Zuldaer W Zeitung
3 Parzrller in Fulda. woch-ibMr-- „Illustrierte Sonniagrzeitung"
Monatrbellagt! „Fuldaer Geschichtsblätter"
Fulda, Samstag den 18. Juni 1910
Erstes Blatt.
37. Jahrgang
m 137.
Verantw. Redakteurr Lartz Schutte;
«rschetttt täglich mit Aurnahme der $o<nt« nnd Feiertage. Viertel, jährlicher vezugsprek ohne vringerloh« und vesteLgelb in Fulda f o- »ieamwärtrlLVM.
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Deutsches Keich.
** Abg. Schmidt-Warburg f.
Schon wieder haben die Zentrumsfraktionen des Reichstags und Landtags den Verlust eines alten und bewährten Mitgliedes zu beklagen. Geheimer Justizrat Landgerichtsrat Otto Schmidt, Vertreter deS Wahlkreises Warburg-Höxter im Reichstag und im Abgeordnetenhaus seit 1893 bezw. 1883, ist, wie schon telegraphisch gemeldet, Freitag früh infolge eines Herzleidens, das schon seit einigen Jahren seine Gesundheit stark beeinträchtigte, gestorben.
Schmidt zählte zu den eifrigsten und sympathischsten Mitgliedern der Berliner Parlamente und genoß auch bei anderen Parteien hohes Ansehen und allseitige Beliebtheit. An Sitzungen der Straf« Prozeßkommission hat er noch bis vor wenigen Tagen mit großem Eifer teilgenommen. Dem Nachruf, den die „®etm." dem Verewigten widmet, entnehmen wir:
Nicht minder beklagen die Katholiken in Berlin den Heimgang eines treuen Sohnes der katholischen Kirche, der auch als Mitglied des Kirchenvorstandes und des Gesamlverbandes der katholischen Pfarreien von Groß-Berlin fein reiches Wissen und feine eifrige Tätigkeit in den Dienst der katholischen Sache stellte. Seinen Bemühungen ist es u. a. auch mitzuverdanken, daß die katholischen Fürsorgrzöglinge aus Berlin in katholischen Anstalten untergebrachl und erzogen werden. Als die Zenlrumsorganisalion für Berlin und Umgegend gegründet wurde, trat der nun verewigte Abg. Schmidt-Warburg als erster Vorsitzender an die Spitze des Zentralausschufles. Geboren als ein Sohn der roten Erde in Paderborn am 15. Juni 1842, hat der Verewigte seine westfälische Kernnatur nie verleugnet, wenn er auch mit seinen Ellern schon in der Jugend nach Berlin übersiedelte und seitdem in Berlin verblieben ist. Sein elterliches Haus bildete damals einen Anziehungspunkt namentlich für die katholische Gesellschaft von Berlin, besonders Frau Geheimrat Schmidt zeichnete sich nicht nur durch Gast- freuudschast, sondern auch durch eine eifrige Tätigkeit au| dein Gebiete der christlichen Charilas aus. Ter nun verewigte Abg. Schmidt-Warburg hat dieses Erdteil der Muller neu behüiel und reichlich ve,mehrt. Auch als Parlamenlarier Hal er sich mit unablchsigem Eifer der sozialen und charilaliven Aufgaben angenommen, in letzter Zeit insbe'andere der Fürsvrge- erziebuna. Außeidem war er rn den Parlamenten
+ LandtagSschlrrtz.
Der Landtag hat in seiner zu End« gegangenen Tagung einen außerordentlich reichen Arbettsstoff erledigt.
