Einzelbild herunterladen
 

3-P«$eIer fti Fulda. WschenbeilagL! „Illustrierte Sonntagrzettung"

krfcheint täglich mst <.

Ausnahme der §o.m- W .

und Feiertage, viertel- A A A H M Ak AA

iShrlicherveMrpreir 1 /O W 41 fl

ohne Sringrriohn und ZZ W R sjr ■

vesteSgeid in Fulda fe- W Z W VA W ■

VkemlrwärtrlSvM. MM ■ WF WW ZA.

oerantw.Redattenrr M ▼▼ ▼

<erl Schütter

Zeitung

Monatsbeilage: »Luldaer GeschichtZblätter"

xnt «t fpattigepetiheikoda deren 8am» X5 psS- ReklameudiepetitzeiS 25 Pf«, bei Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Lolatkonrdrnck««» vertag der Fuldaer At- Uendrnckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

143.

Erstes Blatt.

Zulda, Samstag den 25. Juni 1910.

37. Jahrgang.

Rechte des Sultans von neuem bestätigt, lieber die Entsendung von weiteren Kriegsschiffen in die kretischen Gewässer vor der Nationalversamm­lung sei unter den vier Schutzmächten ebenfalls eine Einigung erzielt worden.

Aus Airche und Schule.

(—) Aufenau. 25. Juni 1910. Vom l.Aug. d. I. ab ist dahier eine kath. Lehrerinnen» stelle gegründet worden. Die Notwendigkeit einer zweiten Lehrkraft bei über 100 Kindern war schon Ende des Jahres 1905 festgestellt worden. Mit der Verwaltung dieser Stelle ist die Lehramtskandidatin Frl. Link aus Keulos, Kreis Fulda, beauftragt worden.

*[]* Eisenbahner-Versammlung. In einer am Donnerstag im Giesels Saal abgehaltenen Eisenbahn- Handwecker- und Arbeiterversammlung, einberufen vom Ortsverein Fulda des Trier-Berliner Verbandes, hielt der Syndikus des Verbandes, Herr H e i ß n e r, ein halbstündiges Referat über die wirtschaftliche Lage der Eisenbahnhandwerker und -Arbeiter. In seinen Ausführungen über die Ziele des Verbandes war es interessant zu vernehmen, daß der Berliner Verband seine Forderung auf Uebernahme sämtlicher Eisen- bahnarbeiter, welche 10 Jahre im Staatsdienst be­schäftigt sind, in das Beamtenverhältnis nur um bei Forderung willen auf dem Programm stehen hat, daß der Verband aber, wie der Herr Syndikus aus sührte, selbst nicht an deren Verwirklichung glaubt. Ueber ein vor dem Versammlungslokal an Eisenbah­nern verteiltes Flugblatt, in dem die Leitung deS Bnliner Verbandes einer scharfen, aber durchaus ge­rechtfertigten Kritik unterzogen wird, entrüstete sich der Herr Syndikus besonders. Seine sachlichen Ausfüh»

Die Enzyklika.

