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30144-

HloMtng kn 27. Juni (910.

57. Jahrgang.

* fuldaer W Leitung *

2. Blatt.

vrnck und Verlag der Zuldaer AetlendrnSerei in Zulda.

+ Der nächste Reichstags- Wahlkampf

toirb — darauf deuten alle Anzeichen hin — an er­bitterter Heftigkeit alle seine Vorgänger übertreffen.

Die innere Ursache ist in den Folgen der dlocktmrr- schast zu suchen, und man wird das Wort gebrauchen dürfen. daß nach dem Rausch der Blockwahlen tm näch­sten Jahre die K atz enj am m erw ah len stattfin- den werden.

Die gegenwärtige innerpolitische (Situation ist so unbefriedigend wie nur möglich, sowohl für die Par- ieien _ abgesehen natürlich von der grundsätzlich oppositionellen Demokratie beider Richtungen — wie ganz besonders für die Regierung. Die starke bür­gerliche Mehrheit, die die großen Gesetzge­bungswerke des bürgerlichen Gesetzbuchs, des Flotten­gesetzes und des Zolltarifs zustande gebracht hat, hat der letzte Reichskanzler leichtsinnig gebrochen, man kann sich wirklich nicht wundern, daß über dieses „Ver­dienst" des Fürsten Bülow heute an den leitenden Regierungsstellen Urteile gefällt werden, die alles an­dere als schmeichelhaft sind. Das künstliche Zwitter­produkt des 1907 geschaffenen Blocks ging an seiner eigenen Unnatur ttäglich zugrunde. Die Mehrheit, die das große Werk der Reichsfinanzreform zu einem glück­lichen Ende geführt hat. steht nummerisch hinter dem Bülow-Block nicht zurück, ist innerlich durchaus ge­festigt und lebenskräftig, aber sie ist noch nicht im Kampfe erprobt, sie muß erst in den Entscheidungen der nächsten Wahlen gewissermaßen den Beweis ihrer Existenzberechtigung erbringen

Die Versuche, die alte Mehrheit aus Rechte, Zentrum und Nationalliberalen, wie sie bis 1906 be­stand, wieder zusammenzuführen, sind erfolglos gewesen bezw. hoben die Spannung zwischen den Rechtsparteien und den Linksparteien noch verschärft. Darf erwartet werden, daß ein neuer Versuch für den bevorstehenden Wahlkampf einen besseren Erfolg haben werde? Die Hoffnung ist gering. Der „Zug nach links" in der nationalliberalen Partei, den die Tat­sachen so klar bezeugen, daß keine Schönrederei der fraktionellen Presse darüber hinwegtäuschen kann, scheint unaufhaltbar. Der Jungliberalismus träumt von der großen liberalen Partei, er folgt dem links­liberalen Schlagwort von dem „Kampfe gegen die Reaktion", und er kann für sich in Anspruch nehmen, daß seine Haltung nur der Stellungnahme entspricht, die die Fraktionen im Reichstage und im Landtage im Laufe des letzten Jahres eingenommen haben. Die eiserne Konsequenz der Geschehnisse treibt die natio­nalliberale Partei an die Seite der oppositionellen Linken. Dazu kommt, daß der Nationalliberalismus im Interesse seiner Selbsterhaltung auf den Zusam­menhalt mit der Linken angewiesen ist. Nein sachlich betrachtet ist für keine Partei die Situation so schlecht wie für die Nationalliberalen, ihre Politik der Zweideutigkeit und Unwahrhastigkeit, die sie bei der Finanzreform wie bei der Wahlreform und wie jetzt auch in dem Enzvklikastreite bewiesen, mußte sie in die Gefahr bringen, sowohl von recht wie von links im Stich gelassen zu werden.

Rach allem ist zu sagen, daß bet nächste Reichs­tagswahlkampf bte Grundlage der Erneuerung Der alten bürgerlichen Mehrheit nicht werden wird. Die erste Bedingung müßte die sein, daß die Nationastibe­ralm darauf verzichteten, die Agitationsmittel der Steuerhetze und der Wahlrechtshehe rote auch der En- zystikahetze gegen die Konservativen und uns zu ver­wenden Wer aber ist so stark, darauf zu hoffen? In einem Artikel des „Tag" über die politische Wirkung der Borromäus-Enzhklika regt Freiherr v. Zedlitz an, die Wahlkampfaussichten dadurch zu verbessern, daß eine Frage aufgeworfen werde, „durch welche das Na- tionalbewußtfcin kräftig angeregt würde." Alsdann