Außer dem Etat, der natürlich den größten Teil der Zeit beanspruchte, sind von wichtigeren Gesetzesvorlagen folgende verabschiedet wordmy Die Sckundärbahnvorlage, die BewAigung weiterer Staatsmittel zur Verbesserung der WohnungSverhält» nisse von staatlichen Arbeitern und Beamten, das Gerichtskostengesetz, die Gebühvenordnung für Notare, die Novelle betteffend Gewährung von Zwischenkredtt Lei RentenWtsgründungen, die Gesetze betreffend hie Reisekosten der Staatsbeamten, die Vermeidung von Doppelbesteuerungen, ländliche Fortbildungsschulen in Schlesien, bett, das Staatsschuldbuch, den Woh- stungSgel^uschuß und MietSentschädtgungen, die öffentlichen FeuerverflcherungSanstalten, daS Höferecht -ist Schaumburg, die Erhöhung der Kwndotation, der MtaatSverttag zwischen Preußen und Elsaß-Lothrin- gen zur Regelung der Lotterleverhältniffe und eine Reih« von Gesetzen über die Erweiterung verschiedener Stadtkreise. DaS Abgeordnetenhaus hat außerdem fast alle eingebrachten Jnttiatt vanträge »eraten und den größten Teil der Petitionen erledigt. Folgende Interpellationen wurdm Verhandelt: über die Maßregelungen in Kattowitz, über angebliche Beamtenmaßregelungen in Posen, über dm Arbeitsnachweis im Ruhrrevier, über die DorromäuS-Enzhklika. Wenn ttotz dieser reichen Arbeit unter den Abgeordneten selbst keine rechtt Befriedigung über diese Session aufkommen kann, so ist dies ideShalb, weil die wichtigste Aufgabe, auf die bereit» eine außerordentliche Arbeit verwandt worden war, nicht zu einem gedeihlichen Abschluß gebracht werdm tonnte:: Die Wahlrechtsreform.
Von wichtigeren Vorlagen blieben folgende unerleb i gt: der ländliche Fortbildungsschulzwang in fünf weiteren Provinzen und den Hohenzollernschm Landen, daS Straßenreinigungsgeseh, die Wegeord- nung für Ostpreußen und die Rheinische Landge- meindeordnung. Diese 4 Vorlagen sind zufälligerweise alle die, welche zuerst dem Herrenhause zugegangen sind, und zwar die drei letzgenannten bereits am 3., 16 März und 23. April. Das Herrenhaus hat häufig Klage darüber geführt, daß es nicht mit dem Abge- vrdnetenhause gleich behandelt werde, insofern selten oder niemals wichtiger: Vorlagen zuerst ihm zur Beratung überwiesen würden. Die Erfahrungm dieser Session sind vielleicht nicht danach angetan, jenem Wunsche mehr Berücksichtigung zu verschaffen.
Die zu Ende gegangene Tagung" des Abgeordnetenhauses weist auch eine Reihe politisch bedeutsamer Momente auf. Der Beginn stand unter dem Zeichm der durch die Kämpfe um die R r i ch S f i n an z r «- fo,rm heroorgerufenen Bewegung. Der Kampf um die Wahlrechtsreform verschärfte die zwischen der Rechten und der Linken bestehende Spannung. Der Versuch, das alte Kartell mit der Tendenz der A u s- s ch a 11 u n g des Zentrums zu erneuern, erlitt ein klägliches Fiasko Die Nationalliberalen und die Sozialdemokraten nahmen liebevoll auf einander Rücksicht, sodaß von einer Großblocktendenz wohl gesprochen werden kann. Die Haltung der Regierung ließ mit genügender Deutlichkeit erlernten, daß mittelparteiliche und speziell nationalliberale Einflüsse zum mindesten ebenso stark wirksam sind als konserva- tife Machtfaktoren.
