Einzelbild herunterladen
 

M 143.

Samstag den 25. Juni 1910.

37. Jahrgang.

* Maser W Leitung *

2. Blatt.

Druck und Verlag der Fuldaer Actlendruckerel in Fulda.

Kampf gegen dir Reaktion" bereits vollständig zu

im Jahre 1905 war sie bereits auf 30400 ge­sunken. Im allgemeinen ist auch festgestellt, daß, wäh­rend früher die abwandernde jüdische Bevölkerung eine rein proletarische war, jetzt meist der wohlhabende Teil abwandert.

** Straßburg, 21. Juni 1910. Unsere elsässischen Liberalen gebärden sich wieder als die echten Vertei-

Mllch- und Butterwirtschaft nützlich zu machen suchten so wäre für die Lösung der Jrauenfrage ein heilsamer Bettrag geliefert. Zweifelhaft bliebe freilich, ob die Kühe selbst an dem neuen Melksport Gefallen fänden.

Diese Zukunststräume werden sich wohl im laufen­den Jahrhundert noch nicht erfüllen Die Großstädter, welche in den Hundstagen aus ihrer Steinwüste „an den Busen der Natur" flüchten, suchen sich immer solche Stücke der Natur aus, wo eS nicht mehr ganz natürlich zugeht. Sie wollen angeblich ihre Nerven beruhigen, geben aber mit Vorliebe dorthin, wo „etwas los ist", d. h. wo die Nerven aufgepeitscht werden. Und das Gegenstück dazu ist die bedenkliche Neigung vieler ländlicher Vergnügungsreisender, sich auf die Groß­städte zu stürzen und möglichst lange auf dem Asphalt­pflaster ihre „Studien" zu machen — was nicht aü klug gelten kann, da die zweckmäßige Besuchszeit für eine Großstadt der Winter ist.

Wenn ich jetzt die Inserate in den großen Tages- blattem und den Zeitschriften überfliege, so staune ich über die Unmaffe von Kurorten, die sich da anpreisen Es gibt kein- Krankheit, gegen welche nicht ein Bade- oder eine Heilanstalt die allersicherste Abhilfe ver­heißt. Dazu kommen noch die Anpreisungen von zahl- losen neuen Heilmitteln, die unter den verdrehtesten griechisch-lateinischen Namen in der nächsten Apotheke zu haben sind. „Geheimmittcl" sollen es jetzt nicht mehr sein, da die Zusammensetzung des Gesetzes halber angegeben wird; aber als Wundermittel spielen sie ■r auLunb »geheim" bleibt leider meistens der Er- folg. Wenn das alles wahr wäre, was den Ku-^ , und den Heilmitteln nachgerühmt wird, so müßte vd eigentlich gar kein Siechtum und kein Sterben mehr auf Erden geben. Sogar für die modernste und ver­breitetste aller Krankheiten, die Nervenschwäche, findet man auf den Bahnhöfen und an allen möglichen Ecken verschiedene Heilmittel angepriesen. Schade nur daß ne „nervenkranken" Leute, die uns fortwährend so ab­scheuliche Skandalprozesse bescheren, nicht rechtzeitig mit der „Nervenkraft" gefüttert worden sind.'

Wenn dein sachkundiger Arzt dir eine Kur an die- em oder jenem Ott vorschreibt, so mache sie durch. Mer von dem Reklamegeschrei laß dich nicht verlocken. 'Das beste Gesundheitsmittel bleibt immer eine solide vernünftige Lebensführung, welche in allen Dingen das rechte Maß hält, sowohl im Essen und Trinken,

Die Kretafrage steht auf dem alten Fleck. «Die Schutzmächte schieben sie auf die lange Bank. I Inzwischen gewinnt die Vohkottbewegung gegen die I Griechen in der Tüttei immer mehr am Boden. Das I Ende ist nicht abzusehen.

