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Mittwoch »en 22. Juni WO.

37. Jahrgang.

* filäaer W

Zeitung«

2. Blatt.

vnick und Verlag der Zuldaer Acttendrncktrei in 5«lda.

* Die Kretafrage

drängt mit innerer Gewalt einer schnellen Lösung entgegen.

Im nächsten Monat finden die griechischen Wahlen statt, und es unterliegt keinem Zweifel, daß dann auch kretische Abgeordnete in Athen er« scheinen werden. Dann muß es zur Entscheidung kommen. In klarer Erkenntnis dieser Sachlage hatte Frankreich die Anregung zur Emberufung einer Konferenz gegeben, welche eine definitive Regelung des kretischen Problems vornehmen sollte. Es ist zwar von England aus ein Dementi dieser Nachricht erfolgt, jedoch darf als sicher angenommen werden, daß Herr Pichon tatsächlich diese Absicht gehabt hat, und daß Italien und die Türkei bereits rhr grundsätzliches Einverständnis erklärt haben. Nur England wollte von einer Konferenz nichts wissen, und was von seiner Seite voraeschlagen worden ist, konnte nur dem Zwecke einer Verschleppung, einer Verzögerung der definitiven Lösung dienen.

England hat von jeher eine sehr zweifelhafte Krelapolitik betrieben. Es kann als sicher gelten, daß diese Politik zeitweise von dem englischerseits sehr leicht verständlichen Wunsche getragen wurde, Kreta selbst zu besitzen. Ob dieser Wunsch auch die heutige Haltung Englands beeinflußt, wird vielfach bestritten; vielmehr wird betont, nur die Rücksicht auf die nah verwandte griechische Dynastie veranlasse Eng­land, einer raschen und endgiltigen Regelung der Kretafrage ausweichen. Demgegenüber ist ein geschichtlicher Rückblick des ,Reichsbotew auf die englische Kretapolitik recht interessant, wenn man sich auch den Schlußfolgerungen in allen Punkten nicht anzuschließen braucht.

Es heißt da:

„Schon Wellington wollte die Sudabucht 1828 be­setzen. Deshalb hat England die Bereinigung Kretas mit dem befreiten Griechenland hintertrieben, und ebenso schroff wie damals Lord Aberdeen, widersetzte sich später Lord Palmerston dem griechischen Begehren. Dem entspricht auch, wie England 1896 — 97 gehandelt hat. Wohl ging England mit Griechenland scheinbar damals Hand in Hand, stachelte es zum Kriege mit der Türkei an und half ihm, soweit dies möglich war, aber doch nur, weil England die türkische Macht auf Kreta gebrochen sehen wollte, um dort die eigene im gleichen Zeitpunkt aufrichten zu lönnen. Als sich dann die anderen Mächte dem schließlichen Uebergange der Insel an Griechenland geneigt zeigten, drohte England mit dem „Austritt aus dem europäischen Konzert" und setzte die Autonomie der Insel durch, um dein eng­lischen Protektorat ten Weg offen zu halten. Man rechnete nämlich in London damals wie heule, damit, daß die autonomen Kreter immer wieder neue Wirren heraufbeschwören würden und daß man dann die Insel, ähnlich wie Aegypten, „provisorisch" d. h. auf englisch „für immer", besetzen könnte. Die Rechnung auf neue Wirren trog nicht. Schon 1901 stand die Kretafrage wieder auf der Tagesordnung, und 1904 wurde sie den vier „Schutzmächten" bereits sehr unbequem. (Bekannt­lich hatten Deutschland und Oesterreich sich schon 1897 von der Beteiligung an fortgesetzten Blamage zurück­gezogen.) Als die griechische Regierung Miene machte, dem von Kreta proklamierten Anschluß an Griechenland zuzustimmen, kündigte England für diesen Fall das Erscheinen seiner Flotte vor Kreta an. Seitdem ist die Frage nicht mehr zur Ruhe gekommen, denn alle Be­schwichtigungen wirkten nur vorübergehend. Eine neue Torheit war es, daß die Schutzmächte die Besatzungs« truppen im Juli 1909 von der Insel zurnckzogen. Die Anregung dazu ist von England ausgegangen. Wiederum bedroht nun die Kretafrage den Frieden, denn infolge der Räumung haben die gefährlichen Elemente, welche den Anschluß an Griechenland er­zwingen wollen, wieder Oberwasser."