meint er, würde nicht bloß die Enzyklika, sondern auch Finanz- und Wahlreform einen guten Teil ihrer Wir­kung oerfieren, und es könnten sich die Wahlen unter ganz anderen Verhältnissen und mit ganz anderen Wahlaussichten vollziehen, als nach der jetzigen Lage der Dinge anzunehmen sei. Was der Vorschlag des Herrn v Zedlitz bedeutet, ist klar. Ec möchte „Na­tion al e" Forderungen, Heeres- und vielleicht noch Marineforderungen zur Parole für die nächsten Reichstagswahlen machen. Ganz abgesehen zunächst davon, daß es mehr als zweifelhaft ist, cb eine der­artige Wahlparole den Erfolg zeitigen würde, den Herr v. Zedlitz von ihr erwartet, nämlich die Rückkehr der Nationalilbcralen zur alten Mehrheit, — auf eine Ausschaltung des Zentrums hofft doch auch er jetzt wohl nicht mehr — müßten wir sie auch grundsätzlich für verkehrt halten. Es ist nicht richtig, durch künst­liche Mache sich eine Mehrheit verschaffen zu wollen Die Spuren bet Bülowschen Blockpolitik sollten auch die verbündeten Regierungen schwächen. Nie ist eine Wahl mit mehr „nationalem" Eifer gemacht worden und nie hat ein Reichstag in der wichtigsten nationalen Angelegenheit derart kläglich versagt.

Eine Regierung, die sich auf künstl ich e M e h r- hetten stützen muß, ist von vornherein ver­raten. Sie hat deshalb das allergrößte Interesse daran, über eine Mehrheit zu verfügen, die sowohl ar­beitswillig wie genügend leistungsfähig ist, und diese Leistungsfähigkeit kann nur in der Gemeinsamkeit der grundsätzlichen Stellungnahme zu den wichtigen Fra­gen begründet fein. Damit ist für die Rechtspar­teien und das Zentrum die hohe Bedeutung der nächsten Reichstags wählen klar bezeichnet. Sie ha­ben die Aufgabe und die Pflicht gegenüber dem Lande, ihre Position ; u erhalten und womöglich zustärken. Kein Opfer und keine Anstrengung darf zu groß fein, das Ziel ist die Verhinderung einer libe­ral- sozialistischen Mehrheit. Gelingt es den Rechts­parteien nicht, die Mehrheit zu behaupten, so tragen sie selbst die Schuld daran, wenn ihnen jeder Einfluß und jede Macht entrissen wird.

Noch in keinem Wahlkampfe seit Bestehen des Reichs handelte es sich um so schwerwiegende Entschei­dungen. Die Gegner sind zahlreich und gerüstet. Der Kampf wird schwer fein, der Sieg um so schöner und bedeutungsvoller.

[] Militärische Phantasien.

Eine interessante Lektüre bilden jetzt die sonst so trockenen militärischen Fachblätter sowie der meistens nicht minder eintönige Teil, den viele Tageszeitungen infolge der Schreibseligkeit vieler früheren Offiziere einzurichten für gut befunden haben. Dort werden nämlich jetzt Waffen geschmiedet, mit denen man dem deutschen Volle die nächste Militär Vorlage mundgerecht zu machen versucht. Man sieht wohl ein, daß man eine recht schwere Arbeit zu bewältigen habe" wird. Daher setzt man sich frühzeitig hin. Da man vorläufig noch nicht auf das Interesse der breiten Masse des Volkes rechnen kann, ist man offener, als das vielleicht gut ist, und das ist gerade das Inter­essante.

Von einer Begründung der neuen Millionenfor­derungen wegen eines drohenden Feindes kann natür­lich kein Rede sein. Rußland liegt darnieder und Frankreich kann seine Regimenter nicht vollzälstig hal­ten, weil längst kein genügender Ersatz mehr da ist. Außerdem steht unser „glänzender Sekundant", Oester­reich, gegenwärtig infolge der zielsicheren Politik seines Leiters der auswärtigen Angelegenheiten, Barons v Aehrental, weit stärker da als seit Jahrzehnten. Also muß eine andere Parole ausgeoeben werden, und die lautet dahin: Das Heer sei ein Erziehungs­institut für das Volk. In dieser Hinsicht

leisten sich die ü6erbegeifterten Vorkämpfer bet Heeres- vermehrung die sonderbarsten Gedankenverrenkungen. Der eine fabelt von der Hebung der persönlichen Tüch­tigkeit, der andere preist gar den Krieg als das Allheil­mittel gegen alle Leiden der Völker.

