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W 137.

Samstag de» >s. 3unl 19)0.

37. Jahrgang.

• fuldaer W Zeitung«

2. Blatt.

vrnck und Verlag der Fuldaer Aetiendruckrrei in Fulda.

' Gegenseitigkeit! — Eine solche Zumutung ist Höch ' ehrenvoll für die Konservativen und das Zentrum:

aber schließlich sind deren Anhänger doch auch nur Menschen, und man darf von der großen Mafle nicht eine Selbstverleugnung erwarten, die über die durch­schnittliche Leistungsfähigkeit eines biederen Bürgers hinausgeht. Wenn die konservativen und Zentrums­kandidaten in Sttchwahlen mit einem Sozialdemokra­ten von den Liberalen andauernd niedergestimmt wer­den, so verfängt schließlich- bei den konservativen und Zentmmswählem die Parole vom „kleineren Hebel" nicht mehr, sondern man sagt sich: die Großblock­brüder sind alle gleichwertig; mögen sie unter sich aus­machen, wie sie den gemeinsamen Raub verteilen wol­len! „Wenn du nehmen willst, so gib"! sagt Göthe- Wollen die Liberalen Wahlhilfe gegen die Sozial­demokraten haben, so müssen sie mich den anderen bür­gerlichen Parteien die entsprechende Wahlhilfe gewäh­ren Sind sie dazu nicht bereit, so können sie bis zu den nächsten allgemeinen Wahlen sich ja leicht aus- rcchnen, wieviel liberale Wahlkreise sie aus eigener Kraft zu behaupten vermögen. Die Zahl wird lächer­lich klein sein Daß die Gunst der Regierung den Kohl nicht fett machen kann, haben die Liberalen ja an dem unglücklichen Vorstoß der Regierung mit dem Schorlemer scheu Wahlrechtsantrage gesehen.

In Frankreich hat Ministerpräsident Briand sein Regierungsprogramm kundgegeben. Wie bei ihm nicht anders zu erwarten, ist es in seinen Leitge­danken und Grundsätzen ganz vortrefflich, die Schwie­rigkeiten verspürt er sich auf die Praxis der Durch­führung. Die neue Kammer hat bereits in Form von nicht weniger als 14 Interpellationen mit der Be- prechung dieses Programms begannen, die Dauer der (Erörterungen wird auf mindestens 14 Tage ge­schätzt. Briand soll in erster Linie gezwungen wer­den, die Mehrheit zu bezeichnen, mit der et die Ge­schäfte führen will. Zu eingehenderen Erörterungen werden hauptsächlich die Fragen der Wahlreform, der Sozialversicherung und der Schulreform Veranlassung geben. Die Stellungnahme der Kammer zu dem Rc- gierungsprogramm wird allgemein mit großem Jnter- effe verfolgt. Man weiß auch, daß die Gegner Vri- ands eifrig an der Arbeit sind und nur daraus warten, eine etwa hervortretende Schwierigkeit in der Stel­lung des Ministeriums zu einem Vorstoß gegen ihn zu benutzen. Wahrscheinlich aber wird Briand, der in einem Amte seine sozialistische Vergangenheit sehr tark vergessen macht, auch diesmal sich als seinen Geg­nern überlegen erweisen-

„Fmis Finnlandiae" rief der Dumaabgeordnete Punschkewitsch, als die endgültige Abstimmung in dritter Lesung über diefinnländischeVerfas- ungsfrage die Annahme der Regierungsvorlage ergeben hotte Da auch der Reichsrat die Vorlage unverändert und, wie es scheint, fast ohne Diskussion angenommen hat, so ist jetzt die Beseitigung der Auto- i