Es entspricht ganz der traditionellen englischen Polink, daß für die durch das eigene Verhallen Englands geschaffenen Schwierigkeiten andere Leulc zum Sündenbock gemacht werden sollen. Deutschland und Oesterreich-Ungarn sollen als Schuld'gcn hingestellt werden. Das ist natürlich unsinnig, denn diese beiden Staaten Haden, nachdem sie mit gutem Bedacht aus dem Konzert der Schutz- machte ausgeschieden sind, die kretische Angelegen­heit stets als eine besondere Sache der Schutzmächte behandelt. Selbst sonst mißtrauische türkische Blätter haben sich gegen diese englische Hetze ge­wandt und den Engländern ein Kehren vor der eigenen Tür empfohlen. Es scheinen jetzt Versuche gemacht werden zu sollen, Deutschland und Oester­reich in die Angelegenheit hineinzuziehen. Wir halten dafür, daß rott m diesem Augenblick gar keinen dümmeren Streich machen könnten, als wenn wir solchen Lockungen folgen wollten. Mögen die Schutzmächte ihre Sache allein weiter führen.

Dte Bedenken Englands gegen eine definitive Regelung der Kretaangelegenheit scheinen inzwtschen auch bei den anderen beteiligten Mächten durch­gedrungen zu sein. Die Türkei hingegen besteht, vorläufig wenigstens, auf einer definitiven Lösung des Problems. Das stille Rüsten und der Boykott gegen Griechenland dauert fort, wenn auch der Minister des Aeußeren, Rifaat Pascha, im Parla­ment zur Geduld riet, die bei der notorischen Ueber- legenheit der Türkei über Griechenland durchaus keine Schwäche bedeute. Ein Schreiben des MnisterS

des Innern an sämtliche Provinzialbehörden, worin erklärt wird, die Mächte hätten endgültig die Wahrung der Souveränitätsrechte der Türkei auf Kreta sowie der Rechte der Mohamedaner selbst beschlossen, dient wohl dem gleichen Zweck der Be­ruhigung, um die der Türkei jetzt günstigen Chan­cen nicht durch einen unbedachten Schritt aus der Hand zu geben.

Die Note der Schutzmächte an Kreta, die muhamedanischen Abgeordneten zur Nationalver­sammlung zuzulaffen, ist bisher ohne Wirkung ge- blieben. Nicht einmal die Entsendung je eines Kriegsschiffes der Schutzmächte in die kretischen Ge­wässer hak dm Trotz der Kreter gebeugt. Während noch erwogm wird, ob man nicht zur Verstärkung der Aktion je ein zweites Kriegsschiss entsenden soll, tritt Rußland mit einem ebenso radikalen wie vernünftigen Vorschlag hervor, der den Anfang vom Ende der Krctaroirren bedeuten kann, wenn fich die Schutzmächte alle unter einen Hut mit diesem Projekt bringen lassen. Die russische Note führt aus:

