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37. Jahrqanq

Fulda, Mittwoch den 22. Juni 1910

Erstes Blatt

ÜV5 140.

Davon, daß er am Sonnabend seinen Abschied

erhalten würde, hat Herr v. Moltke unmittelbar vor- ' her ebensowenig eine Ahnung gehabt wie seine gesamte

trfäditf täglich mit Rtmiahme der Zo.m- Mitb$dtrtege viertel- jährliche'rvernqrpre'.r ohne Bringerlobr und vosteLgeld inZulda so­wie mtzwärtrtsvMk

verautw Redakteur' Lark Schütter

Z. parzeler tn Znlda. WschenbeiMgL',Illustrierte Zonntagrzeitung"

Umgebung. Er hatte vielmehr eine Reihe Verfügungen getroffen, nicht nur für die nächsten Tage, sondern auch für den Herbst, die beweisen, daß er jetzt an alles eher dachte als an seinen nahen Rücktritt.

mann oder auch nur von einem Philosophen an sich haben, wenn er unter den obwaltenden Umständen Herrn v. Heydebrand den Krieg ansagte und sich unter die schillernde Schleppe des Herrn Baffermann flüchtete.

Aus dem Umstande, daß neben dem konservatt- ven Herrn v. Dallwitz auch der mittelparteilichr Herr v. Schorlemer in das Ministerium berufen ist, möchten wir folgern, daß der Ministerpräsident immer noch den Wunsch hat, einen möglichst großen und gewichtigen Teil der nationalliberalen Partei, namentlich von dem nordwestlichen Flügel, zur posi­tiven Mitarbeit wieder heranzuziehen. Die vor­liegende schroffe Absage wird solche Hoffnungen wohl etwas dämpfen; doch vielleicht sagt sich der Ministerpräsident, daß hier der linke Flügel gesprochen habe, und das große Wort nicht immer das letzte Wort sei. Es muß sich ja bald zeigen, ob und wie der Ministerwechsel aus den Gährungs- prozeß innerhalb der nationalliberalen Partei ein» wirkt. Wir für unseren Teil betrachten die Perso- nalveränderungen mit größerer Gemütsruhe, als wie es die „Nationalliberale Korrespondenz' tut. Unser Selbstbewußtsein ist tiefer begründet, als in persönlichen Stimmungen und Strebungen.

Deutsches Reich.

0 Politische Ursachen des Ministerwechsels

werden jetzt entdeckt. Die „Voss. Ztg.' (Nr. 285 v. 21. 6.) dringt eine etwas sensationell aufgeputzte Mitteilung, wonach

der Minister des Innern v. Moltke nicht amts­müde, sondern wegen Meinungsverschieden­heiten mit dem Reichskanzler v. Bethmann- Hollweg gegangen sei. Herr v. Moltke hat das Wahl­rechtskompromiß für unannehmbar gehalten und sei für direkte und eventuell auch für geheime Wahl gewesen, während der Kanzler die indirekte Wahl nicht aufgeben wollte.

Das genannte Blatt sagt ferner, der Minister von Moltke sei von der Aenderung im Ministerium völlig überrascht worden:

Freiherrn v. Lynker und des Chefs des Marine­kabinetts, Vizeadmirals v. Müller entgegen. — Das Reichsamt des Innern wird am 1. Dezember d. Js. eine Zählung der Kriegsteilnehmer von 1848, 1864, 1866, und 1870/71 vornehmen, um die Höhe der VeteranenbeihÜfe genau bestimmen zu können. — Der Reichskanzler sandte an die Witwe des Zentrumsabg. Schmidt-Warburg folgende Depesche: Beim Tode Ihres auch von mir hoch­verehrten Gemahls bitte ich, meiner aufrichtigen Teilnahme versichert zu sein. Reichskanzler Beth- mann-Hollweg. — Zum Syndikus des Deutschen Werkmeisterverbandes ist der frühere Bürgermeister Werner aus Luckenwalde gewählt worden.