Es ist wahr, daß die turnerische Betätigung beim Militär den Menschen kräftiger und gewandter macht, aber das tut das Turnen in den Turnvereinen, die heute auch in den kleinsten Orten zu finden sind, ebenso gut. Es ist anzuerkennen, daß die Hebungen im Schix-, ben usw. auf die Selbstbeherrschung und damit au ’ den Charakter des Menschen einen erfreulichen Ein­fluß ausüben. Aber denselben Einfluß vermögen auch die Schützenvereine zu erzielen. Was da von einer erfreulichen Hebung der Selbstzucht durch den militärischen Drill gesagt wird, wird allerdings nicht jedermann unterschreiben, zumal unser wachsendes kapitalistisches Wirtschaftssystem immer mehr Leute in dauernde Abhängigkeit bringt und ihnen damit Zwang genug auferlegt. Die Erfahrungen, die man in Län­dern ohne allgemeine Wehrpflicht, in England, in den Vereinigten Staaten besonders gemacht hat, haben nicht erkennen lassen, daß das Fehlen der „Volkserzieh­ung" durch das Militär von Nachteil sei. Jedenfalls kann der Verlust der Lebens- und Berufsarbeit wäh­rend der Militärzeit nicht entfernt durch derartige Er­ziehungsvorteile ausgewogen werden.

Als Hauptsache glaubt man die Erziehung des Volkes als Masse ansehen zu müssen. So leistet sich der militärische Mitarbeiter der alldeutschen „Rheinisch- Westfälischen Zeitung" einen Erguß, der direkt komisch wirkt. Da wird der Krieg als „Heilmittel der Zeit­gebrechen" gepriesen und dann werden folgende Al­bernheiten verzapft:

Wenn es gilt, für hohe, heilige, nationale Ziele und Aufgaben einzutreten, im Ernst der Stunde mit dem Schwerte in der Hand, dann freilich tritt mit einem Schlage an Stelle von Kriecherei, Günstlings­wirtschaft und feilem Schranzentum die Heldenhaftig­keit tobbereiter Krieger, Ehrenhaftigkeit, Aufopferungs­fähigkeit, Mui, Treue, Kameradschaft und das Gefühl der Zusammengehörigkeit von Hoch und Niedrig vor dem Fern de stehen im Preise obenan und verruchten alle die niederen Werte, die nach langer Friedensepoche leider als Münze tm Umlaufe sind. Man braucht nur in den Großstädten dem nächtlichen Treiben genaue Beachtung zu schenken, um zu erkennen, daß eine Nation, die unmittelbar vor großen kriegerischen Ent­scheidungen steht, für derartige Dinge weder Zeit hat, noch sie sonderlich hoch schätzt.

Von dem, was das Erwerbsleben, der tägliche Kampf ums Dasein, von jedem einzelnen Menschen an Aufopferungsfreudigkeit verlangt, ist dem Manne, der derartigen Unsinn schreibt, wahrscheinlich nichts bekannt. Dagegen widmet er um so mehr Aufmerk­samkeit dem Gegenteil, dem „nächtlichen Treiben in den Großstädten" (soll heißen: Berlin). Aber daß ene Elemente, die dort ihr Wesen treiben, gerade wegen des großen Geldbeutels ihrer Eltern und des Mangels an einer bestimmten Lebensarbeit zu ihren lockeren Lebensanschauungen gekommen sind, davon scheint er nichts zu wissen. Aus jeden Fall bietet die tägliche harte Erwerbsarbeit mindestens dieselben Er­ziehungswerte wie der Militarismus.

Aus dem Nachbargebiete.

* Hünfeld, 26. Juni 1910. Zur Feier des 600jährizen Stadt-Jubiläums am 21. August ollen morgens von den Zinnen des Rathauses herab einige Choräle geblasen werden; später inben Festgottesdienste in beiden Kirchen statt, alsdann Festakt im Rathause. Mittags folgt Fest­essen und nachmittags Konzert einer Musit-Kapelle, owie Turn- und Kinderipiele auf dem Festplatze. — Am 3. und 4. Juli wird hier das diesjäh­

rige Verbandssest des Kreis'Kriegerverb an­der Hünfeld abgehalten.