Die politische Entwicklung in Preußen ist noch im Fluß begriffen und scheut vor definittven Entscheidungen zurück Der Ausgang der nächsten Reichstagswahlen dürfte auch in Preußen den nächsten Anstoß zur Herausbildung fester politischer Machtfaktoren geben.
besonder» an denjenigen Arbeiten beteiligt, die juristisch« Kragen bettafen. Sett 1865 stand er im Staatsdienst. Im Jahre 1869 wurde er GerichtS- affessor, 1871 Kreisrichter in Karthaus bei Danzig, feit 1874 wirkt« er in Berlin al» Stadtrichter und seit 1879 alS Landrichter und später a!S Lanvgerichtsrat. Im vorigen Jahr« wurde er mit dem Xitel eines Geheimen Justizraüs ausgezeichnet. Auch als juristischer Schrift- steiler hat sich der verewigte Abg. Schmidt-Warburg einen angesehenen Namen verschafft, u. a. durch die BuSgave der Zivilprozeßordnung mit einem vor- ichen Kommentar. Im letzten Jahre erlebte er die yrend«, einen Sohn zum Priester geweiht zu sehen. Ein braver Mann, rin treuer Katholik und em bewährter Parlamentarier ist in ihm dahingegangen. Sein Andenken wttd allezeit in Ehren bleiben. B. L P.
Der von dem Abg. Schmidt verttetene Wahlkreis ist ficherer Zentrumsbesitz.
Die Reichstagsstichwahl in Usedom-Wollin.
W. Swirmnündr, 17. Juni 1910. Bei der Reichs- tagsstichwahl im Wahlkreise Ueckermünde-Usedom- Wollin routben bis 10 Uhr abends gezählt: für v. Böhlendorfs (lonf.) 9456 und für Kuntze (S.) 10158 Stimmen. Die Ergebnisse aus einigen Ortschaften stehen noch aus, sie dürften jedoch an dem Resultat nichts finbetn.
Bei der Ersatzwahl für den bei einer Ballonfahrt verunglückten freisinnigen Abg. Delbrück wurdm am 9. Juni in der Hauptwahl abgegeben für v. Böhlendorff 6065, Herrendörfer (fortschr. Vp.) 4299 und Kuntze 7737 Stimmen. Die fortschrittliche Volkspartei hatte für die Stichwahl ihren Anhängern die Entscheidung zwischen rechts und links überlassen und damit den Sozialdemokraten den Wahl- krerS auSgeliesert.
% Berlin, 17. Juni 1910. Der Kaiser nahm heute vormittag im Neuen Palais die Vorträge deS Ministers der öffentlichen Arbeiten v. Breitenbach und des Chefs des Zivilkabinetts v. Valenlini entgegen. — Die Kaiserin wird sich am Sonntag nach Hamburg begeben, um dem Horner Rennen beizuwohnen. — Das Kronprinzenpaar ist in Kiel eingelroffen. — DaS Staatsministerium ist am Freitag zu einer Sitzung zusammengetreten.
** Das Befinden des Kaisers. Die Unpäßlichkeit des Kaiser-, die bekanntlich in einem Erguß im Knie besteht, verläuft nach den bisherigen Meldungen erfreulicherweise vollkommen normal. Irgendwelche Komplikationen haben sich nicht eingestellt, indessen kann der Heilungsprozeß doch im ganzen eine Woche in Anspruch nehmen. Deshalb ist es fraglich, ob der Kaiser imstande sein wird, am ersten Teile der Kieler Woche teilzunehmen.
* Gegen die französische Zolltarisrevifion wird die deutsche Regierung Geger maßregeln treffen, da diese Revision den deutschen Einnahmen in zwei Monaten 14 Millionen Mark Verlust gebracht hat. Bekanntlich sind bei der Finanzreform die Zollsätze auf Schaumwein auf 180 Mk., für Liköre auf 350 Mk., für anderen Branntwein auf 275 Mk. und für branntroein» haltige Riechstoffe, Parfümerien, Schönheitsmittel usw. aus 400 Mk. festgesetzt worden. Der Bundesrat wurde ermächtigt, die Sätze um je 50 Mk. herabzusetzen. Er hat nun in Rücksicht auf die Mindereinnahmen von dieser Ermächtigung mit Wirkung vom 1. Juli ab Gebrauch gemacht.
