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146. Erstes Blatt.
Wulfen, Donnerstag Den 30 Juut 1910.
37. Ialrqanq.
Ter Ministerwechsel.
(S8gL den Leitartikel im 2. Blatt )
Wenn die Konservativen ebensolche Politik treiben wollten, wie die nationalliberale Partei- leituna, so müßten sie eine scharfe Absage und einen schwungvollen Fehdebrief an Herrn v. Bethmanu- Hollweg richten. Denn Herr v. Bethmann hat eS »gewagt*, an Stelle des konservativ gerichteten Srhrn. v.Rheindaben einen nationalliberalen berbürgermeister an die Spitze deS hochwichtigen Finanzministerinms zu berufen. Dadurch könnten die Konservativen sich noch viel eher brüskiert und bedroht fühlen, als die Nationalliberalen durch den Wechsel im Ministerium des Innern, daS nur von einem pfiegmatischen Konservativen an einen tatkräftigeren Konservativen überging. Aber die konservative Partei treibt keine Trotzkopf- und Nadaupolitik. Ihre Nerven l leiben ruhig, wenn man auch dem neuen Minister die Zugehörigkeit zur nationalliberalen Partei nachsagt, und die einfache Parole lautet: Wollen sehen, was der Mann leistet.
Das Zentrum könnte ebensalls einen Fehdebrief schreiben; denn während sowohl die Rechte als bte Mittelparteien ihren Teil abbekommen haben, ist aus den Zentrumslreisen keine P rsönlich« keit in den hohen Rat berufen worden. Der neue Landwirtschaftsminister ist freilich katholisch, aber er ist ein ausgesprochener und werktätiger Gegner der Zentrumspaliei. Jndeflen die Zentrumsleute sind nicht verwöhnt und leiden auch nicht an kurzsichtiger Eitelkeit. Die Wurzeln unserer Kraft iind unserer Zuversicht liegen anderswo, als in der Hof- rangliste. Wir machen unsere Mitarbeit nicht von persönlichen Zugeständnissen abhängig; die entscheidende Frage ist nicht: „Wer macht es?*, sondern vielmehr: »Was wird gemacht?* Wir halten es mit der konservativen Methode, die Leistungen und neuen Minister in Ruhe abzuwarten.
Die nationalliberale Parteileitung schrieb den Fehdebrief, als sie bei den vorletzten Ministerwechsel sich übergangen fühlte. Nachdem nunmehr ein Nationalliberaler Finanzminister geworden ist, müßte von Rechtswegen die.National- liberale Korrespondenz* alles zurücknehmen und Herrn v. Bethmann für einen Ehrenstaatsmann erklären. Aber davon hört man vorläufig nichts. Herrn Bassermanu und feinen Genossen in der Opposition Stakt rk wird es ja auch nicht leicht sein, zu dieser Wendung der Dinge Stellung zu nehmen. Denn das agitatorische Märchen von der Beth- marm'schen Unterwerfung unter den „schwarzblauen Block" hat so gründlich Schiffbruch erlitten, wie leider der siebente Zeppelin. Tie Berufung eines natioualliberalen Oberbürgermeisters an die Spitze des Finanzministeriums ist doch schlechterdings u: vereinbar mit der Absicht, die man bisher zu Hetzuvecken L errn von Bethmann andichtete, daß er nämlich ausschließlich mit der Hilfe und nach den Rezepten des „schwarzblauen Blockes" regieren wolle.
Was wir bei der ersten Gruppe der Personalveränderungen schon hervorgehoben haben, leuchtet allmählich auch einzelnen liberalen Blättern ein: nämlich die Absilsi des Herrn v. Bethmann, sich mit recht tüchtigen Leuten zu umgeben, von denen er die wirksame Mitarbeit bei seiner eigenen, vom Parteigetiiebe möglichst unabhängigen Politik sicher erwarten darf. So ichreibt neuerdings die ,Köln. Ztg»Deutlicher als bisher tritt jedenfalls der tödliche Plan des Kanzlers ans den Umrissen he-an-, ein aus Fachministern bestehendes Staats- Ministerium zu bilden, das über den Parteien fteben oll." Auch in der ,Tägl. Rnndsch/, die sonst so omi Herrn von Bethmann in die Waden fällt, enl.Tidti: ein verhältnismäßig einsichtiger Mitarbeiter ähnt'.ehe Ansichten über die Art und Weise, wie Herrn o. Bethmann »sein* Ministerium einrichtet. Uebiigens hätte man, wenn nicht sie Hetzpolitik die Augen verblendet hätte, den „Plan" des gegenwärtigen Kanzlers schon früher erkennen können; er hat m in seiner Antrittsrede schon dir Rückkehr zu der alien, sozusagen unparteiischen Geschäftsführung der monarchischen Regierung angekündigt, also der Blockwirtschast sowohl für die Vergangenheit als ’ür die Zukunft abgesagt.