□ Maiersbach, 26. Juni 1910. Gestern er«, hängte sich der verheiratete etwa 30 Jahre alte Maurer Christian Bohn hier auf dem Boden seiner Wohnung. Die Ursache soll fein, daß er am Mittwoch ein kleines Anwesen, das zwangs­weise versteigert wurde, kaufte, das ihm, weil die Gebäulichkeiten sehr baufällig sind, zu teuer schien.

0 Gelnhausen, 26. Juni 1910. Im Stationsgebäude der Kohlgrund-Eisenbahn zu NiederSteinbach wurde ein Einbruch verübt und der Billetkasten mit Inhalt mitgenommen. Geld fiel dem Einbrecher nicht in die Hände. — In Brücken stürzte der Knecht des Bäckers Nees, Heinrich Pfarr, vom Scheunengebälk und zog sich schwere Verletzungen zu.

* Frankfurt a. M., 25. Juni 1910. Mit Ly s o.l vergiftete sich in der Leipzigerstraße eine 59jäh- rige Witwe wegen eines unheilbaren Leidens.

* Vom Taunus, 26. Juni 1910. Ein merkwür­diges Vorkommnis beschäftigte das Schöffengericht in Königstein. Dem Lehrer in Eppenhain waren vor einiger Zeit nachts die Fensterscheiben eingeworsen worden, worauf er die Sturm­glocke zog und das ganze Dorf in Aufregung brachte. Gegen einen Strafbefehl der Polizei wegen groben Unfugs legte er Berufung ein, und das Schöffengericht sprach ihn frei, weil ein gewisser Notstand vorgelegen habe, als er die Glocke zog.

* Marburg, 26. Juni 1910. Dem Privat« Dozenten an der philosophischen Fakultät der Universität, Dr. Fries, wurde der Titel Pro­fessor verliehen.

* Wkflbnrg, 26. Juni 1910. Ein hiesiger Ein­wohner verlor im Walde zwischen Leun und Ehringshausen seine Brieftasche mit über 1000 Mark Papiergeld. Am nächsten Tage begab sich Wachtmeister Bachmann mit dem Polizeihund „Thea" in den Wald ans die Suche. Trotz des eingetretenen Regens und des dichten Buschwerks fand der Hund die Brieftasche, die ihren Inhalt noch unversehrt enthielt. Der Verlierer gab dem Beamten einen Fünfzigmarkschein als Belohnung.

* Treffurt (Werra), 26. Juni 1910. Von den hiesigen sechs großen Zigarrenfabriken ar­beiten drei ohne Einschränkung, drei dagegen seit fünf Wochen mit der Hälfte des ArbetterpersonalS. Im Juli dürften diese Feierschichten aufhören.

* Selters (Unterwesterwald), 26. Juni 1910. Der Kassierer der hiesigen Spar- und Darlehnskasse, der anfangs Mai wegen eines großen Fehlbetrages, in seiner Kaffe verhaftet worden war, ist gestern aus der Untersuchungshaft entlassen worden, da die Voruntersuchung nichts ergeben hat, was auf ein strafbares Verschulden des Kassierers hinweist, ; Das Defizit scheint lediglich auf ungeordnete Ver­hältnisse zurückzuführen sein.

Handel und Industrie.

* Berlin, 25. Juni 1910. Die Börse verkehrte in matter Haltung und infolge der weiteren Ver­täuung Rem-Aorts machte sich auf allen Märkten zrößere Verkausslust bemerkbar. Es sanden um» ungleiche Realisationen statt, worunter besonders Schnckert-Aktien litten, die 4,60 einbüßten. Montan­werte büßten ungefähr 1—2 Prozent ein. Bei Banken waren die Verluste geringer Lombarden wichen um 0,60 infolge Aufschiebung der Verhand­lungen mit den Obligationsbesitzern. Tägliches Gelb 21/« Prozent, Ultimogeld 5l/t Prozent, Privat­diskont 31 li Prozent.

X Die Motte.

Wir die Hausfrauen zu erzählen wissen, tritt bie Mottenplage in biesem Jahre bei uns wieber in gro­ßem Umfange auf Noch lange werden zerfressene Plüschsofas, Pelzwerk, bas bie Haare verliert unü ähnliche schöne Dinge an diese Plagegeister erinnern!