eine Anzahl Kreter sich einstellen wird, um als ge­wählte Abgeordnete der Insel ihren Platz in den Reihen der griechischen Volksvertreter einzunehmen. Es ist also wirklich höchste Zeit, daß etwas zur Lösung der kretischen Frage getan wird. Die Schutzmächte aber begnügen sich noch immer mit dem Reden. Dies hängt allerdings damit zusammen, daß die Schutz­mächte sich nichts weniger als einig sind. Von Paris aus war gemeldet worden, daß Frankreich die Einbe­rufung einer Konferenz vorgeschlagen habe, die das kre­tische Problem zu lösen versuchen sollte. Aus Lon­don dagegen wird gemeldet, daß nur den Vertretern der Schutzmächte in London nahegelegt worden sei, die kretische Frage in vertraulichen Unterhaltungen zu erörtern. Die neueste Nachricht ist eine Londoner Mel­dung des „Temps", wonach England mit einer Kon­ferenz zur Regelung der Kretafrage nicht einverstanden sei, vielmehr Vorschläge, die Insel wiederum von einem internationalen Truppenkontingent besetzen zu lassen. Wenn diese Meldung richtig sein sollte, so ginge aus ihr hervor, daß England keine Lust habe, die Kreta­frage einer definitiven Lösung zuzuführen Aber was soll dann werden? Im türkischen Parlament sind meh- rere Abgeordnete mit dem Antrag hervorgetreten, alle Griechen aus der Türkei auszuweisen und ihren Han­del und ihre Schisfahrt zu boykottieren. Auf der an­deren Seite hat die griechische Regiemng bei den Mächten Vorstellungen erhoben wegen des den Ver­trägen zuwiderlaufenden Boykotts der griechischen Wa­ren, und es heißt, daß die Mächte ihre Intervention zugcsagt haben. Wenn die Schutzmächte nicht bald sich zu einem Schritte entschließen, der klare Verhält­nisse schafft ■- entweder Kreta an Griechenland an­gliedert oder die Souzeränität der Türkei bei Aufrecht-1 erhaltung der Autonomie der Insel herstellt — wer­den kriegettsche Verwicklungen zwischen der Türkei ut d I Griechenland unvermeidlich fein, deren Folgewirkun-1 gen unabsehbar fein können.

Die Nachrichten über die jüngsten Unruhen in I China haben verschiedentlich die Befürchtung her-1 öorgerufen, daß sich eine Wiederholung des Dramas I von 1900 abspielen könnte. Es ist nicht zu leugnen, I daß die innerpolitische Lage in China bis zu einem gewissen Grade als recht ernst angesehen werden muß. I Von chinesischer Seite wird versichert, daß die Re-1 gierung zu energischem Widerstand gegen alle Aufruhr­versuche entschlossen sei und vor allen Dingen das I Leben und Eigentum der Ausländer schützen werde. Es ist euch zuzngeben, daß eine Revolution sich in erster Linie nur gegen die Dynastie richten würde. Bei I dem bekannten Fremdenhasse der Chinesen und ihrem I wilden Fanatismus ist es jedoch nur zu wahrscheinlich, I daß ein erfolgreicher Aufstand bald auch gegen die Ausländer sich wenden würde, und man kann nur Hof-1 en, daß die chines. Regierung die Kraft besitzt, jedem I irgendwie auftretenden Anftuhrversuch sofott im Keime zu ersticken.

nomie Finnlands vollendete Tatsache, und die Pro­testkundgebungen aus den europäischen Versassungs- staaten — auch freisinnige Abgeordnete des deutschen Reichstags haben bekannllich eine solche Kundgebung an die Duma gesandt — sind umsonst gewesen. Daß diese Proteste keinen Erfolg haben würden, war ja bei nüchtemer Ueberlegung ohne weiteres oorauszu- sehen. Wir können zufrieden sein, daß man in Pe­tersburg so vernünftig gewesen ist, die Proteste ein­fach zurückzusenden und aus der ungerechtf-fttigten Einmischung in die inneren Verhältnisse Rußlands nicht einen Streitfall zu machen.