„Da? Petersburger Kabinett glaubt, daß in An­betracht der Stimmung in Kreta kaum zu hoffen ist, daß Kreta den Wünschen der Schutzmächte sich frei­willig fügen werde, und daß man daher als End­ergebnis die Wiederbesetzung der Insel durch die Schutzmächte und die Nebernahme der kretischen Berwalkung durch sie voraussehen müsse, ein Ergebnis, das aber erst nach einer langen Zeit voller Agitationen und Unruhen, die für die Aufrechterhaltung des Friedens sehr gefährlich sei, eiidteten würde. Unter diesen Umständen, und der Unmöglichkeit gegenüber, alle Signaturmächte des Berliner Vertrages zu einer endgültigen Lösung der Kretafrage ohne weiteres bereit und ohne im Wettstreit miteinander zu finden, ist die russische Regierung der Meinung, daß jede der vier Schutzmächte sofort zur Errichtung einer provisorischen Regierung seitens ber genannten Mächte ein hinreichendes Truppenkontingent nach Kreta entsenden könnte. Befände fich das Streit­objekt wieder in den Händen der vier Mächte, so könne man auch auf eine allgemeine Beruhigung rechnen.

Diese nicht gerade tröstlichen Aussichten haben die Kreter in höchste Aufregung versetzt. Weder eine Botschaft Königs Georgs von Griechenland noch die ruhigere Haltung der kretischen Regierung mit dem bekannten Veniselos an der Spitze konnten demgegenüber irgend einen Eindruck auf die Bevöl­kerung machen, deren Widerborstigkeit wahrhaftig nicht die Rücksichten verdient, die man ihr zuteil werden läßt.

Deutscher Reich.

♦ Veteranensürsorge und Wehrsteuer. Die erste Konferenz der Parteien im Reichsschatzamte hat zu keiner Lösitng geführt; man ist sich nur einig darin, daß ohne eine Lösung der Deckungsfrage eine erwei­terte Fürsorge für die Veteranen nicht eintreten kann; eine erweiterte Fürsorge, da rund 200 000 Veteranen die jährliche Beihilfe von 120 Mk. schon erhalten- In der Deckungsfrage steckt die Schwierigkeit. Die W e h r st e u e r ist zwar sehr unpopulär; aber es zeigt sich auch hier, daß die populärsten Steuern in der Durchführung auf die meisten Schwierigkeiten stoßen /Warenhaussteuer, Zuwachssteuer usw.). Sobald man an die Einzelheiten dec Wehrsteuer herangeht, treten aanz gewaltige Schwierigkeiten hervor, die zum guten Teil auf dem bundesstaatlichen Charakter des Reiches beruhen Im „Bad. Beobachter" macht nun der Abg. Erzberger den Vorschlag, eine Klaffenwehrsteuer einzu- sühren und ssihrt dazu auS:

Die milität freien Personen müßten zuerst ge­schieden werden in steuerfreie uno steuerpflichtige. Die steuerpflichtigen Militärfreien könnten in 6 Klassen — je nach den Seiundheitsveihältnissen und dem Besitze der Familie oder persönlichem Einkommen — verteilt werde». Die Steuer wäre zwölf Jahre hindurch zu erheben. Man kann sich also eine solche Klassensteuer denken 1. Klaffe 6 Mark Jahressteuer, 2. Klaffe 12 Mark, 3. Klasse 2t Mark, 4. Klaffe 43 Mark, b. Klaffe 96 Mark und 6. Klaffe 110 Mark Jahressteuer. Die Masse der steuerpflichtigen Militärfreien käme in die 1. Klasse, d. h. sie hätte monatlich 50 Pfg. an Wehr- fteuer zu entrichten. Die Einteilung in die einzelnen Klaffen hätte dte Ersatzkommission zu vollziehen, da ihr alles Material am besten vorliegt. Die Erhebung der Steuer könnte durch die Bezirkskommandos kosten­los geschehen; man kann an dte Verwendung von Stempelmarken denken; jedem Mtlitärschein der Ersatz- kommijsion würde ein Steuerbogen angefügt werden. Jede B.Hörde ist verpflichtet, bei Verwendung dieses Mlsitärscheines als Legitimationspapier die Entrichtung der Steuer nachzuprüfen. So wäre der ganze Apparat ein sehr einfacher und die Steuer könnte die erforder­lichen Gelder für die Veteranen einbxingen.

Ausland.