+ Prinzessin Feodora zu Schleswig-Holstein t- Das deutsche Kaiserhaus ist in tiefe Trauer versetzt worden. Unerwartet ist die jüngste, unvermählte Schwester der Kaiserin, Prinzessin Feodora zu Schles­wig-Holstein Dienstag vormittag in Obersasbach, wo sie zum Besuch bei Freifrau von Roeder weilte, an Herzschwäche gestorben. Die Kaiserin und die Prin­zessin Friedrich Leopold von Preußen wurden sofort von dem Ableben der Prinzeffin benachrichtigt. Wie verlautet, wird die Kaiserin infolge des Todesfalles ihre Teilnahme an der Kieler Woche und ihren Besuch in Flensburg absagen. Die 1874 geborene Prinzeffin hatte seit dem Tode ihrer Mutter chren Wohnsitz auf Krongut Bornstedt bei Potsdam Seit fast drei Jahren war sie schwer leidend, und meist an den Rollstuhl gefeffelt. Unter dem Decknamen F. Hugin hat sie mehrere Erzählungen und Romane veröffentlicht, die in literarischen Kreisen Anerkennung fanben.

)( Der Entwurf des neuen SchifsahrtSabgaben- grsrtzes ist soeben veröffentlicht worden. Danach dürfen die Angaben auf künstlichen Wasserstraßen die Kosten für Herstellung und Unterhaltung nicht übersteigen. Es werden drei Stromverbände, Rhein- verband, Weserverband und Elbeverband gebildet. Vorgesehen sind die Kanalisierung des Mains und des Nekars und der Ausbau der Saale von der Einmündung des geplanten Verbindungskanals mit Leipzig in der Nähe von Kreipau bis Halle. Die Tarife sind eingeteilt in fünf Klaffen mit tonnen« kclometrischen Einheitssätzen nach Stromabschnitten; sie steigen von 0,02 Pfennig bis 0,10 Pfennig. Zu Aenderungen des Tarifs ist eine Zweidrittelmehrheit erforderlich. — Die Bundesstaaten haben dem Ge­setz zugestimmt. Die Entscheidung darüber, ob es wirtlich zustande kommt, liegt bei Oesterreich, das bis jetzt auf seine freie Elbschisfahrt unter keinen Umständen verzichten will.

s Zu den Sonderkrankenkaffen, den besonderen Orts-, Betriebs- und Jnnungskrankenkaffm nahm in der Dienstagssitzung die Reichsverfichenmgskomnns- sion Stellung. Die Regelung der Frage, in welchen Fällen besondere Ortskrankenkaffen neben den allge­meinen Orts- und Landkrankenkaffen zuzulassen sind, erfolgte im Sinne der Regierungsvorlage. Nur wurde die Mindestzahl der Mitglieder von 1000 auf 500 her­abgesetzt Jnbezug auf die Jnnungs- und Betriebs- krank^nkc.ssen erst irrte Staatssekretär Delbrück grund­sätzlich, daß es ebenso verkehrt sein würde, die. Be- tnebskrankenkaffen gänzlich zu beseitigen, als auch sie über ein gewisses Maß auszudehnen. Von Setten des Zentrums, der Volkspactei und der Sozialdemo­kraten wurde der Standvuntt vertreten, daß die Be­triebskrankenkaffen überhaupt eine Schädigung der Ortskrankenkassen bedeuten, wegen der Möglichkeit einer Auswahl der Risiken. Tatsächlich ist die Kran­kenziffer bei den Betriebskrankenkaffen erheblich ge­ringer als bei den Ortskrankenklsssen. Die großen Ar­beitgeber sind dadurch im Vorteil gegenüber den klei­nen, die die schlechteren Risiken in den Ortskranken­kaffen mittragen müssen.

♦ Steuerdrückebergerei in der Industrie. Auf dem in Bochum abgehaltenen westfälischen Land- gememdetag brachte der Amtmann von Wehren- Rauxel die Steuerdrückebergerei der Zechen- und

v Die Ungnade der National- liberalen

wird dem armen Herrn v. Bethmann-Hollweg mit Stentorstimmen verkündet.