In der K r e t a f r a g e ist es um nichts besser ober klarer geworden. Im nächsten Monat wird die kon­stituierende griechische Nationalversammlung zusam- mentreten. Man muß damit rechnen, daß dann auch

liberale Blätter wissen mit einer Virtuosität, die Adam Riese als Waisenknaben erscheinen läßt, den „Beweis" zu führen,'daß der Kandidat des Landbundes viel zu wenig Stimmen erlangt habe. 4397 ist mehr als 6396! Denn — so schreibt das „Berliner Tageblatt" — „man wird es in gewissem Sinne als erfteulich ansehen müssen, daß nach der reinlichen Scheidung von den bündlerischen Elementen sich 4397 freisinnige und nationalliberale Stimmen fanden, die mit bünd­lerischen und antisemitischen Bestrebungen nichts zu tun haben wollen. Diese 4397 Wähler geben in der Stichwahl den Ausschlag und bilden die Kemtruppe, mit der künftig an die Wiedergewinnung des Wahlkrei­ses für den Gesamtliberalismus ausgegangen werden kann." Auf diese Weise werden die Leser der libera­len Presse in der raffiniertesten Weise irregeführt. Sie verlieren den Sinn für die Wirklichkeit und werden mitgeriffen in eine Wahltaktik, die für den Liberalis­mus geradezu selbstmörderisch ist. Leider bewirft die­ses Vorgehen noch etwas mehr, als eine Schädigung des Liberalismus, — nämlich eine Verstärkung der Sozialdemokratie, die unsere gesamte innerpolitische Entwickelung mit den gefährlichsten Erschütterungen bedroht Vom grünen Tisch aus kann nun ein Freund des inneren Friedens sehr schon sagen: Gerade weil durch die liberale Hetze und durch die liberale Stich­wahlunterstützung die sozialdemokratische Fraftion so groß zu werden droht, müssen die rechtsstehenden Par­teien und auch das Zentrum es sich zur Pflicht ma­chen, bei Stichwahlen zwischen einem Sozialdemokra­ten und einem Liberalm stets für letzteren einzutreten, — nur im allgemeinen Interesse, ohne Rücksicht auf

△ Ein spanischer Kulturkampf?

Die spanische Regierung schreitet in der Kirchen- jolitif einen Weg, dessen Ziel nicht ganz klar ist. Sie tellt durchaus in Abrede, einen Kulturkampf nach Combesschem Muster inszenieren zu wollen. Man wolle nur eine neue, zeitgemäße Regelung der Verhält­nisse der geistlichen Orden und Kongregationen, be- onders was das Vereinsrecht und die Steuerzahlung ngehe. Zu diesem Zwecke hat man schon seit längerer Zeit mit dem Vatikan verhandelt, da die Vorrechte der panischen Klöster größtenteils auf Abmachungen mit dem hl. Stuhl beruhen.

Das spanische Vereinsrecht beruht auf dem Gesetz von 1887 das durch Dekret von 1902 neu eingeschärft J

i wurde. Danach sind Kongregationen, auch geistlich^ I unter Angabe von Einzelheiten in ein Register einzu­tragen, damit man einen Ueberblick über ihre Zahl, I Mitglieder, Nationalität, Tätigkeit, Steuerzahlung usw. hat und so in der Lage ist, ihre Ueberzahl einzu- schränken.

Das Dekret von 1902 ist durch einen Erlaß des Ministerpräsidenten Ende Mai wieder in Erinnerung gebracht worden. Jedoch soll dieser Erlaß, wie Ca- nalejas äußerte, der erste Schritt sein und die Richt­linien für die künftige Politik angeben.