Wer mm glaubt, daß es ausschließlich der Som­mer sei, in dem bie Motte ihr zerstörendes Unwesen treibt', der irrt sich ganz gewaltig. Es gibt überhaupt keine Jahreszett, in der man sicher vor ihr wäre, und jeder wirb wohl schon bie Bemerkung gemacht haben, daß man auch im Winter nicht allzu selten Motten hemmfiiegen sieht Freilich begünstigt bie wärmere Jahreszett ihre Entstehung unb Vermehrung, unb aus diesem Grunde ist es auch verständlich, warum als Folge bet warmen Witterung bie Motten zahlreicher ftnb. Wenn im Herbst bie Tage wieber kühler wer­den, bann vermindert sich auch bie Zahl bieser so niedlichen unb boch so unangenehmen Schmetter­linge, aber ganz hört, wie erwähnt, ihr Dasein auch im Winter nicht auf.

Schmetterlinge? Der geneigte Leser wirb beim Lesen dieses Wortes ein leises Schütteln des Kopfes nicht zu unterdrücken vermögen! ES ist aber kein Schreib- ober Druckfehler, fonbern bie Motte ist wirk­lich ein Sckmettecking unb zwar entschieden ein sehr hübscher. So klein sie ist, so schön erscheinen ihre Flügel, wenn man ste unter einem Vergrößerengs- glas betrachtet. Ihr Bau ist in bezug auf Eleganz unb Zierlichkeit ber Schönheit ber Flügel ebenbürtig. Diese finb von einem nronberbaren satten Glanze unb dabei von einer matten, weichen Tönung, bie mit

ihrem Schillern an feinste Seide ober an poliertes Edelholz erinnert. Bei vielen Arten weist ber Flü­gel auch noch wunderbare Zeichnungen unb verschie­denartig gefärbte Verästelungen auf.

Schon diese Verschiebenart ber Zeichnung unb ebenso bie bei einigermaßen genauer Beobachtung leicht auffallenben Unterschiede in ber Größe beweisen uns, baß bas, was wir als „M o 11 e" bezeichnen, nicht immer ein unb biefelbe Tierart ist. Man versteht unter Motten vielmehr eine ganze Anzahl von Arten aus ber Familie ber Schmetterlinge, bie in ber Wiffen- fefraft als „Tineibae" bezeichnet werben In ließet* emstmmning hiermit befinben sich bie Lebensgewohn- bei. den verschiedenen Mottenarten ganz ?,»W^"stssd. schon der Ort, ben ste sich für ihre wechselt je nach ber o? ^eiL^e!bet 81 ®- Birnenmotten, Apfel- Pelzmotten, Tapetenmotten, Korkmotten, ja sogar Bienenmotten, Die m den Bienenstöcken gütlich tun unb hm SttHW^ch eine Waffet- ' """ nton- bie teboch streng genommen nicht zu

ben eigentlichen Motten, zu ben „Tiueiden" gehört. Ihre Aufführung ist jedoch genau so verderbenbringend wie die ber eigentlichen Motten, bie in Süddeutsch­land als „Schaben", in Mitteldeutschland, insbeson­dere in Thüringen vielfach als „Würmer" bezeichnet werden; auch bie Bezeichnung „Mabe" ist in einzel­nen Gegenben gebräuchlich.