I In derTürkei drohen neue innere Wirren. Die Ermordung des Redatteurs eines oppositionellen Blat­tes, die allgemein auf das jungtürkische Komttee zu- rückgefühtt wird, hat die öffentliche Meinung sehr hef- ttg gegen das jungtüttische Regime aufgebracht. Viel bemerkt wird, daß zwei führende Persönlichkeiten des Komitees Konstanttnopel verlassen haben und ins Ausland gereist sind. Es scheint, daß sie dem Boden unter ihren Füßen nicht mehr recht trauen. So ist die Befürchtung gerechtfertigt, daß sich ein neues po­litisches Unwetter zusammenbraue. Der Haß der oppostttonellen Parteien gegen das Komitee wird im­mer größer und dessen Einfluß immer geringer. Die hervorragendste Persönlichkeit des Landes ist zurzeit der Kriegsminister Mahmud Scheflet Pascha, auf ihn sind die Hoffnungen gerichtet, die eine Befreiung von der Schreckensherrschaft der Jungtütten erwatten.

tismus der Heydebrand von der Lasa und Gesinnungs­genossen unterscheidet, und daß er, der selbst Katholik,

nur dreijähttgem Walten in zwei Weltteilen ins öde Philistettand heimkehtte, hat er mtt einem 0 jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum! ausgenom­men Zuerst war überall eitel Lust und Jubel über die Ernennung des Herrn von Schorlemer zum Minister für Ackerbau und Viehzucht; denn der bis- hettge Oberpräsident der Rheinlande hat sich von Jünglingsbeinen an im Gegensätze zu seinem Vater, dem Zentrumsführer, entwickelt. Der bittere Tropfen im Freudenbecher des Liberalismus war allein der

ralen unstreitig an der Spitze der Verfassungsbewe- gung. Die „Neue Zeitung" benützt die Gelegenheit, um einigen Zentrumsblättern am Zeug zu flicken, weil üe die Verhältniswahl als eine Forderung der elemen­tarsten Gerechtigkeit hinstellen, dieselbe aber gleichwohl für einige Länder ablehnen. Gewiß, theoretisch betrachtet ist dec Proporz das gerechteste Wahlrecht, nur muß er loyixl gemeint sein, das leugnet kein Zentrumsblatt. Aber glaubt die „Neue Zeitung" etwa.

Es ist natütttch ganz unsinnig, den Nattonallibe- ralen die Rolle einer „ausgeschalteten" Pattei zuzu­schreiben, so wie sie tatsächlich dem Zentrum in der Blockära zu gedacht war Weder die Konservattven noch das Zentrum hat den Wunsch und ein Interesse daran, daß die Nattonalliberalen in der Opposition stehen. Das sst ausschließlich ihr eigener freier Wille. Daß eS zugleich eine Dummheit ist, das scheint all-

auS den großen Wotten nur die Verärgemng spttcht, in dem schönen Bunde von Junker und Pfaffen nicht als dttüe ausgenommen worden zu sein", Wotte habe er genug gehött, er möchte endlich Taten sehen.

als in der Arbeit und in der Erholung, vor allem auch in jeder Sötte „Vergnügung".

Wer in der Lage ist, sich im Sommer eine Aus­spannung und Luftveränderung zu leisten, der mag sei­nen Votteil wahrnehnien. Aber wer keine Ferien hat und keine Reise machen kann, der braucht deshalb nicht in Weltschmerz zu verfallen oder sozialdemokratisch zu werden. Es geht auch so, wenn man sich nur daheim die Lebensweise zweckmäßig einrichtet. Die Hauptsache ist. daß man sich während des Winters und des Früh- jabres die Nerven und die sonstigen Körperkräste nicht aus Leichtsinn oder Habgier ruiniert; dann läßt sich das kunstvolle Flickwerk im Hochsommer ganz gut ent­behren. Die Vorbeugung ist und bleibt die allerbeste

Für diejenigen, die eine Sonimerreise zur Erholung unternehmen wollen, möchte ich folgende Ratschläge zur geneigten Erwägung stellen:

1. Streck dich nach der Decke deines Geldbeu­tels. Der Umfang und die Dauer der Fahrt muß so bemessen werden, daß das verfügbare Geld gut ausrttcht Auf der Reife darf man nicht knausern: spare lieber vor der Abfahtt und kehre heim, ehe der letzte Groschen umgedreht roeeben muß. Es ist besser, in aller Behaglichkeit eine kleine und kurze Fahtt zu machen, als sich unter Sorgen und Mühen mit einem ;chlappen Geldbeutel durchzuwinden. Das Hangen und Bangen in schwebender Geldnot mag für einen fahrenden Schüler wohl etträqlich sein; für einen ge­setzten Menschen bedeutet es den Ruin der Erholung und Erfttschung.

