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Maer W Zeitung

Monatsbeüage: „Zuldaer Seschlchtsblätter"

Z.parzeller in Lnlda. WocheNheittge! „Illustrierte §»nntag;zeitung"

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öerantw Redakteur r «art Schütter

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RotationrdruSund Verlag der Fuldaer Ak- ttendruckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

M 145. Erstes Blatt.

Fulda, Dienstag den 28. Jnui 1910.

37. Jahrgang.

Wegen des Feiertags Peter und Paul wird die nächste Nummer der .Fuldaer Zeitung' erst am Donnerstag ausgegeben.

Hof stark zerfahren. Der Magistrat ließ durch die Baukommiffion die Sache untersuchen Diese nahm zugleich auch die Kellerräume in Augenschein. Sie macht den Vorschlag, an der einen Seit- des Schul­hofes das Pflaster in Länge von 59 Metern um 2 Meter zu verbreitern. Zugleich regte die Kommission an, daß der Kellerpächter, Herr Schmitt, 250 Mk. statt des bisherigen Pachtzinses von 100 Mk zahlt. Her, Schmitt erklärte sich mit der Erhöhung des Pacht­zinses einverstanden. Von diesen Vorschlägen nahm der Magistrat Kenntnis. Die Kommission stellt daher den Antrag, die 100 Quadratmeter Neupflasterung zu genehmigen. Die Kosten stellen sich auf 250 Mk. Herr S i n g er stellt fest, daß durch den Antrag der Kom­mission das Prinzip, den Schulhof nicht zu pflastern, durchbrochen wird. Der pflasterfreie Platz wird im­mer fleiner. Und schließlich kommt man nicht mit diesem gepflasterten Streifen aus, da die Wagen doch wenden müssen. Der Zustand des Schulhofes ist im Ganzen schlecht. Herr Kircher erwidert, die Kom­mission habe die von Herm Singer gerügten Mängel des Schulhofes nicht gefunden. Zudem lasse der Ma­gistrat jetzt mit einer Deckungsart an einer anderen Stelle Versuche anstellen. Wenn sich diese bewähre, komme sie für den Schulhof in Betracht- Zu beachten ist auch, daß durch die Neuordnung 150 Mk. jährlich mehr einkommen Nach kurzer, unerheblicher Debatte wird der Punkt genehmigt.

4. Bewilligung der Mittel für Herstellung einer Rinne zur Ableitung des Wassers vom Hydranten am Zieherserweg. Es handelt sich um den Hydranten an der Möbelfabrik von Ziegler und Ernst Kramer. Es liegt eine Beschwerde des Herm Oberamtmanns Sunt- heim vor, über den Abfluß des Spülwassers, die vom Magistrat als gerechtfertigt anerkannt wurde. Herr Ziegler hat sich nun auf Wiederruf bereit erllärt, eine Rinne durch sein Grundstück pflastern zu lassen, wofür 130Mk. gefordert werden Die Kosten sollen durch die laufenden Betriebsüberschüsse von 1909 gedeckt wer­den. Nach kurzer Debatte wird der Antrag genehmigt.

5. Feststellung des Planes und Kostennachweises für Herstellung des Bürgersteiges am Wiesenmühlen­weg vom Abtstor bis zur Straße „Am Rosengarten" und Heranziehung der Anlieger zu Beiträgen. Die Pflasterung umfaßt 102,31 Quadratmeter. Die Ko-

* Hanau, 27. Juni 1910. Bei der hiesigen Simultanschule ist die Stelle eines katholischen Lehrers zu besetzen. Die Ortszulagen betragen bis 600 Mark. Bewerber wollen ihre beglaubigten Zeugnisabschriften nebst Annahmeerklärung bis zum 1. Juli d. Js. an den Stadtschulinspektor Hahne senden.