*♦ Dem liberalen Morgenrot in Spanien scheint kein liberaler Sommertag folgen zu sollen. Zwar hat Canalejas dem Vertreter des franzöfischen Regierungs­blattes, des Motin', gegenüber noch recht hochtrabende und hochgemute Worte über sein kirchenvolitisches Pro­gramm gesprochen. Aber ganz anders nahm sich feine Rede nach Eröffnung der Cortes aus. Die liberale

„Kölnische Ztg.' berichtet darüber: Interessanter als der Inhalt der Rede war der Geist, der sie durch­wehte. Es war die Stimmung eines Skcpftkers, eines Pessimisten, der weder an sich, noch an seine Gefolg­schaft, noch an die baldige Verwiicklichung seiner Po­litischen Ideale glaubt Canalejas sprach von seiner Regierung, als ob sie nur nach „Stunden, Tagen oder Monaten" zähle, von der Kürze seines ministeriellen Lebens usw. Die Hörer glaubten ihren Ohren nicht zu trauen, denn jeder andere darf Zweifel an der Beständigkeit dieses Kabinetts Süßem, nur nicht der, welcher an seiner Spitze steht. Mit einer solch mut­losen und unsichern Jeremias- und Kassandra-Stim­mung neue Cortes zu eröffnen, war kein glücklicher Gedanke, schon deshalb nicht, weil sich die Republika­ner dadurch nur ermutigt fühlen können.

* Für die Albaner kommt das dicke Ende nach. Das Kriegsgericht und der Henker beginnen zu ar­beiten. Der Sekretär des Gilaner Führers Idris Sefer wurde in Katschanik hingerichtet. In Prizren wurden drei Personen, darunter ber Bürgermeister von Prizren, gehenkt. Der Jnsurgentenführer Issa Boletinaz und dreizehn seiner Anhänger sind nach Montenegro geflüchtet; sie sind nach Niksic gebracht und unter polizeiliche Aussicht gestellt worden. — Der Einmarsch ber Truppen in das Gebiet von Maicista ist auf Schwierigkeiten gestoßen, weil die Arnauten an mehreren Orten Widerstand leisteten. Die Truppen verjagten schließlich die Arnauten und nahmen eine Anzahl von ihnen fest. Es wurde damit begonnen, die Bevölkerung zu entwaffnen.

volkwichchasNiches un» Sozialer.

