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M 142.

^ulda, Freitaq den 24 Juni 1910.

37. Jahrianq.

J? Eine „Anti-Borromäns Spende" will das Präsidium deS Evangelischen Bundes in Gang dringen.

Es war bereits gemeldet worden, daß in Bremen, wo man den Wert des Geldes besonders zu schätzen weiß, der Gedanke eines „Protestfonds“ aufgetaucht und mit etwas reklamehafter Aufmachung m die Oeffentlichkeit gebracht worden ist. Jetzt hat der Evangelische Bund die Ide« des klingenden Protestes schnell aufgegriffen. Tas Präsidium erläßt einen Aufruf zur' Sammlung einer „Anti-Borromäus« spende".

Wenn die anzusammelnden Gelder verwendet würden zur Eindämmung der Austrittsbewegung, zur Belebung des Kirchenbesuches auf evangelischer Seite, zur besseren Pastorierung der in Gleichgiltig­keit oder Unglauben versinkenden Elemente oder sonst zur Pflege des Glaubens und der Frömmig­keit unter den Protestanten, so würden -vir den inneren Zusammenhang mit der „Entrüstungs-Be­wegung" nicht in Abrede stellen können. Der wirk­same Kampf gegen den stillen Unglauben und den offenen Abfall wäre doch ein Versuch, den Gegen­beweis zu führen gegen die Ansicht, daß die Re­formation dem Kreuze Christi Abbruch getan habe. Aber leider will der Evangelische Bund die Gelder nicht zu einer christlichen Reform im eigenen Hause benutzen, sondern zu seinen alten Propa- gandabestrebungen. In der Diaspora, besonders in Posen und Westpreußen, hn Aus­land e, namentlich in den Schutzgebieten, in 9t o m und in den neuentstandenen evangelischen Gemeinden in Oesterreich sollen protestantische Krankenhäuser, Waisenhäuser, Erziehungsanstalten, Kirchen re. be­gründet werden. Vermutlich wird die Los von Rom-Bewegung in Oesterreich nach wie vor den größten Teil der verfügbaren Gelder verschlingen. Daß man nicht die Erbauung, sondern den Kampf im Auge hat, zeigt sich auch in der Einreihung der „grofen litterarischen Aufgaben unseres Bun­des" in den Kreis der Verwendungszwecke.

Ueber die Geldsammlung selbst wollen wir uns des Urteils enthalten, — da die gegenwärtige Lage noch immer die geduldige Zurückhaltung empfiehlt. Aber wir dürfen und müssen doch wohl der Be­fürchtung Ausdruck geben, daß der geschäftliche Drang, möglichst viel Geld flüssig zu machen, einen Anreiz gibt zur Fortsetzung und Ver­schärfung der friedensgesährlichen Hetze.

Im übrigen müffen wir uns mit der Tatsache abfinden, daß in dem konfessionellen Ringen immer mehr Geldmittel und sonstige materielle Hilfskräfte von den rührigen protestantischen Organi­sationen verwertet werden. Daraus ergibt sich für die Katholiken die Nutzanwendung, daß sie in ihrer Opferwilligkeit nicht nachlassen dürfen, viel­mehr neue Anstrengungen machen müffen, nm den katholischen Besitzstand zu behaupten.

Wir haben keinen Kampsbund auf unserer Seite, wie den „Evangelischen Bund", der dort die be» -eurenden Leistungen des Gustav-Adolf-Vereins noch rrgänzt, und zwar gerade in den Punkten, wo es sich um Gefährdung des katholischen Besitzstandes ganbcit Wir haben rr-r den Bonifatius- V er ein, dessen friedlicher Charakter außer allem Zweifel steht und dessen Mittel nicht einmal aus­reichen, um die allerdringendsten Bedürfniffe der zerstreuten und gefährdeten Glaubensgenossen zu beiriedigru, so daß an aggressive und erobernde Seilensprünge überhaupt nicht gedacht werden kann.

Mau wird es nicht als eine „Herausforderung" deuten können, sondern als berechtigte Selbstver­teidigung gelten lasten müffen, wenn wir die Protest­sammlungen auf der protestantischen Seite zum An- laß nehmen, um unseren Glaubensgenossen die Unterstützung des Bonifatius-Vereins aus's neue zu empfehlen. Was wir da sammeln, soll kein „Anti'-Fonds sein, sondern nur das unentbehrliche

per Wcrmpyr.