* AuS der Diözese Limburg, 27. Juni 1910. Gestern wurde von allen Kanzeln der Diözese Limburg eine Bischöfliche Verordnung verlesen, durch welche für die ganze Diözese auf de» Peler-Paulstag (29. Juni) eine Sühne- and acht angeordnet wird, wegen der frevel- hasten Beschimpfungen welche der freireligiöse Prediger Welker öffenllich auf das Altarssakra- ment häufen durfte, ohne daß diese unerhörlen Lästerungen vor dem weltlichen Gericht die ver- diente Ahndung und Sühne finden konnten. (Die Wiesbadener Strafkammer hat bekanntlich iene groben vollständig vom Zaun gebrochenen Beschimpfungen des katholischen Klerus straflos gelaffen unter der eigentümlichen Begründung, daß Welker ein Fanatiker sei, auf den alles Katholische wirke, wie das bekannte rote Tuch auf ein gewisses Tier.)

stcn werden auf die Anlieger verteilt und betragen insgesamt 703,89 Mk., sodaß der Quadratmeter auf 6,88 Mk. zu stehen kommt. Der Antrag der Kommis­sion wird genehmigt.

6. Etatsüöerschreitungen beim Gaswerk. Dit Etaisüberschreitungen betragen 5902 Mk. für die Be­schaffung von Gasmessern, 8927 M. auf das Magazin- konto. Der^lieferent, Herr S u n k e l, meint, an die­len beiden Stellen seien zu geringe Summen in den Etat eingestellt worden. Die Mehrbeschasfung von Gasmessern habe wegen der zahlreicheren Anschlüsse erfolgen müssen, sei also im Interesse des Gaswerks zu begrüßen, ebenso verhalte es sich beim Magazin- konto. Auf Anfrage des Herrn K t r ch er teilt Herr Gaswerksdirektor Mewes mit, daß noch über 800 Eigentumsmesser neben 1606 Mietmessern in Benutz­ung seien, man könne ihre Entfernung nicht auf einmal durchführen. Auch Herr Sunkel betont, solange die Eigentumsmeffer noch gut seien, werde man sie selbstverständlich nicht durch Mietmesser ersetzen. Aus eine weitere Anfrage des Hrn. Kircher führt Herr Gaswerksdirektor Mewes aus, die mehr aufgestellten Messer seien verlangt worden, man habe sie selbstver- ständlich aufftellen müssen, man könne doch die Mieter nicht abweisen und sagen, der Etat sieht keine Mittel mehr für Messer vor Es seien aufgestellt worden 175 Lichtgasmesser, 204 Heizgasmesser und 12 Kraftgas- niesser ohne die Automaten. Auch Herr Kapp weist darauf hin, daß die 5000 Mk. Ausgabe für die Gas- mcsser ein indirektes Geschäft der Gasanstalt, die doch ein produktives Nnternehmen seien, indem sie einen Mehrabsatz von Gas ermöglichten. Unklar ist ihm wie die Mehrforderung von fast 9000 Mk im Magazin^ konto entstehen könne, da doch jeder einzelne Posten bewilligt werde. Herr Gaswerksdirektor MeweS erklärt, die Ausgabe ist nur scheinbar, wir brauchen für die neuen Anschlußleitungen Materialien, die Be- trage dafür sind keine wirkliche Ueberschreitung, son­dern erscheinen nur etatstechnisch als Ausgabe. Nach-

-<oc$ .^Ierr ®r- Schulte ausgeführt, daß man sich über die Mehrausgabe für die Gasmesser nicht brauche aufzuregen, da sie ja doch gut verzinst würden, meiden die Etatsüberfchreitunge» genehmigt-

7. Löschungs- und Freigabe-Urkunden finden auf Antrag des Referenten Herrn S i n g e r die erbetene Zustimmung.

Ztadlverordneten-Versammlung.

A Fulda, 28. Juni 1910.

