmlichkeit Lena's.

„Ich wünschte, Du hättest mir das alles früher erzählt," meinte sie endlich, vor Elfriede stehcnblei- bend. „Dann wäre ich nicht in dieses Haus gegan- gelt."

„11 nb hättest Dir die Gelegenheit, Herbert Brand ans den Retzen dieser menschlichen Bestie zu erretten, verscherzt' Du kannst doch nicht wünschen, daß er dereinst auf dieselbe Weise endet, wie der arme Theo Landor?"

„Um Gotteswillen!" rief Fräulein Holder schau­dernd. „Aber waß kann ich tun?"

Fritzi gab ihren Rai so kurz und flug wie mög­lich „So oft wie möglich mit ihm Zusammenkommen und ihn in feiner Liebe zu Dir bestücken!"

„Oh, Fritzi, das kann ich nicht!"

,So liebst Du ihn auch nicht!" tadelte Elfriede „Wenn Du ihn liebtest, würdest Du seiner Errettung nicht einen Hausen lächerlicher Ziererei und falscher Bescheidenheit in den Weg stellen! Wenn er seine Zukunft von Sena beeinflussen läßt, dann ist er rui­niert an Leib und Seele — und ich sage Dir, es wird rin zweiter Fall Landor!"

Olga sank auf einen Stuhl und strich sich das Haar der Stirne. „Wie lächeckich von Dir, Fritzi, so |U sprechen", sagte sie verlegen. „Herr Brand hat mir Me ein Zeichen von Liebe gegeben!"

„Pah! Der Mann kommt zehnmal wegen seiner Manuskripte hierher, wo einmal auch vollkommen ge­

nügte- Ich sage Dir, er liebt Dich! Du trägst bloß die Nase zu hoch in her Luft, sodaß Du nicht siehst, wo­vor derselben ist!"

„Fritzi, Du bist ein ganz abscheuliches Geschöpf!"

„Weil ick vernünftig rede! Na ja. Du möchtest vielleicht lieber, ich wäre ein alter Zieraffe, dem Milch und Honig von den Lippen fließt, der es aber nicht ehrlich meint. Ich habe Dich lieb. Olga, und ich mag Herrn Brand gut leiden", fügte Fritzi hinzu, .ob­gleich ich die Männer im allgemeinen nicht ausftehen kann! Was diesen Mord betrifft —*

„Run, was ist damit?"

„So glaube ich, die Wahrheit wird nie an den Tag kommen", meinte Fritzi nachdrücklich. „Das Ver­brechen ist viel zu schlau und raffiniert ausgeklügelt worden, als daß die Polizei dahinter käme. Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren daß Lena dabei die Hand im Sviel bat. Da für biefe Annahme jedoch nicht der geringste Beweis vorhanden ist, müssen wir ihr die Gerecktiakeit widerfahren lassen, an ihrer Mit­schuld zu zweifeln. ES wird natürlich eine Gerichts­verhandlung neben und verschiedene Zeitungsberichte, dann wird das Verbrechen allmählich vergessen und Lena wird als re'che »nb interessante Witwe Trauer tragen, bis sie einen Monn mit einem Titel heiratet *

„Mik einem Titel?"

-N" ia! Ob sie hot Ehrgeiz, die kleine Here! eoie möchte Baronin oder gar Gräfin werden — viel­leicht peht ihr dieser Wunsch eines Tages in Erfüllung Wenn der alte Kirbv ihr sein ganzes Vermögen hin­terläßt, dann kann sse sich schon so einen allen Narren mit einer Krone über seinem Wappen kaufen Herrn Sckau wird sie dann sicherlich den Abschied geben und eine hochachtbare, vornehme Dame werden."

„Und Brand?" fragt« Olga

Fritzi zuckte die Achseln und erhob sich um zu gehen. „Habe ich Dir nicht schon vorhin gesagt daß er dann bereits längst tot ist?" gab sie zurück 'ihren Hut vor dem Spiegel unbarmherzig mit der großen Nadel durchbohrend. „Und bloß deshalb weil diese Lena sieht, daß Du Dich für den Mann 'mtereffierft sucht sie ihn von neuem an sich zu locken. Vielleicht lenkt auch dieser Mord ihre Gedanken auf etwas an­dere«. Jedenfalls ist Herbert Brand's Schicksal in Deine Hand p^en!'