Roman von Fergus Hume. Autorisierte Bearbeitung 5] von C. Weßner.

Nein Mutter". Olga nahm in dem gemütlichen Wohnzimmer Platz. „Ich bin heute garnicht im Büro geblieben." ~

Frau Holder setzte sich ihrer Tochter gegenüber und legte die Hände ineinander.

„Ach ja, ich vergaß. Du wolltest ja Deine einstige Freundin besuchen."

„Das habe ich auch getan", versetzte Olga hastig. Und ich werde nie wieder hingehenI Mutter, ich kenne jetzt den Samen des Mannes, der Papa rui­nierte."

Dir Hände der Witwe zitterten in ihrem Schoße und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Sein Name ist Kirbyl" fuhr Olga fort. .Kub­ist unter dem Namm „der Vampyr" bckannt."

„So nannte ihn auch Dein armer Vater", seufzte Fran Holder.

„Er war Lenas Gatte I"

„Olga! Deiner — Deiner Freundin Gatte?"

"ga, und sie sagte es mir nicht einmal, obgleich ich ihr von unferm Unglück erzählte."

Frau Holder richtete sich in die Höhe. „Ich möchte Dir nicht empfeUen, liebes Kind, diesen Verkehr fort­zusetzen."

„Das beabsichtige ich auch nicht, Mutter! Aber wir sind gerächt! Herr Kirby ist ermordet worden! Heute morgen wurde er in seinem Büro aufgefunden

erstochen — mitten ins Herz getroffen!“

- Frau Holder schauderte und bedeckte das Gesicht 'mit den Händen. „Man soll sich über so etwas schreck­liches nicht freuen“, sagte sie in leisem Tone, „aber der Mann war grundschlecht!"

„Und ich freue mich dennoch!" stieß die Tochter Hngestüm hervor, „denn er war ein Schurke und er­litt nur die Strafe, die ihm gebührte. Höre mir zu, Mutter!“

Und nun erzählte sie der aufhorchenden Frau

Hilfsmittel, um z« bewahren, was wir haben, und den notleidenden GlaubenSgenosten in der Diaspora die brüderliche Hilfe zu gewähren, auf die sie rechnen dürfen.

+ Von einer neuen Vorstellung der preußischen Regierung bei der Kurie wegen der Borromäus- Enzyklika glaubt der ,Reichsbote' Mitteilung machen zu können. DaS Blatt berichtet:

„Da nach ZeitungSmeldungen den preußischen Bischöfen das vom Vatikan der Regierung zugesagte Verbot der Enzyklikaverlesung noch nicht zugestellt worden ist, hat die Regierung ihren Gesandten in Rom beauftragt, beim Vatikan erneut vorstellig zu werden, um die Durchführung des Verbotes zu veranlassen."

Diese Meldung steht im Widerspruch zu der offiziösen Auslastung der ,Nordd. Allg. Ztg/ und bedarf jedenfalls der Bestätigung.

* Früchte der Hetze des Evangelischen Bundes. Wir haben gestern eine Meldung der,Vosstscheu Zeitung" aus Dresden wiedergegeben, wonach ge­legentlich der Anwesenheit des Bischofs Dr. Schaefer in Annaberg im Königreich Sachsen eine „Kundgebung“ erfolgt sei, indem nachts Girlanden und Straßenschmuck zerstört wurde. In Ergänzung dieser Nachricht wird jetzt mitgeteilt, daß just zwei Tage vorher vom Evan­gelischen Bunde eine Protestversammlung gegen die Enzyklika einberusen gewesen sei, in der Superintendent Schmidt eine wüste Hetzrede ge­halten hat. Nach Schluß der Versammlung und nach dem Aufzuge zum Lutherdenkmal, wo der Redner seinen „scharfen, flammenden Protest" gegen die Enzyklika wiederholte, zog eine große Menschen­menge hinauf zur katholischen Kirche und Pfarrei und gab ihre neugewonnene Friedensliebe durch mehrfaches schrilles Pfeifen kund. Der Herr Bischof kam in einer Predigt auf die Bubenstreiche zu sprechen. „Stellen wir uns unter das Kreuz auf Golgatha", so ungefähr erklärte der Bischof, „und lernen wir dort unseren Feinden verzeihen, und nicht bloß verzeihen, sondern auch für sie beten. So habe denn auch ich bereits die Uebeltäter vor der heiligen Wandlung in mein Opfer und Gebet eingeschlosten". Eine Antwort voll echt christlicher Liebe und Friedfertigkeit!