An der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung nahmen 17 Mitglieder des Kollegiums, owie die Herren Gas- und Wasserwerksdirektor Me- w e s und Stadtprobator 23 o h l g e m u th teil. Der Magistrat war durch den Herrn ersten Beigeordneten Müller vertreten. Den Vorsitz führte Herr stellver­tretender Stadtverordnetenvorsteher Fritz.

1. Mitteilung von Eingängen. Ein Schreiben des Herrn Oberrcalschuldirektors Machens, in dem dieser ür die Gleichstellung der Lehrer an der Oberrealschule mir denen der Kgl Anstalten den besten Dank des Lehrerkollegiums ausspricht, wird zur Kenntnis ge­nommen.

2. Prüfung und Feststellung der Schlachthofbau­rechnung. Herr Beigeordneter Müller teilt mit daß der Magistrat die Vorlage zur nochmaligen Prü- nng zurückgezogen hat.

3 Bewilligung der Mittel für Pflasterung einer Fahrbahn im Schulhof der Stadtschule. Namens des Bauausschusses referierte Herr Kircher: Der Zu- iand des Schulhofes hat schon mehrfach Veranlassung zur Klage gegeben. Auch durch das Fuhrwerk des Kellerpachiers im Stadtschulaebäude wird der Schul­

Ansland.

* Die Trennung von Kirche und Staat im Kanton Basel hat der schweizerische Nationalrat einstimmig genehmigt. Der Ständeratsbeschluß über diese Ver­fassungsänderung war schon vor längerer Z«t er­folgt.

* Revolutionäre Kundgebungen veranflal- leten die spanischen radikalen Republik in Bil­bao. Als die Polizei einschrilt, bewarfen die Ruhestörer die Beamten mit Steinen und ver­wundeten einen von ihnen. Darauf drangen sie in den Klub der Carlisten ein. In dem darauf folgenden Tumulte wurde eine Person getötet und sieben schwer verletzt. Die Ruhe wurde erst durch das Einschreiten des Gouverneurs wieder herge- stellt, der den Manifestanten gestattete, ihren Weg frei zu gehen.

* Zn einer neuen Note der Kretaschuhmächte an die Pforte wird die Absicht betont, die Souveränitäts­rechte des Suttans zu wahren. Die Schutzmächte fordern daher die ottomauische Regierung auf, wirksame Maßnahmen zu treffen, damit der Er- regung im Lande ein Ende gesetzt werde. Wenn die türkische Regierung glaube, daß di» Zeit zur Bestimmung eines definitiven Regimes auf Kreta gekommen sei, so erklär n die Schutzmächte, daß die Erörterungen hierüber nur unter Beteili-

Deutscher Reich.

? Berlin, 27. Juni 1910. Dem Staatsminister äon Moltke ist nach einstimmigem Beschluß der städtischen Körperschaften das Ehrenbürgerrecht der Stadt Tilsit verliehen worden. — Im Wahlkreise Potsd^m-Ofthavelland ist für den konser-

8. Kenntnisgabe eines Schreibens der Handwerks­kammer. Die Verlesung wird auf Antrag des Herrn F r i tz, der den Vorsitz der Versammlung führt, ver- tagt, weck er selbst an der Sache beteiligt sei. Herr Kapp schlagt vor, die Sache durch Zirkulation des schreibens zu erledigen. Dem widerspricht Herr Fritzi Es werde durch Verlesen die Sache rascher beendet.