In Sperrdruck bringt die parteiamtliche „Nat.« iberale Korrespondenz' eine schroffe Absage in den „schwarzblauen' Staatsmann, der es gewagt zat, bei der Ernennung von zwei neuen Ministern Die herrliche Partei von „Bildung und Besitz' zu übergehen!

Was Hilst es nun dem Ministerpräsidenten, daß er in den Wahlrechtskämpsen sich mit Todesver­achtung für die nationalliberalen Wahl­interessen im nordwestlichen Jndustriebezirk ins Zeug gelegt hat? Und was hilft es dem neuen Minister v. S chorlemer, daß er ein Drittelungs- Amendement ausgebrütet und im Herrenhaus durch­gefetzt hat, das der nationalliberalen Partei auf den geehrten Leib zugeschnitten war? Der Liebe Müh' war all umsonst. Herr v. Bethmann wird als verlorener Gefangener des „schwarzblauen Blocks' hiugestellt, und Herr v. Schorlemer wird in d eselbe Wolfsschlucht geworfen mit den Worten: „Auch er gehört der konservativen Richtung an." Zum Schluß des galligen Artikels fehlt der Hinweis auf „Philippi' nicht, der von Baffermann bis Hoffmann so sehr beliebt ist.

Also auch Freiherr v. Schorlemer ist den Nationalliberalen nicht liberal genug? Gestern noch konnte man überall in liberalen Blättern lesen, er sei freikonseroativ bis liberal Man sieht, daß Undank noch immer der Welt Lohn ist. Nebenbei ist !ür uns der Zusatz von Interesse: „Für einen Irrtum würden wir es halten, wenn man aus feiner Berufung folgern wollte, daß damit der Zentrumspartei Fehde angesagt werde.' Freilich, der vielseitigen nationalliberalen Partei, die mit der linken Hand Großl lockpolitik treibt, während die rechte nach Ministermappen angelt, der tonnte es wohl paffen, wenn der Ministerpräst- denk einen Kampf mit dem Zentrum vom Zaun bräche! Dann würde ec ja so schön abhängig von em „allein ausschlaggebenden' Liberalismus.

Kern und Krone des nationalliberalen Fraktions« irgeis sind freilich in der anderen Ministerbe- ■;ufung zu suchen. Herr v. Dallwitz, der neue Lester ves Inneren, ist ihnen zu konservativ. Da war ihnen der gute Moltke doch viel lieber. Herrn v. Mottle rühmt die ,Nationallib. Korresp/ nach, daß er trotz seiner konservativen Vergangenheit bemüht geweien sei, die politischen Beamten bei den Wahlen zu einer neutralen Haltung zu veranlassen. Von Herrn v. Dallwitz scheint man sich eine strammere Wahlpolitik zu versehen. So viel man von dem neuen Minister hört, wird er schwerlich den Be- amlenapparat mißbrauchen im einsestigen Partei- üueresse. Es ist aber immerhin denkbar, daß er genötigt wird, an die Königs- und Staatstreue der Beamten zu appellieren, und nämlich in dem Falle, wenn die Sozialdemokratie im Verein mit ihren Großblockfreunden die ftiedliche Ent­wicklung ernstlich gefährdet.

Wollte die nationalliberale Parteileitung diesen letzteren Gesichtspunkt mal ernstlich durchdenken, so würde sie vielleicht selbst erkennen, daß Herr v. Bethmann unter den gegenwärtigen Verhältnissen beim besten Willen nicht einen nationatttberalen Parteimann an die Spitze der inneren Verwaltung berufen konnte. Was konnte ihm denn ein solch« Parteiminister bieten? Bei der Finanzreform im Reiche haben die Nationalliberalen versagt; bei der Wahlrechtsreform in Preußen sind sie nicht einmal ge­schloffen für das auf ihren Leib zugeschnittene Aaieudement Bethmann-Schorlemer eingetreten. Sie Haven seit vorigen Sommer nichts weiter getan, als schimpfen, Hetzen, Schwierigkeiten machen und der Sozialdemokatie in die Hände arbeüen. Herr v. Bethmann müßte nicht die Spur von einem Staats-

i Berlin, 21. Juni 1910. Der Kaiser nahm am Dienstag im Neuen Palais bei Potsdam die Vorträge des Chefs des Militärkabinetts Generals