Olga saß mit verstörtem Gesicht ba und starrte vor sich hin- Trotz allem und allem liebte sie Herbert Brand und sagte sich, daß vielleickt gerade feine gut­mütige Natur ihn in Senas Netze getrieben habe. Und diese Netze mußten, wie Olga sich sagte, sehr geschickt ausgelegt worden sein. Denn wenn selbst ein Salomo der Sist eines Weibes nicht zu wider­stehen vermocht hatte, warum sollte man so etwas von dein einfachen Herrn Brand erwarten? Wenn er sie liebte— aber als Beweise dafür hatte sie ja nur Fritzi's Behauptung! Und wenn ihm wirklich ein ähnliches Schicksal, wie Tbeo Sandor beschieden wäre? Olga schauderte bei diesen Gedanken. Konnte sie ihn retten?

„Was würdest Du an meiner Stelle tun, Fritzi?" fragte ste plötzlich.

Elfriede hatte eben mit Wucht die Radel durch Hut und Haarfülle gestoßen und gab eine sehr weise Antwort. „Ich würde tun, was mein Herz mir diktiert", sagte sie in einem sanfteren Tone als ge­wöhnlich.

Fräulein Holder sah sie forschend an. Der plötz­liche Umschlag in Fritzi's Stimme fiel ihr auf und ebenso ein rosiger Anhauch ihrer milchweißen Gesichts­farbe. Dann |aten die beiden Mädchen einander in die Augen und Olga erkannte, wie die Sache stand. „Wie heißt „er", liebe Fritzi?" fragte sie

„Was meinst Du denn?" entgegnete die andere über und über errötend.

„Der Mann, denn Du —“

„ES gibt keinen Mann. Den ich" — leugnete Fritzi und brach ab. „Ich hasse sie alle — diese brutalen Gescköpfe!" fügte sie dann hinzu-

„Ja, in diesem Falle läßt sich freilich nichts mehr sagen. Ich werde also Deinen Rat befolgen und tun, waS mein Herz mir diktiert!"

Fritzi nahm ihr Bündel Papiere, setzte den Kneifer auf die Nase und ging auf die Tür zu. Hier blieb sie stehen und machte noch eine beiläufige Bemerung. „Ich schreibe jetzt ein Theaterstück", sagte sie, „auf direkte Bestellung."

„Ah!" entfuhr es Olga, die sich wunderte, wes­halb die wirllcche Ursache zu Fräulein Lamberts Be­such bis zum letzten Augenblick gelassen wnrde

gj=——w—

„Es ist für Herrn Bruno Kraft!"

„Oh!" kam es diesmal in erfreutem Tone über Olga's Lippen.

Fritzi war wieder rot geworden und wie eS schien auch ein wenig nervös.

„Um Dir das zu sagen, kam ich hierher", fuhr fh fort, sich mit der Türklinke zu schassen machend.

„Das kann ich mir allerdings denken, da Du diese Mitteilung bis zuletzt ließest", versetzte Olga trocken. „Hm, Bruno Kraft ist ein sehr hübscher Name"

„Was geht das mich an, ob der Name hübsch ist!" „Oh nichts. Aber wenn Du meinen Rat befolgen willst, Fritzi —"

„Nun?"

„Ich wurde tun, was mein Herz mir diktiert!" tagte Fräulein Holder, gleiches mit gleichem vergel­tend.

Fritzi erwiderte nichts, sondern »erließ daS Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu, daß eS krachte.

„So, so, Fritzi ist ebenfalls verliebt", flüsterte Olga vor sich hin. „Hoffentlich hat sie mehr Glück als ich!"

Dann machte sie lick mit verdoppeltem Esser an die Arbeit

5 Kapnec

Die Untersuchung des an Kirby begangenen Mor­des wurde gründlich gesührt, eine Menge Zeugen ver­nommen und das Urteil lautet: auf vorsätzlich began­genen-Mord, Mörder unbekannt. Trotz eifriger Be­mühungen der Polizei hatte man keine Spur des Mör­ders finden können. Der Polizist namens Drake, dem in jener Nacht die Runde in der Unteren Themsestraße obgeleg-n, hatte allerdings in der verlassenen Straße einen Mann gesehen. Derselbe hatte mit ihm ge= kochen ihm eine Zinarttte geschenkt und die Bemer- lEen, es sei hart für ihn, bis spät in die Nackt hinein arbeiten zu müssen. Aber aus bei Nel­son-Allee war der Betreffende nicht gekommen, dagegen er selber. Tatsächlich brachte man diesen Herrn nicht zu dem Morde in Beziehungen-

(Fortsetzung folgt.)