+ Die Enzyklikahetze geht weiter. Die ,Tägl. Rundschau' ist in der glücklichen Lage, in jeder Nummer mehrere Spalten mit Protestberichten und Protestversammlungskalendern anfüllen zu können. Ein besonderes Fündlein war für sie die Meldung, daß die Zentrumsvereine Groß-Berlins am Freitag eine große Enzyklikakundgebung veranstalten würden. Der .Hannoversche Courier', der sich in diesen Tagen als den Leibbruder des Berliner Evangelibündler-Blattes bewährt, griff natürlich gierig diese Nachricht auf, um sich gegen die »weitere Brüskierung der deutschen Protestanten durch die Zentrumsvereine Berliner Observanz" zu entrüsten. Wie die .Germania' feststellt, beruht die Meldung auf einer ganz gewöhnlichen Erfindung. Man sieht aber, wie jedes Mittel der Fälschung und Unwahrheit den srumben Bündlermannen recht ist. Der wahre Charakter der Hetze, wie sie von dem Evangelischen Bund unter treuer Assistenz der ,Tägl. Rundschau' und des hannoverschen Couriers' betrieben wird, wird am besten dadurch charakterisiert, daß die konservative Presse, die als einzige kirchlich aas streng orthodoxem Boden steht, die Beteiligung ablehnt und den Frieden suckt, während Blätter vom Schlage der .Vossischen Ztg.', deren sonn- und fest­tägliche Betrachtungen über kirchliche und religiöse Fragen in allen gläubigen evangelischen Kreisen längst zum Skandal geworden sind, jetzt eifrig an der Seite der „protestierenden" Bekenner des evangelischen Glaubens mitkämpfen. Gegenüber diesen Leuten, die keinen Frieden, sondern nur Hetze um jeden Preis wollen, wollen wir uns nicht aus der Ruhe bringen lassen. Was sachlich gesagt werden konnte, haben wir gesagt; wir wollen jenen Hetzern weder die Ehre erweisen, uns weiter über sie aufzuregen, noch den Gefallen tun, durch die einzig gebührende Antwort neue Erregung zu wecken. Wir wollen den Frieden mit unseren evangelischen 'Mitbürgern erhalten. Dieser Friede ist ein viel zu hohes Güt, als daß wir den Friedensstörern zuliebe uns dazu verleiten lassen dürften, ihn zu gefährden. Wenn es allzu toll werden sollte, so hegen wir die Erwartung, daß die friedliebenden evangelischen Kreise uns in der gerechten Abwehr unterstützen werden.

* Die Meldung aus Danzig, wonach infolge der Borromäus.Enzyklika der Vorstand der konser- servativen Partei Westpreußens sich öctbeten habe, daß ein Zentrumsanhänger für eineu konser­vativen Kandidaten stimme, beruht auf einem Miß- verständnis. Die linksliberale „Danziger Zta." halle die Frage ausgeworfen, ob evangelisch fühlende Männer überhaupt noch mit der „ultramontanen Partei" bei politischen Wahlen ein Bündnis schlie­ßen könnten. Darauf antwortete das Danziger Zentrumsblatt, das „Westpr. Volksblatt", daß der Vorstand der konservativen Partei Westpreußens bereits ein Schreiben an die westpreußische Zentrums­partei geschickt habe, worin er sich für alle Zukunft verbitte, daß ein Zentrumsanhänger für einen konservativen Kandidaten stimme; die drei konser­vativen Abgeordneten, die mit Hilfe des Zentrums gewählt sind, seien angewiesen worden, ihr Mandat mit Ablauf der jetzigen Tagung niederzulegen usw. Das Blatt halte der Meldung eine Form gegeben, deren Ironie mit dem Besenstiel hätte gefühlt werden können. Wer den Artikel nachliest, wird das unumwunden zugeben müssen. Gleichwohl sind eine Anzahl Korrespondenten auf den boshaften Scherz hereingefallen. Daß sie nun ein großes Geschimpfe anheben, ist nicht schön. Besser hätte es ihnen angestanden, wenn sie über ihre nicht un­verschuldete Nassührung mitgelacht hätten.

— Die „Haltung der vatikanischen Presse" macht die „Deutsche Tageszeitung" dafür verantwortlich, daß die Protestbewegung gegen die Enzyklika nicht ab- nehme. Sie beruft sich auf Versuche römischer Blät­ter, durch Wortdeuteleien die Antwort der Kurie abzu- schwächen. Diese Antwort hatte erklärt, daß der hl. Vater von der Erregung der deutschen Protestanten mit wahrem Bedauem (dispiacere) gehört habe. Nach

Deutscher Reich.

** Berlin, 24. Juni 1910. Die Kaiserin [orote Prinz und Prinzessin August Wilhelm sind heut, vomiittag auf Station Wildpark einqelrof- fen. Dtr Kaiserin begab sich in das Neue Palais die prmzllchen Herrschaften nach der Villa Liegnitz.