9. Vorschläge der Kommission: „Aenderung de« Emquartlerungsstatuts." Eine besondere Kommission hat eine neue Ordnung für die Verteilung der Ein- quartierungslasten ausgearbeitet, die den Herren Stadtverordneten vockiegt. Namens der Kommission referiert Herr Singer: Die Kommission hat in 42 »mbten von der Größe Fuldas angefragt, wie dort öie Unterbringung der Truppen gehandhabt wird Alle Anfragen sind beanttvortet worden. Auf Grund die­ser Eingänge hat die Kommission die vorliegende Ord­nung ausgestellt. Eine Anzahl obiger 42 Städte hat besondere Einauariiemugskommisflonen, andere regeln die Einquartierung direkt durch den Stadtvorstand Mehrere Städte ziehen nur die Hausbesitzer zu den La­ien heran; andere die Mieter und Hmisbesttzer zu glei­chen Teilen, wieder andere belasten die Mieter beson- ders Die Sondereinschätzung ist in dem neuen Statut bieielbe geblieben wie ehedem, die Lasten werden wie bisher zwischen Hausbcsthern und Mietern geteilt, auch nad, dem Miet- besonders Nutzungswert der Woh- nimg und nach dem Einkommen auferlegt. Schwächere schultem sollen geschont, leistungssähigere schärfer her- ongegogen werden. Neu ist die Einführung einer Ein- guartierungiiotnmifiten. — Die Versammlung tritt zu­nächst in eine allgemeine Diskussion der Angelegenheit

Aus Rirche und Schule.

ch Eucharistisches Triduum — Frauenberg. Der Frauenberg, der schon so manchen Strahl von Licht und Wärme ausgeströmt hat, sieht wieder einmal drei wechevollen, in den Glanz der eucharistischen Sonne gehüllten Tagen entgegen. Er veranstaltet vom 30 Juni (abends) bis zum 3. Juli unter den Segens- Wünschen des Hochwürdigsten Herrn Bischofs von Fulda eiv eucharistisches Triduum. Diese imposante und eigenartige Feier ist nichts Neues; geht doch wie Frühlingshauch ein frischer Zug, die eucharistische Bewegung, durch die Welt. Kein Geringerer als der oberste Hirte in Rom. Pius X., begünstigt ihn und will ihn. Große Ausgaben, Gottes Majestät und allerbarmender Huld, dem Men­schenherzen und der armen, sündigen Welt angepasst, will d>e Bewegung, will auch das Triduum lösen: die christlichen Völker sollen mehr und mehr inne wer­den und fühlen, daß die wuuderhcrrliche Altarblume in dreifachem Blötterring, d. h. die hl. Eucharistie in ihrer dreifachen Erscheinung, ihr Miitelpunlt und Magnet, ibr Eins und Alles fein soll Deshalb muß die Andacht und Hingebung an das hochheilige Sak­rament in den Herzen mizündet werden und zur tat- krästigen Aeußerung gelangen Dementsprechend wird in den Predigten, die allein das heiligste Altarssakra­ment besprechen, das Volk mit den Frühlingsseg- mtngen der öfteren und täglichen Kommunion vor allem vertraut gemacht werden. Endlich will das Triduum ein feierlicher und öffentlicher Protest fein gegen den Unglauben, dec gerade in unseren Tagen das Liebste und Teuerste, das das katholische Volk fein eigen nennt, bespöttelt und schmäht, und gegen die Gleichgültigkeit und den Kaltsinn so mancher Ka­tholiken gegen das heiligste Sakrament. Es ist nicht nötig, das katholische Volk der Bonifaiiusstadt Fulda und Die wackc-eu Lev le vom Lande und in den Bergen zur eucharistischen P-^eriahrt auszumimtern. Die teuren und wertvollen Ziele des hvchftlerlichen Tri- dnums tragen Aufmunterung und Einladung in sich selbst. Die Tertiären werden es vor allem freudig be­grüßen, ihre Liebe zum heiligsten Sakrament, jenes Erbgut ihres Vaters, M Sermcks der Liebe zeigen zu können. Und die Mönncc der drei Bruderschaften in der Klosterkirche mögen besonders zu den Morgen- und Abendpredigten wenn irgendwie möglich vollzäh­lig erscheinen.

gung sämtlicher Signatarmächte des Berliner Vertrages beginnen könnten. — Die türkische Presse bezeichnet die Note als einen großen Erfolg des Kabinetts Hakki Bei, weil zum ersten« male die Mächte den Ausdruck Souveränitätsrechte gebraucht und außerdem die definitive Lösung der Kretafrage im Einvernehmen mit Oesterreich-Ungarn und Deutschland in Aussicht gestellt hätten. Die türkisch-griechischen Beziehungen gelten infolge des Boykotts und des türkischen Protestes gegen die militärischen Verteidigungsmaßregeln Griechenlands für gefährlich gespannt.