s. Die Strafprozesikommiffion des Reichstags, die in ihrer letzten Sitzung die Beratung über den Abschnitt: Ermittlungsverfahren zu Ende geführt hat, beschäftigte sich am Freitag mit dem Abschnitt: Voruntersuchung. Die Regierungsvorlage, die Zustimmung sand, be- stimmt, daß die Voruntersuchung von der Staatsanwaltschaft in allen Sachen zu beantragen ist, die vor dem Reichsgericht oder dem Schwurgerichten zu verhandeln sind. Das Zentrum, von dem Gedanken geleitet, die eigentliche Untersuchung in zweifelhaften Fällen möglichst abzuwenden, setzte durch, daß die Beantragung der Voruntersuchung auch bei Landgerichtssachen zu erfolgen hat, sobald es sich um Verbrechen Han- beit. Die Sitzung wurde abgebrochen wegen des Ablebens des Mitgliedes Abg. Schmidt-Warburg (Zentr.), dem der Vorsitzende einen warmen Nachruf widmete.
s. Die Leistungen der Krankenkassen bildeten auch am Freitag noch den Gegenstand der Verhandlungen der Versicherungstommission des Reichstages. Das Bezugsrecht aus Sterbegeld, welches mindestens 50 Mark beträgt, wurde auch den Geschwistern zugestanden. Ein sozialdemokratischer Antrag wollte den Versicherten, die wegen Erwerbslosigkeit aus» scheiden, größere Rechte an die Kasse gewähren. Dieser Antrag, der die Krankenkasse gewissermaßen zu einer Ersatzanstalt für die Arbeitslosenversicherung machen würde, fand Wiversprnch und wurde abgelehnt. Schließlich wurden jene Paragraphen erledigt, die ein Ruhen der Ansprüche für die Zeit der Verbüßung einer Freiheitsstrafe und die Ablösung der Ansprüche bei der Auswanderung anordnen.
)( Sonderbare Krankheit. Abg. Müller- Sag an, der eine zeitlang alle Aussicht hatte, Nachfolger Eugen Richters in der Führung der Freisinnigen Volkspartei zu werden, zieht sich verärgert in's Privatleben zurück. Ein Berliner demokratisches Blatt, das Fühlung zu freisinnigen Kreisen hat, bestreitet, daß wirkliche „Gesundheitsrücksichten" diesen Rücktritt veranlaßt hätten. Es behauptet vielmehr:
„Eingeweihte wissen, daß Müller-Sagan feit der Blockpolitik sehr unzusrieven mit der eigenen Partei ist. Er hat den Rea, tsabmarsch des Freisinns aus's tiefste beklagt und mit allen Mitteln zu hindern versucht. Vergebens. Trübe blickt er in die Zukunft. Er erwartet von den nächsten Reichstaaswahlen euie
schwere Niederlag « seiner Partei. Seine Mahnungen zu triftigerer Opposition sind auf unfruchtbaren Boden gefallen. So sieht er keine Rettung mehr und zieht sich zurück."
Zu verwundern ist das nicht. Der Freisinn Hai seit der Blockära jede freisinnige Regung von sich abgestreist und ist zu einer kulturkämpfe- rischen Börsenschutztruppe herabgesunken. Daß da wahrhaft liberale Manner nicht mehr mittun können, dafür ist allerdings nicht bloß Dr. Müller-
Sagan ein Beweis.
* Ein neuer Orden. Es gibt noch nicht genug Orden. Wie aus Detmold gemeldet wird, hat der Fürst zu Lippe einen neuen Orden für Damen gestiftet, der den Namen „Berta-Orden" führt. Als erste erhielt diesen Orden die Prinzessin Karola
zur Lippe.
)( Aus Deutschostafrika meldet der stellvertretende Gouverneur, daß die anfangs Mai in der Landschaft Südojunk» ausgebrochenen Unruhen infolge des Erscheinens einer Schutziruppe auf ein kleines Gebiet beschränkt geblieben seien und ihr Ende gefunden hätten. ____________________
Ausland.