* Wie die evangelische Bevölkerung verhetzt wird, zeigt u. a. folgender Abschnitt aus einem meist in Fettdruck gehaltenen Artikel des Sonntagsblattes für die evangelische Gemeinde (Pastor Wischneth- Schwerte): „1. Kein evangelischer Mann, keine evangelische Frau laste sich ferner in Krankheits­fällen ins katholische Krankenhaus aufnehmen. Welche Gesinnung man dort bei aller äußeren Liebenswürdigkeit hat — haben muß gegen uns Ketzer — weil das Oberhaupt der Kirche unbedingten Gehorsam fordert — das wissen wir jetzt! 2. Wenn in Zukunft wieder katholische Schwestern bei uns Evangelische für ihre römische Zwecke sammeln, dann werden evangelische Männer und evangelische Frauen den nötigen evangelischen Mut Halen und sich diese Dreistigkeit höflich, aber energisch oer­bitten! 3. Wenn demnächst die Fronleichnams- Prozession, die offizielle Demonstration gegen uns Ketzer gehalten roiro, dann wollen wir sie ihre Feste feiern lasten nach ihrer Art. Schmach und Schande aber über den Evangelischen, der nach den durch die Enzyklika erhaltenen Ohrfeigen noch einen Finger rührt, sein Haus für die Prozession zu schmücken oder als gaffender Zuschauer zu diesem Schauspiel eilt! Wach auf, wach auf, wach auf, evangelisches Ehrgefühl l" — Der Vorfall beweist auss neue, daß es Leuten vom Schlage des Evangel. Bundes weniger um die Enzyklika als um die Auf­reizung des faror protestanticus gegen alles Katholische zu tun ist. Wenn der Fall umgekehrt läge, wenn in einer überwiegend katholischen Stadt etwas derartiges gegen die Evangelischen geschrieben wäre, welch ein Sturm der Entrüstung würde dann wohl folgen!

alles, was sie an diesem eceignisvollcn Morgen er­lebte.

Frau Holder hörte schweigend zu und unterbrach Olga nicht ein einziges Mal. Als diese schloieg, be­merkte sie nur: „So, das ist also das Ende. Aber fein Tod bringt mir weder meinen armen Gatten zu­rück — noch unseren früheren Reichtum!"

„Das weiß ich noch nicht," entgegnete Olga. „Alles was wir verloren haben, werden wir freilich nicht zu­rückerlangen. Aber ich beabsichtige, die Angelegenheit näher zu untersuchen. Papa ist durch diesen Mann be- tregen. . Vielleicht bekommen wir noch einen Teil un­seres Vermögens zurück. Jedenfalls werde ich es ver­suchen und Herr Prest wird mir dabei behilflich fein/

„DaS heißt den Wind säen, Olga," warnte Frau Holder, „wer den Wind säet, wird Sturm ernten!"

„Einerlei,“ gab ihre Tochter zurück, „ich ver­suche es!"

In diesem Moment ertönte draußen die Klingel und Frau Holder ging um zu öffnen. Nach einer Weile kehrte sie zunick und sagte: Herr Brand wünscht Dich zu sprechen, Olga. Willst Du ihn empfangen?"

3. Kapitel.

Mit unverhohlenem Srftaunen hörte Olga, daß Herbert Brand sie in ihrer Wohnung aufsuchte. Sie kannte chn zwar sehr gut, aber bisher batte er seine Be­suche auf das Büro beschränkt und es war in der Tat seltsam, daß er so gegen seine Gewohnheit in den von der Stadt so weit entfernten Vorort kam.

Im ersten Augenblick war sie nicht besonders ge­neigt, ihn zu empfangen: bei näherem Ueßerlegen je­doch sagte sie sich, daß ein solches Vorgehen eine Erklä­rung nötig machen würde, die zu geben sie durchaus nicht gesonnen war. So bat sie denn die Mutter, ihn eintreten zu laffen.

Frau Holder ließ die beiden allein, da sie an- nahm, daß es sich bei diesem Besuch um geschäftliche Angelegeichetten bandle.