X Als Wahltermin für die Reichstagsersak- Can n st adt-Ludwigs bürg ist der 30. Juli anberaumt worden. _ aA..

U"'M°ri-nberg wird die ErsatzLh?7m 'haben "der t erklärt"^' Nationalliberalen i°aben 6,:t ^lart, sie würden auf keinen Fall

ö Die Stichwahl in Friedberg- Bir-irrgen.

* Friedberg, 27. Juni 1910. (Tel.) Bei der heutigen Stichwahl wurden für Bufold (Sozd.) 11766 und für v. Helmolt (Bund d. Landwirte) 9565 Stimmen abgegeben. Busold ist somit ge- wählt. — Bei der Hauptwahl entfielen auf: Bu­sold 9551, v. Helmolt 6395 und van Calker (fortschr. natlib. Kandidat) 4397 Stimmen.

r Das „Schweineglück" der Sozialdemokratie hat sich wiederholt. Das Mandat von Usedom-Wollin hatten die Sozialdemokraten schon kürzlich sich geholt, das Mandat von Friedberg ist ihnen gestern dazu beschert worden. Fortsetzung folgt! Ein Gewinn nach dem andern wird der Umsturzpattei zugeschanzt durch die Zwietracht der bürgerlichen Parteien. Schöne Früchte der Parole: »Sieber rot, als schwarz oder blau!"

Ein Teil der Nationalliberalen sucht die Hände in Unschuld zu waschen und sagt, in Usedom-Wollin hät­ten die Freisinnigen dem Sozialdemokraten durchgehol­fen, für Friedberg-Büdingen wird man mit derselben Entschuldigung zur Hand sein und betonen, die natio- nallib. Pattei habe ja einen Stichwahlausrus zugunsten des konf.-agrarischen v. Helmolt erlassen. Der Ausruf ist freilich da, aber er hat dm Sieg des Sozialdemo­kraten nicht verhindert. Wmn ein ganzer, langer, leidenschaftlicher Wahlkampf mit der Spitze nach rechts geführt worden ist, so kann ein Stichwahlaufruf die er­hitzten (Elemente nicht im Nu zum allgemeinen Front- ,wechsel veranlassen. Friedberg-Büdingen ging an die Roten verloren, weil die Nationalliberalen auch dort, in dem Wahlkreise Oriola's, sich ihrem unglückseligen -Zuge nach links hingegebm haben, statt eine Verstän­digung mit den rechtsstehenden Wählem im Sinne der früheren Mehrheit des Wahlkreises anzubahnen.

Das sog. Schweineglück der Sozialdemokratie wur­zelt in der Ha ß- u n d H e tz p o l i t i k, die seit vori­gem Sommer nicht bloß von dm Links- und Jung­liberalen, sondem auch von dm eigmtlichm Nattonal- liberalen mit blindem Eifer betrieben wird. Immer und immer wieder hat eine traurige Erfahrung bei der Ersatzwahl gezeigt, daß dieses Wüten gegen den > schwarzblau en Block" dem Liberalismus selbst nichts nützt, wohl aber der Umsturzpattei die Hasen in die Küche treibt. Trotz alledem setzt der Liberalismus von Bassermann bis Wiemer diesen selbstmörde- .rischen Spott fort.

i Der Großblockgedanke, den gerade die N a- rionalliberalen in ihrem alten Musterländle Baden auSgebrütet haben, ist schon so üppig gediehen, daß liberale Blätter und Redner schon mit Behagen ankündigen, bei dm nächsten allgemeinen Wahlen wür­den die Sozialdemokraten es sicherlich auf 120 bis 150 Mandate bringen. Bei so viel btinbeifrigen Helfem und Helfersbelfern kann die Ernte der Roten wirllich so groß werden- Aber die Schadenfreude des Libera­lismus ist schwer zu begreifen. Denn wenn die rote Flut eine so erschreckende Höhe erreicht, so wird die Defahr die Regierung eher reaktionär als liberal ma­chen. Die Liberalen werden dann einen grö­ßeren Schaden haben, als dir Konservativm, vom Zen- Mtm wollen wir vottäusig gar nicht teben.

z< Darum ist es mich sehr windig bestellt mit der Hoff­nung, daß die konservativen Wähler in den Stichwahl ,Ien schließlich doch die Liberalm heraushauen wür- ,den, auch wenn die Liberalm forffahren, in den Stich­wahlen birett ober mittelbar bie Roten gegen die Kon­servativen ober das Zentrum zu begünstigen Ohne ^Gegenseitigkeit geht es auf die Dauer nicht.