* Die Beschuldigungen gegen die christlich- sozialen Parteiführer in Oesterreich, die der Stadtrat Graba in einer öffentlichen Versammlung ausgestoßen hatte, indem er ihnen Bestechlichkeit und sonstige schmutzige Geldgeschäfte im Amt nachsagte, sind jetzt vor Gericht als v o l l k o m m e n unwahr festgestellt worden. Graba nahm in der Gerichtsverhandlung mit einer umfassenden Ehrenerklärung sämtliche Anschuldigungen zurück, worauf die Klage gegen ihn zurückgezogen wurde.
* Der VII. allgemeine österre-chische Katholikentag, der im Vorjahre in Wien geplant war, aber infolge nationaler Schwierigkeiten nicht stattfinden konnte, wird nunmehr vom 9. bis 11. September in Innsbruck abgehalten werden. Bestellungen auf Karten sind nach Innsbruck, Akademikerhans, zu richten. Erfreulicherweise ist diesmal ein volles Einvernehmen der Vertreter der verschiedenen Nationalitäten erzielt worden, und es sind auch demgemäß alle Völker unter den Unterzeichnern des Aufrufes vertreten.
♦ Zwischen den englischen Parteiführern fand eine Besprechung über die Oberhaussrage statt, wobei man sich auf eine förmliche Konferenz zwischen den Vertretern beider Parteien geeinigt hat. Die erste Sitzung soll in der nächsten Woche abgehalten werden.
* Auf russische Polizei-Beamte sind gestern zwei Attentate verübt worden. In Radom wurde der Gendarmcrie - Oberst Wonfiatski in seinem Bureau durch einen Polizei - Agenten er- schoffcn. Der Mörder und sein MitschulDiger verübten am Tatorte Selbstmord. — Auf der Station Grodlsk der Wiener Bahn wurde auf Den Chef Der Landespolizei und 5 ihn begleitende Gendarmen eine Bombe geworfen, durch die ein Gendarm getötet wurde; 3 Gendarmen wurden schwer unD der Chef leicht verletzt. Ter Täter, der ebenfalls schwere Verletzungen davongelragen hat, wurde festgenommen.
** Die Königin von Rumänien, die bekannte Dichterin Carmen Syiva, ist an einem leichten Anfall von Blinddarmentzündung erlrankt.
5 In der Kretapolitik revidiert England seine einseitig griechensreundliche Haltung. Im englischen Unterhaus erklärte Sir Edward Grey, eine neue definitive Lösung der kretischen Frage ohne Zuziehung Der Türkei sei unmöglich und insbesondere müßten dir Mächte daraus sehen, daß Der status quo aus Kreta ausrecht erhalten unö nicht durch die Kreter in einer Weis« geändert werde, die für die Türkei als die snzeräne Macht verletzend oder schädlich sein tonnte. Mit dem status quo ist niemanden geholfen; weder der Türkei, die eine enbgiltige Regelung verlangt, noch Griechenland, das sich um feine sicher geglaubte Beule für einstweilen, vielleicht für immer betrogen sieht. Die Zeche begleichen wird König Georg von Griechenland, der durch diesen Mißerfolg die letzten Sympathien seiner Hellenen verloren hat. Auf seiner Rückkehr nach Griechenland wußte er sich von seinen M-nistern zwingen lassen, still wie ein Verbrecher sein Schloß zu betreten. Hoffentlich wirft er klugerweise noch rechtzeitig diesem türkischen, verlogenen Volk den Krempel von Thron vor die Füße, ehe ihm schlimmeres von feinen „geliebten Untertanen" begegnet. — Die Hilflosigkeit der Schutzmächte äußert sich in Verdächtigungen gegen Deutschland und Oesterreich- Ungarn, die ihre Hilfe bei dem Friedenswerk versagt hätten, indem sie eine Beteiligung an den Verhandlungen der Kabinette ablehnten. Das werde man sich in Konstanlmpel und Athen merken müssen. Auf diesen Schwindel, dem selbst von Sir Edward Grey im englischen Parlament Vorschub geleistet wurde — nur daß Sir Edward die Schuld Der deutschen Presse zuschob — fielen nicht einmal unabhängige englische Blätter hinein.