* Die Beilegung des griechisch-rumänischen Kon­fliktes ist durch Ermäßigung der rumänischen Forde­rungen dank der italienischen und russischen Ver­mittlung wahrscheinlich.

*Zum Präsidenten von Mexiko wurde Diaz und zum Vizepräsidenten Corral gewählt.

muß der gegenwärtige Reichstag aufgelöst werden! Dieses „bescheidene" Verlangen ist be­kanntlich in der ,Magdeburgischen Zeitung' und anderen nationalliberalen Blättern mit aller Ent­schiedenheit erhoben worden

Warum sollte denn eine vernünftige Regierung den bestehenden Reichstag vor der Zeit anflöfen? Ist Herrn v. Bethmann etwa mit dem Reichstage in Konflikt geraten, der eine Berufung an die Wähler rechtfertigt? Durchaus nicht. Hat der Reichstag sich sonst als arbeitsunfähig erwiesen? Keineswegs. Die einzige Aenderung, die sich ein­gestellt hat, ist die: daß die nationalliberale Partei, die früher als „Kern des Blocks* den Ausschlag gab, jetzt nicht mehr das Zünglein an der Wage bildet. Zu Ehren dieser „Kern- und Kronenpartei" soll und muß der Reichskanzler den Reichstag auf­lösen, — auch wenn er verursacht, daß der neue Reichstag für die Erledigung der Reichsgeschäfte weniger geeignet sein würde, als der bestehende. Wie "das Reich bei den Neuwahlen fährt, ist Neben- fache; es kommt nur darauf an, daß die national­liberale Partei Gelegenheit erhält, ihr Mütchen an dem verhaßten „schwarzblauen Block" und dessen angeblichen Gönnern zu kühlen.

Bei allgemeinen Neuwahlen werden sich dutzend­fach oder gar schockweise die sozialdemokratischen Stichwahlsiege L la Usedom-Wollin und Friedberg- Büdingen wiederholen. Das macht aber der natio- nalliberalen Parteikorrespondenz keine Kopsschmerzen. Sie hat nämlich das einzig richtige und wirksame Mittel zur Sammlung aller bürgerlichen Stimmen gegen die Sozialdemokratie entdeckt. Wo der sozial­demokratische Kandidat in die Stichwahl kommen kann, da muß man sich von vornherein auf einen nationalliberalen Kandidaten einigen. Für ein Mitglied dieser herrlichen Mittelpartei können und müssen, — so belehrt uns die besorgte Korre­spondenz — alle anderen Parteien stimmen, sowohl die Fortschrittler als die Konservativen, da letztere doch die vorzügliche Pflege der Landwirtschaft durch sie Allerweltspartei anerkennen muß. Es ist die selbstverständliche Pflicht und Schuldigkeit der Rechtsparteien, für einen Nationalliberalen zu stimmen; aber daß die Nationalliberalen für einen Konservativen in der Stichwahl gegen den Umstürzler einträten, das kann „natür­lich" kein Mensch verlangen! Das „deutsche Volk" will von allen rechtsstehenden Elementen nichts wissen, namentlich wegen der „unnatürlichen Koa­lition" mit dem Zentrum. — Angesichts solcher Ausführungen braucht man die Frage, ob in der Stichwahl mit dem Sozialdemokraten ein Zentrums­kandidat auf liberale Hilfe zu rechnen hätte, erst gar nicht zu stellen. Das ist eben das „natürliche" Recht des allein maßgebenden Liberalismus, daß er Wahlhilfe fordert, aber nicht gibt. Gegen- seittakeit läßt der Größenwahn nicht gelten."