In biegen Worten liegt ein tiefer Sinn, ber zeigt, baß bas Volk die Tätigkeit ber Motte schon früher ge­nauer beobachtet hat als bie Naturforscher. Eingehen­der beschäftigte sich zuerst mit ber Tätigkeit ber Motten ber berühmte französische Naturforscher Räaumur, ber glaubte, burch systematische Zucht von Motten bie Selbenraupe ersetzen zu können. Unter ben franzö­sischen Königen war um bie Wende des achtzehnten Jahrhunderts, insbesondere durch ben gewaltigen Be­darf des französischen Hofes, ber Verbrauch an Selbe berattig gestiegen, daß man nicht mehr wußte, woher man genug des kostbaren Stoffs schaffen sollte. In Jahren, wo unter ben Seidenwürmern Krankheiten auftraten, war er überhaupt nicht mehr zu bekommen. Allüberall legte man deshalb Seidenzüchtereien und Maulbeerplantagen an. Infolge einer Epidemie unter ben Seidenraupen probierte es Röaumur einmal mit ben Motten Das, was et über ihre Tätigkeit bei sei­nen Versuchen beobachtete, war aber durch bie Be­zeichnung, bie bas Volk bem hübschen Schmetterling gegeben hatte, eigentlich schon längst vorweg genom­men. Das Wort „Mott" kommt nach ber Ansicht ber* schiebener Sprachforscher von „Mähen", unb bie Be­zeichnung „Schabe" bebeuiet, daß das Tier in ähn­licher Weise arbeitet, wie ein schabendes Instrument, also wie z. B. die Schabeeisen, die der Tischler be­nutzt, um van Möbeln vor bem Aufpolieren bie oberen Schichten abzuschaben. In ber Tat arbeitet die Matte ober vielmehr ihre Larve wie eine Sense auf btm Kvrnfelb ober wie ein schabendes Messer. Sie ent­fernt bei Geweben die über bie Oberfläche hervor­stehenden Wollhaare, so daß bann gewissermaßen der abgemähte oder abgeschabte Boden zurückbleibt. Aus den Wollhaaren arbeitet sie nun ein kunstvolles Ge­spinst, in das sie sich einhüllt und in dem sie wächst. Der Schlafsack, den sie sich so bereitet hat, toirb ihr in dem Maße, wie sie wächst, zu eng, unb sie versteht es, ihn burch geschicktes Ansetzen zu erweitern. Dieses Ansetzen geschieht burch Auftrennen des alten Gesinn­tes unb Ansetzen neuer Stücke, also durch eine sorg- ältige Flickarbeit Rsaumur versuchte sogar, ob man nicht durch die Motte bunte Muster spinnen lassen könne. Er ging hierbei in ber Welse vor, daß er bie Mottenlarven zuerst auf ein rotes Tuchstück legte. Als ie sich hieraus ihren Sack gefertigt hatten, kamen sie auf einen blauen Tuchlappen Sobald das Gehäuse zu eng geworden war, so öffnete die Larve den Sack, mähte oder schabte nun ben blauen Tuchlappen ab

. und setzte aus ben so gewonnenen Fasern ein blaues i Stück in ben roten Sack. Der blau-rote Sack würbe - bann auf ein gelbes Gespinst gelegt usw. usw., unb = zuletzt hatte sich bie Mottenlarve ein buntes Kleid ge* : woben, das mit seinen vielfachen, verschieden gefärbten ■ Flicken aus sah wie ein Narrenkleid!

In ähnlicher Weise verfahren alle Mottenarten und je nach dem Material, das sie sich wählen, ist ihre Tätigkeit für den Menschen mehr ober minber kostspie­lig. Da bie Motte ein Schmetterling ist, so durchläuft sie auch den Werdegang eines solchen. In dem Sack, ben sich bte Larve bereitet hat, verpuppt sie sich, um nach etwa 14 Tagen als ber uns wohlbekannte kleine Schmetterling auszufliegen. Dieser schadet di rett eigentlich nichts mehr, denn unsere Stoffe unb Kleiber finb vor ihm sicher. Aber trotzdem ist auch er ein zu bekämpfender Schädling, da er ja wieder Eier legt, ans denen sich bann bie Larven entwickeln.

Es fragt sich nun, toie man am besten gegen bte Motten vorgeht. An augeprle-' jenen Mitteln ist ja kein Mangel unb manche helfen erfahrungsgemäß wirklich manchmal. Mit ber Er­fahrung allein gibt man sich heutzutage jedoch nicht mehr zufrieden, unb schon lange hat man sich zu her Erkenntnis durchgerungen, baß die richtige, sinnge­mäße und systematische Bekämpfung irgend eines schädlichen Tieres auf Grund genauer Kenntnis seiner Lebensgewohnhelten möglich ist.