Herbert Brand war ein wohlgebauter, hübscher jun- aer Mann mit blondem Haar, blauen Augen und offe­nem, ungekünsteltem Wesen. Olga fühlte ihr Herz höher schlagen als er das Zimmer betrat. Sein Gesicht war

** Wie tief das Taktgefühl unter dem Einflüsse des Enzyklika-Rummels gesunken ist, zeigt ein Be­richt aus Reichenberg in der Ober-Lausitz. Dort wurde dieser Tage eine Landwirtschaftliche Aus­stellung und Tierschau eröffnet. Der Vorsitzende der Landwirtschaftskammer zu Breslau, Herr von Klitzing gedachte mit anerkennenden Worten der tatkräftigen Unterstützung der Ausstellung durch die Brüder vom Sachsenlande, „dessen König, der sich in den letzten Tagen als ein ganzer deutscher Fürst gezeigt hat, wir gerade jetzt mit besonderer Freude gedenken.“ — Herr von Klitzing scheint die Aus- stellung der Ochsen und Kühe von Reichenberg für eine Versammlung des Evangelischen Bundes ge­halten zu haben.

* Danzig, 21. Juni 1910. In unserem Wahl- kreise waren infolge eines zwischen Zentrum und Konservativen abgeschlossenen Kompromisses bei der letzten Landtagswahl die Rittergutsbesitzer Meyer auf Rottmannsdors, Bäckermeister Karow und Ober­zollsekretär Wollkowski in Danzig gewählt worden. Infolge der Borromäus-Enzyklika hat der Vorstand der konservativen Partei Westpreußens an die westpreußische Zentrumspartki ein Schreiben gerichtet und sich dann für alle Zukunft verbeten, daß ein Zentrumsanhänger für einen konservativen Kand idaten stimme. Diese „Erklärung" war überflüssig. Das Kompromiß ist längst in die Brüche gegangen, und die Konservativen werden keine Ursache haben, bei den nächsten Wahlen Stimmen auszuschlagen. Die konservative Partei­leitung hat die drei konservativen Landtagsabge­ordneten aufgefordert, ihre Mandate niederzu­legen, weil sie mit Hilfe der „Ultramontanen" gewählt worden sind. Ursprünglich sollte blos der katholische Abg. Wollkowski fein Mandat niederlegen, weil er die Interpellation wegen der Enzyklika nicht unterschrieben hat. Da er es nicht tat, werden die beibm andern niederlegen, um Herrn W. moralisch zu zwingen. Geschieht es wirklich, so werden sich die Freisinnigen in Danzig ganz besonders freuen, denen die Hochburg verloren ging. Wahrscheinlich wird bann auch im Wahlkreise Elbing-Marienburg eine Verschiebung zu unguusteu der Konservativen eintreten. Die Nationalliberalen agitieren ungemein gegen Herrn v. Oldenburg-Januschau, und so kann man auf den Ausfall der Neuwahlen in beiden Kreisen gespannt sein.

Deutscher Reich,

** Berlin, 23. Juni 1910, Der ,Staaisanz/ veröffentlicht das Gesetz betr. die Erhöhung der Krondotation vom 17. Juni 1910. — Der Landeshauptmann der Provinz Westpreußen, Hinze, ist infolge eines Schlaganfalles gestorben. — Der frühere General-Jnspekteur der Fußartil­lerie, General der Artillerie z. D., Max Edler v. d. Planitz, ist in Interlaken, wohin er sich zur Kur begeben hatte, gestorben. — Die end­gültige Abstimmung über den Entwurf einer Schrffuhrtsabgaben-Vorlage im Bundes­rate soll nach der,Posft am 30. Juni stattfinden. Man nimmt in Bundesrats-Kreisen an, daß der Widerstand von Oesterreich und Holland gegen das Gesetz im Lause des Sommers beseitigt wer. den kann und die Vorlage dem Reichstage im November zugehen wird. Wenn das nur nicht anders fomm'.

** Ter Reichskanzler auf Reisen. Der Reichs­kanzler ist in Begleitung des Unterstaatssekretärs Wanschaffe gestern in Stuttgart eingetroffen und nach der Begrüßung durch bett. Ministerpräsidenten v. Weizsäcker und den preußischen Gesandten von Below nach Schloß Bebenhausen gefahren, wo er von dem König und der Königin empfangen und zur Frühstückstafel gezogen wurde, danach be- gab er sich nach Stuttgart zurück.

bleich, auf seiner Stirn lagen feine Fältchen und er war bei weitem nicht so gesprächig wie sonst.

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, daß ich hier einbringe." begann der junge Mann, der Olgas Kälte wohl fühlte, „aber ich komme in einer geschäftli­chen Sache."

„Ich pflege geschäftliche Sachen in meinem Miro zu erledigen, Herr Brand."