Wie kuriert man da? krankhaft gesteigerte Selbst- bewußtfein? Zureden Hilst nicht; man muß den Leuten zeigen, daß e8 a u ch o hne sie und gegen sie geht.

vativen Abg. Pauli, der nach Ablauf seines Man­dats nicht mehr kandidieren wird, der preußische Landtagsabg. Lüdicke aufgestellt worden.

+ Von einem Kompromiß über die Reichsvcr- ficherungsordmmg glaubt der ,Tag" Mitteilung machen zu können. Danach hätten in den letzten Tagen zwischen Mitgliedern der konservativen Partei und des Zentrums vertrauliche Besprechungen stattgefunden, die voraussehen ließen, daß Zentrum und Rechte in der zweiten Lesung der Kommission zu einer Einigung unter sich und mit der Regierung kommen werden, und daß das Ergebnis die An­nahme der Regierungsvorlage mit einigen nicht erheblichen Aenderungen fein dürste. Insbe­sondere sollen die in der ersten Lesung gestrichenen Versicherungsämter, auf die seitens der Regierung entscheidender Wert gelegt wird, in der zweiten Lesung angenommen werden, wogegen die Regierung sich zu einigen Zugeständnissen, insbesondere hinsichtlich der Regelung der Beiträge für die Krankenkassen, verstehen würde.

* Zum Schutze der deutschen Automatenindujtri: hat der Bundesrat soeben münzpolizeiliche Vor­schriften beschlossen. Bekanntlich, werden an den 10 Pfennig-Automaten zahlreiche Betrügereien durch Einwerfen wertloser Stücke verübt. Hierfür werden überwiegend Marken verwendet, wie sie als Spiel«, Bier- und sonstige Marken im Gebrauch sind. Um deren Verwendung zum Einwurf in Automaten zu verhindern, sollen in Zukunft solche Warfen unö minderwertige Medaillen nicht mehr in der Größe von 20—22 Millimetern hergestellt werden. Um jedoch der Industrie Zeit zu lassen, sich aus die veränderte Prägung einzurichten, soll die Bestim mung des Bundesrates erst am 1. April 19.12 in Kraft treten. — Es wird fernerhin verboten, außer Kurs gesetzte Münzen herzustellen und zu vertreiben. Ausgenommen' sind jedoch solche Münzen, die für industrielle Zwecke in fester metallischer Verbindung mit anderen Gegenständen stehen, wie z. P. bei Schmucksachen, Talerhumpen nfro. — Schließlich dürfen runde Medaillen nicht mehr das Bild des Kaisers ober eines Bunde-sürsten tragen und nicht mehr mit einer Rundschrift versehen werden.

* Kein neuer Eulenburg-Prozeß. Die An­gaben, daß Fürst Eulenburg wieder verhandlungs­fähig sei und daß die Staatsanwaltschaft, um einer parlamentarischen Interpellation aus dem Wege zu gehen, den Prozeß im September wie­der aufnehmen werde, sind unbegründet. Laut Mitteilung der „Nordd. Allg. Zig." ist der Fürst auf Beranlaffimg der Staatsanwaltschaft im April und Mai dS. Js. untersucht worden, und zwar auch mittels Röntgenstrahlen und Orlho- diagraph. Die Untersuchungen Haber erneut er­geben, daß der Fürst nicht verhandlungsfähig ist und sein Leiden (Arterioftlero'e und Herzver­größerung) fortbesteht. Die Staatsanwaltschaft ist daher außer Stande, die Anberaumung eines neuen Berhandflingstermins zu beantragen.