Im Zusammenhänge damit steht die besondere Re­gel die ich mir als Erfahrungsweisheit gebildet habe: Fahre nicht mit einem Sonderzug, wenn nicht ein ganz vorwiegender Grund für dieses Opfer vor­liegt. Der Sonderzug ist eine Marteranstalt, in welche man durch das Angebot einer verhältnismäßig kleinen Preisermäßigung verlockt wird. Da sitzen die Leute zusammengepfercht wie Pökelbettnge; man kann sich nicht rühren, ohne dem Nachbar lästig zu fallen. Man muß riesig früh auf dem Bahnhof erscheinen, um über­haupt einen annehmbaren Platz zu ergattern, und un­terwegs hat man reichlich Gelegenheit, sich beim Stiff= Hegen in der Geduld und bei der Erwägung der möq- l'chm UnMe in der Taofetteit zu üben. In der Re­gel fahtt man in der 4. Klasse eines regelmäßigen Per-

Deutlicher wurde schon der freisinnige „Bettiner Börsen-Coutter" (Nr. 281):

eigen gemacht. Und daß diese Stellungnahme in ihrer einfachen Konsequenz zum „Großblock" führt, daran kann gar kein Zweifel fein.

Deutlich genug äußerte sich auf fortschrittlicher Seite | bie patteioffiziöse „Freisinnige Zeitung" (Nr. 141):

„Freiherr von Schorlemer war der Vater des An­trages,' der die ganze Konstellation uiuzustoßen und Zentrum und Konservative auseinanderzureißen drohte, um an die Stelle des Zentrums die Nationalliberalen und die Freikonservattven in diejenige Mehrheit zu schieben, die für den Ministerpräsidenten, rote er erklärt halte, unentbehrlich war."

Wenn nur nicht Herr v. Dallwitz wäre, der neue Minister des Innern! Von ihm ermattet der

Umstand, daß gleichzeitig mit der Berufung des Herrn von Schottemer Herr von Dallwitz, der ehe- v, „ ..... ..................

malige konservative Kanalgegner, die Treppe zum Mi-1 Mählich wenigstms' ei'n Ttt'l in^der'Pattei einzusehen, nfftettum hinaufgefallen ist. Die zentrumshassende I Mer wir sind für die Dummheit nicht verantwottlich. „Tägl. Rundschau" schtteb (Nr. 281) :> Die führenden Kreise in der Pattei, das geht aus den

Glückliche Reise! Vielen Nationalliberalen schwant Unhell von der Fahrt.

Der „Vorwätts" will die nationalliberale Kampf­ansage nicht recht ernst nehmen, sondern meint, „daß

Wocheir-Rundschau.

0 Fulda, 24. Juni 1910.

Deutsches Reich.

Ä Die Abnahme der jüdischen Bevölkerung im Ansiedlrmgsgebiet. Bemerkenswert ist, daß sich im Ansiedlungsgebiet der Provinz Posen speziell eine

sonenzuges noch besser, als in der 3. Klasse eines Son» Verzuges. Jedenfalls ist die 3. Klasse eines Schnell- zuges der 2 Klasse eines vollgepfropften Sonderzuges weitaus vorzuziehen.

2 Auf der Reise haste nicht. Das soll nicht etwa bedeuten, daß du statt des zuschlagSpflichttgen Schnell- . öuges einen Bummelzug nehmen solltest, sondern es soll nur die törichte Kilometerfresserei verurteilt wer­den. Was hast du denn davon, wenn du ein Dutzend interessanter Orte in aller Eile absolvierst, ohne in einem derselben zu ruhigem und gründlichem Genuß gekommen zu sein? Non multa sed multum. sagt ber alte Lateiner. Nicht vielerlei ftreifen, sondern das

-?ne und Wettvolle gründlich auskosten! Also das Reise-Programm so aufltellen, daß noch eine gewisse Bewegungsfreiheit und auch Ruhefreiheit für unvor­hergesehene Fälle bleibt.

. , 3; ?lus der Reise sei kein Geck und nach der Heim- Iua£r n V La Reise zu deinem eigenen ^^Scfallen und Wohlbehagen und mache dich nicht aus Estelkett zum Sklaven anderer Leute. Wenn du

7' sHetbung, in den Manieren oder in den nach- tragltdien Erzählungen anderen Leuten „imponieren" ^2st, so versalzest du dir selbst die Reisesuppe und machst dich auch obmdrein schneller lächerlich, als du ahnst.