‘ Der Liberalismus wird bei den nächsten Wahlen fürchterlich in die Pfanne gehauen werden, wmn er nicht wieder Anschluß nach rechts sucht und finbet. Das gestehen sogar einige selbständige nationalliberale Mütter ein. So schreibm z. B. bie „Westfälischen ^Politischen Nachrichten":

„Wir sehm emste Zeiten für unsere Pattei kommen. >Der KurS, der gestmert wird, ist falsch. Er führt uns sauf Klippen und Riffe, anstatt an glückliche Küsten. iDie Spuren von Hoya-Syke, von Vieustadt-Landau, von Koburg-Goty r, von Eisenach-Dermbach, von Mühlheim- Wipperfürly und' von Friedberg-Büdingen schrecken. Sollen Cannsr.ut-Ludwigsburg und Frankfurt - Lebus folgen? Wen bie Götter verderben wollen, den schlagm sie mit Blindheit. Wann wird unserer Partei !ein Retter kommen?"

Und die „Deutsche Zeitung" prophezeit, daß der Nationalliberalismus in Westfalen das Dopprite und Drclstche von einem etwaigen Gewinn in Ost- elbicn berik.cn werde. Gegenüber den wachsenden Stimmenmr'en der Sozialdemokratie ist der Libera­lismus ohnehin zur Rolle des lan g sam Ertrin­ke n de n verutteilt

£ Es scheint aber noch nicht, daß die Nationallibe­ralen im gangen durch bie Ersatzwahlschäben fo klug j werden wollten, um dem Ruin bei den allgemeinen Wahlen vorzubmgen. „Sehe jeder, wie ers treibe!" V = Friedberg, 25. Juni 1910. (Tel.) In den ,Städten Rauheim, Butzbach, Friedberg und Büdin­gen sind viele weiße Ztttel abgegeben worden, anschei­nend von nattonalliberalm Wählem Die Freisinni­gen sind der Wahlparole, für Busold zu stimmen durch­weg gefolgt. Im ganzen sind 1000 Stimmen mehr als in der Hauptwahl abgegeben worden, bie wohl Re­serven bes Bundes der Landwitte barstellen benn bie Sozialdemokratie hatte bereits in bet Hauptwahl den letzten Mann herangeholt.

Ausland.

* Die Internationale Haager Wechselrechts­konferenz ist am Donnerstag eröffnet worden. Zum Präsidenten wurde Staatsminister Affer gewählt. Dieser zellte der Initiative Anerkennung, die Deutschland und Italien zum Zustande­kommen der Konferenz ergriffen hätten, und gab der Hoffnung Ausdruck, England werde seine Spezialgesetze dem kontinentalen Recht anpaffen.

* Infolge deS Lissaboner Bankkrachs sind Angestellte der portugiesischen Bodenkreditbank verhaftet worden. Ein vierter beging Selbst­mord in dem Augenblick, als er vor dem Unter­suchungsrichter erscheinen sollte.