+ Früchte der Enzyklikahetze. Dem ,B. 8.-A? wird aus Wilhelmshaven gemeldet: Die städti­schen Kollegien lehnten die Beteiligung an der Feier zum ersten Spatenstich für die katholische Kirche in­folge der päpstlichen Auslaffungen ab. Aus Chem­nitz wird dem genannten Blatte berichtet: Die Ge- meindeverwaltung in Olbernhau beschloß, der katholischen Gemeinde den Rathaussaal nicht mehr für kirchliche Zwecke zur Verfügung zu stellen, falls noch einmal Zwischenfälle von der Art der Enzyk- lika vor kommen sollten. — Solche Beschlüsse sollen wohl dem konfessionellen Frieden dienen?

* Karlsruhe, 27. Juni 1910. In der Zweiten Kammer zog heute der Eisenbahnminister v. Mar­schall die Vorlage betr. das Murgtalkraftwerk zurück, nachdem die erste Teilforderung von der Kommission abgelehnt worden war.

* Kiel, 27. Juni 1910. Der Kaiser empfing heute vormittag den Besuch des Großherzogs von Oldenburg und dessen Kindern. Hierauf nahm der Kaiser die Vorstellung einiger französischen Herren durch den französischen Botschafter Cambon entgegen. Später empfing der Kaiser den Staats- sekretär Derndurg zur Abmeldung.

* Primkenau, 27. Juli 1910. Unter all- gemeiner Teilnahme der Bevölkerung fand heule ' nachmittag im Beisein der Kaiserin und anderer fürstlicher Trauergäste die Beisetzung der Prinzessin Feodora statt.

□ Der Größenwahn des Liberalismus.

Nur Lumpen seien bescheiden, sagt der Dichter. Aber zwischen dem soliden Selbstbewußtsein eines tüchtigen Mannes und der Selbstüberhebung eines aufgeblasenen Strebers ist doch ein großer Unter­schied. Der Liberalismus gibt uns neuerdings Proben von einer Unbescheidenheit, die „nicht mehr schön" ist.

Auf den jüngsten Ministerwechsel folgte die fulminante Kriegserklärung der parteiamtlichen „Nationalliberalm Korrespondenz". Die Entrüstung beruht auf der Ansicht, daß bei der Berufung zweier neuen Männer in das Ministerium mindestens einer davon aus den Reihen der eingeschriebenen National- liberalen entnommen werden muß. Ein halber Gesinnungsgenosse wie Herr v. Schorlemer genügt den Herren „von Bildung und Besitz' noch nicht, auch wenn er einen Drittetungsantrag zum Zwecke nationalliberaler Wahlsiege gestellt und die zentrnms- feindliche „Deutsche Vereinigung" gegründet hat. Herr v. Bethmann hat es gewagt, einen tüchtigen Verwaltungsbeamten und persöntichen Freund zum Minister des Inneren zu machen, ohne erst die Nationalliberalen zu fragen und ohne an der Zugehörigkeit des Mannes zur konservativen Partei Anstoß zu nehmen. Also nieder mit Bethrnann- Hollweg!

Kaum hatte die „Nationalliberale Korrespondenz" die Absage des maßgebenden Liberalismus veröffent­licht, da tauchten in der liberalen Presse die „zuver­lässigen Nachrichten" von dem bevorstehenden Rücktritt des Herrn v. Bethmann-Hollweg auf. Diesen „Nachrichten" lag nichts weiter zu gründe, als die Ansicht: „Ein Reichskanzler und SJtiuifter» Präsident kann sich nicht mehr hatten, wenn der Liberalismus ihm den Krieg erklärt hat. Es ist doch selbstverständlich, daß der Moi arch einen so ge­ächteten Menschen baldigst in die Wüste schickt."

Die „bescheidene" Forderung der Entlassung des unliebsamen Herrn v. Bethmann harrt noch ihrer Erledigung. Inzwischen hat aber der liberale Größenwahn noch eine weitere Blüte getrieben. Im gegenwärtigen Reichstag — man sollte es kaum glauben — gibt es Leute, die gelegentlich eine Mehrheit zu bilden wagen, ohne die nationalliberale Partei zuzuziehen. Daß darf doch nicht fein l Daher