Die Eitelkeit verursacht dir auch Kosten und Qua- len; B B. ist bei der Hitze nichts schrecklicher, als der modeme hohe Stehkragen und die engen steifen Man- behaglicher fühlt sich der Verächter der Modetorheiten, der sich zwar sauber und nett, aber recht bequem zu kleiden weiß.

™..£ ®e‘ a4.b,er Reise noch mäßiger als zu Hause. ^°ßlg 'm Trmken vor allem. Dec Alkohol ist ein sehr schsechler Reisebegleiter. Im Essen auch mäßig und möglichst regelmäßig, aber doch auf eine gute Ver- MU"S bedacht wenn es mich einige Groschen mehr toftet. Mäßig auch in den Anstrengungen beim Wan­dern oder Steigen, aber nicht faul.

hl, J?,ei.9 efm""ich und suche mit den Leuten, die bu trW. in freundlichen Verkehr zu treten.

Ansichtskarten nach Hause aber nur hübsche. Die Masse tut's nicht ^st^berhauptmuß man als Reisender oder Sommer­gast immer bedenken, daß das Beste das billigste ist auch toenn es etwas mehr kostet. 0

aber nicht Zentrmnsmann ist, beim Zentrum sehr wenig beliebt ist. Man wird abrvarten müssen, rote weit er seiner Stellung als Landwirtschastsminister eine politische Prägung geben wird. Dann möchte es wohl zu Konflikten zwischen ihm und den „Schwarz-Blauen" kommen. Diese können auch eintreten, wenn er, ber als Oberpräsident ber Rhein­provinz die Bedeutung der Industrie von Grund aus kennen gelernt haben muß, — von hier aus den Agrariern bei den kommenden Vorberatungen der neuen Handelsverträge Schwierigkeiten macht."

Unpolitische Zeitlaufe.

(N.) Berlin, 23. Juni 1910.

(Nachdruck verboten.)

. . Die Jahresuhr hat 12 geschlagen. Der Höhepunkt des Wahres 1910 ist überschritten Auf den längsten Tag folgen freilich noch eine Reihe von recht langen Tagen aber sie nehmen doch allmählich ab, bis die dunkle Nacht wieder mit Zweidrittelmehrheit über den hellen Tag siegt.

~ setzt auf ben absteigenden Ast geraten.

®od) vor der Hand fehlt die wehmütige, verzichtende bennÄe bie nächsten Monate bringen uns lehr anregende Dinge: Schulferien, Amtsferien Vergnügungsreisen, Sommerfttschen, Bäder von allen möglichen Dorten und — um das notwendigste und wichttgste nicht zu vergessen: die E r n t e. Die fleißi­ge» Landleute reifen nicht in die Alpen und nicht an me Lee, erst recht nicht in die vielangepriefenen Kur- otte; sie erfrischen sich durch ein Schwitzbad beim Mayen und Einfahren, und wenn die Emte reichlich ist, so sind sie dabei ihres Lebens floh. ’ W

Das emtefeft sst das reellste Fest Lttder wird ttn immer größerer Teil der Menschheit schollenfremd. Er ißt Brot und schlli über die deinen Laibe, aber er ist sich nicht bewußt wie das Brotkorn entstanden ist. Die großstädtische Jugend treibt soviel unfrucht- bat l<L’?r Ei»-», neuen Sportzweig von Mem Nutzen Vorschlägen möchte. Man richte agra­rische Ferienkolonien ein, bereit Teilnehmer in Hemds- armeln an den Feldarbeiten unserer Bauern teilneh- ^sund wäre es den Asphaltpflanzen! Gesund für Körper und Geist. Allerdings müßte der » J?” solche Stadtjugend zur Arbeitshilfe habe?' ^tnf+CQC lt0Bc Portion Wagemut und Geduld & J W ru zahlen, könnte er mit Fug und M ün?fefneÄäHbir0e Entschädigung für seine

«oen oen Kuhstallen aufschlugen und sich um die

«Freisinn nichts gutes; denn an seiner konservativen I Gesinnung zweifelt kein fortschrittliches Blatt. Auch I die nationalliberale „National-Zeitung" war der An- I sicht, daß von Herrn v. Schorlemer „nur das beste zu I hoffen ist" Ihre Milchschwester, bie parteioffiziöse I .Nationalliberale Korrespondenz", hat es aber be- I kanntlich für angezeigt gehalten, die Zukunft ganz I schwarz verhangen zu sehen wegen des Ministers von I Dallwitz. Nicht einmal der Blick auf Herrn v. Schor- I keiner konnte ihr ein heiteres Lächeln abgewinnen; i ™