„Ich weiß", entgegnete er hastig, „deshalb bat ich ja auch um Entschuldigung Ich muß nämlich mtt dem Drei-Uhrzuge nach Bittern fahren und wollte Sie vor­her noch sprechen. Da Sie heute früh nicht im Büro waren, ließ ich mir Ihre Privatadresse geben und kam hierher."

„Um mich geschäftlich zu sprechen," erinnerte sie kühl.

„Natürlich," versetzte er. „Ich bleibe wahr­scheinlich eine zeitlang fort und da ich noch mit unge­fähr hundert Mack in Ihrer Schuld stehe, wollte ich das vor meiner Abreise erledigen."

Olga war froh, das Geld zu erhalten, denn sie brauchte es nötig. Und daß sich Herr Brand die Mühe genommen, um die Rechnung zu begleichen, stimmte sie etwas sanfter gegen ibn. Sie wurde etwas fteund- licher, nahm das Geld in Empfang und stellte eine Quittung aus. Dann wartete sie darauf, daß er sich verabschieden werde. Dazu zeigte er jedoch nicht die mindeste Lust.

„Ich schreibe setzt einen Roman, Fräulein Hol­der", plauderte er. „Deshalb gebe ich nämlich nach Sittern. Dort werde ich nicht gestört, außerdem ist mir Luftveränderung dringend nötig."

„Sie sehen auch wirklich aus, als cb Sie frischer Luft bedürften, Herr Brand," bemerkte sie, ihn scharf ansehend.

Herbert fuhr sich mit der Hand über die Stirne. „Ich habe J)(etger gehabt — weiter nichts", sagte er, „aber die Seeluft wird mich schon kurieren." Er zö­gerte ein Weilchen, ehe er fortfuhr: „Sie verlassen doch die Stadt nicht, Fräulein Holder?"

„Ich glaube nicht, ich habe viel zu hm. Aber in einem so stillen, langweiligen Orte wie Btttern mürbe es mir nicht gefallen." "

** 86 Minister und Staatssekretäre find im Reiche wie in Preußen seit Antritt der Regierung unseres Kaisers im Amt gewesen. Auf den einzelnen Minister entfallen durchschnittlich 5 Jahre Amts« periode, auf einen französischen Minister aber nur Vh Jahre. Von den gesamten Ministern sind nur 6 im Amte gestorben.

* „Enthüllungen" aus Ternburgs letzter Amtszeit hatte das „Franks. Voiksblaft' ver­öffentlicht (vgl. Nr. 130) und später auch die „Rhein.-Westf. Ztg.“ Danach sollten sich auf Grund der Anschuldigungen Erzbergers, daß Dernburg in dem Vertrage mit der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika die Reichs­interessen schnöde und bewußt preisgegeben habe, mehrere Geheimräte nach den Unterlagen jener Vorwürfe erkundigt haben. Diese seien ihnen bereitwilligst mitgeteilt worden und nun sei ein förmliches Entsetzen hereingebrochen. Der Reichs­kanzler habe erklärt, die Verträge seien ungiftig, und Dernburg sei von ihm zum Rücktritt ge­nötigt worden. Der Berliner Mitarbeiter der „Münch. N. Nachr.“ erklärt diese Behauptung für glatt erfunden und sagt dazu:

Der Reichskanzler sei durchaus mit DernburgS Vorgehen einverstanden gewesen und habe alles auf­geboten, um ihn zmn Bleiben zu bewegen. Die vom Kaiser dem scheibenden Staatssekretär gewährten Huld­beweise und Auszeichnungen entsprächen dem Anträge des Reichskanzlers.

)( Das Koutumazialversahreu, jenes Verfahren, bei dem in Abw.senheit des Beschuldigten verhan­delt wird, sollte nach der Novelle zur Strafprozeß- orbnung auf Strafen bis zu 6 Wochen Gefängnis ausgedehnt werden. Die Kommission für die Strasprozeßordnung nahm jedoch einen Zentrums­antrag an, nach dem die Anwendung des Kontu- mazialverfahrens auf den bisherigen Umfang be­schränkt bleibt.

a. Bei dem Abschnitt Kaffenorgane ist am Donners­tag die Reichsverstcherungskommisston in ihrer Be­ratung angelangt. Dieser Abschnitt enthält den vielumstrittenen § 412, der die Hätftelung der Beiträge anordnet. Bisher trugen bekanntlich die Arbeiter zwei Drittel und die Arbeitgeber ein Drittel des Beitrages. Es besteht nun die Befürch­tung, daß durch die neue Verteilung bet Beitrags­pflicht der Einfluß der Unternehmer auf die Vor­standswahl zu groß werden würde. Die einzelnen Parteien haben bereits im Plenum zu dieser Frage Stellung genommen. Ein Zentrumsredner lehnte auch jetzt die Hälftelung im Namen seiner Partei ab. Ebenso trat ein Vertreter der Sozialdemokraten für die Beibehaltung der bestehenden Verhältnisse ein. Ein Beschluß wurde noch nicht gefaßt.