Ein Stein des Anstoßes ist die Steuerfrei- heitderKlöster. Man kann der spanischen Regie­rung, die an chronischem Dalles leidet, das Mißbe­hagen darüber nachfühlen, daß sic auch diejenigen Klö­ster, die ein Gewerbe betreiben — und deren gibt es in Spanien eine große Anzahl — nicht zu den staatlichen Steuern heranziehen kann. Hauptsächlich deswegen, aber auch um andere strittige Punfte des Verhält­nisses zwischen Staat und Kirche zu regeln, knüpfte sie Verhandlungen mit Rom an. Diese Art des Vor­gehens verdient immerhin Anerkennung gegenüber dem Vorgehen anderer Staaten, die kurzerhand die Kirche die rauhe Hand der Staatsgewalt suhlen ließen. Doch müßte man es bedauern, wenn die spanische Regierung den Nachdruck bei ihrem Vorgehen auf jenen Nachsatz in dem genannter. Dekret von 1902 legen wollte, „um ihre Heberzahl einschränken zu kön­nen". Damit würde sie unzweifelhaft die Grenze bet staatlichen Befugnisse überschreiten.

Rosig sinb die Aussichten in der Zukunft nicht, '.venn man bas neueste staatliche Getriebe betrachtet. Da man einen geeigneten Cortespräsibenten brauchte, schiffte man ben Kultusminister Romanones aus dem Ministerium aus, um ihm diesen Posten anzuvertrauen. ..Der hochfeudale Graf und vielfache Millionär," so sagt der Korrespondent der „Franks. Ztg.", „stand niemals int Verdacht einer Gesinnung, die ihn zum Vorkämpfer oer Gewissensfreiheit (!) und der gei-

wieder mit, und bei dem nächsten Hindernis kann bas grausame Spiel von neuem beginnen. Man sagt, daß gerade die Eisenbahnneubauten, die in der Ahr- gegenb jetzt im Gange waren, zur Verschlimmerung der Wassernot beigetragen haben, weil die vielen Holzgerüste alsbald den Fluten zum Opfer fielen und die losgeriffenen Holzteile dem weiterstürmmden Was­ser gleichsam als Waffen dienten.

Auf die Schreckensbotschaft aus dem Ahrgebiet folgten bald Ueberschwemmungsnachrichten aus Ober­bayern, der Schweiz und anderen Alpengegenden. Auch Oberammergau ist in seinem Passionsspieljahre unter Wasser gesetzt worden. Die Wasserswut scheint eine Reise um die Welt antreten zu wollen. Heute wird aus Erzerurn gemeldet, daß die türkische Stadt Hassan Kalch durch Ueberschwemmung zerstört worden und dabei mehrere hundett Menschen umgekommen seien- .

DaS Jahr 1910 kennt kein Maß und keine Scho­nung Die Natnrkräste toben sich rücksichtslos ans, wie es seit Menschenaedenken nicht erhärt ist. Vorige Woche sprachen wir schon von den zahlreichen Tötun­gen und Verletzungen durch Blitzschläge. In Berlin hat nun neuerdings der Blitz unter den Sonntcgs- ausflüglern einen wahren Massenmord verübt

Es sieht aus, als ob auch die Natur von der mo­dernen Krankheit der Nervosität ergriffen worden fei. Aber die Natur verfällt nicht in wirre Saunen und Tüiken, wie die Menschen, sondern handelt stetig und zielbewußt nach den ewigen Gesehen. Unser Aerger und Schaden rührt daher, daß wir diese Gesetze nicht kennen. Unsere vielgepriesene Naturwissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen. Sobald etwas passiert, was über den Rahmen der gleichförmigen Alltäglich­keit hinausgeht, stehen wir verblüfft, ratlos, ohnmäch­tig, da. Streicht einmal eine tropische Hitzwelle über unser Land, so wissen wir nur zu klagen und zu schwitzen, aber nichts wirksameres zur Abkühlung un­serer Lebenslust zu tun. Will es andauernd nicht regnen, so müssen wir unsere Feldfrüchte hilflos ver­dorren lassen- Und regnet es einmal recht kräftig so wiffm wir mit dem himmlischen Naß nicht fertig' zu werden.