* Der griechische Nebermut kennt keine Gren- zen. Kaum ist der Zwischenfall im Piräus erledigt, und schon kommt die Kunde von einem neuen griechischen Uebergiiff, der in dieser Zeit der Kreta-Krisis die ernstesten Folgen haben kann. Die türkische MUilär - Behörde in Elaffona mel- bet, daß eine 30 Mann starke, von einem Offizier geführte griechische Bande, welche zwei mit Munition beladene Tragtiere mit sich führte, tue Grenze überschritten hat. Zu ihrer Verfolgung ist Militär abgegangen.
Die Enzyklika.
X Interessante „Enthülluugen" gingen dieser Tage burd; die liberalen Blätter. Da las man.
bie Idee der Enzyklika sei nicht „in Rom", sondern in Deutschland entstanden, und zwar auf Anregung der „Gruppe Roeren", bie int Gegensatz zu der mehr sozial gerichteten Kölnischen Gruppe den konfessionellen Charakter des Zentrmn besonders scharf betont wissen wolle. Der Inhalt der Enzyklika sei bereits vier Wochen vor ihrem Erlaß den Herren der katholischen /Berliner Richtung' bekannt gewesen. Den Mittelsmann habe der Nuntius Frühwirth gespielt. Demgegenüber veröffentlicht Nuntius Frühwirth im .Bayerischen Kurier' eine längere Erklärung.
Er protestiert energisch gegen derartige Märchen und erklärt, daß er nichts von der Existenz der Enzyklika gewußt habe, bis er sie zum erstenmal« in der Veröffentlichung des .Osservatore Romano' zu Gesicht bekommen. Man sollte wissen, daß der Heilige Stuhl die Nuntien weder zu befragen pflege noch ihr Gutachten einholt, ob eine Enzyklika opportun sei oder nicht. Die Nuntien sind nicht die Berichterstatter deS Papstes, sondern die Vollzugsorgane für seine Auorde. nnngen. Was auch behauptet werden mag, sicher ist, daß im gegenwärtigen Falle der Nuntius weder direkt noch indirekt einen Rat gegeben ober etwas gewußt hat von einer Enzyklika, bevor sie erschienen war. Und so gut dies für mich zutrifft, ebenso bin ich auch überzeugt, daß niemanden in Deutschland, weder Geistlichen noch Laien, etwas von dem Rundschreiben bekannt war und ebenso ist eS ausgeschlossen, daß irgend wer in Deutschland deren Erscheinen veranlaßt hat. Wie stellt man sich denn so etwas oor? Die Behauptung, er sei der Mittelsmann zwischen dem Vatikan und der kampsbedürftigen Richtung im Zentrum gewesen, nennt der Nuntius einfach eine frivol erfundene Unwahrheit, „erfunden, ich weiß nicht von wem, wohl nur zu dem Zwecke, um Uneinigkeit und Mißtrauen unter die deutschen Katholiken zu säen." Es sei bösartige Bosheit und nichts anderes, zu sagen und zu denken, daß die Enzyklika erlassen worden sei, um den konfessionellen Frieden Deutschlands zu stören. „Daß eine solche Behauptung, der Wahrheit schnurstracks zuwiderläuft, das zu ersehen, genügt der Hinweis auf die klare und loyale Erklärung des heiligen Balers, der mehr als jemand anders den Frieden wünscht."
* Heidelberg, 15. Juni 1910. Eine für Donnerstag einberufene Pro test Versammlung gegen die Borromäus-Enzyklika, in Der ein hiesiger Theo« logieprosefsor sprechen sollte, ist mit Rücksicht auf die ergangene Erklärung des Vatikans wieder abgesagt worden. Das ist einmal eine ver« künftige Absage!
volkswirtschaftliches unö Soziales.