♦* Die Haltung der Kretaschutzmächte die neuerdings etwas entschiedener geworden ist, hat augenscheinlich schon ihre Wirkung geübt. Eine offizielle Mitteilung des „Reuterschen Bureaus" teilt fest, daß die Lage auf Kreta als gebeffert angesehen werden könne, da die Kreter ihre Be­reitwilligkeit zu erkennen gegeben hätten, den Ratschlägen der vier Schutzmächte, die gegen- wärtig über die Entsendung einer gemeinsamen Note an Kreta unterhandeln, Folge zu leisten. Gleichzeitig wird bekannt, daß die an die Kreter zu richtende Note die Forderung aufrecht erhält, )ie mohammedanischen Deputierten ohne Eides- eistung auf den König der Hellenen zur National- Versammlung zuzukaffen; sodann werben die

für den Kandidaten der Reformpattei Ftttsch zu haben sein. Das ist eine ziemlich deutliche Sprache. Die Nationalliberalen würden also auch in der Stichwahl nicht den Reformer gegen die Sozialdemokraten unterstützen.

v* Ist die nationalliberale Partei nach links ab« marschiert? Ei bewahre, sagt die parteiamtliche „Na­tionalliberale Corr.", sie wendet sich entrüstet gegen derartige Behauptungen, die aus ihrer letzten Kampf­ansage an den Reichskanzler geschloffen wurden und faßt, ihre Pattei stände nach wie vor „genau auf der mittleren Linie, auf ihrem alten Standpunkt der Gleichberechtigung der nationalen Parteien", aber der Herr Reichskanzler sei, des langen Schwankens müde, nach rechts abmarschiert und sei entschloflen, sein Regiment auf jene einsei­tige Konstellation aufzubauen, welche eine Gleich­berechtigung der nationalen Parteien nicht kenne. — Wenn man in einem rollenden Eisenbahnzug sitzt, so hat man den Eindruck, als ob die nebenan liegenden Bäume und Häuser sich rückwärts beweg­ten, — während man doch in Wirtlichkeit selbst vorwärts bewegt wird. Als die nationalliberale Pattei sich nach links entwickelte, konnte ihr die Regierung nicht folgen; vom nationalliberalen Standpunkt sah der Stillstand der Regierung wie ein Abmarsch nach rechts aus. Den „Ruck nach links" kann die nationalliberale Partei nicht fort« disputieren. Als sie an der Bülow'schen Erbschafts­steuer festhielt, obschon sich gezeigt halte, daß für diese Steuer keine Mehrheit zu haben und mit dieser Steuer keine Finanzreform zu schaffen war, verließ die nalionallibetale Partei die mittlere Linie der positiven Mitarbeit. Durch die Beteiligung an der rücksichtslosen sozialdemokratisch-fortschrittlichen Hetze rutschte sie auch in taktis cher Hinsicht nach links. Bon den Großblock-Machenschaften in Baden und Sachsen wollen wir nicht weiter reden. Aber nicht , verdunkelt werde doch die Tatsache, daß gerade Herr v. Belhmann-Hollweg im zweiten Stadium des Wahlrechtskampfes den ersten Versuch machte, die nationalliberale Partei aus den Armen der Linken zu lösen und zur positiven Mitarbeit wieder heran» zuziehen. Aber trotz des großen Entgegenkommens der Regierung verharrte die Partei in der schroffen Opposition. Wir glauben nicht an die Rechts­schwenkung des Herrn v. Bethmann-Hollweg. Aber wenn die Liberalen so fortfahren in ihrer selbstsüch­tigen Hetzpolitik, so erziehen sie vielleicht noch den Reichskanzler zu einer wirklichen „schwarzblauen" Politik.

)( In der Entschuldung des läudlicheu Grundbesitzes sollen demnächst in Branden- bürg und Sachsen weitere Versuche gemacht werden. ES sollen den landwirtschaftlichen und genossenschaftlichen Kredit-Anstalten staatliche Bei- Hilfen für den Sicherheits-Fond gewährt werden. Diese Beihilfen würden in der Form zinsloser Darlehen gegeben werden, die nach Ablauf von 30 Jahren rückzahlbar sind.