Was dort die kalte Fensterfcheibe bewirft, das besor­gen in dem großen HimmelSraum die elektrischen Entladungen und die Windströmungen Kalte und warme Luftschichten mischen sich; bei der Abkühlung verdichten sich die schwebenden Wasssrieilchen zu Tröpfchen, und wenn die Abkühlung sehr stark und schnell erfolgt, so wird aus den Milliarden von Tröpf­chen ein gewaltiger Wasserfall, ein Wolkenbruch.

Geht die Abkühlung nach und nach vor sich, so gibt es einen andauernden Regen. Der kann unter Umständen ebenso viel ober noch mehr Schaden anrichten, als ein kurzer Wolkenbruch. Es handelt sich darum, ob das niedergehende Wasser gute Abfluß­wege hat und behält. Sind die Rinnsale zu eng ober verstopfen sie sich währenb bes Regens, so flauen sich die Nieberschlagsmengen an, erzwingen sich neue Bah­nen, reißen bie Stege unb bie Brücken ein, bringen in bie Straßen und die Häuser, werfen sogar leicht gebaute Unterkunfts- oder Betriebsräume um, schlep­pen die Trümmer und vielfach sogar bie Menschen mit sich fort.

Das Bischen Wolkenbruch, was wir hier erlebt haben, war ein Kinderspiel im Vergleich mit bet furchtbaren Heimsuchung im Ahrtal, wo nicht nur der Wohlstanb ber ganzen Gegenb, fonbern auch Men­schenleben zu Dutzenben vernichtet würben.

Dort hat sich eine alte Erfahrung bestätigt, bie bisher zu wenig beachtet ist; bei Ueberschwemnm'ngen ist Holz viel gefährlicher, als Stein ober Eisen- Wenn bie Wasserfluten Steine ober Eisen aufbrechen, so müssen biese schweren Stoffe wieber zu Boben sinken. Aber wenn Holz losgebrochen wirb, so schwimmen bie Stangen, Bretter, Balken mit dem Wasser mit Verengt sich der Weg durch ein Brückenjoch oder son­stige Einbauten, so bildet sich aus dem Treibholz ‘ ein Verhau, unter Umständen ein vollständiger Verschluß des Wasserweges. Oberhalb dieser Sperre stauen sich die Waffermassen an und ruinieren weit und breit die Felder ober die Häuser Der Aufstau währt so lange, bis der Druck der Wassermassen groß genug ist, um das Hindernis über den Hmifen zu drücken. Ist diese Drücke durchbrochen, so kann das Wasser weiter wandern; aber es nimmt bann bie Holzstücke

fügen Emanzivation geeignet erscheinen ließ." An die I Stelle des Grafen ist der Journalist und Deputierte ICurell getreten, der sich, wie derselbe Korrespon­dent bemerkt, „in der vergangenen Legislaturperiode als ebenso scharfer wie beredter Gegner des Klerikalis- I mus erwiesen hat". Man braucht das zunächst nicht allzu ttagisch zu nehmen. Denn von Romanones weis- I sagten bei seiner Thronbesteigung im Kultusmini­sterium die hellseherischen Geister auch, er werde als I eingefleischter Kulturkämpfer gegen die Kirche die I schärfsten Maßregeln ergreifen. Und jetzt ist er hoch- I feudal unb ganz zahm!

Inzwischen ist eine weitere Tat des Kabinetts auf kirchenpolitischem Gebiet erfolgt. Durch einen Erlaß

I hat das Ministerium den § 11 der Konstitution dahin ausgelegt, daß die öffentliche Ausübung jeder, von der katholischen verschiedenen Religion

I g e ft a 11 e t ist. Zugleich wurde das Dekret vom 28. Oktober 1876, das jede öffentliche Versammlung nicht- katholischer Sekten untersagt, aufgehoben. Gegen die­sen Erlaß hat der Vatikan formell protestiert als gegen eine Verletzung des Konkordates.