Tadel braucht man aber nicht anzunehmen, daß Herr v. Bethmann bei der Auswahl der neuen Männer auf deren Parleistellung und auf die Emr sindungen der wichtigsten Parteien gar keine Rück nchr genommen habe. Auch die „über den Parteien" stehende Regierung braucht eine parlamen- tari'che Mehrheit;• sie wünscht sich eine recht starke Mehrheit und sieht es sehr gern, wenn sie unter mehr als einer Mehrheitskousteüation die Auswahl hat. So wird es Herrn v. Bethmann sehr lieb gewesen tein, daß er in Herrn v. Dallwitz einen tüchtigen Minister des Innern fand, der zugleich den Konservativen gefiel, und ebenso wird er bei der Berufung des Herrn Dr. Lentze sich gefreut haben, zugleich den friedlich gesinnten Nationalliberalen einen Gefallen tun zu können.
Die Frage ist nun, ob und inwieweit sich die Nationalliberalen durch dieses Zugeständnis zum Ein lenken bestimmen lassen. Der Gäh- rnngs- und Klärungsprozeß innerhalb dieser Partei wird tüt die nächste Zeit ein interessantes Schauspiel bieten.
An den Botschafter Fürsten zu Radolin hat der Kaiser bei dem Ausscheiden aus dem Amte folgendes Handschreiben gerichtet:
«Lieber Fürst Radolin! Es ist Mir ein Bedürfnis, jJbncn aus Anlaß Ihres Ausscheidens aus demReichs- e ®€t”en Kaiserlichen Dank auszusprechen für die ausgezeichneten Dienste, die Sie während einer nun» 4''äi)x,ae" amtlichen Tätigkeit Meinen «erfahren und dem gesamten Baterlande ge- Als Botschafter in Konstantinopel, St. Petersburg und Paris ist es Ihnen gelungen, sich das Wohlwollen der Monarchen und die Achtung der Re- bnh?m8reLfr d'"en Sie beglaubigt waren, in so hohem Grade ,u etteerben, vast Sie m der Laae war.«.
Mein« Politik und die Interessen unseres Vaterlandes erfolgreich zu vertreten. Indem Ich Ihnen, lieber Fürst, alS Beweis meines Wohlwollens die Brillanten zum Kreuz der Großkomture des Königlichen Haus- ordens von Hohenzollern verleihe, dessen Insignien Ihnen demnächst zugehen werden, spreche Ich die Hoffnung auS, daß es Gott gefallen möge. Ihnen die nach einem arbeitsvollen Leben wohlverdiente Ruhe noch durch lange Jahre zu gewähren."
Weitere Ministerdemijsionen werden in verschiede- neu Blättern in Aussicht gestellt, man spricht von einem Rücktritt des Marmestaatssehetärs v. T i r p i tz und des Handelsministers Sydow. Dagegen wird der ,Postt von gutunterrichteter Seite mitgeteilt, daß die Veränderungen mit der Ernennung von Lentze und v. Kiderlen-Wächter z m Abschluß gelangt seien.
Deutsches Reich.
** Berlin, 29. Juni 1910. Die Kaiserin ist mit der Prinzessin Viktoria Luise wieder aus der Wildparkstation eingetroffen und hat sich in das Nene Palais begeben. — Der Reichsanzeiger veröffentlicht das Gesetz zur Abänderung der Vor- schriften' über die Wohnungsgeldzuschüsse und Mietsentschädigungen mit dem Datum vom 25. Juni 1910. — Der Reichskanzler reist Mitte nächster Woche nach Karlsruhe, um sich dem Großherzog vorznstellen.
(*) Personenwechsel int Kultusministerium. Anstelle des Geh. Oberregierungsrals und Vortragenden Rat? im Kultusministerium Prof. Dr. Matthias, ist, wie die .Deutsche Tageszeitung' hört, das bis- herige Mitglied des Berliner Provinzialschitl- kollegiums, Provinrialschnliat Prof. Dr. Klatt berufen worden. Geh. Rat Matthias erhielt aus Anlaß seines Ausscheidens den Titel eines Wirklichen Geheimen Oberregierungsrats mit dem Range der Räte erster Klaffe.