Ob das zntrifft, muß dahin gestellt bleiben, auch ob, wie die liberale Presse zu wissen angibt, daß auch Herr von Arnim noch vor wenig Tagen an Gesundheitsrücksichten nicht dachte, sondern plötzlich politischen Plänen des Ministerpräsidenten weichen mußte. Die ,Post' ermrert an die Ansiedlungspolitik und meint, in der Anstedlungspolitik müsse der neue Landwirtschaftsminister endlich energisch mit der Enteignung und Parzellierungskontrolle vor­gehen. Daran wird von der,Post' noch ein be­merkenswerter Angriff auf den Minister­präsidenten angehängt:

Herr v. Arnim habe in der Durchführung der Polenpolitik nicht immer die „im Interesse der Sache wünschenswerte Unterstützung" des Minister­präsidenten gefunden, der einmal das „unverständliche" Wort habe fallen lasten, er sei ein entschiedener Gegner jeder Ausnahmegesetzgebung. Diese „eigenartige Hal­tung" des Ministerpräsidenten habe neben den Gesund­heitsrücksichten dazu beigetragen, die Stellung des Herrn v. Arnim „unbehaglich" zu machen.

Auch hier muß man es dahingestellt sein lassen, was wahr und was nur Kombination ist. Aus­geschlossen ist nicht, daß hier nur der alte Er­fahrungssatz sich wieder einmal bestätigt hat: „Was man wünscht, das glaubt man gern".

Werksherren zur Sprache und führte dazu einige drastische Beispiele ans seinem Amtsbezirk an. Dem ,Vorwärts' entnehmen wir darüber:

Eine Zeche — Namen wurden nicht genannt — habe es verstanden, an Substanzenverlust so viel abzu- ichreiben, daß sie anstatt 40000 Mark Gemeindesteuern nur noch 1400 Mark gnädigst zahlen wolle. Die Zeche habe aber dessenungeachtet sehr hohe Dividenden aus« bezahtt. Hätte sich die Gemeinde nicht mit einer be« sonderen Gewerbe-teuer zu helfen gewußt, so hätten die Kommunalsteuerzuschläge um 110 Prozent erhöht werden müssen. In einem ähnlichen Falle habe eine Zeche gleichfalls so viel Substanzenverluft abgefdjr.eben, daß sie noch 1700 Mark Steuern zahlen mußte. Auch hier habe die Gemeinde durch eine besondere Gewerbe­steuer sich 23500 Mark geholt. Eine andere auswär­tige Zechenverwaltung habe in einer Gemeinde eine Kolonie für 300 Familien gebaut Jede dieser Fa­milien habe der Gemeinde abzüglich der gezahlten Steuern noch 72 Mark Kosten verursacht. Die Zeche zahlte ganze 1700 Mark, die Gemeinde hätte also nahezu 20 000 Mark hinzuzahlen müssen, wenn sie sich nicht durch eine besondere Gewerbesteuer zu helfen ge­wußt hätte. Leider sei der Erlaß einer solchen Steuer nicht immer durchzudrücken, denn in den Gemeinden, wo die Zeche und Werksvertreter in der Mehrheit seien, sähen sie nicht aus das Interesse der Gemeinde, sondern nur auf das der Industrie. Besondere Vor­sicht sei geboten, damit die Steuer nicht durch fingierte Verkäufe und allerhand Machereien umgangen werde. Der Sertretertag stimmte den Ausführungen lebhaft zu.