Es fehlt aus der Ferne, wo man Ursache unb Wir­kung nicht vollständig übersehen kann, die Möglichkeit die Bedeutung dieses Erlasses für Spaniens Kirchen­politik zu ermessen. So ganz harmlos scheint der Er­laß nicht zu sein. Sonst würbe ber Vatikan nicht pro­testiert haben; sonst würben auch nicht bie spanischen Korrespondenten liberaler Blätter jubilieren unb bie spanische Regierung zu ihrer entschiedenen Haltung gegenüber der „unerträglichen Anmaßung einiger kleri­kaler Heißsporne" (gemeint ist Merry del Bal) be­glückwünschen.

Es ist infolgedessen begreiflich, daß der spanisch« Klerus, die Bischöfe voran, auf der Hut sind unb war­nen'; baß bas spanische Volk, bas unter der Regie­rungsmache und ans aller Gewohnheit liberal wählt, aber keine liberale Kircheil- und Schulpolitik verträgt, gegenwärtig, wo die Wogen der Erregung hoch gehen, in seiner Heißblütigkeit sich hie und da zu Ausschrei­lungen hat hinreißen lassen. An Aufreizungen läßt es ber Liberalismus, auch nicht fehlen, sodaß man sich noch auf schwere Tage in dem jetzt entbrannten Kampfe der Geister gefaßt machen kann.

von dem katholischen König Friedrich August von Sachsen zu fordern, daß er jetzt eangelisch werdet Wir meinen jene kirchlich-liberalen Kreise, welche den ganzen Streitfall parteipolitisch ausbeuteten, deren wahre Natur auch die protestanttsche Kreuzzeitung er­kannt hat, als sie am 12. Juni schrieb: In der evan­gelischen Bevölkerung wird man aber nun endlich wohl den liberalen Pferdefuß entdecken, ben biese „brienntnistreuen" unb kampfesfreubigen Verfechter der evangelischen Interessen sorgfältig zu verbergen trachten. Mit „tönenden Worten" suchen diese Kämp­fer den Furor protestantieus zu erwecken, aber nicht um die evangelische Kirche zu stärken und zu befestigen, sondern um diese Kampfbewegung dem Liberalismus dienstbar zu machen. Wenn die Liberalen den „Kamp' gegen Rom" mit größtem Schwünge führen und da­mit vielleicht manchem treuen evangelischen Mann ©enugtuung bereiten, so möge sich dieser darüber fiar fein, baß es nicht allein bie katholische Kirche ist, die der Liberalismus bedroht. Auch die evangelische Kirche hat vor dem Liberalismus einen schweren Stand. Das Wirken des liberalen Geistes auf den Kathedern ber theologischen Fakultäten unb aus ben Kanzeln ber evangelischen Kirchen kennzeichnet besser die Besttebungen ber liberalen Vertreter evangelischer Interessen als die „Zuverlässigkeit" des Liberalismus im Kampfe gegen Rom-