I denn „auch so hat die Zentrumspartei den Triumph, I sirmgischen Volkes schädigende Verhalten . Die daß ein „gläubiger Katholik in das Ministerium be-1 ^ue Zeitung ist über dieses Pronunziamento" der rufen wird und daß man damit in dem überwiegend I ,en hocherfreut. Sie rat ihnen, es nicht bei katholischen Rheinland einen Oberpräsidenten los -T? , “nb Bannstrahlen bewenden zu lassen, sie wird, ber an dieser Stelle dem Zentrum höchst unbe- Massenversammlungen un ganzen

quem war." Aber das Urteil über die politische Lage t » VA^ungsbewegung Ausdruck und Einheit kann nach der „Notionalliberalen Korrespondenz" nur I J™elrC1' ' r ^"cht gesagt, aber schwer getan. Um dahin lauten, „daß sich der Reichskanzler entschlösse., I "'"«'V'''ersmmnlungen veranstalten zu können, muß hat, der Machtstellung des schwarz-blauen Blocks Rech- h-nter sich haben. Das ist aber laut

nung zu tragen und einen einseitig-konservativen I Als bA W^en bei den Liberalen mit mchten Kurs zu steuern " I bcr «“» Wenn die „Massenversammlungen" so leicht

ÄÄ ÄI Ä» ’Ä« nationalliberale Sehnsucht nach einem Ministersessel unerfüllt geblieben ist. Dazu kam noch die Drohung mit dem Linksabmarsch i n s Lager des Großblocks mit ber Sozialdemokratie!

| diger der Volksinteressen. Am 27. Februar hat bet I Landesausschuß mit großer Mehrheit einem Antrag zu» I gestimmt, ber bei ber bevorstehenden Verfassungs­reform eine Volksvertretung verlangt, bie aus dem allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht I unter Anwendung des Prdpottionalsystems hervorgeht.

Am 13. Juni erschien hier aus dem Reichsamt des In­nern der Staatssekretär Dr. D e l b r ü ck, um persönlich nochmals die Wünsche des Volkes zu vernehmen, imo zwar durch den Mund der Mgeordneten. Zu diesem Zweck wurden etwa zehn Volksvettreter zu einem Di­ner in den Statthalterpalast geladen. Die Mitglieder | des Zentrums und des Lothttnger Blocks wollten zum großen Aerger ber Regierung unb der Liberalen nichts mehr vom Proporz wissen. Die Liberalen hattm näm­lich in einem unbewachten Augenblick verraten, daß ber Proporz, ben sie mit der Regierung vereinbart hat­ten, es ihnen ermöglichen werde, mit Hilfe ber Sozial­demokraten eine ziemlich bedeutende Rolle zu spielen. Dieser Vorgänge wegen trat am 19. Juni ber Vorstand der liberalen Landespartei zusammen und verfaßte eine Erklärung, in ber bie liberalen Phrasenhelden prote­stieren „gegen dieses, bie Interessen des gesamten elsaß-

„Daß Frhr. v. Schorlemer ein durchaus konservativ

gerichteter Mann ist — davon legte nichts mehr Zeug-, „ , . - - . x, £

nis ab als die Rede, bie er im Herrenhaus zur Be- Verminderung der jüdischen Bevölkerung bemerkbar grünbung seines Antrages hielt. Aber ebenso gewiß macht, die auf Ab w an b e ru n g zurückzuführen ist. ist, daß er sich von der schroffsten Form des Konserva-1 Im Jahre 1835 zählte bie Provinz über 70 000 jü­dische Staatsbürger, die fast ausschließlich in den Städten fassen. 1885 betrug ihre Zahl 50 800, und