+ Die Berliner Polen gegen die polnische Fraktion. Im polnischen Wahlverein für den Südosten Ber­lins wurde nach einem Vortrage des Redakteurs Krysiak, des Vorsitzenden des polnischen Komitees, eine Protestresolution gegen das Verhalten der polnischen Abgeordneten angenommen. U. a. heißt es in der Resolution:

„Wir protestieren feierlichst gegen die Zustim­mung der Abg. Prälat Jazdzervski und Genossen zur Erhöhung der Zivilliste des preußischen Königs. Wir bedauern, daß die demokratischen Vertreter des polnischen Volkes nicht nach Berlin geeilt sind, um dies illoyale Verhalten zu durchkreuzen. Wir ersuchen die Fraktion, ihre politische Richtung und die Tätigkeit der Abgeordneten dahin abzuändern, daß die Versuchungen einer neuen Versöhnungspolitik ein- für alle­mal unterbleiben und die Ehre der Nation nie­mals mehr durch einzelne Abgeordnete gefährdet werden könnte."

Das Verhalten der polnischen Demokratie gegen­über den polnischen Fraktionen drängt zu einer offenen Spaltung in der Partei hin. Es würde zu begrüßen fein, wenn eine reinliche Scheidung und damit eine Klärung der Verhältnisse herbei­geführt würde. Mit den Seuten vom Schlage der

„Ich freue mich auf diese Stille und Langweilig­keit, denn ich habe in den letzten Monaten mehr als genug Vergnügen genossen."

Olga dachte an Lena und deren Gesellschaften und ihr Herz verhärtete sich von neuem. „Zweifellos haben Sie vor Ihrer Abreise noch viel zu tun", meinte sie, sich erhebend.

Die Bedeutung ihrer Worte war nicht mißzuver- stehen, Herbert Brand nahm jedoch davon keine Notiz.

„Ich habe Sie hoffentlich durch nichts beleidigt, Fräulein Holder?" bemerkte er ein wenig erregt.

„Gewiß nicht, Herr Brand. Wie sollten Sie auch? Vir sind einander ja so gut wie fremd “

„Ich glaubte, Sie würden an mich nicht wie an einen Fremden denken. Wir haben doch ziemlich ein­gehend über meine Arbeiten gesprochen und Sie — nun, ich bildete mir ein. Sie interessierten sich für meine schriftstellerischen Erzeugnisse."

„Nun ja, das war doch aber alles nur geschäft­lich", lautete die nichts weniger als ermutigende Ant­wort. Und dann, einem plötzlicher. Impulse nachge­bend, setzte sie hinzu: „Ich hörte heute vormittag von Ihnen sprechen."

Die Wickung bieder Worte war eine gänzlich uner­wartete. Brand wurde rot. bann blaß, seine Lippen zuckten und ein verlegener Ausdruck trat in feine Au­gen. Er schien vomuszusehen, daß sie ungünstiges über ihn vernommen.

„Hoffentlich nichts schlechtes", meinte er mit ge­zwungenem Lächeln.

„Nichts gutes und nichts schlechtes Ich erfuhr nur, daß wir eine gemeinsame Bekanntschaft besitzen."

„Ah! Eine Dame ober einen Herrn?"

„Es ist Frau Kirbhl"

„Frau Kirbv!" Der Hut, den er in der Hand hielt, fiel zu Boden; ec duckte sich, um ihn aiifzuhcben. „Ja, ich — ich kenne sie."

Olga fragte, ob er bereits von dem Mord gebärt habe. Brand sah fte erjtaunt, erschrocken an. . Von dem Mord? JBon welchem — welchem Mord?"

„Haben Sie wicklich noch nichts davon gehört?" rief Olga verwundert. „Herr Kirbv ist ermordet worben!" (Fortsetzung folatJ