* Die Schiffahrtsabgaben. In der gestrigen Sitzung des Bundesrates ist dem Entwurf eines Gesetzes über den Ausbau der deutschen Wasserstraßen und die Erhebung von Schiffahrtsabgaben in der von den Ausschüssen beschlossenen Fassung die Zustimmug erteilt worden.
s. Zn der Reichsverstchernngs Kommission wurde der sogenannte Hälflelungsparagraph angenommen, wonach Versicherungspfllchtige eine, ihre Arbeitgeber die andere Hälfte der Beiträge zu zahlen haben. Ferner wurde nach einem Zcutrumsanlrag § 12 a angenommen: »Die Satzung kann bestimmen, daß, wenn der Versicherte vorübergehend einen ge- nngereu Lohn bezieht, er sich die Versicherung in der bisherigen höheren Lohnklaffe erhalten tann. wenn er den entsprechenden Mehrbetrag des Beitrages selbst übernimmt*.
X Der Hansabund als Wahlhelfer der Sozialdemokratie. In dem soeben zugunsten der Sozialdemokraten entschiedenen Wahlkamp'e zu Friedberg-Büdingen hat der Hansabund eine eigentümliche Stellung eingenommen. Im Hauptwahlkampse hat er mit allen Mitteln gearbeitet; seine Redner durchzogen den Wahlkreis hin und her. In der Stichwahl aber schwieg er; dadurch hat er mitgeholsen, daß der Wahlkreis an die Sozialdemokratie verloren ging. In Usedom traten die örtlichen Führer des Hansabundes offen für die Sozialdemokratie ein, in Friedbera geschah es in verdeckter Weste mit demselben Resultat. Diese Haltung des .Hansabundes ist sehr bedeutsam. Er hat sich damit als eine Schutztruppe der Sozialdemokratie gezeigt. Es ist nicht das erste Mal, daß Großkapital und Sozialdemokratie Hand in Hand gehe.'.
H Staa sselretiir a. D. Sern barg ist von der juristischen Fakultät der Universität Königsberg »wegen seines hohen Verdienstes um die Stärkung des vaterländischen Eupfiidcns" zum Ehrendoktor ernannt worden. Daß die Weckung vaterländischen Empfindens eine Disziplin der juristischen Wissenschaft bildet, uar uns bisher noch nicht bekannt. Wenn die juriiiffche Fakultät der Universität Königsberg ihre Konsequenzen aus dieser Maß- nahme ziehen wollte, bann würde sie unter den Kriegervereinsmitgliedern reichliche Auswahl zur Ergänzung ihrer Ehrendoktorenliste finden.
+ Steuerreform in Elsatz-Lothringen. Der Entwurf betreffend die Reform der direkten Steuern ist dem Landesausschuffe zugegangen. Er sieht die Einführung einer allgemeinen progressiven Einkommensteuer mit kommunalen Zuschlägen vor.
* Goldsttude in Togo! In unserer Kolonie Togo sind laut dem Gutachten Sachverständiger Gold- funde feftgestellt worden. Nach den neuesten Berg- rechtsvervrdnungen ist das Gouvernement im Besitze des Regals, das aber an Privatpersonen vergeben werden kann.
Ausland.
* Die französische Deputiertenkammer beenbete ihre Aussprache über bte allgemeine Politik mit einem starken Vertrauensvotum für bas Ministerium Briand.
* Der Gesetzentwurf zur Abänderung des englischen KrönungseideS wurde im Unterhause am Dienstag vom Premierminister Asquith eingebracht. Nach der Vorschrift dieses Gesetzes bekennt sich der König als treues Mitglied der protestantischen reformierten Kirche und verspricht, nach besten Kräften und dem Gesetze entsprechend für eine protestantische Thron- folge Sorge zu tragen. — Der Premierminister et» klärte, die Regierung glaube, in dem Gesetz alle Bürgschaften vorgesehen zu haben, die nach mensch- lichem Ermeffen gefordert werden könnten. Asquith wies weiter auf daS starke Anwachsen der Zahl der katholischen Untertanen hin, deren unzweifelhafte Loyalität nicht besonderer Vorschriftsmaßregeln be- dürfe. Der Wortlaut der alten Erklärung enthalte eine unnötige Beleidigung der Katholiken und müffe auch für den König unangenehm sein. Balfour schloß sich den Ausführungen des Premier-
Ministers an, Redmont erklärte die Vorlage für einen Akt später Gerechtigkeit gegenüber Millionen von Untertanen des Königs. Darauf wurde der Gesetzentwurf in erster Lesung mit 383 gegen 42 Stimmen angenommen.