+ Einem etwas sonderbaren Vorschlag gewährt die ,Deutsche Tagesztg.' Raum. Von konservativer Sette geht ihr eine Zuschrift zu, in der die rechts­stehenden Organisationen anfgesordert werden, bei den nächsten Reichstagswahlen eine Statistik des sozialdemokratischen Mitläufertums auf­zunehmen. Rian könne dessen Umfang mit ziem­licher Zuverlässigkeit ermitteln,

„wenn man durch ortskundige Vertrauensleute, die dem Wahlatt in den einzelnen Wahllokalen von Anfang bis Ende beizuwohnen hätten, sich über jeden einzelnen Wähler im Hinblick auf seine mutmaßliche Abstimmung durch eine feinem Namen anzusügende Notiz Bericht erstatten läßt. Für die Notiz muß maß­gebend sein, was über das politische Verhalten des Mannes sonst bekannt geworden ist, ferner seine Art, sein Aussehen und sein Auftreten." Es werde sich Herausstellen, daß „die Zahl der sozialdemokratischen Wähler laut amtlichem Wahlresultat ganz erheblich größer war, vielleicht doppelt so groß, als ste es der Vermutung nach hätte sein dürfen. Mit anderen Worten: die Zahl der Mitläufer der Sozialdemokratie aus ihr an sich feindlichen Lagern ist unter dem Schutze des geheimen Wahlverfahrens fast so groß, wie die der eigentlichen sozialdemokratischen Wählerschaft."

Das würde aber doch wahrhaftig keine neue Entdeckung sein. Zur Feststellung dieser längst be­kannten Tatsache ist ein solcher umfangreicher Kontrollapparat wirklich nicht notwendig. Die wahre Tendenz geht denn auch dahin, ein Beweisrnoment für die Beibehaltung der öffentlichen Wahl in Preußen zu erlangen: „Zur Befestigung dieses Prinzips könnte ein Nachweis darüber, wie außer­ordentlich groß das stimmungsmäßige radikale Mit» läufertum ist, sicher nur beitragen!' Es ist ein falsches Beginnen, die Sozialdemokratie durch den Druck der öffentlichen Stimmabgabe niederhalten zu wollen. Was ist denn damit gewonnen, daß im Lande Millionen Leute sind, die für die Sozial­demokratie stimmen möchten — gleich aus welchen Gründen —, daß aber im Parlament ihre Vertreter ausgeschlossen sind? Auf die Art züchtet man nur neue Sozialdemokraten. Die richtige Aufgabe kann nur die sein, die sozialdemokratischen Mitläuser für die Parteien innerlich zu gewinnen. Daraus sollte man auch auf konservativer Seite seine Anstrengungen richten.

** In Friedberg-Büdingen hat die F o r t s ch r 111» liche Volkspürtei, wie dem „B. T." berichtet wird, beschlossen, „aus tattischen Gründen" bei der Stichwahl am 24. Juni den sozialdemokra­tischen Kandidaten Busold zu unterstützen. — Weshalb denn nur „aus taktischen Gründen"?

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Der Wampyr.

Roman von FerguS Hume. Autorisierte Bearbeitung 3] von C. Weßner.

Fräulein Holder seufzte- „Ja, leid«! Ist eS nicht eine Schande für ein Mädchen, ein solches Ge­ständnis abzulegen? Ich fühlte mich gleich von An­fang an durch sein offenes, ehrliches Wesen angezogen. Er tft em aufrichtiger, ehrlicher Mensch, wie man sie heutzutage nur selten trifft."

„Aber fein Name — fein Name?'

„Ich weiß nicht, ob ich Dir diesen nennen darf. Ab« schließlich, was kann es schaden? Er heißt Her­bert Brand *

„Was?" Lena war auigelpiahycu, Ihr Gesicht sah kreidebleich aus. Zwischen den beiden Damen wurde ein Blick getauscht — erstaunt und fragend von Seiten Olgas, herausfordernd, wütend von Setten Fran Kirby s.

„Tu kennst chn?" fragte Fraulein Holder. Und als die And«e nickte: „Und Du interessierst Dich für ihn! Rein, gib Dir keine Mühe, eS zu leugnen — ich sah die Wahrheit in Deinen Augen.'

Lena stteß ein schrilles, höhnisches Lachen au8 >Dann hast Du eben falsch gesehen!' versetzte sie.

Olga schüttelte verwundert den Kopf. LenaS Leugnen trug nur dazu bei, ihren Verdacht zu be­stricken.

„Du liebst ihn!" sagte sie grab heraus, indem sie auffiand- „So, also ein Mann dieser Socke ist «?' Pah!"