Minister kommen, Mnister gehen! Langlebig kann man ein Ministerdasein nicht nennen.. Die eben ge­gangenen Mnister Moltke und Arnim waren bret Jährchen im Amt: kaum haben sie sich eingelebt, und schon ziehen sie wieder aus. Und wieder sind zwei Pensionen mehr vom Staatsbürger zu zahlen. Me selten, daß ein Minister „in den Sielen" stirbt, meist pflegen sie noch vitte Jahre ihre „angegriffene Ge­sundheit" in allerhand Ehren- und anderen Pöstchen, wenn sie nicht, wie Dernburg, geradeheraus sagen, daß sie aus besonderen Gründen gingen bezw. „gegangen worden" sind. Die neuen Männer, Minister de« In­nern D a l l w i tz und Landwittschastsminister Sch o r- l e m e r, werden auf Herz und Nieren untersucht. Mögen die Herren auch Charaktere fein, ihre Färbung unb Richtung erhalten sie noch in Berlin Haben wir es. denn nicht schon ost genug erlebt, daß sich auf dem Ministerstuhl ein ganz anderer Mann entpuppte, als er vorher gezeichnet worden war? Die Herren können Wittlich allein noch lange nicht, wie sie wollen. Sie müssen fich ber Richtung ber Gesamtvolitik einfügen, unb biefe wird nicht so sehr von ben Ministern, son­dern vielmehr von ben politischen Kräften des Landes, I bon den Parteien, bestimmt. Auch ohne parlamenta- eisches System ist ber Einfluß ber Parteien so statt, vaß sich ihm keine Regierung auf bie Dauer entziehen tann. Unb wenn an bie Ernennung beispielsweise Schorlemers, bes Gttinbers der Antizentrumsvereini- gung von den einen Hoffnungen, von den anderen Be- fürchtungen geknüpft werden — uns läßt die Sache wtt. Der neue Herr wird zeigen müssen, oh er aus ber ii k r11 LI9 9?Ic5nt Seine Taten Watten wir ab. Unb sollten sie bem früheren Geiste entspringen, so wer- l^ig werden. Schon Größere übriaente bcn eingerannt. Im

Sa Arbeit der neuen Herren von uns

rS ÄeÄe’™"'t,lot m,rben'

Der Frieden im Baugewerbe ist im all- nuHalb heg'^ertliche Zwistigkeiten fallen, N^?^.?es Rahmens der großen Oeffentlichkeit. d ?e Teile haben in einigen Punkten nachgegeben, unb das übrige hat das Schiedsgericht getan Diese Wirtschaftsleben genommen. Daß folAV0 « \ tv'eberkehre, ist aller Hoffnung und Inn» • I1 Abteien ernste Sorge fein. Bei Erneue- tung eines Tarifvertrags geht es ja jedesmal scharf Sttten^L nV^Ä g'-tem Willen auf beiden iftrLi^ «cht schwer - ein Vertrag erzielt, so i'ter durch die stabile unb gesunde Lage, die er schafft ,r ^s Gewerbe. Beim Krieg müssen beide ^ iie bluten, und das Volksganze leidet noch zudem. r i rU fischen Span ie n und dempäp st-

<,'^'L"Atuhl gibt gegenwättig Anlaß zu eingehen­den Erörterungen. Durch ein königliches Dekret sol- toennÄuttu8ieh'biF,jrU6<Ten beS nichtkatholi- I^en Kultus, die bislang verboten waren, zugelaffen S^r'urie & dagegen Einspruch erhoben, T^rtcet einer ausdrücklichen Bestimmung des ke°r1L .zuw-derlaust und sie deshalb mit Recht Cer Ansicht ist, daß eine derartige Verfügung nur auf ©runb einer Aenderiing der Konkorbatsformel zulässig ist. In Spanien selbst werden gegen bie Zulassung k ek6en nichtkatholischen Kultus sach- ttchc Einwendungen nicht erhoben, wie gegenüber ben Darstellungen bet liberalen Blätter, bie wieder einmal Aee bas schwarze Spanien sich entrüsten, ausdrücklich b n mH?h 6 vCr%n W-nn auch anettannt we? daß die Gewährung der äußeren Kultussrei- hett an sich durchaus berechtigt ist, so darf doch nicht übersehen werden, daß bie jetzt von ber Regierung vollzogene Aenderung im Zusammenhang mit anbetfn r*tii0^£mr^d,en Maßnahmen als ein kirchenfeind-1

Ächemt Vor allem ist hier zu erwähnen I bafe in ber Thronrebe, bie König Alphons vor ben verl fetten Cortes verlesen hat, in ziemlich beutlicher Form die Emfuhning bet Laienschule, ber neutralen mmh? ’S' ? aflreir Gewissensfreiheit angekündigt ourbe. Diese Ankündigung hat im Lande eine große erregimg hervorgerufen Herr Canalejas wird sich kaum mit der Hoffnung schmeicheln dürfen, gegen den

I Willen der überwiegend gläubigen Mehrheit deS fpani- I schen Volkes einen Kulturkampf nach französischem I Muster zur Durchfiihmng bringen zu können.