IN lieber die Lage des Arbeitsmarktes in Hessen, Hessen-Nassau und Waldeck im Mai berichtet der Mit­teldeutsche Arbeitsnachweisverband: Auch in diesem Berichtsmonat stand wie im April die Bauarbei­teraussperrung im Vordergrund des Inter­esses. Die Haupfftreiffragen sind ja inzwischen durch ein Schiedsgericht geschlichtet, doch scheinen die ört­lichen Verhandlungen über Lohnerhöhung und Ar- beits-eitvcrkürznng noch großen Schwierigkeiten zu be­gegnen. In ber Metallindustrie war nur eine ganz geringe Besserung zu konstatieren. Tie stärkere Nachfrage von Arbeitsuchenden in den Grotz- und Mittelstädten ist wohl in der Hauptsache auf die durch die gute Witterung der letzten Wochen und die vorgerückte Jahreszeit hervorgerufene Wanderlust der jüngeren Elemente zurückzuführen. Das Hauptange- bot stellten Maschinenschlosser und Mechaniker. Im Spenalerfachc wurden meistens nur junge Leute zur Aushilfe verlangt. Sckmiede sanden fast immer Ar­beit, wenn auch hauptsächlich wohl in den Mittel- und Kleinstädten. Die chemische Industrie war auch im Berichtsmonat noch voll beschäftigt; ein in einem größeren Werk in der Nähe Frankfurts ausge­brochener Streck konnte schon nach wenigen Tagen gütlich 6eigelegt werden. In der Lederindustrie hielt der gute Beschästigungsgang ebenfalls an, einige kleinere lokale Streiks konnten beigelegt werden. In der Holzindustrie waren besonders die Möbel­fabriken und Möbelschreinereien im Verbandsgebiete gut beschäftigt; viele Neueinstellungen sanden statt. Wagner waren besonders in den Kleinstädten sehr gesucht, sodaß nicht immer alle offenen Stellen besetzt werden konnten. Die Industrie ber Nahrung s- und Genuß mittel zeigte in den Großstädten durch den singenden Fremdenverkehr und in den zahl­reichen Kur- und Badeorten des Verbandsgebietes durch die Eröffnung vieler Hotels und Pensionen eine leichte Belebung. Im Bekleidungsgewerbe hielt Oer flotte Geschäftsgang im allgemeinen an. Rur die Offenbacher Schuhfabriken klagen. Im Schneider­gewerbe konnten fast in ollen Städten des Verbands­gebietes nicht alle offenen Stellen beseht werden. Die Lage des Arbeitsmarktes im Baugewerbe war natürlich durch die Bauarbeiiercmssperrung gegeben. Wie wir schon im vorigen Bericht ausführten, drücken die ausgesperrten Bauarbeiter nicht viel auf den Ar­beitsmarkt, da die meisten auf dem Lande wohnen, wo sie ein eigenes oder gepachtetes Grundstück bewoh­nen, das sie entweder selbst bearbeiten oder bei den Landwirten aus Tagelohn gehen. In den Drucke­reien stieg die Zahl der Arbeitslosen von 26 auf 58. Im Bezirk Frankfurt a. M. des Verbandes der Deutschen Buchdrucker wurden an 41 Mitglieder für 707 Tage 1526,25 Mark Arbeitslosenunterstützung und an 55 Reisende für 206 Tage 250 Mark Reise­unterstützung gezahlt. Für die ungelernten Ar­beiter hat sich der Arbeitsmarkt im Berichtsmonat etwas gebessert; allerdings wurden hauptsächlich jün­gere Leute von 14 bis 25 Jahren verlangt, wahrend nach älteren Leuten sehr wenig Nachfrage war. Der landwirtschaftliche Arbeitsmarkt wird durch die ausgesperrten Bauarbeiter, die. wie schon oben erwähnt, meistens auf dem Laude wohnen und auch für landwirtschaftliche Arbeiten geeignet sind, in­sofern beeinflußt, als dadurch die Nachfrage nach land­wirtschaftlichen Arbeitern in einigen Arbeitsnachwei­sen des Verbandsgebietes geringer war, als in frühe­ren Jahren. Nach der Statistik der O r t s k r a n k e n- ka s sen ist außer in Kassel und Gießen die Zahl der

versichemngspflichtigen männlichen Mitglieder überall gestiegen, beiden weiblichen Mitgliedern machen nur Mainz, Hanan und Fulda Ausnahmen In F u l d a flieg die Zahl der männlichen Mitglieder von 2760 auf 2845, die der weiblichen fiel von 1140 auf 1127.

Aus dem Nachbargebiete.

* Höchst, 21. Juni 1910 In einer Beleidigungs­klagesache von geringfügiger Art, die mit 3 Mark Geldstrafe gesühnt wurde, wurde der zum zwei­tenmal als Zeuge vernommene ledige Arbeiter Joh. Haar aus Sindlingen im Gerichtssaal wegen Mein­eids verhaftet.

* Wiesbaden, 21. Juni 1910. Der im Februar v. I. in Frankfurt gegründete VereinfürKr ü p- pelfürsor ge in Hessen-Nassau veröffentlicht seinen erften Jahresbericht. Das Ziel, ein Krüppelheim für die gesamte Provinz zu errichten, ist noch nicht er­reicht worden, da sich in der Stadt eine Agitation ge­gen das zum Bau bestimmte Terrain im Kurviertel geltend machte Man befürchtet von der Anstalt eine Beeinträchtigung des Kurlebens. Ein provisorisches Kinderheim mit 20 Betten ist voll belegt. Der Verein zählt 347 Mitglieder und hatte 68950 Mack Ein­nahmen.