* Der Schiedsspruch für das Baugewerbe wird in manchen Bezirken sowohl durch die Unternehmer wie die Arbeiter nicht anerkannt. Nunmehr wird eine von drei Unparteiischen ausgesetzte, aber von ihnen bis jetzt nicht bekannlgegebene Erklärung mitgeteilt, in der es heißt:
Drohungen, den Schiedsspruch nicht anzuerkennen, widersprechen den abgeschlossenen, von der General- veisammlung genehmigten Vorschlägen. Die 'Ausführung der Drohungen wurde den Bruch dieser Verträge bedeuten, dessen Folgen unabsehbar sein würden. Die Zentralorganisationen sind für die Durchführung der Schiedssprüche moralisch voll ver« aniworilich.
Aus Uirche unö Schule.
W. Nom, 17. Juni 1910. Der Papst empfing eine spanische Pilgerjchar und hielt eine Ansprache, in der er hervorhob, das katholische Spanien stehe keiner Nation in Anhänglichkeit und Liebe zum Heiligen Stuhl und seinem Oberhaupte nach. Er könne den Pilgern nur empfehlen, die reichen Gaben' der Frömmigkeit nnd des Glaubens, die ihnen der Himmel zuteil werden ließ, zu bewahren. Der Papst schloß mit der Ermahnung, zu wachen für die Ver« teibigung der heiligen religiösen Prinzipien und sich dem Unheil, das diesen köstlichen Schatz bedrohe, zu widersetzen.
Lokales.
Fulda, den 18. Juni 1910.
L Ein neuer Schematismus des Bistums Fulda ist kürzlich im Druck erschienen. Er wurde von Herrn Domkapitular Stoff herausgegeben und bringt eine sachliche Beschreibung der Pfarreien der Diözese. Dadurch ist das 300 Seiten starke Buch sehr wertvoll geworden. Der reiche Inhalt ist kurz folgender: Geschichtliches über das Bistum Fulda; Auszug aus der Bulle Provida sol- lersqae; Bulla erectionis Ad Dominici gregis; Rezeption der Bullen seitens der Landesherren; Fundationsurkunde des Kurfürsten Wilhelm II.; Umgrenzung der Diözese Fulda; Reihenfolge der '-lebte und Bischöfe; Papst Pius X., die Oberrheinische Kirchenprovinz, Diözesanbehörden und Institute; bie Dekanate; Gesamlübersicht über bie Pfarreien und Kuratien; alphabetische Uebersicht der Geistlichen nebst beten Stellungen; Verzeichnis der Geistlichen nach der Zeit ihrer Ordination; Klöster und geistliche Genossenschaften nsw.
Die Diözese Fulda ist eingeteilt in 15 Dekanate, 152 Pfarreien und Kuratien mit 203 Seelsorgestellen und 199442 Seelen. Die Zahl der Geist« lich en insgesamt beträgt 232, beurlaubt sind zurzeit 6, im fteiwilligen Ruhestände leben 3. Die größte Seelsorge st eile hat Bockenheim mit 11650 Seelen, dann folgen Fulda (Stadtpfarrei) mit 8500, Fulda (Dompfarrei) mit 7632 Seelen, Kassel (St. Elisabeth) mit 6440, Hanau mit 6281, Großauheim mit 4566, Weimar mit 4426, Kassel (St. Familie) und Orb mit je 3600, Flieden mit 3141 Seelen. Die Gesamtzahl der Katholiken in Fulda ist auf 16 632, die der Residenzstadt Kassel auf 13180 angegeben. Mindestens 1000 Katholiken zählen 64 Seelsorgestellen. Unter 500 Seelen haben 31 Pfarreien oder Kuratien; die klernste Pfarrei beim. Kuratie ist Langenschwarz