Von ben Lebensgewohnheiten -her Motte haben wir nun schon genug kennen gelernt, um daraus eini­ges Nützliche zu entnehmen Ihre Schlafsäcke sind .leicht zu erkennen. Versuchen wir sie zu entfernen, fo werden wir finden, daß sie außerordentlich fest an ihrer Unterlage hasten. Wenn wir mit einer Bürste über einen solchen Sack wegfahren, fo fallt er noch lange nicht ab, und auch beim Klopfen bleibt er viel­fach ruhig hängen. Dieses Verhalten lehrt uns, daß wir die Mottenlarven durch einfaches Klopfen unb Bürsten nicht von den Geweben loszuläsen vermögen, unb baß dieses so beliebte Klopfen und Bürsten nur ein sehr ftaghaster Sckutz ist. Deshalb empfiehlt es sich, die einzelnen Stoffe, Kleider oder Möbel sorg­fältig abzusuchen unb bie aufgefundenen Säckchen mit ben Händen abzureißen. Nur auf diese Welse Ist man sicher, daß man die Schädlinge auch richtig und vor allem gründlich vernichtet. Als Unterstützung ist Klopsen und Bürsten deshalb wertvoll, weil die fer­tige Motte, der Schmetterling, ihre Eier in dieselben Gewebe, ans denen sich die Larve ihren Schlafsack bereitet, legt Diese Eier liegen lockerer unb sollen durch bie Erschütterung beim Klopfen größtenteils heraus. Einzelne freilich, die etwas fester kleben, müs­sen gleichfalls mit den Fingern entfernt werben.

Sind einmal Eier in bie Stoffe gelegt, und haben ffch einmal Larven darauf verpuppt, fo ist man nie

ganz sicher, daß man sie auch alle durch Klopfen, Bür­sten oder Äbsuchen wieber herausbringt, besonders bet Möbeln, an denen sich ja viele unzugängliche und dem Auge verborgene Stellen finden. Deshalb beuge man m der Weise vor, daß man bie Motte daran hindert, überhaupt an die Stoffe heranzukommen Zu diesem Zwecke empfehlen sich große Papiersäcke, in die man bei Beginn ber wärmeren Jahreszeit die gefährdeten Kleiber hineinhängt, sowie die Mottenkiste, eine innen mit Blech ausgeschlagene Kiste, in bie alles, was man nicht braucht, hineingepackt toirb, unb die man dann zunagelt. Sehr gut ist es, ihre Ritzen und Fugen noch mit Zeitungspapier zu verkleben. Möbel werden am besten gleichfalls mit Papier sorgfältig bedeckt, und außerdem müssen noch überall Stoffe angebracht wer­den, deren Geruch die Motte erfahrungsgemäß nicht verträgt. Welch: Stoffe dies ftnb, läßt sich allerdings schwer sagen. Am beliebtesten sind ja Kampfer und Naphthalin. Es gibt nun, wie wir gesehen haben, viele Arten von Motten, und jede dieser Arten hat andere Lebensgewohnheiten. So gibt es denn auch welche, die sich auf Kampfer unb Naphthalin sehr wohl fühlen und sich dicht neben diesen Stoffen vergnügt entpuppen. Wer also ganz sicher gehen will, der streue gleich beides ein mid obendrein noch Insektenpulver, denn dieses hilft ganz besonders gut. Es vertreibt nämlich bie Motte nicht durch feinen Geruch, sondern tötet ste. Das Insektenpulver — aber nur das echte, nicht die vielfachen Verfälschungen — besteht aus den

Plnienstänbchen gewisser Pflanzen, die mit un* enbndjfdjarfen, aber winzig kleinen und nur unter bem Mikroflop erkennbaren Widerhaken versehen sind, yttmet bie Motte biefe Stäubchen ein, so setzen sie sich m ihren Atmungsorganen fest unb bringen dort Ent­zündungen unb Schwellungen hervor, bie zuletzt zum vollständige» Verschluß ber Atmungswege und damit 311m Erstickungstode des Tierchens führen

Wer sich nun noch ein besonderes Vergnügen machen will, her kann auch auf bie Mottenjagb gehen wozu er nicht einmal eine polizeiliche Erlaubnis ober gar einen Jagbschein braucht. Wenn abends bie Lampe brennt unb bie Motte gegen das Licht zu flat* !ern beginnt, bann ist die Zeit für ben Weidmann gekommen. Einer Ausrüstung bedarf cs nicht, nur etwas Geschicklichkeit ist nötig, denn es ist nicht leicht bie unruhig flattembe Motte im Fluge zu erwischen' .lud) bte Zahl des zur Strecke gebrachten Wildes ist 'm Perhälwis ?'-'.m Bestand an Schädlingen meist un* verhältnismäßig klein. Ein gewaltiger Nutzen ist es Äst nicht den der Jäger schafft, aber immerhin ist die Mottenjagb em billiges unb gesundes Vergnügen, unb außerdem schwellt sie in dem erhebenden Bewußt*

bte Brust, daß man dabei etwas für die Mensch* beit getan hat. Und das ist auch etwas wert!