cP Darmstadt, 24. Juni 1910. Die Zweite Kammer beendete heute die Generaldebatte über das Gemeindesteuergesetz. Dabei wendete sich Geh. Rat Dr. Becker in trefflichen Ausführungen gegen Ulrich, aus deffen gestriger Rede kein Alen sch klug geworden sei, was er eigentlich an Vie Stelle der Regierungsvorlage setzen will. Gegenüber der vernichtenden Kritik, die Ulrich an dem Verbot des Schuldenabzugs geübt, verlas der Regierungsver­treter unter der schallenden Heiterkeit bes Hauses eine Rede des sozialdemokratischen Adg. Kolb im badischen Landtag, in der dieser Führer im Auftrag feiner Partei mit aller Entschiedenheit den Schulden- abzug als etwas Unausführbares und Törichtes be­kämpft und dabei die Ansicht ausspricht, daß nur derjenige sich dafür begeistern könne, der die Frage nicht hinreichend geprüft. Die Vorschläge der Regie­rung beruhen auf langjähriger reiflicher lleberlegung und genauer Prüfung aller einschlägigen Verhält- niffe. Der Redner ermahnte weiter diejenigen Ab­geordneten, die verantwortliche Stellungen im Ge- meindewefen einnähmen, dafür zu sorgen, daß die Gemeindebedürfniffe nicht derart weiter wüchsen wie in den letzten 20 Jahren. Die Steigerung betrage in einzelnen Fällen fast das fünffache und drohe zu einem Bankrott der Städte und der Steuerzahler zu führen.

Lokales.

Fulda, den 25. Juni 1910.

❖ Franz Fleischmann f. Im Alter von 70 Jahren verschied gestern der Schlossermeister Herr Franz Fleischmann, ein Mann, der sich im öffentlichen Leben auf den verschiedensten Gebieten mit Erfolg betätigt hat. In erster Linie war er ein tüchtiger Meister in feinem Handwerk, dem er rastlos bis ins Alter sich widmete. Im Dienste seiner Vaterstadt wirkte er seit 1879 als Mitglied des Bürgerausschnsses und vom 4. August 1890 bis zum 1. April 1898 als Mitglied des Stadtrates. Viele Jahre hindurch bis zu seinem Tode war - Mitglied und stellvertretender Vorsitzender Kirchenvorstandes der Stadtpfarrei bezw. der < mcinbenertretung. Als Förderer des gewerblichen Lebens stand er an der Spitze des hiesigen Ge- merbevereins und der Handwerks - Prüfungskom­mission. Als Bezirksvorsteher und ^chiedsmann des 1. Stadtbezirkes (feit 1889) hatte er reichlich Gelegenheit, in sozialer Beziehung seinen Einfluß geltend zu machen; für die Armen hatte er als Vorsteher der Pflegerversammlungen stets ein warmes Herz. In eifriger Erfüllung all' der übernom­menen Pflichten hat er durch fein reges Interesse, das er den öffentlichen Angelegenheiten schenkte, und durch seinen praktischen Sinn viel zum Ge­deihen des städtischen Gemeinwesens beigetragen. Eine schwere Krankheit, ans der ein 9 monatiges Siechtum sich entwickelte, setzte dem Wirken des Verstorbenen ein Ziel. Er starb, wie er lebte, als treuer Sohn der katholischen Kirche.