Auch in F r i e b b e r g-B ü b i n g e n, bem Wahl­kreise bes verstarb, rechtsnationallib. Grafen Oriola, hat bie Ersatzwahl bestätigt, was ihre Vorgängerinnen als „Zug ber Zeit" enthüllt haben: die sozialdemo­kratischen Stimmen wachsen stark an, die liberale Stimmenzahl geht zurfick, die Rechtsparteien behaup­ten sich. Wie in Usedom-Wollin, so ist auch in Fried- berg-Büdingen der Liberalismus, der bisher 'das Mandat innehatte, an die dritte Stelle hinabgesunken, also aus ber Stichwahl berbrängt worben. In bei­den Fällen steht ein Kandidat ber Rechten mit bem Sozialbernokraten zur engeren Wahl; in beiden Fäl­len geben die Liberalen den Ausschlag. In Usedom- Wollin haben sich die Freisinnigen nicht zur Unter­stützung des Konservativen gegenüber dem Sozialde­mokraten aufzuschwingen vermocht; in Friedberg-Bü­dingen werden die Nationalliberalen schwerlich in je­ner Einmütigkeit, die dort zum Erfolge nötig ist, für ben rechtsstehenden Kandidaten eintreten. In beiden Fällen werden allem Anscheine nach dieSozialdemokra- ten die Zahl ihrer Erfolge vermehren, — Dank der Zwietracht der bürgerlichen Parteien. Und diese Zwie­tracht ist offensichtlich auf die Hetztaftik und Großblock­politik zurückznftihren, bie feit vorigem Sommer in ben liberalen Lagern in Schwang gekommen ist. Die Sachlage ist so ftar, baß man meinen sollte, hier müßte alle Verbrehungskunst scheitern. Aber bie liberale Presse leistet in bieser Hinsicht wirklich unglaubliches. Da haben in Friedberg-Büdingen bie einst tonange­benden Liberalen 4397 Stimmen aufgebracht, ber agra­risch-konservative Kanbibat aber 6396 Stimmen- Welche Partei ist nun g«schlagen unb enttäuscht? Nach ber liberalen Logik diejenige, welche um 2000 Stimmen in Vorsprung ist. Denn bie „Voss- Ztg" schreibt: „Für ben Bund ber Landwirte bedeutet i diese Wahl eine schwere Enttäuschung." Auch andere ।

wocheu-Rundschau.

[:] Fulda, 17. Juni 1910.

In der Enzyklika-Angelegenheit dürfte es nachgerade Zeit sein, Schluß der Debatte zu machm. Zwar von unserer Seite braucht nicht Schluß gemacht zu werden, weil wir uns in keine Debatte eingelassen haben, wie schwer es uns auch von den Heißspornen des Evangelischen Bundes gemacht wurde. Nunmehr hat ber Heilige Stuhl selber in ber Note an ben preußischen Gesandten vom 13. ds. noch ausdrücklich erftärt, daß ihm irgend welche Absicht, die Nichtkatholcken des Deutschen Reiches oder dessen Fürsten zu kränken, ganz und gar fern lag- Der hl. Vater habe niemals die Gelegenheit Vorbeigehen lassen, um feine aufrichtige Achtung und Sympathie für das Deutsche Volk und feine Fürsten zu bekunden. Es wird dann noch das Bedauern ausgesprochen, wenn die Enzyftika eine Erregung her­vorgerufen habe. Damit hat der Papst jeden Anlaß zu Vorwürfen genommen Und man darf nunmehr erwarten, daß in die ernsten positiv evangelischen Kreise Beruhigung und der Geist der Versöhnung einkehrt. Von andern Kreisen glauben wir das frei- lich nicht. Wir meinen jene Kreise, die es wagten,

Gestehen wir es uns nur ein: Dumm sind toll Menschenkinder unb es wirb wohl noch sehr lang« bauern, bis wir halbwegs klug werben. Die Frag« ist nur, ob wir uns nicht wenigstens bemühen wollen, g u i zu werben. Wenn ber Kopf nicht geraten will, so ist vielleicht aus bem Herzen etwas herauszuholen ; Damm meine ich, wie sollten uns zur brüderlichen Hilft aufraffen und den Mitbürgern unter die Arme greifen, bie von ben Schicksalsschlägen dieses gefähr­lichen Jahres getroffen worden. Das nächste An­recht auf bie Mildtätigkeit haben bie ruinierten Be­wohner bes Ahrtals. Wenn alle Deutschen, die bis­her verschont geblieben sind, eine Kleinigkeit opfern, so kann dem dortigen Elend die Spitze abgebrochen werden. Wer hilft, dem wird geholfen werden. Wer weiß, ob nicht bald in deiner Gegend Verderben ein- kehrl und ihr auch auf Gehör für euren Notschrei rech­nen müßt

Einer für alle und alle für einen! Der Unglücks- fott wird zum Segensauell, wenn er die Menschen zum Wohltun antreibt und die Brüderlichkeit fördert.