■' Wie eine Furie stürzte Lena auf sie los. „Welcher Socke?" keuchte sie.

Olga schritt auf die Tür zu.

»Acht oher gehst Du, als bist Du mir gesagt hast, Ms Du vorhin sagen wolltest!"

k söge gar nichts", erwiderte das junge Mäd- chen ernst Ich kenne Dich zu gut. Andere magst W vielleicht tauschen — mich nicht!'

Lena blieb mit wutverzerckern Gesicht stehen, wäb- Jenb Olga das Zimmer verließ.

In diesem Moment vernahm man das Aufilinken d« Gartentür. Frau Kirby eilte mit jäh wechselndem Gesichtsausdruck abermals ans Fenst« und Olga öff­nete in diesem Augenblick die Tür. Beide Frauen sahen in diesem Augenblick einen Mann den Garten­weg entlang essen. Er war soeben aus einer Droschke gestiegen, sah purpurrot aus und kam atemlos daher­gelaufen. Es war ein noch junger Mann in vernach- lWgt« Kleidung. Als « Frau Kirby am Fenster erblickte, winkte er lebhaft mit d« Hand. Dann kam er auf Olga zugelaufen-

„Sie find gewiß ihre Freundin?" stieß er atemlos hervor. „Bringen Sie es ihr bei — wollen Sie?"

„Was denn?" fragte Fräulein Holder in scharfem Ton, denn sie erriet, daß er der Ueberbringer schlech- t« Nachrichten fei. „Ist etwas geschehen?"

D« junge Mann nahm den Hut ab und wischte sich die Stinte, auf welcher große Schweißtropfen perl­ten. „Oh, mein Gott, ja — etwas furchtbares! Herr Kirby —' er hielt inne, da Lena die Verandatür ge­öffnet hatte imb heraustrat. „Gehen Sie hinein, gnädige Frau — gehen Sie zurück!'

„Was ist denn?" fragte Lena „Was tun Sie bi«, Prest? Mein Mann —"

„Oh Gott — Ihr Mann!" stöhnte Herr Prest, dann wandte « sich an Olga: „Bringen Sie es Ihr bei, Fräulein >'

„Was denn nur? So sprechen Sie doch endlich!'

Jetzt entledigte sich Prest seiner Nachrichten in einer so kühlen, geschäftsmäßigen Weise, die mtt sei­nem vorherigen erregten Wesen im grellsten Gegensatz stand. x

„Herr Kirby ist tot", berichtete er. „Er wurde heute früh um acht in seinem Bureau erstochen auf- gefunden.'

„Christoph ist tot!' Die junge Frau stieß einen gellenden Schrei aus. „Es ist eine Lüge!"

„Es ist die Wahrhett, gnädige Frau.'

Lena sah «barmungswürdig auf die Freundin. „Olga — er ist — ermordet! Ich kann nicht — ich bin nicht —' Die Wocke «starben in einem leisen Murmeln und die zacke Gestalt sank bewußtlos zu Boden.

„Das Beste, was unter diesen Umständen geschehen konnte', sagte Olga, während fie sich um Lena bemühte. „Kommen Sie mit ins Haus, Herr Prest.'

2. Kapitel.

Während der Unglücksbote der entsetzten Diener- schast den schrecklichen Vorfall «zählte, trug Olga Frau Kirby in ihr Schlafzimm«. Es war ja nur natürlich, daß die arme, kleine Frau unter der Wucht der furchtbaren Botschaft zusammenbrach Und ste «wachte mis ihr« Ohnmacht nur, um in heftige Wein- krärnpfe zu verfallen. Olga tat ihr möglichstes, sie zu trösten, aber vergebens. Die Gegenwart der Freun­din schien ihr sogar lästig zu sein; als Olga dies bemerfte, zog ste sich zurück und überließ die soeben zur Witwe gewordene Frau der Obhut einer blassen, bleichsüchtigen Dame, Selma Warden, die eine ge­wisse Aehnlichkeit mit Frau Kirby aufwies, ohne je­doch deren Frische und Lebhaftigkeit zu besitzen. Fräu­lein Worden schien ihre Herrin zu lieben und bemühte sich mtt ber größten Zärtlichkeit um sie. Olga war froh, als sie da« wahrnahm, denn mm war ihr Ver­weilen überflüssig.