? Der Verbandstag des hessischen Verbandes täudi. Genossenschaften (Raiffeisen) findet bekanntlich in diesem Jahre in Fulda am 20. und 21. Juli statt. Vorausgeht am Dienstag die übliche Sitzung des Verbandsausschuffes im Hotel zum Kurfürsten. Die eigentlichen Verhandlungen beginnen am Mittwoch den 20. Juli, nachmittags 3 Uhr, mit der ge­schlossenen Vertteterversammlung in den Stadt- fölen, in der die Verbandsrechnung zrw Vorlag« kommt und ein Bericht über den Stand der Zentral« und der Gesellschaft „Hessenland" erstattet wird. Weiter soll gesprochen werden über folgende Fragen: n) Wodurch erhalten wir den Raiffeisen- verein liquid? b) Der Schutz des Konsumenten auf dem Futter- und Düngemittelmarkt durch Selbst- und Rechtshilfe (Referent Gutspächter Oehlsen- Wahlhanfen) c) Bericht über den heutigen Stand der Landbank, erstattet von Landgerichtsrat Klinge« biel-Marburg und endlich d) Fortbildung der schul­entlassenen weiblichen Jugend. Auch Wünsche und Anfragen können hier vorgebracht werden, über­haupt ist diese Vertreterversammlung der Ort, wo alle geschäftlichen Fragen erörtert und die nötigen Abstimmungen vorgenommen werden. Der Mittwoch abend ist als Familienabend gedacht. Nach einer Eröffnungsansprache des Unterverbands, direktors, Sekretär Drinnenberg, werden die Be­richte über die Unterverbände in den 4 alten kur- hessischen Provinzen erstattet, wobei Pfarrer Pfeifer- Schwarzbach über das Fuldaer Land (Fulda, Hünfeld, Gersfeld und Hersseld) und Lehrer Schmitt- Wirtheim über das Hanauer Land berichten wird. Für Nied er Hess en spricht Pfarrer Koch- Ermschwerd, für Oberhessen Pfarrer Tewaag- Hohenrode. Für Unterhaltung sorgen Konzert- und Gesangvorträge. DieHauptversammlung wird nach Besichttgung der Sehenswürdigkeiten der Stadt Fulda am Donnerstag lla 10 Uhr vom Verbandsdirektor eröffnet; sie bringt außer den Jahresbericht zwei Vorträge. Pfarrer Kemps aus Zweibrücken in der Pfalz spricht über das Thema: „Das Raiffeisenwerk, eine christlich-nationale Rettungstat". Pfarrer Mayenschein - Altenhaßlau wird die Frage beantworten: „Wer bürgt uns für den Fortbestand der Raiffeisen-Sache?' Mit einem gemeinsamen Mittagessen im Stadtsaal und einem Ausflug nach dem Milseburghotel (5 Uhr mittags) schließt der Verbandstag. Wie aus dem Programm ersichtlich, verspricht diese Tagung wegen der Wichttgkeit und Mannigfaltigkeit der zur Ver­handlung kommenden Gegenstände äußerst intereffant unb lehrreich zu werden. Es darf deshalb erwartet werden, daß die Raiffeisenleute des Fuldaer Landes so zahlreich wie möglich sich beteiligen, damit der Fuldaer Verbandstag sich würdig an die Tage von Hanau, Kassel, Eschwege und Marburg anreiht.

jenen römischen Blättern sollte nun nicht zu Übersetzen fein „mit Bedauern", sondern „mit Mißbehagen", eine Ucbersetzung, die allerdings einen ganz anderen Sinn ergibt. Solche nachträglichen Umdeutungsversuche sind in der Tat zu mißbilligen. In ernsten katholischen Blättern haben sie übrigens ein Echo nicht gefunden.

* Dresden, 24. Juni 1910. Der König von Sachsen weiß jetzt, wie er es anstellen muß, wenn er ein Liebling des Volkes sein und bleiben will. Als er heute aus dem Reichsland heimkehrte, brachte ihm die Bürgerschaft wegen seiner Stellung, nähme zur Enzyklika eine festliche Huldigung bar. Am Bahnhof wurde der König mit Ansprachen usw. empfangen. In den reich beflaggten Straßen hatten sich zahlreiche Korporationen und Vereine mit Musik und Fahnen ausgestellt, welche die Fahtt zum Schloß mit brausenden Hochrufen begleiteten.

W. Haag, 24. Juni 1910. In der heutigen Sitzung der Zweiten Kammer richtete van Doorn an die Regierung die Anfrage, ob sie in der Angelegenheit der Borromäus-Enzyklika protestiett habe oder zu protestieren gedenke. Der Minister des Auswärtigen erwiderte, es handle sich um eine rein innere Angelegenheit der katholischen Kirche. Verschiedene Deputierte der protestantischen Partei schlossen sich der Regie- rung an. NolenS erklärte im Namen der Katholiken unter Hinweis auf die Antwort des Papstes an Deutschland, daß seine Partei sich an der Debatte nicht beteilige.