„Wo Liebe, da Frieden". Gibt es auf Erden nicht schon Gefahren, Sorgen, Not unb Jammer ge- nug? Mühen bie Menschen sich untereinanber noch zanken unb befehben, um bie Unbehaglichkeit auf Erben noch weiter zu steigern? Eine ernste Bitte um Besonnenheit unb Frieben ist wahrlich jetzt am Platze angesichts ber übermäßigen Erregung, die sich an bie Enzyklika geknüpft hat. Einesteils ist es ein Aus- fluf; ber Zeitkrankheit, ber Nervosität. Viele Leute sinb so empfinblich, baß ein kräftiges Wort von einem Andersdenkenden sie sofort aus bem Gleichgewicht bringt. Dabei sinb biese „Gmpfinbfamen" ihrerseits gar nicht abgeneigt, recht kräftige Worte über ihre (Segner loszulassen Was sie selber sagen, ist ein „freimütiges: Zeugnis"; was sie zu hören bekommen, erklären sie ftir eine „unerhörte Beleidigung und Her­ausforderung". Doch sind solche Nervöse noch nicht die schlunmsten. Daneben stehen bie Hinterlistigen, bie im Trüben fischen wollen. Sie reben in ben sal­bungsvollsten Tönen vom Frieben, ber um keinen Preis angetastet werben dürfe, unb dabei freuen sie ’dfi im stillen, daß sie einen neuen Stoff zur Aus»

Deutsches Reich.

* lieber Dornburgs Wirken schreiben die „Zeit- fragen": „Er, der um eines üblen Vertrages willen

Unpolitische Zeitlause

(N.) Berlin, 9. Juni 1910.

(Nachdruck verboten.)

Wenn man an einem heißen Nachmittag von der trockenen Erde aufwärts blickt in die klare Lust bis zum blauen Himmel, kann man sich da denken, daß über uns eine ungeheure Wassermenge schwebt? Kein Wölkchen, keine Spur von Nebel oder irgend eine Feuchtigkeit; nichts zu spüren, als Hitze und Dürre. Aber nun setzt ein Wind ein; es bildet sich ein Ge­witter, der ftare Himmel ist von Wolken verschleiert; es blitzt, donnert und gießt aus der Höhe wie mit Mulden. Eine Wassersflut stürzt herunter aus ber Luft, bie vor wenigen Minuten noch ausgebörrt aus­sah. Als wäre bort oben ein unerschöpflicher Behäl­ter In meiner Gegenb hat man am Dienstag Abenb eine Regenhöhe von 41 Millimeter gemessen, bie nicht einmal eine Stunbe zum Niebergehen gebraucht hatte. Man benke: wenn überall eine Schicht Wasser von 4 Zentimeter nicbergeht. so kommt auf ein Fleckchen von 5 Meter Länge unb 5 Meter Breite schon ein Kubikmeter Wasser. Auf ein Feld von einem Hektar 400 Kubikmeter ober — wie ber Bayer rechnen würbe der Inhalt von 4000 Bierfässern. Das gibt natürlich Überschwarnte JBege unb Straßen, Ausspülungen cn abhängigen Stellen, Verkehrssperrungen an tief ge­legenen Punften. Wir sprechen von einem „Wolken­bruch". als ob ba erst eine bicke, schwarze Regenwolke herangelrieben unb in ber Mitte durchgebrochen wor-

,2et große Wassersack ist aber nicht von aus- f*x„L9r-°Innlcn'Jonbern war schon vorher ba in ber IT^Unbe<m^ ^llen, trockenen Warme. Die SfcT q Nasser schwebte schon damals in der ftetfcen Luft über unseren Köpfen- Bekanntlich kann d e Lust um so mehr Gasser auffaugen, je heißer sie

Lä6hlBr(lln9 bcr Lust ein, so kann sie mehr halten. Daher schlägt ^,Wmter das Fenster mit Waffertröpfchen, indem die

Zsmmerluft beim Vorbeistteichen an der kalten Vcbeibe einen Teil lyres Wassergehalts fahren läßt. :