* Der König und die Königin der Bnlgaren sind auf ihrer Reise nach Brussel in Chantilly eiuge- troffen, wo sie einige Tage weilen wollen.
* Norwegen ist ein glückliches Land. Es ist in der angenehmen Lage, Rundschau zu halten, wo sich Nebrrschüsse am segensreichsten anbringen laffett. Seit 1906 ergeben Norwegens Staatssinanzen immer Ueberschüffe, obgleich bas Bubget unabläffig gestiegen iss. Durch den diesjährigen Ueberschuß von fünf Millionen Kronen werben bte Reserven auf 26 Millionen erhöht. Die Regierung beabsichtigt nun, bem Storting vorzuschtagen, 4 Millionen aus beut diesjährigen Ueberschuß für außerordentliche Ver- tcibigungszwccke zu verwenden, während 1 Million wegen der voraussichtlichen Mindereinnahme aus der Bierbestenernng reserviert bleibt.
* Tie portugiesischen Cortes sind durch ein Dekret des Königs aufgelöst worben. Die neuen Cockks werden am 23. September zusammen treten.
* Zm kubanischen Parlament kam es zu einer blutigen Schießerei. Der Abg. Lores richtete plötzlich feinen Revolver auf einen Kollegen und verletzte ihn durch mehrere Schüffe schwer. Darauf bedrohte er noch andere Abgeordnete. Endlich schlug man ihn den Revolver aus der Hand und nahm ihn feit.
vottsumlschasilicher und Soziales.
♦* AuZ dem Baugewerbe- Von unterrichteter Seite wird unter der Ueberschrist „Friede Im B au g e w e r b t‘ mitgeteilt: Der Dresdener Schiedsspruch h-'t die Streitigkeiten für sämtliche Städte und Orte des Deutschen Reiches, mit Ausnahme von wenigen Städten wie Leipzig, Solingen, Hagen i. W., beigelegt. Gegenüber den vielen tausenden Orten, in denen der Frieden vollkommen hrrgestellt ist, sind diese Ausnahmen ohne wesentliche Bedeutung, zumal in einigen dieser Orte nur eine bet beteiligten Organisationen, z. B. her Zimmerer, die Arbelt noch nicht ausgenommen hat. Die christlichen Bauarbei- t e r nahmen, getreu dem Schiedsspruch, überall sofort die Arbeit auf. Bei dieser Sachlage kann von einer Gefährdung des gesamten Friedenswerkes keine Rede sein. Derartige Störungen pflegen in der Praxis die natürliche Begleiterscheinung aller großen Aussperrungen und Streiks zu fein und sind bei der Bauarveiteraussperrung, die alle bisherigen derartigen Bewegungen an Umfang und Bedeutung übertroffen bat, für jeden Kundigen erst recht verständlich. — In Düsseldorf sind 600 frei organisierte Maurer und Hilfsarbeiter in den Ausstand getreten. Die Angehörigen der christlichen Gewerkschaften arbeiten weiter. Der Arbei geberverband will die ausstcmdischen Maurer und Hilfsarbiter wegen Kontraktbmcks nicht wieder einstellen.
Aus Kirche und Schule.