* Wiesbaden, 21. Juni 1910. Heute morgen i hielt en die beiden 5 bezw. 6 Jahre alten Kin­der Friedel und Ernst Müller, deren Mutter 'ich auf Monatstelle befand, mit Feuerzeug und setzten dadurch einige Kleider in Brand- Die Kinder wurden mit schweren Verletzungen an Kopf und Händen durch Rauchvergiftung betäubt aufgefunden und ins Kran­kenhaus gebracht, doch hofft man sie am Leben zv erhalten.

♦ Hachenburg, 21. Juni 1910. Höchst interessant ist es, so schreibt man dem Wiesb- Tgbl, wie Herr Landwirtschaftsinspektor Schneider, Kleeberg, feine ausgedehnten Weiden auch für die Hühner­zucht nutzbar macht. In einem eigens für den Zweck gebauten Wagen werden die Hühner am Mor­gen auf die Weide gefahren. Dort finden sie nun reich­lich Futter an dem Gras und den tierischen Schädlin­gen, die sich dort massenhaft vorfinden. Legeplätze finden die Hennen in dem Wagen, der an der Rück­seite eine Anzahl verschließbarer Legenester aufweist, die so eingerichtet sind, daß die Eier von außen her­ausgenommen werden können. Am Abend suchen die Hühner den Kastenwagen wieder auf, der übrigens Aehnlichkeit mit einem kleinen Zigeuperwagen hat und auf vier niedrigen Rädern ruht Der Wagen wird nun mit den Hühnern auf den Hof gefahren, wo sie übernachten, um dann am Morgen ihre Tätigkeit auf der Weide wieder aufzunehmen. Wohl auf Anre­gung des Herrn Schneider hin hat sich in Mittelhattert eine „ Hühnerwagenfabrik" etabliert, die erfte in Deutschland, die auch wirklich schon eine Anzahl Wa­gen versandt hat.

* Erfurt, 20. Juni 1910. In dem Christi a- n e n h ei m, das der Eiscnbahntöchterhort mit einem -Kostenaufwand von 300 000 M. erbaut hat und das, wie gemeldet, gestern in Gegenwart des Eisenbahn­ministers seiner Bestimmung übergeben wurde, haben bereits 42 Töchter von Eisenbahnbeamten und- Ar- beitem Aufnahme gefunden.

vermischtes.

* Im Streit mit den Brüdern Lieber erschoß der Schlosser Esser in A a ch e n den einen der Brüder und verwundete den andem sowie eine dritte Person schwer

* Bei einem Automobilunfall auf der Straße von Wegscheid-Riederalp nach Würzburg geriet ein Insasse unter dm Wagen und wurde tot hervorgezo- g.en. Die übrigen fünf Mitfahrenden erlitten erheb­liche Verletzungen.

* Geschneit hat es in der Montagnacht im Rie­se n g e 6 i r g e. Der Koppenkegel war morgens voll­ständig weiß. Der Schnee blieb bis Mittag liegen.

** Zum Tode verurteilt wurde vom Schwurge­richt in T h o r n der 26jährige Volksschullehrer Jakob Schadt aus Oslowa wegen Mordes. Schadt hatte am 18. April die siebzehnjährige Besitzerstochter Ger­trud Rvhlmann, mit der er verlobt gewesen war, durch mehrere Revolverschüsse getötet, weil sie von ber Ver­lobung nichts mebr wissen wollte. — Vom Schwur­gericht in Breslau wurde die 28-jährige Näherin Valeska Bunzek, die am 12. Mai den achtzigjährigen pensionierten Eisenbahnvorschlosser Carl Weiß in sei­ner Wohnung ermordet und beraubt hatte, ebenfalls zum Tode verurteilt.

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