In Portugal sieht eS nicht gerade ruhig auS. I Die polittfche Lage in Portugal wird immer bedenfli- I cher, teils wegen der schlechten Finanzlage, teils we- I gen deS großen Bankkrachs, an dem Mttglieder der Re- I gterung beteiligt waren. So stand Luciano de Castro, I ber Chef ber Ptogreffisten, an ber Spitze ber Bank des I Condito Predial, die jetzt in Liquidation getreten ist. i Das fft eine für bie Ptogreffisten kompromittierende I Sage, beim eine Anzahl von Politikern dieser Pattei I war in ber Verwaltung bet Bank, beten Ruin viele I Leute aus dem Volke mitgeriffen hat unb den Staat | selbst in hohem Grade tangiert. Allerdings ist nun I bie Machtstellung ber Progressisten in ber Kammer etwas geschwächt. Einmal fft ihr Chef immer krank unb leitet bie Partei nur von seinem Krankenstuhle aus unb zum atibern hat ber König das Ministerium I Beitao entlaßen, trotzdem es ein Kabinett der Pro-1 greffiften war. Zurzeit ist aber keine andere Partei I regierungsfähig, nicht einmal die zweifftättste, aber I I absolut schwache konservative Pattei ber Regenetadors. I Im ganzen gibt es in ber Kammer nicht weniger als I dreizehn Parteien. Manche von ihnen haben nur ein I Partoioberhaupt unb sonst keine Mitglieder. Der I junge, unerfahrene König steht vor einer uneniwitr-1 baren Situation. Angesichts ber übermächtig anwach-1 fenben republikanischen Bewegung, die bereits die I Parole: „Portugal — Republik" ausgibt, wäre die I Auflösung der Kanmier mit großen Gefahren verbun-1 ben I

»Herr v. Dallwitz gilt für einen Intimus des Herrn I Auslassungen in ber Parteikorrespondenz deutlich her- v. Bethmann-Hollroeg. Es wäre immerhin interessant, I vor, haben sich bas linksliberale Schlagwort vom zu erfahren, rote daS zurzeit eine so starke Empfehlung1 * — - - - — —

sttn kann. Nicht ebenso hilflos fragenb steht man vor dem Namen des neuen Landroirtschastsministers. Herr v. Schorlemer ist der Schutzherr ber zentrmnSverhaßten Bonner Deuffchen Vereinigung, und er ist es gewesen, ber den vorübergehenden RegierungSersolg in ber Wahlreformbebatte des Herrenhauses durch Schaffung der „neuen Partei" zustande brachte."

I Die Amerikaner haben chn wieder, ihren I Teddy Er will sich einige Zeit Ruhe gönnen, und | bann wirb er wahrscheinlich wieder in bet politischen I Arena auftreten. Die Reklame, bie das Ausland unb I er selbst für sich gemacht hat, wirb schon ziehen. — I Aus dem ewig unruhigen Mexiko sind neue unet- I freuliche Nachrichten eingelaufen. Nachdem erst neu- I lich von einer Jndianerempötung in Mexiko berichtet ■ worden war, wird jetzt von neuen Unruhen berichtet, I die zur Verhängung des Belageningszustandes über I bie Stabt Cananea unb benachbarte Ortschaften ge- | fuhrt haben. An der Norbgrenze ist eine Bewegung I ?egen die Wiederwahl des Präsidenten Tiaz, die am 26. b. M. erfolgen soll, ausgebrochen, bie bereits viele Hunbette von Verhastiingen zur Folge hatte. Die Führet ber „Empörung" stnb deportiert worden, unb Truppen werben in ber beunruhigten Provinz Sonora I zusammengezegen. Danach hat die Regierung einst­weilen noch die Oberhand. Trotzdem kann man sich für die Folge noch auf mancherlei gefaßt machen.

= Himmelhoch jauchzend — zum Tode betrübt!

In dieser Gretchcnstimmung befindet sich wieder einmal der L i b e ra I i g ni u S angesichts der neuesten Veränderungen im preußischen Ministerium.

, Daß Staatssekretär Dernburg, der Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein war, nach |