Als sie durch das Wohnzimmer ging, sah ste Herrn Prest inmitten einer Gruppe von Dienstboten stehen, denen er die Einzelhetten des Verbrechens mittelte. Olga trat näher, worauf die Diener schlmnigst ver­schwanden und sie mit Prest allein ließen. Dies« Herr Prest besaß zwei Schwächen: die Liebe für gei­stige Gettänke und für das weibliche Geschlecht- Der öfteren hatte er heute bereits gehuldigt durch reichlichen Genuß von Sognaf mit Setter. Als er Olga erblickte, geriet sein Herz sofock in Flammen. Er stand dem schönen Mädchen auf das bereitwilligste Rede, ant­wortete ausführlich auf alle ihre Fragen und erzählte so toortrrid) wie möglich. Aber Olga liebte das nicht, sie sprach üb« eine Sache immer kurz und bündig. Herr Prest war etwas enttäuscht über ihre kühle Sachlichkeit und seine Zmigenläufigkeit verminderte sich allmählich

„Ihr Chef ist also tot?" fragte ste, als sie mit ihm allein im Zimmer war.

„Tot wie em Steinblock, Fräulein l Ich glaube, in seinem alten Körper ist kein Tropfen Blut mehr.'

„Sie sprechen nicht eben sehr liebevoll von dem Toten", tadelte ihn Olga mit ernstem Blick.

„Ich spreche noch immer besser von ihm als viele Andere", versetzte der Schreib«. „Ich habe eine miserable Zeit bei dem alten Kirby durch gemacht. Er zahlte mir einen Hundelohn und verlangte, daß ich wie ein Pferd arbeitete. Hätte ich eine Stelle als Straßenfeger bekommen, so würde ich ihn von Herzen gern verlassen haben- Aber man brauchte keinen Stra­ßenfeger, so mußte ich schon bei dem schmutzigen, fil­zigen Geizkragen aushalten! Die Leute sagen, er habe kein Herz. Aber derjenige, ber ihn mordete, wußte es besser, denn a wußte sein Herz zu treffen — mit­ten ms Herz hinein ist die Waffe gegangen *

Olga schauerte und «hob fich.

„Gehen Sie noch nicht, FrÄckein", sagte Prest hastig- „Ich will Ihnen alles über den Mord er­zählen, niemand weiß, was ich von dem Vampyr — so hieß nämlich der alte Kirby — weiß."

Olga stutzte „Herr Kirby war doch Rechtsanwalt!" sagte fie.

Prest kichecke tn sich hinein. „Jawohl, so nannte er sich; aber das Geldverleihen war sein Hauptgeschäft. Er war ein schmutziger, alter Geizhals, ein richtiger Vampyr. Alle Welt nannte ihn so — um Gotteswil­len, Fräulein, was sst Ihnen?" ,

Olga stuzte. „Herr Kirby war doch Rechtsanwalt!' nächst stehenden Stuhl gesunken. Der Vampyr! Der Mann, der ihren Vater ruiniert — von dem sie Lena erzählt — und von dem Lena gesagt, ste kemte ihn nicht! Diese unerwartete Entdeckung traf sie wie ein Blitzstrahl und ste zitterte so heftig, daß Prest schnell seine Branntweinflasche hervorzog und fie ihr an die Lippen hielt. Aber Olga war ein tapferes Mädchen. Schaudernd stieß ste die Flasche zur Seite und sah den Schreib« gespannt an.

„Wissen Sie genau, daß Herr Kirby so genannt wurde?'

.Ab« ganz genau weiß ich's!' Prest setzte sich wieder. „Eigentlich müßte ich üb« diese Frage la­chen, Fräulein. Ebenso gut könnten Sie mich fragen, ob ich genau weiß, daß ich geboren bin. Ich bn seit drei Jahren bei ihm und habe tagtäglich gehört, wie