[] Fritzlar, 26. Juni 1910. Der hiesigen zehn- ttajfigeu katholischen Privat-Mädch en schule der Ursulinerinnen ist, wie bereits mitgeteilt, am 15. Juni d. I. die ministerielle Anerkennung als „höhere* Mädchenschule nach den Bestimmungen vom 18. August 1908 erteilt worben, wodurch sie dem Prooinziai-Schulkollegium zu Kaffel unterstellt worden ist. Es wirken an ihr außer den Schwestern noch drei weltliche Lehrerinnen und vier männliche Lehrkräfte, darunter zwei Rektoren und ein Oberlehrer. Mit bet Schule ist ein altbewährtes Er- ziehnngs-- unb Haushaltungspensionat verbunden. Die Anstalt, die mit allen erforderlichen neuzeitlichen Einrichtungen, wie Wasserleitung, Dampfheizung, elektrischem Licht, ausgestattet ist, hat eine gesunde, herrliche Lage mit ausgedehnten Gärten und einem weiten Blick in das liebliche Edertal. Durch die neuen Bestimmungen können in Zukunst nur jene Mädchen, welche bie 1. Klaffe einer zehn- klassigen anerkannten „höheren* Mädchenschule besucht haben, ohne Aufnahmeprüfung in ein staatliches Lehrerimmn-Ieminar ober eine Anstalt ein treten, bie bas wissenschaftliche, Zeichen-, Hand- arbeits-, Hauswirtschafts-, Turn-Exameu ermöglicht. Es ist benmach von großer Wichtigkeit, baß die Schülerinnen möglichst früh, spätestens mit Beginn des 4. Schuljahres, da hier bei französische Unterricht anfängt, einer höheren Schule übergeben, ober, falls sie erst später Eintreten können, durch französischen Privatunterricht bis zur betreffenden Klaffe vorbereitet werden. Andernfalls würden die Kinder in höheren Klaffen nicht mehr Aufnahme finden können und ihre Ausbildung damit recht unangenehme Störungen erleiden.
= Klein-Krotzenburg, 29. Juni 1910. Nächsten Sonntag, 3. Juli, findet bie zweite biesjährige Wallfahrt zur Liebfrauenheide statt. Um 6 Uhr ist daselbst Gelegenhett zur hl. Beichte. Ein Pater leistet Aushilfe. Um ^«8 Uhr ist eine hl. Messe unb Austeilung bet hl. Kommunion. Um 10 Uhr ist Hochamt unb Predigt. Bei ungünstiger Wit- terung ist das Hochamt unb die Predigt in der Pfarrkirche zu Kl.-Krotzenburg. Nachmittags 3 Uhr ist Festpredigt und Andacht in der Kapelle. Hieraus folgt die feierliche Prozession. Bei ungünstiger Witterung finden Predigt unb Andacht in der hie- sigen Pfarrkirche statt.
totales.
Fulda, den 30. Juni 1910,
H Der Titel Zollinspektor ist dem Ober- Zollkontrolleur Kittel in Fulda verliehen worden.
X. Herr Tomorgauist Ferd. Rübsam kann cm 1. Juli aus eine dreißigjährige Tätigkeit an unserer Kathedrale zurückblicken. Sein bedeutendes Können als Organist ist schon oft in unserem Blatte ge
würdigt worden. In der langen R.ihe von Jahren hat sich sein künstlerisch vollendetes Spiel zu immer größerer Virtuosität entwickelt. Seine Präludien auf der Orgel offenbaren ein nicht geringes Kompo- sttionstalent und bieten dem musikverftändigen Zuhörer oft einen hohen Genuß. Es ist schade, daß Herr Rübsam dem Drängen seiner Freunde noch nicht Folge gegeben unb btefe kontrapunklisch bebrütenden Augenblickskompositionen zu Papier gebracht hat. Herr Domorganift Rübsam stand lange als Leiter der »Cacilia* im Mittelpunkte des musikalischen Lebens unserer Stabt. Er war cs auch, der zuerst Konzerte größeren Stils mit auswärtigen Kräften und großem Orchester hier aufführte. Als Musiklehrer verdanken ihm Viele ihre musikalische Ausbildung. Wir rufen dem allseits beliebten Jubilar ein herzliches „Ad mnltos annos“ zu.
** Der gestrige Ausflug des M. N. nach Neuhof wies eine ungewöhnlich starke Beteiligung aus. Die genußreiche Wanderung ging von Kerzell durch den Wald zu der allen Heerstraße mit ihren herrlichen Blicken auf anmutvolle Täter und das Massiv derNhön im Hintergründe. Nach V/a stündiger Wanderung wurde Neuhof erreicht. An dem Abendessen, das bei Fridolin Möller eingenommen wurde, nahmen auch einige Gäste teil; es wurde gewürzt durch eine große Folge ron Ansprachen heileren und ernsteren Inhaltes.
::: Eine Windhose ist gestern morgen 7 Uhr von West nach Ost über einen Teil unserer Stadt gezogen und hat aus bem schmalen Strich, über den sie ihren Weg genommen, beirächt, sichen Schaden angerichtet. Am übelsten hat sie an der Tränke gehaust. An dem im vorigen Jahre sersiggestellten Wohnhaus des Herrn Maurermeisters Grosch in der Wiesenmühlenstraße wurde ein Teil des Daches abgedeckt und an einem andern Hause wurde das große Ein- sahrtsior ausgehoben und mitten auf die Straße geschleudert. Auch Personen sind mehrfach zu Schaden gekommen. Durch den Wirbelwind war das Scheunentor des Herrn Landwirts Bamberger ausgeschlagen worden. Als Herr Bamberger es wieder schließen wollte, schlug das Tor ibn zurück, sodaß er zu Boden fiel und neben einigen Verletzungen im Gesicht auch eine Auskugelung des Armes erlitt. Er mußte in das Landkrankenhaus gefahren werden. Ein Fräulein Krisch, das sich auf dem Wege von Neuenberg nach der Stadt befand, wurde zu Boden geworfen ihr ber Hut vom Kopse gerissen, in die Waides geweht und der Schirm fortgeschleudert. Außerdem erlitt sie Verletzungen an den Händen. In einem bejammernswerten Zustande wurde sie in ein Haugebracht, da sie infolge der großen Nerven- eiregung ihren Weg nicht sortsrtzen konnte. Fast ebenso erging es einer älteren Frau, namens Hoffmann, die zu Boden geworfen wurde und der der Schirm in Stücke zerbrochen wurde. An der oberen Tränke mußten sich die Paffanteu an dem eisernen Geländer festhallen, um nicht zur Erde geworfen zu werden. Hüte und Schirme wurden hoch in die Luft gehoben und vom Winde oder dem vom Regen angeschwollenen Waidesbach mit sortgesührt. Blumenstöcke, die von den Fensterbrettern fortgerissen waren, tanzten in der Lust umher. Mehrfach sind Schornsteine durch die Gewalt des Wirbelwindes zusammengestürzt und Bäume, wie z. B. an der unteren Kastanienallee arg zerzaust und beschädigt worden. Auch viel unreifes Obst ist durch das Durcheinanderpeitschen der Obstbäume herabgeworfen worden. Vor ungefähr 15 Jahren wurde bie Tränke schon einmal burch einen Wirke wind heimgesucht, wobei u. a. baS Dach eines Hauses völlig abgedeckt wurde.
— Bei Ausschachtungs - Arbeiten auf dem Gelände der Sauer'schen Möbelfabrik wurden von neuem Pfahlbau - Ueber r este angeschnitten. Damit ist die Fortsetzung der Pfahlbau-Anlagen auf dem Rich. Schmitt'schen Anwesen tn ber Richtung nach Horas zu bestätigt worben.
j Svmmertheater. Gestern ging vor gut besetztem Hause ein neues Lustspiel von Schätzler-Perasiui »Sein Prinzeßchen* in Szene. Gutsbesitzer Hans von Brenken hat soeben feine junge Frau, »fein Prinzeßchcn*, auf Brenkenhof eingechhrt. SJiatgarete kann sich an bie Eintönigkeit bes Landlebens nicht gewöhnen unb sehnt sich nach Zerstreuung für bie langen Winterabende. Diese wirb ihr, nachdem ihr eine Millionenerbschaft zugrfallen ist,. in einem Schloß der Residenz, wo sie ausschließlich mit dem Abel verkehrt, geboten. Hans von Brenken bleibt aber auch in ber Residenz, zum großen Leidwesen seiner jungen Frau, ein waschechter »Krautjunker". »Du bist und bleibst ein Bauer* ruft sie zornig auf einem Ballsest aus. Es lammt zu einem ernsten Zwist bei dem jungen Paare. Erregt verläßt Hans aon Brenkcn das rote Schloß. Generalmajor a. D. von Rödern führt eine Versöhnung der Eheleute herbei, und Fran Margarete kehrt reuevoll zu ihrem Galten auf Brenkenhof zurück, wo neben der Versöhnung noch zwei Verlobungen gefeiert werden tonnen. Das Publikum nahm die Novität, deren nicht letzter Vorzug ein feiner Humor fft, recht freundlich aus und das umsomehr, als alle Mitwirkenden ihre Schuldigkeit taten.
□ Lichibildervortrag. Ein Vertreter der Urania in Berlin hielt am Dienstag morgen vor der sehr zahlreich vertretenen Schuljugend Fuldas einen Licht- bildervortrag über den Grafen Zeppelin und sein Werk. An ber Hand vorzüglich ausgesühi.en B.l- dern konnten die Kinder genau den Bau und die